Kapital – Verbrechen

Kriterien

 

SENDEMANUSKRIPT

In der Sendung vom 30. Oktober 2006 sprach ich über Kriterien in der wissenschaftlichen Forschung und in der Geschichtsschreibung und auch darüber, wie Gesellschaft und Ideologie hier hineinwirken. Dieses Sendemanuskript wurde für die Internetpublikation leicht erweitert.

 

 

Sendung :

Kapital – Verbrechen

Kriterien

 

Redaktion und Moderation :

Walter Kuhl

 

gesendet auf :

Radio Darmstadt

 

Redaktion :

Alltag und Geschichte

 

gesendet am :

Montag, 30. Oktober 2006, 17.00–18.00 Uhr

 

wiederholt am :

Montag, 30. Oktober 2006, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 31. Oktober 2006, 05.20–06.20 Uhr
Dienstag, 31. Oktober 2006, 11.30–12.30 Uhr

 
 

Besprochene und benutzte Bücher :

  • PISA–Test mit Jörg Pilawa, mentor Verlag
  • Klaus Holzkamp : Theorie und Experiment in der Psychologie, Argument Verlag
  • Rainer Vollkommer : Neue Sternstunden der Archäologie, C.H. Beck
  • Howard Zinn : Eine Geschichte des amerikanischen Volkes, Band 1: Kolonialismus, Rassismus und die Macht des Geldes, Verlag Schwarzerfreitag

 
 

URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_krite.htm

 

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung

Kapitel 2 : Bildungshappen

Kapitel 3 : Experimentalfragen

Kapitel 4 : Sternenhimmel und Textfragmente

Kapitel 5 : Perspektivwechsel

Kapitel 6 : Schluß

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Wer auch immer in welchen Zusammenhängen Entscheidungen treffen will oder muß, benötigt zwei fundamentale Dinge: erstens eine gewisse Ahnung von der Materie und zweitens Kriterien zur Beurteilung. Dies gilt für die Politik genauso wie für die Wissenschaft, für das Wirtschaftsleben genauso wie im privaten Bereich, und selbstverständlich auch für die Recherche bei Radio Darmstadt. Ahnungen an sich sind jedoch meist ein schlechter Ratgeber. Das Leben ist keine spiritistische Sitzung, in dem wir uns von unreflektierten halbgaren Informationen und Einschätzungen leiten lassen sollten. Das Leben ist jedoch genauso wenig wie der Wissenschaftsbetrieb etwas, was im luftleeren, um nicht zusagen: herrschafts- und interessefreien Raum stattfindet. Deshalb benötigen wir eine solide Kenntnis des Gegenstandes und solide erarbeitete Kriterien für unser Urteil.

In meiner heutigen Sendung möchte ich wenig näher auf derartige Kriterien eingehen. Die Redaktion Alltag und Geschichte hatte es sich bei ihrer Gründung vor mehr als acht Jahren auf die Fahnen geschrieben, Menschen zu befähigen, sie zu ermutigen und zu ermuntern, das eigene Schicksal (und manchmal auch das der ganzen Welt) emanzipatorisch in die eigenen Hände zu nehmen. Ohne genaue Kenntnis dessen, was diese Welt im Innersten zusammenhält, ist dies ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Kriterien, diese Welt zu begreifen, sind hierzu unabdingbar.

Ich denke, unsere Redaktion hat diese Zielsetzung recht gut umgesetzt bekommen, auch wenn es eigentlich noch viel, viel mehr zu sagen und zu ändern gäbe. Aber das ist etwas, was nicht nur den Rahmen dieser Sendung, sondern auch die Möglichkeiten dieses Radios weit übersteigen würde.

So möchte ich heute auf einige Kriterien näher eingehen. Die neoliberale Welt mit ihrer permanenten Mobilisierung aller Ressourcen, aller Kräfte und erst recht aller Menschen benötigt nicht nur den Homo Oeconomicus, der an der bestmöglichen Verwertung seiner Selbst interessiert ist. Diese Welt benötigt auch Arbeitskräfte, die ihr Wissen permanent auffrischen, um auch für die Zukunft gerüstet zu sein. Selbstverständlich soll diese Bildung diejenigen möglichst wenig kosten, welche an der Ausbeutung dieser Bildung ein brennendes Interesse haben. Und so ist der Aufschrei nach der ersten PISA–Studie durchaus im Sinne dieser neoliberalen Bildungsköche. Wurde doch festgestellt, daß das deutsche Bildungssystem den Anforderungen bei der totalen Mobilmachung aller Ressourcen global betrachtet ins Hintertreffen geraten ist.

Also müssen die Menschen etwas für ihre Bildung tun, besser gesagt: für eine ganz spezielle limitierte Instant-Halbbildung. Denn es kommt nicht auf das Begreifen von Zusammenhängen an, sondern darauf, auf Knopfdruck die richtigen Antworten abrufen zu können. Günter Jauch führt uns dies regelmäßig mit Wer wird Millionär? vor und auch die anderen Fernsehsender werden nicht müde, das bildungsresistente Publikum zum nützlichen Wissenserwerb zu animieren. Einer dieser Showmaster ist Jörg Pilawa. Ich werde deshalb in meinem heutigen ersten Beitrag das Buch zur PISA–Show vorstellen.

Wesentlich ernsthafter und reflektierter ist das Buch Theorie und Experiment in der Psychologie des 1995 verstorbenen Klaus Holzkamp, auf das ich daran anschließend eingehen werde. Es folgen Neue Sternstunden der Archäologie, zusammengestellt von Rainer Vollkommer und die von ihrem Ansatz her ungewöhnliche und herausfordernde Geschichte des amerikanischen Volkes des US-amerikanischen Historikers Howard Zinn.

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Bildungshappen

Besprechung von : PISA–Test mit Jörg Pilawa, mentor Verlag 2006, 287 Seiten, € 12,95

Als vor über vier Jahrzehnten das Wort vom "Bildungsnotstand" die Schlagzeilen der Republik beherrschte, reflektierte dieser Begriff die Grenzen des Wirtschaftswunders, aber auch die Notwendigkeit einer sozialen Öffnung. Das Bildungswesen der Adenauer–Republik war noch weitgehend der elitären Haltung des Bildungsbürgertums verhaftet, obwohl es sich abzeichnete, daß akademische und intellektuelle Arbeit weit mehr Arbeitskräfte erfordern würden, als sie das Bildungsbürgertum würde liefern können. Mit der Reformbewegung ab Ende der 60er Jahre wurde diese Erkenntnis mit der Öffnung der Gymnasien und Hochschulen auch für Kinder aus der Arbeiterklasse umgesetzt.

Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, werden wiederum die althergebrachten Werte in Frage gestellt. Anders jedoch als vor vierzig Jahren ist es keine an emanzipatorischen Werten orientierte Aufbruchsbewegung, welche den Muff von tausend Jahren beiseite fegen will. Vielmehr erfordert das unhinterfragbare Dogma vom sich optimal selbst verwertenden Homo Oeconomicus eine Rekalibrierung des vorhandenen Bildungssystems.

Während die Konservativen in diesem Land gleichzeitig versuchen, eine wieder an elitären Zielen orientierte Schulausbildung mit flexiblen Anforderungen umzusetzen, zeigt sich im internationalen Vergleich die hoffnungslose Antiquiertheit des überkommenen dreigliedrigen Schulsystems. Mit der ersten PISA–Studie ist ein Schreckgespenst in die deutschen Medien gebracht worden. Auf einmal zeigt sich, daß deutsche Schülerinnen und Schüler im globalen Wettbewerb abgehängt werden. Nun liegt das nicht an den Schülerinnen und Schülern. Es liegt an den veränderten Anforderungen einer durchgeknallten neoliberalen Welt, in der die Menschen sich der betriebswirtschaftlichen Vernutzungslogik zu unterwerfen haben.

Wenn in letzter Zeit zunehmend vom mangelnden Bildungsniveau von Migrantenkindern oder der deutschen Unterschichten die Rede ist, dann zeigt sich hierin nicht etwa die Besorgnis darüber, daß Eltern ihre Kinder vernachlässigen und sie somit um ihre Bildungschancen bringen würden. Nein – in der Abkopplung ganzer sozialer Zusammenhänge spiegelt sich die Misere einer Gesellschaft wider, die Menschen sich selbst überläßt, die nicht mehr benötigt werden. Allerdings geht hiermit einher ein mögliches soziales Pulverfaß, welches mit den Begriffen der klassischen Sozialarbeit und Arbeitsmoral nur schwer zu fassen ist.

Doch auch der Rest der Gesellschaft muß mobilisiert werden. PISA ist in aller Munde. Genaues wissen zwar die meisten nicht, aber es scheint so zu sein, als ob hierzulande irgendwie nicht richtig gelernt werden würde. Und anstatt daraus den Schluß zu ziehen, danach zu fragen, ob es überhaupt richtig ist, Kinder und Jugendliche mit Inhalten, im Zweifelsfall jeder Menge sinnlosen Inhalten vollzustopfen, geht es nur noch darum, die Leistungsschraube steiler anzuziehen. Heraus kommen sollen und werden Bildungsautistinnen und –autisten, die keine Zusammenhänge mehr begreifen, aber dafür nützliches abrufbares Wissen gespeichert haben. Allerdings bedarf dieses Wissen regelmäßiger Updates. Das Stichwort vom lebenslangen Lernen zeigt uns die Perspektive dieser Orientierung: nämlich den Lernknast für alle.

Was tun, fragte sich die Politik. Selbstverständlich kommt sie nicht auf die Idee, junge Menschen mit selbstbestimmter Verantwortung und Eigeninitiative auszustatten. Nein, sie mißtraut ihnen. In Hamburg sollen in einem eigenem Register die Daten aller Schülerinnen und Schüler erfaßt werden, und zwar nicht nur Wohnort und Schule, sondern auch eine detaillierte Abfrage des sozialen Umfeldes, um hieraus Sozialprognosen abzuleiten. Mag sein, daß das Beispiel Hamburg eher ein anfängerhafter Feldversuch ist. [1]

Die Kultusministerkonferenz denkt hier schon in ganz anderen orwellschen Bahnen. Alle Kinder dieser Republik sollen danach erfaßt, katalogisiert, sortiert und kontrolliert werden. Was mit der schamlosen Datensammelwut bei Anträgen für das Arbeitslosengeld II begonnen hat, wird hier folgerichtig fortgeführt. Die hieraus resultierenden Sozialprognosen bringen nicht bessere Schulen oder gar bessere Schülerinnen und Schüler hervor, sondern eine zeitgemäße Kontrolle sozial abweichenden Verhaltens. [2]

Buchcover PISA-Test mit Jörg PilawaDa können wir doch froh sein, wenn unsere audiovisuellen Medien schon ganz freiwillig den Trend der Zeit erkannt haben und uns fleißig auf unsere Bildungslücken abklopfen. Günter Jauch serviert uns Bildung im Multiple Choice–Format und wir dürfen dann darüber grübeln, ob ein Videoformat aus den 70er Jahren nun Betamax oder Gammamoritz geheißen hat. Solch wesentliche Informationslücken zu schließen, ist natürlich ein wichtiges Anliegen. Etwas ausgereifter, weil immerhin mit etwas Denkanstrengung verbunden, ist die PISA–Show mit Jörg Pilawa. Hier können wir immerhin noch darüber grübeln, was geschieht, wenn wir einen Besen rechts und links anfassen und dann die Finger in die Mitte bewegen.

Selbstredend werden die wichtigen sozialen und politischen Fragen in solchen Tests und Veranstaltungen ausgeklammert. Oder fragt uns hier jemand, wieviele Millionäre in diesem Land wieviele Steuergeschenke bekommen haben? Oder was uns das Töten anderer Menschen mit einer High Tech–Armee kostet? Oder was die KSK Spezialkräfte der Bundeswehr in Afghanistan im Geheimen unternehmen? Oder warum Doping nicht nur für die Pharmaindustrie gut ist, sondern auch für das Herstellen von Gammelfleisch? Nein, nein, das wäre ja nicht publikumsgerecht.

Kommen wir deshalb auf Jörg Pilawa zurück. Mit dem Buch zur Sendereihe fordert der mentor Verlag zu Herbstbeginn auf 287 Seiten unser Denkvermögen heraus oder bringt – wie es in der zugehörigen Presseinformation heißt – "die Nation auf Trab" [1a]. Denn wir sind ja alle denkfaul und müssen so richtig motiviert werden, unser brachliegendes Wissenskapital zu aktivieren.

Ohne ein gewisses Grundlagenwissen geht es hier nicht und die Beherrschung des Dreisatzes ist ganz sicherlich kein Fehler. Nun mag es sein, daß Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse, die inzwischen PISA–Test erfahren sind, mit derartigen Aufgaben kein Problem haben. Wer sich mit ein bißchen Gehirnknobelei die Zeit vertreiben und nebenher noch ein wenig Alltagswissen mitnehmen möchte, für den oder die ist das Buch zur Sendereihe sicherlich nicht verkehrt.

Aber wer glaubt, daß damit die Republik im nächsten PISA–Test besser abschneidet, wird sich gewiß irren. Denn die PISA–Tests messen nicht das Wissen, welches eine emanzipierte und aufgeklärte Gesellschaft benötigt, sondern messen nach, ob die Schülerinnen und Schüler einen Wissenskanon angehäuft haben, der es ihnen ermöglicht, gedanklich frisch den nächsten flexiblen Wissenshappen zu ergattern.

Der PISA–Test mit Jörg Pilawa ist im mentor Verlag zum Preis von 12 Euro 95 erhältlich.

 

Experimentalfragen

Besprechung von : Klaus Holzkamp – Theorie und Experiment in der Psychologie, Argument Verlag 2005, 338 Seiten, € 33,00

Ungemein anspruchsvoll ist das Buch Theorie und Experiment in der Psychologie von Klaus Holzkamp. Der 1995 verstorbene Autor ist in den 60er Jahren Begründer der sogenannten Kritischen Psychologie gewesen. Das Kritische an dieser Psychologie weist auf einen entscheidenden Mangel hin. Die hierbei kritisierte Psychologie – und das ist die, die auch heute noch an deutschen Universitäten gelehrt wird – klammert die gesellschaftlichen und sozialen Prozesse weitgehend aus, die aus den Menschen überhaupt psychologisch zu erforschende und zu behandelnde Wesen macht. Um dies zu verstehen, bedarf es einer Positionierung zur gegebenen Gesellschaft. Die Kritische Psychologie geht deshalb davon aus, daß es nicht innere Defekte der Menschen selbst sind, die zu psychischen Problemen führen, sondern daß psychische Probleme in der Regel gesellschaftlich verursacht worden sind.

Wenn wir uns einmal umschauen und uns fragen, woher die allenthalben konstatierte Zunahme psychischer Probleme kommt, dann können wir uns sehr gut vorstellen, daß die permanente Mobilisierung und Leistungsabforderung, daß der immense psychische Druck am Arbeitsplatz, in der Schule, an der Universität, aber auch im ganz normalen Alltag uns sicherlich nicht gut tut. Es sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die uns krank machen, und es sind Verhältnisse, die sich auf ihren profitablen Punkt bringen lassen.

Doch bevor Klaus Holzkamp seine Erkenntnisse in den 70er, 80er und 90er Jahren sammelte, war er noch dem normalen bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb verhaftet. Er war zwar unzufrieden mit seiner Situation als Wissenschaftler, er spürte, daß das, was er selbst als Hochschullehrer forschte und lehrte, irgendwie nicht ausreichte, aber erst mit der entstehenden Studentenbewegung fand er mit der marxistischen Gesellschaftstheorie den Zugang zu den Antworten auf seine Fragen.

Buchcover Klaus HolzkampIn seiner 1963 vorgelegten Habilitationsschrift versuchte der Autor, der Unzulänglichkeit und Widersprüchlichkeit experimenteller Forschung auf den Grund zu gehen. Als zweiten Schritt plante Klaus Holzkamp, ein Buch herauszubringen, welches – noch systemimmanent – Wege aufzeigen sollte, die erkannten Mängel der psychologischen Experimente zu beseitigen. Die Entdeckung des Marxismus zeigte ihm später, daß dies nicht möglich ist. Doch soweit war er noch nicht, als er seine Habilitationsschrift 1964 unter dem Titel Theorie und Experiment in der Psychologie veröffentlichte.

Es handelt sich hierbei um ein Werk, das nicht einfach zu lesen ist, dafür aber grundlegende Kriterien vermittelt, wie nicht nur psychologische Experimente zu bewerten sind. Auch wenn der Autor kein eigenes Werk mehr vorgelegt hat, aus dem er sozusagen positiv betrachtet Schlüsse gezogen hat, mit welchen Forschungsmethoden zukünftig sauber gearbeitet werden kann, so ist die vorliegende Studie in ihrer Kritik althergebrachter Forschungsmethoden fundamental. Im Nachwort zur zweiten Auflage 1981 weist Klaus Holzkamp deshalb auch darauf hin, daß sich an der Misere psychologischer Forschung und der damit verbundenen Experimente nichts wesentliches geändert habe.

Für den Autor ist die Fragestellung zentral, ob ein psychologisches Experiment tatsächlich das untersucht, was als Forschungsziel definiert wird. Oder anders gesagt: Findet sich eine zu prüfende Theorie tatsächlich in der Versuchsanordnung und in der Interpretation der daraus resultierenden Ergebnisse wieder? Man und frau sollte denken, daß dies eigentlich eine ganz normale wissenschaftliche Routinetätigkeit sein sollte. Wie Klaus Holzkamp anhand einer Vielzahl von Beispielen aufzeigen kann, ist dem jedoch nicht so. Es wird zwar viel von statistisch signifikanten Resultaten geschrieben und gesprochen, doch entscheidend ist nicht das Jonglieren mit Zahlen, sondern die Genauigkeit der Versuchsanordnung. Und hierbei kommt es schon bei der Formulierung des Forschungsziels auf die Genauigkeit der Begriffsbestimmung an. Bemerkenswert ist hierbei die Einsicht, daß den bloßen statistischen Zahlen überhaupt nicht anzusehen ist, für welche experimentell zu bestätigende Theorie sie eigentlich repräsentativ sind:

Es gibt in den empirischen Daten selbst keine Anhaltspunkte, aus denen man ersehen könnte, wie diese Daten »theoretisch« gedeutet werden müssen. Der Umstand der unbegrenzten Vieldeutigkeit der empirischen Daten wird lediglich deswegen häufig übersehen, weil man zur »theoretischen« Deutung der Daten von vornherein nur eine Annahme oder wenige Annahmen zulässt. [3]

Wir sollten uns zudem immer vergegenwärtigen, daß experimentelle Forschung nicht im herrschaftsfreien Raum stattfindet. Geldgeber haben ein ganz klar materielles Interesse an Ergebnissen, und sie finanzieren in der Regel deshalb auch nur Forschungen, die profitabel verwertbare Ergebnisse erwarten lassen. Entsprechend eingeengt ist der Forschungsfokus. Im Grunde genommen läuft es darauf hinaus, daß das, was als Ergebnis gewünscht wird, auch als Ergebnis erscheint. Es kommt dann eben nur darauf an, die Versuchsanordnung entsprechend "wissenschaftlich" zu gestalten. Gerade im Bereich der Sozialwissenschaften ist dies ein gängiges Verfahren.

Klaus Holzkamps Erkenntnisse in seinem Buch über Theorie und Experiment in der Psychologie ist deshalb durchaus auch auf andere sozial– oder wirtschaftswissenschaftliche Forschungen zu übertragen. Denn die Grundaussagen sind erst einmal nicht spezifisch für die psychologische Forschung selbst. So ist es eine beliebte und durchaus auch notwendige wissenschaftliche Methode, störende Einflüsse aus dem wissenschaftliche Experiment herauszufiltern. Hierbei gilt es jedoch zu entscheiden, ob das, was als störend angesehen wird, tatsächlich stört oder ob es nicht Beleg dafür ist, daß die Forschungshypothese nicht stimmt.

So erklärt uns beispielsweise die neoliberale Wirtschaftswissenschaft, daß die gesammelten Weisheiten ihrer Wirtschaftstheorie in der Praxis nur deshalb nicht zum Vorschein kommen, weil der Markt unvollkommen entwickelt sei. Hier wird davon abstrahiert, daß der vielgelobte Markt in Wahrheit ohne die störenden Elemente gar nicht funktionieren könnte. Eine marktwirtschaftliche Rohstoffversorgung kommt ohne militärische Gewalt nicht aus, ein marktkonformer Arbeitsmarkt nicht ohne Arbeitsgesetzgebung und passend ausgebildete Arbeitskräfte, die mittels PISA–Studien ausgeforscht und ausgehorcht werden.

Würde nur der Markt alle gesellschaftlichen Transaktionen regeln, wäre der Kapitalismus an seinem systemimmanenten Autismus schon vor 500 Jahren zugrunde gegangen. Aber darauf kommt es den neoliberalen Gesundbetern auch nicht an. Sie wissen, daß sie eine Ideologie verbreiten, und sie wissen, daß ihre wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten an den Universitäten eigentlich den theologischen Fachbereichen angegliedert werden müßten. Und diese Erkenntnis gilt nicht nur für Ökonomen, sondern auch für diejenigen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich der Zurichtung der Menschen für die Bedürfnisse des Kapitals verschrieben haben.

Nun wäre Klaus Holzkamp der letzte, der sagen würde, Psychologie diene allein dem Funktionieren und Reparieren der Menschen in den vorherrschenden Zuständen. Im Gegenteil – für ihn war die Fragestellung wichtig, wie Menschen dazu befähigt werden können, sich kollektiv eine Form von Subjektivität zu erkämpfen, welche die herrschenden Verhältnisse zum Tanzen bringen. Hierzu sind allerdings keine psychologischen Experimente alter Schule erforderlich.

Derartige psychologische Experimente gehören in eine Gesellschaft, die erfahren und erforschen will, wie es die Menschen, die in ihr leben, überhaupt schaffen, mit diesen Verhältnissen klarzukommen (oder auch nicht). Die Meinungs– und Konsumforschung hat hier ihren wohlverdienten Platz. Bemerkenswert ist, daß die Werbebranche bis heute nicht in der Lage ist, wissenschaftlich zu begründen, warum welche Werbung wirkt. Auch das ist Psychologie.

Ein Zusammenhang von Werbung und Umsatzsteigerung ist, zum Glück für die Werbewirtschaft, kaum feststellbar. [4]

Worauf es ankommt, ist, über den Tellerrand der bürgerlichen Befindlichkeiten hinauszugehen. Klaus Holzkamp hat hierzu in seinen späteren Schriften so einige Fingerzeige gegeben. Sein Frühwerk Theorie und Experiment in der Psychologie ist als zweiter Band seiner Schriften im Argument Verlag im vergangenen Jahr wieder herausgebracht worden. Das Buch hat 338 Seiten und kostet 33 Euro.

 

Sternenhimmel und Textfragmente

Besprechung von : Rainer Vollkommer – Neue Sternstunden der Archäologie, Verlag C.H. Beck 2006, 277 Seiten, € 11,90

Die Resonanz auf das Buch Sternstunden der Archäologie hat den Autor Rainer Vollkommer dazu veranlaßt, einen zweiten Band mit dem Titel Neue Sternstunden der Archäologie nachzuschieben. Der Autor ist Klassischer Archäologe und Leiter des Landesmuseums für Vorgeschichte in Dresden. Hier ist also nicht ein Wissenschaftsautor am Werk, dem der Inhalt seines Buches doch eher fremd ist, sondern jemand, der mit der Sicht des Historikers auf Entdeckungsreise geht.

Buchcover Rainer VollkommerBei der Lektüre dieses Buches fühlte ich mich seltsam an etwas erinnert, was ich vor über dreißig Jahren gelesen habe. Der Autor beschreibt die Faszination der Pyramiden von Gizeh, läßt uns teilhaben an der Geschichte der Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen, er gräbt mit Arthur Evans im kretischen Knossos, macht einen Schlenker zu den Hethitern ins Innere Anatoliens, fährt fort mit der nicht minder spannenden Geschichte der Entzifferung der Keilschrift, um schließlich bei den blutigen Opferfesten der Azteken im mexikanischen Tenochtitlan zu landen.

Das alles kam mir doch ziemlich bekannt vor. Schon vor rund fünf Jahrzehnten, genauer gesagt, im Jahr 1949, erschien bei Rowohlt einer der Klassiker der Archäologiegeschichte, nämlich Götter, Gräber und Gelehrte von C.W. Ceram, der eigentlich Marek hieß. Sechs Jahre später reichte er mit dem Buch Enge Schlucht und schwarzer Berg eine Geschichte der Entdeckung des Hethiterreiches nach.

Allerdings sind seither nicht nur mehrere Jahrzehnte vergangen, sondern mehr noch: es ist eine ganze Menge an neuen Erkenntnissen zusammen gekommen, die es durchaus angeraten sein lassen, den von Marek alias Ceram damals meisterhaft präsentierten Roman völlig neu zu schreiben. Zumal mit der Kultstätte am Göbekli Tepe im Nordwesten Mesopotamiens und der Himmelsscheibe von Nebra gänzlich neue Entdeckungen dazu gekommen sind, die geeignet sind, unser Weltbild der Jungsteinzeit bzw. der Bronzezeit völlig neu zu überdenken. Und, um nicht mißverstanden zu werden – die Parallelen der Darstellung haben ihren Ursprung in der dargestellten Geschichte selbst, die sich ja nicht wesentlich verändert hat, und nicht darin, daß Rainer Vollkommer etwa abgeschrieben hätte. Hat er nicht.

Man und frau darf hier nun nicht hochwissenschaftliche Erklärungen und Theorien erwarten oder muß sie gar befürchten. Im Gegenteil – der Autor ist sichtlich bemüht, eine Fülle von Daten und Fakten so darzubieten, daß vor dem Augen der Leserin und des Lesers die Geschichte der Wiederentdeckung vergangener Kulturen lebendig wird. An die kunstvolle Sprache und die dramatische Ausgestaltung eines C.W. Ceram mag Rainer Vollkommer nicht heranreichen. Aber das tut dem Buch keinen Abbruch. Lesen wir die einzelnen Beiträge als eine Einführung, wie vor zwei Jahrhunderten und wie heute Autodidakten und Wissenschaftler sich einer neuen Welt genähert haben. Und lesen wir es so, wie in einer eher nüchternen Darstellung heutzutage die Geschichte der Archäologie neu erzählt wird.

Rainer Vollkommers Neue Sternstunden der Archäologie sind im Verlag C.H. Beck verlegt worden; das Buch kostet 11 Euro 90.

 

Perspektivwechsel

Besprechung von : Howard Zinn – Eine Geschichte des amerikanischen Volkes, Verlag Schwarzerfreitag 2006, 111 Seiten, € 7,80

Wer über Geschichte schreibt, geht nicht nur von den objektiv feststellbaren Tatsachen aus, soweit sie überhaupt durch mündliche und schriftliche Quellen oder eindeutige archäologische Funde rekonstruiert werden kann. Jede Geschichtsschreibung ist immer auch ein Spagat zwischen derartigen Ereignissen und ihrer subjektiven Einordnung. Nehmen wir ein lokales Beispiel: Nach Paul von Hindenburg ist in Darmstadt eine Straße benannt, die Hindenburgstraße. Seit einiger Zeit gibt es hierzu eine Kontroverse, ob die Straße aufgrund der politischen Vergangenheit des ehemaligen Reichspräsidenten und seiner historischen Neubewertung nicht besser umzubenennen wäre. [5]

Bei der Beurteilung dieser Frage spielen nicht nur objektivierbare Tatsachen eine Rolle. Entscheidender ist die subjektive Wertung der Leistungen und Fehlleistungen Hindenburgs. Hier treffen wir auf das Phänomen, das Geschichtsschreibung oftmals auch ideologisch ist. Ideologisch in dem Sinn, daß die Wertungen nicht nach wissenschaftlichen Kriterien getroffen werden, sondern aufgrund der subjektiven Meinung derer, die sich für oder gegen die Umbenennung aussprechen.

Nun ist Geschichte eine Sozialwissenschaft und deshalb nicht im gleichen Maße wissenschaftlich zu fassen wie die Gravitationskonstante oder eine chemische Formel. Das heißt: ohne eine bestimmte Weltsicht, ohne ein eindeutiges Kriterium, welche Weltsicht verwendet werden darf, ja: soll, bleibt der Zugang zur Frage der Umbenennung der Hindenburgstraße letztlich rein subjektiv. Gibt es derartige Kriterien? Ja und nein.

Denn letztlich ist die Festlegung jedes Kriteriums willkürlich und bedarf nicht nur einer wissenschaftlichen, sondern auch einer moralisch–ethischen Unterfütterung. Hierbei spielen sicherlich auch Fragen des jeweiligen Zeitgeistes eine Rolle. Was zu Hindenburgs Zeiten für viele Zeitgenossen nicht anstößig galt, kann es heute sehr wohl sein. Und da die Frage der Umbenennung sich natürlich auch daraus speist, ob das Handeln Paul von Hindenburgs nach heutigen Vorstellungen ethisch und moralisch, aber auch politisch positiv oder negativ zu bewerten ist, ist es relativ unerheblich, was vor über 70 Jahren hierzu gedacht wurde.

Und – nur nebenbei bemerkt: hierzu wäre nicht nur eine Debatte auf Grundlage der immanenten Kriterien einer bürgerlichen Gesellschaft zu führen, sondern auch anhand eines Maßstabs, der darüber hinaus weist. Wer Kriege als Mittel der Politik befürwortet, muß Hindenburgs Verantwortung für die Massenschlächterei des 1. Weltkrieges anders beantworten als diejenige, die Kriege als Fortsetzung der Politik aus welchen Gründen auch immer ablehnt.

Vielleicht wird mein Gedankengang verständlicher, wenn ich auf ein Buch zurückgreife, das dieses Jahr in deutscher Übersetzung im Verlag Schwarzerfreitag herausgebracht worden ist. Es handelt sich um Eine Geschichte des amerikanischen Volkes des US–amerikanischen Historikers Howard Zinn, die seit ihrem Erscheinen im Jahr 1980 weit über eine Million Mal verkauft worden ist. Im Original lautet der Titel übrigens A People's History of the United States, und das ist nicht genau dasselbe, wie der deutsche Buchtitel nahelegt. Die deutsche Übersetzung besteht aus insgesamt neun Teilen (sobald alle Teile Ende 2006 oder Anfang 2007 vorliegen werden); mir liegt hier der erste Teil vor, in dem es um Kolonialismus, Rassismus und die Macht des Geldes geht.

Howard Zinn, Jahrgang 1922, reflektiert im einleitenden Kapitel die Aufgabe eines Historikers und entscheidet sich dafür, die Geschichte des nordamerikanischen Landes nicht aus der Sicht der jeweils herrschenden Klassen zu schreiben. Mit Verweis auf den Historiker Samuel Eliot Morison, der 1954 in seinem Buch über Christoph Kolumbus so ganz nebenbei bemerkte, daß die Entdeckung und Eroberung Amerikas in einem Völkermord geendet hat, schreibt Howard Zinn:

Man kann über die Vergangenheit offen heraus lügen. Oder man kann Tatsachen verschweigen, die zu unwillkommenen Schlussfolgerungen führen könnten. Morison tut keines von beidem. Er lehnt es ab, über Kolumbus zu lügen; er verschweigt nicht die Geschichte des Massenmords, ja, er charakterisiert ihn sogar mit dem härtesten Wort, das es dafür gibt: Völkermord.
Aber er tut etwas Anderes. Er erwähnt die Wahrheit kurz und geht dann zu anderen Dingen über, die ihm wichtiger sind. Offene Lügen oder stillschweigende Auslassungen bergen das Risiko, entdeckt zu werden, was, wenn es passiert, den Leser gegen den Autor aufbringen könnte. Die Tatsachen aber zuzugeben und dann in einer Masse von anderen Informationen zu vergraben, sagt dem Leser, mit einem gewissen ansteckenden Gleichmut: Ja, es gab Massenmorde, aber das ist nicht so wichtig […]. [6]

Und das ist eine ideologische Entscheidung. Sie trägt zur Rechtfertigung der Zivilisationsgeschichte seit dem Ende des 15. Jahrhunderts bei. Millionen umgebrachter indigener Männer und Frauen, Millionen versklavter Afrikanerinnen und Afrikaner, all diese unrühmlichen Begleiterscheinungen des Wegs aus dem Mittelalter in die glänzende Moderne erscheinen so nur noch als Kollateralschäden: Ja, das gab es alles, aber das ist eben der Preis der Freiheit.

Buchcover Howard ZinnHoward Zinn verwahrt sich gegen eine solche Art Geschichtsschreibung. In ihr wird die Geschichte eines Landes, eines Kontinents im Stil einer Familiensaga abgehandelt. Wir alle sind eine große Familie. Dabei fällt unter den Tisch, daß diejenigen, welche die Familiensaga im Laufe der Jahrhunderte erzählt und gerechtfertigt haben, den Rahm abschöpften, während Millionen und Abermillionen Menschen versklavt, ausgebeutet, ausgeplündert und ermordet wurden. Eben eine schrecklich nette Familie.

Daraus ergibt sich die unvermeidliche Entscheidung, Partei zu ergreifen. Und es ist ja nicht so, daß die Geschichtsschreibung, die wir in Schulen und an Universitäten aufnehmen und nachbeten sollen, oder die Geschichtsbröckchen, die wir in Dokumentationen und Features in Kino und Fernsehen aufsaugen, unparteiisch wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Nur wird hier die Parteinahme nicht deutlich gemacht, es wird nicht gesagt, daß hier die Geschichte so vermittelt wird, wie sie die herrschende Klasse gerne gelehrt wissen möchte. Deshalb wird es auch immer zum Skandal gemacht, wenn ein Autor ganz bewußt sagt, er stellt die Geschichte aller bisherigen Klassenkämpfe aus einer bewußt gewählten Perspektive dar. Der Skandal besteht (für die ihrer Klasse loyal dienenden Intellektuellen) jedoch nicht in der Parteinahme an sich, sondern darin, wessen Partei ergriffen wird.

Howard Zinn schreibt deshalb seine Geschichte des amerikanischen Volkes aus der Perspektive der Arawak auf den Bahamas und den karibischen Inseln, die den spanischen Eroberern mehr oder weniger machtlos gegenüber standen. Oder vom Standpunkt der Sklaven, der Cherokee, der Iren in New York oder der Sicht der ausgebeuteten Frauen in der Textilindustrie, nicht zu vergessen mit den Augen der Filipinos und Kubanerinnen, die der US–amerikanischen Aggression zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgesetzt waren.

Der Standpunkt des Autors ist klar. Und er ist sich durchaus bewußt, daß auch die Ausgebeuteten, Versklavten und Unterdrückten nicht einfach nur aus der Opferperspektive wahrzunehmen sind. Verarmte weiße Amerikaner konnten Indianer kaltblütig massakrieren und schwarze Sklavinnen hatten kein Problem damit, ihren weißen Herren den Hals umzudrehen. Aber es kommt schon darauf an zu begreifen, wer von diesem System letztlich profitiert hat und bis heute profitiert.

Man und frau muß den Gedanken des Autors nicht teilen, daß es Bündnismöglichkeiten zwischen den armen Weißen und den Afroamerikanern in den Südstaaten gegeben hätte; das ist vielleicht eher das Wunschdenkens des Weißen Mannes. Howard Zinn zeigt jedoch, daß der Rassismus in der (späteren, weil ja zu diesem Zeitpunkt noch unter englischer Herrschaft stehenden) US–amerikanischen Gesellschaft im 17. Jahrhundert gezielt als Mittel der Herrschaftssicherung eingesetzt wurde und seither alle reaktionären wie emanzipatorischen Strömungen überdauert hat.

Der erste Teilband der Geschichte des amerikanischen Volkes behandelt die Kolonisierung des nordamerikanischen Kontinents, den damit einhergehende Rassismus und die offenen wie unterschwelligen Widerstandsformen der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Auf den etwas mehr als einhundert Seiten dieses Bandes kann der Autor natürlich nicht die ganze Geschichte wiedergeben, aber das ist auch nicht seine Absicht. Mit einer gezielten Auswahl, verbunden mit einer notwendigen Perspektivkorrektur, ermöglicht er es uns, die bisherigen Lesarten nicht nur der US–amerikanischen Geschichte zu überdenken.

Leider muß ich auch hinzufügen, daß die Übersetzerin bzw. der Lektor des Bandes eine ganze Menge Ungenauigkeiten haben durchgehen lassen, die nicht beim Autor zu suchen sind. So etwas ist einfach ärgerlich, vor allem dann, wenn mit Howard Zinns Buch endlich ein Standardwerk der US–amerikanischen Geschichte auch auf Deutsch vorliegt. Einige Beispiele: In der deutschen Übersetzung wird auf Seite 28 ein wesentliches Kapitel im Hauptwerk von Karl Marx mit "primitive Akkumulation des Kapitals" wiedergegeben. Im Englischen wird die "ursprügliche Akkumulation" in der Tat mit "primitive accumulation" übersetzt. Eine "primitive" Akkumulation ist einfach sinnlos, während die ursprüngliche Akkumulation einen wichtigen Gedankengang von Marx wiedergibt. Die Übersetzerin, so denke ich, hat hierbei keinen Schimmer gehabt, worüber der Autor hier eigentlich schrieb. Ähnlich verhält es sich mit dem Satz "Familien waren matrilineal" auf Seite 42, womit offensichtlich eine matrilineare Verwandtschaftsbeziehung bei den Irokesen gemeint sein dürfte. Da ist ein Satz wie "Ungefähr 500 A.D., als diese Hügelbauer–Kultur des Ohio–Tals zu versinken begann", einfach nur schlechtes Deutsch und zudem noch schlampig übertragen [Seite 40]. Und dann fällt es schon gar nicht mehr ins Gewicht, wenn die Übersetzerin sich in ein und demselben Absatz nicht entscheiden kann, ob sie Nord–Carolina oder North Carolina schreiben soll [Seite 89–90]. [7]

Die neun Teilbände sollen bis Ende des Jahres verfügbar sein und kosten jeweils um die acht Euro.

Hinweisen möchte ich abschließend noch darauf, daß im Verlag Schwarzerfreitag nicht nur Howard Zinn, sondern auch Noam Chomsky und Angela Davis verlegt werden. Das Buch von Angela Davis über den gefängnis–industriellen Komplex in den USA wäre sicherlich eine eigene Besprechung wert. [8]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute zur Fragestellung, mit welchen Kriterien wir Entscheidungen treffen oder Ereignisse beurteilen und reflektieren sollten. Hierbei habe ich vier Bücher vorgestellt, und zwar:

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wurde oder wird in der Nacht zum Dienstag um 23.00 Uhr wiederholt, sowie am Dienstagmorgen gegen viertel nach fünf und am Dienstagmittag gegen halb zwölf. Das Manuskript zur Sendung gibt es in den nächsten Tagen auf meiner Webseite: www.waltpolitik.de. In der nächsten Woche könnt ihr auf diesem Sendeplatz die Redaktion Gegen das Vergessen mit ihrer gleichnamigen Sendung hören. Und gleich geht es weiter mit der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Zum Schülerinnen– und Schüler–Register in Hamburg gibt es einen Audiobeitrag vom Hamburger Freien Sender Kombinat.

[1a]   Presse–Information des mentor Verlages, ohne Datum [September 2006] : PISA–Schock war gestern – PISA–Buch ist heute. Jörg Pilawa und mentor bringen die Nation aif Trab.

[2]   Die Kultusministerkonferenz erhielt deswegen den Big Brother Award zuerkannt. Siehe hierzu auch den Artikel von Markus Born "Deutsche Schüler unter verschärfter Beobachtung" in Telepolis vom 2. Oktober 2006.

[3]   Klaus Holzkamp : Theorie und Experiment in der Psychologie, Seite 50.

[4]   Dieter Prokop : Der Medien–Kapitalismus, Seite 242.

[5]   Siehe zu dieser Darmstadt–internen Diskussion auch das Manuskript meines Radiobeitrags Hindenburgstraße vom 30. Januar 2006.

[6]   Howard Zinn : Eine Geschichte des amerikanischen Volkes, Band 1, Seite 20–21.

[7]   Einige dieser Übersetzungsmängel wurden für die in einem Band erschienene gesamte Geschichte des amerikanischen Volkes korrigiert.

[8]   Siehe hierzu die Besprechung von Maik Söhler "Weg mit den Knästen!" in Telepolis vom 1. November 2005. Meine angedeutete eigene Besprechung des Buchs von Angela Davis wurde am 1. Februar 2007 in der Sendung Driving While Black nachgeholt.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 1. Februar 2008 aktualisiert.

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©  Walter Kuhl 2001, 2006, 2008

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