Angriff auf Nordvietnam
Angriff auf Nordvietnam [1]

Kapital – Verbrechen

Der Krieg und das Leben

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 9. Juni 2008, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 9./10. Juni 2008, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 10. Juni 2008, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 10. Juni 2008, 14.00 bis 15.00 Uhr

Entschuldigung:

Für die teilweise grauenhafte technische Qualität der Ausstrahlung möchte ich mich bei denjenigen entschuldigen, welche die Sendung live oder in der Wiederholung gehört haben, obwohl ich keinerlei Einfluß darauf habe. Die Technikbastelcombo von Radio Darmstadt hat die Sendetechnik mit seltsamen Kompressor / Limiter-Einstellungen derart "verbessert", daß die von mir aufgrund eines irrationalen Hausverbots auf CD vorproduzierte Sendung streckenweise verzerrt klingt. Wie die Bastler von Radio Darmstadt es geschafft haben, eine sauber gepegelte Sendungs-CD so umzukrempeln, daß die Musik lauter knallt als die zusätzlich mit Zerrern verhunzte Sprache, obwohl das Original umgekehrt produziert wurde, ist mir ein Rätsel. Da sind offensichtlich echte Künstler am Werk [2]. Zu den Bedingungen, auf diese merkwürdige Art senden zu müssen, gehört, daß diese Sendung kurz vor ihrem Ende einfach abgewürgt worden ist.

Zusammenfassung:

Auch nach der Rückeroberung Südvietnams ging das Leben weiter. Der Eroberung ging keine Schulung, ging kein bewußter politischer Kampf gegen den US-Imperialismus und sein südvietnamesisches Marionettenregime voraus. Die Folgen dieses Ungleichgewichts zeigten sich 1975 sehr schnell. – Barbara Gladysch unterstützt Kinder im von russischen Truppen zerstörten Tschetschenien und hilft ihnen mit ihrem Projekt Kleiner Stern, die kriegsbedingten Traumatisierungen zu bearbeiten.

Besprochene Bücher:

Zwischenmusik:

Rolling Stones – Flashpoint [1991]

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle zwei Bücher über die 60er Jahre vorgestellt. Jutta Ditfurth schrieb über die Geschichte einer Freundschaft zwischen Rudi Dutschke und Ulrike Meinhof. Gerd Koenen und Andres Veiel lieferten in ihrem Bildband zu 1968 eine visuelle Aufarbeitung der Geschehnisse ab. Ich hatte vor zwei Wochen darauf verwiesen, daß für die 68er – und das nicht nur in der noch jungen Bundesrepublik, sondern auch beispielsweise in den USA – der internationalistische Aspekt eine wichtige Bedeutung hatte. Insbesondere der Vietnamkrieg fokussierte die Proteste, die sich nicht zuletzt auch gegen die unhaltbaren sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zustände im eigenen Land gerichtet haben. Das Manuskript zu dieser Sendung ist auf meiner Webseite nachzulesen: www.waltpolitik.de.

Das erste Buch, das ich heute vorstellen möchte, gibt Einblicke in das soeben befreite Südvietnam des Jahres 1975. In einer weiteren Buchvorstellung werde ich auf die Traumatisierungen des Krieges in Tschetschenien eingehen.

Für die Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt ist am Mikrofon Walter Kuhl.

 

Hautnah

Besprechung von : Walter Skrobanek – Nach der Befreiung. Damit ihr wisst, dass das Leben weitergeht, Horlemann Verlag 2008, 254 Seiten, € 16,90

Die Solidarität mit der vietnamesischen Revolution ging in den 60er Jahren einher mit weitgehender Unkenntnis über die tatsächlichen Verhältnisse in den befreiten Gebieten. Gerne übersehen wurde der poststalinistische Grundton des dem Namen nach sozialistischen Vietnam, die bürokratisch organisierte gesellschaftliche Ordnung und der eher ärmliche Charakter der Lebensverhältnisse. Hier ist jedoch zu berücksichtigen, daß man und frau einer gnadenlos antikommunistischen Propaganda ausgesetzt war und daher gerne das glaubte, was man als Gutes dem bösen imperialistischen Monster entgegenhalten konnte.

Doch Nordvietnam war kein Paradies. Die Folgen der langen Kriegsjahre waren auch hier zu spüren. US-amerikanische Bomber zerstörten auch im Norden systematisch Staudämme, Häfen und Krankenhäuser. Die Befreiung von zunächst französischer, dann japanischer, dann wieder französischer Besatzung brachte nicht notwendigerweise Reichtum hervor. Die Abhängigkeit von der Unterstützung aus der Sowjetunion und aus China brachte den Import ideologischer Verknöcherung mit sich. Und doch war die Armut des Nordens dem Horror des Südens vorzuziehen.

1975 gelang es der nordvietnamesischen Armee, den Südteil des Landes zurückzuerobern. Damit endete der Krieg. Der dem Namen nach sozialistische Norden verleibte sich den kapitalistisch geprägten Süden ein. Konflikte waren vorprogrammiert. Wahrscheinlich hätte auch eine wirklich sozialistische Gesellschaft Probleme damit gehabt, mehrere Millionen Menschen davon zu überzeugen, daß ihnen die neuen Verhältnisse ungeahnte Freiheiten und Möglichkeiten bieten könne. Doch Vietnam war kein reiches Land voller Ressourcen, sondern – vor allem im Südteil des Landes – kriegszerstört. Die Kriegsführung mit chemischen Kampfstoffen hatte desaströse Auswirkungen für die Landwirtschaft.

Der unterlegene Kriegsgegner, die USA, waren selbstverständlich nicht bereit, für diese Kriegszerstörungen und ihre noch jahrzehntelang nachfolgenden Auswirkungen Entschädigungen zu zahlen. Ihre Arroganz der Macht blieb ungebrochen; Vietnam wurde politisch und vor allem wirtschaftlich isoliert. Den Vietnamesinnen und Vietnamesen wurde nicht nur übelgenommen, die größte Militärmacht der Erde unter entsetzlichen Opfern besiegt zu haben.

Auch das gegen Vietnam aufgehetzte Regime des Massenmörders Pol Pot aus Kambodscha wurde gegen den Sieg der vietnamesischen Revolution eingesetzt. Als die vietnamesische Armee im Dezember 1978 in Kambodscha einmarschierte, um dem Spuk ein Ende zu bereiten, war es die US-amerikanische Militär- und Wirtschaftshilfe, die Pol Pots Schergen noch jahrelang in ihrem Guerillakrieg gegen die vietnamesischen Besatzer unterstützte. Jonathan Neale, der ein ausgezeichnetes Buch über den Vietnam-Krieg zusammengestellt hat, schreibt hierzu lakonisch:

Die Amerikaner unterstützten Pol Pot, um die Vietnamesen dafür zu bestrafen, dass sie den Vietnamkrieg gewonnen hatten. [3]

Heute ist Vietnam eine kapitalistische Gesellschaft mit den Kadern der Vergangenheit. Die Opposition gegen den Weltmarkt, gegen den Imperialismus und gegen die westlichen Werte wird heute teuer bezahlt mit der Unterwerfung unter den Glitzerkram der westlichen Welt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Vietnams Eliten auch offiziell auf den neoliberalen Mainstream setzen. Erste Anzeichen hierfür benennen Rüdiger Siebert und Heinz Kotte in ihrem vor zwei Jahren bei Horlemann herausgebrachten Buch Vietnam hautnah. In einer Besprechung für Radio Darmstadt hatte ich ausgeführt:

Der globale Kapitalismus frißt seine Kinder, und er ist unersättlich. Keine Region dieser Erde kann sich ihm entziehen, auch die Länder nicht, die sich sozialistisch nennen. Kuba besitzt seine wohlorganisierten Ferienparadiese, um Devisen zu erwirtschaften, China forciert eine Industrialisierung, bei der es nur eine Frage der Zeit ist, bis die kommunistischen Kader auch Eigentümer der boomenden Betriebe werden, und auch das kleine Vietnam kann sich dem Zugriff des Kapitals nicht entziehen.

Für diejenigen, die in den 60er und 70er Jahren aufgewachsen sind, verbindet sich mit Vietnam einer der barbarischsten Kriege aller Zeiten. Diejenigen, welche später geboren wurden, gehen hier viel unbefangener vor. Dies gilt sowohl für ausländische Touristen wie auch für die Bewohnerinnen des Landes selbst. Von Rüdiger Siebert und Heinz Kotte ist […] ein Lesebuch erschienen, das die vielen Facetten des marktwirtschaftlichen Umbruchs eines zentral gelenkten Staates aufzeigt. Der Titel Vietnam hautnah verweist hierbei auf das Nebeneinander von postmoderner Geschäftigkeit und realsozialistischem Beharren. […]

Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn eine Reise in einem klapprigen Bus oder einem Sammeltaxi kann zu einer Angelegenheit werden, bei der sich die Menschen mehr unfreiwillig sehr nahe kommen. […]

[H]ierbei ist ein Reportageband herausgekommen, der sich den üblichen Klischees entzieht und der einfühlsam und ohne eurozentristische Attitüde versucht, uns das moderne Vietnam in all seinen Widersprüchen nahe zu bringen. Seit Michail Gorbatschows Perestroika Mitte der 80er Jahre ist auch in Vietnam das kapitalistische Gewinnstreben erlaubt; und wir können mitlesen, welche Auswirkungen der ungehemmte Markt in einem armen Land wie Vietnam hat. Subventionen werden gestrichen, soziale Dienste vernachlässigt, und die Folgen des Krieges werden entweder gewinnbringend vermarktet oder beschämt versteckt.

Vietnam ist kein demokratisches Land, und da paßt der Übergang zur Marktwirtschaft gut dazu. Wenn die beiden Autoren dann jedoch schildern, daß die Werke einer vietnamesischen Autorin verboten sind, aber in der kapitalistischen Zone des Landes als Übersetzung problemlos feilgeboten werden, dann ist das nicht belustigend, sondern hat seine eigene Tragik. Denn wer besitzt schon die nötigen Devisen?

Es ist genausowenig unfreiwillige Komik eines Übergangs zur Marktwirtschaft, wenn die Relikte des Krieges zu Attraktionen für zahlungskräftige Touristinnen und Touristen umgestaltet werden. Da kann man und frau durch die Tunnelsysteme des vietnamesischen Widerstandes kriechen und sich fragen, wie Menschen das jahrelang ausgehalten haben, darin zu leben? Und wir können uns fragen, was der jahrelange heroische Widerstand den Menschen wirklich gebracht hat, wenn viele Jahre später Vietnam nicht militärisch, sondern ganz ordinär wirtschaftlich erobert wird? "Der neue Konsumrausch frißt unsere Seele", sagt Frau Nguyen Tri Oanh. […]

Derweil immer noch Kinder mit Mißbildungen zur Welt kommen als Folge des flächendeckenden Einsatzes von Agent Orange, derweil immer noch Menschen auf den Feldern durch scharfe Munition getötet werden oder die Kriegsveteranen mehr oder weniger vergessen vor sich hinvegetieren. Es ist der Sozialdarwinismus, so meint Frau Oanh, der sich breit macht. Wie bei uns.

 

Bewußtsein

Walter Skrobanek, der 1973 für das Kinderhilfswerk terre des hommes in Saigon eintraf und dort ein Waisenhausprojekt leitete, erlebte im April 1975 die Befreiung Südvietnams mit. Interessiert daran, wie sich die neue Gesellschaft entwickeln werde, voller Sympathie für die daran beteiligten Menschen, aber auch mit kritischem Blick für die sich einstellenden bürokratischen Mechanismen der Macht beginnt er Ende April 1975 ein Tagebuch.

Buchcover Walter Skrobanek "Nach der Befreiung"Noch weiß er nicht, ob terre des hommes auch nach der Befreiung noch willkommen oder als Agentur des Imperialismus angesehen wird. Er würde es durchaus verstehen, wenn die Vietnamesinnen und Vietnamesen ohne Einmischung von außen das Projekt ihrer eigenen Befreiung gestalten wollen würden. Und doch stören ihn von Anfang an gewisse Vorkommnisse, die deutlich machen, daß die neue Gesellschaft noch sehr viele Mechanismen der alten mit transportiert.

Ich finde, es ist ein in seiner Klarheit angenehm zu lesendes Tagebuch, weil Walter Skrobanek es nicht besser als die Vietnamesinnen und Vietnamesen wissen will, was gut für sie ist. Ihm geht es zunächst um den Erhalt des Waisenhauses, um die Reintegration der Kinder in ihre Familienverbände, und darum, daß wichtige soziale Rehabilitationsprojekte weiter geöffnet bleiben können.

Doch es scheint von Anfang an so, als sei die neue Ordnung mit der Verwaltung der alten überfordert. Offensichtlich fehlt es an gut ausgebildeten Kadern, offensichtlich wurde der Süden zwar erobert, aber die Gesellschaft nicht darauf vorbereitet. Wochen und Monate vergingen, bis klar war, wer die Regierungsgewalt innehatte, bis die Administration auf allen Ebenen etabliert war. Die Menschen benötigten Geld zum Einkaufen, aber die Banken hatten geschlossen. Löhne und Gehälter konnten nicht ausgezahlt werden, Benzin wurde knapp.

Ein revolutionärer Befreiungsprozeß sieht vielleicht anders aus. Die gezielte Auseinandersetzung mit den unterdrückerischen, ausbeuterischen und erbärmlichen Verhältnissen führt zur Entwicklung eines Bewußtseins, wie man und frau solidarisch miteinander eine bessere Gesellschaft aufbauen kann.

Doch hier treffen die Werte des Nordens auf die brutale Gedankenwelt des kapitalistischen Südens. Egoismus, Neid, Haß und die Ausbeutung Anderer für eigene Zwecke lassen sich nicht per Dekret oder durch eine Eroberung beseitigen. Und es scheint so, als ob die nationalistische Propaganda nur die Fassade ankratzt, ohne das soziale Bewußtsein zu verändern. Derartige Gedankengänge finden sich auch bei Walter Skrobanek, nur daß sie dort nicht theoretisiert abstrakt, sondern in der konkreten Auseinandersetzung mit den Erfordernissen neuer gesellschaftlicher Umgangsformen erscheinen. Dies macht eine Stärke seines Tagebuches aus. Ich werde daher einen Tagebucheintrag, nämlich den vom 24. Juni 1975, vorlesen. [4]

 

Methoden

Bei allen bürokratischen Auswüchsen dürfen wir jedoch nicht übersehen, daß eine neue gesellschaftliche Macht mit Schwierigkeiten konfrontiert ist, die nicht eingebildet, sondern real vorhanden sind. In den ersten Monaten gab es noch Widerstandsnester des alten korrupten Regimes. Viele Menschen zogen opportunistisch die roten Flaggen auf und hofften, sich durchschlagen zu können. Die Schere zwischen dem kapitalistisch angeeigneten Reichtum und dem massenhaft vorhandenen Elend mußte geschlossen werden. Wie konnten die Menschen dafür gewonnen werden, aus der Großstadt wieder aufs Land zu ziehen und dort Reis anzubauen, auch dort, wo Minen und die Verseuchung durch Agent Orange drohten.

Von Anfang an war das wiedervereinigte Vietnam wirtschaftlich gegenüber dem kapitalistischen Westen isoliert. Eine ganze Infrastruktur war auf US-amerikanischer Logistik aufgebaut. Aber es fehlte schnell auch an einfachen Dingen wie Weizenmehl für die Brotherstellung oder an Basisstoffen für die im Land durchaus vorhandene pharmazeutische Industrie.

Das Bewußtsein, für eine bessere Welt einzutreten, läßt sich nicht aufpfropfen. Aber es gibt auch keine Berechtigung, an der alten Habgier festzuhalten. Schulungsprogramme zum Auswendiglernen sozialistischer Losungen helfen gewiß nicht weiter. Sie unterscheiden sich von den Schulungskursen zum Auswendiglernen kapitalistischer Phrasen in Schulen, Universitäten oder Managerakademien nicht im geringsten.

Mangelnde politische Bildung, verbunden mit einem sehr einfach strukturierten politischen Bewußtsein, kann für eine humane Problembewältigung nicht gerade förderlich sein. Vielleicht ist die eine oder andere Anekdote aus den ersten Monaten nach der Befreiung nur erfunden, vielleicht übertrieben, vielleicht aber auch wahr. Wenn nordvietnamesische Soldaten in den Straßen Saigons Fahrraddiebe mit Handgranaten jagen, wenn Plünderung und Diebstahl mit der Exekution bestraft wird, dann zeigt sich hierin jedoch eine Abgestumpftheit, die in einer solidarischen Gesellschaft nichts zu suchen hat. So schreibt Walter Skrobanek an anderer Stelle auch sehr richtig:

Die fehlende Ausbildung der Kader zeigt sich in Saigon in vielfältiger Weise. Die Erschießung von Dieben, während der Schwarzmarkt mit Diebesguts blüht. Die Drosselung des Geldumlaufs, die eine Ankurbelung der Produktion verhindert. Im übrigen wird sehr viel am ideologischen Überbau herumgewurstelt. Anstatt zuerst die ökonomische Basis zu verändern, die die Eigentumsdelikte senken würde, werden die Eigentumsdelikte mit Erschießen bestraft. So verschlimmert sich die ökonomische Lage noch für die Bevölkerung. Soweit die Eigentumsdelikte heute zurückgehen, liegt das an der Furcht, von öffentlichen Volkstribunalen erschossen zu werden, nicht weil sich die Ehrlichkeit erhöht, wie man zu glauben scheint. Anstatt soziale Voraussetzungen zu schaffen, die einer neuen revolutionären sozialistischen Kultur förderlich sind, werden lediglich die bisherigen Kulturgüter verboten und unter Berufung auf Ho Chi Minh die Haare gekürzt. [5]

Zu dieser Unterminierung eines sich entwickelnden sozialen Bewußtseins trägt bei, daß die Soldaten des Nordens Benzin abzweigen und auf dem Schwarzmarkt verhökern und sich anschließend mit Luxusgütern des alten Regimes wie Transistorradios und Armbanduhren versorgen. Dennoch – und darauf weist Walter Skrobanek deutlich hin – wurden die nordvietnamesischen Soldaten instruiert, sich auch gegenüber einer gegen sie feindseligen Bevölkerung grundsätzlich freundlich zu verhalten.

Aber bei allen kritischen Anmerkungen sollte man nicht vergessen, dass das große Blutbad, das der amerikanische Geheimdienst CIA prophezeit hat, nicht eingetreten ist. Die politischen Umerziehungskurse sind eine recht harmlose Bestrafung für die Vertreter des alten Systems. Überall werden medizinische Posten eingerichtet. Die Bevölkerung erhält Reis. Wer in die Dörfer zurückkehren will, erhält mindestens die Transportkosten, wenn nicht sogar Land und Reis bis zur nächsten Ernte. Impfungen gegen Epidemien für die ganze Bevölkerung sind begonnen worden. […] Auf dem Lande löst sich die Eigentumsverteilung teils von selbst, teils durch die Errichtung von Kooperativen. [6]

Manche Methoden sind jedoch nicht überaus sympathisch, können jedoch nicht als charakteristisch für nominell sozialistische Länder betrachtet werden. Manche totalitäre Vorstellungen finden sich sogar dort wieder, wo wir sie nicht vermuten würden, nämlich direkt vor unserer Haustüre. So mußten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Walter Skrobaneks Gesundheitszentrum einen Fragebogen über sich ergehen lassen, der gegen die heutigen Hartz IV-Fragebögen wahrscheinlich harmlos aussah.

Jeder vietnamesische Mitarbeiter musste schließlich den Fragebogen unterschreiben, der mit einem Versprechen, Systemgegner anzuzeigen, und einer Entschuldigungsformel für alle konterrevolutionären Aktivitäten schloss.

Letztere Klauseln sind es offenbar, die die Bevölkerung am meisten verärgern und in Gegensatz zur Revolution bringen. Sie empfinden es als ungerecht, grundsätzlich so behandelt zu werden, als hätten sie etwas Unrechtes getan. [7]

Der sich hierin ausdrückende Generalverdacht sollte uns nicht allzu fremd sein. Die Datenerhebungswut von Sozialbehörden, Finanzämtern, Geheimdiensten und Telefonanzapfern ist längst deutscher Alltag. Das – wie ich finde – totalitäre Bewußtsein, mit dem diese Maßnahmen getränkt sind, spiegelt ein Schreiben von Benjamin Gürkan im Auftrag des Vorstandes des Trägervereins von Radio Darmstadt wider. Der vertretungsberechtigte Vorstand von RadaR e.V. bestand zum Zeitpunkt der Abfassung des Schreibens von Gürkan aus Susanne Schuckmann, Markus Lang, Stefan Egerlandt, Peter Fritscher und eben Benjamin Gürkan [8]. Dieses Schreiben fordert von drei ehemaligen Vereinsmitgliedern ein, daß sie sich für alle Sünden der Vergangenheit zu entschuldigen hätten. Ich zitiere einfach aus diesem Schreiben, das mir vorliegt:

Eingestehen sämtlicher nachweisbarer Fehler und öffentliche, persönliche Entschuldigung an alle Personen die unter den Handlungen und Äußerungen von – es folgen drei Namen – leiden mussten oder immer noch leiden.

Ich nehme an, daß über den Nachweis eine Institution aus dem Hause RadaR urteilt, die mit den Revolutionären Volkstribunalen im Vietnam des Jahres 1975 vergleichbar ist. Ob der Autor dieses auch in anderen Passagen unsäglichen Schreibens, nämlich besagtes Vorstandsmitglied Benjamin Gürkan, hierbei in einer Person Ankläger und Richter spielen will, ist bislang noch nicht überliefert. Rechtsstaaten zeichnen sich dadurch aus, daß beide Funktionen, also Ankläger und Richter, strikt voneinander getrennt werden.

Worauf ich hinauswill: die Maßnahmen der Übergangszeit zwischen der Eroberung Südvietnams und der offiziellen Wiedervereinigung ein Jahr später mögen befremdlich, ja abschreckend erscheinen. Aber bei genauerer Betrachtung finden wir derartiges Gedankengut in unserer unmittelbarsten Umgebung wieder. Das gleiche Menschliche und Unmenschliche ist eben allen noch nicht befreiten Gesellschaften alles andere als fremd.

Walter Skrobanek verließ Saigon im Spätherbst 1975. Er hat die von ihm geplante Veröffentlichung seines Tagebuchs nicht mehr erleben können. Er starb 2006 in Bangkok. Seiner thailändischen Ehefrau Siriporn Skrobanek ist es zu verdanken, daß wir dieses außergewöhnliche Zeitzeugnis heute lesen können. Es heißt Nach der Befreiung – Damit ihr wisst, dass das Leben weitergeht und ist im Frühjahr im Horlemann Verlag zum Preis von 16 Euro 90 herausgebracht worden.

Neben dem hier besprochenen Tagebuch von Walter Skrobanek möchte ich noch einige weitere Bücher empfehlen:

Das ist zum einen das schon angesprochene Buch Vietnam hautnah über Ein Land im Umbruch von Rüdiger Siebert und Heinz Kotte aus dem Jahr 2006, ebenfalls bei Horlemann erschienen.

Über den Vietnam-Krieg und die sozialrevolutionären Probleme in Nord- und Südvietnam informiert Jonathan Neale in seinem 2001 in London und 2005 als Gemeinschaftsausgabe des Atlantik Verlages und des Neuen ISP Verlages herausgebrachten Buchs Der amerikanische Krieg. Das Buch ist nicht nur spannend zu lesen, sondern führt uns zudem auf eine recht ungewöhnliche Weise in die verschiedensten Facetten dieses Krieges ein.

In der Hamburger Edition des Hamburger Instituts für Sozialforschung erschien von Bernd Greiner der Band Krieg ohne Fronten. Ich kenne das Buch noch nicht, aber im Gegensatz zu Jonathan Neale, der beide Seiten ausführlich beleuchtet, scheint Greiner sich vor allem auf die Analyse der US-amerikanischen Kriegsstrategie und der mörderischen Kriegsführung zu konzentrieren.

Auf eine andere Weise spannend finde ich den Bildband Ein anderer Krieg des US-amerikanischen Fotografen Tim Page. Das Besondere dieses Bandes liegt darin, daß hier konsequent Bilder gezeigt werden, die von vietnamesischen Fotografen hergestellt wurden. Es sind in der Regel keine Propagandabilder, sondern wirklichkeitsnahe Schnappschüsse eines lange andauernden Kriegszustandes. Die Zusammenstellung der Fotos wird von einzelnen respektvoll geschriebenen Einführungen in die jeweilige Thematik begleitet. Wer diese Bilder betrachtet, versteht vielleicht, wie es einem kleinen Volk unter großen Entbehrungen und mit noch größerer Entschlossenheit gelingen konnte, die mächtigste Armee der Welt zu demoralisieren und zu besiegen. Dieser wahrlich einzigartige Bildband ist 2002 bei National Geographic erschienen.

 

Sterne

Besprechung von: Barbara Gladysch – Die kleinen Sterne von Grosny, Herder Verlag 2007, 223 Seiten, € 19,90

Einige tausend Kilometer näher als das exotische, aber dem Urlaubstourismus offene Vietnam liegt auf der Nordseite des Kaukasus-Gebirges Tschetschenien. Die Zahl der vor allem durch US-amerikanisches Bombardement getöteten Vietnamesinnen und Vietnamesen ist unbekannt. Schätzungen bewegen sich zwischen einer und vier Millionen Menschen. Bei diesem Massenmord fehlte der Sinn für die bürokratische Erfassung der Leichen. Mitte der 70er Jahre lebten im wiedervereinigten Vietnam etwa 45 Millionen Menschen.

Buchcover Barbara Gladysch "Die kleinen Sterne von Grosny"Die beiden Kriege in Tschetschenien: der erste von 1994 bis zur Niederlage der russischen Truppen im August 1996, der zweite dauert von 1999 bis heute, er ist zwischenzeitlich von Wladimir Putin offiziell als beendet erklärt worden. Auch hier ist die Anzahl der Toten unbekannt, sie liegt niedriger, was jedoch kaum verwunderlich ist, denn Tschetschenien ist viel kleiner und es lebten dort nicht so viele Menschen. Dennoch ist davon auszugehen, daß etwa ein Fünftel der Bevölkerung von der russischen Armee innerhalb von zehn Jahren getötet worden ist.

Im Grunde genommen müßte nichts mehr zu Tschetschenien gesagt werden. Das Internet ist voll von ausreichenden Dokumenten, die den mörderischen Charakter dieser beiden Kriege und der nachfolgenden Tschetschenisierung des Krieges belegen. Mit der Tschetschenisierung ist gemeint, daß Wladimir Putin einen Statthalter gefunden hat, der die Drecksarbeit für ihn erledigt, der also Tschetschenen gegen Tschetschenen kämpfen läßt.

Auch gibt es genügend Bücher, welche die Wahrheit auf den Tisch bringen, nicht zuletzt von der deshalb ermordeten russischen Journalistin Anna Politkowskaja. Doch die Tatsachen besagen wenig, wenn der politische Wille fehlt, wenn es wichtigere Interessen gibt als Menschenleben. Es ist eben profitabler, mit Rußland Geschäfte zu machen. Ab und zu kann man und frau dann ja auch einmal etwas über Menschenrechte palavern. Das ist gut fürs Image und ändert nichts. Und es ist bequem, weil es auch von anderen Menschen außer einiger moralischer Empörung keine eigene Handlung oder gar konsequente Haltung einfordert. Was ändert dann etwas?

Neben Männern und Frauen sind natürlich auch Kinder in besonderem Maße von den Kriegshandlungen und vorgeblichen Antiterror-Aktionen betroffen. Im Grunde unfähig, sich zu wehren oder Abwehrstrategien zu entwickeln, um den psychischen Belastungen standzuhalten, dürften Zigtausende von ihnen traumatisiert sein. Um hier ein wenig Abhilfe zu schaffen, hat die in Düsseldorf lebende Pädagogin und Friedensaktivistin Barbara Gladysch ein Projekt ins Leben gerufen – den Kleinen Stern. Hiervon handelt das letztes Jahr von ihr und Cornelia Filter im Herder Verlag herausgebrachte Buch über Die kleinen Sterne von Grosny.

Es ist eine Initiative von unten, die tschetschenischen Kindern hilft, ihre Traumata zu verarbeiten. Unter sozialpädagogischer Betreuung und mit viel emotionaler Unterstützung können diese lernen, sich nicht selbst die Schuld dafür zu geben, daß Familienangehörige vor ihren Augen ermordet oder entführt worden sind. Barbara Gladysch erzählt in ihrem Buch von diesen Mühen, von den Erfolgen, den Hoffnungsschimmern, welche die kleinen Sterne, also die therapeutischen Einrichtungen in Tschetschenien, vor allem in Grosny, bedeuten. Auch wenn sich an den strukturellen Gewaltverhältnissen in Tschetschenien hierdurch wenig ändern sollte, es hilft wenigstens den Kindern, mit einer für sie im Grunde unbegreiflichen Welt besser klarzukommen.

Hier wird der Krieg und seine Folgen auf eine Weise erfahrbar, die sich in den medial inszenierten Bildern nicht vermittelt.

Barbara Gladysch, auch dies gibt sie vorbehaltlos preis, schöpft ihre Kraft und ihr Vertrauen aus ihrer sehr eigenen Interpretation einer Beziehung zum christlichen Gott. Das muß ich zwar nicht nachvollziehen, es befremdet mich sogar, aber wenn es hilft, ist dagegen nichts einzuwenden. Es sind dies die Passagen des Buches, die verdeutlichen, daß eine nicht an den kirchlichen Institutionen gekettete Inspiration Wunder bewirken kann.

Diese Wunder werden im Buch Die kleinen Sterne von Grosny beschrieben. Das Buch von Barbara Gladysch ist im vergangenen Herbst bei Herder zum Preis von 19 Euro 90 erschienen.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Kriege verändern das Leben der Menschen. In meiner heutigen Sendung habe ich zwei Bücher über die Folgen und die Traumatisierungen des Krieges in Vietnam und in Tschetschenien näher vorgestellt.

In Vietnam erwiesen sich 1975 die sozialen Bedingungen und das politische Bewußtsein der politischen Kader und der südvietnamesischen Bevölkerung als nicht ausreichend, um nach einem drei Jahrzehnte andauernden Kriegszustand vernünftige Lebensbedingungen zu schaffen. Der Krieg wurde zwar gewonnen, und doch bleibt die Frage, was die Menschen gewonnen haben. Der damalige terre des hommes-Mitarbeiter Walter Skrobanek hat in seinen Tagebuchaufzeichnungen die ersten Monate der neu gewonnenen vietnamesischen Befreiung kritisch und gleichzeitig solidarisch beschrieben. Diese Aufzeichnungen sind dieses Jahr als Buch mit dem Titel Nach der Befreiung – Damit ihr wisst, dass das Leben weitergeht im Horlemann Verlag herausgebracht worden. Das Buch kostet 16 Euro 90.

Die beiden tschetschenischen Kriege seit 1994 haben nicht nur weit über 100.000 Menschen das Leben gekostet, sondern haben zu einer völligen Verwüstung der sozialen und wirtschaftlichen Struktur der Gesellschaft geführt. Kinder sind diejenigen, die sich am allerwenigsten dagegen zur Wehr setzen können, ihre Traumatisierungen bedürfen einer besonderen Betreuung. Barbara Gladysch trägt mit ihrem Projekt der Kleinen Sterne dazu bei, daß die schlimmsten Wunden wenn nicht geheilt, so doch behandelt werden können. Hierüber wie auch über ihre eigene Geschichte schrieb sie zusammen mit Cornelia Filter das Buch Die kleinen Sterne von Grosny. Dieses im vergangenen Jahr im Herder Verlag erschienene Buch kostet 19 Euro 90.

Diese Sendung wird voraussichtlich wiederholt, und zwar in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23.00 Uhr, am Dienstagmorgen um 8.00 Uhr und am Dienstagnachmittag ab 14.00 Uhr.

Ich danke der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt für ihre Unterstützung bei der Produktion dieser Sendung. Das Manuskript zur Sendung werde ich in den kommenden Tagen auf meiner Webseite zur Verfügung stellen: www.waltpolitik.de. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Das Foto entstammt der Webseite des US-Verteidigungsministeriums und ist Public Domain. Das Foto wird dort so beschrieben: "F-4C Phantom and KC-135 tanker / 1960s -- A flight of U.S. Air Force F-4C Phantom fighter bombers refuel from a KC-135 tanker aircraft before making a strike against communist targets in North Vietnam. The Phantoms are fully loaded with 750 pound general purpose bombs and rockets. (U.S. Air Force photo)". Auch rund vierzig Jahre später ist der Stolz auf das mörderische Handwerk ungebrochen.

»» [2]   Diese Bastelcombo müht sich seit (zum Zeitpunkt der Sendung im Juni 2008) anderthalb Jahren damit ab, ein einstmals sauber klingendes und von der Telekom als einwandfrei abgenommenes Sendesignal auf eine Weise zu verbessern, die wirklich gnadenlos ist. Offensichtlich fehlt den Herren Technikern ein gewisses technisches Verständnis. In meiner Vorstandszeit als Verantwortlicher für das Ressort Studio und Technik gab es derartige Eskapaden selbstredend nicht. Offensichtlich mußte ich aus meinem Vorstandsamt herausgekickt werden, um etwas Gutes durch etwas Schlechtes verbessern zu können. Die brillianten Verbesserungen können in meiner Internetdokumentation zu den Zuständen bei Radio Darmstadt minutiös nachvollzogen werden.

»» [3]   Jonathan Neale : Der amerikanische Krieg, Seite 210.

»» [4]   Diesen im Radio vorgetragenen Tagebucheintrag kannst du im Buch selbst nachlesen. Es lohnt sich.

»» [5]   Walter Skrobanek : Nach der Befreiung, Seite 93–94.

»» [6]   Skrobanek Seite 114.

»» [7]   Skrobanek Seite 120.

»» [8]   Auf der Webseite von Radio Darmstadt waren diese fünf Namen noch am 11. Juni 2008 als vertretungsberechtigter Vorstand aufgeführt.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 2. Juli 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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