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Clusterbomben, Libanon

Kapital – Verbrechen

Der Libanonkrieg und der Zionismus

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 11. Februar 2008, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 12. Februar 2008, 00.10 bis 01.10 Uhr
Dienstag, 12. Februar 2008, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 12. Februar 2008, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Der israelische Krieg im Libanon 2006 hat nicht nur Zerstörung und Tod mit sich gebracht, sondern auch die israelische Gesellschaft erschüttert. Der Dilettantismus der Kriegsführung war das Problem, nicht der Krieg als solcher. Die Winograd-Kommission wurde eingesetzt, um die Schwachstellen zu finden und Vorschläge für ein verbessertes Kriegsmanagement zu unterbreiten. Gilbert Achcar und Michael Warschawski analysieren diesen Krieg von einer anderen Warte aus. Ihnen geht es um die wahren Gründe dieses Krieges. John Rose geht einen Schritt weiter und untersucht die Mythen des Zionismus. Ob und inwieweit sie die israelische Politik erklären können, wird im Verlauf der Sendung herausgearbeitet. Zum Schluß geht es bei der Betrachtung römischer Siedlungsstrukturen etwas friedlicher zu.

Besprochene Bücher/Zeitschrift:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

In meiner heutigen Folge aus der Sendereihe Kapital – Verbrechen werde ich ein Buch über den israelischen Krieg im Libanon vor zwei Jahren vorstellen. Wer glaubt, dieser Krieg sei nur eine Episode gewesen, irrt. Fortsetzung folgt. Gewiß. Und um dies besser zu verstehen, gehe ich auf ein Buch über die Mythen des Zionismus näher ein. Zum Schluß der Sendung verlasse ich die Gegenwart und widme mich der Vergangenheit. Wir werden erfahren, was ein vicus ist und was Groß-Gerau damit zu tun hat. Durch diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt führt Walter Kuhl.

 

Ein Krieg und ein Bericht

Besprechung von : Gilbert Achcar / Michael Warschawski – Der 33-Tage-Krieg. Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon und seine Folgen, Edition Nautilus 2007, 94 Seiten, € 10,90

Vor einem halben Monat, am 30. Januar [2008], veröffentlichte die Winograd-Kommission ihren Abschlußbericht über den Krieg, den Israel im Juli und August 2006 gegen die Hisbollah im Libanon geführt hat. Das Hauptaugenmerk lag auf den politischen und militärischen Versäumnissen, um zukünftig für derartige Auseinandersetzungen besser gerüstet zu sein. Wie Amnesty International einen Tag später zurecht feststellte, mißachtet der Bericht dieser Untersuchungskommission beharrlich die israelischen Kriegsverbrechen während dieses 33-tägigen Krieges. Während dieses Krieges, so amnesty weiter, verloren knapp 1200 Menschen ihr Leben. Die allermeisten davon waren als Zivilistinnen und Zivilisten nicht in die Feindseligkeiten verwickelt gewesen.

Buchcover Achcar Warschawski "Der 33-Tage-Krieg"Die Winograd-Kommission fand in der Tat schwere Versäumnisse in der Vorbereitung und Durchführung dieses Krieges. Von Anfang an war demnach unklar, ob auf die Entführung zweier israelischer Soldaten mit einer kurzen, heftigen und schmerzvollen Attacke geantwortet werden sollte oder mit einer Besetzung des südlichen Libanon, um die Hisbollah von dort zu vertreiben. Zudem fehlte es an einer Rückzugsstrategie, und das ist etwas, womit die USA derzeit im Irak konfrontiert sind, nachdem sie dort den von ihnen angezettelten Bürgerkrieg nicht mehr im Griff haben. Man ging blindlings in einen Krieg, den man nicht verstand und dessen Mechanismen man nicht begriff, und man scheiterte.

In der Geschichte der modernen Kriegsführung gibt es durchaus Beispiele, die zeigen, wie eine vergleichsweise kleine entschlossene Macht einem übermächtigen Aggressor widerstehen kann, ja ihn sogar besiegen kann. Die USA mußten dies in Vietnam erfahren, wobei sie den Preis der Niederlage sehr hoch schraubten, dabei verbrannte Erde und mehr als zwei Millionen Tote hinterließen. Die Sowjetunion wurde mit US-amerikanischer Hilfe unter anderem von einem gewissen Osama bin Laden aus Afghanistan vertrieben. Ohne jede Hilfe von außen gelang Ähnliches den Tschetschenen im ersten Tschetschenischen Krieg 1996, als sie gegen jede militärische Logik die Hauptstadt Grosny gegen eine Übermacht russischer Truppen zurückeroberten und damit den Bankrott der russischen Armee offenbarten. Daraus könnte jede Militärmacht etwas lernen, aber offensichtlich gibt es Gründe, die dies verhindern.

Die israelische Offensive im Libanon fand zunächst als Luftkrieg statt und erwies sich als wenig effektiv. Als klar wurde, daß die Kriegsziele, die keineswegs in der Befreiung der zwei entführten Soldaten bestanden, nicht erreichbar waren, hatte die israelische Führung die Wahl, den Krieg zu beenden oder ihn auszuweiten. Sie entschied sich für Letzteres und startete eine Bodenoffensive, die aufgrund von Nachschubproblemen und schlechter Ausrüstung alles andere als erfolgreich war. Zudem gelang es der israelischen Armee bis zum letzten Tag des Krieges nicht, die Raketenangriffe der Hisbollah auf den Norden Israels zu stoppen. Hunderttausende Israelis flüchteten in den Süden des Landes; eine Option, welche der libanesischen Bevölkerung nicht zur Verfügung stand.

Der Krieg wurde auf der Grundlage einer UNO-Resolution beendet, was Israel die Möglichkeit gab, die Niederlage ohne völligen Gesichtsverlust zu kaschieren. Die Winograd-Kommission versucht mit ihrem Untersuchungsbericht, die gemachten Fehler zu benennen, um in Zukunft effektiver für die kommenden Herausforderungen gerüstet zu sein. Frieden wird es nach dieser Logik nur dann für Israel geben, wenn sein Militär glaubwürdig eine Stärke und Unbesiegbarkeit vermitteln, die derzeit nicht vorhanden ist. Eine relativ kleine Gruppe militanter Kämpfer hat ausgereicht, dem Mythos der Unbesiegbarkeit einen heftigen Schlag zu versetzen. Doch liegen die Ursachen dort, wo sie von der Winograd-Kommission gesehen werden? Zweifel sind erlaubt.

Zwei Monate nach dem Ende dieses Libanon-Krieges veröffentlichten der in Paris lehrende libanesische Politikwissenschaftler Gilbert Achcar und der israelische Dissident Michael Warschawski ihre Sicht auf diesen Krieg und die Gründe seines Scheiterns, ein Scheitern zumindest aus israelischer Sicht. Während die Winograd-Kommission sich darauf festlegte, den politischen und militärischen Führern Hinweise darauf zu geben, wie sie ihre Kriege in Zukunft effektiver führen könnten, legen Achcar und Warschawski ihr Augenmerk auf strukturelle Besonderheiten, die außerhalb des Gesichtsfeldes der israelischen Untersuchungskommission lagen. Die Schrift von Gilbert Achcar und Michael Warschawski ist letztes Jahr auf Deutsch in der Edition Nautilus erschienen.

Fernab vom Terrorismusdiskurs der westlichen Politik und geschult in der politischen, soziologischen und wirtschaftlichen Analyse Israels und der arabischen Welt verfallen die beiden Autoren nicht dem Mythos der israelischen Überlegenheit. Im Gegenteil – sie sehen in der Ideologie des Neoliberalismus Mechanismen, welche dazu beigetragen haben, daß Israels Armee diesen Krieg nicht gewinnen konnte. Vor allem aber erhellen sie den Blick auf die politische Wirklichkeit des Libanon und erklären uns dieses durch einen langen Bürgerkrieg und seine Folgen zerrissene Land. Eine Stärke des vorliegenden Bandes liegt darin, im Zeitraffer, aber dabei die wesentlichen Etappen zusammenfassend, die Geschichte des Libanon des vergangenen halben Jahrhunderts zusammengefaßt zu haben. Dies verhilft uns dazu, die gegenwärtige Situation besser verstehen zu können.

 

Die Hisbollah als soziale Bewegung

Als Folge des Bürgerkriegs und der damit einhergehenden längeren Besatzung des Libanon durch die israelische Armee von 1982 bis 2000 entstand unter anderem die Hisbollah. Sie ist, so die beiden Autoren, eine echte Massenbewegung, die tief in der Sozialgeschichte des Landes verwurzelt ist. Eine Terrororganisation, so fahren sie fort, sieht anders aus. Zwar ist die Hisbollah ideologisch und finanziell vom Iran abhängig, aber – so Achcar und Warschawski:

In jedem Fall aber hängt die Hisbollah weniger von der Unterstützung Teherans und Damaskus' ab als Israel von der Unterstützung Washingtons, schon allein deshalb, weil es einer Organisation leichter fällt als einem strukturell abhängigen Staat, bei Bedarf auf die von außen bezogene Unterstützung zu verzichten, indem sie ihre Ausgaben zurückschraubt. Diesbezüglich ist die von den Vereinigten Staaten und Israel gegen die Hisbollah erhobene Anschuldigung der Hörigkeit gegenüber dem Iran nur ein Ausdruck der ungeheuren Unverfrorenheit und egozentrischen Arroganz, die beide auszeichnet. [Seite 29–30]

Gilbert Achcar und Michael Warschwaski sind sich sehr wohl im Klaren darüber, was die Hisbollah ausmacht und woraus sie ihr Prestige bezieht. Als politisch Linke stehen sie dieser Organisation gewiß nicht mit Wohlwollen gegenüber. Dennoch vermeiden sie in ihren Ausführungen jegliche ideologisch motivierte Darstellung und zeigen die Rolle der Hisbollah im sozial zerrütteten Libanon recht nüchtern auf.

Die Hisbollah lebt davon, daß es ihr finanziell möglich ist, soziale Dienste anzubieten und finanzielle Unterstützung zu leisten, zu denen der libanesische Staat aus strukturellen Gründen nicht in der Lage ist. Dabei versteht die Hisbollah ihr Anliegen eher unter dem Gesichtspunkt des Almosens, etwas, was im Islam die Aufgabe jedes gläubigen Moslems ist. Sie beseitigt die Armut nicht durch eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft, sondern lindert sie und läßt hierbei bestehende Ausbeutungsstrukturen bestehen.

Ein erfolgreicher muslimischer Geschäftsmann kann auf diese Ausbeutung ja auch nicht verzichten. Woher soll sonst der Reichtum einer kleinen herrschenden Klasse herkommen? Insofern ist es wenig verwunderlich, wenn die Hisbollah in der konkreten Wirtschaftspolitik des libanesischen Staates durchaus neoliberale Positionen bezieht. Es ist hier die eigene Massenbasis, welche verhindert, daß die von der Hisbollah in die libanesische Regierung entsandten Politiker die neoliberale Poltik gegen die eigene Bevölkerung wenden, etwa in der Privatisierung grundlegender Dienstleistungen. Es durchzieht, so Gilbert Achcar, die Hisbollah daher durchaus ein Klassenwiderspruch, der jedoch durch die gemeinsame Abwehrhaltung gegen die Aggression von außen nicht zum Tragen kommt.

Die Arroganz der israelischen Führung liegt darin, sowohl in der Hisbollah als auch in den Arabern als solchen kulturell unterlegene Gruppen zu sehen. Diese Arroganz führt zu einer grotesken Selbstüberschätzung, die ihre Fehler und Niederlagen nur mit umso massiveren Bombardements bemänteln kann. Die Fähigkeit zur politischen Konfliktlösung, die Fähigkeit, im Anderen einen gleichwertigen Verhandlungspartner zu sehen, ist abhanden gekommen. Und deshalb ist es folgerichtig, wenn die Winograd-Kommission die Fehler der Vergangenheit benennt, um in Zukunft besser gerüstet zu sein. Denn von einem sind Gilbert Achcar und Michael Warschawski überzeugt: der nächste Krieg ist nur eine Frage von Jahren, wenn nicht Monaten.

Im Gegensatz zur Invasion in den Libanon im Jahr 1982 ist zudem in Israel keine politische Kraft, keine Friedensbewegung in Sicht, die dies verhindern könnte.

Die beiden Autoren liefern mit ihrem Buch keine Darstellung des Kriegsverlaufs ab. Was ihre Ausführungen besonders auszeichnet, ist ihre erhellende Aufarbeitung der Hintergründe dieses letzten Krieges Israels, weil sie die Strukturen und Mechanismen dieser Politik klarlegt. Der eigentliche Kriegsgegner Israels war ja auch nicht die Hisbollah oder der Libanon, sondern der Iran. Dieser hat sich neben Syriens Führung ein Netzwerk verbündeter Organisationen zugelegt.

Dieses Potential des Iran, sich politisch und militärisch vor einem Angriff der USA und/oder Israels zu schützen, sollte zerschlagen werden. Kurz vor Beginn des Krieges im Libanon versuchte das israelische Militär, die Hamas im Gaza-Streifen zu zerschlagen; auch hier ohne durchschlagenden Erfolg. Von besonderem Interesse ist hier, ob Israel als Agent der USA handelt oder aus eigener Motivation. Hierzu schreibt Michael Warschawski:

Nun stimmt es zwar, dass das Weiße Haus und vor allem das Pentagon von der kläglichen Leistung der israelischen Armee im Libanon enttäuscht waren, doch das Bild von Israel als einem simplen Söldner im Dienst des imperialen Krieges entspricht nicht der Wirklichkeit. Der "globale Krieg" ist eine gemeinsam erarbeitete Strategie der Neokonservativen beider Länder, zwischen denen, nachdem sie in Tel Aviv und Washington an die Macht gekommen waren, im Denken wie im Handeln eine Symbiose entstanden war. Die Tatsache, dass die israelischen Neokonservativen – nach der Ermordung von Jizchak Rabin im November 1995 – fünf Jahre vor ihren nordamerikanischen Gesinnungsgenossen an die Macht gekommen waren, lässt manchmal sogar den Eindruck aufkommen, sie seien es, die den Ton angeben.

[…] Mit dem Sieg von George W. Bush verschmolz die Politik der beiden Staaten miteinander. Es ist also nicht der Hund, der mit dem Schwanz wedelt, und erst recht nicht der Schwanz, der mit dem Hund wedelt. Wir haben es vielmehr mit einem zweiköpfigen Monster zu tun, auch wenn dessen eine Hälfte größer und stärker ist. [Seite 59–60]

Damit entzieht Warschawski dem verschwörungstheoretischen und strukturell antisemitischen Geschwätz von der jüdischen Lobby in der US-Regierung die Grundlage. Abschließend vielleicht noch eine kleine Anmerkung zu den Auswirkungen des neoliberalen Wahns auf die eigene Gesellschaft. Michael Warschawski weist darauf hin, daß der israelische Generalstabschef zu Beginn des Krieges seine Aktien an der Börse verkaufte, weil er wußte, daß deren Kurs bald sinken würden. Diese Geisteshaltung charakterisiere auch den hier besprochenen Krieg.

In der Ära des Neoliberalismus streben die Offiziere nicht mehr nach Ruhm und militärischem Erfolg, sondern fragen sich, wie sie noch mehr Geld scheffeln können. Noch in der Uniform bereiten sie ihre zweite Karriere vor, oft übrigens im Waffenhandel oder im Verkauf von Sicherheitssystemen an lateinamerikanische Diktaturen oder Drogenhändler. [Seite 66]

Die damit einhergehende endemische Korruption dürfte für die schlechte Ausrüstung der israelischen Armee mitverantwortlich gewesen sein.

Der Neoliberalismus bringt den Krieg mit sich wie die Wolke den Regen, doch paradoxerweise gerät er auch in Konflikt mit den Erfordernissen des Krieges. [ebd.]

Das sollte uns nicht hoffen lassen. Auch wenn der Neoliberalismus nicht einmal das Sicherheitsinteresse des Staates Israel unangetastet läßt, so ist kaum zu hoffen, daß die kolonialistische Arroganz damit vertrieben würde. Im Gegenteil – auf einer maroden moralischen Basis werden aggressive Interventionen sogar noch wahrscheinlicher. Das 21. Jahrhundert wird seinem Vorgänger daher in Nichts nachstehen. Die Frage ist eher, ob es bei einer derart verbohrten Politik am Ende des Jahrhunderts noch einen jüdischen Staat geben wird.

Das Buch von Gilbert Achcar und Michael Warschawski trägt den Titel Der 33-Tage-Krieg und behandelt Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon und seine Folgen. Es ist im vergangenen Jahr in der Edition Nautilus herausgebracht worden. Das Buch hat 94 Seiten und kostet 10 Euro 90. [1]

 

Mythenproduktion

Besprechung von : John Rose – Mythen des Zionismus, Rotpunktverlag 2006,333 Seiten, € 24,00

Gilbert Achcar und Michael Warschawski gehen auf die Grundlagen der israelischen Politik nur ansatzweise ein. Die Motivation dieses kleinen Landes, seine Nachbarn zu überfallen, bleibt weitgehend ausgeklammert. Zwar läßt sich auf einer sehr allgemeinen Ebene durchaus herausarbeiten, daß Israel der Vorposten des Westens in der arabischen Welt ist. Die Frage ist, ob dies als Begründung ausreicht. Denn daß die Entführung zweier Soldaten für eine massive Intervention in den Libanon ursächlich ist, läßt sich nun wirklich nicht glaubhaft behaupten.

Der englische Soziologe jüdischer Herkunft John Rose hat hierzu vor vier Jahren ein Buch geschrieben, das versucht, eine Antwort auf diese Fragestellung zu geben. Er sieht in der zionistischen Ideologie des Staates Israel den größten Stolperstein auf dem Weg zu einem beidseitigen Frieden. Und in der Tat gelingt es ihm mit seinem Buch Mythen des Zionismus, einige eindrucksvolle Belege für diese Annahme zu präsentieren. Dieses Buch ist vor anderthalb Jahren im Schweizer Rotpunktverlag in deutscher Übersetzung erschienen.

Die Idee zu dieem Buch, so schreibt John Rose in seiner Einleitung,

nahm im Sommer 2002 nach schamlos rassistischen Äußerungen des ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak von der Arbeitspartei zum ersten Mal Gestalt an. Er hatte behauptet, »das Lügen« sei ein Wesenszug der arabischen Kultur. Diese unglaubliche Aussage warf ein bezeichnendes Licht auf ihn selbst – vielleicht lag hierin so etwas wie der psychologische Vorgang der »Projektion«. Projizierte er nicht auf seinen Feind etwas, das seinen eigenen politischen Ideen und Überzeugungen in seinem tiefsten Inneren zugrunde liegt? Ohne Frage erleben die Palästinenser den Zionismus als ein einziges Lügengebäude. [Seite 9]

Was nun ist der Unterschied zwischen einer Lüge und einem Mythos? Während eine Lüge eine absichtliche Falschbehauptung zur bewußten Irreführung darstellt, so mag ein Mythos als eine weit verbreitete, aber falsche Vorstellung gelten, die nicht unbedingt der Irreführung dient. Wenn jedoch, so fährt John Rose fort,

einer Bevölkerungsgruppe […] Ungerechtigkeit und Unterdrückung aufgrund eines Mythos, einer Unwahrheit widerfährt, dann spielt es für sie kaum eine Rolle, ob die Unwahrheit auf Irreführung gründet oder nicht. [Seite 10]

John Rose geht in seinem Buch von der Annahme aus, daß die zionistische Ideologie aus einer Reihe von Mythen besteht. Seine Ausführungen bestehen darin, diese Mythen auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen und zu entmystifizieren. Zurück bleibt Ideologie, nicht mehr. Denn weder könne sich der Zionismus aus der jüdischen Geschichte und Religion herleiten, noch seine Existenzberechtigung aus dem europäischen Antisemitismus. Schon Ben Gurion, einer der israelischen Staatsgründer, war sich dessen bewußt. Für ihn war es unerheblich, ob die zum zionistischen Mythos gehörenden Geschichten und Annahmen wahr oder falsch waren. Hauptsache, viele Juden glaubten daran.

Buchcover John Rose "Mythen des Zionismus"Wir ersehen hieraus, daß der Zionismus eine Art Glaubensvorstellung ist. Insofern ist es fraglich, ob John Rose tatsächlich den Zionismus dekonstruieren kann. Denn Glaubensvorstellungen und Ideologien lassen sich nicht durch rationale Argumente widerlegen. Allerdings ist festzuhalten, daß er dieses Buch sicherlich zu einem anderen Zweck geschrieben hat, nämlich einer interessierten Öffentlichkeit zu verdeutlichen, auf wie haltlosem Boden die zionistische Ideologie steht. Diese Aufgabe erfüllen die über dreihundert Seiten dieses Buches gewiß, auch wenn der eher essayistische Stil seiner Ausführungen oftmals der exakten wissenschaftlichen Fundierung ermangelt.

Ich will allerdings nicht so weit gehen zu sagen, hier stehe Glaubensvorstellung gegen Glaubensvorstellung. John Roses Argumente sind durchaus ernstzunehmen und weitgehend historisch fundiert. Was beim Lesen jedoch mitunter auffällt, ist, daß der Autor sich seine Argumente so aussucht, daß sie auf seinen Schluß hinführen. Wenn wir hier berücksichtigen, daß er in seinem Buch etwa dreitausend Jahre jüdischer Geschichte und Vorgeschichte zusammenfaßt, sollten wir vielleicht etwas Nachsicht üben. Jedenfalls werde ich zum Ende meiner Besprechung dieses gut lesbaren Buches eine etwas andere Schlußfolgerung vorstellen.

Die Mythen des Zionismus lassen sich ganz grob in drei Kategorien einteilen. Erstens: Israels Vorgeschichte beginnt auf dem heiligen Boden Palästinas und läßt sich auf das Reich Davids und Salomos zurückführen. Zweitens: In der Zeit des etwa zweitausendjährigen Exils wurden Jüdinnen und Juden weitgehend feindlich behandelt. Drittens: Die Staatsgründung Israels ist die logische Konsequenz aus dem Holocaust, sie erfolgt auf einem kaum besiedelten Landstreifen. Alle drei Vorstellungen, so John Rose, halten einer Überprüfung nicht stand.

Schon die historische Herleitung aus der Geschichte des antiken Vorderen Orients enthält einige Schwachpunkte. So sehr sich israelische Archäologinnen und Archäologen auch seit mehr als einem halben Jahrhundert bemüht haben mögen, ist es ihnen nicht gelungen, die Existenz des Reiches von David und Salomo nachzuweisen. Als heutiger Stand der Forschung muß festgehalten werden, daß es zwar nicht unmöglich ist, daß es vor dreitausend Jahren Könige dieses Namens gegeben haben mag.

Sollte dem so gewesen sein, können sie allenfalls über wenige Dörfer im Bergland geherrscht haben. Ein Reich Israel vom Sinai bis Damaskus ist hingegen eine Fiktion. Erst Jahrhunderte später entstanden die Reiche Israel und Juda, und selbst diese waren relativ klein und unbedeutend. Ohnehin scheint das größere dieser beiden Reiche, nämlich Israel, lange Zeit nicht der monotheistischen Religion der späteren Zeit angehangen zu haben. Daraus ergeben sich durchaus Konsequenzen für eine ethnische Sichtweise. Wessen Nachfolger leben heute tatsächlich in Palästina? [2]

Auch die Zeit des Exils nach der römischen Eroberung und Zerstörung Jerusalems ist nicht einfach als eine Zeit antijüdischer Feindschaft zu betrachten. Auch wenn John Rose seine Belege nur aus wenigen Jahrhunderten zusammenträgt, so wird hieraus deutlich, daß antisemitische Pogrome oder eine generelle Unterdrückung der Jüdinnen und Juden keine durchgehende Konstante gewesen sind. Im Gegenteil – gerade die Geschichte der arabischen Eroberung Vorderasiens und Nordafrikas und der damit einhergehenden Islamisierung zeigt eher die Tendenz einer religionsübergreifenden Toleranz auf. Vielleicht müßte hier hinzugefügt werden, daß die Unsicherheit des Lebens auch Nichtjüdinnen und -juden betraf und daß Kriege und andere Formen von Ausplünderung und Unterdrückung weitaus eher die Regel darstellten. Dennoch sei festgehalten, daß es Pogrome und antijüdische Maßnahmen gegeben hat.

In diesem Zusammenhang verweist John Rose darauf, daß sich die Menschen beispielsweise des Mittelalters weniger über ihre Religion als über ihre lokale Herkunft definiert haben. So bemerkt der Autor beispielsweise:

Wir erfahren auch, dass die islamische Welt es für selbstverständlich hielt, dass zum Freihandel immer auch die Bewegungsfreiheit der Menschen gehörte unabhängig von Glaubensbekenntnissen und Hautfarbe – ein Prinzip, das auch in der modernen liberalen Welt verkündet, aber nie umgesetzt wird. Heutige Politiker sollten sich die islamische Einstellung zur Immigration gründlich zu Gemüte führen – sie scheint sehr viel zivilisierter gewesen zu sein. [Seite 110]

Die heutigen Politikerinnen und Politiker wissen sehr genau, weshalb sie Europa zur immigrationsfeindlichen Festung ausbauen. Man und frau muß und kann sie nicht mit historischen Beispielen belehren. Ihre Unbelehrbarkeit hat handfeste Gründe, die nicht nur rassistisch motiviert, sondern vor allem ökonomisch begründet ist.

 

Wer wen oder was benutzt

Die Anfänge der zionistischen Bewegung datieren vom Ende des 19. Jahrhunderts. Die Vorstellung einer Ansiedlung in Palästina mußte jedoch erst durchgesetzt werden, sowohl innerhalb der jüdischen Community als auch gegenüber den Kolonialmächten. Das Britische Empire sah sehr bald den Nutzen eines jüdischen Vorpostens zur Sicherung der strategischen Ölreserven.

Hier arbeiteten zwei Interessen Hand in Hand. Auf der Strecke blieb die zahlenmäßig durchaus erhebliche arabische Bevölkerung. Sie wurde systematisch des Landes beraubt, und die jüdischen Siedler benahmen sich häufig so, wie sich die europäischen Siedler auch in anderen Gegenden der Erde aufgeführt hatten. Kein Wunder, daß sie damit den Zorn der dort seit Jahrhunderten lebenden arabischen Bevölkerung heraufbeschworen. Die israelische Staatsgründung ging deshalb mit einer ethnischen Säuberung einher, um das Problem elegant aus der Welt zu schaffen.

Die Vorgeschichte dieser Staatgründung enthält nicht nur in Palästina selbst einige zynische Momente. Dies zeigte sich schon während der Nazizeit und der geringen Bereitschaft der Demokratien des Westens, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Die zionistische Bewegung, welche die Besiedlung Palästinas forcieren wollte, unterstützte die maßgeblichen Politiker im Westen in ihrer Haltung. Ben Gurions Einstellung war hier sehr deutlich:

Wenn ich wüsste, dass es durch Transporte nach England möglich wäre, alle [jüdischen] Kinder aus Deutschland zu retten, durch Transporte nach Palästina aber nur die Hälfte, würde ich mich für Letzteres entscheiden. Denn wir müssen nicht nur das Leben dieser Kinder abwägen, sondern auch die Geschichte des Volkes Israels. [Seite 220–221]

Dieser Zynismus ist jedoch nicht mit einer zuweilen behaupteten Kollaboration mit den Nazis zu verwechseln. Dennoch zeigt die keineswegs allein stehende Aussage Ben Gurions sehr deutlich, daß sich jüdische Politiker in Nichts von denen der übrigen zivilisierten Welt unterscheiden, wenn es darum geht, ihre Ziele durchzusetzen. Nach John Rose

weist der Zionismus einen beunruhigenden und chamäleonhaften Wesenszug auf, eine Bereitschaft, seine besonderen nationalistischen Interessen über die selbstverständliche universelle Aufgabe der Rettung zu stellen, und eine Fähigkeit, Aspekte totalitären Verhaltens seines Peinigers nachzuahmen. [Seite 222]

Dennoch gebe es einen gewichtigen Unterschied zwischen beiden Ideologien.

Zionismus ist nicht dasselbe wie Nationalsozialismus. Ihm lagen keine Auslöschungsabsichten zugrunde, obwohl […] der Zionismus zu völkermordähnlichen Gewaltausbrüchen fähig war und ist. Sicher jedoch hat der Zionismus seinen Ursprung in den Traditionen des europäischen Imperialismus. [Seite 218]

Und das sehe ich dann doch etwas anders. Natürlich ist der Zionismus nicht dasselbe wie die Naziideologie. Auch die in Israel selbst vertretene Position, die israelische Politik benutze zuweilen faschistische Methoden, trifft den Punkt nicht. Richtig ist, daß der Zionismus Teil eines Zeitgeistes ist, der sich mit imperialistischen Methoden zu kolonialisierende Gebiete aneignet. Genau betrachtet handelt es sich jedoch um Methoden kapitalistischer Gewaltausübung. Der deutsche Faschismus ist ebenso Teil dieser imperialistischen Kultur wie die fast vollständige Ausrottung der indigenen Bevölkerungen Lateinamerikas oder Australiens. Der Zionismus ist sozusagen der kleine Bruder. Aber es ist nicht die Ideologie, die eine Wirklichkeit schafft. Die Ideologie ist Ausfluß einer solchen Realität, sie ist der Kleister, der das Handeln legitimiert und begründet.

Insofern widerspreche ich John Rose in Bezug auf die Wirkungsmächtigkeit des Zionismus. Nicht dieser ist das Problem, sondern die zugrunde liegende Gewalt einer kapitalistischen Siedlergesellschaft. Der Zionismus ist eine zu dieser Gewalt durchaus passende Ideologie, aber eben nicht mehr. Selbst seine Dekonstruktion würde das Verhalten nicht ändern, sondern nur die angeführten Gründe und Mythen. Sein Buch zeigt uns daher auf, wie verschroben der Begründungszusammenhang ist, mit dem der Staat Israel und seine Ideologen argumentieren.

Was folgt daraus? Ein neuer Mythos? John Rose berichtet durchaus eindringlich von der Geschichte islamisch-jüdischer Kooperation durch die Jahrhunderte. Ob und inwieweit eine derartige Zusammenarbeit in Zukunft möglich ist, muß hier offen bleiben. Viel hängt davon ab, ob sich die israelische Gesellschaft dieses Problems bewußt wird. Die vom Autor zitierten Stimmen einzelner ehemaliger Zionisten als geläuterte Dissidenten des politischen Mainstreams mögen Hoffnung wecken. Aber es sieht nicht so aus, als würde auf diese Dissidenten gehört werden. Der Autor von Mythen des Zionismus verweist hier nicht von ungefähr auf das südafrikanische Apartheidsregime.

Bevor es durch eine Revolution hinweggefegt worden wäre, beschloß die weiße Führung, sich zu arrangieren. Dem Großteil der schwarzen Bevölkerung hat dies nur bedingt geholfen. Politische Freiheiten und Menschenrechte sind das eine, die kaum veränderten wirtschaftlichen Lebensverhältnisse das andere. Neben der weißen gibt es nun eine schwarze Bourgeoisie. Dies kann man und frau als Fortschritt begreifen, genauso wie einen palästinensischen Staat, der dennoch wirtschaftlich abhängig von seinem mächtigeren Nachbarn bleiben würde. Daß die derzeitigen Verhältnisse untragbar sind, muß ich nicht betonen. Eine Lösung jedenfalls ist der palästinensische Nationalismus nicht. Vielleicht ist eine Lösung unter kapitalistischen Vorzeichen ohnehin eine Illusion.

Ich weiß nicht, ob es weiterhilft: Aber vielleicht wäre es angebracht, den israelisch-palästinensischen Konflikt unter einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Wenn nicht der Zionismus das Problem darstellt, sondern Israels strategische Einordnung in globale Ausbeutungsstrukturen, dann kann die Lösung nur aus dem Inneren dieser Gesellschaft selbst kommen. Die Furcht vor einer arabischen Überfremdung ist sicherlich vorhanden und nach jahrzehntelanger Unterdrückung auch real. Aber so weiterzumachen wie bisher kann nur zu weiterer Zerstörung der Menschlichkeit führen, die sowohl im Judentum wie im Islam, aber auch in laizistischen Bewegungen vorhanden ist. [3]

John Roses Buch Mythen des Zionismus zeigt daher einige – so auch der Untertitel – Stolpersteine auf dem Weg zum Frieden auf. Und es ist nicht wenig, sich mit diesen Mythen auseinanderzusetzen, um sie zu begreifen und sich hiervon nicht vereinnahmen zu lassen. Dies leistet das Buch in der Tat. Es ist vor anderthalb Jahren im Schweizer Rotpunktverlag zum Preis von 24 Euro erschienen. [4]

 

Römische Standortpolitik

Besprechung von : Archäologie in Deutschland, Heft 1/2008, 81 Seiten, € 9,95

In meinem letzten Beitrag für heute verlasse ich die Zeitgeschichte und wende mich der historischen und archäologischen Forschung zu. Das Januarheft der Zeitschrift Archäologie in Deutschland beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit römischen Siedlungen, die als vicus bezeichnet werden und für die es keine adäquate deutsche Übersetzung gibt. Eine dieser im Plural vici genannten Siedlungen lag an der römischen Fernstraße von Mainz nach Ladenburg am Südrand des heutigen Groß-Gerau. Der antike Name dieses vicus ist uns ebensowenig bekannt wie der römische Name der Civitas-Hauptstadt Dieburg.

Cover AiD Heft 1/2008In gewisser Weise können diese vici als ein Vorläufer moderner Städte angesehen werden. Der Begriff bezeichnet für unsere Verhältnisse eher unscharf eine Ansiedlung an einem römischen Kastell, eine Handwerkersiedlung an einem verkehrsmäßig geeigneten Standort oder auch einen Stadtteil einer weitaus größeren Stadt. Rom wurde beispielsweise von Kaiser Augustus in 265 derartiger vici unterteilt. Ein vicus war kein Dorf, da ihm die landwirtschaftliche Komponente fehlte, und zur Charakterisierung als Stadt fehlte ihm formal die Verleihung eines Stadtrechts. Dennoch haben einzelne vici eine herausragende Bedeutung für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Imperium Romanum gehabt.

Kastellvici bildeten sich im Umfeld der römischen Militärlager und dienten der Versorgung der Armee mit den benötigten Gütern. Sie konnten durchaus lukrative Lokalitäten sein, vorausgesetzt der Sold wurde pünktlich ausgezahlt. Fast alle vici dienten als Ort des geldvermittelten Austauschs von Waren und Dienstleistungen. Das Marktprivileg stellte hierbei eine wichtige Voraussetzung für das ökonomische Überleben eines derartigen vicus dar. Die römische Verwaltung konnte mit der zielgerichteten Verleihung dieses Privilegs durchaus das betreiben, was wir heute als Standortpolitik bezeichnen würden.

In der Regel müssen wir uns einen solchen vicus als eine einfache Straßensiedlung vorstellen. Rechts und links einer Durchgangsstraße wurden Häuser errichtet, wobei die zugehörigen Grundstücke mit sechs bis acht Metern Breite recht schmal ausfielen. Da jedoch meist genügend Land vorhanden war, reichten die Parzellen bis zu hundert Metern weit in die Tiefe. Auf diesen Grundstücken wurde eine Kombination von Arbeitsstätte und Wohnbereich errichtet, zur Eigenversorgung konnte auch ein kleiner Garten angelegt werden. Während in manchen vici Steinbauten errichtet wurden, waren andere eher ärmlich und verfügten durch die Jahrhunderte nur über einfache Holz- und Lehmhäuser.

Manche dieser vici wurden gezielt als Handwerkerdörfer errichtet, wobei mehrere Handwerker des gleichen Gewerbes Seite an Seite lebten und produzierten. Ihr Verdienst war bescheiden, denn den Rahm schöpften die finanzstarken Auftraggeber ab. Manche dieser Handwerksbetriebe dienten einer regelrechten Massenproduktion, etwa mit Tonwaren. Für das Töpfervicus beim heutigen Schwabmünchen in Bayern wird ein Produktionsausstoß von rund einer Million Terra Sigillata-Gefäßen pro Jahr vermutet. Das römische Tischgeschirr wurde also nicht vor Ort je nach Bedarf produziert, sondern manufakturmäßig durchorganisiert. Hierbei wurde die Form der zu brennenden Tonwaren auf den Massentransport hin ausgerichtet, sie ließen sich stapeln. Dennoch war die römische Warenproduktion noch weit von der industriellen Produktion kapitalistischer Prägung entfernt.

Mit dem Bau des vicus bei Groß-Gerau wurde gegen das Jahr 75 unserer Zeitrechnung begonnen, als das Kastell errichtet wurde. Im Gegensatz zu den Aquädukt-versorgten römischen Zentren fehlt hier eine zentrale Wasserversorgung. Es scheint so, daß es eine für die Bauherren verbindliche Bauordnung gab, denn das Siedlungsbild zeigt durchaus Parallelen zur Reihenhausbebauung heutiger Wohngebiete. Mit der Fertigstellung des Limes im Odenwald zog gegen 115/120 die im Groß-Gerauer Kastell stationierte Einheit ab. Damit verlor die Siedlung ihre herausragende Bedeutung. Das Zentrum der Region verlagerte sich nach Dieburg. Mindestens bis ins 3. Jahrhundert bestand die Siedlung jedoch weiter.

Weiterführende Links zum römischen Kastell/Vicus in Groß-Gerau

Siehe auch

Neben dem Schwerpunktthema römischer vici stellt die aktuelle Ausgabe von Archäologie in Deutschland byzantinische Höhlenstädte in der Krim und Schätze der Seidenstraße vor. Das Einzelheft kostet 9 Euro 95 und ist beispielsweise in der Bahnhofsbuchhandlung zu erwerben.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Ihr hörtet eine Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt. Ich stellte hierin das Buch von Gilbert Achcar und Michael Warschawski über den Libanonkrieg vor zwei Jahren und ein weiteres Buch von John Rose über die Mythen des Zionismus vor. Zum Schluß besprach ich das aktuelle Heft der Zeitschrift Archäologie in Deutschland.

Diese Sendung wird wiederholt, und zwar in der Nacht von Montag auf Dienstag gegen 23 Uhr 10 [5], sowie am Dienstagmorgen um 8.00 Uhr und am Dienstagnachmittag ab 14.00 Uhr. Das Manuskript zur Sendung werde ich in den kommenden Tagen auf meine Webseite stellen: www.waltpolitik.de. Diese Sendung entstand mit Unterstützung der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Die Übersetzerin hat übersehen, daß die korrekte Amtsbezeichnung von Condoleezza Rice als Secretary of State im Deutschen Außenministerin und nicht Staatssekretärin lauten muß (Seite 59 und 79).

»» [2]   Siehe hierzu das Buch Keine Posaunen vor Jericho von Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman, auf Deutsch erschienen 2002, von mir besprochen am 9. Dezember 2002 in der Sendung Und die Bibel hat doch recht?

»» [3]   Der Satz ist ungewollt doppeldeutig. Ursprünglich gemeint war, daß in beiden Religionen wie im Laizismus die Menschlichkeit im Vordergrund steht. Das kann man und frau jedoch auch anders sehen. Jeder Aberglauben (also die Substanz jeder Religion) enthält auch Elemente der Intoleranz und der Legitimation von Gewalt. Dies gilt erst recht für die (kapitalistische) Moderne, selbst dort, wo sie auf atheistischen Grundlagen beruht. Denn der Kapitalismus ist strukturell Gewalt.

»» [4]   Die Übersetzerin hat einige Male vergessen, bei Eigennamen statt der englischen die deutsche Version zu benutzen. So auf Seite 35 (Uriah statt Urias), Seite 51 (Jerome statt Hieronymus, zufälligerweise auch Schutzpatron der Übersetzer) und auf Seite 89 (Savoy statt Savoyen). Vermutlich eher dem Original ist nachfolgende Seltsamkeit geschuldet: "Es gibt Beweise und eine Erklärung für die dauerhafte, 1000 Jahre währende Ansiedlung von Juden in Babylonien zu jener Zeit bis zur islamischen Eroberung. Die persische Herrschaft wurde der römischen im Allgemeinen vorgezogen." (Seite 297–298) – Nun waren an den ersten fünfhundert Jahren des Exils in Babylonien keine Römer beteiligt, und als diese den Tempel in Jerusalem zerstörten, gab es kein Persisches Reich. Allenfalls für die vier Jahrhunderte vor dem Siegeszug des Islam gab es eine persisch-römische Koexistenz.

»» [5]   Aufgrund einer falsch einprogrammierten Wiederholung des Abendprogramms erst eine Stunde später.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 23. Februar 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet. Die Abbildung der Clusterbomben aus dem südlichen Libanon wurde auf der Webseite des Mine Action Coordination Centers South Lebanon der Vereinten Nationen gefunden.

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