Kapital – Verbrechen

Macht und Geld

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Macht und Geld
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 8. Juli 2002, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 9. Juli 2002, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 9. Juli 2002, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 9. Juli 2002, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochenes und benutztes Buch :
Ernest Mandel : Macht und Geld, Neuer ISP Verlag
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_macht.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Ernest Mandel
Kapitel 3 : Der Staat – der ideelle Gesamtkapitalist
Kapitel 4 : Organisationsfragen
Kapitel 5 : Selbstverwaltung
Kapitel 6 : Schluß

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

In meinen Sendungen am Montagnachmittag – oder in der Wiederholung am Dienstag – spreche ich immer wieder die Defizite, die Ungerechtigkeiten und die Zumutungen unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft an. Nun ist es eine Sache, einen kritischen Blick auf bestimmte Ereignisse zu werfen – etwas auf das Arbeitslosenquälprogramm, aktuell neuaufgelegt durch die Hartz–Kommission. Und natürlich ist es wichtig, die Hintergründe eines derartigen Programms zu beleuchten und zu analysieren. Doch immer bleibt unausgesprochen im Raum stehen, daß es ja eine Alternative geben müßte. Und hier liegt genau das Problem. Jede ernsthafte Gesellschaftsanalyse zeigt, daß der Kapitalismus nicht reformierbar ist. Es kann also nur darum gehen, darüber zu debattieren, ob fünf oder zehn Millionen Kinder aus Profitgründen alljährlich verhungern oder an leicht heilbaren Krankheiten sterben müssen. Oder ob Deutschland seine neuen Kriege aus rein imperialistischen Machtinteressen führt oder mit paternalistischer Menschenrechtsrhetorik. Oder – etwas plakativ – ob wir lieber ein bißchen mehr Schröder, Stoiber oder Westerwelle als Geschirrspüler verwenden möchten. Nun ist dies jedoch keine Alternative, sondern allenfalls derselbe Wahnsinn, nur etwas anders verpackt.

Dabei ist uns allen klar: eine wirklich ernsthafte und auch zu realisierende Alternative ist nicht in Sicht. Die revolutionären Träume der 60er und 70er Jahre sind längst ausgeträumt. Sie waren nicht falsch, vielleicht naiv oder romantisch, aber sie hatten eine Ahnung davon, wie wir selbst, aber auch alle anderen Menschen auf diesem Globus besser leben können. Für die Hälfte der Menschheit geht es sogar darum, überhaupt leben zu können.

Hinzu kommt, daß echte oder vermeintliche Alternativen diskreditiert sind. Die Sowjetunion war sicherlich vieles, aber nicht das Vaterland der Werktätigen. Die DDR war auch nicht gerade dazu angetan, die Menschen von den Vorzügen des Sozialismus oder gar des Kommunismus zu überzeugen. Von Maos China, von Nordkorea oder Albanien einmal ganz zu schweigen. Und Pol Pots Terrorregime in Kambodscha, übrigens gefördert von den üblichen Terrorspezialisten aus den USA, hat noch einmal erschreckend deutlich gemacht, was paternalistisch umgetzte Alternativvorstellungen anrichten können.

Und Kuba? Ich finde es schon drollig, wenn ausgerechnet diejenigen, die in Ländern leben, die es mit den Menschenrechten auch nicht so genau nehmen, den Zeigefinger auf Kuba richten. Natürlich ist dort nicht das Paradies entstanden. Erklär mir doch mal eine oder jemand, wie das gehen soll, wenn die Wirtschaft seit fast einem halben Jahrhundert durch ein Handelsembargo stranguliert wird. Irgendwie kommt es mir so vor, als solle ausgerechnet Kuba unsere Träume vom Paradies erfüllen; und dann sind wir enttäuscht, wenn Kuba unsere Träume nicht erfüllt. Nur eins dürfen wir trotz allem nicht vergessen: gemessen an den kolonialen und neokolonialen Ausbeutungs– und Startbedingungen läßt sich der Lebensstandard der Kubanerinnen und Kubaner am besten mit dem Lateinamerikas vergleichen. Und diesen Vergleich gewinnt Kuba mit haushohem Vorsprung. Und genau das ist den USA und anderen Profitgeiern ein Dorn im Auge. Und genau deshalb werden Menschenrechtsverletzungen haarspalterisch mit der Lupe in Kuba gesucht; und zwar von denen, die selbst täglich über Menschenrechte hinwegtrampeln.

Lesenswert hierzu:

Aber mein heutiges Thema ist nicht Kuba. Mir geht es darum, genauer herauszuarbeiten, warum sich sozialistische Vorstellungen diskreditiert haben. Aber mir geht es auch darum zu zeigen, daß Stalinismus, Sowjetbürokratie und Repression alles andere als notwendige Erscheinungsformen sozialistischer oder gar kommunistischer Vorstellungen sind. Nur eine genaue Betrachtung des wechselseitigen Verhältnisses von marxistischer Theorie und konkreter historischer Praxis kann uns Hinweise darauf geben, wie eine Alternative zum Bestehenden aussehen kann.

Ernest Mandel hat zu diesem Thema Ende der 80er Jahre ein Buch geschrieben, das vor zwei Jahren auf Deutsch erschienen ist. Ich möchte sowohl den Autor wie auch das Buch näher vorstellen, weil ich es wichtig finde, daß wir uns im Klaren sind über Grenzen und Möglichkeiten eines alternativen Projektes zum bestehenden neoliberal ausgerichteten, globalisierten Kapitalismus. Illusionen über die Reformfähigkeit des Kapitalismus mögen sich andere machen. Aber wer sich entweder politisch wehren will oder sogar von einer anderen Welt träumt, sollte solche Illusionen anderen überlassen. Nur Klarheit und Bewußtsein führen zum Ziel. In der Hoffnung, heute ein wenig zur Klarheit beitragen zu können, begrüßt euch Walter Kuhl für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt.

 

Ernest Mandel

Ernest Mandel, der Autor des Buchs Macht und Geld, das ich heute hier vorstellen möchte, wurde 1923 in Frankfurt geboren. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft mußte er mit seiner Familie vor der Nazi–Diktatur nach Belgien fliehen und war dort schon in seiner Jugend politisch aktiv, bevor die Nazis und ihre Wehrmacht das Land im Zweiten Weltkrieg 1940 besetzten. Mandel war im Widerstand aktiv, wurde verhaftet und nach Deutschland deportiert; konnte doch zweimal aus deutschen Zuchthäusern entkommen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Ernest Mandel bis 1963 Mitglied der Wirtschaftskommission des belgischen Gewerkschaftsbundes. 1967 schloß er sein vom Krieg unterbrochenes Studium an der Pariser Sorbonne ab. In Berlin promovierte er mit seiner politökonomischen Studie Der Spätkapitalismus. Eine Berufung zum Professor für Politische Ökonomie an die Freie Universität Berlin verhinderte der damalige Innenminister Hans–Dietrich Genscher durch ein Einreiseverbot.

Ernest Mandel war nicht nur Jude, er war auch Kommunist, schlimmer noch: er gehörte der sogenannten trotzkistischen Bewegung an. Leo Trotzki war bekanntlich der Organisator des bolschewistischen Aufstandes in Petrograd im Oktober 1917 und zusammen mit Lenin die unangefochtene Führungspersönlichkeit der Oktoberrevolution und der frühen Sowjetzeit bis zum Tode Lenins 1924. Stalin schaltete ihn anschließend systematisch aus dem politischen Leben der Sowjetunion aus, verbannte ihn 1929 in die Türkei und ließ ihn 1940 in Mexiko ermorden. Trotzki war seit den 20er Jahren einer der schärfsten Kritiker Stalins, was weniger der Person Stalins, als vielmehr dessen Funktion als Oberbürokrat einer sich bürokratisierenden Sowjetunion galt. Trotzki sah in den 30er Jahren die Notwendigkeit einer neuen politischen Organisation außerhalb der III., also der Kommunistischen Internationale, und so initiierte er den Aufbau einer neuen weltweiten revolutionären Organisationsstruktur – die IV. Internationale. Diese wurde 1938 gegründet und ist bis heute – in mehrere Organisationen gespalten – aktiv, wenn auch ohne größeren Einfluß.

Ernest Mandels Studium an der Pariser Sorbonne und seine Tätigkeit als Führungsmitglied der IV.Internationale fielen in eine Zeit, in der revolutionäre Theorie und Praxis auf fruchtbaren Boden fielen. Der Pariser Mai 1968 jagte nicht nur dem damaligen französischen Präsidenten Charles de Gaulle einen Riesenschrecken ein, als er vorsichtshalber nach Baden–Baden floh. Auch die übrigen westlichen Regierungen hatten mit den Auswirkungen dieses Phänomens zu kämpfen, was gemeinhin als Studentenbewegung bezeichnet wurde, in Wirklichkeit jedoch eine weltumfassende und vor allem nicht auf Studentinnen und Studenten beschränkte Bewegung war. Hierzu zählen ebenso die Ghettoaufstände in den USA oder die Tet–Offensive des Vietcong, der erstmals die US–Herrschaft in Südvietnam nachhaltig erschütterte, als er im Winter 1968 halb Saigon besetzen konnte.

Siehe hierzu auch die Artikel von Winfried Wolf aus der jungen Welt vom 17. und 18. Mai 2000:

Ernest Mandels zahlreiche theoretische Schriften wurden in den 60er und 70er Jahren von denjenigen, die nach einer Alternative suchten, genauso studiert wie auch die Schriften von Marx, Lenin, Trotzki, Mao oder Rosa Luxemburg. Genscher war sich mit seinen Kollegen aus den westlichen Repressionsapparaten darin einig, daß Ernest Mandel ein Drahtzieher des revolutionären Aufbruchs sein mußte. Daher das Einreiseverbot.

Von 1972 bis zu seiner Emeritierung war Mandel Professor an der Freien Universität in Brüssel. Gemessen an der Verbreitung seiner zahlreichen Bücher ist er nach Georges Simenon der erfolgreichste belgische Autor des 20. Jahrhunderts. Ernest Mandel starb 1995.

Bevor ich sein Buch Macht und Geld vorstelle, möchte ich auf sein Gesamtwerk näher eingehen. Denn Ernest Mandel muß als der wahrscheinlich bedeutendste marxistische Politökonom der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts angesehen werden. Seine Einführung in den Marxismus ist eine kleine, kompakte und vor allem für all diejenigen, die eine solide Zusammenfassung der Marxschen Theorie erhalten wollen, die Einführung schlechthin. Das Buch ist übrigens immer noch im Neuen ISP Verlag lieferbar.

Auf Radio Darmstadt ist ab dem 8. Oktober 2003 Mittwoch abends ab 23 Uhr die Einführung in den Marxismus in einer Audiofassung zu hören. Mehr zu dieser Sendereihe HIER.

Mandels zweibändige Marxistische Wirtschaftstheorie erschien 1962 auf Französisch und im Gefolge der Studentenbewegung 1969 im frankfurter Suhrkamp Verlag. Damals war mit marxistischer Theorie tatsächlich Geld zu verdienen. Ernest Mandel analysiert in seiner Marxistischen Wirtschaftstheorie den Kapitalismus und seine Bewegungsgesetze in der Tradition von Karl Marx, Friedrich Engels und Rosa Luxemburg. Dennoch verharrt er nicht einfach in der Begrifflichkeit des 19. Jahrhunderts, sondern analysiert klar und verständlich die Weiterentwicklung des Kapitalismus und seiner Herrschaftsformen im 20. Jahrhundert. Sehr schön wird dies im Klappentext der deutschen Ausgabe dargestellt:

Das Buch läßt sich schwer ignorieren, weder von den bürgerlichen noch von den sozialistischen Fachleuten; es [verdeutlicht mit vielen Beispielen] ein zugleich analytisches und systematisches Denken, das die herrschende Nationalökonomie weitgehend verlernt hat oder im Namen des Bestehenden verschmäht.

Mandels schon erwähnte Promotionsschrift Der Spätkapitalismus erschien 1972 ebenfalls im Suhrkamp Verlag und ist vielleicht seine brillianteste politökonomische Schrift. Hierin entwickelt er die in der Marxistischen Wirtschaftstheorie zusammengefaßten Gedanken weiter und wendet sie konkret auf die erste Weltwirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg Ende der 60er Jahre an. Er nimmt hierbei Bezug auf eine von russischen und marxistischen Theoretikern Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte Theorie der langen Wellen im Kapitalismus. Diese Theorie besagt, daß zusätzlich zu den schon von Marx entdeckten industriellen Zyklen von etwa 7–11 Jahren Dauer es wellenförmige Bewegungen mit Aufschwüngen und Depressionen gibt. Eine solche lange Welle erstreckt sich auf etwa 50 Jahre. 1967 war so gesehen der Gipfelpunkt einer langen Welle, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann und die – der Theorie nach – derzeit enden müßte.

Diesen Gedankengang führte Ernest Mandel in seinem 1980 auf Englisch und 1983 auf Deutsch erschienen Buch Die langen Wellen im Kapitalismus fort. Es handelt sich dabei um die wahrscheinlich systematischste und genaueste Untersuchung eines Phänomens, das gerade in der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft nur sehr ungenau verstanden wird. Mandel ging jedoch noch einen Schritt weiter.

Für ihn war Theorie vor allem in Hinsicht auf ihre Brauchbarkeit für die revolutionäre Praxis wichtig. Das meint nicht, daß die Theorie taktischen Erfordernissen anzupassen sei oder als Legitimationsgrundlage zu dienen hat wie bürgerliche Wirtschaftswissenschaften, so wie sie auch an deutschen Universitäten gelehrt werden – sondern genau das Gegenteil. Die Theorie analysiert, wie die Welt funktioniert, damit die Menschen in ihrer konkreten Praxis daraus die richtigen Schlüsse für ihr Handeln ziehen können. Mandels eigenständiger Beitrag zur Theorie der langen Wellen besteht darin, im Klassenkampf und damit im weltweiten Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit ein wesentliches Element von Dauer und Ausprägung einer langen Welle gesehen zu haben. Eine vergleichbar fundierte Arbeit zu dieser politökonomischen Theorie ist bis heute nicht erschienen.

Zu den langen Wellen im Kapitalismus siehe auch meinen Artikel:
Wider die monokausalen Erklärungen "langer Wellen"!

Doch Ernest Mandel beschäftigte sich nicht nur mit Profitraten und tagespolitischen Artikeln zu Wirtschaftsfragen. Als führendes Mitglied der IV. Internationale verfaßte er auch eine Unzahl von Schriften zu revolutionärer Theorie und Praxis. Mandel wußte um die Wichtigkeit einer exakten Analyse und eines an der Wahrheit geschulten Bewußtseins im Kampf gegen die Illusionen jenes reformistischen Traums, der davon ausgeht, den Kapitalismus besser, schöner und handlicher gestalten zu können.

Doch Mandel hatte auch seine Hobbys. Eines davon war, Kriminalromane zu lesen. Er schreibt dazu – und das verdeutlicht, daß er in allem einen Ansatzpunkt zur Gesellschaftsanalyse gesehen hat:

Ich muß gestehen: Krimis lese ich gern. Ihre Lektüre sorgt offenbar für Entspannung. Wenn man einen Kriminalroman liest, denkt man an nichts anderes; hat man ihn durch, denkt man gewöhnlich nicht mehr über ihn nach. Und dennoch tauchen da Fragen auf: Woher kommt dieser Drang nach Unterhaltung?Warum nimmt er diese spezifische literarische Form an statt beispielsweise die von Tabak oder Alkohol? Welche Art Streß bringt so viele Menschen dazu, Krimis zu konsumieren? Weshalb verbreitet sich dieses literarische Genre erst von einer bestimmten Epoche an? Wie läßt sich erklären, daß der Riesenerfolg des Kriminalromans erst rund ein Jahrhundert nach seiner Geburt einsetzt? [Ein schöner Mord, Seite 9]
Der Krimi ist in erheblichem Maße mit einer "mechanischen" Art des Schreibens verbunden, wobei die Autoren ihre Handlungslinien und Romanfiguren wie am Fließband zusammenbauen, auseinandernehmen und wieder zusammenbauen. Die Persönlichkeit des Autors ist hier also nur insofern wichtig, als es ihn fähig und willens macht, so zu schreiben. Jenen, die es einem Marxisten ankreiden, wenn er Zeit für die Analyse von Kriminalromanen erübrigt, kann ich zur Rechtfertigung letztlich nur entgegenhalten: Der historische Materialismus kann – und sollte – auf alle gesellschaftlichen Phänomene angewandt werden. Keines ist von Natur aus weniger wert, untersucht zu werden, als andere. Der Anspruch dieser Theorie – und der Beweis ihrer Gültigkeit – liegt genau in ihrer Fähigkeit, sie alle zu erklären. [Ein schöner Mord, Seite 10]

Und genau diesen Anspruch hat Ernest Mandel in seiner 1984 auf Englisch und 1987 auf Deutsch verfaßten Sozialgeschichte des Kriminalromans mit dem Titel Ein schöner Mord auch eingelöst. Soviel zu dem Autor des Buches, das ich jetzt vorstellen werde: Geld und Macht.

Einige wichtige und/oder interessante Bücher von Ernest Mandel:
  • Einführung in den Marxismus, Neuer ISP Verlag
  • Marxistische Wirtschaftstheorie, Suhrkamp Verlag, 2 Bände
  • Der Spätkapitalismus, Suhrkamp Verlag
  • Der Sturz des Dollars, Eine marxistische Analyse der Währunskrise, Verlag Olle & Wolter
  • (zusammen mit Johannes Agnoli:) Offener Marxismus, Ein Gespräch über Dogmen, Orthodoxie und die Häresie der Realität, Campus Verlag
  • Revolutionäre Strategien im 20. Jahrhundert, Europaverlag
  • Kritik des Eurokommunismus, Revolutionäre Alternative oder neue Etappe in der Krise des Stalinismus? Verlag Olle & Wolter
  • Leo Trotzki, Eine Einführung in sein Denken, Verlag Olle & Wolter
  • Revolutionärer Marxismus heute, ISP Verlag
  • Die langen Wellen im Kapitalismus, ISP Verlag
  • Karl Marx, Die Aktualität seines Werkes, ISP Verlag
  • Ein schöner Mord, Athenäum Verlag
  • Macht und Geld, Eine marxistische Theorie der Bürokratie, Neuer ISP Verlag

 

Der Staat – der ideelle Gesamtkapitalist

In Ernest Mandels Buch Geld und Macht geht es nicht um Profitraten, lange Wellen oder die übliche Steuerhinterziehung der größten Banken und Konzerne der Bundesrepublik Deutschland. Macht und Geld ist eine marxistische Theorie der Bürokratie. Doch wenn auch Bürokraten als langweilig gelten, so gilt dies nicht für dieses Buches. Macht und Geld verhilft uns zu einem besseren Verständnis von bürokratischen Organen und Entscheidungsstrukturen. Bürokratien und Bürokraten gibt es sowohl in der kapitalistischen Verwaltung, als auch in Gewerkschaften oder den angeblich sozialistischen Ländern, die ja zumeist inzwischen der Vergangenheit angehören.

Ernest Mandels Buch behandelt im Prinzip vier Themenbereiche, die allesamt mit der Bürokratie zusammen hängen. Zunächst fragt er nach der Entstehung von Bürokratien im Kapitalismus. Eine der gängigsten Kritiken an der Bürokratie ist ja, daß der Markt durch staatliche Bürokratien und Vorgaben an seinem segensreichen Wirken gehindert wird. Mandel macht ziemlich deutlich klar, daß erstens Kapitalismus ohne Bürokratie nicht funktionieren kann, und zweitens, daß Bürokraten und Manager nie die Herrschaft des Kapitals gefährden können.

Der zweite Themenbereich fragt nach der Entstehung von Bürokratien in den Organisationen der Arbeiterinnen– und Arbeiterbewegung. Engagierte Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, aber auch ganz normale Gewerkschaftsmitglieder kennen das Phänomen, daß die Gewerkschaftsbosse meist andere Vorstellungen von dem entwickeln, was die Gewerkschaftsbasis gerne umgesetzt hätte. Beispiel: Bündnis für Arbeit. Während die Gewerkschaftsspitzen mit den Konzernmanagern herumkungeln, schauen die Beschäftigten in die Röhre. Ernest Mandel erklärt uns, wie derartige Strukturen entstehen, warum sie teilweise unvermeidlich sind und warum sie dennoch nicht die totale Kontrolle über Gewerkschaften oder andere Bewegungen gewinnen können.

Als dritten Themenbereich behandelt Mandel die Bürokratie an der Macht. Genauer: er fragt danach, warum revolutionäre Parteien, wenn sie mitsamt ihrer Mitglieder die Macht erobert haben, dazu tendieren, bürokratische, repressive, antiemanzipatorische und konterrevolutionäre Apparate auszubilden. Hierbei geht es ihm besonders um die Frage, ob die Entwicklung der Sowjetunion nach der siegreichen Oktoberrevolution unvermeidlich war. Sollte dies nämlich der Fall sein, so ließe sich leicht der Schluß ziehen, daß jede alternative Träumerei, die Wirklichkeit werden soll, vergeblich ist.

Das führt ihn zum vierten Themenbereich. Wie kann eine nachkapitalistische Gesellschaft aussehen? Wie kann vermieden werden, daß bürokratische Strukturen die Oberhand gewinnen und den Sinn und Zweck einer Alternative zum Kapitalismus sabotieren? Ernest Mandel stellt hier ein Modell der Selbstverwaltung vor, das durchaus realistisch und umsetzbar ist. Er zeigt darin auch, daß Manager, Bürokraten, staatliche Behörden und die kapitalistische Profitlogik überflüssig und daher entbehrlich sind. Die einzigen, die darunter leiden werden, sind die Kapitaleigner. Ich denke, die anderen fünfeinhalb Milliarden Menschen können diesen Verlust leicht verschmerzen.

Eine der wichtigsten Rechtfertigungsversuche für staatliche Bürokratien im Kapitalismus besteht darin, ihnen Effizienz und rationales Handeln zu unterstellen. Ernest Mandel weist in seinem Buch Macht und Geld nach, daß dies nur bedingt stimmt. Er legt dar, daß der bürgerliche Staat, so wie er im 18. Jahrhundert in England und im 19. Jahrhundert in Frankreich entstanden ist, bestimmte Funktionen einer kapitalistischen Gesellschaft übernehmen mußte, zu denen das Kapital aufgrund seiner Zersplittertheit und seiner Eigeninteressen nicht in der Lage war.

Grob zusammengefaßt ist die Aufgabe des Staates als ideeller Gesamtkapitalist folgende. Er muß die Existenz des nationalen Kapitals nach innen und außen gewährleisten. Daraus begründet sich das staatliche Gewaltmonopol genauso wie die Existenz von Armeen und Polizei und Justiz. Der Staat ist der Garant der kapitalistischen Ordnung und hat als solcher sowohl seine Untertanen zu angemessener Tätigkeit anzuhalten als auch Grundlagen zu schaffen, die es allen Kapitalisten ermöglicht, gleiche Ausbeutungsbedingungen vorzufinden.

Daher rechtliche Regelungen für den Warentausch (auf gut deutsch: das bürgerliche Gesetzbuch), daher Gesetze und Normen bis hin zur Vereinheitlichung der Rechtsprechung und des Grundsatzes Gleiches Recht für alle. Daß dieses gleiche Recht auf unterschiedlichen Vermögens– und Machtverhältnissen beruht, tut nichts zur Sache, weil es zur Fiktion des gleichen Rechts dazugehört.

Der Staat als ideeller Gesamtkapitalist muß weiterhin eine materielle Infrastruktur für das nationale Kapital bereitstellen. Hierzu gehören Straßen und Eisenbahnen, Schulen und Universitäten, Gerichte und Krankenhäuser. Finanziert werden diese Aufgaben über Steuern, die streng marxistisch betrachtet einen Abzug vom produzierten Mehrwert bedeuten. Diese Umverteilung des Mehrwerts, der als Profit in den Kassen klingelt, ist – gerade in Krisenzeiten – den Kapitaleignern ein Dorn im Auge. Daher sprechen sie heute vom schlanken Staat und sorgen dafür, daß staatliche Aufgaben so privatisiert werden, daß die Kosten nicht mehr aus dem gesamtgesellschaftlichen Mehrwerttopf finanziert werden, sondern von den Löhnen und Gehältern. Daß diese Ausgaben dennoch letztlich dem Profitinteresse untergeordnet werden, versteht sich von selbst. Schlanker Staat bedeutet jedoch nicht notwendigerweise weniger Staat. Es bedeutet nur, daß die Kosten des für die Kapitalverwertung notwendigen Staates neu verteilt und möglichst den Lohnabhängigen, Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängerinnen usw. aufgebürdet werden. Ernest Mandel weist zurecht darauf hin, daß staatliche Bürokratien zwar effektiviert werden können, daß bestimmte Funktionen auch entbehrlich sind, daß die Bürokratie im Kapitalismus jedoch nicht abgeschafft werden kann. Sie ist für das Kapital überlebensnotwendig.

Bürokratien funktionieren nach klar vorgegebenen Richtlinien. Abweichungen vom normalen, genau festgelegten Prozedere sind nicht erlaubt. Deshalb ist es auch völlig unsinnig, von einer Bürokratie Menschlichkeit oder Ausnahmen erwarten zu wollen. Der Sinn der Bürokratie ist es, zielgerichtete Maßnahmen zu treffen, die für alle Betroffenen mehr oder weniger gleich sind. Deshalb ist die Prüfung des Einzelfalls immer eine Prüfung, ob die Normen gelten oder nicht. Es geht nie um menschliche Schicksale.

Bürokratien ersetzen also die Herrschaft von Amateuren durch eine Herrschaft von Experten; sie ersetzen die durch Launen, Gefühle oder Vorurteile ausgeübte Macht mit Macht, die gemäß unpersönlichen, formalen Vorschriften ausgeübt wird [...]. [Macht und Geld, Seite 191]

Das ist nicht einmal die Schuld der Bürokratinnen und Bürokraten. Denn diese werden nach klaren, vorgegebenen und einheitlichen Kriterien zu dem Zweck ausgewählt, zu funktionieren. Das ist ihr Daseinszweck. Ob das rational ist oder gar effizient, ist letztlich eine Frage danach, ob der Kapitalismus, dem die Bürokratie dient, rational und effizient ist. Diese Frage kann eindeutig verneint werden.

Die Struktur dieser Bürokratien – schreibt Ernest Mandel – spiegelt die Hierarchie der bürgerlichen Gesellschaft wider, ohne sie jedoch völlig zu kopieren. Untere, mittlere und kapitalistische Spitzenbürokraten erhalten ganz unterschiedliche Einkommen, genießen ganz unterschiedliche nichtmonetäre Vorteile und haben ganz unterschiedliche Möglichkeiten der Kapitalakkumulation und der Integrierung in die bürgerliche Klasse. Sie werden auch aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten rekrutiert. Aber die extremen Pole der bürgerlichen Gesellschaft reproduzieren sich im kapitalistischen Staatsapparat nicht. Es entstehen keine dauerhaft verarmten proletarischen Schichten und auch keine geheimen Milliardäre – außer in einigen Drittweltländern.
Diesen unterschiedlichen Ebenen der Integration in die bürgerliche Gesellschaft entsprechen unterschiedliche Mechanismen zur Absicherung ideologischer Konformität. Auch wird, wie in der Sowjetbürokratie, aus Funktionalem etwas Soziales und Ideologisches. Ein Gefängnisdirektor ist ein Beamter, der ein Gefängnis verwaltet. Aber kein Wärter kann Direktor werden, und kein Direktor kann Spitzenbeamter im Justizministerium werden, wenn er die unglückliche Eigenschaft hat, Gefangene fliehen zu lassen oder sie gar freizulassen. Kein überzeugter Pazifist könnte Armeechef werden. Die konkreten Mechanismen dieses Ausleseprozesses sind zwar nicht die gleichen wie diejenigen, die Spitzenpolitiker oder Spitzenmanager kapitalistischer Firmen herausfiltern, doch sie sind sehr ähnlich.
Auf unteren Ebenen funktionaler Verantwortung wirkt dieser auf Routine gegründete Konformismus nicht so geschmeidig wie noch vor dem Ersten Weltkrieg. Die sich vertiefende Gesamtkrise der bürgerlichen Gesellschaftsverhältnisse und Werte spielt hier mit hinein. Es kann keine Arbeitsplatzgarantie für Fernsehdirektoren, Lehrer, Professoren, Kirchenführer, Fluglotsen oder selbst Verkehrspolizisten geben, die sich gegen die Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Systems aussprechen. Es hängt von einer Reihe von Umständen ab, ob sie der Androhung von Repressionen widerstehen, ob sie ihren Job verlieren oder behalten. Aber solange das Kapital (das Geld) herrscht, können sie nicht zur Mehrheit in ihrem Beruf werden. Die Funktion schafft sich ihr Organ. Das Organ bleibt bürgerlich. Es hat die Aufgabe, die Reproduktion kapitalistischer Produktionsverhältnisse und der Gesamtbedingungen der Profitrealisierung zu erleichtern. [Macht und Geld, Seite 165–166]

Ernest Mandel verkennt dabei nicht, daß Bürokratien die Tendenz haben, sich selbst neue Tätigkeiten zuzuweisen, also den Apparat aufzublähen, das sogenannte Parkinsonsche Gesetz. Aber: wenn diese aufgeblähte Bürokratie zu viel kostet und/oder ineffektiv im Sinne des Kapitals wird, wird sie gestutzt.

Da der Kapitalismus ein System der Produktion um des Profit willens ist, folgt daraus, daß effiziente kapitalistische Unternehmensbürokratien diejenigen sind, die das Ziel der Profitmaximierung respektieren und sich ihm unterordnen. [Macht und Geld, Seite 190]

Insofern ist eine Bürokratie rational und effizient. Daß sie dabei die Verschwendung von Ressourcen und die Ausplünderung von Menschen und natürlicher Umwelt unterstützt, macht ihren irrationalen Charakter aus. Insofern sind übrigens auch Kriege, Hunger und Folter rationale und effiziente Methoden kapitalistischer Herrschaft. Das Geheimnis bürokratischer Effizienz und Rationalität liegt also darin, ein durch und durch irrationales und ineffizientes System am Leben zu erhalten.

 

Organisationsfragen

Wer sich in einer kapitalistischen Gesellschaft organisiert, um eigene Interessen zu vertreten oder durchsetzen, wer sich organisiert, um die Zumutungen dieser Leistungsgesellschaft zurückzudrängen, oder einfach nur sich organisiert, um für eine bessere Welt zu kämpfen, wird unweigerlich mit der Notwendigkeit einer Organisation konfrontiert, die ebenfalls bürokratische Elemente beinhaltet. Gewerkschaften können nicht ohne Hauptamtliche funktionieren; aber das gilt genauso für Basisbewegungen, soziale und gesellschaftliche Beratungsstellen oder auch ein nichtkommerzielles Lokalradio wie Radio Darmstadt.

Die Herausbildung eines Apparates bringt [jedoch in eine solche Bewegung] ein Schlüsselmerkmal der Klassengesellschaft hinein: die gesellschaftliche Arbeitsteilung. [Macht und Geld, Seite 63]
Mit der Schaffung eines Apparates von Berufsfunktionären, deren Fachwissen nötig ist, um die von der kulturellen Unterentwicklung des modernen Proletariats hervorgerufenen Lücken zu schließen, entsteht das Risiko, daß es in [derartigen] Organisationen eine Aufspaltung zwischen Schichten mit unterschiedlichen Funktionen gibt. Spezialisierung kann in ein wachsendes Monopol an Wissen, an zentralisierter Information münden. Wissen ist Macht, und ein Monopol an Wissen führt zur Macht über Menschen. [Macht und Geld, Seite 64]

Wenn Ernest Mandel hier von kultureller Unterentwicklung schreibt, dann bezieht er sich auf die Entstehung eigenständiger Organisationen der Arbeiterinnen und Arbeiter im 19. Jahrhundert. Dennoch ist richtig daran, daß Wissen auch Macht in Strukturen ist, die eigentlich darum kämpfen, daß ihnen Wissen und Macht nicht vorenthalten wird. Und wer vom Selbstverständnis her basisdemokratische Strukturen in den letzten drei Jahrzehnten erlebt hat, dürfte genügend Erfahrungen mit informellen Herrschaftsstrukturen gemacht haben.

Eine der wichtigsten Organisationen in diesem Land sind die Gewerkschaften, selbstverständlich ein vollbürokratisierter Apparat. Nur – das Problem besteht ja auch darin, eine Organisationsstruktur am Leben zu erhalten, die möglichst effektiv die Interessen der arbeitenden Menschen vertritt. Daß die Interessen der Arbeitslosen weniger vertreten werden, ist eine Dummheit, aber typisch. Daß die in den Gewerkschaften Organisierten meist wie strategische Massen hin– und hergeschoben werden, ist schon keine Dummheit mehr, sondern hat Methode.

Die Arbeiter – schreibt Ernest Mandel – sind nicht dumm. Sie bemerken, was vorgeht. Sie sehen, daß sich Organisationen, die sie unter großen Anstrengungen und Opfern geschaffen haben, in kritischen Belangen ihrer alltäglichen Existenz gegen sie wenden. Sie fühlen sich verraten. Ihnen stellt sich die Frage: "War es diese Anstrengung wirklich wert?" Ihre Antwort ist kein eindeutiges "Nein". Sie identifizieren sich weiterhin zum Teil mit diesen Organisationen, vor allem, wenn sie vom Klassengegner angegriffen werden. Von Zeit zu Zeit üben Teile der Arbeiterschaft Druck aus, um einen Teil der Entscheidungsbefugnis in diesen Institutionen wieder zu übernehmen. Aber ihre Grundhaltung bleibt skeptisch. Wer zwei–, drei– oder viermal verraten wird, zieht automatisch negative Schlüsse. Ein fünftes Mal soll es nicht geben. [Macht und Geld, Seite 75]

Das läßt sich übrigens prima am Spannungsverhältnis zwischen einer Streikbereitschaft, die durchaus da ist, und massenhaften Austritten aus den Gewerkschaften zeigen. Und – nur um das klar zu machen – ohne Gewerkschaften mit einer gewissen Verhandlungsmacht sähe der neoliberale Durchmarsch in diesem Land ganz anders aus. Andererseits ermöglicht die ganz konkrete Gewerkschaftspolitik – beispielhaft im Bündnis für Arbeit – das lockere Voranschreiten neoliberaler Politik mitsamt des entsprechenden Gedankenguts.

In meiner etwas aktiveren Gewerkschaftszeit hatte ich eine Auseinandersetzung mit meiner Ortsverwaltung in Reutlingen. Ich habe hierdurch schriftlich den Inhalt der Gedankenwelt eines stellvertretenden Gewerkschaftssekretärs erhalten, den ich euch nicht vorenthalten möchte. Er schreibt:

Aufgrund meiner Erfahrungen [...] ist mir bekannt, daß die Basis an sich niemals kampfbereit ist. Auch dann nicht, wenn das Vorfeld nicht auf "Kompromiß" angelegt ist. Da gehört ein gerüttelt Maß an Einsatz und Aufklärung durch Funktionäre, die auch funktionieren, hinzu.

Also – hier haben wir das Credo jedes Bürokraten: Die Aufgabe von Funktionären ist es, zu funktionieren. Einen anderen Daseinszweck haben sie nicht. Dazu schreibt Ernest Mandel in seinem Buch Macht und Geld:

Die relative Passivität der Arbeiter in den Massenorganisationen – die größtenteils aus der Praxis und Politik der Bürokratie resultiert –

(denn auch die Arbeiterinnen und Arbeiter haben zu funktionieren)

bietet dem Apparat ein zusätzliches Element der Selbstrechtfertigung. "Ihr seht", sagen sie, "die Arbeiter sind passiv. Sie sind rückschrittlich. Wenn wir nicht für sie die Arbeit machen, würde die Gewerkschaft oder die Partei [...] zusammenbrechen." Der hier vorliegende Sophismus wird schnell offensichtlich, wenn die Arbeiter aktiv, sogar über–aktiv werden, vor allem im Massenstreik oder in vorrevolutionären Ausbrüchen. Dann tun die Bürokraten [...] alles in ihrer Macht stehende, um die Bremse zu ziehen. Sie spalten die Arbeiterklasse, sie arbeiten mit dem Klassenfeind zusammen, um den Kampf zu beenden oder gar zu unterdrücken. [Macht und Geld, Seite 75]

Was Mandel hier vorträgt, ist in der Tat die Essenz über hundertjähriger Gewerkschaftspolitik in aller Welt, aber zuweilen auch hierzulande. Gewerkschaftsmitglieder, die sich einer linken Tradition verpflichtet fühlen, wissen, wovon ich rede. Denen sage ich hier auch nichts Neues. Dennoch ist es wichtig zu verstehen, daß nicht irgendein korrupter Apparat eine Bewegung manipuliert, sondern daß das Problem in jeder Selbstorganisation zumindest im Kleinen vorhanden ist. Der einzige Schutz davor ist bewußtes Handeln und – Klassenkampf.

Nun gibt es in der Geschichte der Arbeiterinnen– und Arbeiterbewegung ein weitaus größeres Problem. Die Existenz der Sowjetunion, der DDR (die übrigens nicht so schlecht war, wie ihr Ruf – es ist eben doch eine Frage der Verfügbarkeit der Massenmedien, welche Propaganda zieht), weiterhin der Volksrepublik China oder der kleineren Satellitenstaaten hat ganz gewiß nicht dazu beigetragen, sozialistische Perspektiven in einem glänzenden Licht zu betrachten.

Ernest Mandel untersucht in seinem bürokratiekritischen Buch Macht und Geld daher auch ausführlich, ob die Entwicklung der Sowjetgesellschaft und des Stalinismus zwangsläufig waren, gar unvermeidlich, und ob der Marxismus dazu beigetragen hat. Dieser Teil seines Buches setzt auf jeden Fall ein historisches Vorverständnis voraus. Mandel argumentiert hier auf der Grundlage von historischen Ereignissen, die sich mit oder aus der Oktoberrevolution entwickelt haben, ohne sie näher auszuführen. Vielleicht ist dies der Schwachpunkt seines Buches. Andererseits sollten wir von einem solchen Werk auch nicht erwarten, die Geschichte der Menschheit (oder zumindest die Geschichte der frühen Sowjetzeit) im Zeitraffer noch einmal kurz dargestellt zu bekommen. Wichtig daran ist jedoch, daß Mandel anhand ausgewählter Zitate und konkreter politischer Ereignisse darlegen kann, daß der von Lenin und Trotzki gewählte Weg, ein völlig unterentwickeltes und kriegszerstörtes Land in eine sozialistische Zukunft zu führen, eben nicht zwangsläufig im Stalinismus enden mußte.

Anfang der 20er Jahre standen mehrere Entwicklungswege offen. Nur die konkrete Situation eines rückständigen Landes erklärt die Herrschaft der Bürokratie, angeführt vom Oberbürokraten Stalin. Aber weder Marx noch der Marxismus, und nicht einmal Lenin und Trotzki sind hierfür verantwortlich zu machen. Und schon gar nicht die Planwirtschaft. Mandel arbeitet in seinem Buch einen interessanten Gedankengang heraus:

Nicht die der Planung innewohnende Natur hat die [Aufblähung] der Sowjetbürokratie hervorgebracht, sondern die Macht der Bürokratie hat in der UdSSR und ähnlichen Gesellschaften besondere Formen der Planung hervorgebracht. [Macht und Geld, Seite 46]

Und wenn Ernest Mandel von besonderen Formen der Planung spricht, dann verweist er darauf, daß Planwirtschaft weder Verschwendung noch Diktatur bedeuten muß. Und damit bin ich beim vierten und letzten Thema seines Buches Macht und Geld angelangt. Denn Mandel geht zurecht davon aus, daß eine asoziale Gesellschaft wie der Kapitalismus keine Existenzberechtigung hat. Doch wie kann eine andere (sozialistische) Gesellschaft aussehen?

 

Selbstverwaltung

Mandel entwirft in seinem Schlußkapitel Grundzüge einer Gesellschaft, die auf Selbstverwaltung und demokratischer Kontrolle der Planung beruht. Zurecht hält er demokratische Prozeduren im Kapitalismus für eine Farce, weil eine Abwahl des Kapitalismus selbstverständlich nicht vorgesehen ist. Sollte es jemals dazu kommen, müßte der Staat als ideeller Gesamtkapitalist tätig werden. Das heißt nicht, daß die demokratischen Rechte unerheblich sind, sondern daß sie nicht ausreichen.

Mandel entwirft daher das Bild einer selbstverwalteten Gesellschaft, in der Produzentinnen und Konsumenten, und zwar auf globaler Ebene, über die Produktion einer ausreichenden Menge an Gütern für alle Menschen dieser Erde entscheiden. Was als Utopie daherkommt, hat jedoch einen rationalen Charakter. Was könnte schon irrationaler sein als die organisierte Verschwendung im Kapitalismus? Was könnte mörderischer und tödlicher sein als die Konkurrenz der Kapitale und die Sicherung von Märkten und Rohstoffquellen?

Sicher, auch eine demokratische Planung will gelernt sein. Aber Planung an sich ist kein Hexenwerk. Daß sie in der Sowjetunion oder in der DDR nur unzureichend funktioniert hat, lag an ihrem undemokratischen Charakter. Und wenn wir berücksichtigen, daß selbst im Kapitalismus geplant wird, aber natürlich!, dann liegen Methoden und Handwerkszeug sozusagen auf der Straße und müssen nur noch von den Produzenten und Konsumentinnen angeeignet werden.

Worin lägen die Vorteile? Es würden keine Geräte mehr mit eingeplantem Verschleiß produziert werden. Giftstoffe am Arbeitsplatz und in Lebensmitteln wären nicht mehr notwendig, weil ja nicht für den Profit produziert werden würde. Auch Luxusvillen und berliner Stadtschlösser, Hochseeyachten, Formel Eins Rennwagen, sowie Kriegsgerät aller Art wären überflüssig. Und dann reichen die Ressourcen dieses Planeten locker aus, allen Menschen ein Leben zu ermöglichen, das fernab von den eingeplanten zehn Millionen hungertoten Kindern [pro Jahr] liegt.

Ernest Mandel diskutiert selbstverständlich die Stärken und Schwächen seines Modells. Natürlich ist auch ihm klar, daß ein gewisses Maß an Egoismus und vor allem an Fehlern unvermeidlich sein wird. Aber was kann es schlimmeres geben als diese [unsere heutige] Gesellschaft? Nein – er zeigt klar auf, daß eine demokratisch planende, selbstverwaltete Gesellschaft wesentlich besser, effektiver und rationaler ist als das irrationale Chaos im Kapitalismus.

Das einzige, was er uns nicht verrät, ist, wie wir dahin kommen. Aber da ist unsere eigene Phantasie gefragt. Und dann hat das Buch von Ernest Mandel noch einen weiteren Nachteil. Es kostet Geld, etwas, was in einer sozialistischen Gesellschaft überflüssig sein würde. Macht und Geld, geschrieben von Ernest Mandel, ist im Neuen ISP Verlag erschienen und kostet 21 Euro 50.

Achso: Schlangen in Supermärkten würde es auch nicht mehr geben. Weil – die sind ja nur dazu da, um unser Geld abzugreifen. Rechnet doch einfach mal nach, wieviele Tage, ja sogar Wochen eures Lebens ihr in Supermarktschlangen ertragen müßt. Was für eine Verschwendung. Und die gibt es nur im Kapitalismus. Eine rationales und effektives System eben.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Fragen, Anregungen oder Kritik könnt ihr wie immer auf meine (damals noch funktionsfähige) Voice-Mailbox bei Radio Darmstadt aufsprechen. Die Telefonnummer lautet (06151) für Darmstadt, und dann die 87 00 192. Oder ihr schickt mir eine Email an: kapitalverbrechen <at> alltagundgeschichte.de. Das Sendemanuskript dieser Sendung werde ich in den nächsten Tagen ins Internet einstellen; und zwar bei www.waltpolitik.de.

Die nächste Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte könnt ihr am Dienstag um 18 Uhr 05 hören, nämlich Jadran, unsere Sendung in serbischer Sprache und mit jugoslawischer Musik. Und dann am Mittwoch abend ab 19 Uhr gibt es RadaR Stripped. Bei Radio Darmstadt geht es jetzt weiter mit der Kulturredaktion und Gehörgang. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 20. September 2009 aktualisiert.
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