Kunst am Bau
Verspielte Kunst auf dem Vorplatz zum Musen­tempel der bürger­lichen Ideologie. Hier: vor dem Staats­theater in Darmstadt. [1]

Kapital – Verbrechen

Für andere zu arbeiten ist nicht witzig

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 22. August 2011, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 22./23. August 2011, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 23. August 2011, 05.10 bis 06.10 Uhr
Dienstag, 23. August 2011, 11.10 bis 12.10 Uhr

Zusammenfassung:

Brennendes Eigentum, zerbrochene Scheiben der Selbstbespiegelung, bornierte Charaktermasken und Schüsse auf die Opposition künden von der herrschenden Gewalt, die nur zu gerne Brot und affirmative Spiele schenkt. Hiergegen regt sich Widerstand, der eine ganze Bibliothek gegen Vergessen und für eine andere Zukunft hervorgebracht hat.

Besprochenes Buch:

Willi Baer / Karl-Heinz Dellwo (Hg.) : Paris Mai 68, Laika Verlag

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Zucht und Schauspiel 

Jingle Alltag und Geschichte

Der entfesselte Kapitalismus des Jahres 2011 kann sich einer Sache sicher sein. Er trifft nur selten auf organisierte Gegenwehr. Er trifft noch seltener auf eine bewußte, selbstbewußt handelnde Gegenwehr, die in der Lage ist, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Neoliberale Dummheit und Borniertheit prägen die politischen Debatten, und da ist es unerheblich, ob diese Dummheit oder Borniertheit im grünen, gelben, wachsweich-rosaroten oder gar schwarzen Orangenlager zu finden ist. Diese Dummheit und Borniertheit ist eine Charaktermaske, also eine Attitüde, ein Image, und ohne jeden Charakter. Dies liegt nicht an der schlechten Erziehung der Akteure oder an mangelnder Ausbildung, schon gar nicht an den Genen. Es ist das Geheimnis des Kapitalismus selbst. Das rastlose Streben nach Profit (nicht zu verwechseln mit Gier), weil es das Lebenselixier mörderischer Verlogenheit bedeutet, bereitet den Nährboden für platteste Dummheit und bornierte Verantwortungs­losigkeit. Nach mir die Sintflut.

Gewiß – die hiervon Drangsalierten, Ausgegrenzten und Verhöhnten lassen sich nicht alles gefallen. Auch wenn ihre Gegenwehr plump, unpolitisch und irrational erscheinen mag, so besitzt sie doch einen tieferen Sinn, den zu ergründen ganze Journalisten­horden ausgesandt werden, um mit sozial­therapeutischen Fachleuten den abgrundtiefen Haß einer marginalisierten Welt durchzuhecheln. Tagelang brannte in englischen Städten das Feuer der Empörung, das, weil es eben auch disparat war, vor der Aneignung fremden Eigentums nicht Halt machte. Nun ist, einem bekannten Bonmot zufolge, Eigentum Diebstahl; und in der Tat ist jedes kapitalistisch erworbene Vermögen Diebstahl, und sei es der Diebstahl fremder Arbeitskraft, um sie auszubeuten.

Dem britischen Regierungschef David Cameron fiel dann auch nichts Besseres ein, als den Haudegen von Zucht und Ordnung, den ehemaligen Polizei­präsidenten von New York, zu Hilfe zu rufen. William J. Bratton, so heißt der Junge, hatte die bei Konservativen so beliebte Geschichte verbreitet, daß, wer zerbrochene Fenster duldet, der Verslumung der Gesellschaft Vorschub leiste. Zwar sind dessen Heldentaten auch schon angestaubt, weil Gammelware aus dem letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends. Aber das macht nichts: Hauptsache, wir greifen durch. Die Polizeiserie The District soll von dieser Geschichte beeinflußt worden sein; schließlich läßt sich konservativer Ordnungsmüll auch medial zweitverwerten.

David Camerons konservative Ader schlug auch bei seiner zweiten Idee durch: solche Unruhen können ja nur durch schlechte Erziehung hervorgerufen worden sein. Deshalb müssen unterprivilegierte Familien in Zukunft mit mehr sozialpädagogischer Repression rechnen. Es macht eben einen Unterschied, ob Reiche die Welt ausplündern oder Arme einen Supermarkt. – Derzeit regt sich das Bürgertum mitsamt seinen ideologischen politischen und medialen Geschmacklosigkeits­verstärkern darüber auf, daß in Berlin Nacht für Nacht Autos brennen. Das ist ja auch schlimm, schlimmer jedenfalls, als unschuldige Afghaninnen abzuknallen oder mit einem Schuldendiktat Hunderte von Millionen Menschen kaltschnäuzig verarmen zu lassen, damit deutsche und andere Konzerne und Banken ihren Profit aus der Verschuldung Griechenlands, Zyperns, Italiens, Spaniens, Portugals oder Irlands (ganz abgesehen von der „Dritten Welt“) ziehen können.

Nun brennen in Berlin Autos und im Odenwald Hütten. Ob es da einen Zusammenhang gibt?

In Spanien demonstrieren seit Monaten Hunderttausende gegen die miserable Wirtschaftslage, Korruption und Bereicherung, und jetzt auch gegen den Unsummen verschlingenden Auftritt seiner Heiligkeit, den Ideologie­produzenten der knabenliebenden Religiosität. In Chile geht die Jugend gegen das sozial ungerechteste Bildungssystem Lateinamerikas auf die Straße; und das Imperium schießt zurück. In Philadelphia werden Jugendliche abends gleich ganz weggesperrt, weil sie nicht sozial angepaßt konsumieren wollen.

Am Samstag vor einer Woche demonstrierten in Darmstadt Polizistinnen und Polizisten gegen die schlechte Bezahlung im aufopferungs­vollen Einsatz gegen eine Gewaltbereit­schaft, die ihre strukturellen Wurzeln im Gefüge dieser ganz und gar bürgerlichen Gesellschaft hat. Es macht sicherlich keinen Spaß, sich mit den Auswüchsen einer Gesellschaft herumzuplagen, die durch neoliberale Atomisierung aus den Fugen geraten ist. Und doch hilft hier keine bessere Ausrüstung, obwohl – wenn der Politik nichts mehr einfällt, die sozialen Konflikte, die sie selbst herauf­beschworen hat, zu befrieden, dann setzt sie eben auf Gewalt. Das ist die einzige Sprache, die eine gut organisierte kapitalistische Klassenpolitik wirklich versteht. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Nun – Darmstadt hat ganz andere Probleme. Schenken wir den Lilien (mehr als) eine halbe Million, weil sie es endlich geschafft haben, zumindest für ein Jahr der Viertklassigkeit zu entgehen, oder nicht? Benötigt das Staatstheater wirklich eine neue Tonanlage für ähnlich viel Geld? Nun, mir kann das ja egal sein, womit sich die lokale Elite selbst beschenkt. Erstens werde ich nicht gefragt und zweitens muß ich doch Verständnis für derartige Nöte haben. Geld ist für derartige Ausgaben nämlich immer dann vorhanden, wenn der Nutzwert von Brot und Spielen den wirtschaftlichen und politischen Entscheidungs­trägern einleuchtet. Doch andererseits – das bürgerliche Theater, und um nichts anderes handelt es sich ja beim Staatstheater, ist eine Ideologiefabrik.

Egal ob mit klassischer Vorbildung oder modernisierten Tanzeinlagen – es handelt sich um die Zurschaustellung der Selbstver­gewisserung einer bürgerlichen Gesellschaft. Es provoziert vielleicht einmal den einen oder anderen Widerspruch, aber es verläßt die Grundfesten einer auf Ausbeutung und daraus resultierendem Profit beruhenden Gesellschaft nicht; ganz zu schweigen von einem emanzipatorischen Umgang mit Geschlechter­fragen. Diese in allen schauspielerischen Lebenslagen durchschimmernde Affirmation bestehender gesellschaftlicher Zustände kostet halt Geld. Ich finde, die lokale Kleinbourgeoisie und ihre Bündnis­partnerinnen dürfen ruhig einmal erleben, was es für Millionen von Menschen bedeutet, wenn sie einmal etwas darben müssen. Und sei es, weil das Mikrofon ausfällt. Ist es wirklich wichtig zu verstehen, was auf der Bühne getuschelt wird? Stellt euch einfach einmal einen schlechten Film vor, dessen Wirkung allein auf Toneffekten beruht; und dreht diesem Film den Ton ab. Dann wird das ganze Lächerliche deutlich, das aufgesetzt und pantomimenhaft als Laienschauspiel daherkommt.

 

Die Laientruppe und die Bundestruppe

Apropos Laienschauspiel – die Laienschau­spieltruppe, die zuweilen im Sendehaus mit der Studio- und Sendetechnik herumspielt, hatte sich für meine letzte Sendung vor zwei Wochen einen besonders schalen Kalauer ausgedacht. Damit meine ich nicht die Tierfreundin Selin Erisken aus der Redaktion Blickpunkt vor Ort, die in der Originalaus­strahlung am Montag der Meinung war, ein Referat über neoliberale Geschlechter­politik sei etwas, was am besten am Mischpult mit dem Anhören einer Katzensendung zu stören sei, zumal diese Sendung nicht einmal von selbiger Redakteurin stammte [2]. Nein – vor zwei Wochen hatte ich in einer kurzen Anmerkung die Herren der Studio- und Sendetechnik angesprochen, deren absonderliche Einfälle immer wieder meinen Podcast verhunzen, den ich aufgrund eines absurden Hausverbots auf einer handelsüblichen CD einreichen muß.

Mit dem ungestörten Abspielen selbiger CD sind die Herren Techniker von Radio Darmstadt dann offenkundig häufig überfordert. In der Wiederholung meines letzten Podcasts am Dienstagmittag vor zwei Wochen gefiel einem dieser Spielkinder im Sendehaus meine berechtigte Kritik an diesem Murks nun überhaupt nicht. Also tat dieses Spielkind das, was Kinder, die sich nicht zu helfen wissen, gerne tun: es plärrte. Beziehungsweise: es öffnete einen Regler für ein plärrendes Geräusch, in der Hoffnung, meine kritische Anmerkung damit erfolgreich zensieren zu können. Allein – ach hören wir da doch einfach einmal hinein.

Die Hörprobe

Mit nebenstehendem Player kann die aufgezeichnete Sequenz angehört, welche im Sendehaus von Radio Darmstadt verunstaltet wurde. Die zusätzlich zutage tretende Verzerrung meiner Stimme ist der besonders intelligenten Einstellung des Expanders / Kompressors / Limiters im Sendehaus geschuldet. Die Spielkinder haben sich für viel teures Geld ein Spielzeug gekauft, welches sie besonders gekonnt einsetzen, um genauso zerquetscht zu klingen wie manche ihrer kommerziellen Vorbilder.

Also, ich finde diese absurde Intervention geradezu genial. Echte Künstler sind das eben bei Radar.

Als absurd, aber durchaus konsequent, ist auch die Intervention der Darmstädter Agentur für Arbeit am Antikriegstag, also am 1. September [2011], zu bezeichnen. Soll da doch eine Informations­veranstaltung für eine Unteroffiziers­laufbahn bei der Bundeswehr stattfinden. Jungen Menschen ohne Perspektive oder Beschäftigung soll das Mörderspiel, 'tschuldigung: der Friedenseinsatz, der bedauerlicherweise leider ohne Kollateralschäden nicht auskommt, schmackhaft gemacht werden, das (den) sie ja schon von ihren heimischen Spielekonsolen her kennen. Im Grunde genommen sollte die Computerspieletruppe von Radio Darmstadt dort ebenso auflaufen, um sich Anregungen für den meuchelnden Einsatz gegen die virtuellen Feinde ihres komplett entfremdeten Daddelzwangs zu holen. Der Veranstaltungsflyer der Darmstädter Arbeitsagentur zeigt uns vier schnuckelige Jugendliche, die nur darauf warten zu erfahren, was sie in einer neoliberal durchgestylten Wahnwelt so alles erleben können: Ein Herr Schott, seines Zeichens Wehrdienstberater, klärt auf über:

Die Laufbahn des Unteroffiziers/der Unteroffizierin mit zivilberuflichen Ausbildungs­möglichkeiten: Verwaltungs- und Dienstleistungs­berufe, gewerblich-technische Berufe, Heil- und Pflegeberufe.

Wobei hier sicherlich nicht die Afghaninnen und Afghanen geheilt und gepflegt werden sollen, die nach einem eigens herbeigeführten Überfall aus der Luft ganz zivilberuflich abgemurkst werden. Aber das wichtigste kommt, nachdem die ersten Hemmschwellen durch wohlklingende zivilisatorische Worthülsen überwunden wurden, wie so häufig, am Schluß:

Der 2. Teil der Veranstaltung informiert über die Möglichkeit, einen freiwilligen Wehrdienst bei der Bundeswehr zu absolvieren.

Das ist doch was! Spaß und Abenteuer. Fremde Länder sehen, fremde Kulturen zerstören, ich meine: einverleiben. Was wird es dort geben: Panzer für die schnuckeligen Jungs vom Cover des Veranstaltungsflyers, während die Mädchen rollenkonform die psycho­therapeutischen Aufräumarbeiten ableisten dürfen? Nun – solcherlei gibt es am Antikriegstag um 14.30 Uhr bei der Agentur für Arbeit am Groß-Gerauer Weg zu erleben. Logisch, für derartige Idiotien ist immer Geld da. Oder macht der Referent einen auf „bürgerschaftliches Engagement“, ganz ohne Knete?

Allenthalben hörten wir noch vor wenigen Wochen, daß der Aufschwung da sei. Das mag schon sein. Bemerkenswert ist hingegen, daß die Propheten geschönter Arbeitslosen­zahlen ihren eigenen Worthülsen so gar nicht recht Glauben schenken wollen. Die Börse zuckt, daß es mir eine wahre Freude ist, auch wenn ich weiß, daß die nächste Scheinblüte wohl kommen wird. Der Chef der Arbeitslosenstatistik­verschönerungsagentur namens Frank-Jürgen Weise verstieg sich gar zu der Behauptung, daß der Arbeitsmarkt sich in diesem und auch im kommenden Jahr günstig entwickeln werde. Mag sein. Die Lohnsklaverei bei Zeitarbeits­firmen oder anderen Formen prekärer Arbeit wird sicherlich erblühen. Aber daß er heute schon weiß, was übermorgen geschieht, bringt mich auf den Gedanken, ihm ein Geschäft vorzuschlagen. Er sagt mir die Lottozahlen des kommenden Jahres voraus und ich beteilige ihn am Gewinn. Da muß ich mir doch glatt überlegen, ob ich die Millionen und Abermillionen, die ich dann abkassieren werde, ausgerechnet an der Börse verjubeln will.

Genug der sarkastischen Worte über die Übel dieser Welt.

 

Ein Generalstreik und zwei Generäle

Eine auf Ausbeutung beruhende Welt kann keine friedliche sein. Die ihr eigene strukturelle Gewalt zwingt Menschen zu den absurdesten Verrenkungen, um zu leben, ja zu überleben. Aber sie wehren sich auch. Ihr Widerstand kann unscheinbar bleiben, er kann sich jedoch auch unter gewissen historischen Konstellationen auf eine Weise Bahn brechen, die unerwartet daherkommt und nach einer Erklärung verlangt. Dabei ist es nicht so wichtig, eine sezierende Analyse dergestalt vorzunehmen: „Wie konnte es nur dazu kommen?“ Dies überlassen wir besser den Handlangern der Macht. Für uns sollte es wichtig sein, die Mechanismen zu begreifen, um intervenieren zu können, damit diese Welt durch eine menschliche ersetzt wird.

Eine ähnliche Perspektive nimmt die seit vergangenem Jahr im Hamburger Laika Verlag herausgebrachte Edition ein, die den plakativen Titel „Bibliothek des Widerstands“ trägt. Heike Demmel von Radio Z in Nürnberg stellt uns diese Bibliothek näher vor.

Zum übernommenen Radiobeitrag

»»  Zum Podcast mit der Vorstellung der „Bibliothek des Widerstands“ durch Heike Demmel. Länge etwa 8:43 Minuten.

Besprechung von : Willi Baer / Karl-Heinz Dellwo (Hg.) – Paris Mai 68. Die Phantasie an die Macht, Bibliothek des Widerstands, Band 16, Laika Verlag 2011, 216 Seiten plus 2 DVD mit 3 Filmen, € 29,90

Im Juli erschien in dieser „Bibliothek des Widerstands“ der Band über den Pariser Mai 1968. Dieser Pariser Mai war insofern ein ungewöhnliches Ereignis, als er die französische Politik für kurze Zeit hilflos dastehen ließ. Mit Parolen wie „Die Phantasie an die Macht“ und „Es ist verboten zu verbieten“ gingen Millionen auf die Straße oder schlossen sich einem Generalstreik an, wie ihn Europa seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hatte. Die Grundfesten der bürgerlichen Gesellschaft wackelten, aber sie fielen nicht.

Ähnlich wie im neoliberal gewendeten Deutschland wird auch in Frankreich der Versuch unternommen, diesen Aufstand der Massen kulturalistisch zu entpolitisieren. Man oder frau gesteht den Ereignissen vor über vier Jahrzehnten zu, frischen Wind in eine vermuffte Gesellschaft hineingetragen und sie somit modernisiert zu haben. Individualismus und Hedonismus seien hieraus hervorgegangen und – so zumindest die konservative Lesart – hätten Moral, Familie und Jugend zutiefst erschüttert. Die Anklage gegen die 68er lautet daher, sie seien dafür verantwortlich, daß Jugendliche nicht mehr strebsam seien, daß Familien ohne Väter auskommen, daß Leistung keinen Wert mehr besitze. Dabei verkennen diese zumeist konservativen Ideologen, daß es ihre eigene bürgerliche Gesellschaft selbst gewesen ist, welche die Fundamente der alten Ordnung untergraben hat. Der Neoliberalismus ist so betrachtet nicht nur das legitime Kind kapitalistischer Klassenpolitik, sondern auch Zerstörung und Neuver­kleisterung in einem.

Das Buch über den Pariser Mai 1968 legt jedoch eine vollkommen andere Lesart nahe. Im Gegensatz zum Sponti-Spruch eines längst grün-bürgerlich gewendeten Daniel Cohn-Bendit – „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ – lag 1968 unter dem Pflaster der Aufruhr, der Streik. Während die aus trotzkistischer Perspektive geschriebenen Aufsätze über die historische Bedeutung des Pariser Mai 1968 etwas in Worte zu fassen versuchen, was für die Kinder des Neoliberalismus vollkommen fremd und befremdend sein muß, geben die drei dem Buch auf zwei DVDs beigelegten Filme einen anderen, visuellen Aufschluß über die Tragweite der damaligen Revolte. Allein der in einem dieser Filme vorkommende Satz „Für andere zu arbeiten ist nicht witzig“ sagt mehr als tausend Analysen. Nein, es ist nicht witzig, fremdbestimmt auf Knopfdruck zu funktionieren. Die neoliberalen Kinder der Spaß­gesellschaft scheinen diese Fremd­bestimmung nicht einmal mehr zu bemerken.

Der im vergangenen Jahr verstorbene Daniel Bensaïd, einer der Aktiven von damals, schrieb dreißig Jahre nach dem Mai 1968 einige richtige und nachdenkliche Worte über eine Jugend, die in Deutschland wohl mit Helmut Kohl groß geworden ist:

Diejenigen, die im Jahr 2000 das Alter von zwanzig Jahren erreichen, haben zehn Jahre seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebt. Sie kennen kamm etwas anderes als den Liberalismus mit unmenschlichem Antlitz. [3]

Umso bemerkenswerter muß es erscheinen, daß auch diese neoliberale Wahn­gesellschaft immer wieder Jugendliche hervorbringt, die sich diesem Wahn nicht unterwerfen wollen. Dies liegt nicht an schlechter Erziehung, fehlenden Vätern oder mangelhafter Schulbildung, sondern an den Verhältnissen selbst.

Buchcover Paris Mai 68 Doch was war der Mai 1968 wirklich? In der Tat handelte es sich um eine Revolte, eine Revolte, die von einer kleinen Universität in Nanterre ausging, die Sorbonne erfaßte und durch die Hilflosigkeit des Apparates, der auf seine bewaffneten Schergen zurückgriff, die Lunte für die kommende Explosion legte. Doch diese intellektuelle Revolte fand nicht in einem Niemandsland statt. Wie auch bei den übrigen kapitalistischen Metropolen endete 1967 die lange Phase der Prosperität seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Arbeiterinnen und Arbeiter sahen sich zum einen in ihren Jobs bedroht, wollten aber zum anderen endlich auch materiell von dem Kuchen abhaben, den sie gebacken und den die Bourgeoisie jahrzehnte­lang gefuttert hatte. Streiks und Betriebs­besetzungen häuften sich. Der Mai war der Kulminations­punkt dieser Entwicklung.

Es sollen zehn Millionen Menschen einem Generalstreik gefolgt sein, der durch die Kollaboration von sozial­demokratischen und kommunistischen Parteien und Gewerkschaften mit der gaullistischen Regierung hintertrieben wurde. Doch entscheidend war das Fehlen einer revolutionären Führung, die auf der Höhe der Zeit war. In gewisser Weise gibt es eine Ähnlichkeit zur Finanzkrise. Als das gesamte Bankensystem vor dem Kollaps stand und die weltweite Bourgeoisie händeringend nach einem Ausweg suchte, gab es keine Kraft, die intervenieren und die ganze Bäckerei übernehmen konnte.

Daniel Bensaïd und sein Freund und Genosse Alain Krivine stellen uns die Akteure, ihre Träume, aber auch ihre Beschränkungen vor. Nach fast einem halben Jahrhundert zurückblickend läßt sich jedoch auch sagen, daß diese Revolte mit ihren Streiks und Demonstrationen womöglich der letzte Akt einer industriell geprägten Arbeiterklasse gewesen ist und der Vorbote von etwas ganz Neuem. So dröge die Filme im einzelnen erscheinen mögen, beim genauen Zuhören und Zusehen erkennen wir die manchmal nur zaghaften Versuche der Akteurinnen und Akteure, ihre Fesseln zu lösen und als eigenes Subjekt zu handeln. Es ist frappierend, wenn eine Universitäts­vorlesung den bürgerlichen Kultur- und Kunstbegriff desavouiert oder eine Bäuerin keinen Widerspruch darin sieht, militant und gewalttätig der Gewalt der Ausbeutung zu widerstehen, aber gleichzeitig den konservativen General de Gaulle zu wählen.

Selbiger war von der Revolte derart irritiert, daß er Ende Mai 1968 sogar nach Baden-Baden floh und sich mit dem Gedanken trug abzudanken. In Baden-Baden waren französische Truppen unter dem General Jacques Massu stationiert. Dieser General war kriegserfahren, er hatte die Landung in der Normandie 1944 mitgemacht, wurde in Saigon eingesetzt und schlug in der Schlacht von Algier 1957 mit aller Brutalität den Aufstand der algerischen Befreiungsfront nieder. Massu versicherte de Gaulle seiner Loyalität; und es wäre nicht das erste Mal in der französischen Geschichte gewesen, wenn das Militär eine Revolte der arbeitenden Bevölkerung niedergeschlagen hätte. Auf Anraten Massus kehrte de Gaulle nach Paris zurück und regierte in der Folgezeit mit Verboten und Verhaftungen.

Die Bourgeoisie zeigt immer ihr wahres Gesicht, wenn es ihr an den Geldbeutel geht. Der intellektuelle Kampf um die Vorherrschaft der Deutung der Pariser Ereignisse, die durchaus auch auf die französische Provinz ausstrahlten, wird seither mit aller Entschiedenheit geführt. Wenn Nicolas Sarkozy vor vier Jahren erklärt hat, endgültig mit „68“ aufräumen zu wollen, und nichts anderes als Arbeit, Familie und Vaterland anzubieten hat, dann drückt sich in dieser Ordnungs­vorstellung die Angst der Bourgeoisie vor der Revolte aus. Die streikende Unordnung, der Sturz von Autoritäten und die Zerstörung althergebrachter Hierarchien, all dies bedeutete einen Schock für die bürgerliche Wohl­gefälligkeit. Dazu Daniel Bensaïd und Alain Krivine:

In Wirklichkeit haben die Entstehung eines Individualismus ohne Individualität, eines Hedonismus ohne wirkliche Freude, eines egoistischen Trends des »Jeder bleibt für sich« überhaupt nichts mit den Erfolgen des Mai 1968 zu tun, sondern mit seinem Scheitern und der daraus folgenden Regression. Im Gegensatz dazu war der Mai 1968 ein großer Augenblick der Solidarität. [4]

Hinzuzufügen wäre, daß bei den gewalttätigen Zusammen­stößen im Quartier Latin die dortigen Bewohnerinnen und Bewohner auch dann solidarisch mit den gegen die brutale Repression der kasernierten Polizei kämpfenden Studentinnen und Studenten blieben, als ihre Autos abbrannten. In Deutschland völlig undenkbar.

Bibliothek des WiderstandsEine Dimension der Kämpfe von 1968 taucht zwar immer wieder in den Texten kurz auf, wird jedoch nicht vertieft. Abgesehen davon, daß in Texten und auch in den Filmen fast nur Männer das Wort führen und die Entstehung einer Frauen­bewegung erst noch bevorstand, sollte erwähnt werden, daß der Pariser Mai 1968 selbstverständ­lich kein isoliertes, kein auf Frankreich begrenztes Ereignis gewesen ist. Anfang 1968 führten die Vietnamesinnen und Vietnamesen die imperialistische Supermacht USA geradezu vor, mußten jedoch anschließend einen hohen, tödlichen Preis dafür zahlen. In Prag begann zaghaft ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu entstehen, der im August durch die Panzer der vereinigten Bürokraten erstickt wurde. In den USA brannten die Ghettos, und überall auf der Welt besetzten Studentinnen und Studenten ihre Universitäten, nicht etwa, um besser zu erlernen, wie man und frau durch den Erwerb von Herrschafts­wissen viel Geld verdienen kann, sondern sie stellten die bürgerliche Wissenschaft als Herrschafts­wissenschaft in Frage. In Mexiko wurden sie im Vorfeld der Olympischen Show deswegen dann auch einfach abgeknallt.

In Frankreich gab es kurze Momente der Einheit von Studenten und Arbeiterinnen. Hierin lag eine ungeheure Sprengkraft. Doch diese Revolte besaß keinen langen Atem, erst recht keine Führung, die auf der Höhe der Bewegung war. Die Krise des Kapitalismus geht seither weiter. Das Problem der Übernahme der Bäckerei stand 1968 auf der Tagesordnung; und die Revolte war nur der Auftakt.

„Paris Mai 68“ ist ein nicht einfach zu lesendes Buch mit erst nicht einfach zu sehenden Filmen. Ohnehin sollte man oder frau dies nicht allein im stillen Kämmerlein tun. Dennoch vermitteln Buch und Film mehr als nur eine Ahnung von dem, was 1968 zumindest für kurze Zeit die Welt in Atem hielt. Das Buch „Paris Mai 68. Die Phantasie an die Macht“ ist im Laika Verlag zum Preis von 29 Euro 90 erschienen.

Vermutlich werde ich in der nächsten Woche auf diesem Sendeplatz das in dieser Reihe erschienene Buch über Mumia Abu-Jamal vorstellen.

Weitere Informationen zum Verlagsprogramm könnt ihr unter www.laika-verlag.de finden. – Eine etwas andere Perspektive nimmt das Redaktionsteam von „Lorettas Leselampe“ beim Freien Sender Kombinat in Hamburg zur „Bibliothek des Widerstands“ ein. Die folgende Besprechung wurde dort vor zwei Monaten ausgestrahlt.

Zum übernommenen Radiobeitrag

»»  Zum Podcast mit der Vorstellung der „Bibliothek des Widerstands“ in „Lorettas Leselampe“. Länge etwa 21:30 Minuten, der Beitrag selbst ist 33:03 Minuten lang.

 

Den ideologischen Rahm abschöpfen

Ich danke Heike Demmel und der Redaktion von „Lorettas Leselampe“ für ihre Beiträge, die sie mir über den Programmaus­tausch des Bundesverbandes Freier Radios zur Verfügung gestellt haben. Radar, der Trägerverein von Radio Darmstadt, hat diese Organisation freier Radios – so die Begründung – aus „ideologischen Gründen“ verlassen. Umso erstaunter bin ich, daß Radio Darmstadt immer wieder auf Beiträge dieses Programmaustauschs zurückgreifen muß, um die Lücken in seinem dann eben nicht selbst gestalteten Programm zu kaschieren. Da werden ganze Sendungen kommentarlos heruntergeladen und hier eingespielt, natürlich ohne jeden Dank an die Redakteurinnen und Moderatoren aus anderen Radios, die etwas mehr Arbeit und Energie für ihre Sendungen aufgebracht haben, als die Absahner aus dem Sendehaus im mitunter nur leidlich funktionierenden Hinterhof­studio am Steubenplatz.

Die Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt ist hingegen nicht ohne Grund Mitglied des Bundesverbandes Freier Radios. Sie hält weiterhin Vorstellungen hoch, die im neoliberalen Mainstream des hiesigen Lokalradios längst verwässert, nein: abgeschafft worden sind. Vielleicht paßt ein solches Lokalradio in eine Stadt mit grünschwarzer Regierung. Allein – hier noch so etwas wie Emanzipation erwarten zu wollen, wäre töricht. Haus- und Sendeverbote sind der exakte Ausdruck einer Vereinspolitik, die nicht durch Argumente überzeugen kann und auch nicht will, sondern mangels eigener Inhalte zu Mitteln der Repression Zuflucht nehmen muß. Ihr hörtet heute die 500. Sendung von Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

»» [1]   Zu dieser Scheibe gab es am 14. Oktober 2011 eine neckische Pressemeldung der Stadt Darmstadt: „Im Rahmen einer Eigen­initiative wurde die Pomodoro-Scheibe am Theaterplatz von Freiwilligen gesäubert und poliert.“

»» [2]   Ein im Internet herum­geisterndes Foto dieser Tierfreundin zeigt eine liebe junge Frau, die – wie ich hinzufügen möchte – nicht für die Eskapaden der Vereinspolitik des Radar e.V. verantwortlich ist.

»» [3]   Daniel Bensaïd : Unter dem Pflaster liegt der Streik, in: Willi Baer (Hg.) : Paris Mai 68, Seite 129–140, Zitat auf Seite 136.

»» [4]   Daniel Bensaïd und Alain Krivine : Der Hass auf 68, in: Paris Mai 68, Seite 163–167, Zitat auf Seite 165.


Diese Seite wurde zuletzt am 15. Oktober 2011 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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