Kapital – Verbrechen

Ernest Mandel

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Ernest Mandel
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 26. Juli 2004, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 26. Juli 2004, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 27. Juli 2004, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 27. Juli 2004, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochenes und benutztes Buch :
Gilbert Achcar (Hg.) : Gerechtigkeit und Solidarität – Ernest Mandels Beitrag zum Marxismus, Neuer ISP Verlag
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_mandl.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Undogmatischer revolutionärer Humanismus
Kapitel 3 : Leben und Werk
Kapitel 4 : Eine Moral gegen die Gier
Kapitel 5 : Eine lange Welle kommt selten allein
Kapitel 6 : Sind Bürokraten Verräter?
Kapitel 7 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Von Oktober letzten Jahres bis zum Mai diesen Jahres habe ich am späten Mittwochabend um 23 Uhr einen Text vorgelesen – und zwar die Einführung in den Marxismus von Ernest Mandel [1]. Der Autor dieser kleinen Schulungsbroschüre, die bis heute sieben Auflagen erlebte und immer noch gelesen wird, war einer der bedeutendsten marxistischen Theoretiker des 20. Jahrhunderts. Insbesondere durch seinen Klassiker aus dem Jahr 1972 – Der Spätkapitalismus – bewies er, daß die marxistische Wirtschaftstheorie besser als jede andere imstande ist, den Kapitalismus und seine Widersprüche in ihrer Gesamtheit zu begreifen.

Ernest Mandel, geboren 1923 in Frankfurt, flämischer Jude und Internationalist, war jedoch kein trockener Schreibtischgelehrter. Sein Lebensinhalt war der Aufbau einer weltweiten revolutionären Bewegung; und es ist eher eine Ironie der Geschichte, daß er diese Bewegung in einer kleinen unscheinbaren Organisation suchte – der IV. Internationale. Diese Organisation war 1938 von Leo Trotzki gegründet worden, der korrekterweise analysiert hatte, daß die III. Internationale, die als Folge der Oktoberrevolution entstanden war, vollkommen dem stalinistischen Dogma des Sozialismus in einem Land untergeordnet war. Doch so klein diese Organisation war und zudem noch in verschiedene Strömungen gespalten, so darf dennoch nicht übersehen werden, daß sie in den 60er und 70er Jahren in einzelnen Ländern eine gewisse Rolle gespielt hat. Ernest Mandel wirkte 50 Jahre lang im Führungsgremium dieser Organisation. Seine theoretischen Arbeiten hatten immer auch damit zu tun, der Bewegung ein theoretisches Fundament für ihre praktische Arbeit zu liefern. Gleichermaßen sprachen seine Texte auch Außenstehende an, gerade weil sie sich wohltuend von erstarrten Denkmustern unterschieden und dazu aufforderten, sich kritisch mit dem Erbe der Marx'schen Theorie auseinanderzusetzen.

Ernest Mandel starb am 20. Juli 1995. Ein Jahr später fand in Amsterdam ein wissenschaftliches Kolloquium über Ernest Mandels Beitrag zur Erforschung des Marxismus statt. Die dort vorgetragenen Beiträge wurden letztes Jahr von Gilbert Achcar unter dem Titel Gerechtigkeit und Solidarität im Neuen ISP Verlag herausgegeben. Diese Beiträge verdeutlichen die Bedeutung Mandels und zeigen zudem, daß dessen theoretisches Werk noch heute lohnt, zur Kenntnis genommen und gelesen zu werden.

Wenn ich heute das von Gilbert Achcar herausgegebene Buch vorstelle, dann geht es mir dabei um zweierlei. Zum einen um der Autor Ernest Mandel und sein Werk, zum anderen um die damit verbundenen theoretischen Erkenntnisse und praktischen Schlußfolgerungen. Weit davon entfernt, verstaubt zu sein, ist der Marxismus durchaus immer noch in der Lage, die heutige Welt begreifbar zu machen und zu zeigen, daß diese Welt nicht das Ende der Geschichte darstellen muß. Allerdings kommt dieses Ende nicht automatisch von alleine, sondern hängt von unserer praktischen Tätigkeit ab.

Gerechtigkeit und Solidarität ist daher bestens geeignet zu zeigen, daß das Gerede von der Überholtheit der Marx'schen Theorie oder gar des Sozialismus entweder absoluter Unkenntnis entspringt oder ideologisch motiviert ist. Wer sich ernsthaft mit Mandels Beitrag zum Marxismus auseinandersetzt, kommt nicht daran vorbei, Position zu beziehen – für oder gegen den herrschenden Kapitalismus, für Entfremdung und Ausbeutung oder für Emanzipation und Solidarität. Das war auch einer der Gründe, welcher mehrere Mitglieder der Redaktion Alltag und Geschichte bewogen hatte, den Text der Einführung in den Marxismus einfach vorzulesen.

Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist am Mikrofon Walter Kuhl. Das Sendemanuskript zu dieser Sendung wird in den kommenden Tagen auf meiner Homepage zu finden sein: www.waltpolitik.de.

Auszug aus der Einleitung zur Sendereihe :

Manche der im Buch vertretenen Positionen lassen sich nach heutigem Wissensstand nicht mehr aufrecht erhalten. Wir gehen davon aus, daß Ernest Mandel seine Einführung heute – ein Vierteljahrhundert nach der französischen Erstausgabe – sicher anders schreiben würde. Denn ein Kennzeichen seines Marxismus war es, offen für neue Erkenntnisse zu sein. Deshalb haben wir den Text, der heute vorgelesen wird, unverändert und unkommentiert stehen gelassen. Wir halten unsere Hörerinnen und Hörer für intelligent genug, ihre eigenen emanzipatorischen Schlüsse hieraus zu ziehen.

 

Undogmatischer revolutionärer Humanismus

Bei der Einführung in den Marxismus handelt es sich um eine Schulungsbroschüre für – wie Mandel selbst bemerkte – junge Aktivisten und Arbeiter, um ihnen dazu zu verhelfen, die marxistische Theorie und Dialektik besser verstehen zu können. Als ich im Herbst und Winter des vergangenen Jahres daran ging, den Text für eine Hörfassung durchzuarbeiten, mußte ich oftmals unwillkürlich den Kopf schütteln über manch krude Vereinfachung der Marx'schen Theorie. Allerdings ist hierbei zu berücksichtigen, daß bei einem Text von gerade einmal 238 Seiten zwangsläufig so manche Feinheit verloren geht.

Wir haben in der Redaktion Alltag und Geschichte bei der Produktion der Hörfassung [2] jedoch bewußt jeder Folge den vorhin gehörten Vorspann vorangestellt. Damit wollten wir einerseits dokumentieren, daß wir nicht jeden Satz und jede Argumentation unterstützen, aber andererseits wollten wir darauf hinweisen, daß Mandels Marxismus alles andere als dogmatisch erstarrt war. Wir gehen tatsächlich davon aus, daß der Autor durchaus in der Lage war, neuere Erkenntnisse einzubauen.

Der Soziologe Michael Löwy spricht hierbei von Mandels revolutionärem Humanismus; und ich denke, dies ist auch wichtig herauszustellen. Mandel ging – ähnlich wie Rosa Luxemburg, aber auch schon Karl Marx – davon aus, daß die Menschen selbst in der Lage sind, eine befreite Gesellschaft aufzubauen.

Hierbei kommt ihnen zugute, daß schon die jetzige kapitalistische Gesellschaft genügend Güter und Möglichkeiten produziert, um allen Menschen dieser Erde ein in materieller Hinsicht sorgenfreies Leben zu verschaffen. Der Skandal ist, daß es im Kapitalismus nur dann auf die Befriedigung dieser Bedürfnisse ankommt, wenn sie sich profitabel verwerten lassen. Nur deshalb sterben jedes Jahr Millionen Kinder an Hunger oder leicht heilbaren Krankheiten, werden Kriege geführt oder rückständige Gesellschaftsstrukturen wie patriarchale Familien, religiöser Fanatismus, Frauenunterdrückung oder Lohnsklaverei am Leben erhalten. [3]

Mandel wußte darum, daß eine Gesellschaft, die sich selbst von unnötiger Plackerei befreien konnte, auch die Grundlagen emanzipatorischen Handelns bereit stellt. Eine weitgehende Automatisierung der Produktion ist hierzu unerläßlich. Dabei schoß Mandel jedoch zuweilen über das Ziel hinaus, etwa wenn er in der Kernfusion eine Möglichkeit sah, sich unabhängig von begrenzten fossilen Rohstoffen zu machen [4]. Dennoch ist die Einführung in den Marxismus eine Möglichkeit, sich davon zu überzeugen, welches theoretische und praktische Potential die marxistische Theorie auch heute noch bietet.

Doch bevor ich näher darauf eingehe, einige Worte zu Mandels Biographie.

 

Leben und Werk

Der 1923 geborene Ernest Mandel schloß sich früh der belgischen Arbeiterbewegung an, bevor deutsche Truppen 1940 Belgien überfielen und dem jungen Mandel nach Deutschland deportierten. Er konnte zwei Mal aus deutschen Zuchthäusern entkommen. Dennoch äußerte er Jahrzehnte später einmal in einem Interview, daß er beinahe glücklich darüber gewesen sei, nach Deutschland deportiert worden zu sein, denn er erwartete, sich im Zentrum einer zukünftigen Revolution zu befinden. Doch die Mehrheit der Deutschen wollte sich gar nicht von den Nazis befreien, zumindest solange nicht, wie deren Vernichtungspolitik erfolgreich zu sein schien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war er bis 1963 Mitglied der Wirtschaftskommission des belgischen Gewerkschaftsbundes, 1967 schloß er sein vom Krieg unterbrochenes Studium an der Pariser Sorbonne ab. Doch schon 1960 beendete er die Arbeiten an seinem ersten großen Buch, das 1962 als Marxistische Wirtschaftstheorie auf Französisch und 1968 auf Deutsch erschien und das seine Berühmtheit als international bekannter marxistischer Wirtschaftswissenschaftler begründete. Er zeigte durch eine gründliche Analyse, daß die wesentlichen Thesen von Marx immer noch Gültigkeit besaßen. Dennoch war er mit dem Ergebnis unzufrieden, nicht weil es falsch gewesen wäre, was er geschrieben hatte, sondern weil der Nachkriegskapitalismus einer eigenen gründlichen Aufarbeitung bedurfte. Hierbei wandte er sich der Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelten Theorie der Langen Wellen des Kapitalismus zu, sicherlich auch beeinflußt durch Trotzkis Beschäftigung mit diesem Thema in den 20er Jahren. Doch Mandel ging weit über Trotzki hinaus und entwickelte die bis heute wahrscheinlich einzig aktuelle und konsistente Fassung einer Theorie langfristiger kapitalistischer Entwicklung. [5]

Aspekte dieser Theorie flossen in sein 1968 erschienenes Buch Die EWG und die Konkurrenz Europa–Amerika ein, das heute natürlich überholt ist. Aber mit diesem Buch warf er dennoch hellsichtig den Blick auf die dem Kapitalismus eigenen Krisentendenzen und die damit verbundene verschärfte Konkurrenz zwischen den Wirtschaftsblöcken.

Grundlegend hingegen bliebt bis heute das wohl wichtigste Buch Mandels, das 1972 mit dem Titel Der Spätkapitalismus erscheinen sollte. Er brachte hierin die langen Wellen des Kapitalismus mit der Marx'schen Theorie des tendenziellen Falls der Profitrate zusammen. Marx entwickelte im III. Band des Kapital den Gedankengang, daß die gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate aufgrund der Reallohnbewegung und der zunehmenden Automatisierung zwangsläufig fallen müsse, daß es jedoch auch entgegenwirkende Tendenzen gebe. Daher ging er von einem tendenziellen Fall aus, nicht von einer absoluten Abwärtsbewegung.

Mandels Buch ist auch nach drei Jahrzehnten neoliberaler Globalisierung immer noch lesenswert und zum Verständnis kapitalistischer Krisen, der Rüstungswirtschaft oder staatlichen Handelns außerordentlich erhellend. Es ist gewiß kein Zufall, daß gerade dieses Buch für mich Anlaß war, mich genauer mit der Marx'schen Theorie zu befassen.

Mandel schrieb in den fünfzig Jahren seines Schaffens eine derart große Zahl von Aufsätzen, Artikeln und Büchern, daß es wohl selbst den Rahmen einer Doktorarbeit sprengen würde, eine komplette Bibliographie zu erarbeiten. Dabei wagte er sich durchaus auch an etwas abseitige Themen; so veröffentlichte er 1984 auf Englisch und 1987 auf Deutsch eine Sozialgeschichte des Kriminalromans mit dem Titel Ein schöner Mord.

Ein eigenes den langen Wellen gewidmetes Buch erschien 1980 auf Englisch und 1983 auf Deutsch. Das Besondere an dieser Weiterentwicklung seiner theoretischen Analyse war, daß er eine Beziehung zwischen den langen Wellen und Zyklen des Klassenkampfes herausarbeiten konnte. Damit untermauerte er seine Ansicht, daß im Kapitalismus zwar grundsätzlich auf jede Prosperitätsperiode eine depressive Phase folgen muß, aber umgekehrt nicht zuletzt der Klassenkampf entscheidet, ob es eine neue expansive lange Welle geben wird.

Zeit seines Lebens beschäftigte sich Ernest Mandel jedoch auch mit den Gesellschaften, die sich selbst sozialistisch nannten. Als Trotzkist war er davon überzeugt, daß es sich um degenerierte bürokratische Arbeiterstaaten handelte, die weder kapitalistisch noch sozialistisch zu nennen waren. Dabei kritisierte er scharf die Thesen eines sogenannten Marktsozialismus, weil er davon ausging, daß in einer sozialistischen Planwirtschaft die Menschen selbst demokratisch und verantwortungsbewußt über die Verteilung von Ressourcen, Arbeitszeit und des produzierten Reichtums entscheiden würden. Ein Markt schien ihm hierzu nicht nur überflüssig, sondern aufgrund der damit verbundenen Entfremdungstendenzen einer warenförmig organisierten Gesellschaft in emanzipatorischer Hinsicht ungeeignet.

Um das Phänomen bürokratischer Herrschaft in den realsozialistischen Staaten und den Reformismus von Arbeiterparteien und Gewerkschaften besser verstehen zu können, schrieb er eine marxistische Theorie der Bürokratie, die 1992 auf Englisch und erst nach seinem Tod im Jahr 2000 als Macht und Geld auf Deutsch erschienen ist [6]. Ernest Mandel starb im Juli 1995.

Nun war Mandel gewiß kein theoretischer Schreibtischgelehrter. Er schrieb, um etwas zu bewirken. Sein Wirken trachtete danach, viele – vor allem junge – Menschen davon zu überzeugen, daß es sich nicht nur lohnt, für eine bessere Welt zu kämpfen, sondern daß diese bessere Welt auch möglich und erstrebenswert ist. Für ihn war dies durchaus eine moralische Frage. Deshalb lautet der Titel des Sammelbandes zum Amsterdamer Kolloquium nicht zu Unrecht Gerechtigkeit und Solidarität. Doch war Mandel sich bewußt, daß ein moralisches Fundament alleine nicht ausreicht, um eine bessere Welt zu begründen.

Die marxistische Theorie ist es, die wissenschaftlich begründet, warum es Klassengesellschaften, Ausbeutung und Herrschaft gibt, und die auch begründet, wie diese unappetitlichen Erscheinungsweisen der Geschichte beseitigt werden können. Dies mag ein Grund dafür gewesen sein, daß der damalige Bundesinnenminister Hans–Dietrich Genscher 1972 ein Einreiseverbot aussprach, um zu verhindern, daß Mandel an die Freie Universität Berlin zum Professor für Politische Ökonomie berufen werden konnte. Für die deutschen Behörden galt Mandel aufgrund seiner Tätigkeit in der IV. Internationale als Drahtzieher der 68er Bewegung.

 

Eine Moral gegen die Gier

Ernest Mandel kritisierte den Kapitalismus ähnlich wie Marx als ein unmenschliches System. Dies war eines seiner wesentlichen Argumente für den notwendigen Kampf gegen dieses Gesellschaftssystem und seine revolutionäre Abschaffung. Denn der Kapitalismus ist nicht reformierbar. Zwar bezog sich auch Mandel auf die Marx'sche These von der zivilisatorischen Rolle des Kapitals und dessen Beitrag zum menschlichen Fortschritt. Doch sah er zugleich, daß dieser Fortschritt der Produktivkräfte immer begleitet war von Zerstörung und Leid. Die regressive und inhumane Natur des Kapitalismus äußert sich in der Verstümmelung des menschlichen Lebens und des Potentials für Freiheit, Freude und Solidarität.

Denn der Kapitalismus erzeugt Ausbeutung, Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Er produziert systemnotwendig Armut, Hunger, Gewalt und Entfremdung. Gerade das von Marx herausgearbeitete Konzept der Entfremdung, also der Versklavung der Menschen unter die Produkte ihrer eigenen Arbeit, ist eines der zentralen Elemente von Mandels Kapitalismuskritik. Diese Entfremdung ist Ausdruck der Gesetzmäßigkeiten der Warenproduktion, in der nicht nur die produzierten Waren den Menschen als ihnen äußerliche Ware gegenübertreten, sondern auch die Menschen untereinander selbst. Warenbeziehungen prägen unser Leben. Indem die Menschen es durch die Entwicklung der Produktivkräfte geschafft hatten, sich von den Zwängen der Natur zu befreien, unterwarfen sie sich einer sozialen Organisation, die sie nicht durchschauen und die ihr Handeln weitgehend mitbestimmt. Die kapitalistische Entwicklung schafft und reproduziert somit die verallgemeinerte Käuflichkeit und den Warencharakter des menschlichen Lebens. Alles wird auf dem Markt gekauft und verkauft.

Dadurch verkümmern persönliche Beziehungen, diese Warenbeziehungen verhindern echte Zuneigung und Solidarität. Egoismus, Individualismus, Wettbewerb und die Gier bestimmen die sozialen Verhältnisse. Das ist der Hintergrund des Satzes vom homo homini lupus, wonach die Menschen sich als Wölfe gegenübertreten, oder des Satzes vom bellum omnium contra omnes, vom Krieg aller gegen alle. Die massive soziale Gewalt kehrt sich nach innen wie nach außen. Selbstzerstörung, Rassismus oder die mörderische Brutalität von Faschismus und Kriegen haben nicht zuletzt hierin ihre Grundlagen.

Für Ernest Mandel bedeutete die zunehmende Destruktivkraft des Kapitalismus, die Formel Sozialismus oder Barbarei von Rosa Luxemburg gerade am Ende des 20. underts besonders ernst zu nehmen. Dieser Gedanke drückt pointiert aus, daß eine sozialistische Gesellschaft keineswegs sicher ist, sondern nur eine von mehreren Möglichkeiten zukünftiger Entwicklung darstellt. Daß seit Ende des Zweiten Weltkrieges etwa zwölf mal so viele Menschen an den Folgen kapitalistischer Barbarei gestorben sind, wie in diesem grausamsten Krieg der bisherigen Geschichte, macht die Dringlichkeit der Alternative noch einmal besonders deutlich.

Doch wer soll diese Alternative erkämpfen? Für Mandel bestand kein Zweifel darin, daß dies das Werk der internationalen Arbeiterklasse sein müsse. Allerdings zählte er hierzu nicht nur die klassische Industriearbeiterschaft, sondern alle, deren Existenz davon abhängt, daß sie ihre Arbeitskraft zu Markte tragen müssen. Diese Alternative beinhaltet jedoch nicht nur die Befreiung der Arbeiterklasse, sondern darüber hinaus die Aufhebung aller Formen von Unterdrückung und Ausbeutung – davon betroffen waren für Mandel insbesondere Frauen, unterdrückte Nationen und kolonialisierte Völker.

Ernest Mandel sah im Kampf für sozialistische Zukunft jedoch mehr als nur die Konsequenz der bisherigen historischen Entwicklung. Er hielt den Kampf auf der Seite der Opfer gegen Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit und menschenunwürdige soziale Verhältnisse für eine elementare Pflicht. Daraus folgerte er, daß selbst dann, wenn wissenschaftlich bewiesen sei, daß der Kampf für den Sozialismus chancenlos sei, die ethische Verpflichtung bestehen bliebe, derartige Verhältnisse zu bekämpfen.

Doch was ist der Sozialismus? Das Paradies? Eher nicht. Denn Sozialismus ist erst einmal nur der erste Schritt in das Reich der Freiheit. Der erste Schritt, sich von fremden Zwängen zu befreien und statt dessen auf solidarischer Grundlage demokratisch und verantwortungsbewußt gemeinsam zu planen und zu handeln. Doch ist eine solche Gesellschaft allemal besser als der monströse Kapitalismus, der Jahr für Jahr Millionen Tote fordert und Milliarden Menschen mit seinem Verwertungszwang knechtet.

Michael Löwy benennt daher den harten Kern von Mandels revolutionärem Glauben als eine Art anthropologischen Optimismus. Zu rebellieren sei zutiefst menschlich. Dieser Optimismus ist jedoch nicht romantischer Natur. Er reflektiert durchaus die Erkenntnisse der Psychoanalyse über die oft unbewußten Grundlagen menschliches Handeln, aber auch die historischen Gründe, die dafür sprechen, optimistisch sein zu können. Das Studium primitiver Gesellschaften beweise nämlich, daß die dem Kapitalismus eigene Gier dort unbekannt sei. Gier ist demnach nicht Ausdruck einer menschlichen Natur, sondern Kennzeichen bestimmter gesellschaftlicher Umstände.

 

Eine lange Welle kommt selten allein

Drei der Aufsätze in dem von Gilbert Achcar herausgegebenen Band Gerechtigkeit und Solidarität befassen sich mit Mandels einzigartigem Beitrag zur Weiterentwicklung der marxistischen Wirtschaftstheorie. Nicht nur, daß Mandel mit seinem gleichnamigen Werk 1962 den erstarrten Dogmatismus der marxistischen Theoriebildung durch Stalin und seine Anhänger überwinden konnte, ist hervorzuheben. Mehr noch, mit seinem Buch Der Spätkapitalismus schuf er ein Instrumentarium, den gegenwärtigen Kapitalismus begreifen und bekämpfen zu können.

Die Einbeziehung der Theorie der langen Wellen in diese Kapitalismusanalyse ist vielleicht sein bedeutendster und originellster Beitrag. Damit konnte Mandel theoretisch erklären, warum nach dem Zweiten Weltkrieg eine lange Phase expansiven Wirtschaftswachstums möglich war. Er begriff die keynesianische Wirtschaftspolitik nach der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre als Ausdruck der Notwendigkeit, über Geldschöpfung und Rüstungswirtschaft einen inflationär aufgeblähten Markt zu schaffen.

Als dieser lange Boom Ende der 60er bzw. Mitte der 70er Jahre in eine weltweite Wirtschaftskrise mündete, versuchte die internationale Bourgeoisie hierauf mit einer Ankurbelung der Kaufkraft durch Investitionsprogramme zu reagieren. Doch das Problem war weniger die Masse des erwirtschafteten Mehrwerts oder Profits, sondern seine Verwertungsrate. Und hier setzte die neoliberale Konterrevolution an. Ihr ging es nicht darum, den insgesamt produzierten Profit zu erhöhen. Vielmehr versucht der Neoliberalismus, die Profitrate gnadenlos zu erhöhen. Dies geht nur über einen drastischen Rückgang der Sozialausgaben, da alle Sozialleistungen Abzüge vom gesamtgesellschaftlich erwirtschafteten Profit darstellen.

Worin liegt dann jedoch der Ausweg aus der Krise, wenn mangels Kaufkraft ein Profit gar nicht zu realisieren wäre? Die Neoliberalen setzen auf den Export. Und genau hierin liegt die Ursache des geradezu spiralförmig verlaufenden Lohndumpingwettlaufs. Übrig bleiben werden nur diejenigen Kapitale, welche mit diesen Wettlauf um Produktivität und Lohnkosten gewinnen. Selbst wenn Mandel diesen Wettlauf noch nicht voraussehen konnte, ergibt er sich schlüssig aus seiner Theorie der langen Wellen und vor allem aus seinem Hauptwerk Der Spätkapitalismus.

Das Besondere an seiner Fassung der Theorie der langen Wellen ist jedoch, daß er einen Automatismus, eine Art Kalender von Auf und Ab der wirtschaftlichen Entwicklung, verneinte. Jede einzelne Welle, so Mandel, hatte ihre eigenen spezifischen Besonderheiten. Keine Boomperiode gleicht der anderen, jede Krise entsteht aus einer anderen Kombination von Ursachen. Dies ist auch der Grund, warum sich bürgerliche Wissenschaftler so schwer damit tun, lange Wellen anhand von statistischen Indikatoren zu erkennen. Von der Aktivität der Sonnenflecken über Geldbewegungen bis hin zu technologischen Basisinnovationen reichen die angebotenen Deutungsversuche. Mandel hingegen greift auf die Marx'sche Theorie des tendenziellen Falls der Profitrate zurück und kann daher den Verlauf der historischen Entwicklung des Kapitalismus mehrdimensional betrachten. So verwies schon Marx darauf, daß die Krise von 1847 durch massive Goldfunde in Kalifornien gelöst werden konnte, während Mandel als Lösung beispielsweise der Krise zwischen den beiden Weltkriegen eine Mischung aus Faschismus, Krieg und permanenter Rüstungswirtschaft sah. Damit ist auch klar, daß die lange depressive Phase seit Mitte der 70er Jahre einer anderen Lösung harrt, da sich die Geschichte bekanntlich allenfalls als Farce wiederholt.

Der bisherige Verlauf der kapitalistischen Entwicklung läßt zumindest seit Mitte des 19. Jahrhunderts einen halbwegs konstanten Zyklus von 50 Jahren pro langer Welle erahnen. Die erste Hälfte dieser Welle ist die Boomperiode, die zweite die darauf zwangsläufig folgende depressive Phase. Würde man und frau die bisherige Geschichte der langen Wellen fortschreiben, dann würden wir uns seit wenigen Jahren am Beginn einer neuen expansiven Welle befinden. Entscheidendes Kriterium ist hier jedoch nicht, ob es uns gut geht, sondern ob es dem Kapital und dessen Profitrate gut geht. Dies ist jedoch nicht zuletzt eine Frage des Klassenkampfes.

Klassenkampf bedeutet jedoch nicht gesellschaftliche Unruhe oder permanente Streiks. Klassenkampf findet auch dann statt, wenn den Lohnabhängigen systematisch eine Errungenschaft nach der anderen entzogen wird. Hierzu gehört, um einige aktuelle Beispiele zu nennen, die Erpressung von DaimlerChrysler genauso wie die Einführung von Dumpinglöhnen, zweiten Arbeitsmärkten oder der Abbau des Gesundheitswesens und die auch vom lokalen Hoffnunsgträger der SPD – Walter Hoffmann – aktiv mitgetragene Politik des "Reformmodells" Hartz IV.

Wenn wir berücksichtigen, daß schon Marx die Entwicklung der Löhne und der Ausbeutungsrate als wichtigen Bestandteil der Entwicklung der Profitrate betrachtet hat, dann ist es durchaus sinnvoll, dem Klassenkampf als Regulator dieser Lohnentwicklung wie der Ausbeutungsrate einen entscheidenden Anteil dabei zuzusprechen, ob und wie sich die nachfolgende lange Welle herausbildet. Insofern hat Ernest Mandel nicht nur einen theoretischen Ansatz zur Erklärung langer Wellen geliefert, sondern damit zugleich ein Analyseinstrument geschaffen, um längerfristige historische Prozesse zu betrachten.

 

Sind Bürokraten Verräter?

Ernest Mandel beschäftigte sich nicht nur mit der Erforschung der theoretischen wie praktischen Möglichkeiten, den Kapitalismus zu überwinden. Denn gerade weil er die Notwendigkeit einer sozialistischen Gesellschaft herausstellte, durfte er sich nicht der Analyse des sogenannten real existierenden Sozialismus verschließen. Er mußte daher zeigen, warum ein revolutionär errichteter Arbeiterstaat nicht zum Sozialismus führte, sondern eine andere Form von Ausbeutung und Herrschaft etablierte. Die Frage nach der Zwangsläufigkeit eines solchen Prozesses stellt sich da fast schon von selbst ein.

Bis zu seinem Spätwerk Geld und Macht, einer umfassenden marxistischen Theorie der Bürokratie, befaßte sich Mandel mit der historischen Entwicklung bürokratischer Herrschaft, aber auch damit, wie diese vermieden werden kann. Dabei sind zwei Dinge zu betrachten. Zum einen wies schon Rosa Luxemburg darauf hin, daß sich innerhalb der Arbeiterbewegung eine bürokratische Schicht entwickelte, welche eher ihr eigenes Interesse als das der Arbeiterbewegung verfolgt.

Für Mandel lag der Ursprung der Arbeiterbürokratie – in sozialdemokratischen Parteien wie in den Gewerkschaften – im episodischen und nicht durchgängigen Charakter der Klassenkämpfe im Kapitalismus. Nun können Arbeiterinnen und Arbeiter sich nicht ohne Unterbrechung im Klassenkampf befinden. Man und frau kann nicht permanent streiken, demonstrieren oder sonstwie bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne oder eine kürzere Arbeitszeit einfordern. Die meisten Menschen müssen ihr Überleben sichern, d.h. sie haben gar nicht die Zeit, andauernd zu kämpfen. Nur eine Minderheit ist daher dauernd aktiv. Aus dieser Minderheit entwickelt sich zwangsläufig eine Schicht von Funktionären. Das muß nicht schlecht sein, denn irgendwer muß ja Erfahrungen weitergeben, Bewußtsein vermitteln oder weitere Aktionen vorbereiten und organisieren. Nun ist aber Wissen Macht und ein Monopol an Wissen führt zu Macht über Menschen. Gerade dann, wenn die Klassenkämpfe abflauen, ist das Potential für eine Bürokratisierung vorhanden.

Ernest Mandel machte jedoch deutlich, daß es sich hierbei nicht um eine Charakterfrage oder um einen Verrat an den Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter handelt. Vielmehr ist eine solche Entwicklung soziologisch zwangsläufig, sofern nicht Gegenmaßnahmen getroffen werden. Diese Bürokratisierung bekommt eine Eigendynamik, die dazu führt, daß die von der Knochenarbeit täglicher Existenzkämpfe befreiten Funktionäre ein Eigeninteresse daran entwickeln, ihr Privileg, und mag es noch so unbedeutend sein, zu erhalten. Von hierhin bis zur bewußten Kungelei mit Wirtschaftsmanagern und Politikerinnen ist es nicht weit.

Sein zweiter Analysestrang ging von der historischen Entwicklung nach der Oktoberrevolution aus. Eine sozialistische Gesellschaft setzt zur Erreichung ihres Ziels nicht nur die Entwicklung der Produktivkräfte voraus, sondern auch genügend materielle Güter, die verteilt werden können. Damit die Menschen Zeit finden, die Produktion und die Organisierung der Gesellschaft in die eigenen Hände zu nehmen, ist eine radikale Verkürzung des Arbeitstages auf drei bis vier Stunden unerläßlich. Heute wäre dies selbst global betrachtet kein Problem, doch die junge Sowjetrepublik verfügte weder über die Ressourcen noch über die materiellen Güter.

Der Historiker Charles Post stellt daher zurecht fest, daß die beiden Grundvoraussetzungen für einen erfolgreichen Übergang zum Sozialismus Anfang der 20er Jahre in Rußland nicht gegeben waren. Weder gab es materiellen Überfluß, noch ein großes konzentriertes Proletariat. Überdies waren es gerade die klassenbewußtesten Arbeiter, welche im Bürgerkrieg zwischen 1918 und 1920 voller Heroismus ihr Leben lassen mußten, um den Sieg der Revolution zu sichern. Nur auf dieser Basis konnte eine abgehobene Bürokratie entwickeln, die sich selbst zum Stellvertreter der Arbeiterinteressen ernannte und die versuchte, die Produktion nach eigenen Maßgaben zu organisieren.

Auch hier gibt es eine materielle Grundlage zur Entstehung einer Bürokratie. Hinzu kamen Fehlentscheidungen der bolschewistischen Partei Anfang der 20er Jahre, die ausgerechnet das effektivste Gegenmittel gegen bürokratisches Handeln, nämlich Diskussion, Wahlen und Demokratie, abschafften. Trotzki erkannte den Fehler, als es zu spät war. Doch anders als Trotzki, der sich darauf beschränkte, die Wiederherstellung der Sowjetdemokratie durch eine Arbeiterrevolution anzustreben, ging Mandel weiter. Er legte in seinen Schriften mehrfach ein Modell einer demokratischen Planwirtschaft vor. Aufbauend auf Produzentinnen– und Konsumentenräten wäre es demnach möglich, alle Entscheidungen dort zu treffen, wo sie sich am leichtesten durchführen ließen. Im Gegensatz zu Theoretikern eines Marktsozialismus hielt er den Markt weder für ein effektives noch für ein wünschenswertes Instrument zur Korrektur unpraktikabler Entscheidungen. Abgesehen davon hat die Geschichte gezeigt, daß die Einführung von Marktmechanismen in den realsozialistischen Gesellschaften weder zu sinnvollerer Planung noch zum Abbau bürokratischer Herrschaft geführt haben.

Mandel vertraute hier auf die Menschen selbst, auf ihr bewußtes Handeln, auf ihr Verantwortungsbewußtsein, und natürlich auf das Recht einer pluralistischen Demokratie. Da eine radikale Arbeitszeitverkürzung heutzutage kein Problem mehr ist, um dennoch genügend Güter für alle Menschen in ausreichender Qualität herzustellen, ergibt sich die materielle Basis einer solchen Demokratie von selbst.

Was jedoch war die Sowjetunion für eine Gesellschaftsformation? War sie staatskapitalistisch, wie einige meinen, oder gar sozialistisch, wie es dem Selbstbild entsprach? Mandel legt einen anderen Gedankengang nahe. Demnach handelte es sich um eine Übergangsgesellschaft, die das kapitalistische Eigentum an Produktionsmitteln abgeschafft habe. Allerdings war es auch eine Übergangsgesellschaft, die nirgendwohin führte, weil der zweite Schritt nicht getan wurde, nämlich die bewußte Umgestaltung der Gesellschaft. Die bürokratische Herrschaft im Namen der Arbeiterklasse konnte in diesem Bezugsrahmen nur solange aufrecht erhalten werden, wie sie ihr Überleben durch Wirtschaftswachstum sichern konnte. In dem Moment, als das System in die Krise geriet und intensives Wachstum unmöglich war, liefen die Bürokraten mit fliegenden Fahnen schon aus Eigeninteresse zum Klassenfeind über. Warum war nun intensives Wachstum unmöglich?

Dies hängt mit den Spezifika dieser Übergangsgesellschaft zusammen. Es gab kein Wertgesetz und damit keine Konkurrenz, welche die Unternehmen dazu zwangen, bei Strafe des Untergangs Profit zu erwirtschaften. Unter diesen Bedingungen bedeutet bürokratische Planwirtschaft ein Arrangement zwischen Bürokraten und Arbeiterinnen. Da die Bürokraten nicht Eigentümer der Produktionsmittel sind, also kein Kapital und keinen Besitz anhäufen, haben sie auch kein objektives Interesse an der Steigerung der Produktion. Damit ihre Machtbasis jedoch gesichert bleibt, müssen sie sich mit ihren Untertanen auf einen faulen Kompromiß einigen. Man definiert Planziele, die erfüllbar sind, sichert ein Mindestmaß an Konsum und sozialer Sicherheit, und erhält dafür eine halbwegs ungestörte Produktion. Wenn diese Grundbedingungen nicht erfüllbar sind, gerät das System in die Krise. Soll nicht zu nackter Repression gegriffen werden, bleibt nur der Ausweg der Sicherung eigener materieller Privilegien durch bürgerliche Herrschaft. Das ist dann der Grund dafür, warum nicht wenige Bürokraten der Sowjetzeit auch heute noch in Amt und Würden sind.

Ernest Mandel hat in seinem Spätwerk Geld und Macht diesen Zusammenhang systematisch herausgearbeitet. [6]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Gerechtigkeit und Solidarität lautet der Titel des von Gilbert Achcars herausgegebenen Buchs über Ernest Mandels Beitrag zum Marxismus. So, wie Mandels Schaffen eine unübersehbare Fülle an Aufsätzen, Artikeln und Büchern hervorgebracht hat, so mußte ich bei der Vorstellung der Gedankengänge Mandels eine ganze Menge außer Betracht lassen. Der Band mit den Beiträgen des wissenschaftlichen Kolloquiums in Amsterdam 1996 enthält zum besseren Verständnis der Argumentation wie der Position Ernest Mandels zwei Texte des Autors.

Da ist zum einen ein Text über die materiellen, sozialen und ideologischen Voraussetzungen des nazistischen Genozids unter der Überschrift Vernichtung mit System. Mandel schrieb diesen Text in der Absicht, darauf zu bestehen, daß die Barbarei des Nationalsozialismus nicht das letzte Wort der kapitalistischen Geschichte gewesen sein muß, weil der Faschismus seine Ursachen im Kapitalverhältnis hat und das Kapital seine eigenen Monster gebiert. Der andere Text behandelt Mandels Verständnis des Sozialismus; er ist betitelt mit Zur Lage und Zukunft des Sozialismus.

Das Buch ist letztes Jahr im Neuen ISP Verlag erschienen; es kostet 18 Euro.

Die Einführung in den Marxismus von Ernest Mandel ist in 7. Auflage ebenfalls im Neuen ISP Verlag erschienen; das 238 Seiten umfassende Taschenbuch kostet 10 Euro. Mehr hierzu findet sich im Internet unter www.einfuehrung.de.vu.

Lieferbar sind auch:

  • Karl Marx – Die Aktualität seines Werkes
  • Die langen Wellen im Kapitalismus
  • Macht und Geld – Eine marxistische Theorie der Bürokratie
  • Oktober 1917 – Staatsstreich oder soziale Revolution?
  • Der Zweite Weltkrieg
Alle diese Bücher sind im Neuen ISP Verlag erhältlich.

Diese Sendung wird Montagnacht nach den Deutschlandfunk–Nachrichten gegen 23.10 Uhr wiederholt, sowie am Dienstag nach dem Radiowecker um 8 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag um 14 Uhr. Das Sendemanuskript zu dieser Sendung werde ich den kommenden Tagen auf meine Homepage stellen: www.waltpolitik.de.

Im Anschluß an diese Sendung folgt Äktschn!, eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Siehe hierzu auch die Seite zur Sendung.
[2]   Die Audiofassung ist aus lizenzrechtlichen Gründen nicht verfügbar. Wir empfehlen die Lektüre des Buches!
[3]   Genau betrachtet, ist es jedoch eben kein Skandal, sondern ein Verbrechen. Daher auch der Name meiner Sendereihe Kapital – Verbrechen.
[4]   Ernest Mandel : Einführung in den Marxismus, 7. Auflage, Seite 170.
[5]   Siehe hierzu auch meinen 1986 geschriebenen Text Wider die monokausalen Erklärungen "langer Wellen"!
[6]Siehe hierzu meine Sendung vom 8. Juli 2002 mit der Besprechung des Buches "Macht und Geld".   

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 17. Dezember 2005 aktualisiert.
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