Mini Disc
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Kapital – Verbrechen

Medien und andere Zumutungen

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 15. September 2008, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 15./16. September 2008, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 16. September 2008, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 16. September 2008, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Die modernen Massenmedien können in ihrem voyeuristischen Vampirismus eine Plage und eine Zumutung sein. Hier geht es um das Ausschlachten der Leiden von Gewaltopfern und um die Frage, ob dieser Plage mit standesrechtlichen Regelungen beizukommen ist.

Besprochene Zeitschrift:

Mittelweg 36, Heft 4/2008

Musik:

Souad Massi – Mesk Elil / Honeysuckle

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Vom Scheitern der Integration

Jingle Alltag und Geschichte

Normalerweise konntet ihr in der Vergangenheit am 3. Montag eines Monats an dieser Stelle die Sendung Der Duft Tunesiens mit Sonya Raissi hören. Über dreieinhalb Jahre lang recherchierte, redigierte und moderierte meine Redaktionskollegin ihre zweisprachige Sendung zum Teil auf Deutsch, zum Teil in tunesischem Arabisch. Ihre Sendung wurde nicht nur in Darmstadt gehört. Über den Livestream von Radio Darmstadt konnten Männer und Frauen aus aller Welt Anteil nehmen an einer im deutschsprachigen Raum sicherlich einmaligen Sendereihe.

Für die in Darmstadt und Umgebung lebenden Männer und Frauen aus den Ländern Nordafrikas entwickelte sich dieser Sendeplatz zu einem Bezugspunkt. Sonya hat nicht nur versucht, den Deutschen die arabische Welt und den Islam nahezubringen, sondern umgekehrt auch, den Migrantinnen und Migranten aus dem Norden Afrikas die deutsche Kultur und ihre Befindlichkeiten zu erklären. Nicht zuletzt ging es zuweilen auch ganz praktisch darum, sich in der deutschen Behördenwelt nicht unterkriegen zu lassen.

Sonya hat aufgrund verschiedener Ereignisse in diesem Sender beschlossen, diese Sendereihe aufzugeben. Aufgrund privater Verpflichtungen war sie darauf angewiesen, ihre Sendung vorzuproduzieren. Nach mehreren Anläufen im Verlaufe des vergangenen Jahres mußte sie einsehen, daß hier bei Radio Darmstadt eine ihren Bedürfnissen entsprechende technische Infrastruktur nicht mehr besteht. Entweder fehlen in den Studios Geräte, die für die Vorproduktion ihrer Sendung erforderlich sind, oder sie funktionieren schlicht nicht. Trotz mehrfacher Nachfrage erhielt sie von den Verantwortlichen des Trägervereins dieses Lokalradios keinerlei Unterstützung. Im Gegenteil.

Als sie einmal den Technikvorstand dieses Senders fragte, ob und wie sie denn vorproduzieren könne, zuckte dieser mit den Achseln. Als sie einen seiner Vorstandskollegen fragte, welcher Minidisc-Recorder denn überhaupt funktioniere, antwortete dieser, nicht die Geräte seien defekt, sondern die von Sonya mitgebrachten Minidiscs. Zum Beweis holte er eine Minidisc aus seinen eigenen Beständen, die dann ebenfalls vom Gerät nicht akzeptiert wurde. Sonya wurde behandelt wie ein Dummchen, welche die Grundlagen der richtigen Männertechnik nicht versteht. Dabei war es offensichtlich, daß dieses Vorstandsmitglied nicht willens oder auch nur nicht in der Lage war zuzugeben, daß diese richtige Männertechnik seit gut zwei Jahren bei RadaR nur noch ungenügend gewartet wird. Erst auf hartnäckiges Nachbohren bei einem anderen Technikvorstand wurde ihr verraten, daß die vorproduzierten Aussetzer auf ihrer Minidisc von einem spratzelnden Mischpult stammen. Richtiges Männerwissen wird eben streng geheim gehütet.

Um das Maß vollzumachen: vor einem Monat rief sie vorsichtshalber im Sendehaus an und fragte im Sekretariat nach, ob sie vorproduzieren könne. Ja sicher, wurde ihr erklärt, die Technik dafür sei in Ordnung. Sie kam, arbeitete sich zwei Stunden an nicht funktionstüchtigen Geräten ab und ging anschließend entnervt und frustriert nach Hause. Nichts, aber auch wirklich nichts von dem, was sie vorbereiten wollte, war möglich. Statt Informationen sendete Radio Darmstadt daher letzten Monat auf ihrem Sendeplatz das, was keiner und niemandem wehtut: Musik, Musik, Musik.

Aus diesem Grund konntet, oder vielmehr: mußtet ihr euch auf diesem Sendeplatz in den vergangenen Monaten des öfteren Wiederholungen früherer Sendungen anhören oder wurdet von einer Stunde arabischer Musik empfangen. Dieser Zustand war unhaltbar. Weder ihren eingeplanten Studiogästinnen noch ihren Hörern, weder ihren Interviewpartnern und schon gar nicht sich selbst konnte und wollte sie derartige Peinlichkeiten zumuten. Die Schamgrenze von Migrantinnen und deutschen Technikern unterscheidet sich eben. Und deshalb gibt es zu meinem Bedauern keinen Duft Tunesiens mehr. So sieht in der deutschen Praxis die vielbeschworene Integration von Migrantinnen und Migranten aus: sie werden hängen gelassen, belächelt, für dumm verkauft, ja eiskalt angelogen, und damit draußen gehalten. Die Ignoranz einzelner Verantwortlicher bei RadaR kennt keine Grenzen.

Sonya als Migrantin der zweiten Generation gehört nun sicherlich nicht zu denen, die so leicht aufgeben. In ihrer Schule war sie Schulsprecherin, was in gewissen Teilen Deutschlands für eine nichtweiße Frau alles andere als einfach zu erreichen ist. Wo angepaßte deutsche Jugendliche gepflegten House hören und Rihanna, Britney Spears oder andere Sternchen für den Inbegriff des ultimativen Kicks halten, führte sie Jugendgruppen nach Buchenwald und Theresienstadt.

Und genauso selbstverständlich kann sie mit der Studiotechnik von Radio Darmstadt umgehen, besser als die meisten Männer hier, so sie denn funktioniert. Aber was zuviel ist, ist zuviel. Die Vielfalt von Radio Darmstadt wird somit weiter eingeschränkt, auch wenn Sonya uns nicht ganz verloren gehen wird. Aber eine – in Deutschland sicherlich einzigartige – tunesische Sendung wird es hier nicht mehr geben.

Dabei erhält Radio Darmstadt in diesem Jahr rund 70.000 Euro aus dem Rundfunk­gebühren­aufkommen genau zu dem Zweck, Menschen unabhängig von ihrer Herkunft den Zugang zum Medium Radio zu ermöglichen. In dieser über die hessische Landesmedienanstalt vermittelten Finanzierung soll die Bereitstellung einer funktionierenden technischen Infrastruktur sichergestellt werden.

Wer Radio Darmstadt des öfteren einschaltet, wird nicht umhin gekommen sein festzustellen, daß sich hier seit rund zwei Jahren ganz offensichtlich ein ganzes Nest technischer Probleme entwickelt hat. Diese Probleme scheinen entweder nicht gelöst zu werden oder zu schlecht durchdachten technischen Innovationen zu führen, die auch nicht richtig funktionieren. Ich könnte euch in der folgenden Sendestunde eine erlesene Auswahl aus den Bemerkungen der Sendenden von Radio Darmstadt hierzu vorspielen, garniert mit den Gründen ihres berechtigten Unmuts. Das erspare ich euch hier. Ich belasse es bei einem Beispiel, das den Ernst der Lage verdeutlicht: Vor einer Woche hat ein Moderator ganz offen hier auf dem Sender seine Hörerinnen und Hörer dazu aufgerufen, dafür zu spenden, daß den Sendenden eine funktioniernde technische Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden kann. Dabei verfügt der Trägerverein über ein ausreichendes finanzielles Polster. Geld ist nicht das Problem, eher das, was daraus gemacht wird.

Nach diesem leider notwendigen Vorwort stelle ich kurz vor, was euch in der kommenden Stunde – bzw. dem Rest davon – erwartet. Im aktuellen Heft der Zeitschrift Mittelweg 36 diskutiert Jan Philipp Reemtsma die Rolle der Medien, Gründe, weshalb sich Opfer von Gewalt bereitwillig diesen Medien ausliefern, und noch bessere Gründe, die dafür sprechen, das sein zu lassen. In einem zweiten Aufsatz, auf den ich ebenfalls näher eingehen möchte, geht es um das Wortgeklingel des freien Unternehmertums. Beide Aufsätze sind inhaltlich anregend; und doch werde ich in beiden Fällen eine andere Position beziehen.

Aus dem Audioarchiv des Bundesverbandes Freier Radios habe ich einen Beitrag ausgewählt, der noch einmal auf mein Vorwort zurückkommt. Sonya Raissi hatte im Dezember 2004 für die Redaktion Alltag und Geschichte einen Essay zum Thema Muttersprache verfaßt. Qualitativ sticht dieser Beitrag durch ein Reflexionsniveau heraus, das auf diesem Sender nur selten zu finden ist. Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir derartige Beiträge immer seltener bei Radio Darmstadt hören können. Für die Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Der Beitrag von Sonya Raissi über Muttersprache ist sowohl als Audiodatei als auch als Textdatei aufrufbar.

 

Wo Plagiate kein Sendeverbot nach sich ziehen

Wer über die Rolle der Medien spricht oder schreibt, läuft schnell Gefahr, sich in Allgemeinplätzen zu verlieren. So sei die im Fernsehen massenhaft gezeigte Gewalt für die Gewalt auf Deutschlands Straßen verantwortlich oder zumindest mitverantwortlich, obwohl jede ernstzunehmende Statistik beweist, daß Gewaltdelikte zurückgehen. Oder es wird über den zunehmenden Niveauverlust bei den privaten, aber auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern lamentiert. Ein Niveauverlust, der tatsächlich eingetreten ist. Aber derartige scheinbar kritischen Anmerkungen dringen nicht zum Kern der Sache vor, nämlich der Bedeutung des Mediums Fernsehen für die Sozialisation angepaßter leistungsorientierter und flexibler Humankapitalisten.

Daran ändert sich wenig, wenn die Rolle der Medien in einem anderen Hörfunk­medium aufgerollt wird. Nun ist ein nichtkommerzielles Lokalradio wie Radio Darmstadt durchaus ein geeigneter Ort, um sich reflektiert und kritisch nicht nur mit der Medienwelt da draußen zu befassen, sondern auch die eigene Aufgabe selbstkritisch zu reflektieren.

Eine derartige selbstkritische Bestandsaufnahme hat mir vor anderthalb Jahren ein neunmonatiges Sendeverbot eingebracht. Die hiermit sanktionierte Sendung war jedoch ein Vorwand, denn im November 2007 plauderte ein Vorstandsmitglied des Trägervereins dieses Radios den wahren Grund gegenüber der Frankfurter Rundschau aus: das Sendeverbot beruhte in Wahrheit auf Unbotmäßigkeit, also fehlender Unterwerfung; es hatte also mit der abgestraften Sendung nicht das geringste zu tun.

Radar darf weitersenden

Darmstadts Lokalradio kann Lizenzantrag stellen

Die Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR) hat beschlossen, dass der Lokalsender Radio Darmstadt (Radar) einen Antrag auf Weiterlizenzierung stellen darf. Wie berichtet, war die Sendelizenz gefährdet, weil der ehemalige Vorstand Walter Kuhl eine Programmbeschwerde bei der LPR eingelegt und sich ein konkurrierender Verein namens Dissent gegründet hatte, der sich um die Senderfrequenz bewarb.

„Der Verein Dissent ist damit vorläufig aus dem Rennen“, sagte LPR-Referent Michael Fingerling auf Anfrage der FR. Die LPR-Versammlung sei am Montag zu der Entscheidung gekommen, dass es bei Radar, „keine schwerwiegenden Verstöße“ gegeben habe, die gegen eine Bewerbung auf Weiterlizenzierung sprächen. Die endgültige Entscheidung, ob der Verein weitersenden dürfe, werde allerdings erst am 10. Dezember gefällt. Die LPR müsse noch prüfen, ob Radar die Zugangsoffenheit erfülle, eine Zulassungsvoraussetzung im Bürgerfunk.

Hintergrund ist, dass Kuhl und der Verein Dissent die Zugangsoffenheit bei Radar missachtet sehen. Vorstand Markus Lang räumte auf Anfrage ein, dass der Programmrat Kuhl und einigen ausgeschlossenen Mitgliedern Sendeverbote erteilt habe; diese seien jedoch wieder aufgehoben. „Die LPR legte uns nahe, dass Zugangsoffenheit höher zu bewerten sei als ein gedeihliches Miteinander.“ Kuhl habe Sendeverbot gehabt, weil er nach seiner Abwahl aus dem Vorstand gegen den Verein gearbeitet habe. Inzwischen dürfe er wieder senden.

Screenshot
„McCarthy-Methoden“

Kuhl hatte sich am Freitag mit einer Mitteilung an die Presse gewandt, bei Radar herrschten „McCarthy-Methoden“. Er habe die Playlist einer Sendung angefordert, woraufhin er Antwort erhalten habe, seine E-Mail-Adresse stehe „auf der schwarzen Liste“. Lang räumte ein, dass der Begriff unglücklich gewählt sei. Er verteidigte jedoch Kuhls Ausschluss von Informationen, weil er gegen den Verein mobil mache.

Kuhl hat eine mehrseitige Beschwerde beim LPR eingelegt und kritisiert auf seiner Internetseite Waltpolitik.de den Verein. Er wirft dem Sender unter anderem Kommerzialisierung vor.

Quelle: Frankfurter Rundschau, 6. November 2007, Ausgabe R3S, Seite 23. Autor: Frank Schuster. Der Screenshot entstammt der Webseite von Radio Darmstadt und war nicht Teil des Artikels.

Argwöhnisch wurde damals die Einhaltung dieses auch medienrechtlich nicht haltbaren Sendeverbots überwacht. Als meine Redaktionskollegin Sonya Raissi in ihrem Duft Tunesiens eine wahrlich außergewöhnlich fundierte Buchbesprechung vortrug, wurde sie gleich verdächtigt, einen fremden Text, nämlich einen von mir, vorgetragen zu haben. Eine Migrantin tunesischer Abstammung kann nämlich nicht eigenständig denken. Das ist vollkommen ausgeschlossen. Denn erstens ist sie keine Deutsche und zweitens eine Frau.

Als der Trägerverein dieses Radios vor vierzehn Jahren entstand, entsprach es dem Selbst­verständnis der Gründergeneration, das eigene Medium als ein Medium alternativer Gegen­öffentlichkeit nicht nur medienkritisch, sondern auch selbstkritisch zu nutzen. Davon ist nichts übrig geblieben. Auf der einen Seite wird ein medien­rechtlich einwandfreier Sendebeitrag mißtrauisch beäugt, auf der anderen Seite werden Beiträge Dritter munter aus dem Internet gezogen und vorgetragen. So etwas nennt man und frau Plagiat – und hierbei handelt es sich um eine Plage auf diesem Sender, die vor allem im vergangenen Jahr zu Zeiten meines Sendeverbots grassierte und sogar heute noch zuweilen anzutreffen ist.

Doch an dieser Stelle soll es nicht um Plagiate gehen. Obwohl das Thema durchaus medien­relevant ist, weil der Plagiarismus genauso wie gefakte Interviews in der deutschen Medien­landschaft weit verbreitet sind. Insbesondere die frei zugängliche Wikipedia wird als Informations­quelle gerne ausgeschlachtet. Die von Journalistinnen und Journalisten ins Leben gerufene Initiative Fair Radio bringt den Zustand der journalistischen Qualität im Hörfunk knackig auf folgenden Punkt:

Um sich über die Qualität des Hörfunks lustig zu machen, muss man eigentlich nur das zeigen, was die Mehrzahl der Programme tatsächlich Tag für Tag über den Sender schickt.

Nachdem ich das in Bezug auf das eigene Medium, nämlich Radio Darmstadt, getan hatte, wurden meine Bemerkungen hierzu zum Anlaß für ein Sendeverbot genommen. Logisch, nicht? Die schon benannte Äußerung eines Vorstands­mitglieds des Trägervereins dieses Radios gegenüber der Frankfurter Rundschau mit der wahren Begründung des gegen mich verhängten Sendeverbots habe ich auf meiner Webseite dokumentiert. Diesen Teil meiner Webseite soll ich nun laut eines Schreibens des Rechts­anwalts des Vereins vom Netz nehmen.

 

Wessen Pressefreiheit?

Im Gegensatz zu mir verfügt Jan Philipp Reemtsma über eine eigene Publikationsmöglichkeit, bei der ihm kein Vereinsvorstand, kein Programmrat und kein Rechtsanwalt hineinredet. Im aktuellen Heft 4 der Zeitschrift Mittelweg 36 aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung stellt er die Frage: Kann man (oder frau) für die Opfer von Gewalt die Abstinenz von der Öffentlichkeit fordern? Der Hintergrund seiner Fragestellung ist die zunehmende mediale Ausschlachtung von Gewalttaten, wobei sich sein Fokus insbesondere auf den Umgang mit den Opfern dieser Gewalttaten richtet.

Nun sieht die Pressefreiheit durchaus vor, daß auch das, was in die Sparte Unterhaltung fällt, grundgesetzlich geschützt ist. Medien, die hierbei aufgrund der Machart ihrer Berichterstattung kritisiert werden, verweisen gerne auf ein Recht der Öffentlichkeit auf Information. Jan Philipp Reemtsma bezweifelt, daß ein solches Recht einen Sinn ergibt. Wem gegenüber könne es eingeklagt werden? Und wer befindet darüber, was gebracht wird und was nicht? Die Oberste Zensurbehörde? Zur Pressefreiheit gehört, daß der Presse nicht vorgeschrieben werden kann, worüber sie berichtet und informiert – oder, was häufig genug vorkommt: desinformiert.

Zu dieser Pressefreiheit gehört jedoch auch, daß wir über vieles, was uns interessieren könnte, ja als staatsbürgerlich interessierte Bürgerin sogar interessieren müßte, nicht informiert werden. Die wahren Hintergründe über imperialistische Kriege werden uns genauso unterschlagen wie die vielen unappetitlichen Kriegsgeschehnisse, etwa wenn die Friedenstruppen in Afghanistan Hochzeitsgesellschaften und ähnlich gefährliche Banden zusammenbomben. Hierbei ist CNN nicht live dabei, sondern in den Information warfare eingebettet. Hierzu ist übrigens ebenfalls ein Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 zu finden.

Hartz IV erreicht uns hauptsächlich als Soap, wenn es um angeblichen Leistungsmißbrauch geht, nicht aber dann, wenn es darum geht, wie den Anspruchsberechtigten Leistungen systematisch – beispielsweise durch rechtlich nicht haltbare Sperrzeiten – vorenthalten werden. Eine engagierte, aufklärende Informationssendung im deutschen Rundfunk, die Arbeitslosen oder Jugendlichen Tips gibt, wie sie gegenüber den Sozialbehörden ihr Recht geltend machen können, fehlt völlig.

Der konservative Publizist Paul Sethe kennzeichnete die Pressefreiheit in einem Leserbrief an den Spiegel 1965 als

die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten [1]

und gab damit im Grunde abgewandelt einen Ausspruch des britischen Journalisten Hannen Swaffer aus den 1920er Jahren wieder, wonach die Freiheit der Presse in Britannien darin bestehe, die Vorurteile der Eigentümer wiederzugeben, solange sie nicht die Anzeigenkunden abschreckt. Nun ist das keine weltbewegende Erkenntnis, aber es ist sicherlich sinnvoll, sich darauf zu besinnen. Zu ergänzen wäre, daß der angeblich staatsferne öffentlich-rechtliche Rundfunk die bildungspolitische Grundversorgung dieser Art Pressefreiheit darstellt. Daran ändert sich auch nichts, wenn es ab und zu einzelne Journalistinnen und Journalisten gibt, die abweichende Meinungen formulieren. Die erhalten dann teilweise einen Preis für ihre Zivilcourage. Das sagt doch alles.

Ein Lokalradio wie das hiesige, das keine Koppelgeschäfte eingeht, um Werbeanzeigen zu aquirieren, weil Werbung auf diesem Sender ohnehin verboten ist, und das auch sonst keine Rücksicht auf politische, wirtschaftliche oder andere lobbyistische Interessen nehmen muß, wäre also der geeignete Ort, Pressefreiheit auch für diejenigen herzustellen, die im üblichen Mediendiskurs hiervon ausgeschlossen bleiben. Und in der Tat reden hier ganz normale Menschen wie du und ich und spielen – als Pressefreiheit – ihre Lieblingsmusik. Ob dies jedoch als Gegenentwurf zu einer entfesselten und an bestimmten gesellschaftlichen Leitmotiven ausgerichteten Presse ausreicht, ist mehr als zweifelhaft.

Aber immerhin – theoretisch ist das möglich. Praktisch hängt es davon ab, wie sich die Zugangsbedingungen zu diesem Sender im Einzelfall ausnehmen. Wie bei mir, der ich diese Sendung mit meinem Home-Equipment vorproduzieren und dann am Montagnachmittag mit Schaudern zuhören muß, wie meine sauber eingesprochene Stimme durch eine stümperhaft eingestellte Technik verzerrt wird. [2]

 

Timbre, Quote und Voyeurismus

Die Pressefreiheit ist nicht nur in China oder Rußland eingeschränkt, sondern auch in den USA und in Deutschland. Nicht alles, was möglich ist, ist auch erlaubt. In Deutschland gibt es das Persönlichkeitsrecht und den Jugendmedienschutz, religiöse Gefühle und das Andenken Verstorbener und noch so einiges mehr, was den Rahmen des Möglichen eingrenzen soll. Manches davon ist Geschmackssache, etwa die Kunst, manches wird von Fall zu Fall vor Gericht verhandelt. So ist es sicherlich nicht durch die Pressefreiheit gedeckt, Opfer von Verbrechen entwürdigend zu präsentieren – doch selbst hier sind die Grenzen nicht klar. In jüngster Zeit kommt jedoch ein neuer Aspekt hinzu, der sich medial gleichzeitig ausschlachten wie begründen läßt. Es sind zunehmend die Opfer derartiger Gewalttaten selbst, die das Licht der Öffentlichkeit suchen und sich nicht in ihrer Scham für das Erlittene zurückziehen.

Jan Philipp Reemtsma räsoniert in seinem Aufsatz über die Wahrnehmung dieser Opfer durch Dritte oder gar eine interessierte Öffentlichkeit, inwieweit hier bewußte und unbewußte Affekte zwischen Selbst schuld und Mitgefühl changieren. Auch die Opfer haben Bedürfnisse, wenn auch jedes Opfer andere. Es habe, so Reemtsma, jedoch keinen Sinn,

von jemandem zu erwarten, er solle dies und jenes wollen, wenn er etwas ganz anderes will. Allenfalls kann man die eigenen – Alltags- oder therapeutischen – Erfahrungen ins Spiel bringen und ihm sagen, er täte besser daran, dies und jenes nicht anzustreben, weil er – erfahrungsgemäß – sich (oder anderen) damit schaden werde. [3]

Nun kann es durchaus im Interesse eines Opfers sein, nicht oder nicht mehr oder zumindest nicht vollständig als Opfer wahrgenommen zu werden. Es ist allerdings auch so, daß der Opferstatus einen emotionalen Mehrwert bringt, worin man oder frau sich auch einrichten kann – aber nicht muß. Denn die Opfer sind ja bekanntlich immer die Guten. Die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse kann viele Formen annehmen, und dazu gehört möglicherweise auch der Gang in die Öffentlichkeit. Dieser Gang ist jedoch – und hier ist Reemtsma unbedingt Recht zu geben – nur begrenzt ein selbstbestimmter.

Jedes Opfer will dann doch seine Autonomie zurückgewinnen, aber das geht nicht im Fernsehstudio: Das Studio ist der Ort der Heteronomie. Der Sender will Quote, der Moderator will das auch und will als verständnisvoller Interviewer glänzen […]. [4]

Jan Philipp Reemtsma entfaltet seine Argumentation anhand eines Beispiels aus der Talkshow mit Johannes B. Kerner. Hier erscheint in der Hauptrolle ein 13-jähriges Mädchen, das auf dem Schulweg überfallen, in eine Kiste gezwängt und wochenlang von ihrem Entführer vergewaltigt wurde. Kerner mit seinem anteilnehmenden Timbre in der Stimme befragt ein sicherlich von der Situation überfordertes Mädchen mit dem Segen ihrer Therapeutin und Eltern, sowie eines Anwalts, der das Versagen der Polizei anprangern darf. Ab und zu verweist Kerner auf das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, der in seiner Geschichte die Widerwärtigkeiten des Falles mehr als nur angedeutet und dadurch das Mädchen zur Projektionsfläche pornografischer Phantasien freigegeben habe.

Jan Philipp Reemtsma war bekanntlich selbst Entführungsopfer und mußte mit seinem Tod rechnen. Er hat dieses Trauma unter anderem in seinem Buch Im Keller verarbeitet. Leserinnen und Leser seines Buchs erkannten sich in einzelnen Facetten der Darstellung wieder, konnten für sich neue Lösungsmöglichkeiten entwickeln und damit vielleicht eine bestimmte Opfer-Erwartungshaltung überwinden. Hier ist der therapeutische Nutzen auf beiden Seiten des Buchs zu finden; das wichtigste daran ist jedoch, daß Reemtsma die Autonomie über seine Fragen und Gedanken behalten hat.

Auch er war – von der ARD – für ein einstündiges Interview angefragt worden. Er beschreibt die Versuchung, sich hierauf einzulassen, als groß – und er kann immerhin als einer der reflektiertesten Intellektuellen in diesem Land gelten. Doch er sagt dann auch, es sei nicht seine eigene Weiseheit gewesen, davon Abstand zu nehmen, sondern der gute Rat ihm nahestehender Personen. Sonst hätte er wahrscheinlich ebensolchen Unsinn geredet wie das Mädchen und dessen Eltern.

Die Versuchung ist wirklich groß, und sie entspringt nicht einmal unbedingt einem Interesse an Selbstdarstellung. Ich könnte hier auf ein Beispiel aus eigener Erfahrung verweisen, obwohl ich hier nicht als Opfer von Gewalt angesprochen wurde. Als meine damalige Vorstandskollegin Tatjana Jordan im Dezember 2004 zusammen mit ihrem Lebensgefährten von ihrem ehemaligen Ehemann erschossen wurde, erreichte mich mittags ein Anruf des Darmstädter Echo. Ich war zu dem Zeitpunkt noch vollkommen ahnungslos und wurde sozusagen eiskalt erwischt. Petra Neumann-Prystaj war taktvoll genug, nicht allzu sehr nachzubohren.

Weniger taktvoll war die Anfrage nach einem Interview in den Sendestudios von Radio Darmstadt durch den Hessischen Rundfunk, die mich kurz darauf erreichte. Obwohl mir – wie bei Reemtsma – gute Freundinnen und Freunde davon abrieten, war ich noch viel zu sehr innerlich im Diskurs der Informationspflicht verhaftet, um Nein zu sagen. Das Interview fand kurz darauf im Sendestudio statt und wurde abends im Hessenfernsehen gesendet. Erst in der Situation selbst merkt man, wie viel in einem solchen Interview gestellt ist. Fragen werden noch einmal passend nachformuliert und das Setting wird präpariert. Paßt das Ambiente nicht für ein aussagekräftiges Kamerabild, werden Gegenstände aus dem Raum entfernt oder hinzugefügt. Die ganze Situation ist künstlich. Wäre das Kamerateam auch nur eine Stunde später erschienen, ich hätte es wuterfüllt rausgeschmissen. Aber der Schock saß erstmal.

Knapp ein Jahr später fand der Prozeß gegen den Täter vor dem Darmstädter Schwurgericht statt. Die Kamerateams auf dem Gang vor dem Gerichtssaal nervten und zeigten keinerlei Empathie. Hauptsache, die Quote stimmt. Auch hier wurde ich von einem Kamerateam für ein Interview angesprochen; nach einiger Bedenkzeit zog ich meine Zusage zurück. Ich wollte kein Zirkustier im Quotendschungel sein.

Mathildenplatz mit AmtsgerichtAnders erging es den Angehörigen des getöteten Lebensgefährten. Nachdem das Urteil gesprochen war und wir das Gerichtsgebäude verlassen hatten, stand draußen auf dem Mathildenplatz ein Kamerateam eines Privatsenders. Wie die Geier stürzten sie sich auf die Angehörigen, die kaum eine Chance hatten, Nein zu sagen. Sicherlich war hier auch ein verständliches Bedürfnis vorhanden, den eigenen Schmerz und die eigenen Rachegedanken öffentlich auszudrücken. Und vielleicht war es dieses verständliche Bedürfnis, das mich davon abgehalten hat, dazwischen zu treten. Ich sah mich nicht im Recht, den diesem Kamerateam hilflos ausgelieferten Angehörigen ihr Recht auf Öffentlichkeit vorzuenthalten, auch wenn diese Öffentlichkeit fremdbestimmt, quotensüchtig und einfach nur ekelhaft daherkam.

Umso mehr benötigen die Opfer von Gewalttaten einen Schutzraum, der verhindert, daß sie zum Opfer durchkommerzialisierter Effekthascherei werden. Im Falle des 13-jährigen Mädchens wurde die Fernsehaufzeichung von ihrem Anwalt und ihrer Therapeutin auch noch als heilsam ausgegeben. Und dies ist es, was Jan Philipp Reemtsma an dieser Szenerie ganz besonders empört hat – daß zwei professionelle soziale Bezugspersonen das Opfer dem Voyeurismus preisgegeben und dem Ganzen auch noch ihren Segen gegeben hatten.

Er fordert es hier als eine Selbstverständlichkeit ein, daß, wenn Anwälte und Therapeutinnen wie hier ihre Mandantin oder Patientin der Medienöffentlichkeit ausdrücklich preisgeben, sie mit standesrechtlichen Problemen rechnen müssen. Denn sie müssen wissen, daß das nicht geht. Ich frage mich allerdings, ob ein solches Verhalten zu sanktionieren ist. Müssen wir zum Schutz unserer Privatsphäre nach härteren Gesetzen, mehr Polizei, mehr Überwachung und standesrechtlichen Konsequenzen rufen oder machen wir damit nur den Bock zum Gärtner?

Die Medienwelt, in der wir leben, ist eine neoliberal durchgeknallte Katastrophe. Wir beseitigen sie jedoch nicht mit mehr Restriktionen und Repression, mit Jugendmedienschutz oder Sprüchen wie: „Der nachfolgende Film ist für Voyeure unter 100 Jahren nicht geeignet.“ Sondern mit Aufklärung und Gegenöffentlichkeit und damit auch durch die Negation kapitalistischer Leistungs­erfordernisse.

Fremdbestimmte Bedürfnisse lassen sich nicht einhegen, solange die Bedingungen für diese Bedürfnisse weiterhin existieren. Natürlich muß eine Therapeutin durch ihre Ausbildung wissen, was sie damit ihrer Patientin antut. Aber wissen wir denn selbst wirklich, wenn wir Medien konsumieren oder ihnen begegnen, was wir da tun und was sie uns antun? Die Bedürfnisse, die wir damit zu befriedigen suchen, sind oftmals so entfremdet und sinnlos wie die von diesen Medien verbreitete Informationsflut, Unterhaltung oder Musik.

 

Ideologisch verklärte Charaktermaske

Das aktuelle Heft 4 der Zeitschrift Mittelweg 36 enthält neben den gerade vorgestellten Reflexionen Jan Philipp Reemtsmas ein Gespräch über die 68er Bewegung, eine Literaturbeilage zur Wiederkehr schmutziger Kriege, eine Nachbetrachtung zu Alexander Mitscherlichs Unfähigkeit zu trauern und einen Aufsatz des Soziologen Ulrich Bröckling zum Umgang mit der unternehmerischen Anrufung.

Cover Mittelweg 36Was ist ein Unternehmer? Unternehmer zu sein, ist mehr als ein Beruf und auch mehr als eine Berufung. Ein Unternehmer ist ein Mann oder (viel seltener) eine Frau, die etwas sein soll oder auch will, nämlich eine Subjektivierungsform. Also eine Art und Weise, sich selbst und andere zu begreifen und sich und andere entsprechend zuzurichten. Es ist eine Aufforderung und eine Anforderung, die sich an jede und jeden Einzelnen richtet und die darauf zielt, einen Prozeß unablässiger Optimierung bzw. Selbstoptimierung in Gang zu setzen und in Gang zu halten.

Ein Unternehmer ist also jemand, der nie ruhen kann, weil es immer etwas zu tun gibt, und der deshalb auch andere niemals ruhen lassen kann. Er ist demnach das personifizierte nach Profitmaximierung strebende Kapital, also das, was Karl Marx in den Begriff der Charaktermaske [5] gegossen hat. Seine Selbstverwirklichung benötigt nicht nur eine Selbststeuerung, die eigentlich eine internalisierte Fremdsteuerung ist, sondern auch ein Selbstmarketing. Ein Unternehmer ist daher innovativ, findig, risikobereit und entscheidungsfreudig – und kann dabei nie genug davon haben. Was heraus kommt, ist permanente Selbst­überschätzung und ebenso permanente Selbst­überforderung. Ganz abgesehen davon, was solche Menschen anderen damit antun.

Diese Sorte verinnerlichten Unternehmertums zeigt sich in drei idealtypisch verkürzten Varianten, so Ulrich Bröckling. Da gibt es zunächst die Enthusiasten, deren Glaubensbekenntnis die Freiheit von bürokratischen Zwängen ist, die Selbstverantwortung und Risikobereitschaft predigen. Es gibt nichts, was sie nicht tun können – und sei es, ein Schwarzes Loch in die Schweizer Alpen zu jagen, damit ihr Risiko das Risiko Aller werde. Das Mantra dieser männlichen Egomanen lautet There is no alternative. Dann gibt es die Ironiker, die augenzwinkernd alles zu durchschauen vorgeben, um dann erst recht mitzumachen:

Ihre Freiheit ist die des mentalen Vorbehalts: Unentwegt stellen sie zur Schau, dass sie auch anders könnten, um es doch niemals zu tun. Ihre aufgedrehte Lustigkeit ist die gute Miene zum bösen Spiel, das sie durchschauen – und gerade deshalb virtuos spielen zu können glauben. [6]

Wenn ich mir hier eine kurze Bemerkung erlauben darf: Die permanente Aufforderung, mit dem folgenden Musikstück, dem nachfolgenden Film oder der nächsten Seifenoper viel Spaß zu haben, ist das mediale Gegenstück zu diesem ironisierenden Mitläufertum. Daß derartige Verbalmuster auch auf diesem Sender in einer schier unerträglichen Plapperei zu hören sind, ist gewiß nur zufällig und hat rein gar nichts zu bedeuten, genauso wenig übrigens wie das virtuose Spiel mit der Männertechnik auf diesem Sender.

Der dritte Typ ist der Melancholiker. Er beklagt die Kolonisierung des Sozialen durch die Wirtschaft – früher war ohnehin alles besser. Ulrich Bröckling findet diesen Typ bei älteren Gewerkschaftern wie bei jüngeren Attac-Aktivisten, vor allem aber an den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten deutscher Universitäten. Die Angst, die hier geschürt werde, treibe in ihrem lamentierenden Alarmismus gerade das an, was beklagt wird. Was schlägt uns unser Soziologe, der zudem Professor für Ethik, Politik und Rhetorik ist, vor? Taktische Klugheit. Gelassenheit. Empörung. Das Wissen, Teil dessen zu sein, was man und frau kritisiert, dazu zu nutzen abzutauchen und sich listenreich zu verweigern. Es handele sich um

eine Form der Kritik, die auf einen festen Standpunkt verzichtet und kein Gegenprogramm zur unternehmerischen Anrufung aufstellt, sondern immer wieder versucht, deren Sog zumindest für Momente außer Kraft zu setzen. [7]

Damit entgingen wir den auf den Unternehmerdiskurs gestützten Zumutungen zwar nicht, aber ersparten uns so manchen psychischen Aufwand. Wohl wahr. Allerdings glaube ich kaum, daß wir mit einer derartigen Gelassenheit diese Mühle verlassen können. Es gibt Menschen, die haben ihre Nische in diesem Wahnsystem gefunden; es gibt andere Menschen, die gar keine Gelegenheit, geschweige denn Zeit haben, sich Gedanken über Fluchtchancen zu machen. Der permanenten Mobilmachung in einer medial vermittelten neoliberalen Kultur des Unternehmertums ist schwer zu entkommen.

Wenn die von Fernsehteams begleiteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Arbeits- und Sozialbehörden in deinen Wäscheschränken herumschnüffeln und jede deiner Geldausgaben mißtrauisch beäugen, dann ist einfach Schluß mit Gelassenheit. Wenn wir von einer Fortbildungsmaßnahme zur anderen gescheucht werden oder in jedem Bullshit eine Chance erblicken sollen, dann ist Empörung das mindeste, was uns leiten sollte. Besser wäre natürlich ein kollektiver Aufschrei, ein Aufschrei, der jedoch nicht das Ressentiment des Mobs bedient, sondern emanzipatorisch und solidarisch das Recht auf Ruhe vor dem Wahnsinn erstreitet.

So richtig es ist, nicht jeden Unsinn mitzumachen, so sinnvoll es ist, nicht gegen jede Windmühle anzukämpfen, so fragwürdig wird das Konzept der Gelassenheit, wenn wir festhalten müssen, daß der Wahnsinn auch ohne uns weitergeht. Wollen wir wirklich tatenlos zusehen, wie diese Welt vor die Hunde gejagt wird?

Selbstverständlich liegt hier die Gefahr darin, sich ein weiteres Mal aufzureiben und sich neuen Frust abzuholen. Dennoch glaube ich nicht daran, daß List und Gelassenheit zu psychischem Wohlbefinden beitragen, wenn doch die äußeren Zwänge und die internalisierten Normen weiterhin auf uns einprasseln. Mehr, als einmal tief Luft zu holen, ist dabei nicht drin. Das mag in der einen oder anderen Situation eine ganze Menge bedeuten. Aber es befriedigt nicht. Wer sich nicht an den als unerträglich erkannten Verhältnissen reibt, stumpft ab und, was viel schlimmer ist, macht nach und nach alles mit, was von einer oder einem verlangt wird. Unsere Selbstachtung sollte es uns wert sein, es nicht so weit kommen zu lassen.

Heft 4 der Zeitschrift Mittelweg 36 ist im gutsortierten Buchhandel oder über das Hamburger Institut für Sozialforschung zu beziehen. Das Einzelheft kostet 9 Euro 50. Die nächste Ausgabe erscheint im Oktober.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

In der vergangenen Stunde sprach ich über ein Beispiel praktizierter Integrationsverweigerung, die Rolle von Opfern im medialen Diskurs und über unternehmerisches Wortgeklingel. Vorgestellt habe ich hierbei die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36. Die Musik trug die Algerierin Souad Massi zur Sendung bei und entstammt dem Musikarchiv von Cornelia Roch.

Am kommenden Freitag gastieren Ulli Simon mit seiner Gruppe La Kamanchaca in der Bessunger Knabenschule. Anlaß ist der 100. Geburtstag des sozialistischen chilenischen Präsidenten Salvador Allende, der am 11. September 1973 bei dem von der CIA mitorganisierten Putsch durch Augusto Pinochet getötet wurde. In ihrem Repertoire finden sich Texte und Lieder von Pablo Neruda, Victor Jara und Violeta Parra. Am Freitag um 20 Uhr 30 in der Knabenschule. Der Eintritt kostet 10 Euro, ermäßigt 8.

Am Tag darauf finden in Berlin und Stuttgart zeitgleich zwei Demonstrationen gegen den Krieg in Afghanistan statt. Gefordert wird der Rückzug der deutschen Truppen. Friedem, so heißt es im Aufruf, kann es in Afghanistan nur dann geben, wenn alle Besatzungstruppen das Land verlassen haben. Vom DGB-Haus in Darmstadt aus fährt am Samstagmorgen um 8 Uhr 30 ein Bus nach Stuttgart. Die Fahrtkosten betragen 10 Euro.

Ich möchte ja nicht unhöflich sein. Aber so wie ich das militärische Engagement in Afghanistan verstehe, ist Frieden nicht beabsichtigt.

Ich danke der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt für ihre Unterstützung bei der Produktion dieser Sendung. Diese Sendung wird voraussichtlich wiederholt, und zwar in der Nacht von Montag auf Dienstag nach den Deutschlandfunk-Nachrichten gegen 23 Uhr 10. Und dann noch einmal am Dienstag um 8 Uhr morgens und um 14 Uhr am frühen Nachmittag. Das Manuskript zu dieser Sendung kann in den nächsten Tagen auf meiner Webseite nachgelesen werden: www.waltpolitik.de. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt war Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Gerd Gründler : Erinnerung an Paul Sethe.

»» [2]   Es würde hier zu weit führen darzulegen, wie es den Technikern von Radio Darmstadt gelingt, mittels eines unsinnigen Kompressions­algorithmus Stimmen­verzerrung zu erzeugen.

»» [3]   Jan Philipp Reemtsma : Gewaltopfer – kann man Abstinenz von der Öffentlichkeit fordern?, in: Mittelweg 36, Heft 4, Seite 30–44, Zitat auf Seite 38.

»» [4]   Reemtsma Seite 44.

»» [5]   Karl Marx : Das Kapital, Band 1, Marx-Engels-Werke Band 23, Seite 90–91 und anderswo.

»» [6]   Ulrich Bröckling : Enthusiasten, Ironiker, Melancholiker. Vom Umgang mit der unternehmerischen Anrufung, in: Mittelweg 36, Heft 4/2008, Seite 80–86, Zitat auf Seite 85.

»» [7]   Bröckling, Seite 86.

 


 

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