Kapital – Verbrechen

Nachgehakt

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
In der Sendung vom 12. Dezember 2005 sprach ich über iranischen Antisemitismus und westliche Moral, über einen dubiosen Plattenbaudeal, über Fußballtrainer und eine sauschwere Auslosung, und stellte schließlich zwei Hefte einer anspruchsvollen Zeitschrift vor.
 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Nachgehkt
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 12. Dezember 2005, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 12. Dezember 2005, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 13. Dezember 2005, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 13. Dezember 2005, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher bzw. Zeitschriften :
  • Dietrich Schulze–Marmeling (Hg.) : Strategen des Spiels, Verlag Die Werkstatt
  • Mittelweg 36, Heft 4/2005
  • Mittelweg 36, Heft 5/2005
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_nhakt.htm
 
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 Mittelweg 36 
 Verlag Die Werkstatt 
 

 

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Politische Geografie
Kapitel 3 : Geschäftspartner
Kapitel 4 : Eine sauschwere Gruppe
Kapitel 5 : Strategische Gurken
Kapitel 6 : Sozial und gewalttätig
Kapitel 7 : Dunkel und nachtragend
Kapitel 8 : Kritische Kritik der Kritik
Kapitel 9 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

In der heutigen Ausgabe der Sendereihe Kapital – Verbrechen beschäftige ich mich mit einigen Merkwürdigkeiten des Plattenbaudeals zwischen dem Darmstädter Bauverein und der Freiberger Städtischen Wohnungsgesellschaft, mit Fußballtrainern als Strategen des Spiels, und ich stelle zum Schluß zwei Ausgaben der Zeitschrift Mittelweg 36 aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung vor. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

Zu hören über Antenne auf 103,4 Megahertz, im Kabelnetz Darmstadt auf 99,85 Megahertz, sowie in der Kabelinsel Groß–Gerau/Weiterstadt auf 97,00 Megahertz. Unser Livestream ist derzeit leider nur begrenzt online, weil wir derzeit keinen Zugriff auf unseren Server haben.

 

Politische Geografie

Doch zu Beginn meiner heutigen Sendung möchte ich auf ein Ereignis der vergangenen Woche zu sprechen kommen. Am vergangenen Donnerstag provozierte der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad mit dem Vorschlag, Israel nach Europa zurückzuverlegen. Vorzugsweise in Deutschland und Österreich, den beiden Ländern also, die als Großdeutsches Reich sich die ganze Welt unterwerfen wollten, solle der Nachfolgestaat einer Siedlerkolonie Land zugewiesen bekommen [1]. Einmal abgesehen vom antisemitischen Gehalt dieser Äußerung und der damit verbundenen Ignoranz gegenüber dem größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts ist dennoch festzuhalten, daß der Vorschlag einen Gedanken enthält, der kurz zu reflektieren wäre.

Mit der Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden wird zumindest in Israel offiziell die Legitimation eines eigenen Staates begründet, um zu verhindern, daß sich ein solches Verbrechen wiederholen kann. Ahmadinedschad weist mit seinem kruden Vorschlag zurecht darauf hin, daß die Täterinnen und Täter sich des Problems ihrer jüdischen Bevölkerung in einem zweiten Schritt nach der fast vollständigen Vernichtung elegant dadurch entledigt haben, daß sie der Errichtung eines jüdischen Staates auf Kosten einer anderen Bevölkerung wohlgefällig applaudierten. Die Arroganz des verhinderten Kolonialherren schlägt in der Abweisung der Äußerungen Ahmadinedschads bis heute durch.

Anstatt kurz innezuhalten und zu sagen, ja, eigentlich ist das richtig: als Kompensationsleistung für das von uns verübte Unrecht hätten wir beispielsweise Hessen, Baden–Württemberg, Bayern und Teile Österreichs räumen müssen, um für die Überlebenden der Shoah ein eigenes Refugium einzurichten [1a] – wird statt dessen festgeklopft, daß das eine Unrecht durch ein zweites kompensiert wird, was auch den Nachfahren der Täterinnen und Täter nicht weh tut. Allerdings wäre die Errichtung eines eigenen jüdischen Staates in Mitteleuropa allenfalls direkt nach der Niederlage Großdeutschlands im Zweiten Weltkrieg möglich gewesen. Womöglich hätten die Täterinnen und Täter sowie ihre Nachkommen diesen Zustand direkt vor ihrer Haustür jedoch nicht ertragen und hätten versucht, diese Grenzziehung – im Zweifelsfall militärisch – zu revidieren.

Sechzig Jahre danach ist ein derartiger Vorschlag jedenfalls absurd und verweist auf die Grundintention der Äußerung Ahmadinedschads. Ihm geht es nicht um historische Gerechtigkeit; die jüdische Bevölkerung Israels ist ihm herzlich egal. Dennoch bleibt festzuhalten: die Existenz Israels ist untrennbar verknüpft mit der Vertreibung der arabischen Bevölkerung 1947 und 1948 und dem seit 1967 andauernden Besatzungsregime, das die internationalen Normen des Völkerrechts selbstherrlich verspottet.

Wenn sich jedoch die westliche Staatengemeinschaft über die Äußerungen Ahmadinedschads empört, dann wird auch diese Empörung nicht durch das Motiv der historischen Gerechtigkeit gespeist. Die Existenz Israels ist für diese westlichen Staaten integraler Bestandteil einer Weltordnung, welche auf das arabische Erdöl angewiesen ist. Israels Armee ist im Zusammenspiel mit reaktionären arabischen Regimes derzeit der Garant dafür, daß die Ölquellen auch weiterhin kräftig zum Wohle der deutschen, der französischen und vor allem der US-amerikanischen Wirtschaft sprudeln.

Die Empörung, die Ahmadinedschad gilt, gilt jedoch auch der Frechheit der iranischen Mullahs, den zweiten treuen Verbündeten des Westens in der Region, den Schah von Persien, 1979 einfach gestürzt zu haben, um ein eigenes nationalstaatliches Regime zu errichten, das sich nicht (vollständig) den Spielregeln des vom Westen regierten freien Marktes unterwirft. Die Aufregung über eine mögliche iranische Atombombe ist natürlich ebenso geheuchelt. In den richtigen verantwortungslosen Händen ist sie bekanntlich kein Problem – wie im mehr oder weniger demokratisch regierten Indien oder in der Diktatur Pakistans. Oder eben in Israel. Und dabei soll es wohl bleiben: beim israelischen Atomwaffenmonopol in der Region. Abschließend sei bemerkt: Deutschland macht auch weiterhin mit dem Mullahregime die allerbesten Geschäfte. Die Empörung hat nämlich ihre Grenze – wie immer – dort, wo der Profit lockt.

 

Geschäftspartner

Der Plattenbaudeal, der 1996 zwischen dem Darmstädter Bauverein und der Freiberger Städtischen Wohnungsgesellschaft (SWG) geschlossen wurde, besitzt Haken und Ösen, die erst nach und nach ans Licht der Öffentlichkeit kommen. Damals kaufte der Bauverein für umgerechnet rund 16 Millionen Euro der SWG 930 Plattenbauwohnungen im Freiberger Stadtteil Friedeburg ab, um sie mit einem Kapitalaufwand von weiteren rund 22 Millionen Euro zu sanieren. Der Freiberger Stadtrat stimmte damals zu, ohne darüber informiert worden zu sein, daß es da eine Rückkauf–Verpflichtung für das Jahr 2006 geben solle.

Der Bauverein, der den Deal über einen Kreditrahmen von 38 Millionen Euro finanziert hatte und zusätzlich zehn Jahre lang jeweils 2,2 Millionen Euro als Generalmiete von SWG erhalten sollte, darf die sanierten Wohnungen der SWG im kommenden Jahr für sage und schreibe 60 Millionen Euro andienen. Die SWG jedoch ist hinsichtlich dieses immensen Betrags nicht zahlungsfähig, und die Stadt Freiberg als Eigentümerin der SWG kann mangels Finanzkraft nicht einspringen. Halten wir vorläufig noch als Theorie fest: der Bauverein leiht sich 38 Millionen Euro, um zehn Jahre später 60 Millionen zurück zu erhalten. Gewinn: 22 Millionen Euro. Eigener Einsatz: kein müder Pfennig. Bedenken wir: gerade die 90er Jahre waren das Jahrzehnt des Kasinokapitalismus und der virtuellen Geldmaschinen.

Freiberg im Spiegel einer AusstellungDer Deal kann jedoch aus den bekannten Gründen (mangelnde Zahlungsfähigkeit) nicht zu Ende gebracht werden. Also hat der Freiberger Stadtrat zähneknirschend einem Kompromiß zugestimmt, der vorsieht, daß der Bauverein 49% der SWG zum symbolischen Kaufpreis von einem Euro erhält. Die 930 Wohnungen werden einer gemeinsamen noch zu gründenden Tochtergesellschaft von Bauverein und SWG verkauft, dafür erhält der Bauverein von dieser Tochtergesellschaft ein Darlehen in Höhe von 18 Millionen Euro. Man und frau kann sich durchaus fragen, was sich hinter diesem neuen Deal verbirgt, und genau das hat die Unabhängige Wählervereinigung der IG Abwasser (UWIGA) getan.

Dabei ist sie auf noch ganz andere seltsame Deals gestoßen. Zunächst einmal beschäftigt schon seit einigen Jahren die Frage, weshalb der Freiberger Stadtrat einem Deal zustimmen konnte, der überhaupt nicht finanzierbar war. Die Recherche der UWIGA führen zu einer interessanten Konstruktion, die nicht nur Fragen aufwirft, sondern Antworten geradezu provoziert.

Der Bauverein hatte nämlich nur 378 der 930 Plattenbauwohnungen behalten und den Rest, also 552 Wohnungen, an die BVD Immobilien GmbH & Co. Friedeburg KG (kurz: BVD Immo) für einen unbekannten Preis weiterverkauft. An dieser BVD Immo ist der Bauverein selbst zu etwas mehr als 77% Prozent beteiligt, die übrigen rund 23% – das sind rund 15 Millionen Euro – wurden durch stille Gesellschafter aufgebracht. Die UWIGA geht wohl nicht zu Unrecht davon aus, daß es sich hierbei um eine Art geschlossenen Immobilienfonds handelt. Auch hier übrigens gibt es eine Rückkaufverpflichtung: der Bauverein erhält die Wohnungen ebenfalls im kommenden Jahr wieder zurück.

Jetzt stellt sich die Frage nach dem Sinn genau dieses Deals. Der Witz einer solchen stillen Beteiligung liegt nämlich darin, daß die stillen Teilhaber die Konditionen für ihre Einlagen frei aushandeln können. Die UWIGA vermutet daher – recht naheliegend,

daß die BVD Immo zwischen 1996 und 2006 über Gebühren, Werbungskosten und die Sonderabschreibungen steuerliche Verluste erzeugt hat. Mit solchen Verlustzuweisungen kann man dann die persönliche Steuerschuld schön reduzieren – das ist das klassische Modell aller Bauherren– [und ähnlicher] Steuersparmodelle.

Zusätzlich könnte noch ein schöner Gewinn anfallen, wenn die 552 Wohnungen 2006 wieder an den Bauverein verkauft werden – das hängt ab von dem (unbekannten) Kaufpreis in 1996 und dem (ebenfalls unbekannten) Rückkaufpreis in 2006 zwischen Bauverein und BVD Immo.

Interessant ist dabei sicherlich auch, daß Gewinne aus dem Kauf und Verkauf von Immobilien dann völlig steuerfrei sind, wenn zwischen Erwerb und Verkauf mindestens 10 Jahre liegen.

Der Fall liegt hier vor: Verkauf 1996, Rückkauf 2006.

Nun gibt es keinen sachlichen Grund für diese Hin– und Her–Transaktion, außer dem vielleicht, Steuern zu sparen und – und jetzt wird es interessant! – den stillen Teilhabern einen saftigen Profit zu verschaffen. Diese stillen Teilhaber haben die schon genannten rund 15 Millionen Euro in das Gesellschaftskapital eingezahlt; und da stellt sich schon die Frage, wer denn über so viel Geld verfügt. Oder vielleicht ist das die falsche Frage.

Vielleicht lautet die richtige: welche Gesellschafter haben 1996 einen Kredit in Höhe von insgesamt 15 Millionen Euro als Spielgeld erhalten, das sie in den zehn Jahren fleißig mehren konnten, um diesen Kredit dann – nach Abzug eines möglichen Gewinns – 2006 wieder zurückzahlen zu können. Welche Einzelpersonen in Darmstadt und Freiberg profitieren hiervon? Das ist hier die Frage. Eine Frage, die Vorstand und Aufsichtsrat des Bauvereins ganz sicher beantworten könnten, wenn sie wollten. Es handelt sich hierbei um verdiente Politikerinnen und Politiker einer ganz ganz großen Darmstädter Koalition.

Da spielt es fast schon keine Rolle mehr, daß eine städtische Gesellschaft aus dem Westen eine ostdeutsche Stadt nach allen Regeln der kapitalistischen Kunst ausgenommen hat, wobei hier Freiberger Politikerinnen und Politiker fleißig mitgemacht haben – wer weiß, vielleicht sind sie ja stille Teilhaber? –, und es spielt auch keine Rolle, daß eine weitere Firma als Generalmieter aller 930 Wohnungen aufgetreten ist, die bei dem Hin– und Hergeschiebe von Geldern sicherlich auch ein wenig abgesahnt hat.

Wer mehr über diesen Plattenbaudeal erfahren möchte, findet diese – auch den Darmstädter Stadtverordneten vorliegenden – Hintergrundinformationen auf der Webseite der UWIGA: www.uwiga.com. Bislang hat nur die Frankfurter Allgemeine am 25. November über die Recherche von UWIGA–Vorstandsmitglied Georg Hang berichtet [2], bei der Rundschau fehlt mir der Zugang zum elektronischen Archiv [3], und das Darmstädter Echo schweigt, zumindest bisher. Vielleicht recherchiert es ja noch [3a]. Und vielleicht könnte sich der neue Oberbürgermeister Walter Hoffmann um die Aufklärung verdient machen, denn Bürgerinnen– und Bürgernähe zählten wie Offenheit und Transparenz ja zu seinen Wahlversprechen.

Siehe zum Plattenbaudeal auch meine Sendung Darmstadt – Freiberg vom 29. September 2003.

 

Eine sauschwere Gruppe

Besprechung von : Dietrich Schulze–Marmeling (Hg.) – Strategen des Spiels. Die legendären Fußballtrainer, Verlag Die Werkstatt 2005, 414 Seiten, € 21,90

Die deutsche Fußballnationalmannschaft hat bei der Auslosung ihrer Vorgruppengegner für die Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr ein sauschweres Los gezogen. Vergessen wir nicht, daß die besten Kicker der Nation bei der Europameisterschaft im Jahr 2000 von einer portugiesischen B–Auswahl vernascht worden waren. 2002 gelangten sie zwar ins Endspiel, aber wie eine spanische Zeitung zurecht angemerkt hatte: Fußball war das nicht, was dort geboten wurde. [4]

Allerdings zeigten Völlers Mannen wenigstens im Endspiel einen Hauch von Spielkultur. Aber mehr als dieser Hauch war das dann auch nicht. Schon zwei Jahre später scheiterte die Nationalelf torlos an einem Fußballriesen wie Lettland und anschließend an einer diesmal tschechischen Reserveelf. Da kann Franz Beckenbauer richtig froh sein, daß Deutschland sich als Ausrichter eines Megakommerzevents nicht durch die Qualifikation quälen mußte. Und deshalb sage ich: sauschwer, diese Gruppe.

Oliver Bierhoff hat in einem Interview mit dem Darmstädter Echo vom 5. November 2005 etwas sehr Richtiges und Bedenkenswertes gesagt:

Taktisch waren wir noch nie unbedingt ein Vorreiter, auch technisch nicht. Aber mit den so genannten deutschen Tugenden hat man ja auch viel erreicht.

Die deutschen Tugenden – was ist das den?: Kämpfen, grätschen, foulen, töten. Obwohl: zumindest auf dem Fußballplatz findet das Töten nicht statt. Das läßt sich wahrscheinlich für den Kriegserprobungseinsatz unserer Spezialkräfte in Afghanistan nicht so sagen; dort gehört das Töten durchaus zum Geschäft. Doch bleiben wir beim Fußball. Ob die deutschen Tugenden in Zukunft weiter helfen, darf bezweifelt werden. Dazu noch einmal Oliver Bierhoff:

Aber man muss ganz klar sehen, die kleinen Nationen haben aufgeholt.

Eben. Kämpfen können sie nämlich inzwischen alle. Siehe Südkorea bei der letzten Weltmeisterschaft 2002. Das reicht fürs Halbfinale. Daraus folgt: wenn die Jungs aus Costa Rica und Ecuador mindestens so gut laufen können wie unsere verwöhnten Bundesligastars, dann können sich die Polen genüßlich zurücklehnen und ihre Reservemannschaft auflaufen lassen. Ich fürchte jedoch, daß wir auch bei dieser Weltmeisterschaft einen Triumph des destruktiven Fußballs erleben werden – und da sind die Deutschen natürlich an vorderster Stelle dabei. Nur nicht daran denken!

Was jedoch Technik und Taktik angeht – da können deutsche Trainer und Spieler noch so einiges lernen. Selbst Bundesligaprofis können mitunter nur staunen, was ihre brasilianischen Kollegen vollführen [5]. Allenfalls einmal Anfang der 70er Jahre ließ sich erahnen, wozu selbst deutsche Fußballspieler in der Lage sein könnten, würde man sie lassen. Zwar sagt Sepp Maier, und da hat er Recht, die 72er Europameisterschaftself habe Schlafwagenfußball gespielt [6]. Aber man und frau muß das in Relation setzen zu dem gebolzten Kampfspiel von heute, dem Individualismus einfach fremd ist. Es gibt ein System, und das wird umgesetzt. Folglich ist der Star das Team. Und das Team, welches das bestangepaßte System spielt, gewinnt. 1996 war es Bertis Gurkentruppe, 2004 Otto Rehhagels griechisches Betonwerk. Manchmal ist es eben einfach so, daß sich der Trainer einer Mannschaft anpassen muß, die er auflaufen läßt. Vielleicht ist genau deshalb mit Bruno Labbadia ein weiterer Trainer an den Lilien gescheitert.

 

Strategische Gurken

Dietrich Schulze–Marmeling hat für sein Buch über die legendären Fußballtrainer mit dem Titel Strategen des Spiels wieder einmal ein kompetentes Team zusammengestellt, das für manche überraschende Einsicht sorgt. Für diesen Band wurden 75 Trainer ausgewählt, dreißig hiervon werden ausführlich vorgestellt. Zwar bilden seit den Anfängen des professionellen Fußballs in England Ende des 19. Jahrhunderts elf Spieler ein Team. Ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts kam man in Deutschland überein, daß ein Fußballplatz keine Sträucher und Bäume aufweisen solle.

Buchcover Strategen des SpielsAber Trainer, also diejenigen, die nicht nur Kondition bolzen lassen, sondern auch Taktik vermitteln sollten, Trainer waren erst einmal nicht vorgesehen. Erst in den 20er und 30er Jahren setzte sich die Erkenntnis durch, daß eine professionell spielende Mannschaft auch ein professionelles Umfeld benötigte. Und Herbert Chapman war in England einer der ersten, der Taktik nicht als Augenblicksentscheidung betrachtete, sondern als systematische Durchdringung eines gesamten Spiels. Gleichzeitig war er der Erfinder des sogenannten WM–Systems. Der Name leitete sich jedoch nicht von einer Weltmeisterschaft her, sondern von der Aufstellung der Spieler. Von oben betrachtet sah es wie ein W und ein M aus. Chapman war einer der ersten Strategen, und er war erfolgsorientiert. Mit ihm fand der Defensivfußball endgültig Eingang ins Spiel.

Die Zeiten, in denen man sich auf dem Fußballplatz frei austoben konnte, sozusagen Abenteuerurlaub von der Maloche hatte, waren vorbei. Wie im richtigen Leben ging es jetzt um Erfolg und Profit. Lieber nicht verlieren als gewinnen, lautete nun die Parole.

Fußball hat durchaus etwas mit Philosophie zu tun. Viel wird hineingeheimnißt, dabei ist es nur ein Spiel, das mit aller brutalen Konsequenz den Ball ins Tor führen soll. Wenn dies nicht machbar erscheint, wird zumindest alles getan, um den Ball daran zu hindern, wenigstens im eigenen Kasten zu landen. Manche Trainer konnten hierbei nicht nur ihre eigene Philosophie umsetzen, sondern sich auch entsprechende Mannschaften formen. Im Nachhinein fragt man sich, ob man nicht einzelne Trainer vollkommen falsch eingeschätzt hat. Dabei will ich nicht von Sepp Herberger reden, einem Pedanten sonder gleichen, bei dem ein falsches Wort zur falschen Zeit genügte, um eine Nationalmannschaftskarriere zu beenden.

Nehmen wir statt dessen Helmut Schön, seinen Nachfolger. Er war nicht pedantisch, sondern, gut deutsch, gewissenhaft. Und er hatte ein Händchen für die jungen aufmüpfigen Kicker der 68er Ära, die er mehr oder weniger gewähren ließ, was dazu führte, daß spätestens 1974 Franz Beckenbauer die Mannschaftsaufstellung diktierte. Der Ball war für ihn der Mittelpunkt des Spiels, und Helmut Schön verstand es, Ordnung (das muß eine Trainer–Marotte sein) ins Spielprinzip unterzubringen und seinen Spielern dennoch Freiräume einzuräumen. Die Elf von 1972 galt damals als die Rehabilitierung des Offensivfußballs, und nicht wenigen gilt sie als beste deutsche Mannschaft schlechthin.

Zeitgleich tat sich auch in Holland etwas, was mit dem Namen Rinus Michels verbunden ist. Vergessen wir nicht, daß holländische Mannschaften von 1970 bis 1973, erst Feyenoord und dann dreimal Ajax, viermal hintereinander den Europapokal der Landesmeister gewannen. Rinus Michels führte ein System ein, bei dem jeder Spieler aufbauen und angreifen durfte, sofern er auch defensive Aufgaben übernahm.

Dieser sogenannte totale Fußball war etwas anderes als totaler Krieg – es war der Versuch, die Kreativität einzelner Solisten in ein gemeinsames Orchester zu überführen. Michels' totaler Fußball war die Antwort auf den Catenaccio, die Mörtelmaschine aus Italien, die auch in Spanien und Portugal heimisch werden sollte. Und sein System hatte Erfolg, auch wenn ihm der Triumph im Olympiastadion in München 1974 versagt blieb. Allerdings war Ordnung auch Michels' Grundprinzip und Witze über seinen Geiz waren legendär.

Vier Jahre später, 1978, führte César Luis Menotti Argentinien zum WM–Titel. Der Sieg zählte für ihn nur, wenn er schön herausgespielt war. Statt eines totalen Fußballs suchte er nach dem idealen. Ein bißchen Weltverbesserer mag er gewesen sein, doch er lebte hierfür in den falschen Zeiten. Zwei Jahre zuvor hatte das argentinische Militär geputscht und eine Folterdiktatur begründet, die mit dem verlorenen Malvinenkrieg einige Jahre später in sich zusammenfiel. Menotti gilt als Verfechter eines linken Fußballs, doch ist zu Fragen, ob er mit dieser Kategorie nicht viel eher einen Marketing–Gag erfunden hat, um das Unbehagen an der Verwandlung des Fußballs zu einem Megageschäft zugleich auszudrücken und ins kapitalistische System zu integrieren.

Kritiker werfen Menotti vor, er habe 1978 die Dinge nicht beim Namen genannt [7]. Menotti hatte nicht immer so viel Distanz zur Militärdiktatur, wie er später behaupten wird. Er war Teil eines Marketingsystems, das den Fußball dazu nutzte, das Image eines Folterregimes aufzupolieren. […] Fußball ist Politik. Und Menotti spielte mit [8]

Vielleicht muß man und frau seine linke Fußballphilosophie als geistigen Rückzug des liberalen Kleinbürgers deuten:

Seine Philosophie war einfach: In Gesellschaft und Politik herrschten Scheinheiligkeit und Ränkespiel vor; Fußball hingegen verkörpere Großmut, Kreativität und Anstand als Gegengewicht, [9]

schreibt der Sozialanthropologe Eduardo P. Archetti. Fußball als Kulturgut, oder anders gesagt: als Kultur der gehobenen Schichten und Klassen? Nun – es gab auch Hinweise darauf, daß der Erfolg der argentinischen Mannschaft mit nicht ganz so noblen Mitteln zustande kam, mit Doping und Bestechung. [10]

Eher erstaunt war ich über die Biographie von Jupp Heynckes, dem eigentlich eher Disziplin und autoritäres Verhalten nachgesagt werden. Er kommt hier geradezu als multikultureller Mann von Welt daher. Warum ausgerechnet Christoph Daum, Jürgen Klinsmann und Felix Magath zur Trainerlegende wurden, erschließt sich mir nicht, es hat wohl etwas mit Marketingaspekten im Vorfeld der Fußball–Weltmeisterschaft zu tun. Das Buch soll sich ja auch verkaufen.

Lesenswert und lehrreich hingegen sind die Beschreibungen von Johan Cruyff (als Trainer) oder von Otto Rehhagel, der bei den Bayern scheitern mußte, gerade weil er dort kein Team der Namenlosen zum Erfolg führen konnte. Der Erfolg Griechenlands bei der Europameisterschaft letztes Jahr verweist noch einmal eindringlich darauf, daß ein gut eingestelltes drittklassiges Team, das zum richtigen Zeitpunkt in Topform ist, Wunder wirken kann. Keine Angst – das wird den drittklassigen deutschen Kickern nicht gelingen!

Der von Dietrich Schulze–Marmeling herausgegebene Band Strategen des Spiels verweist auf einen wichtigen Faktor im Spiel – den Trainer. Zwar ist dieser weitestgehend machtlos, wenn seine Spieler auf dem Feld herumgurken. Auch kann er keine Wunder bewirken bei Mannschaften, die einfach nicht in sein System passen. Aber wenn er sich eine Mannschaft aufbauen kann, wie dies Otto Rehhagel und Johan Cruyff gezeigt haben, die nun wirklich vollkommen unterschiedliche Auffassungen vom modernen Fußball haben, dann können Wunder geschehen. Normalerweise gewinnt jedoch die Mannschaft, die mehr Geld zur Verfügung hat, um sich den Erfolg zu kaufen.

Strategen des Spiels, das Buch über die legendären Fußballtrainer, hat 414 Seiten und ist im Verlag Die Werkstatt zum Preis von 21 Euro 90 erschienen.

In zwei Wochen, am Weihnachtsmontag, werde ich in meiner nächsten Sendung ein Kapitel des deutschen Fußballs beleuchten. Der Titel der Sendung lautet: Wie man eine Betonmauer knackt und an einer Büchse scheitert. Doch mehr wird vorerst nicht verraten.

 

Sozial und gewalttätig

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 4/2005 und 5/2005, 95 bzw. 99 Seiten, je € 9,50

Im Sommer und Herbst dieses Jahres sind zwei Ausgaben der Zeitschrift Mittelweg 36 erschienen, auf die ich noch kurz hinweisen möchte.

Cover Mittelweg 36Das im August veröffentlichte Heft 4 behandelt Aspekte der sozialen Frage in der Bundesrepublik Deutschland und hier speziell im Osten dieser Republik, das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Bellizismus, Überlegungen zum Begriff des Völkermords, sowie zur Verbindungslinie von deutschen Kolonialgreueln in Südwestafrika zum Holocaust. Doch der Reihe nach.

Berthold Vogel untersucht im ersten Beitrag des Hefts Die Justierung des Sozialen:

Mit Blick auf die aktuelle Lage von Staat und Gesellschaft spricht zwar alles dafür, daß die Prekarität und Fragilität des Sozialen unter veränderten staatlichen, ökonomischen und generativen Konstellationen zunimmt, seine integrative Kraft an Stärke verliert, gleichwohl löst sich das Soziale nicht auf, es verschwindet nicht. [11]

Wer über die Justierung des Sozialen spricht, muß sich [jedoch] zwei Dinge vergegenwärtigen: Er betritt einen Schauplatz der Ressentiments und ist mit einer Welt sozialer Spannungen und divergierender Interessen konfrontiert. Die Politik der Justierung des Sozialen bewegt sich im Spannungsfeld frivoler Wohlstandsverachtung und nervöser Wohlfahrtsstaatsverteidigung. [12]

Müssen wir das Soziale neu denken? Da stellt sich die Frage, in wessen Sinne die soziale Frage neu bedacht werden soll. Sicher geht es nicht um die Justierung einer Sozialstaatsmaschine. Doch leider erklärt uns der Autor nicht, wer denn die Kräfte sein sollen, die sowohl den neoliberalen Autisten als auch den technokratischen Reformern Paroli bieten sollen, um vielleicht etwas ganz anders, nämlich das gute Leben außerhalb von Sachzwängen, Leistungsdruck und Warendenken zu ermöglichen.

Andreas Willisch geht im darauf folgenden Aufsatz auf Die paradoxen Folgen mechanischer Integration ein. Anhand einiger Beispiele aus Mecklenburg–Vorpommern belegt er Lebensstrategien, die sich zwischen prekären Arbeitsverhältnissen und Arbeitsamtsmaßnahmen bewegen. Hierbei zeigt sich eher das Phänomen der Perspektivlosigkeit. Eklatant ist ohnehin die Diskrepanz zwischen Arbeitssuchenden und Arbeitsplätzen. Deshalb gemahnt der Autor, nicht weiter an der Schraube des Förderns und Forderns zu drehen. Sind keine Jobs da, sind sie eben nicht da.

Andreas Willisch unterschätzt hierbei jedoch den Sinn derart sinnlos erscheinender Maßnahmen. Es geht nicht darum, sinnvolle Ein–Euro–Jobs zu schaffen oder Arbeitslose aufzufordern, mit eigenen Ideen förderungswürdige Arbeitsplätze hervorzuzaubern, wie der Autor vorschlägt. Der neoliberale Wahn geht nicht vom Menschen aus, sondern von dessen Verwertbarkeit. Menschen, die nicht vernutzbar sind, haben – so gesehen – letzten Endes auch keine Daseinsberechtigung.

Jörn Leonhard führt uns auf ein anderes Gebiet, nämlich die Zivilgesellschaft. Soweit sie vom Gegensatz zur Gewaltförmigkeit innerstaatlicher wie zwischenstaatlicher Kriege ausgeht, beschreibt sie das mögliche Ende eines historischen Prozesses. Der Autor zeigt nämlich, daß Zivilität und Gewalt seit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft ein ambivalentes Verhältnis zueinander pflegten, das die Selbstorganisation einer Gesellschaft mit der Teilhabe an einer Nation verband: Selbstorganisation als Moment ziviler, Teilhabe am Nationalstaat als Moment gewaltförmiger Einbindung. Bedeutet das Verschwinden der Bedeutung des Nationalstaats deshalb auch, daß sich Zivilität und Gewalt als Gegensätze herausbilden? Ich bin da skeptisch, solange eine Zivilgesellschaft nicht als eine bestimmte historische Fassung der immer noch existierenden und von Grund auf gewaltförmigen kapitalistischen Gesellschaft begriffen wird.

Gerd Hankel fragt: Was heißt eigentlich Völkermord? Er verweist zurecht darauf, daß die 1948 für die Völkermordkonvention gefundene juristische Definition Täterinteressen diente. Zwar einte die Abwehr des nationalsozialistischen Verbrechens die die Konvention unterzeichnenden Staaten. Dennoch sorgten vor allem die Kolonialmächte dafür, sich nicht selbst dem Pranger auszuliefern. Gerd Hankel fragt nun anhand der Aufarbeitung des Genozids in Ruanda 1994, ob sich nicht mit Berufung auf die Konvention (und damit auch verbunden der Unterschlagung etwas niederschwelligerer Verbrechen) neues Unrecht anbahnt.

Im letzten Aufsatz des Augustheftes belegt Birthe Kundrus, wie ich finde: überzeugend, daß es keinen direkten Weg vom Völkermord an den Herero im Jahr 1904 zum Holocaust dreißig bis vierzig Jahre später gegeben hat. Dennoch wäre zu überlegen, ob es nicht doch so etwas wie eine Mentalitätsgeschichte entgrenzter Gewalt gibt, die rassistischen Völkermord mit 500 Jahren kapitalistischer Kolonialgeschichte verbindet [13].

 

Dunkel und nachtragend

Heft 5 von Mittelweg 36 ist im Oktober erschienen. Hierin geht es um die Inszenierung einer Bunkermentalität in Israel, um geschichtsphilosophische Fragen, um Entdeckungen im Nachlaß von Walter Benjamin und um die Darstellung alliierter Internierungslager in der deutschen Literatur der frühen 50er Jahre.

Jackie Feldman legt in einem durchaus provozierenden Aufsatz dar, wie der Staat Israel durch gezielte Gruppenfahrten nach Polen versucht, individuelles Leid für die Stärkung der Nation zu nutzen:

Durch die Konstruktion einer multisensorischen »Erfahrung« des Holocaust–Polen in einem rhetorischen und performativen Rahmen, dem die Reste der Konzentrationslager und die körperliche Anwesenheit des Überlebenden Authentizität verleihen, wird das persönliche Leid des Holocaust–Opfers/–Überlebenden zur Festigung der Grenzen des Nationalstaats mobilisiert. [14]

Cover Mittelweg 36Der Autor plädiert hierbei für alternative Botschaften, die es ermöglichen, auch Nichtjüdisches wahrzunehmen, und welche die Identität von moralischen und ethnischen Kategorien problematisieren. Allerdings ist es eher unwahrscheinlich, daß das israelische Establishment hieran ein Interesse haben könnte.

Der italienische Historker Carlo Ginzburg spricht über Die dunkle Seite der Geschichte und kritisiert die postmoderne Geschichtsschreibung:

Ich bin wirklich erstaunt,

so sagt er in einem 2003 erstmals veröffentlichten Interview,

über dieses merkwürdige Phänomen in der modernen Geistesgeschichte, daß Wörter wie »Wahrheit« und »Realität« eine gewissermaßen reaktionäre Tönung angenommen haben, während Wörter wie »Traum« und »Wunsch« als radikal gelten. Folglich wurde die kulturkonservative Position zur radikalen, sobald die grundlegenden Kategorien der kritischen Tradition über Bord geworfen wurden. [15]

Vordergründig geht es in diesem Interview um antisemitische Verschwörungen, Hexensabbate und eine eigentümliche Kosmologie im 14. bzw. 16. Jahrhundert.

Nur kurz streifen möchte ich hier Archivfunde von und zu Walter Benjamin und seinen Schriften im sogenannten Moskauer »Sonderarchiv«.

Nachdenklich macht ein Aufsatz von Gregor Streim über einen Typus deutscher Literatur, wie er typisch für den Beginn der 50er Jahre war. Neben dem seinerzeit 200.000 Mal verkauften Fragebogen des von den Amerikanern wegen seiner rechtsterroristischen Vergangenheit internierten Ernst von Salomon [16] handelt es sich vorwiegend um Trivialliteratur. Dargestellt wird die angebliche Ungerechtigkeit dieser Internierungslager, aber auch, wie man sich Kameradschaft und die damit verbundene Sinnstiftung in schwierigen Zeiten vorstellte.

Die Texte entwerfen ein kommunikatives Gedächtnis im Rahmen einer erinnerungspolitischen Auseinandersetzung um das kollektive Gedächtnis. Und in diesem Kontext ist der Topos von der »Unschuld des Erinnerns« alles andere als unschuldig. [17]

Es ist wohl nicht notwendig, hierbei auf die wachsende Zahl unschuldiger Kriegs– und Nachkrigserinnerungen hinzuweisen, die sich in den letzten Jahren zunehmend breitgemacht haben.

Den Abschluß von Heft 5 bildet eine als Randnote bezeichnete Marginalie, die inhaltlich auf einen kaum wahrnehmbaren Zwist zwischen Moses Mendelssohn und seinem Freund Gottfried Ephraim Lessing, wir schreiben das Jahr 1757, eingeht. Das Ende dieses vier Seiten kurzen Textes ist jedoch alles andere als marginal und macht einen Sprung in die Jetztzeit: Wer von denen, die sagen, sie wüßten nicht, was an Martin Walsers Tod eines Kritikers antisemitisch sei, hat das Buch gelesen und sich gefragt, was er oder sie sagen würden, wären sie selbst Jüdin oder Jude in Deutschland.

Beide Hefte der Zeitschrift Mittelweg 36 sind über den Buchhandel oder direkt beim Hamburger Institut für Sozialforschung zu beziehen. Das Einzelheft kostet 9 Euro 50.

 

Kritische Kritik der Kritik

Zum Schluß meiner heutigen Sendung noch ein Veranstaltungshinweis für Dienstag, den 13. Dezember 2005. Albert Krölls wird im Alten Hauptgebäude der TU Darmstadt in der Hochschulstraße 1 über Das Geheimnis des Unbewußten sprechen. Der Referent befaßt sich hierbei mit der Kritik der Psychoanalyse und des Frankfurter Psychomarxismus. Im Text zur Veranstaltung heißt es hierzu:

Freud ist alles andere als ein "toter Hund". Auch wenn sich die zeitgenössischen Psychologie von seinen abenteuerlichen sexuellen Einfällen wie dem Penisneid des Weibes oder dem Ödipuskomplex zu distanzieren pflegt, so will doch so gut wie [keine und niemand] dem "Unbewussten" die wissenschaftliche Berechtigung absprechen. Im Gegenteil, nicht nur bei der Erklärung von Ausländerfeindlichkeit und Jugendgewalt spielen aggressionstheoretische, triebökonomische oder ethno–psychoanalytische Erklärungsmuster eine prominente Rolle. Zum psychologischen Allgemeingut geworden ist auch die triebökonomische Deutung staatlich organisierter Kriege als Ausdruck menschlicher Aggressivität oder des menschlichen Todestriebes.

Wie die Antisemitismusforschung belegt, ist auch der freudianisch inspirierte Psychomarxismus der Frankfurter Schule keineswegs unmodern geworden und erfreut sich insbesondere in antideutschen Kreisen großen Zuspruches, wenn es darum geht, mit Adorno– und Horkheimer–Zitaten nach dem sado–masochistischen Ursprung des deutschen National–Charakters zu forschen. Adorno und Co hatten bekanntlich den Antisemitismus als "autoritäre Aggression" aus der sadistischen Komponente des autoritären Charakters abgeleitet und damit dem Judenhass eine unerlässliche psychische Entlastungsfunktion für den Seelenhaushalt des Untertanen attestiert.

An den Theorien von Freud und der Frankfurter Schule soll im Rahmen des Vortrages aufgezeigt werden, welche systematischen Fehlerklärungen von Krieg, faschistischen Antisemitismus und staatsbürgerlichem Gehorsam die Kategorienwelt der Psychoanalyse (Ich, Es und Überich, Projektion, Identifikation etc) herbringt und welchen politisch–legitimatorischen Nutzwert psychoanalytische Erklärungsmuster besitzen. [18]

Der Vortrag von Albert Krölls wird am Dienstagabend um 19 Uhr 30 im Alten Hauptgebäude der TU Darmstadt zu hören sein. Veranstalter ist der AStA der TU Darmstadt.

 

Kritische Kritik der Kritik

Jingle Alltag und Geschichte

In meiner heutigen Sendung habe ich bei der Empörung über die antisemitischen Äußerungen des iranischen Staatspräsidenten Ahmadinedschad nachgehakt, einige durchaus spannende Fragen der UWIGA zum Plattenbaudeal zwischen dem Darmstädter Bauverein und der Freiberger Städtischen Wohnungsgesellschaft referiert, euch Gedanken zu den Strategen am Spielfeldrand mitgeteilt, und abschließend zwei Hefte der Zeitschrift Mittelweg 36 aus diesem Jahr vorgestellt.

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte hört ihr im Original nachmittags am Montag, den 12. Dezember, sowie in der Wiederholung in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23 Uhr, am Dienstagmorgen nach dem Radiowecker um 8 Uhr, sowie am Dienstagnachmittag ab 14 Uhr. Solltet ihr Anregungen oder Kritik zu dieser Sendung haben, könnt ihr mir eine Email schicken, und zwar an kapitalverbrechen@alltagundgeschichte.de oder eine Nachricht auf der Mailbox der Redaktion Alltag und Geschichte hinterlassen; die Telefonnummer lautet (06151) für Darmstadt, und dann die 87 00–129. Das Sendemanuskript werde ich, sofern der Server meines Providers wieder freigeschaltet wird, in den kommenden Tagen auf meine Homepage hochladen: www.waltpolitik.de.

Meine nächste Sendung auf diesem Sendeplatz ist am Weihnachtsmontag, also am 26. Dezember. In der nächsten Woche hört ihr auf diesem Sendeplatz Katharina Mann oder Niko Martin mit ihrer Sendereihe Hinter den Spiegeln. Im Anschluß folgt die Sendung nickelodeon der Kulturredaktion mit Gerhard Schönberger; am Mikrofon verabschiedet sich Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Irans Präsident will Israel nach Europa verlegen, von: reuters, 8. Dezember 2005. Irans Präsident: Israel nach Europa verlegen, in: Netzeitung 8. Dezember 2005.
[1a]  Siehe hierzu auch das Interview, das Ivo Bozic mit Henryk M. Broder geführt hat: »Selbst ein Irrer kann gelegentlich Recht haben«, in: Jungle World Nr. 51 vom 21. Dezember 2005. Broder schlägt als deutsches Kompensationsgebiet Schleswig–Holstein oder Bayern vor. Hierin sieht Broder jedoch keine Lösung für die Palästinenser. Er gibt Ivo Bozic deshalb Recht, der den Vorschlag unterbreitet, statt dessen die sich jeder vernünftigen Lösung verweigernden Palästinenser nach Deutschland auszusiedeln.
[2]   Rainer Hein : Der Bauverein, die Stadt und ein mißglücktes Immobiliengeschäft mit Freiberg, in: FAZ vom 25. November 2005
[3]   Ich verlinke ohnehin nach Möglichkeit nicht auf Webseiten, die ihren Inhalt kostenpflichtig anbieten.
[3a]  Etwas versteckt, so daß ich es zunächst übersehen hatte, findet sich am 26. November 2005 im Artikel Freiberg stimmt Kompromiss zu (Sabine Ebert / Klaus Honold) im letzten Absatz der Hinweis, daß die Wählervereinigung der IG Abwasser den Stadtverordneten brieflich empfohlen habe, über eine Alternative zur 49%igen Übernahme der SWG nachzudenken.

[4]   Ohne Kahn kein Endspiel. Ballack half mit Verzweiflungsschüssen gegen die USA und Südkorea nach. Zum Wesen des deutschen Fußballs treffend El País am 22. Juni 2002:

Die Deutschen spielen weder gut noch schlecht. Sie spielen eigentlich etwas anderes als Fußball, aber am Ende gewinnen sie.
[5]   Gerd Fischer / Jürgen Roth : Ballhunger, Seite 87
[6]   Sepp Maier : "Wahnsinn, wie wir gespielt haben", Interview in: Folke Havekost / Volker Stahl (Hg.) : Fußballweltmeisterschaft 1974 Deutschland, Seite 97
[7]   Beat Jung : Der Mythos vom "linken Fußball", in: Dietrich Schulze–Marmeling (Hg.) : Die legendären Fußballtrainer, Seite 203–213, Zitat auf Seite 209
[8]   Jung Seite 207
[9]   Jung Seite 209
[10]  Fischer/Roth Seite 105–106
[11]  Berthold Vogel : Der Justierung des Sozialen, in: Mittelweg 36, Heft 4/2005, Seite 5–14, Zitat auf Seite 6
[12]  Vogel Seite 11
[13]  Ich verweise hier auf die unbedingt lesenswerte Studie von Rosa Amelia Plumelle–Uribe Weisse Barbarei (Rotpunktverlag 2004). Meine Besprechung des Buchs erfolgte am 14. Februar 2005 in der Sendung Von Kolonien und Demokratien.
[14]  Jackie Feldman : Individuelles Leid und die Stärkung der Nation, in: Mittelweg 36, Heft 5/2005, Seite 3–28, Zitat auf Seite 4. Der Beitrag des Autors führte zu einer in Mittelweg 36, Heft 1/2006 dokumentierten Auseinandersetzung mit Daniel Levy und Natan Szaider.
[15]  Carlo Ginzburg im Gespräch mit Trygve Riiser Gundersen : Über die dunkle Seite der Geschichte, in: Mittelweg 36, Heft 5/2005, Seite 29–44, Zitat auf Seite 40
[16]  Das Buch fand ich auch im Bücherschrank meiner Mutter, ohne mir einen Reim darauf machen zu können. Gelesen habe ich es nicht.
[17]  Gregor Streim : Die »andere« Lager–Literatur, in: Mittelweg 36, Heft 5/2005, Seite 77–91, Zitat auf Seite 91
[18]  Auszug aus dem Vortrag Kritik der psychologischen Weltanschauung von Albert Krölls

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 19. Februar 2006 aktualisiert.
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