Abdullah Öcalan
Kurdische Symbolfigur: Abdullah Öcalan

Kapital – Verbrechen

Abstürze in der Normalität

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 29. Oktober 2012, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 30. Oktober 2012, 02.00 bis 03.00 Uhr [1]
Dienstag, 30. Oktober 2012, 04.00 bis 05.00 Uhr
Dienstag, 30. Oktober 2012, 10.00 bis 11.00 Uhr
Dienstag, 30. Oktober 2012, 16.00 bis 17.00 Uhr

Zusammenfassung:

Ein Traditionsklub steht kurz vor der Insolvenz, eine Stadt wendet sich von Hindenburg ab, eine Dorfbevölkerung tut einfach das Richtige, ein Land schlingert zwischen West und Ost, und ein Hungerstreik fordert das Recht auf die Benutzung der eigenen Sprache ein.

Besprochene Bücher:

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung: Vom Nutzen gestopfter Stadionlöcher 

Jingle Alltag und Geschichte

Darmstadts Fußballstolz hat am Wochenende, diesmal in Saarbrücken, wieder einmal verloren. Die dritte Liga ist einfach zu stark für einen Verein, der über nicht genügend finanzielle Unterstützung verfügt, um mal richtig groß einkaufen gehen zu können. Auch wenn Erfolg nicht käuflich ist, Geld hilft dennoch ungemein. Aber die leidgeplagten Lilienfans dürfen hoffen. Es sieht stark danach aus, daß bei einem unmittelbaren Abstiegskonkurrenten die Lichter ausgehen, womöglich gar schon in dieser Woche. Alemannia Aachen hat sich mit dem 2009 eröffneten Neubau seines Stadions finanziell derart übernommen, daß die daraus resultierenden Finanzlöcher gar nicht so schnell geschlossen können werden, wie sie sich an anderer Stelle wieder auftun. Noch im Frühsommer schnürte man eine Art Rettungspaket, um die Lizenzierung für die Dritte Liga zu erhalten, und es wurde offiziell damit gerechnet, daß Aachen zwei oder drei Jahre in der Dritten Liga überwintern könne. Der Wiederaufstieg war aber mittelfristig dringend erforderlich, denn die Schuldenlast des Stadionneibaus drückt enorm.

Allein – die cleveren Aachener Verantwortlichen waren intelligent genug, für den Fall des Abstiegs aus der Zweiten Liga keinen Plan B in der Tasche zu haben. Die Spielerverträge sahen diesen als unwahrscheinlich geltenden Fall gar nicht erst vor. Am Ende der Saison stand der Verein faktisch ohne Spieler da. Hektisch wurde verpflichtet, wer gerade zur Verfügung stand, um irgendwie überhaupt eine Mannschaft auf die Beine zu stellen. Das Ziel des direkten Wiederaufstiegs wurde dennoch ausgegeben. Es kam, wie es kommen mußte. Alemannia Aachen dümpelt am Ende der Liga herum, dabei ist das Team nicht einmal so schlecht. Es fehlt halt der Knipser, der Mann, also der aus Chancen auch Tore macht. Manche Vereine haben hier im Laufe ihrer Geschichte einmal ein Riesenschwein gehabt, Bayern München etwa. Franz Beckenbauer wird mit den Worten zitiert: „Alles, was der FC Bayern geworden ist, verdankt er Gerd Müller.“

War bei Alemannia Aachen zunächst von einer halben Million die Rede, dann von 800.000 Euro, kamen von Tag zu Tag immer wieder neue Beträge hinzu. Inzwischen ist man bei vier Millionen Euro angelagt, die Alemannia Aachen bis August 2013 zusätzlich erwirtschaften muß. Sonst gehen alle Lichter aus. Ohnehin muß der Verein im August 2013 eine Fananleihe in Höhe von 4,2 Millionen Euro zurückzahlen, die er bei seinen Fans zur Finanzierung des Stadions aufgenommen hatte. Vermutlich spekuliert man darauf, daß Fans derart hartgesotten sind, daß sie ganz sentimental auf ihre Einlagen verzichten. Jeder Kapitalist würde über so viel Herzschmerz frohlocken.

Dabei ist die Lage trotz Drittklassigkeit gar nicht so trostlos. Zu den Heimspielen in der für einen Drittligisten natürlich vollkommen überdimensionierten Anlage kommen regelmäßig mehr als 10.000 Fans. Aber das reicht nicht. Ohne Einnahmen aus Fernsehgeldern und von durch Fernsehüber­tragungen angelockten Werbesponsoren sieht die Lage trostlos aus. Im Moment machen Durchhalteparolen die Runde. Wie es heißt, wird die Stadt nicht noch einmal einspringen. [2]

Darmstadts Drittligakicker, die wohl auch in der Liga darunter einen schweren Stand hätten, haben ein ähnliches Problem. Das vorhandene Stadion genügt heutigen Ansprüchen einfach nicht mehr. Und deshalb geistern immer wieder virtuelle Pläne eines Stadionneubaus in den Köpfen lokaler Honoratioren herum. Zu Zeiten des umtriebigen Oberbürgermeisters Peter Benz etwa wurde ein solcher Plan für den damals der Viertklassigkeit entgegenstrebenden Verein mit einem Trainigszentrum für den DFB verbunden. Aber so etwa 30 Millionen Euro für eine halbwegs gediegene Ausführung müssen irgendwo herkommen. In einer Stadt, die lieber Stadtteil­bibliotheken schließt, um die Löcher des großkotzigen Darmstadtiums zu stopfen, ist ein Stadionneubau nicht unbedingt populär.

BöllenfalltorstadionAnfang des Jahres hat die Stadt eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Von einem Fassungs­vermögen für rund 20.000 Besucherinnen und Besucher war die Rede. Um die Kosten zu schultern, werden hochfliegende Pläne geäußert: weitere Sport- und Kulturevents sollen nach Darmstadt gelockt und auch der Name des altehrwürdigen Stadions am Böllenfalltor soll der Marktprofilierung geopfert werden. Ob sich Namensrechte in der Vierten Liga rechnen? Welche Finanzierung auch immer gesucht und womöglich auch gefunden wird: als warnendes Beispiel für unrealistische Planspielchen, die anschließend finanziell aus dem Ruder laufen, kann Alemannia Aachen gelten. Und auch Arminia Bielefeld ist der Schippe der Insolvenz /unter anderem) durch eine – über kreative Umwege zustande gekommene – städtische Finanzspritze gerade noch entgangen.

So sieht eben eine ordentliche Schuldenbremse aus. Meint Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Für Darmstadt 98 hätte eine Aachener Insolvenzanmeldung die Folge, daß ein Abstiegsplatz vergeben ist. Allerdings müssen die Lilien dann auch den einen Punkt wieder abgeben, den sie äußerst glücklich den überlegenen Alemannen abgeknöpft hatten.

In meiner heutigen Sendung beschäftige ich mich jedoch nicht mit etwas so Einfältigem wie dem durchkapitalisierten Fußball, der seine Fans soweit domestizieren möchte, daß sie mucksmäuschenstill ihren Obolus entsprichten und deutschnational gesinnt auf Anweisung herumhüpfen. Stattdessen werde ich ein Buch über einen Generalstreik gegen Hitler vorstellen, ein weiteres Buch über die uns weitgehend unbekannte Slowakei, und zum Schluß werde ich einige Kurdinnen und Kurden zu Wort kommen lassen, die genau wissen, daß die Unterdrückung ihrer politischen, kulturellen und sozialen Rechte mit Hilfe deutscher Panzer und Gewehre erfolgt.

 

Deutsche Waffen, deutsches Geld, …

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat auf der jüngsten Bundeswehrtagung in Strausberg bei Berlin klargestellt, daß dies alles seine Richtigkeit habe. Waffengeschäfte erfreuen nicht nur die Kassen deutscher Konzerne, auch deutsche Gewerkschaften finden derartige Arbeitsplätze in der Regel ganz toll. Und diejenigen Staaten, denen derlei Waffen zufließen, haben natürlich auch nichts dagegen einzuwenden. Sie lachen sich dann einen Ast ab, wenn Angela Merkel verkündet:

„Wer sich der Friedenssicherung verpflichtet fühlt, aber nicht überall auf der Welt eine aktive Rolle in der Friedenssicherung übernehmen kann, der ist auch dazu aufgerufen, vertrauenswürdigen Partnern zu helfen, damit sie entsprechende Aufgaben übernehmen.“

Und wer wird das sein? Klar, die üblichen Verdächtigen. Freund Gaddafi war so jemand, Freund Suharto war so jemand, das saudische Königshaus ist so jemand und Freund Erdoğan ist auch so jemand. Wo ist das Problem? Geld, das über Leichen geht, stinkt eben nicht. Es macht glücklich.

Ekelhaft.

Und die Parteien, die voll dahinter stehen, werden im kommenden Jahr mit einer satten Mehrheit wiedergewählt. Volkes Stimmzettel weiß eben, was für das eigene Wohlergehen gut ist. Wobei wir nicht den illusionsbehafteten Fehler machen sollten, in SPD und Grünen bessere friedenssichernde Gutmenschen zu vermuten.

 

Die Hindenburgmanie

1933 brachte das deutsche Kapital mit Adolf Hitler einen Mann an die Macht, der das Vertrauen insbesondere der auf lukrative Rüstungs­geschäfte schielenden Lobbyisten besaß. Der damalige Reichspräsident Paul von Hindenburg wußte genau, wem er das Amt übergab und weshalb dies gut fürs Geschäft ist. Aus diesem Grund heißt in Darmstadt die Hindenbirgstraße weiterhin Hindenburgstraße, weil ein General, der seine Jungs massenhaft als Kanonenfutter in den Tod schickt, genausowenig ein Fall für die Verdammnis ist wie ein Reichspräsident, der den nächsten Massenmord mit vorbereitet hat. Bei soviel Feinstaub kommt es auf den Gestank des Namens auf dem Straßenschild auch nicht mehr an. Ich nehme zwar zur Kenntnis, daß Darmstadts Oberbürger­meister Jochen Partsch kein Freund dieses Straßennamens ist, aber seine grünschwarze Koalition kommt aus einsichtigen Gründen nicht dazu, einen erneuten und erfolgreichen Versuch zu starten, die Hindenburgstraße ihres Namens zu berauben.

Im westfälischen Münster hat das dortige Stadtparlament, wenn auch erst im sechsten Anlauf, beschlossen, den dortigen Hindenburgplatz in Schloßplatz umzubenennen. Und es war sogar der CDU-Oberbürger­meister Markus Lewe, der den Antrag begründete:

„Hindenburg steht persönlich und unmittelbar im Verhängnis historischer Entscheidungen, die zu unermesslichem Leid und Elend geführt haben. Er kann kein politisches Vorbild sein. Ihm gebührt keine öffentliche Ehrung.“

Allerdings hat sich diese Einsicht selbst in Münster nicht überall hin verbreitet, denn auch in Münster stimmten in geheimer Abstimmung 23 Ratsmitglieder (das wird die Mehrheit der CDU-Fraktion plus eventuell ähnlich Gesonnene gewesen sein) für Hitlers Knappen. Ein anschließender Bürgerentscheid bestätigte die Umbenennung. Doch Darmstadt ist eben hinterwäldlerischer als Münster und gaukelt sich deshalb vor, eine Wissen­schaftsstadt zu sein.

Lachhaft.

 

Wären es nur mehr gewesen

Besprechung von : Bernd Jürgen Warneken / Hermann Berner (Hg.) – Da ist nirgends nichts gewesen außer hier. Das „rote Mössingen“ im Generalstreik gegen Hitler. Geschichte eines schwäbischen Arbeiterdorfes, Talheimer Verlag, erweiterte Neuauflage 2012, 353 Seiten, € 32,00

1933 war aber nur etwa die Hälfte der Deutschen bereit, diesen Weg uneingeschränkt mitzugehen. (Darmstadt war übrigens führend in seiner Begeisterung für den National­sozialismus.) Die andere Hälfte mußte noch überzeugt werden. Manche von ihnen berauschten sich an den neuen Verdienst­möglichkeiten, die sich insbesondere dadurch auftaten, daß die lästige jüdische Konkurrenz ausgeschaltet wurde. Manch andere von ihnen verschwanden in Konzentrations­lagern oder wurden ermordet. In einem kleinen Ort südlich von Stuttgart dachte man und frau jedenfalls im Januar 1933 anders. Hieran erinnert ein Kalenderblatt, das Radio F.R.E,I. in Erfurt am 31. Januar 2006 ausgestrahlt hat. [3]

Buchcover Erstauflage BibliotheksexemplarSo erstaunlich die Streikbereitschaft des kleinen Dorfes am Rande der Schwäbischen Alb auch gewesen sein mag, so scheint den Radiomachenden von Radio F.R.E.I. in Erfurt entgangen zu sein, daß im damaligen Rotbuch Verlag 1982 ein Buch herausgebracht worden war, das ausführlich auf die Vorgeschichte und Hintergründe dieser Mössinger Streikaktion eingegangen ist. Dieses Buch ist längst vergriffen und selbst antiquarisch nur schwer zu finden. Obwohl meine diesbezügliche Bibliothek ganz gut bestückt ist, so fehlt mir ausgerechnet dieser Band. Und so staunte ich nicht schlecht, als ich bei meinem Rundgang über die Frankfurter Buchmesse vor drei Wochen am Stand des Talheimer Verlages die Neuauflage dieses Bandes vorfand, eine Neuauflage zudem, die durch zahlreiche Bilder und Dokumente erweitert worden ist.

Überpünktlich zum 80. Jahrestag des Mössinger Generalstreiks (im kommenden Januar) finden wir hier eine Geschichtsschreibung aus dem Blickwinkel der einfachen Leute aus dem Steinlachtal vor. Und es ist auch kein Zufall, daß diese Neuauflage ausgerechnet dem Talheimer Verlag zu verdanken ist, denn Talheim ist ein Ortsteil von Mössingen und die Verlegerin Irene Scherer und der Verleger Welf Schröter haben ein besonderes Händchen dafür, Episoden linker Geschichte neu zu entdecken und zu bewahren, die auch von allgemeinem Interesse sind. Ein erster Blick in die Neuauflage belegt, daß die Autorinnen und Autoren, die damals am Ludwig-Uhland-Institut für emprisiche Kultuwissenschaften an der Universität Tübingen studiert und geforscht haben, frei von links­dogmatischen Einflüssen ein thematisch wie sprachlich ganz hervorragendes Werk abgeliefert haben, das in seiner Qualität beispielgebend ist.

Sie erzählen uns hierin die Geschichte von Bäuerinnen und Handwerkern einer Dorfgemeinschaft, die schon früh im 18. und 19. Jahrhundert daran gehen mußte, sich kreativ neue Quellen zu erschließen, um die anwachsende Bevölkerung ernähren zu können. Um ihre Produkte zu vertreiben oder um Arbeit zu finden, wanderten sie durch Süddeutschland bis in die Schweiz und lernten mit weltoffenem Blick die Welt kennen. Diese Weltoffenheit zeigte sich alsbald in einer Affinität zu demokratischen und später sozial­demokratischen Ideen, so daß es kaum verwunderlich ist, daß die Obrigkeit auf das „rote Mössingen“ ein besonderes Augenmerk legte. In den 1920er Jahren wurde jedoch auch nach Mössingen der reichsweite Wind der Reaktion hineingetragen, und doch arrangierten sich die Dorf­bewohnerinnen und -bewohner untereinander anders, als dies in der großen Stadt möglich gewesen wäre. Man und frau kannte sich und lebte miteinander, auch fernab politischer Differenzen.

Interview mit Bernd Jürgen Warneken und Irene Scherer

Am Stand des Talheimer Verlages sprach ich mit Bernd Jürgen Warneken, einem der Mitherausgeber der Neuauflage.

Das Interview kann mit neben stehendem Player angehört oder auf dem Audioportal des Bundesverbandes Freier Radios heruntergeladen werden.

 

Die Verlegerin und Mitinhaberin des Talheimer Verlages Irene Scherer kenne ich noch aus der Zeit, als ich in Tübingen studiert habe. Mit ihr sprach ich über die Motivation für die Neuauflage dieses in jeder Hinsicht bemerkenswerten Buches.

Das Interview kann mit neben stehendem Player angehört oder auf dem Audioportal des Bundesverbandes Freier Radios heruntergeladen werden.

Mit dem Mitherausgeber Bernd Jürgen Warneken sprach ich über den Inhalt und mit der Verlegerin Irene Scherer über die Motivation zur Neuherausgabe des Bandes „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“

B. J. Warneken und Irene SchererNun ist die Begeisterung für dieses Buch andernorts alles andere als ungeteilt. Genauso, wie es einen konservativen Mainstream gibt, der aus gesellschafts­politischen Gründen am Namen Hindenburg als Sinnstifter deutscher Straßen und Plätze festhält, stoßen sich dieselben Konservativen, nur nicht in Münster und Darmstadt, sondern – hier – im Steinlachtal an der Darstellung des Mössinger Generalstreiks. Ihnen ist es nicht gelungen, diese Episode ihrer Kleinstadt in ihr eigenes Geschichts­verständnis zu integrieren. Also opponieren sie.

Obwohl es keinen ernsthaften Zweifel an der wissenschaftlichen Seriosität der Darstellung gibt und das Buch geradezu vorbildlich die inneren Widersprüche einer Dorfgemeinschaft ganz unideologisch beleuchtet, will die lokale Freie Wähler­vereinigung mit Unterstützung der CDU eine Neubewertung durchdrücken. Es handelt sich um nichts anderes als um konservative Geschichtspolitik, mit dem Ziel, die Erinnerung an emanzipatorische Ansätze, Bewegungen und Handlungen zu verwässern und zu negieren. Der zweite Mitherausgeber des Buches, Mössingens Museumsleiter Hermann Berner, zeigt in einem Nachsatz zur Neuauflage des Buches, daß und wie sich das konservative Establishment in seinem Geschichts­revisionismus Gehör zu schaffen sucht.

Vielleicht ist es auch nur einfach so, daß es der konservative Mainstream bis heute nicht hat verwinden können, daß ein paar einfache Bäuerinnen und Arbeiter aus Mössingen beispielsweise die Tübinger Studenten entwaffneten und damit lächerlich gemacht hatten, die noch zuvor an der blutigen Zerschlagung der Münchener Räterepublik beteiligt waren. Es bestehen nun einmal Verbindungslinien zwischen damaliger Burschenschaftler­herrlichkeit zu den heutigen wirtschaftlichen und politischen Seilschaften des konservativen Mainstreams.

Halten wir diesem dummen Dogmatismus einfach entgegen: vermutlich wäre auch durch ähnliche organisierte Streikaktionen in großen deutschen Städten Hitler und der National­sozialismus nicht zu verhindern gewesen, dafür waren sich Kapital und Reaktion zu einig. Aber vielleicht wäre die Geschichte nach 1933 dennoch anders verlaufen. Die Vorläufer des heutigen konservativen Establishments haben jedenfalls nichts gegen die Machtübergabe an Hitler unternommen. Eher das Gegenteil.

Wenn wir uns nämlich, nicht nur reichsweit, sondern auch in Darmstadt oder im Steinlachtal, die Wahl­bewegungen näher anschauen, dann stellen wir fest, daß ausgerechnet in Gegenden mit mehrheitlich protestantischer Bevölkerung die Nazis besonders wohlgelitten waren. In Mössingen zeigt sich das besonders krass. Hier ist die Reaktion in Gestalt einer christlich-sozialen Wählervereingung mit fliegenden Fahnen zu den Nazis übergelaufen.

Der von Bernd Jürgen Warneken und Hermann Berner im Talheimer Verlag neu herausgegebene Band „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ umfaßt rund 350 Seiten und kostet 32 Euro. Für mich ist dieses Buch zweifellos die Entdeckung des Jahres.

 

Der Versuch eines eigenen slowakischen Weges

Besprechung von : Hannes Hofbauer / David X. Noack – Slowakei. Der mühsame Weg nach Westen, Promedia Verlag 2012, 248 Seiten, € 17,90

1993 spaltete sich die damalige Tschechoslowakei in die Tschechische Republik und die Slowakei. Während im ehemaligen Jugoslawien mit tatkräftiger Mithilfe deutscher Regierungen die Sezessionen von Waffengewalt begleitet waren, verlief die Trennung von Tschechien und der Slowakei friedlich. Daß diese Trennung eine lange Vorgeschichte aufweist, die auf wirtschaftlicher und sozialer Diskriminierung beruht, belegen Hannes Hofbauer und David Noack in ihrem zur Buchmesse im Promedia Verlag erschienen Buch über die Slowakei. Dabei erscheinen Slowakinnen und Slowaken aber nicht einfach als die Guten, sondern als soziale, politische und wirtschaftliche Akzeure, Akteure unter Vielen.

Hannes Hofbauer auf der Frankfurter Buchmesse 2010Bevor die beiden Autoren zur Darstellung des langen und mühsamen Weges der Slowakei nach Westen kommen, beginnen sie ihr Werk streng chronologisch mit der Bronzezeit, der Völkerwanderung und dem ersten Großmährischen Reich im frühen Mittelalter, eine Vorgehensweise, die sich als sinnvoll erweisen wird. Hieraus leiten sie soziale Schieflagen ab, die dazu führten, daß die in der heutigen Slowakei lebenden Menschen erst als Sklavinnen und Sklaven, später als Leibeigene fremden Herren zu dienen hatten. Wo sich die Produktions­bedingungen wandeln und der Kapitalismus so langsam Einzug hält, erweist sich der slowakische Teil als eher rückständig. Dies liegt weniger an den dort lebenden Menschen, sondern an Verhältnissen, die ganzen Regionen eine bestimmte anhängige und ausbeutbare Position im Weltmarkt zuweisen.

Das Buch ist angenehm unprätentiös geschrieben, die Autoren weigern sich, die aus Sicht der herrschenden Klassen geschriebene Geschichte unbesehen zu übernehmen. Ähnlich wie im Mössingen-Buch wird auch hier eine Empathie für die Unterdrückten und Ausgebeuteten deutlich. Dieser angenehme Zug des gut lesbaren Buchs zieht sich durch die Habsburger Doppelmonarchie, die erste Tschecho­slowakische Republik, den slowakischen Vasallenstaat im Zweiten Weltkrieg bis hin zum sogenannten Sozialismus nach 1948. Wer besser als einer der beiden Autoren, nämlich Hannes Hofbauer, kann uns ein Land näher bringen, von dem wir so gut wie gar nichts wissen? An Hannes Hofbauer schätze ich seine unkonventionelle, aber hintergründige, offizielle Wahrheiten hinterfragende Art, mit der er neue Aspekte erschließt und Zusammenhänge herstellt, die der mediale Mainstream bewußt ausblendet. Von Wien aus hat er sich einen Blick auf Ost- und Südosteuropa erschlossen, den ich immer wieder spannend und lehrreich finde. Ich traf ihn am Stand des Promedia Verlages auf der Frankfurter Buchmesse.

Interview mit Hannes Hofbauer

Das Interview kann mit neben stehendem Player angehört oder auf dem Audioportal des Bundesverbandes Freier Radios heruntergeladen werden.

Ausführlich beschreiben Hannes Hofbauer und David Noack den Privatisierungsprozeß, der nach dem Zerfall des Realsozialismus begann. Die Raubritter aus dem Westen suchten sich Verbündete im tschechischen und slowakischen Teil des Landes. Wie auch in anderen Ländern Südosteuropas wurden die einheimischen Roma weitgehend ausgegrenzt, auch wenn der Rassismus im tschechischen Teil zum Entzug der Bürgerrechte führte, in der Slowakei hingegen nicht. Als Experimentierfeld neoliberaler Wirtschaftspolitik muß die Slowakei auch unser Interesse finden, denn dort wurde und wird ausprobiert, was hierzulande nutzbar gemacht werden kann. Das Buch über die Slowakei mit dem Untertitel „Der mühsame Weg nach Westen“, geschrieben von Hannes Hofbauer und David Noack, ist im Wiener Promedia Verlag erschienen. Es umfaßt 248 Seiten und kostet 17 Euro 90.

 

Wie gehabt: Repression in der Türkei und Kurdistan

»»  Der Beitrag wird eingeleitet mit der Aufzeichnung eines kurdischen Sprechgesangs von der Demonstration am 27. Oktober 2012 in Darmstadt.

Kundgebung auf dem LuisenplatzSeit dem 12. September vefinden sich in der Türkei Hunderte politische Gefangene im Hungerstreik. Am vergangenen Wochenende machten türkische und kurdische Gruppen mit einem Solidaritäts­hungerstreik, einem Zelt auf dem Luisenplatz und einer Demonstration am Samstag­nachmittag auf die immer wieder neu eskalierenden Zustände in türkischen Gerichtssälen und Gefängnissen aufmerksam. Ihr hörtet gerade einen Sprechgesang aus den Reihen der etwa 230 Demonstrierenden. Ich sprach mit einer Kundgebungs­teilnehmerin am Samstag über ihre Motivation, den Kampf der Hungerstreikenden für grundlegende demokratische Rechte in der Türkei zu unterstützen. Und wie das so ist, wenn dir mal jemand aufmerksam zuhört, sprudelte es aus ihr heraus.

Das Gespräch liegt nicht verschriftlicht vor. Vergleiche zum Inhalt: Solidaritätsdemo mit den Gefangenen in Kurdistan!

Am übernächsten Freitag wird mein Redaktionskollege Umut Kaya in der Sendung „Evrenselin Sesi – Die Internationale Stimme“ ab 21 Uhr ausführlicher auf die Situation in der Türkei eingehen. – Ich danke Irene Scherer, Bernd-Jürgen Warneken, Hannes Hofbauer und meiner kurdischen Gesprächspartnerin für die Interviews und Radio F.R.E.I. für die Überlassung seines Kalenderblatts zum Mössinger Generalstreik. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

»» [1]   Die Wiederholung hätte um 23.10 Uhr beginnen sollen. Aus Gründen, die uns allein das Kompetenz­management bei Radio Darmstadt erklären kann, fielen nicht nur dier Livesendungen von 18 bis 23 Uhr komplett aus und wurden durch wahllos zusammen­gewürfelte Konserven ersetzt. Zudem wurden statt fünf Stunden Konserve derer sechs eingelegt, worauf ab Mitternacht ein zweistündiges Sendeloch erschallte. Wunderschön war an diesem Montagabend zu hören, es sei jetzt Sonntag­vormittag oder Samstag­abend, die Sonne scheine und es sei warm. Auch wurde Werbung für die Kindermitmusik­bedröhn­servicestellen gemacht, wobei der Moderator den Stuß, den er auf der Webseite einer derartigen Anstalt vorgefunden hatte, brühwarm herunterbetete. Eigene Gedanken, die nicht diesem Konsummuster folgen, sind diesem Sender offenkundig fremd. Das war zwar im Juni, aber Veranstaltungs­hinweise für Juli kommen im Oktober einfach besonders gut. Warum wir danach zu zwei Stunden Schweigeappell aufgerufen wurden, versteht sich von selbst. Folgerichtig war die erste Wiederholung meiner Sendung nicht ab 23.10 Uhr, wie geplant, sondern ab 2.00 Uhr nachts zu hören.

»» [2]   Am Mittwochvormittag wurde dann vorläufig Entwarnung gegeben, die Insolvenz konnte erst einmal abgewendet werden. Zahlen wurden genauso wenig genannt wie Geldgeber, so daß davon ausgegangen werden kann, daß der Käs' noch nicht gegessen ist. Und dann meldet sich auch noch das Finanzamt, das für die Jahre 2005 bis 2008 eine satte sechsstellige Nachforderung anmeldet. Am 16. November 2012 zog der Verein die Notbremse und kündigte an, den notwendigen Insolvenzantrag stellen zu wollen.

»» [3]   Der Audiobeitrag ist aus urheberrechtlichen Gründen nicht frei verfügbar, weil er mit vermutlich nicht-GEMA-freier Musik unterlegt ist.


Diese Seite wurde zuletzt am 30. Januar 2013 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2012, 2013. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

Das Foto vom Böllenfalltor­stadion stammt von Thorsten Halm und ist auf Wikimedia Commons unter der Lizenz CC-BY-SA 3.0 verfügbar. Da ich nicht vorhabe, das Stadion je zu betreten, greife ich auf dieses Bild zurück.

Die Wiedergabe der Audiodateien wurde mit dem Easy Musicplayer for Flash realisiert.

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