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Kapital – Verbrechen

Politische Bücher über den Kampf für ein besseres Leben

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 30. November 2009, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 1. Dezember 2009, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 1. Dezember 2009, 15.00 bis 16.00 Uhr

Zusammenfassung:

Nach einer kurzen Einführung zu einer erst­instanzlich erfolgreichen Klage gegen ein Hausverbot bei Radio Darmstadt stellt Heike Demmel (von Radio Z in Nürnberg) vier politische Bücher zum bewaffneten Konflikt in Kolumbien, zu einem gescheiteten Attentat auf Adolf Hitler und zur Biografie Peter Gingolds vor. Den Abschluß bildete eine fulminante Roman­besprechung, die mindestens so gut ist wie der Roman selbst.

Von Heike Demmel vorgestellte Bücher:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung: Weihnachtsmarkt

Jingle Alltag und Geschichte

Wenn sich in Darmstadt der Weihnachtsmarkt ausbreitet, dann wird es Zeit, an Geschenke zu denken. Eine ganze Industrie lebt davon, daß zum Jahresende Millionen und Abermillionen Euro verpraßt werden, um sich Anerkennung, Zuneigung, Freundschaft oder Aufstiegs­chancen zu erkaufen. Es handelt sich um Warenbeziehungen. In den seltensten Fällen gibt es das Geschenk einfach so, um des Geschenkes willen, und das zeigt sich schon daran, daß ein ritualisierter Dezembertag dafür herhalten muß, nicht zur Besinnung zu kommen, sondern besinnungslos dem Kaufrausch zu frönen. Daß hierbei ein gutes Gewissen erkauft werden soll, paßt ins Bild.

Und so werden wir in Kaufhäusern, Radiostationen, Fußgänger­zonen und Fernsehsendungen mit fröhlicher Weihnachts­musik vollgeballert, um jeden nachdenklichen Gedanken zu verwursten, zu entstellen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Weihnachten ist die Quintessenz kapitalistischer Entfremdung, während die andere Hälfte der Menschheit mit Armut, Hunger, Elend und Krieg konfrontiert ist. Nein, ich drücke auf keine Tränendrüse und ich animiere auch nicht dazu, für ein sinnvolles Projekt zur eigenen seelischen Entlastung zu spenden. Am Mikrofon ist für die Redaktion „Alltag und Geschichte“ Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Realsatirischer Spendenaufruf zur Finanzierung weiterer Rechtsstreits

Auf der Webseite des Senders, den ihr gerade hört, habe ich am vergangenen Donnerstag eine neu eingestellte Meldung gefunden, bei der ich mich gefragt habe, ob es sich um Realsatire handelt. Markus Lang, seines Zeichens Vorstand für Öffentlich­keitsarbeit im Trägerverein dieses Radios, schrieb nämlich passend zum frohen Fest:

Nicht nur die Jahreszeiten lassen momentan die Temperaturen sinken, auch die neue Bundesregierung schickt uns Bürgern den einen oder anderen Schauer über den Rücken. Ob nun mehr private Verwantwortung bei der Gesundheit, einer Arbeitsmarktpolitik, die Leistung fördern will oder der Aufkündigung des Atomausstiegs – es wird kälter in Deutschland.

Um so wichtiger sind und bleiben gesellschaftliche Projekte wie Radio Darmstadt – ein unabhängiges Medium, das es allen Personen und Gruppen erlaubt, auch zukünftig ihre Sorgen und Meinungen ungehindert und unzensiert unters Volk zu bringen. [1]

Wie es der Zufall will, wurde diese Realsatire am selben Tag von der Wirklichkeit eingeholt. Am selben Donnerstag mußte nämlich das Amtsgericht Darmstadt in einem Fall von Behinderung und Zensur ein Urteil sprechen. Seit über zwei Jahren wird mir der Zugang zu den weitgehend mit Rundfunk­gebühren finanzierten Sendemöglich­keiten dieses Senders verwehrt. Vor diesem Hausverbot hatte mir der Verein ein Sendeverbot erteilt, das erst auf massiven Druck der Landesmedienanstalt hin zurück­genommen werdenmußte. Am Donnerstag nun urteilte das Amtsgericht, daß das gegen mich verhängte Hausverbot aufzuheben sei. Das Hausverbot war mit meiner kritischen Internetseite zu den Zuständen bei Radio Darmstadt begründet worden. Das Gericht sah diese Webseite durch das Recht auf freie Meinungs­äußerung gedeckt; eine Schmähkritik, wie sie Radar immer wieder behauptet habe, liege nicht vor. Wir werden sehen, ob der Vorstand von Radar das Urteil akzeptiert oder nicht. [2]

Screenshot (Bildzitat)Sobald mir das Urteil schriftlich mitsamt seiner Begründung vorliegt, werde ich es an dieser Stelle verlesen. Damit alle Vereins­mitglieder, alle Sendenden und alle Hörerinnen und Hörer einen Eindruck davon erhalten, wie in einem ordentlichen deutschen Gerichts­verfahren die persönlichen Befindlich­keiten einiger weniger Vereins­mitglieder bewertet werden. Diese Vereins­mitglieder, und dieser Meinung bin nicht nur ich, tragen diese ihre Befindlich­keiten mit der Vereinskasse aus.

Um auf den Spendenaufruf zugunsten eines Senders zurückzukommen, eines Senders, der nach Maßgabe des Urteils Sorgen und Meinungen eben nicht ungehindert und unzensiert unters Volk bringen will – den Trägerverein des Senders plagt in der Tat ein Problem. Auf seiner letzten Mitglieder­versammlung im Oktober wurde es auch angesprochen. Man werde zukünftig sparen müssen, möglicher­weise an den Personal­kosten. Auch ein Umzug aus den Räumlich­keiten am Steubenplatz an einen kleineren, kosten­günstigeren Ort werde erwogen, so wurde mir aus dieser Versammlung berichtet. Insofern ergibt der Spenden­aufruf des Vorstands Markus Lang sogar einen Sinn. Wer weiterhin sinnlose Prozesse vor Gericht führen will, hat eben Ausgaben, die durch den normalen Etat nicht gedeckt sind.

Von fünf Verfahren gegen ehemalige Vereinsmitglieder, die ausgeschlossen, mit Sendeverbot oder Hausverbot belegt wurden oder denen ihr Job gekündigt wurde, von fünf Verfahren also, die der jetzige Vorstand in dieser oder ähnlicher Zusammen­setzung seit drei Jahren hat führen müssen, hat er eines verloren, drei endeten mit einem Vergleich, keines wurde gewonnen. Das fünfte ist noch nicht rechtskräftig, führte jedoch am vergangenen Donnerstag erst­instanzlich zu einer weiteren Niederlage.

Ich frage die Mitglieder des Vereins, wie lange sie dieser finanziell aufwendigen und inhaltlich wenig erfolgreichen Politik noch zustimmen wollen. Mir kann das egal sein, denn ist nicht mein Geld, sondern euer Geld, das hiernit verpraßt wird. Aber dann zu Spenden aufzurufen, um die Folgen dieser Prozeßhanselei auch noch abzudecken, das, finde ich, ist selbst in der Besinnungslosig­keit des Weihnachts­rausches starken Tobak. Einmal abgesehen davon, daß der Verein bei solider Finanz­planung ganz locker mindestens eine schwarze Null schreiben könnte und sich keine Gedanken über seinen Personaletat machen müßte.

Ich weiß, wovon ich rede. Ich war selbst einmal Schatzmeister des Vereins gewesen und kenne als langjähriges Vorstands­mitglied die Einnahmen und Ausgaben. Und ich habe mich mit einem weiteren ehemaligen Schatzmeister hierüber unterhalten; er versteht das genauso wenig wie ich. Ich unterstelle keine Unregel­mäßigkeiten, ich bin mir sogar sicher, daß es keine gibt, aber vielleicht sollte die Kassen­prüfung hier einmal genauer nachfragen.

 

Politische Bücher einer linken Literaturmesse

Und damit komme ich zu einem ganz anderen Thema, nämlich dem dieser Sendung. Zwar ist das Thema auch irgendwie mit Weihnachten verwandt, aber eben auch nur irgendwie. Meine Radiokollegin Heike Demmel von Radio Z aus Nürnberg hat dieser Tage und auch im vergangenen Jahr zur Linken Literaturmesse in Nürnberg Bücher gelesen und mit den Autorinnen und Autoren gesprochen. In dieser Sendung werden deshalb Bücher zu Kolumbien, zur Türkei und Kurdistan, sowie zu anti­faschistischem Widerstand vorgestellt. Heike Demmel bespricht und fragt auf eine andere Weise als ich, aber ich schätze ihre Beiträge und Gedanken­führung sehr. Vernehmt in der folgenden Stunde selbst, weshalb ich euch eine Auswahl ihrer Besprechungen und Interviews zu Gehör bringe. Vielleicht versteht ihr dann auch den Unterschied zwischen einem freien Radio wie Radio Z in Nürnberg und Radio Darmstadt.

In Nürnberg ist am Sonntag die 14. Linke Literaturmesse zu Ende gegangen. Ein Blick ins Veranstaltungsprogramm zeigt, daß Menschen, die sich heute der Linken, und das heißt eben nicht unbedingt der Partei „Die Linke“, zugehörig fühlen, immer noch Fragen zu und gegen die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse stellen und nach Antworten, nach Alternativen suchen. Nun ersetzt kein Buch den lebendigen Prozeß der emanzipatorischen Aneignung der Wirklichkeit und den Kampf gegen unerträgliche Verhältnisse. Eine derartige Messe ist jedoch auch ein Ort, Neues kennenzulernen und Altes neu zu reflektieren. Bücher sind hierbei ein durchaus geeignetes Medium, denn sie zwingen die Leserin und den Leser nicht, im Stakkato-Beat eines MP3-Players rhythmisch mitzuwackeln.

Die vorgestellten Beiträge zum Anhören

Die vier von Heike Demmel besprochenen oder im Gespräch vorgestellten Bücher können entweder über das Audioportal nachgelesen, angehört oder herunter­geladen werden, sie können aber auch mit dem nach­folgend zu sehenden MP3-Abspielgerät ohne lästiges Herumgefummel mit internen oder externen Software-Playern angehört werden. Wie ihr wollt.

 

Das Gespräch mit Maria Hörtner über ihr Buch „Die unsichtbaren Kämpferinnen – Frauen im bewaffneten Kampf in Kolumbien zwischen Gleichberechti­gung und Diskriminierung findet sich hier.

 

Die Besprechung der Elser-Biografie von Hellmut G. Haasis „Den Hitler jag ich in die Luft“ findet sich hier.

 

Das Gespräch mit Silvia Gingold und Ulrich Schneider, dem Herausgeber der Erinnerungen von Peter Gingold in dessen Buch „Paris – Boulevard St. Martin No. 11“ findet sich hier.

 

Die Besprechung des Romans „Zorn“ von Murat Uyurkulak findet sich hier.

 

Von Date zu Date

Jingle Alltag und Geschichte

Zum Abschluß meiner Sendung möchte ich noch auf drei Veranstaltungen und eine Kundgebung hinweisen. Am Dienstagabend, also am 1. Dezember, spricht der Buchautor Ingo Niebel über das Baskenland – Geschichte und Gegenwart eines politischen Konflikts. Diese um 19 Uhr 30 im DGB-Haus stattfindende Veranstaltung besitzt einen aktuellen Bezug. Am 12. November hatte das P.E.N.-Zentrum Deutschland dem spanischen Ermittlungs­richter Baltasar Garzón im Staatstheater Darmstadt den Hermann-Kesten-Preis verliehen. Der Preis ergeht an Persönlich­keiten, die sich um verfolgte und inhaftierte Schriftsteller und Journalisten verdient gemacht haben. Eine der letztjährigen Preisträgerinnen war beispielsweise Anna Politkowskaja.

Baltasar Garzón hat sich durch den Haftbefehl gegen den chilenischen Diktator Pinochet, die Aufarbeitung der Franco-Diktatur und Ermittlungen gegen Guantánamo-Verantwortliche einen Namen gemacht. Weniger bekannt ist, daß er und sein Sondergericht „Audiencia nacional“ jedoch selbst für die Unterdrückung der Meinungs- und Informations­freiheit, die Mißachtung der Bürgerrechte und die Tolerierung von Folter in Polizei­gewahrsam im Baskenland verantwortlich ist. Unter den Kritikern sind das internationale P.E.N-Zentrum und amnesty international. Vielleicht sollten sich die Darmstädter P.E.N.-Mitglieder am Dienstag­abend sachkundig machen; Veranstalter sind die Partei Die Linke Darmstadt, die Freundinnen und Freunde des Baskenlandes, sowie der DGB-Stadtverband. Die Veranstaltung mit Ingo Niebel ist am Dienstagabend um 19 Uhr 30. Sein Buch zum Thema ist im Wiener Promedia Verlag erschienen.

Interessant klingt der Titel einer Veranstaltung, die für Mittwoch­nachmittag im Schloßkeller angekündigt ist: „Der Idiotismus des Stadtlebens – Zur Kritik der urbanen Gesellschaft“, ein Vortrag von Roger Behrens. Der Referent ist als Sozialwissen­schaftler an verschiedenen Hochschulen tätig und Redakteur im Freien Sender Kombinat, dem freien Radio in Hamburg. Sein Forschungs­schwerpunkt ist die kritische Theorie der Kultur und Gesellschaft. Sein Vortrag im Schloßkeller beginnt am Mittwoch um 17 Uhr. Veranstalter sind die ASten der drei Darmstädter Hochschulen sowie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Unpraktischerweise für den selben Tag zur selben Zeit, aber an einem anderen Ort, hat die Gewerkschaft ver.di zu einer Solidaritätskundgebung für die Beschäftigten des Darmstädter Echo aufgerufen, die ihre Jobs durch Standort­wechsel und Tarifflucht verlieren sollen. Ganz normales kapitalistisches Management denkt selbstverständ­lich nur an sich selbst und den eigenen Profit und nicht an diejenigen, die auf die Straße geworfen werden. Vielleicht solltet ihr deshalb darüber nachdenken, wenn ihr das nächste Mal die hiesige Lokalzeitung aufblättert, und euch überlegen, ob ihr solidarisch mit den Kapitaleignern oder den Beschäftigten sein wollt. Eine Möglichkeit solidarischen Handelns ist die Kundgebung am Mittwoch­nachmittag um 17 Uhr vor dem Echo-Gebäude in der Holzhofallee.

Am Abend darauf, also am Donnerstag­abend, holt uns die bundesdeutsche Wirklichkeit ein. Im Gemeindesaal der Katholischen Kirchen­gemeinde St. Elisabeth spricht auf Einladung der Darmstädter Sozialhilfegruppe der Politikwissen­schaftler Christoph Butterwegge über die mittels Hartz IV staatlich verordnete Armut in einem reichen Land. Butterwegge zeigt auf, wie ein gesellschaftlicher Mißstand erzeugt, geleugnet, verharmlost und ideologisch entsorgt wird. Zu hören am Donnerstag­abend im Gemeindessal von St. Elisabeth um 19 Uhr. Christoph Butterwegges Thesen sind als Buch im Campus Verlag erschienen.

Soweit für heute. Kommende Woche hört ihr auf diesem Sendeplatz meine Kolleginnen aus der Redaktion „Gegen das Vergessen“. Zu danken habe ich Heike Demmel für ihre bei Radio Z in Nürnberg ausgestrahlten Beiträge, die sie mir über das Audioportal des Bundes­verbandes Freier Radios zur Verfügung gestellt hat. Am Mikrofon war für die Redaktion „Alltag und Geschichte“ Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Zum Abschluß ein Vogel

Da noch ein wenig Zeit vorhanden war, habe ich einen der vielen Vögel der Woche eingespielt.

 

Der Rosati als „Vogel der Woche“ findet sich hier.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Dieser schöne Text ist leider im Archiv der sendereigenen Webseite nicht mehr aufzurufen. Eine weitere Fassung dieses Aufrufs ziert den Programmflyer für Dezember.

»» [2]   Der Verein legte Berufung ein und erhielt am 24. März 2010 Recht. Hausrecht ist Hausrecht, und dem stehen Rechte aus der Sendelizenz nach.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 15. April 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2009, 2010. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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