Sparkasse Darmstadt
Sparkassenbe­flaggung auf dem Darmstädter Luisenplatz.

Kapital – Verbrechen

Preiswürdig – Jedes Plagiat verdient eine Anerkennung

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 28. März 2011, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 28./29. März 2011, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 29. März 2011, 05.10 bis 06.10 Uhr
Dienstag, 29. März 2011, 11.10 bis 12.10 Uhr

Zusammenfassung:

Radio Darmstadts harte Arbeit fand Anerkennung. Mit dem 4. bis 18. Preis wurde das jahrelange Ackern am Plagiat und das kompromißlose Rauswerfen Andersdenkender als ehrenamtliches Engagement durch die Sparkasse Darmstadt belohnt. Der Namensgeber des Preises ist ein früherer verdienter Genosse, dessen Wirken in Luxemburg im Dunkeln bleibt. Auch in Sachen soziale Netzwerke ist Radio Darmstadt aktiv geworden, wobei der Auftritt arg selbst­referentiell wirkt.

Zu Ludwig Metzger und seinem Wirken in Luxemburg und Darmstadt gibt es eine eigene, ausführlichere Darstellung: „Betrachtungen zu Ludwig Metzger. Wenn eine Autobiografie Fragen aufwirft. Gedanken zur Verleihung des Ludwig-Metzger-Preises 2011“.

Besprochene Zeitschriften:

Benutzte Literatur:

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung 

Jingle Alltag und Geschichte

Diese Sendung wurde vorproduziert. Diese Sendung wurde nicht freiwillig vorproduziert; sie wurde vorproduziert, weil der Trägerverein von Radio Darmstadt seine geltende Sendezulassung nicht einhält und die LPR Hessen, die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien in Kassel, diesen rechtswidrigen Zustand duldet. Und weil diese Sendung aufgrund eines Hausverbots vorproduziert werden mußte, kann ich euch auch einen Tag nach der Kommunalwahl nicht verraten, wer gegen wen in der Stichwahl zum Oberbürger­meister in zwei Wochen antreten darf. Und das Hausverbot habe ich erhalten, weil ich der irrigen Meinung gewesen bin, daß Artikel 5 des Grundgesetzes auch in den heiligen Hallen am Steubenplatz 12 gilt. Aber nicht doch – keine Toleranz für die Feinde der verschworenen Gemeinschaft von Radio Darmstadt! Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Ein Preis! Ein Preis!

Radio Darmstadt hat einen Preis erhalten. Die Sparkasse Darmstadt hat zum 13. Mal den Ludwig-Metzger-Preis verliehen, und unter den achtzehn Preisträgerinnen und Preisträgern wurde (mit dem 4. bis 18. Preis) auch der Verein bedacht, der seine Kritikerinnen und Kritiker mit Sende- und Hausverboten versucht hat, mundtot zu machen. Zuweilen beschleicht mich der Eindruck, daß der Verein mitsamt eines Haufens Sendender ein Problem damit hatte, daß einige Männer und Frauen etwas Inhaltliches zu sagen hatten, denn dem Rausschmiß folgte eine Periode eifrigster Abkupferei.

Bildzitat Facebook JubelbeitragDas Plagiat zog am Steubenplatz ein, um die Leere, die der Rausschmiß hinterlassen hatte, inhaltlich auszufüllen. Ablesen ist ja auch viel einfacher als sich etwas selbst zu erarbeiten. Wenn sie wenigstens ablesen könnten! Aber manche Internetvor­lesung ist in den vergangenen fünf Jahren zu einer Qual ausgeartet, bei der man und frau lieber abschaltet als zuhört. Auf meiner Webseite zu den Vorgängen bei Radio Darmstadt habe ich Dutzende dieser geistlosen Anmaßungen dokumentiert, was mir in diesem Verein gewiß keine neuen Freundinnen und Freunde eingebracht hat. Oder vielleicht doch? Wartet es ab.

Dies alles stört die Sparkasse Darmstadt nicht im geringsten. Auf dem bunten Programmflyer für den Monat März gibt sich die Sparkasse in einer Werbeanzeige die Blöße zu behaupten, sie sei gut für Darmstadt und auch gut für RadaR. Nun ist es nicht zu bezweifeln, daß so viel finanziell abgesicherte Lobhudelei dem Verein finanziell aus der Bredouille hilft. Nicht nur, daß er seine großzügigen Räumlich­keiten im vergangenen Sommer mit einem Hinterhof­studio hat tauschen müssen. Vielmehr mußten hier gänzlich neue Studios eingerichtet werden, weil den technisch verliebten Spielkindern die vorhandenen Mischpulte und Geräte nicht mehr gut genug waren. Über eBay verscheuerten sie einen Teil ihres Inventars, um an Geld zu kommen, und bei der Sparkasse Darmstadt gingen sie betteln, um sich ein hypermodern aufgemotztes digitales Spielzeug als neues Sendestudio leisten zu können.

Nun könnte man und frau der Meinung sein, daß dieser Verein gut genug aufgestellt ist, um sich derlei Schnick­schnack zu leisten. Doch diese paradiesischen Zustände sind Vergangenheit. In der Vergangenheit waren derartige Extravaganzen durchaus möglich, denn der Verein schwamm zwar nicht im Geld, aber ihn drückten auch keine finanziellen Lasten. Dummerweise hat der neue Vereinskurs, der vor fünf Jahren eingeschlagen wurde, auch vor der eigenen Mitgliedschaft nicht haltgemacht. Zahlten im Jahr 2005 mehr als 600 Vereinsmitglieder brav ihren Beitrag, so war diese Zahl vier Jahre um mindestens 20% geschrumpft. Es war eine Abstimmung mit den Füßen. Eine ganze Reihe von Mitgliedern hat sich entsetzt abgewandt. [1]

Die Managerriege, die den Verein übernommen hat, kümmert dies wenig. Anstatt alte Kontakte zu pflegen, werden lieber neue Baustellen aufgemacht, die natürlich finanziert werden müssen. Und die 3.000 Euro, die ihnen der Ludwig-Metzger-Preis am vergangenen Donnerstag eingebracht hat, sind auch dringend vonnöten, um sich von Dritten ein Spielzeug finanzieren zu lassen. Ich frage mich, welche Seilschaft dafür gesorgt hat, daß die Sparkasse schon im Februar wußte, wer und was gut für Radio Darmstadt ist, obwohl die Preisverleihung doch erst Ende März stattgefunden hat. Der Anerkennungs­preis war wohl ein politisch motivierter. [2]

In meiner heutigen Sendung geht es um Seilschaften, vorwiegend virtuelle. Ich werde mich aus gegebenem Anlaß mit dem Namensgeber des Preises, also Ludwig Metzger, beschäftigen, um herauszuarbeiten, warum ein Verein, bei dem das Hausverbot locker sitzt und das Plagiat zuhause ist, gut zu einer Institution paßt, die dafür einen Preis verleiht. Zudem hat Radio Darmstadt endlich den Weg zu Facebook gefunden, der virtuellen Plattform für eingebildete Freundschaften und handfeste Seilschaften. Nun bin ich selbst weder Mitglied bei Facebook noch bei einem anderen sozialen Netzwerk, weil ich Freundschaften lieber real als virtuell pflege. Dennoch kommen wir nicht darum herum, uns einige Auffällig­keiten dieser sozialen Netzwerke näher anzuschauen, und hierbei hilft mir die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36. Überhaupt sind die Beiträge in den letzten beiden Heften aus verschiedenerlei Gründen von Interesse, weshalb ich im Verlauf dieser Sendung darauf noch zurückkommen werde.

 

Die Karriere eines Sozialdemokraten

Ludwig Metzger, der Namensgeber dieses Preises, wurde von den US-amerikanischen Besatzungs­truppen im März 1945 als Oberbürger­meister dieser Stadt eingesetzt. Als alter Sozialdemokrat, der 1933 aus politischen Gründen aus dem Staatsdienst entlassen wurde und dessen antinazistische Gesinnung keine und niemand bestritt, schien er für die Besatzungs­macht der ideale Mann für den Neuaufbau zu sein. 1950 zog es ihn nach Wiesbaden, wo er zwischen 1951 und 1954 als hessischer Minister für Erziehung und Volksbildung verantwortlich war. Anschließend führte ihn die Karriereleiter in den Bundestag und ins Europaparlament. 1976 wurde er zum Darmstädter Ehrenbürger ernannt, 1993 verstarb er im Alter von 90 Jahren. Die Träger der Sparkasse, die Stadt und der Landkreis Darmstadt-Dieburg, haben als ehemalige SPD-Domäne dafür gesorgt, daß ein solch wichtiger Preis nach einem verdienten Genossen benannt wurde.

Der christliche Sozialist Ludwig Metzger wurde allenthalben geschätzt, so daß es schwer fällt, sachlich fundierte Kritiken zu finden, die das glanzvolle Licht ein wenig trüben. Nun soll es hier nicht darum gehen, einen verdienten Bürger dieser Stadt zu schmähen. Doch gibt seine Biografie das eine oder andere Rätsel auf. In seiner 1980 erschienenen Autobiografie „In guten und in schlechten Tagen“ finden sich einige Stellen, die der genaueren Lektüre bedürfen. Nun liegt es im Wesen einer Autobiografie, daß der Autor, sofern er nicht einen Ghostwriter hatte, sich selbst im besten Licht darzustellen sucht. Eine halbwegs objektive Sicht auf das eigenen Handeln bedarf hierbei eines hohen Maßes an selbst­kritischer Reflexion, die wir jedoch auf den 177 Seiten vergebens suchen. Vielmehr beschlich mich der Verdacht einer gewissen Selbstbeweih­räucherung des Autors, zumal er sich gerne im Glanze anderer Persönlich­keiten sonnt.

Buchcover Ludwig MetzgerEs bleibt uns daher nicht viel anderes übrig, als seine Selbstdar­stellung gegen den Strich zu bürsten. Hierbei haben mir der im vergangenen Jahr verstorbene Heinz Schäfer, der Arheilger Antifaschist Philipp Benz und der deutsch-kanadische Historiker Fred Kautz geholfen, nicht direkt, aber durch ihr Schrifttum. Sie zeigen auf, daß sich hinter der Fassade des christlichen Sozialdemo­kraten ein zuweilen intoleranter Antikommunist verbarg, der sehr wohl zwischen alten Nazis und westdeutschen Kommunisten zu unterscheiden verstand. Nun ist Intoleranz etwas, was mir in den vergangenen Jahren bei Radio Darmstadt des häufigeren begegnet ist, weshalb es naheliegt, die Biografie des ehemaligen Oberbürger­meisters mit dem Verhalten des in seinem Namen bepreisten Vereins in Verbindung zu bringen.

Fangen wir mit Heinz Schäfer an. Dieser kam 1944 als 17-jähriger in der Goldenen Krone in Kontakt zum kommunistischen Widerstand und begann noch vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland eine Ausbildung in der Darmstädter Verwaltung. Kurz vor seiner Abschluß­prüfung wurde er im Oktober 1950 durch Ludwig Metzger aus seinem Anwärterver­hältnis entlassen. Die Begründung war vielschichtig und eindeutig politisch. Während in den ersten Aufbaujahren junge Kommunistinnen und ältere Kommunisten als unzweifelhafte Nazigegner noch geduldet waren und in mehreren Wahlen auch eine Reihe von Mandaten erringen konnten (trotz einer 15%-Sperrklausel bei den hessischen Kommunal­wahlen 1946), forderte der recht bald einsetzende hysterische Anti­kommunismus seinen Tribut. Es war die Zeit, in der alte Nazis, soweit sie nicht abgeurteilt oder untergetaucht waren, wieder gerne gesehen und in das öffentliche Leben integriert wurden. Ganze Berufszweige wie Juristen und Mediziner konnten in ungebrochener Kontinuität vom Dritten Reich in die Adenauer-Restauration überwechseln. Die Feinde dieser jungen Demokratie standen folglich links und wurden nicht erst, aber vor allem durch das KPD-Verbot von 1956 aus dem politischen Leben entfernt.

Ludwig Metzger berief sich auf einen Beschluß der Bundesregierung, nach der die Unterstützung von gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gerichteten Organisationen und Bestrebungen als unvereinbar mit den Dienstpflichten eines Beamten betrachtet wurden. Hierzu gehörte die KPD, der Heinz Schäfer selbstverständ­lich angehört hatte. Zudem lägen polizeiliche Erkenntnisse vor, nach denen eine Entfernung aus dem öffentlichen Dienst geboten sei. Um dem Ganzen die politische Spitze zu nehmen und den Rausschmiß juristisch unanfechtbar zu gestalten, behauptete Ludwig Metzger zudem, Heinz Schäfer habe sich sowohl mündlich wie auch schriftlich in einer Weise gegenüber Vorgesetzten verhalten, die zeige, daß ihm die Eignung zum Beamten fehle. Als Heinz Schäfer Jahrzehnte später seine Akten bei Staatsanwalt­schaft und Arbeit­nehmerrat einsehen konnte, wurde gerade die letztere Behauptung des ungebührlichen Verhaltens gegenüber Vorgesetzten durch nichts begründet. Offenkundig handelte es sich um eine nicht nachweisbare Behauptung, so daß der Arbeit­nehmerrat Zweifel anmeldete.

Doch was steckte hinter den polizeilichen Erkenntnissen? Inmitten der Hysterie um den soeben begonnenen Krieg in Korea hatten die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und das Komitee der Kämpfer für den Frieden anläßlich des Jahrestages der Bombardierung Darmstadts vom 11. September 1944 für den 10. September 1950 zu einer Kundgebung sinnfälliger­weise auf dem Darmstädter Friedensplatz aufgerufen. Nun galten beide Organisationen als KPD-gesteuert, weshalb die geplante Friedenskund­gebung am Tag zuvor verboten wurde. Damals gab es noch kein Internet, so daß es dem damaligen Vorsitzenden der VVN, Hans Fillsack, unmöglich war, so kurzfristig die Kundgebung abzusagen. Der Friedensplatz füllte sich, die Polizei schritt ein. Heinz Schäfer, der vom Verbot nicht informiert war, nahm also an einer illegalisierten Veranstaltung teil, was ihm nachträg­lich zum Vorwurf gemacht wurde. Wie es sich für einen ordentlichen politisch motivierten Vorgang gehört, wurde der Delinquent nicht angehört, sondern ohne rechtliches Gehör abgeurteilt. Derartige Methoden sind seit 2006 bei Radio Darmstadt und seinem Trägerverein üblich geworden, zuletzt auf einer Programmrats­sitzung im Februar 2011.

Ein weiterer Teilnehmer dieser Kundgebung war der Kommunist Konrad Weigel. Gegen ihn verfügte Ludwig Metzger schon am Tag darauf die Entlassung aus dem Dienst. Wie absurd der Vorwurf der Teilnahme an einer verbotenen Kundgebung gewesen ist, zeigt sich daran, daß das Verfahren gegen Heinz Schäfer Jahre später, nach dem Zweck der Maßnahme – seine Entlassung – schon Jahre zurücklag, eingestellt wurde; Konrad Weigel wurde zu einer Geldstrafe von 30 DM verurteilt. Auch wenn dieser Betrag damals einen höheren Wert darstellte als heutzutage, so finden wir hierin den Beleg für die damals herrschende Intoleranz nicht nur der Adenauer-Regierung, sondern auch der antikommunistisch eingestellten Sozialdemo­kratie vor Ort. In der Darmstädter Stadtverordneten­versammlung hatte das Verbot dieser Kundgebung ein Nachspiel. Ludwig Metzger berief sich hier nicht auf den vorliegenden Erlaß des Innenministers, derartige kommunistische Umtriebe zu verbieten, er verschanzte sich also nicht hinter einem bürokratischen Akt, sondern gab ganz offen zu, daß es ihm eine Herzensange­legenheit war.

Eine Kundgebung für den Frieden ist ja auch eine Kampfansage an die bürgerliche Demokratie. Und das meine ich ohne jeden Zynismus ganz ernst: Eine Gesellschafts­formation, die seit einem halben Jahrtausend auf Raub, Eroberung und Mord, Ausbeutung und Ausplünderung aufbaut, kann schon mental betrachtet nicht mit einer Aufforderung zum Frieden umgehen. Die staatlich und medial geschürte Hysterie gegen die westdeutsche Friedensbe­wegung in den späten 1970er und 1980er Jahren belegt dies recht deutlich. Dabei ist es unerheblich, ob die Friedenskund­gebung am 10. September 1950 eine taktische politische Maßnahme einer mit der KPD verbundenen Organisation war oder nicht, oder gar von Ostberlin aus „gesteuert“. Eine selbstbewußte Demokratie hätte hier keine Berührungs­ängste, aber welche bürgerliche Herrschafts­form ist schon derart souverän? Der Repressions­apparat wird gerade dann benötigt, wenn die sozialen Kuschel­faktoren entweder noch nicht entwickelt sind oder wieder abgewickelt werden, wie derzeit.

Bemerkenswert tolerant hingegen erwies sich Ludwig Metzger in der Behandlung national­sozialistischer Parteige­nossen. Und damit ich hier keinen Fehler begehe und dem verdienten Bürger dieser Stadt Unrecht tue, lasse ich ihn selbst zu Wort kommen. In seiner Autobiografie vermerkt er:

„Daß das Gestaltwerden einer neuen Stadt nach einem verlorenen Krieg nicht ohne Schwierig­keiten geschehen kann, habe ich natürlich auch persönlich erlebt. Die amerikanische Militärre­gierung hatte mir eine Liste von etwa 150 Beamten vorgelegt, die ich entlassen sollte, weil sie Nationalso­zialisten gewesen seien. Ich kannte meine Darmstädter besser als die Amerikaner. In der Liste waren 20 bis 30 Beamte, von denen man sagen konnte, daß sie wirklich Nationalso­zialisten waren, die sich in verbohrter Ideologie schlecht benommen hatten oder korrupt waren. Sie hatte ich bereits von mir aus entlassen. Für die große Mehrzahl aber galt, daß sie formell – vielleicht aus Schwachheit – der NSDAP angehört hatten, daß sie aber nie aus eigener Initiative oder Gesinnung im Sinne des Nationalso­zialismus handelten. Ich weigerte mich, sie zu entlassen. Mit Engelszungen versuchte ich den Amerikanern klarzumachen, daß man nicht jeden, der einmal mit dem Nationalso­zialismus organisatorisch in Berührung gekommen war, als Nazi behandeln und aus seinem Beruf werfen dürfe. Sie erwiderten, zunächst müsse alles raus und dann werde geprüft, wer wieder hereinge­nommen werden könne. Ich blieb dabei, das sei grundfalsch, denn wenn man alle in den Nazi-Pott werfe, infiziere man nachträglich die, die in der ganzen Nazizeit innerlich Gegner geblieben seien. Es komme darauf an, daß man die Großen und wirklich Verantwortlichen ausschalte; wenn man aber auf breiter Basis – wie die Amerikaner es wollten – anfange, habe man zum Schluß nicht mehr die Kraft, das Übel an der Wurzel zu packen und die wirklich Verantwortlichen unschädlich zu machen. Aber das half alles nichts, der zuständige Offizier blieb auf seinem Standpunkt, und ich weigerte mich, die Entlassungen vorzunehmen. Kurze Zeit darauf wurde ich selbst als Oberbürger­meister entlassen.“ [3]

Doch General Clay, bei dem dieser Fall schließlich landete, hatte ein Einsehen. Auch ihm war bewußt, daß eine Bürokratie, welche aus Trümmern ein Wirtschafts­wunder herzaubern sollte, nicht ohne altgediente Nazis auskommen würde. Wenn man und frau die Litanei des Ludwig Metzger aufmerksam liest, wird deutlich, mit wie viel heißer Luft argumentiert wird. Auf einmal wollten alle (Nazi-) Parteige­nossen in der inneren Emigration gewesen sein. Die faule Ausrede ist offensicht­lich; und wer die einschlägige Literatur kennt, stößt immer wieder auf dieselbe unglaubwürdige Schutzbe­hauptung. Dabei schreibt derselbe Ludwig Metzger in den rund einhundert Seiten zuvor, wie vorsichtig er bei unzähligen Gelegen­heiten sein mußte, um bei derartigen Bürokraten nicht als Staatsfeind aufzufallen.

 

Verharmlosen, entschulden und beschönigen

Hier verweist Fred Kautz in seiner Kritik am Darmstädter Stadtlexikon mit dem Titel „Weh der Lüge! Sie befreiet nicht …“ zurecht darauf, daß ausgerechnet in der inneren Emigration der hessischen Beamtenstadt Darmstadt bei den letzten halbwegs freien Reichstags­wahlen am 5. März 1933 die Hälfte der Darmstädterinnen und Darmstädter ganz freiwillig die Nazipartei gewählt hatten und damit in vorauseilendem Gehorsam sogar mit einigen Prozentpunkten über dem Reichsdurch­schnitt lagen. Überhaupt ist dieses Buch von Fred Kautz eine zwar schwer verdauliche, aber sehr erhellende Auseinander­setzung mit der selbstgefälligen städtischen Geschichts­schreibung, wie sie in diesem Stadtlexikon und eben auch in Ludwig Metzgers Memoiren vorzufinden ist.

Ich frage mich, wie es bei so viel innerer Emigration möglich gewesen ist, daß am hellichten Tag Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma durch Darmstadts Straßen gejagt wurden, um sie erst in der Justus-Liebig-Schule einzupferchen und dann am Güterbahnhof in die Todestrans­porte nach Auschwitz zu stecken. Wie viel innere Emigration begleitete das Pogrom bei der Brandschatzung der jüdischen Einrichtungen und Synagogen am 9. November 1938? Den hiermit verbundenen deutschen Opferdiskurs (als Opfer alliierter Bombardements) kommentiert Fred Kautz mit einem gewissen Sarkasmus:

„Ja, eigentlich sind außer Werner Best, Karl Koch und Karl Wolff alle gegen die totalitären Nazis gewesen. Wie der erste Darmstädter Nachkriegs-OB, Ludwig Metzger, mit der Autorität des Zeitzeugen verbürgt, hat mancher von ihnen ‚formell – vielleicht aus Schwachheit – der NSDAP angehört‘, sich aber in seiner bzw. ihrer ‚inneren Emigration‘ mit dem Widerstand identifiziert.“ [4]

Buchcover Fred KautzUnd weil sie alle keine Nazis waren und insgeheim Mitglieder des Widerstandes, hat es Karl Plagge nach dem Zusammen­bruch dieser inneren Emigrations­herrschaft vorgezogen, sich im Darmstadt der 1950er Jahre nicht als einer der wenigen zu outen, die Jüdinnen und Juden vor so viel innerer Emigration gerettet hatten. Überhaupt sollte man und frau sich den Duktus, mit dem Ludwig Metzger über diese schwachen Geister schreibt, etwas genauer anschauen. Seine Formulierung über die angeblich wirklichen Täter lautete ja, es handele sich um Nazis, „die sich in verbohrter Ideologie schlecht benommen hatten oder korrupt waren“. Ich bezweifle doch sehr, daß ein Judenpogrom ein schlechtes Benehmen darstellt und das Ausplündern jüdischer Geschäfte ein Anzeichen von Korruption ist. Selbst 35 Jahre nach dem US-amerikanischen Einmarsch in Darmstadt fehlt es seinem ehemaligen Oberbürger­meister an fundamentalen Erkenntnissen über das Wüten derer, die er nun wieder in die demokratische Welt zu integrieren versuchte.

Vielleicht ist es auch nur so, daß Ludwig Metzger zu diesem Zeitpunkt etwas klarsichtiger war als die US-Besatzungs­macht, was den wahren Feind anging. In voraus­schauendem Anti­kommunismus riet er nämlich, wie er stolz verkündet, dem US-amerikanischen General George S. Patton, unverzüglich gen Osten zu marschieren, um den Russen zuvorzukommen, kostbare deutsche Erde zu besetzen [5]. Patton war bekannt für seine Ansicht, es sei besser mit den Deutschen gegen die Rote Armee zu kämpfen als gegen die Nazis, deren SS-Verbände er bewunderte. Folglich bedurfte es nur etwas Zeit und den US-General Lucius D. Clay, um für den Kalten Krieg mit Hilfe ehemals schwacher Menschen gerüstet zu sein.

Nun hat diese Liaison mit derart verkappten Widerstands­kämpfern eine Vorgeschichte, die Ludwig Metzger in seinen Memoiren ebenso freimütig ausbreitet. Als er 1933 als Sozialdemokrat aus dem Dienst entlassen wurde, wurde er zu seinem Nachfolger, einem gewissen Dr. Hildebrandt, in Heppenheim einbestellt. Fünf Stunden lang parlierten die beiden politisch doch recht weit voneinander stehenden Herren so gut und vertrauensvoll miteinander, daß der Nazi dem Staatssekretär im hessischen Innen­ministerium namens Dr. Jung anschließend schrieb, es sei erwünscht, „daß solche Beamte dem Staat erhalten bleiben“. [6]

So wurde dem Sozialdemokraten ein halbwegs schattiges Plätzchen als Rechtsanwalt gewährt, natürlich immer unter Beobachtung der Gestapo, die ihn tatsächlich 1936 auch einmal einkassiert hat. Ein derartiges Entgegen­kommen mag sich zwölf Jahre später für so manch kleineres Nazilicht ausgezahlt haben. Manche Nazis waren schon 1933 nicht so dumm, daß sie sich nicht vorsichts­halber auch außerhalb der Partei abzusichern suchten.

 

Dubiose Rechtsgeschäfte in Luxemburg

Doch in Darmstadt blieb es für den unter Beobachtung stehenden Rechtsanwalt Ludwig Metzger ungemütlich, mitten im 2. Weltkrieg drohte eine erneute Verhaftung, und auf Umwegen gelang es ihm, eine Stelle im besetzten Luxemburg zu erhalten. Im Januar 1943 trat er dort seinen Dienst als Leiter der Rechtsabteilung der Deutschen Umsiedlungs-Treuhandsgesell­schaft, abgekürzt DUT, an, an der die SS beteiligt war und die dem von Heinrich Himmler geleiteten Reichs­kommissariat für die Festigung deutschen Volkstums unterstand. Diese Gesellschaft gehörte zur Plünder­abteilung des Nazi-Vernichtungs­feldzugs im Osten, aber auch in den besetzten Westgebieten, so auch in Luxemburg. Unter Beteiligung der Deutschen und der Dresdner Bank wurde das Vermögen von Jüdinnen und Juden, aber auch anderen zur Zwangsarbeit Gepreßten requiriert und sollte dort neu angesiedelten Volksdeutschen übereignet werden. Zu dieser „Arisierung“ in Luxemburg schrieb der Historiker Michael Hepp:

„Für Luxemburg wurde vom Reichsfinanz­ministerium der Wert des jüdischen Vermögens, der nach zahlreichen Transaktionen und umfangreichen Verwertungsaktionen schließlich noch dem Reich zufloß, mit etwas über 20 Mio. RM angegeben. Den Beschwerden des Finanzministeriums nach muß die eigenmächtige Verwertung vor Ort erheblich gewesen sein, sodaß eine Gesamtsumme von vorsichtig geschätzt 60 Mio. RM angesetzt werden muß.“ [7]

Nun war hierfür nicht allein die DUT verantwortlich. Während wir in den Memoiren Ludwig Metzgers wenig über die konkreten Plündereien der DUT erfahren, legt er uns in epischer Breite dar, wie er das Vertrauen der einheimischen Bevölkerung als Nazigegner gewann. Nun sei dies nicht abgestritten, und doch habe ich mich während der Lektüre seiner Ausführungen gefragt, weshalb er sich bis zum Frühjahr 1945 so hartnäckig in das Bestehen dieser Ausplünder-Treuhand verbissen hat. Vielleicht war Ludwig Metzger ja wirklich ein Gutmensch, und so müssen wir es ihm mangels alternativer Aufzeichnungen abnehmen, was er hierzu schreibt:

„In der DUT hat mich die Arbeit nicht erdrückt. Die Gesellschaft hatte die Aufgabe, das Vermögen von ‚abgesiedelten‘ Luxemburgern zu inventarisieren und zu verwalten und Südtiroler in landwirtschaft­liche und gewerbliche Betriebe der Abgesiedelten einzuweisen. Viele junge Luxemburger versuchten sich der Einberufung in die deutsche Wehrmacht zu entziehen und flohen, wenn sie einen Stellungsbefehl bekamen. Die SS hat das in den meisten Fällen die Familien der Entflohenen entgelten lassen und sie in das ‚Reich‘ ‚umgesiedelt‘, wo sie in Lagern untergebracht und mitunter auch zu einer freien Beschäftigung entlassen wurden.“

Diese verniedlichende Darstellung der Lager- bzw. Zwangsarbeit finde ich geradezu rührend. Er fährt fort:

„Am Tage der Absiedlung haben Angestellte der DUT ihre Hinterlassen­schaft aufgenommen. Die Rechts­abteilung hatte darüber zu wachen, daß das ordnungsgemäß geschah und daß von den aufgezeichneten Sachen nichts abhanden kam. In einem späteren Stadium sind die Südtiroler, die man aufgrund der Vereinbarung zwischen Hitler und Mussolini mehr oder weniger durch Zwang umgesiedelt hat, in die Häuser und Betriebe der Abgesiedelten eingewiesen worden. Die rechtlichen Voraussetzungen hierzu, wie die Übertragung des Grundbesitzes auf die Umsiedler, hatte die Rechts­abteilung zu schaffen.“

Ist die Naziherrschaft auch noch so schlimm, so muß eben alles seine gründliche deutsche Ordnung haben. Der Teil der sogenannt „Abgesiedelten“, der nachfolgend ermordet wurde, hat von derart viel Güte nun leider nichts mehr gehabt. Und es ist Güte im Spiel, denn Ludwig Metzger schließt den Gedanken mit folgenden Worten ab:

„Damit die Abgesiedelten nach ihrer Rückkunft möglichst die Substanz ihrer Habe wiedererlangten, habe ich es als eine wichtige Aufgabe der Rechts­abteilung angesehen, ihren Überwachungs­dienst ernst zu nehmen.“ [8]

Was, wie wir uns vorstellen können, schon deswegen eine wichtige Aufgabe war, weil ansonsten nicht nur die korrupten, sondern auch die schwachen Nazis nicht einmal mehr die „Substanz der Habe“ übrig gelassen hätten. Und das ist alles, was dem Autor Jahrzehnte später zu seiner Mitbeteiligung am Plünder­feldzug deutscher Nazis einfällt. Nein, nicht ganz. In den Wirren angesichts des alliierten Vormarsches in Frankreich übernahm er zusätzlich die Rechts­abteilung der Treuhandstelle in Straßburg. Dies war auch kein abendfüllender Job:

„Ich nutzte die Zeit, um Straßburg gut kennenzulernen, freute mich, daß ich das Münster zu jeder Zeit des Tages aus der Nähe oder von der Ferne her bewundern konnte und wanderte viel in den Vogesen und seinen vorgelagerten, in Weinberge eingebetteten, wundersamen Orten. Hoffentlich richtet der Krieg, der auch hierher kommen wird, in dieser paradiesischen Landschaft und ihren Städten keine Vernichtungen an, war mein Gedanke.“ [9]

Ja, so stellt man und frau sich die Idylle des Widerstandes gegen die Naziherrschaft vor. Kontemplativ sinnieren über einen Krieg – der Straßburg und die Region schon vier Jahre zuvor erreicht hatte und nicht erst „hierher kommen wird“.

Nun kamen die US-amerikanischen Truppen langsam näher, weshalb für die Plünder­abteilung in Straßburg eine Ausweich­stelle im thüringischen Mühlhausen in Aussicht genommen wurde. Ludwig Metzger pendelte also zwischen Luxemburg, Straßburg und Mühlhausen hin und her, um die gut organisierte und rechtlich abgesicherte Verwaltung des Raubgutes zu bewahren; und vergaß hierbei einen Besuch im heimischen Darmstadt nicht. In Mühlhausen hörte er dann vom Bombenan­griff auf Darmstadt, dem zu seinem Glück kein Familienange­höriger zum Opfer fiel. Und so tingelte er auch weiterhin unermüdlich, diesmal durch den Odenwald, um für seine DUT Räumlich­keiten aufzutreiben, die dort angesichts zunehmender Flüchtlings­ströme natürlich nicht vorhanden waren. Nach der alliierten Besetzung Straßburgs konnten alle Angestellten der DUT die Stadt rechtzeitig verlassen, wie er erleichtert feststellt. Wäre es nicht besser gewesen, man wäre ihrer dort habhaft geworden und hätte sie vor ein Kriegsgericht gestellt?

Geradezu unverständ­lich erscheint es, wenn Ludwig Metzger in diesen Wirren freiwillig nach Poznań und Łódź, damals: Posen und Litzmann­stadt, reisen will, um dort nach dem Rechten zu sehen. Die Alternative hätte für ihn die Einberufung zum Volkssturm bedeutet, der in den letzten Kriegswochen regelrecht an den sich einengenden Fronten verheizt werden sollte. Dann lieber zu den Raubrittern im Osten gehen. Natürlich finden wir auch hier innerlich emigrierte Nazis vor:

„In Posen war Aufbruchs­stimmung. Die Russen rückten rasch vor und waren nicht mehr weit. Der Leiter der DUT in Posen sah die Lage völlig klar und wußte, daß der Krieg verloren war, aber nicht erst seit heute, sondern von Anfang an. Er war ein überzeugter Gegner des Nationalsozialismus.“ [10]

Wie solch ein Mensch in eine solch kriegswichtige Position gelangen konnte, fragt man und frau sich dann schon. Ob hier auch nur Schwach­heit vorlag? Wie viel Schwäche gehört denn nach dieser Logik dazu, Millionen von Menschen zu enteignen, zu vertreiben und ihren Mördern zuzuführen? Hannah Arendt, die über die Banalität der Eichmänner schrieb und hierbei für die „innere Emigration“ nur Hohn und Spott übrig hatte, brachte den Sachverhalt in einem Gespräch mit Joachim Fest [auch als PDF] 1964 auf den Punkt:

„Ja, also dieses ist die sogenannte innere Emigration unter den Mördern, wobei ja der ganze Begriff der inneren Emigration oder des inneren Widerstandes ausgelöscht ist. Ich meine, das gibt es eben nicht. Es gibt nur äußeren Widerstand, inner[en] gibt es höchstens [als] eine Reservatio mentalis, nicht? Das sind ja alles Lebenslügen, die verständlich sind und ziemlich ekelhaft.“

Überhaupt darf man oder frau bei Ludwig Metzger annehmen, daß er bei derartigen Schilderungen wider besseres Wissen von sich selbst ausgegangen ist, um die Deutschen und ihr Deutschsein vor dem korrupten Zugriff der Naziideologie zu retten. Was hingegen Ludwig Metzger in Posen konkret getan hat, erfahren wir dann vorsichts­halber nicht. Vielleicht war auch nichts mehr zu organisieren und rechtlich zu sichern. Nach Lodz bist er angesichts der vorrückenden Roten Armee nicht mehr gelangt. Stattdessen nach Darmstadt, wo er von den Kommandeuren der vorrückenden US-Truppen zum Chef des Darmstädter Wiederaufbaus ernannt wurde.

 

Der antikommunistische Aufbau

Der Kommunist und Antifaschist Philipp Benz aus Arheilgen wußte ein halbes Jahrhundert nach der totalen Niederlage der wenigen Nazis und der vielen schwachen Menschen eine weitere Episode aus dem unbarmherzigen Kampf gegen das Naziunwesen zu berichten. Im Mai 1993 schrieb er in der später vom Darmstädter Establishment totgeklagten [11] „Zeitung für Darmstadt“ über die Aufräumar­beiten inmitten der Darmstädter Trümmerland­schaft. Ludwig Metzger hatte in seinen Memoiren die Vorlage geliefert:

„Es war unmöglich, Menschen, die mitten in einem Trümmermeer leben mußten, die Freude an der Arbeit und den Glauben an ihren Sinn wiederzugeben. So konnte man eine Stadt nicht aufbauen, die Trümmer mußten zunächst entfernt werden. Zunächst begnügte man sich mit Linderungsmitteln. Das Arbeitsamt zog auf Weisung der Amerikaner PGs zur Aufräumung der Straßen heran. Selbstverständ­lich war der Effekt minimal. Es war aber auch unmöglich, den Anfang des Wiederaufbaus einer Stadt (und die Räumung war der Anfang) mit Strafarbeiten zu beginnen. Das war eine Sache der ganzen Bürgerschaft, sie mußte ihr Ehrensache sein. […]

Ich entschloß mich, die gesamte gesunde männliche Bevölkerung zwischen 16 und 60 Jahren aufzurufen, sich an der Räumung der Straßen der Stadt zu beteiligen. Etwa jeden Monat sollte jeder Bürger einen Tag lang seine Ehrenpflicht erfüllen. Aber ganz ohne Nachdruck ging es leider nicht. Manche glaubten, sie seien zu gut, um sich im Dienst ihrer Stadt die Finger schmutzig zu machen. Wieder mußte ich zu einer unpopulären Maßnahme greifen. Ich ordnete an, daß nur die Lebenmittel­karten bekämen, die auch ihre Räumungs­pflicht erfüllten.“ [12]

Was für ein Held! Er greift ohne Rücksicht auf die eigene Person zu unpopulären Maßnahmen, bringt gar die ganze Bürger­schaft gegen sich auf, immerhin eine, die noch zwölf Jahre zuvor zur Hälfte ganz freiwillig den Terror gewählt hatte. Doch bei dieser heroischen Geschichte handelt es sich um eine Legende, genauer gesagt, um eine Ablenkung von den tatsächlichen Verhältnissen. Philipp Benz war nämlich dabei gewesen.

„Die spätere Weigerung von Verpflichteten zur Beteiligung an der Trümmer­räumung hatte gewichtige Gründe, die auch Oberbürger­meister Ludwig Metzger mitzuver­antworten hatte. Der Protest erhob sich nicht wegen ‚schmutziger Finger‘ oder ungewohnter körperlicher Arbeit, sondern weil sich Leute, die sich während der Naziherr­schaft die Finger schmutzig gemacht hatten, durch fadenscheinige Freistellungs­bescheide den Arbeitsein­sätzen entzogen. Beziehungen und behördliche Duldung ermöglichten diese Drückebergerei.“

Ob das an der Schwachheit der von Ludwig Metzger nicht rausge­worfenen Beamten lag? – Nicht nur Philipp Benz, sondern auch dem Vater des späteren Oberbürger­meisters Peter Benz, beide nicht verwandt und nicht verschwägert, fiel auf, daß nicht wenige ehemals prominente Nazis nicht gesichtet wurden, als die Ehrenpflicht rief. Ein späterer Blick in die Einsatzlisten bestätigte den Verdacht. Vorsprachen beim Tiefbauamt versandeten, also wurde ein Streik angedroht. Was dann geschah, berichtet Philipp Benz so:

„Bei der nächsten Ausgabe von Lebensmittelkarten wurden wir und alle, die sich unserer Aktion angeschlossen hatten, gesperrt. Die Verantwortlichen, einschließlich des Oberbürgermeisters Ludwig Metzger, dachten nicht daran, unseren Vorwürfen nachzugehen oder gar für Abhilfe zu sorgen.“ [13]

Buchcover Philipp BenzDes Oberbürgermeisters Disziplinarmaß­nahme hatte Folgen, sorgte für öffentlichen Aufruhr. Das hessische Innen­ministerium schaltete sich ein. Ludwig Metzger wurde angewiesen, die Lebensmittel­karten rauszurücken. Während­dessen warteten ehemalige Spitzenbeamte mit Nazivergangen­heit däumchen­drehend im städtischen Holzhof an der Kasinostraße auf ihre Rehabilitierung. Ein Blick in die deutsche Nachkriegs­geschichte sagt uns, daß aus diesen ehemaligen Nazis wunderlicher­weise aufrechte Demokraten wurden, die von nichts wußten, die nichts getan hatten, und vor allem: die immer schon gegen die Nazis gewesen waren.

Im Grunde ist es wenig erstaunlich, wenn Ludwig Metzger auch drei Jahrzehnte nach diesen Vorfällen in seiner Autobiografie immer noch einen Groll hegt. Dieser Groll richtet sich nicht gegen die Nazis mit ihren vortrefflichen Beziehungen, sondern gegen diejenigen, die auf den Mißstand hingewiesen und die lautstark und sogar erfolgreich hiergegen protestiert haben. Diesen Groll hat bald darauf Heinz Schäfer zu spüren bekommen. Irgendwie erinnert mich diese gesellschaft­lich weit verbreitete Geisteshaltung an Radar. Werden dort Peinlich­keiten über den Sender abgelassen, ist das in Ordnung. Wird das – auch noch öffentlich – kritisiert, ist das ein Skandal, der umgehend bestraft werden muß.

Ich kann Heinz Schäfer leider nicht darin folgen, in seiner Entfernung aus dem Beamtendienst eine Aktion zu sehen, die mit demokratischen Grundsätzen oder gar der hessischen Verfassung unvereinbar sind. Es geht darin nämlich nicht um Buchstaben, sondern um deren Sinn. Zwar ist seine Bemerkung

„So wurde das Gedenken an die über 10 000 Menschen, die 1944 in Darmstadt umkamen, vom Oberbürger­meister in einen Teil des Kampfes der DDR gegen die BRD umgedeutet. Metzger blieb auch danach ein energischer Verfechter von Verboten gegen Links. Mit rechten Auffassungen und Tätern ging er anders um.“ [14]

zweifellos richtig. Aber genau darin besteht das Wesen des bürgerlichen Rechtsstaats der Bundes­republik Deutschland, der sich mit der sogenannten „freiheitlich-demokratischen Grund­ordnung“ eine Allzweck­waffe zur Absicherung genau dieser erwünschten Verhältnisse geschaffen hat. Ich will nicht zynisch sein. Heinz Schäfer wurde Unrecht getan, und zwar durch den Namensgeber des Preises der Sparkasse Darmstadt. Die Interpretation jedoch, was mit der hessischen Verfassung gemeint ist, obliegt der herrschenden Klasse und ihren ausführenden Organen, und leider nicht emanzipa­torischen Zielsetzungen und Wünschen. Dies liegt im Wesen der bürgerlichen, weil kapitalistischen Demokratie begründet.

Heinz Schäfer hatte vor einigen Jahren anläßlich einer geschichts­klitternden Darstellung in einem städtischen Faltblatt zu 675 Jahren Darmstadt die Frage gestellt, ob Ludwig Metzger Ehrenbürger dieser Stadt und Namensgeber eines Sparkassenpreises sein solle [15]. Ich muß die Frage bejahen. Er hat – im Sinne der herrschenden Ordnung – nämlich alles richtig gemacht.

In gewisser Weise spiegelt sich diese Auffassung in den verschiedenen Maßnahmen wider, mit denen der Verein Radar e. V. vor fünf Jahren begonnen hat, den Vereinsgründer und weitere ehemalige Vorstandsmit­glieder aus dem Verein und dem von ihm betriebenen Lokalradio hinauszu­drängen. Vorwände lassen sich immer finden, reichen diese nicht aus, werden einfach welche erfunden. Wie zum Beispiel der seitens des Vorstands verbreitete Vorwurf des Anti­semitismus, der zwar durch nichts zu belegen ist, aber das tut nichts zur Sache. Es geht weder um Argumente noch um Beweise, sondern um Gesinnung. Wer nicht tausend­prozentig auf der Grundlage der freiheitlich-demokratischen Radar­ordnung steht, gar Kritik, und sei sie noch so berechtigt, übt, ist ein Feind dieser Ordnung und muß selbst unter Inkaufnahme eines angedrohten Lizenzent­zuges von dieser Ordnung ferngehalten werden.

Das Amtsgericht Darmstadt hat diesen Zusammenhang in einem – in der Berufungsinstanz aus ganz anderen Gründen wieder aufgehobenen – Urteil recht gut hergestellt. Ich habe ein Hausverbot und muß diese Sendung, die ihr gerade hört, als vorproduzierten Podcast deswegen einreichen, weil ich auf dem Boden des Grundgesetzes stehe und meine Meinung genau so äußern darf, wie sie auch auf meiner Webseite nachzulesen ist. Der kürzlich verstorbene Rüdiger Gieselmann hat vor einem halben Jahr [am 12. November 2010] auf diesem Sender öffentlich und freimütig erklärt, daß das zwar alles stimme und daß mir vom rechtsstaat­lichen Gesichtspunkt aus nichts vorzuwerfen sei. Aber bei Radar habe man sich eben andere Regeln gegeben, an die ich mich bei Strafe des Rauswurfs gefälligst zu halten habe. Was soll ich zu derlei extralegalem und selbstge­fälligem Blödsinn eigentlich noch sagen? Mir fällt hierzu nur noch der Name Carl Schmitt und sein Schrifttum ein, in dem genau dieses Feindver­hältnis vortrefflich zum Ausdruck kommt.

Insofern passen Namensgeber und Preisträger ganz gut zusammen. Radio Darmstadt, der Sender für angewandte Plagiate und allenfalls mit Ressentiments begründete Haus- und Sendeverbote, wird durch den Ludwig-Metzger-Preis geadelt. Vermutlich werden die Verantwortlichen bei der Antragstellung das Blaue vom Himmel fabuliert und nicht angegeben haben, wie traurig es tatsächlich um den Verein und sein Radio bestellt ist. Ob der Sparkasse Darmstadt bewußt ist, wen sie sich da ausgeguckt hat, vermag ich nicht zu sagen. Vermutlich ist es ihr egal. Willkommen in der Mitte der Gesellschaft! [16]

Um hier nicht mißverstanden zu werden – und bei Radio Darmstadt muß ich immer damit rechnen, daß meine Äußerungen verdreht wiedergegeben werden [17] –: weder Ludwig Metzger noch der Verein, dessen lokalen Radiosender ihr zur Zeit hört, haben auch nur ansatzweise irgendetwas mit dem National­sozialismus oder seinem Gedankengut zu tun. Das ist ja das Paradoxe; aber wer die Paradoxie versteht, begreift die abgrundtiefe Notwendig­keit, mit der die Mitglied­schaft dieses Vereins ihren Kurs unbeirrbar durchhält und durchhalten muß. Das Problem, kein Argument, keinen Beweis, keine vor einem ordentlichen deutschen Gericht haltbare Anklage zu haben, um Vereinsaus­schlüsse, Haus- und Sendeverbote zu rechtfertigen, führt unweigerlich zu einer Geisteshaltung, die ich schon in meiner letzten Sendung als „bigott“ bezeichnet habe. Das ist nichts Außergewöhn­liches, sondern ein ganz normaler Vorgang in einer komplett durchge­knallten Welt. Alles weitere ist auf meiner Webseite ausführlich nachzulesen: www.waltpolitik.de.

 

Virtuelle Gesichter

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 1, Februar / März 2011, 118 Seiten, € 9,50 und von Mittelweg 36, Heft 6, Dezember 2010 / Januar 2011, 101 Seiten, € 9,50

Nun ist auch Radio Darmstadt endlich bei Facebook angekommen. Seit Anfang des Monats buhlt der Sender um Fans und Gefallensklicks. Schon 60 Personen „gefällt das“ am vergangenen Sonntag. Doch wenn wir uns diese Facebook-Seite etwas genauer anschauen, dann erkennen wir ein fast vollständig selbst­referentielles Projekt. RadaR-Mitgliedern und Sendenden gefällt, was sie oder andere auf dieser Seite geschrieben haben. Manche Aussage wird auch wiederholt, vermutlich, damit sie einprägsamer wird. Ansonsten belegt die Facebook-Seite von Radio Darmstadt den materiellen Nutzwert einer auf virtuellen Freundschaften basierenden Seilschaft. Michael Schardt, der in der Öffentlichkeits­arbeit des Vereins beschäftigte umtriebige Konzertpromoter, bringt sein Projekt DA-Bands unter, damit auch für ihn selbst etwas abfällt. Hacer Yontar-Oukacha, die stellvertretende Programmrats­sprecherin, kommentiert recht gerne alles mögliche, um sich mit einem Link auf ihre eigene Facebook-Seite ins Gespräch zu bringen. So bemerkt sie zur Preisver­leihung in geschwallter Offenheit:

„Ich wusste, dass die wundervolle Arbeit auch mal (an)erkannt wird. Ich bin stolz auf uns alleee! Das kommt gerade zur richtigen Zeit! Jetzt gehen wir noch motivierter an die harte Arbeit!“

Dabei weiß sie ganz genau, wie motiviert die Belegschaft arbeitet. Tatsäch­lich ist seit Jahren die Klage zu hören, daß die sendenden Vereinsmit­glieder nur an sich und ihre Sendungen, nicht aber an das gemeinsame Projekt denken. Auch Hacer beklagt sich, daß diese Geisteshaltung zu einer Vermüllung des Sendehauses beiträgt, auch Hacer weiß, daß der Programmrat erst vor kurzem auf einer Klausurtagung die eigenen Motivations­probleme bespiegeln mußte. Der Öffentlich­keit wird also ein virtueller Schein angeboten. Vielleicht sollte sich Frau Yontar-Oukacha auch ein bißchen an die eigene Nase fassen, denn ihre „wundervolle Arbeit“, ihre „harte Arbeit“, konnte ich am 12. November 2008 in einer ihrer deutsch­sprachigen Sendungen auf der Wikipedia und auf Focus Online nachlesen. Selbstverständ­lich – wir bewegen uns hier im Plagiats-Universum von Radio Darmstadt – war nicht Frau Yontar-Oukacha Autorin dieser Texte.

Cover Mittelweg 36Die Literaturwissenschaft­lerin Aleida Assmann beschreibt in einem Aufsatz der aktuellen Ausgabe von Mittelweg 36 die mit den sozialen Netzwerken verbundene Einsamkeit im Kommunikations­zeitalter. Die über das Internet vermittelte Kommunikation unterscheide sich von der direkten Ansprache dadurch, daß sie nicht spontan und zufällig, sondern mit technischen Mitteln formatiert daherkomme. Es handele sich weitgehend um kurze Schnipsel, besonders extrem bei Twitter und in Chats, die ohne tieferen Gedanken­gang verbreitet werden. Abseits einer konservativen Kulturkritik wird hiermit ein Problem beleuchtet, das sich in der modernen Kommunikations­gesellschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts zuspitzt. Die Menschen texten sich zu, ohne einander zuzuhören. Kommunikation wird als Einbahn­straße begriffen, und daran ändert auch der Anspruch des Web 2.0 nichts.

Während ich euch hier in meiner Sendung ebenfalls zutexte, hier jedoch, um argumentativ und assoziativ Zusammen­hänge herzustellen, ist die Internetkommuni­kation eine Ansammlung von atomisierten Fragmenten, die nur in ihrer Totalität einen Sinn ergeben, einen Sinn, der ziemlich banal ist. Das erste Gebot der Internetkommuni­kation, so führt es die Autorin aus, bestehe darin, ein Bild von sich selbst zu entwerfen, wobei dieses Bild in vorgegebene Profile gezwängt wird. Anschließend seien je nach sozialem Netzwerk Texte, Musikclips, Fotos oder Videos hochzuladen, um einen anschluß­fähigen Schein des eigenen Selbst zu erzeugen. In einem dritten Schritt müssen die vorhandenen Profile vernetzt und neue Freundschaften geschlossen werden. Also hocken Millionen atomisierte Individuen stundenlang vor der Computer­glotze und bemühen sich, in der Virtualität das zu erlangen, was ihnen im realen Leben versagt bleibt. Echte Freundschaften, soziale Nähe, Ankuscheln.

Facebook ist eine dieser Plattformen, die kapitalistisch derart durchgestylt sind, daß die Einsamkeit durch gekaufte Freundschaften verschleiert werden kann. Verschiedene Intimitäts­stufen ermöglichen es, die beliebig anschwellenden Freundschaften zu filtern. Man und frau tauscht sich untereinander aus, schiebt sich Texte und Bilder zu, und suggeriert Aufmerksam­keit und Anerkennung. Folgerichtig gibt es einen „Like Me“-Button, mit dem eine Welt positiver Gefühle erzeugt werden kann. Kritik würde die Expansion dieses virtuellen Weltalls nur stören und das damit verbundene Geschäfts­modell empfindlich treffen. Aleida Assmann faßt diese selbst­referentielle und auf Anpassung getrimmte Gruppen­dynamik so zusammen:

„Die Internetkommuni­kation schafft eine Welt von Freunden. Feindschaften werden offenbar woanders ausgetragen. Man bekommt jede Menge von ‚Freundschafts­anfragen‘, die aus Gründen der ‚Netikette‘ kaum verneint, höchstens durch Nichtbeant­wortung ignoriert werden. Während die Welt des Politischen nach Carl Schmitt durch die Grenze Freund/Feind strukturiert wird, ist der Raum der Internetkommuni­kation ein Paradies universaler Freundschaft. Im Internet wird die Assoziation ohne Dissoziation gepflegt, man lebt in einer Welt der Freunde und ohne Feinde. Das strukturelle Äquivalent der Freundschaft ist die Vernetzung, das Andocken, der Link. Auf dieser einen monotonen Operation basiert das ganze Web 2.0.“ [18]

Nun handelt es sich hierbei nicht um ein universelles Konzept zur Herstellung des Weltfriedens. Die Kuschelecke der sozialen Netzwerke ist jedoch mehr als nur die Flucht vor der rauhen, feindlichen Wirklichkeit. Sie enthält für jedes narzisstische und gekränkte, vereinsamte und machtgeile Individuum einen Nährwert. Die Aufmerksam­keit, die man und frau erheischt, wird vergolten durch eine Aufmerksam­keit, die einer oder einem zuteil wird. Ob hierdurch die Einsamkeit und Tristesse des eigenen realen Lebens aufgehoben wird, bezweifle ich. Eher, so die Autorin, wird man und frau Teil einer Weltkonsumgesell­schaft. Nicht die Sicherheits­lücken in den sozialen Netzwerken sind das Problem, diese natürlich auch, sondern der mit diesen sozialen Netzwerken einhergehende ungeheure Konformitäts­druck, den die Autorin seltsamer­weise bestreitet. Natürlich können sich hier sogenannte Nerds austoben und werden auch anerkannt, doch sehr schnell stellt sich zumindest in Internetforen der Satz ein: Don't feed the troll. Wer nicht mithalten kann, gerät doch recht schnell wieder in den Status des Außenseiters und der Nervensäge.

Cover Mittelweg 36Ich war vor einiger Zeit überrascht, ein derartiges Freundschafts­angebot von einer mir wildfremden Person erhalten zu haben. Da ich in keinem sozialen Netzwerk verankert bin, muß ich wohl über irgendeinen Adreßbuchab­gleich den Datenkraken von Facebook in die Hände gefallen sein. Noch krasser finde ich es, wenn ich mehrfach, ja geradezu penetrant, Freundschafts­angebote einer Person erhalte, die im Sendehaus hemmungslos über mich herzieht und ihre Lügen verbreitet, nämlich die schon angesprochene Hacer Yontar-Oukacha. Hier wird die Verlogenheit dieser Freundschaftsan­bieterei offenkundig. Das Amtsgericht Darmstadt hat im übrigen die von Frau Yontar-Oukacha über mich verbreiteten Lügen als unbegründet verworfen. Zu dieser Lügerei wurde sie vom Vorstand des Vereins angestiftet [19], der dringend auch nur halbwegs verwertbares Material benötigt hatte, um einer Aufhebung des gegen mich ausgesprochenen Hausverbots entgegen­treten zu können. Obwohl das Vorstandsmit­glied Benjamin Gürkan um die Haltlosigkeit der Yontarschen Aussagen wußte, ist er der Verbreitung derselben im Gerichtsver­fahren nicht entgegen­getreten. Hatte ich schon erwähnt, daß er im Weiterstädter Stadt­parlament die SPD vertritt? So funktionieren eben echte Seilschaften und Feindschaften, die dann mittels Facebook verkleistert werden.

Überhaupt geht es in der aktuellen Ausgabe von Mittelweg 36, der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, um Freundschaften. Der Soziologe Janosch Schobin betrachtet Freundschaften im Hinblick auf die Sorge um- und füreinander, und vergißt dabei vielleicht, wie toll derartige Freundschaften in ein neoliberales (ausbeutbares) Weltbild passen. Der Historiker Steven E. Aschheim bringt uns einen Briefwechsel zwischen Gershom Scholem und Hannah Arendt nahe. Diese langjährige und mitunter recht fragile Freundschaft zerbrach, nachdem Hannah Arendt in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ den zionistischen Grundkonsens offen aufkündigte. Weniger freundschaft­lich führte der europäische Kolonialismus unvermeidlich zu Krieg und Massenmord. Zuweilen mußten die Kolonialherren bittere Niederlagen einstecken, wovon der Historiker Dierk Walter berichtet. Der Historiker Klaus Naumann führt uns den Paradoxien des afghanischen Transformations­krieges und versucht argumentativ etwas zu retten, was schlicht nicht zu retten ist. Ein imperialistischer Krieg ist eben keine Angelegen­heit, die ein friedliches Miteinander ermöglicht, sondern ein Geschäfts­modell, bei dem die angeblichen Nutznießerinnen, etwa die Frauen in Afghanistan, den modernen Kolonialherren schlicht egal sind.

Im letzten Heft des vergangenen Jahres [6/2010] betrachtete der schon erwähnte Steven E. Aschheim das Vermächtnis des deutschen-jüdischen Geistes zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Der Politologe Jens Hacke stellt uns mit dem Liberalen Moritz Julius Bonn einen vergessenen Verteidiger der Vernunft in der Weimarer Republik vor. Der Autor geht recht idealistisch von einem Modell parlamentarischen Handelns aus, das durch Aussprache und Verhandlung gekennzeichnet sei bzw. sein solle. Klassengegen­sätze und soziale Verteilungs­fragen mögen zwar Verhandlungs­masse sein, aber (so denke ich) die Geschäfte der Bourgeoisie werden nicht im Parlament ausgehandelt, sondern durch Mehrheiten und Fraktions­disziplin durchexerziert. Der Aufsatz ist interessant, insofern er uns einen politisch zum Scheitern verurteilten Menschen vorstellt, dessen Verhältnis zu Carl Schmitt als ideologischen Weggefährten des nationalsozia­listischen Regimes einer besonderen Betrachtung bedarf. Einfach nur ärgerlich ist ein Satz wie dieser:

„Der Liberalismus gerät nicht nur in die Zange der totalitären Bewegungen von links und rechts – symbolisiert durch die Oktoberre­volution 1917 und den Marsch auf Rom 1922“ [20]

so als ob der Aufstand in Petrograd und Moskau mit dem Ziel der Emanzipation der Bauern und Werktätigen mit dem Ständestaat des italienischen Faschismus gleichzusetzen sei. Diese ahistorische Rechtsgleichlinks­macherei scheint aus der Retrokiste der Totalitarismus­ideologie wiederer­standen zu sein. Was diese in einer Zeitschrift, die der Aufklärung und Vernunft verpflichtet ist, zu suchen hat, erschließt sich mir nicht.

Eher von Interesse ist eine Rede des Institutsleiters Jan Philipp Reemtsma über den Unterschied von horizontaler und vertikaler Toleranz, der, wenn ich ihn richtig verstanden habe, hinter die Erkenntnisse von Herbert Marcuses Analyse der repressiven Toleranz zurückfällt. Friederike Bahl und Philipp Stahl untersuchen die theoretische Debatte um das Dienstleistungs­proletariat und zeigen auf, wie problematisch der Begriff wie die damit verbundene Wirklichkeit ist. Gut soziologisch melden sie im Anschluß an ihre Gedanken weiteren Forschungs­bedarf an. Bemerkenswert finde ich die Erkenntnis, daß Dienstleistungs­arbeit im Gegensatz zu Landwirt­schaft und Industrie kein (sichtbares) Ergebnis (als Produkt) zeitigt, sondern eher als unsichtbar wahrgenommen und in seiner permanenten Wiederholung als ergebnislos gekenn­zeichnet wird.

Mittelweg 36, die Zeitschrift aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung, erscheint alle zwei Monate zum Preis von 9 Euro 50, ein Abonnement ist möglich.

Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Entsprechendes Zahlenmaterial und Austrittser­klärungen liegen mir vor. Siehe auch meine Dokumentation Radar zieht um und Aurel moderiert eine Märchensendung.

»» [2]   Thomas T., der Lautsprecher aus der Unterhaltungs­redaktion von Radio Darmstadt, mußte das freudige Ereignis gleich bei radioforen.de herausposaunen: „Der 1. nichtkommer­zielle Radiosender Hessens,Radio Darmstadt,ist für sein ehrenamtliches Engament,mit dem Ludwig Metzger Preis 2011 ausgezeichnet worden. Der Preis ist mit 3000 Euro dotiert!“ Mag sein, daß es sich nicht bis zu Thomas T. herumgeflüstert hat, aber es handelt sich hierbei nicht um einen der drei Hauptpreise, sondern um den sogenannten „Anerkennungspreis“. Zum großen Durchbruch hatte es einfach nicht gereicht.

»» [3]   Ludwig Metzger : In guten und in schlechten Tagen, Seite 107–108.

»» [4]   Fred Kautz : „Weh der Lüge! Sie befreiet nicht …“, Seite 72.

»» [5]   Metzger Seite 96.

»» [6]   Metzger Seite 11.

»» [7]   Michael Hepp : Deutsche Bank und Dresdner Bank. Gewinne aus Raub, Enteignungen und Zwangsarbeit 1933–1945 [1999/2005].

»» [8]   Metzger Seite 70–71.

»» [9]   Metzger Seite 80.

»» [10]   Metzger Seite 88.

»» [11]   Michael Grimm : Kritik unerwünscht, in: Zeitung für Darmstadt, Nr. 69, 13. Mai 1994, Seite 1: „Nicht, daß er sich mit dem Urteil begnügte, nein, es geht um anderes als die Rehabilitierung eines angeblich Beleidigten, eines ehrbaren Politikers, es geht um den finanziellen Ruin einer unbequemen Zeitung. Mit hohen Streitwerten und Anwaltskosten wird versucht, das zu erreichen, was mit dem Boykott nicht zu schaffen ist: Endlich die Zeitung für Darmstadt abzuschaffen.“

»» [12]   Metzger Seite 98–99.

»» [13]   Philipp Benz : Darmstadt soll wiedererstehen. Ein Stück Aufbau und der Entzug von Lebensmittel­karten, in: Zeitung für Darmstadt, Nr. 48, 14. Mai 1993, Seite 6, wieder abgedruckt in: Phuilipp Benz – Zeitzeugnisse [2010], Seite 49–54, Zitate auf den Seiten 51 und 52.

»» [14]   Heinz Schäfer : Darmstadt 1950. Ein Stück Vorgeschichte zum KPD-Verbot 1956, in: Utopie kreativ, Heft 189/190, Juli/August 2006, Seite 658–665, Zitat auf Seite 663.

»» [15]   Heinz Schäfer : Wann beendet der Magistrat seinen Winterschlaf und macht sich an seine Hausaufgaben? in: Darmstadt links, März 2005, Seiten 2 und 4.

»» [16]   Michael Grimm verweist in der letzten Ausgabe der „Zeitung für Darmstadt“ auf den finanziellen Handlungsspiel­raum, den sich die Darmstädter SPD mit dem Sparkassenfonds geschaffen habe, um ihre Seilschaften zu bedienen. Siehe Michael Grimm : Am Hahn des goldenen Geldsegens, in: Zeitung für Darmstadt, Nr. 73, 11. Juli 1994, Seite 1–2.

»» [17]   Einen skurrilen Höhepunkt des bewußten Mißverstehens lieferte das heutige [2011] Vorstandsmit­glied Aurel Jahn ab. In meiner Dokumentation zu den Ereignissen bei Radio Darmstadt hatte ich in der Monatsübersicht April 2008 ein Programmrats­mitglied erwähnt, das ein anderes Vereinsmit­glied jahrelang am Telefon belästigt hatte. Ich schloß meine Ausführungen hierzu, mit Datum vom 5. April 2008 und mit Bezug auf einen mittelschlechten Aprilscherz selbigen Aurel Jahns, mit den Worten: „Nur zur Klarstellung: Aurel Jahn ist weder für das Stalking verantwortlich noch hat er irgendetwas hiermit zu tun. Ich bin mir ganz sicher, daß er dieses terroristische Handeln aufs Schärfste verurteilt.“ Kann man oder frau das mißverstehen? Aurel kann. Am 15. April 2008 trötet er über den Sender: „Daß er den Eindruck zu erwecken versucht, ich hätte jemanden per Telefon terrorisiert, ist, gelinde gesagt, eine Unverschämtheit.“ Manchmal frage ich mich, wieviele paranoide Energie dazugehört, virtuelle Gehirnverwick­lungen dort hineinzu­spintisieren, wo eine klare Aussage besteht.

»» [18]   Aleida Assmann : Hier bin ich, wo bist du? Einsamkeit im Kommunikations­zeitalter, in: Mittelweg 36, Heft 1/2011, Seite 4–23, Zitat auf Seite 16.

»» [19]   Auf der Programmratssitzung am 8. Juni 2009 forderte der Vorstand die Redaktionen auf, bei ihren Mitgliedern um verwertbares Belastungs­material nachzusuchen. Welch haarsträubender Quark dabei herauskam, ist dem Urteil des Amtsgerichts Darmstadt vom 26. November 2009 andeutungs­weise zu entnehmen. Frau Yontar-Oukacha fühlte sich sichtlich berufen, ihre haltlosen Anschuldigungen erneut vorzubringen. Passend zu den verlogenen Freundschafts­angeboten schrieb sie mir am 5. Oktober 2008: „Wir haben alle Fehler gemacht und ich habe schon vor langer Zeit mich für die Unverständlich­keiten und Vorwürfe gegen euch entschuldigt.“ Wie nun? Es gibt Vorwürfe, für die sie sich entschuldigt hat, um sie gleich darauf wieder aufzutischen???

»» [20]   Jens Hacke : Moritz Julius Bonn – ein vergessener Verteidiger der Vernunft. Zum Liberalismus in der Krise der Zwischenkriegs­zeit, in: Mittelweg 36, Heft 6/2010, Seite 26–59, Zitat auf Seite 28.


Diese Seite wurde zuletzt am 27. April 2011 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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