Kapital – Verbrechen

Psychoanalytisches zum 11. September

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Psychoanalytisches zum 11. September
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 10. Mai 2004, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 10. Mai 2004, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 11. Mai 2004, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 11. Mai 2004, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochenes und benutztes Buch :
Thomas Auchter / Christian Büttner / Ulrich Schultz–Venrath / Hans–Jürgen Wirth (Hg.) : Der 11. September, Psychosozial Verlag
 
 
URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_ps119.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Materielle Bedingungen psychischer Befindlichkeiten
Kapitel 3 : Patriarchale Allmacht schlägt sich in Gewalt nieder
Kapitel 4 : Ein vager Terrorismusbegriff und paranoide Weltbilder
Kapitel 5 : Ein Wahnsystem mit Methode, und wir mittendrin
Kapitel 6 : Phantasiesysteme mit mörderischen Folgen
Kapitel 7 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Die Bilder US–amerikanischer Aggression im Irak kommen nicht überraschend. Es ist kein Zufall oder ein Versehen, wenn Moscheen beschossen oder Zivilisten getötet werden. Es sind keine durchgeknallten Soldatinnen und Soldaten, die ihre irakischen Kriegsgefangenen demütigen, mißhandeln, foltern oder umbringen. Das alles gehört zum Geschäft des Krieges. Es spielt dabei nicht einmal eine allzu große Rolle, ob es sich hierbei um US–Soldaten oder die Kriegsbegeisterten anderer Nationen handelt. Es gibt so etwas wie die Psychologie des in staatliche Uniformen gesteckten Gewalttäters. Eine Institution wie eine Armee sucht sich schon gezielt ihre Täter.

Natürlich ist das alles nichts Neues. Eine Armee, die Vietnam in die Steinzeit zurückbomben sollte und hierbei drei Millionen tote Vietnamesinnen und Vietnamesen hinterlassen hat, eine Armee, welche mit chemischen Kampfstoffen auch aus deutscher Produktion das Land [Vietnam] unbewohnbar und landwirtschaftlich verseucht hinterlassen hat, eine Armee, die nicht nur in My Lai Zivilistinnen und Zivilisten mit großer Freude massakriert hat, sondern auch gezielt Krankenhäuser, Schulen und Deiche angegriffen hat, eine solche Armee wird auch in Afghanistan oder im Irak nicht gerade zu einer Friedenstruppe mutieren.

Wer sich mit der eigenen Gewalttätigkeit, der eigenen Aggression und der eigenen Zweckbestimmung des Tötens nicht auseinandersetzt, wer keine Ursachenforschung betreibt, sich nicht entschuldigt oder gar Wiedergutmachung leistet, wird genau da weitermachen, wo die Soldatinnen und Soldaten der vorangegangenen Generation aufgehört hatten. Schon bei der gescheiterten Mission in Somalia in den 90er Jahren wurde dieses Potential deutlich. Insofern ist die Entschuldigung des US–Präsidenten George Dubya Bush so glaubwürdig wie die jedes Aggressors, der ansonsten unbeirrt an den eigenen Zielen festhält.

Da die Vorwürfe lange genug bekannt waren, hatte die US Army genügend Gelegenheit gehabt, dafür zu sorgen, daß die Täter bestraft werden. Aber erst, als das ruchlose Tun die Medienzensur durchbrach, bequemte sich der oberste Befehlshaber der Invasionsarmee dazu, zu handeln.

Allerdings ist auch festzuhalten, daß die friedliebenden Europäer vorsichtig damit sein sollten, ihrer Entrüstung Ausdruck zu verleihen. Schließlich beteiligen sich auch deutsche Soldaten in Afghanistan unter Ausschluß der Öffentlichkeit an der Verfolgung vermeintlicher oder echter Gegner. Welche Interessen das deutsche Kontingent im Kongo verfolgt, ist erst recht unklar. Und die Meister aller Kriegsverbrechen kommen ohnehin aus diesem Land. Wer also das Vorgehen der US–Armee im Irak kritisieren will, sollte zuvor ein klares Bekenntnis zu der Gewalt abgeben, die von diesem Land ausgegangen ist und auch weiter ausgeht. Alles andere bleibt unglaubwürdig. Denn auch eine rot–grüne Menschenrechtsbundeswehr bleibt ein Kriegsinstrument mit den bekannt tödlichen Folgen. Aus diesem Grund hat Bundesverteidigungsminister Peter Struck mit Unterstützung des Deutschen Bundestages den weltweiten Einsatz dieser Friedenstruppe absegnen lassen. Da wir nicht im menschenrechtelnden Niemandsland leben, sondern in einer imperialistischen globalisierten und von Kapitalinteressen beherrschten Welt, ist klar, welchen Zielen jede Intervention derartiger Armeen dient. Und entsprechend gehen sie vor. Die Ausrutscher im Irak sind keine Ausrutscher, sondern Teil der Methode.

In meiner heutigen Sendung möchte ich ein verwandtes Thema behandeln. Im vom Psychoanalytiker Hans–Jürgen Wirth betriebenen Psychosozial–Verlag ist im Herbst vergangenen Jahres ein Buch über den 11. September erschienen, das sich weitgehend von anderen Veröffentlichungen zu diesem Thema unterscheidet. Vorgelegt werden nämlich Psychoanalytische, psychosoziale und psychohistorische Analysen von Terror und Trauma.

Deshalb heißt diese Sendung auch Psychoanalytisches zum 11. September. Das Sendemanuskript zur Sendung wird in den nächsten Tagen auf meiner Homepage verfügbar sein: www.waltpolitik.de. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Materielle Bedingungen psychischer Befindlichkeiten

Wenn Psychoanalytiker und Psychologinnen sich mit Fragen von Macht und Gewalt befassen, müssen sie die vorherrschende Realität berücksichtigen. Sie müssen nach gesellschaftlichen Mustern fragen, die wiederum Ausdruck von Kapitalismus und Patriarchat sind. Die Schwäche des Buches Der 11. September ist sicher, daß die ökonomischen und patriarchalen Wurzeln individuellen und kollektiven Handelns weitgehend ausgeblendet bleiben. Dieses Problem wird uns spätestens dann beschäftigen müssen, wenn wir den Adressaten unserer Vorschläge alternativen Handelns in Konfliktsituationen benennen wollen.

Wir bewegen uns nicht im herrschaftsfreien Raum, sondern im globalen Kapitalismus. Die rastlose Verwertung vorhandener Produktionsmittel, das einzig rationale Motiv kapitalistischer Produktion, nämlich der Profit, und die damit zusammenhängende historische Form kapitalistischer Ausbeutung, die sich an einem männlichen Modell orientiert, dies alles bestimmt unser Handeln und unser Denken. Das heißt: wenn Psychoanalytikerinnen und Psychologen sich mit unserer psychischen Befindlichkeit befassen, sind sie unweigerlich damit konfrontiert, daß es sich bei psychologischen Problemen nicht um individuelle Defekte, sondern um gesellschaftliche Phänomene handelt. Denn es ist das Sein, welches das Bewußtsein bestimmt – oder genauer, in den Worten von Karl Marx aus dem Jahr 1857 in seinem Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie :

In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.
Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten. Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern muß vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären. [1]

Deshalb greift jeder psychologische Ansatz zu kurz, der von den materiellen Grundbedingungen abstrahiert. Andererseits bietet ein psychoanalytisch orientiertes Buch auch die Möglichkeit, Dinge und Strukturen zu begreifen, welche sich nicht unmittelbar aus dem materiellen Leben ableiten lassen. Ein Buch, welches die psychoanalytischen, psychosozialen und psychohistorischen Analysen von Terror und Trauma behandelt, kann gerade in der Fokussierung auf einen bestimmten Aspekt einen Erkenntnisgewinn verschaffen, den wir nicht hätten, wenn wir die psychischen Momente außer acht ließen. Deswegen möchte ich aus dem Vorwort vorlesen:

Psychoanalytiker und Psychologen werden im Allgemeinen nicht gefragt, wenn es um Politik, Macht, Terrorismus und Krieg geht. Diese Bereiche beanspruchen Experten militärischer Strategien und Taktiken ebenso für sich wie Politologen und Islamwissenschaftler, Repräsentanten gesellschaftlicher Institutionen und Interessensverbände, Auslandsjournalisten und Fachleute für Diplomatie und Geheimdienste – und, wenn das Kind dann in den Brunnen gefallen ist, allenfalls Historiker.
Das verletzte Kind, die traumatisierten Menschen und die verängstigte Bevölkerung, das allerdings sind Arbeitsbereiche, die man Psychoanalytikern und Psychotherapeuten, Sozialarbeitern und Psychologen, Kinder– und Jugendlichenpsychotherapeuten und ehrenamtlichen Helfern gerne zuweist: Ihnen wird die Aufgabe zuteil, ungeschehen zu machen, was sich nicht ungeschehen machen lässt. Diese Zuschreibungen an die Therapeuten gelten weltweit. Allerdings sehen sich die Angehörigen psychosozialer Berufsgruppen auch selbst bisweilen so: Sie fühlen sich nicht zuständig für so etwas Unanständiges wie Macht, Drohungen mit Gewalt und Terror.
Dabei stellen die Kenntnisse über die psychologischen und sozialen Hintergründe und Folgen von Gewalt, Krieg und Terror eine Ressource dar, über die psychosoziale Berufe in so intimer Weise verfügen, wie kaum eine andere gesellschaftliche Gruppe. Ihre Erfahrungen belegen nachdrücklich, dass die ökonomischen, machtpolitischen und militärischen Erklärungen von Terrorismus und Krieg zu kurz greifen, wenn sie die psychologische Dimension außer Acht lassen. Sowohl bei der Betrachtung der Hintergründe und Folgen des Terrorismus als auch der amerikanischen Reaktion darauf kommt den psychischen Aspekten eine sehr viel größere Bedeutung zu, als die Politik wahrzunehmen bereit ist.
Erst recht gewinnt die psychologische Perspektive an Bedeutung, wenn es um die Frage geht, wie denn humanere Verhältnisse herzustellen seien. Das psychotherapeutische Feld ist einer der wenigen gesellschaftlichen Orte, an denen die Vorstellungen davon, was Menschsein ausmacht, offen besprochen und auf ihre Tragfähigkeit hin untersucht werden können. Die Vision menschlicherer Zustände wird nicht dort geboren, wo es schneller, höher, weiter und besser zugeht, auch nicht dort, wo es schöner und ästhetischer ist, und selbst dort nicht, wo es friedlicher und harmonischer zugeht als anderswo, vielmehr entwickelt sich Menschlichkeit im Umgang mit den dunklen Seiten des Lebens, mit Krankheit, Schmerz, Leiden, traumatischen Erfahrungen, Abschied, Trauer und Tod. Eben deshalb ist die Psychotherapie einer der wenigen gesellschaftlichen Erfahrungsbereiche, in denen sich neue zukunftsweisende Vorstellungen des Menschseins entwickeln können. [2]

Um es ein wenig anders auszudrücken und den Bezug zu Karl Marx herzustellen: Die psychischen Produktivkräfte einer Gesellschaft – und diese können sowohl konstruktiv wie destruktiv sein – geraten in Konflikt mit den materiellen Produktionsverhältnissen des patriarchalen Kapitalismus. Das äußert sich an verschiedenen Orten dieser Erde sehr verschieden, und das hat auch damit zu tun, wer in den reicheren und wer in den ärmeren Ländern lebt, wer zur Arbeiterklasse, zu den Kapitaleignern oder zu den Arbeitslosen gehört, wer Mann oder Frau ist, Täter oder Opfer. Unser Bewußtsein hierüber ist mit unserer Lebenssituation engstens verknüpft, nicht zuletzt auch damit, was wir wahrhaben wollen, was wir zulassen, was wir abwehren oder verdrängen.

Dasselbe gilt für palästinensische Selbstmordattentäter, islamische Fundamentalisten, US–amerikanische Präsidenten und dessen Soldatinnen und Soldaten, sowie für menschenrechtelnde europäische Aktivistinnen und Aktivisten. Nur wer sich der gesellschaftlichen wie seiner oder ihrer eigenen Konflikte bewußt ist, kann vermeiden, das zu reproduzieren, was gesellschaftliche Verhältnisse wie konkrete Menschen einer oder einem angetan haben.

U2 : Indian Summer Sky

 

Patriarchale Allmacht schlägt sich in Gewalt nieder

In 21 Beiträgen gehen die Autorinnen und Autoren des Bandes Der 11. September auf verschiedene Aspekte dieses mörderischen Angriffs ein. Sie untersuchen den Zusammenhang von Terrorismus, Krieg und Tod, sie beschäftigen damit, was eigentlich Terrorismus ist und wie man zum Terroristen wird, sie stellen die traumatischen Folgen dar, aber auch damit zusammenhängende gesellschaftliche und politische Fragen. Im Rahmen dieser Sendung kann ich natürlich nur auf einige dieser Beiträge eingehen.

Beginnen möchte ich mit den Psychohistorischen Überlegungen zum 11. September in New York des Psychoanalytikers Ludwig Janus. Hierbei wird sich zeigen, daß sozusagen aus der Tiefe des Raumes Erkenntnisse einfließen können, die Handlungsmöglichkeiten eröffnen, welche im konventionellen politischen Rahmen nicht bedacht werden. Ob die daran anschließend vorgeschlagenen Handlungsmöglichkeiten eine realistische Grundlage besitzen, ist eine Frage, die sicher zu stellen sein wird. Doch zunächst zur Darstellung. Nach Ludwig Janus kommt im Lebensweg Osama bin Ladens,

der von der angepassten Lebensweise in einer reichen saudi–arabischen Familie und seiner Tätigkeit im Bauunternehmen des Vaters zum Leiter fundamentalistisch–terroristischer Gruppen führt, [... die] Modernisierungskrise in der saudi–arabischen Gesellschaft und der arabischen Welt insgesamt zum Ausdruck. [3]

Durch den frühen Tod seines Vaters hatte er in relativ jungen Jahren die Verfügungsgewalt über Ressourcen, von denen junge Menschen, welche die Welt aus den Angeln heben wollen, sonst eher träumen würden. Nicht weil ihnen Reichtum etwas bedeuten würde, sondern weil damit politische Einflußmöglichkeiten verbunden sind.

Nun ist es unerheblich, ob es ausgerechnet Osama bin Laden ist, der über das Geld verfügt. Gäbe es ihn nicht, hätte es statt al–Qaida wahrscheinlich eine andere fundamentalistische Gruppe gegeben. Hans–Jürgen Wirth vermutet daher, und wahrscheinlich nicht zu Unrecht, daß die Diskrepanz zwischen unermeßlichem Reichtum und dem damit verbundenen Angriff auf die islamischen Werte als Doppelmoral empfunden wurde. Der damit verbundene schwerwiegende Konflikt werde so aufgelöst,

dass die Söhne aus wirtschaftlich privilegierten Familien teils im bewussten, teils im unbewussten Auftrag der Väter in den heiligen Krieg ziehen, von dem die Väter nur reden und träumen. [4]

Für das, wogegen sie kämpfen, werden diejenigen verantwortlich gemacht, welche das despotische Regime nicht nur zur Macht gebracht, sondern seither auch gestützt haben: die USA.

Nun sind die arabischen Gesellschaften weitgehend strikt monotheistische, hierarchisch gegliederte und von Männern dominierte Gesellschaften. Radikale Trennung der Geschlechter, tabuisierte Sexualität und Frauenfeindlichkeit treffen auf den globalen Kapitalismus, was Auswirkungen auf den inneren Zusammenhang der arabischen Gesellschaften hat. Die chronische Entwicklungs– und Modernisierungskrise bleibt ungelöst. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches werden westliche Modelle eingeführt und gleichzeitig feudal–theokratische Strukturen zementiert [5]. Das Palästina–Problem wird zum Kristallisationspunkt der Krise.

Die zum Teil willkürliche Machtpolitik des dominierenden Westens war mit einer Kette von Demütigungen verbunden. Dabei war die Vertreibung der Palästinenser aus ihrem angestammten Land im Zusammenhang mit der Gründung des Staates Israels vielleicht die schmerzlichste und [als am ungerechtesten empfundene], insofern hier ein in Europa durch einen destruktiven Nationalismus »unlösbar« gewordenes Integrationsproblem auf Kosten der palästinensischen Bevölkerung »gelöst« wurde, die mit diesen Konflikten nicht das Geringste zu tun hatte. [6]

Ludwig Janus geht davon aus, daß die feudalen Strukturen der arabischen Welt sich genauso aufgelöst hätten wie die des Westens, wenn man sie denn gelassen hätte. Doch eine, wie er meint, kurzsichtige Machtpolitik, habe diese Entwicklung gestoppt, obwohl diese Entwicklung doch auch langfristigen Interesse der USA liegen würde. Diese Argumentation jedoch ist eine, die mich besonders auf die Palme bringt. Ich denke nicht, daß es unsere Aufgabe ist, der imperialistischen Machtpolitik zu erklären, wie sich denn besser positionieren könnte. Unser Job ist es, daran zu arbeiten, daß diese Machtpolitik beseitigt wird.

Doch zurück zu Saudi–Arabien. Das dortige Regime zeichnet sich nach Ludwig Janus durch einen unvermittelten Zusammenprall mittelalterlich–theokratischer Strukturen mit modernistischen Tendenzen aus. Das Unvermittelte birgt ein Gewaltpotential, das jedoch strukturell blockiert wird und sich sein Ventil anderswo suchen muß. Hierbei ist an innergesellschaftliche Gewaltstrukturen (etwa in Familien) genauso zu denken wie an die Unterstützung des Krieges gegen die Sowjetunion in Afghanistan in den 80er Jahren. Nach dem Zerfall des einen Feindes wenden sich die fundamentalistischen und von interessierten Kreisen der westlichen Welt geförderten Gruppen jedoch gegen alle Ungläubigen.

Leider unternimmt der Autor anschließend einen Ausflug in die heute populäre Soziobiologie, um seine Ansichten über Aggression und Gewalt zu belegen. Wenn wir seine Ansichten über unterschiedliche angeblich biologisch verankerte Verhaltensbereitschaften in arabischen und westlichen Gesellschaften einmal beiseite lassen, dann macht das folgende Zitat dennoch Sinn. Er schreibt:

Wenn die Polygamie realisiert ist, hat sie tiefgreifende Folgen für die Eltern–Kind–Beziehung, wie dies in der Familie Osama bin Ladens der Fall ist. Allein wegen des [untergeordneten] Status der Frauen, insbesondere der Mutter Osama bin Ladens, ist die frühe Mutterbeziehung beeinträchtigt, da eine Frau ohne eigene Individuierungschance auch ihr Kind nicht entsprechend fördern kann. Dazu kommt, dass der machtvolle Vater als reale Person wenig erreichbar ist, so dass es aus der Familienstruktur heraus zur Spaltung des Vaterbildes in eine idealisierte, in der Beziehung zu Allah gesuchte Vaterimago und eine negativ besetzte destruktiv–feindliche Vaterimago kommt, wie dies auch exemplarisch bei Osama bin Laden anzunehmen ist. In männerdominierten hierarchischen Gesellschaften mit polygamen Strukturen spielt in der Geschlechterbeziehung Gewalt und Macht eine wesentlich bedeutsamere Rolle als in der eher monogamen Beziehung in egalitären Gesellschaften.
Dieses größere Aggressionspotential in der Geschlechterbeziehung macht es wohl auch nötig, die Mann–Frau–Beziehungen mehr zu reglementieren und durch die männlichen und weiblichen Beschneidungen, die immer noch weit verbreitet sind, überhaupt als Begegnungsfeld einzuschränken. [7]

Wenn ich einmal das damit verbundene idealisierende eurozentristische Weltbild außer acht lasse, heißt dies, daß diese Gesellschaften über ihr normiertes Gewaltpotential eine frauenfeindliche Gesellschaft immer wieder aufs Neue reproduzieren. Auch hierbei ist es unerheblich, welches Bild sich die Männer und Frauen selbst von ihrer Rolle und dem Koran machen – entscheidend sind die Strukturen der Reproduktion.

Der eigentliche Beitrag von Ludwig Janus zum Problem des Terrorismus ist sein Exkurs zur Psychodynamik des Monotheismus. In den Anfängen der Psychoanalyse wurde eine Vorstellung entwickelt, wonach Gottesvorstellungen dazu da sind,

Schutz und Trost für frühkindlich erlittene Ohnmacht

zu bieten, und vor Straf– und Schuldängsten

Gottes Allmacht und Güte gleichzeitig retten [soll], was [wiederum] nur durch hörige Unterwerfung und Willensaufgabe möglich ist. [8]

Wir sind hier bei der religionskritischen Funktion der Psychoanalyse angelangt. Magische Praktiken der steinzeitlichen Vorzeit wurden während und nach der neolithischen Revolution umgewandelt in beherrschende Zentralgötter, welche wiederum die Vorstufe späterer montheistischer Religionen sind.

Dieser Machtzuwachs durch die gezielte Nutzung der Kräfte der Natur ermöglichte die zunehmende Größe und innere Organisierung menschlicher Gesellschaften in den frühen Hochkulturen. Er bestätigte frühkindliche Allmachtsvorstellungen, aktivierte deren Projektion in entsprechenden Gottesvorstellungen und organisierte sich schließlich in den monotheistischen Gottesvorstellungen, die die spätere Geschichte in der orientalischen und westlichen Welt beherrschten.
Hier besteht nun die paradoxe Situation, dass die beachtliche Handlungsfähigkeit und Steuerungsfähigkeit der Mitglieder dieser Gesellschaften nicht als in ihnen selbst begründet erlebt wird, sondern als von dem göttlichen Wesen geliehen, in dessen Dienst sie handeln – daher auch die Unfähigkeit zu einer verantwortlichen Reflektion des eigenen Verhaltens. [9]

Ludwig Janus macht nun darauf aufmerksam, daß dieses Muster schon im Säuglingsalter eingepflanzt wird und daher eine Infragestellung der gesellschaftlichen Strukturen besonders stark als Infragestellung der eigenen Identität erlebt wird. Die daraus resultierende Verzweiflung findet ihre symbolische Aktion im terroristischen Akt.

In diesem Sinne verstehe ich die Ereignisse am 11. September auch als symbolische Botschaft, dass die Täter der amerikanischen Gesellschaft mitteilen wollen, wie sehr sie sich in ihren zentralen Werten bedroht und destruiert fühlen und deshalb im Gegenzug ein zentrales Symbol der amerikanischen kapitalistischen Handelsmacht zerstören, um so zu vermitteln, wie zerstörerisch für sie die von der amerikanischen Kultur ausgehende Zersetzung ihrer zentralen kulturellen Werte ist. [10]

Wobei ich einfügen möchte, daß diese kulturellen Werte keinesfalls als emanzipatorische gewertet werden dürfen. Im Gegenteil, Teil einer globalisierten Emanzipation müßte es ja gerade sein, rückständige Ideologien und verkrustete Strukturen aufzubrechen und zu bekämpfen. Dies ist allerdings nicht nur in den arabischen Ländern zu leisten, sondern auch durchaus hierzulande. Ludwig Janus hingegen sieht in kulturellem Dialog und dem Zurückdrängen des Terrorismus durch Beseitigung oder zumindest Verminderung der Ursachen den Weg aus der Sackgasse der Gewalt. Doch auf welcher materiellen politischen und wirtschaftlichen Grundlage? In welcher Welt? Im Kapitalismus? Schwer vorzustellen.

Pink : Try This

 

Ein vager Terrorismusbegriff und paranoide Weltbilder

Terrorismus ist ein vager Begriff. Wer als Terrorist definiert wird, bestimmt sich durch nationale oder globale Machtverhältnisse. Terrorismus ist ein politischer Kampfbegriff und sollte daher nur eingeschränkt benutzt werden; als analytische Kategorie taugt er nicht. Entsprechend fragwürdig ist es, Terrorismus als gewissermaßen pathologisches Syndrom zu kennzeichnen. Die Hemmschwelle, die den Einzelnen davon abhält, gewalttätig zu werden, liegt bei vielen Menschen wesentlich niedriger, als diese sich bewußt machen. Die Grenze zwischen Normalität und Grausamkeit ist durchlässig. [11]

Christian Büttner geht somit davon aus, daß die Lebensumstände aus einem normalen, unauffälligen Menschen einen Gewalttäter werden lassen. Er begreift Terrorismus als ein Gruppenphänomen und hält es daher für sinnvoll zu sagen, daß die Aktivitäten eines Teils der Gesellschaft nur im Zusammenhang mit dem anderen Teil der Gesellschaft zu verstehen sind. Anders ausgedrückt: es ist die gegebene Gesellschaft selbst, die sich ihre Terroristen schafft. Eine gewalttätige Gesellschaft, die sich in Gut und Böse spaltet, bereitet den Boden für den Kampf der Guten gegen die Bösen – und umgekehrt. Und es ist dann auch nicht damit getan, die Bösen zu entfernen, weil die Gruppe oder Gesellschaft aus sich heraus das Potential entfaltet, neue Störenfriede, Terroristen oder Gewalttäter (oder wie auch immer sie dann genannt werden) hervorzubringen. Woraus folgt, daß sich entweder die zugrunde liegende Gruppen– oder Gesellschaftsstruktur ändern oder sie sich auflösen muß [12]. Mehr noch:

Im Sinne dieses Gruppenphänomens könnte man auch davon sprechen, dass der »böse« Teil der Gruppe im Auftrag des »guten« Teils handelt, wobei »der Auftrag« nicht nur als ein [ausdrücklicher] Vorgang begriffen werden kann, sondern auch als eine stillschweigende oder unbewusste Übereinstimmung. Die Psycho–Logik dafür liegt auf der Hand: Wenn man die »Untaten« bei den Akteuren sucht, bleiben die »Drahtzieher« unerkannt und »unschuldig«. Damit dies nicht zu offenkundig wird, »braucht« man bei Terroranschlägen die offenkundigen Jubler – z. B. Fernsehbilder von Sympathisanten der Terroristen. Sie entlasten die soziale Gemeinschaft insofern, als man den Eindruck erwecken kann, nicht weiter suchen zu müssen. Sie demonstrieren, dass das »Böse« außerhalb der Mehrheit lokalisiert ist. [13]

Christoph Büttner, aber auch andere Autorinnen und Autoren des Bandes, beleuchten den Werdegang derjenigen, die dann zu Terroristen werden. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um ein Jugendphänomen oder um islamischen Fundamentalismus handelt. Die zugehörigen rigiden Gruppenstrukturen lassen sich überall finden – und dennoch: es ist letztlich eine gesellschaftliche (und das ist in Klassengesellschaften immer eine machtpolitische) Übereinkunft, welches nicht normgerechte Verhalten als terroristisch bezeichnet wird und welches nicht. In diesem Zusammenhang ist es unbedingt bedenkenswert, was Hans–Jürgen Wirth hierzu anmerkt:

Das destruktive Potenzial des Menschen ist [allgegenwärtig]: Grundsätzlich ist der Mensch zu jeder Grausamkeit fähig, die sich die menschliche Phantasie ausmalen kann. [...] Die Möglichkeit zum monströsen Verbrechen stellt einen fundamentalen Bestandteil der Conditio humana dar. [...] Wenn diese Freiheit zum Bösen nicht bestünde, wäre der Mensch nicht frei. [...]. Das bedeutet keine Kapitulation vor dem Bösen. Vielmehr steht der Mensch vor der schwierigen Aufgabe, dem Bösen entgegen zu arbeiten, ohne es jedoch je endgültig aus dem menschlichen Leben verbannen zu können, denn alle Versuche, dies zu tun, bringen unweigerlich selbst wieder Böses hervor, weil sie die Freiheit zerstören. [14]

Wenn es nun die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, welche das Potential zur Entfaltung kommen lassen, dann neigen

Menschen, deren gesamtes Leben durch den Einfluss von Gewalt und Hass geprägt wurde, [...] zu der Annahme, dass die gesamte Welt nach dem Muster der Opfer–Täter–Beziehung strukturiert ist und dass es daher vorteilhafter sei, ein Täter und kein Opfer zu sein. [15]

Wofür ja auch einiges spricht. In der Tat funktioniert diese Welt so, aber nicht aus natürlich aggressiver Bestimmung, sondern aus den gesellschaftlichen Wurzeln patriarchaler Herrschaft und kapitalistischer Profitlogik heraus. Ohnmachtserfahrung, Gewalt und Fanatismus gehören durchaus zusammen. Sektenstrukturen, Indoktrination und Gehirnwäsche bauen darauf auf. Wenn dann noch paranoide Weltbilder gepflegt werden, sind solche Menschen zu allem fähig, auch oder gerade weil sie damit ihre eigenen Werte verletzen. Dies gilt übrigens nicht nur auf der individuellen Ebene, sondern auch in Gruppen– und Großgruppenzusammenhängen, also etwa bei Nationalitäten, die sich selbst als Völker verstehen.

 

Ein Wahnsystem mit Methode, und wir mittendrin

Der Psychotherapeut Thomas Auchter fragt nicht nur nach der Mentalität von Selbstmordattentätern, sondern auch nach unserem eigenen Verhalten.

Aber könnte es nicht tatsächlich so sein, dass die allgemeine Empörung nach dem 11. September auch etwas damit zu tun hat, dass die Terroristen uns in brutaler Weise einen Spiegel vorgehalten haben? Einen Spiegel, in dem unsere so gerne verdrängten eigenen selbst– und fremdzerstörerischen Tendenzen schlagartig sichtbar gemacht wurden. Sind wir frei davon, die Welt manichäisch in gut und böse aufzuteilen? [...] Dient in diesem Sinn der Kampf gegen den Terrorismus vielleicht unbewusst auch dem Zerschlagen dieses Spiegels? [16]

Nun sind unbewußte psychische Regungen beim Kampf gegen das als böse Definierte nicht auszuschließen. Allerdings sollten wir den Gedanken wieder auf die materielle Ebene einer globalen Wahnwelt zurückholen. Antiterrorstrategien dienen ja nicht dem Kampf gegen das Böse schlechthin, sondern nur dem Kampf gegen das derzeit als böse Geltende. Wer Terrorist ist und wer Freiheitskämpfer, welche Gewalt legitim ist und welche nicht, ist ja letztlich eine Definitions– und vor allem eine Machtfrage. Der von Viviane Forrester zurecht als Terror der Ökonomie bezeichnete alltägliche Terrorismus gerät nämlich nie ins Fadenkreuz von Otto Schily und George Dubya Bush. Das wäre ja auch widersinnig und kontraproduktiv.

 

Phantasiesysteme mit mörderischen Folgen

Ich möchte zum Schluß den Aufsatz des US–amerikanischen Religionspsychologen Jerry S. Piven herausgreifen. Er schreibt im Sammelband Der 11. September über Terrorismus als Religionsersatz:

Statt zu behaupten, die Religion gebe Anweisungen für Gewalt, müssen Religionen als Fantasiesysteme verstanden werden, die vielfach [...] die gewünschten Überzeugungen und Taten mit göttlichem Segen, göttlicher Wahrheit und göttlicher Autorität sanktionieren. Wenn Gott dir befiehlt, Menschen zu ermorden, dann kann es keinen Widerspruch, kein Widerwort und keine Schuldzuweisung geben. Wenn es um die Opposition gegen Weltanschauungen geht, dann ist die Sanktionierung durch Gott die höchste Vollmacht, die jede Tat in seinem Namen unwiderruflich rechtfertigt und für rechtens erklärt.
Sich psychologisch auf eine projizierte Fantasievorstellung von einer Gottheit zu stützen, ist eine äußerst befriedigende Position. [...] Der gläubige Eiferer fühlt die Befriedigung, von schändlichen Gefühlen, Gefühlen der Selbstverabscheuung, Minderwertigkeit und Bedeutungslosigkeit freigesprochen zu werden, indem er gottgefällig handelt, und er empfindet eine immense Befriedigung bei der Aufgabe, andere zu vernichten und konkurrierende Ideologien auszuschalten. [17]

Dies gilt übrigens nicht nur für den Islam, sondern ausdrücklich für jedes religiöse Phantasiegebilde. Auch für ein rein spirituelles, vor allem dann, wenn damit der erklärte Gegensatz zu allem Körperlichen gemeint ist, zu allem,

was sich dem Körper, der Sexualität und der Sterblichkeit entzieht, so dass Sexualität, der Körper und die Natur in der Konsequenz verurteilt oder verschmäht werden und man sich in Fantasien körperloser Reinheit flüchtet. »Spirituell« schließt oft das Bedürfnis oder die Notwendigkeit mit ein, den verschmähten Körper zu bestrafen. [...]
Die Religion ist vor allem ein Fantasiesystem, das erfunden wurde, um dem Menschen die Möglichkeit der Verschmelzung mit allmächtigen Kräften zu geben, die die Gemeinschaft wie auch den Einzelnen vor Tod, Plünderung, der panischen Angst vor dem Unbekannten und der Bösartigkeit der Natur schützen [...]. [18]

Religion ist also ein Phantasiesystem, das Geborgenheit vermitteln soll, das Regeln liefert, an denen man und frau sich orientieren kann, das Verbote erläßt, um Unglücke zu vermeiden, und das Rituale schafft,

die magisch die Welt verändern, um Ängste und Feindseligkeit zu vertreiben, die Gemeinschaft zu vereinen und die Natur zu kontrollieren. [19]

Jerry S. Piven arbeitet nun heraus, wie diese Form von religiösen Phantasiesystem in Verbindung steht mit negativen frühkindlichen Erfahrungen, die als Frauenfeindlichkeit und missionarisches Sendungsbewußtsein ausgelebt und damit mehr unbewußt als bewußt verarbeitet werden. Piven zieht hier bemerkenswerte politische Folgerungen, die ganz sicher Anstoß finden werden. Er schreibt:

Jenseits von politischen Strategien (da ich nicht sagen kann, was wir tun sollten) bestand mein Interesse und Anliegen darin, es Lesern und Leserinnen zu ermöglichen, Terroristen als geschlagene, misshandelte Kinder zu sehen, die in den Wahnsinn genötigt wurden, und nicht als Ungeheuer. Was muss ein Mensch an Leid ertragen haben, um so kaltblütig zu töten, so sehr zu hassen?

Und er fragt uns selbst,

inwieweit auch wir einen Feind als Sündenbock brauchen, um unsere Fantasien zu erfüllen, und inwieweit wir seine Vergeltung herausgefordert haben, um die Fantasie von unserem Gutsein und unserer moralischen Souveränität aufrechtzuerhalten. [20]

Star Trek III : Retreat

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit der Vorstellung eines Buches zum 11. September, das im Psychosozial–Verlag erschienen ist. Vorgelegt werden hierin Psychoanalytische, psychosoziale und psychohistorische Analysen von Terror und Trauma. Auf etwas mehr als 400 Seiten gehen dabei Psychoanalytiker, Sozialwissenschaftlerinnen und Friedensforscher der Frage nach Ursachen und Auswirkungen von Terrorismus, Traumata und Demütigungen nach. Die dabei gefundenen Analysen und Resultate mögen nicht immer überzeugen, aber sie geben uns Hinweise darauf, was in dieser verrückten Welt alles möglich ist und welche Möglichkeiten wir selbst in der Hand haben, dem kollektiven Irrsinn dieser kapitalistisch–patriarchalen Welt zu begegnen. Selbst wenn ich manche der hier gefundenen Antworten für naiv und unangemessen halte, weil sie die Motive und die Gewaltstruktur imperialistischer Machtpolitik verkennen, handelt es sich dennoch um einen Sammelband, der zum Nachdenken einlädt und zu so manchem Erkenntnisgewinn führt. Mir ist es jedenfalls so ergangen.

Der von Thomas Auchter, Christian Büttner, Ulrich Schultz–Venrath und Hans–Jürgen Wirth herausgegebene Sammelband heißt Der 11. September. Er ist im Herbst vergangenen Jahres im Psychosozial–Verlag erschienen und kostet 24 Euro 90.

Zu Anfang dieser Sendung zitierte ich Karl Marx als denjenigen, der den Zusammenhang von Sein und Bewußtsein trefflich herausgearbeitet hat. Wer mehr darüber erfahren möchte, sollte vielleicht Mittwochnacht ab 23 Uhr unsere Einführung in den Marxismus einschalten. Ich werde dort aus dem gleichnamigen Buch von Ernest Mandel das Kapitel über Historischen Materialismus vortragen; und in diesem Kapitel geht es genau um den Zusammenhang von Sein und Bewußtsein, von Basis und Überbau.

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wird Montagnacht um 23 Uhr, sowie am Dienstagmorgen nach dem Radiowecker um 8 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag ab 14 Uhr wiederholt. Das Sendemanuskript werde ich in den nächsten Tagen auf meiner Homepage verfügbar machen: www.waltpolitik.de. Fragen, Anregungen und Kritik zur Sendung nimmt entweder meine Voice–Mailbox bei Radio Darmstadt entgegen; die Telefonnummer lautet 87 00 192. Oder ihr schickt mir eine Email an kapitalverbrechen@alltagundgeschichte.de. Im Anschluß könnt ihr Gerhard Schönberger in einer Sendung der Kulturredaktion hören, nämlich Nickelodeon.

Zum Schluß noch ein Hinweis in eigener Sache: Radio Darmstadt ist ein nichtkommerzielles Lokalradio, bei dem Moderatoren und Technikerinnen ehrenamtlich und in ihrer Freizeit arbeiten. Zu dieser Ehrenamtlichkeit gehört auch das Zusammenstellen, Drucken und Verteilen des aktuellen Programms. Dies ist der Grund dafür, daß es zum letzten Mal ein gedrucktes Programm für den Monat Februar gegeben hat. Ob unser Programmflyer im Juni wieder erhältlich sein wird, entscheidet sich in den nächsten Tagen. Dafür werden wir demnächst unser gesamtes Programm von Mai bis August im Internet verfügbar machen. Ihr müßt hierzu nur programm.radiodarmstadt.de eingeben, ohne http, Doppelslash oder www. Einfach programm.radiodarmstadt.de [21]. Und damit verabschiede ich mich für heute. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

The Creatures : Gecko

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Marx–Engels Werke, Band 13, Seite 8–9
[2]   Vorwort der Herausgeber, in: Der 11. September, Seite 7
[3]   Ludwig Janus : Psychohistorische Überlegungen zum 11. September in New York, in: Der 11. September, Seite 18–39, Zitat auf Seite 19
[4]   Hans–Jürgen Wirth : Narzissmus und Macht, Seite 380
[5]   Hierbei handelt es sich jedoch nicht um einen vorkapitalistisch–rückständigen Feudalismus, sondern um die kapitalistische Nutzbarmachung von Herrschafts– und Ausbeutungsstrukturen.
[6]   Janus Seite 22
[7]   Janus Seite 24–25
[8]   Janus Seite 27
[9]   Janus Seite 28
[10]  Janus Seite 30
[11]  vgl. Christian Büttner : Mit Gewalt ins Paradies, in: Der 11. September, Seite 40–63, hier: Seite 41
[12]  vgl. Büttner Seite 46–47
[13]  Büttner Seite 47
[14]  Hans–Jürgen Wirth : Macht, Narzissmus, Destruktivität, in: Der 11. September, Seite 64–87, Zitat auf Seite 64–65
[15]  Wirth Seite 73
[16]  Thomas Auchter : Angst, Hass und Gewalt, in: Der 11. September, Seite 134–163, Zitat auf Seite 157
[17]  Jerry S. Piven : Terrorismus als Religionsersatz, in: Der 11. September, Seite 184–218, Zitat Seite 185
[18]  Piven Seite 186
[19]  Piven Seite 186
[20]  Piven Seite 210–211
[21]  Das kann ohne http:// funktionieren, tut es jedoch nicht bei jedem Browser bzw. jeder Konfiguration.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 22. Dezember 2005 aktualisiert.
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