Kapital – Verbrechen

Format Radio

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
In der Sendung vom 10. April 2006 sprach ich über die Geschichte des Radios und darüber, warum es heute so klingt, wie es klingt, aber nicht so klingen müßte.
 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Format Radio
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 10. April 2006, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 11. April 2006, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 11. April 2006, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 11. April 2006, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochenes und benutztes Buch :
  • Wolfgang Hagen : Das Radio, Wilhelm Fink Verlag
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_radio.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Leselampe
Kapitel 3 : Formatierungen
Kapitel 4 : Schluß

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Wir alle hören Radio, ohne uns darüber Gedanken zu machen, woher es kommt und warum es existiert. Es ist einfach da. Eine – vielleicht im Zeitalter von iPod und Klingeltonwahn leicht veraltete – Kulturtechnik, die uns auf dem Laufenden hält, ein wenig berieselt und die oftmals nebenher plätschert. Radio ist dennoch nicht Radio, zumindest wenn wir das Gehörte als Maßstab nehmen. Es gibt die rein kommerziellen Veranstalter, die uns mit mehr oder minder seicht ausgesuchter Musik und darin eingebetteter Werbung zudröhnen. Es gibt die öffentlich–rechtlichen Kanäle, die sich entweder diesem Mainstream bis zur eigenen Verblödung anpassen oder die informative Nischen zu besetzen versuchen.

Buchcover Wolfgang Hagen: Das RadioUnd dann gibt es noch die nichtkommerziellen und freien Radios in der bundesdeutschen Rundfunklandschaft, die zumindest ansatzweise versuchen nachzuweisen, daß ein Radio auch ganz anders klingen kann, daß ein Radio tatsächlich auch einen gesellschaftlichen Nutzen besitzen kann, der über Promotion, Marketing und das Verbreiten von Halbwahrheiten hinausgeht. Radio Darmstadt ist ein solches nichtkommerzielles Lokalradio, das mit unterschiedlichem Erfolg den Sachzwängen kapitalistischen Marktunfugs zu entgehen sucht.

Muß das Radio so klingen, wie wir es gewohnt sind? Liegt dem Radio eine bestimmte Technik zugrunde, die es auf ein bestimmtes Format zwingt? Oder ist das Radio und damit verbunden auch das damit gesendete Radioprogramm unter ganz bestimmten historischen Umständen entstanden, die wir nur ergründen müssen, um zu begreifen, warum wir so zugeplärrt werden, wie es zumeist geschieht? Die von mir so gestellte Frage legt eine bestimmte Antwort nahe; und in der Tat lassen sich gute Gründe dafür anführen, warum das Massenmedium Radio sich zu dem entwickelt hat, wie wir es heute kennen. Allerdings folgt daraus auch, daß diese Entwicklung erst im Nachhinein so feststellbar ist; das Radio an sich legt keine bestimmte Form der audiophonen Verbreitung nahe, also kein Format, an dem wir uns orientieren müßten.

Vom Journalisten, Autor, Dozenten und Medienforscher Wolfgang Hagen ist im vergangenen Jahr im Wilhelm Fink Verlag eine knapp 400 Seiten starke Monografie erschienen, die Das Radio zum Thema hat. Wolfgang Hagen betrachtet hierbei die Geschichte und Theorie des Hörfunks in Deutschland und den USA. Dabei arbeitet er wichtige Unterschiede, aber vor allem die historische Entstehung eines Mediums heraus, dessen Funktion anfangs noch weitgehend unverstanden war.

Ich möchte heute dieses – wie ich finde – wichtige und erkenntnisreiche Buch vorstellen. Dabei bediene ich mich zunächst einer etwa halbstündigen Besprechung, die im März in der Reihe Lorettas Leselampe im Freien Sender Kombinat Hamburg erfolgt ist. Anschließend daran werde ich einige Thesen des Buchs herausgreifen und auf das, was Radio heute ist und vielleicht sein kann, näher eingehen. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist am Mikrofon Walter Kuhl.

 

Leselampe

Einspielung zweier Tracks von Lorettas Leselampe mit der Besprechung des Buchs "Das Radio", gesendet im März 2006 beim Freien Sender Kombinat Hamburg.

Zum Audiofile mit dem ersten Teil der Besprechung
Zum Audiofile mit dem zweiten Teil der Besprechung

 

Formatierungen

Wolfgang Hagen hat in seinem Buch Das Radio drei Schwerpunkte gesetzt. Zum einen erforscht er die technische Entstehungsgeschichte des Radios in Verbindung mit allerlei spekulativen Gedankengängen, welche die technische Entwicklung des neuen Mediums sogar dann noch begleiteten, als dessen Funktionsweise längst kein Geheimnis mehr war. Alsdann untersucht er den Werdegang des Radios in Deutschland, der sich fundamental von der Entwicklung des Radios in den USA unterscheidet.

Das Radio ist jedoch weder in Deutschland noch in den USA wirklich ein Medium selbstbestimmter freier Artikulation von Meinungen und Gedanken gewesen. Das Radio hört dort auf, Spielzeug zu sein, wo es um seine Finanzierung, wo es um Medien– und um Marktmacht geht. In Deutschland wurde das Radio in der Weimarer Republik staatlich finanziert und damit als gehobenes Kulturgut von den Massen abgekoppelt. Es waren ironischerweise die Nazis, die das Radio als Massenmedium für sich entdeckten.

In den USA stellte sich spätestens Anfang der 20er Jahre die Frage der Refinanzierung, auch wenn die Entwicklung eigentlich umgekehrt verlief. Lokale Kleinkapitalisten nutzten das aus dem Funkamateurlager entstandene Radio für ihre eigene Promotion. Diese zunächst diffus und ungerichtet verlaufende Entwicklung wurde durch die Konkurrenz vieler gleichartiger Medien auf nur zwei Frequenzen gleichsam umgepolt.

Diese Beschränkung auf nur zwei Frequenzen war übrigens eine von Wolfgang Hagen sehr anschaulich geschilderte Folgerung aus dem Untergang der Titanic. Wer in diesem Stimmenwirrwarr gehört werden wollte, mußte deshalb etwas Besonderes bieten und sein Publikum an sich zu binden suchen. Ende der 20er Jahre wurde die Anzahl der zunächst zwei Frequenzen des Mittelwellenbandes erheblich ausgeweitet; und erst hier konnte die Konkurrenz der Sender das Medium erst so richtig zielstrebig weiter entwickeln.

Nun ist das Radio als solches dennoch nicht selbstverständlich. Die Sender können sich ihrer Hörerinnen und Hörer nicht sicher sein, und selbige wissen vom Programm nur, wenn sie es einschalten und hören:

Schon aus dieser Vorüberlegung folgt: Im Radio gibt es keine konstanten, absolut mediengerechten Programmformen, sondern nur die Inkonstanz der Form. Jede Betrachtung eines Radio–Programms verlangt deshalb die Betrachtung seiner Geschichte in ihrem zugehörigen epistemologischen Kontext. In gewisser Weise könnte man sagen, dass das Medium den absoluten Ausschluss von Anwesenden der Kommunikation, auf den es gründet, durch die historische Flüchtigkeit seiner Programmformen rächt. Da nicht nur Radio–Hören, sondern Radio–Machen, also beide Seiten der Kommunikation, die strikte Nicht–Anwesenheit des Gegenüber verlangen, verdoppelt sich das Problem noch einmal und grundiert eine labile und sich überlagernde Fülle von inkonstanten Formen, in denen sich das Medium entwickelt. [1]

Das konnte groteske Formen annehmen, die mit dem Begriff interaktiv nur ironisierend aufgefangen werden können. Die landesweit zwei Frequenzen waren auf 833 kHz für Sender zugelassen, die news lectures und leichte Musik ausstrahlten, während auf 618 kHz das Wetter und Ernteinformationen zu hören waren. So gab es beispielsweise in Detroit einen Sender, der innerhalb einer Stunde beides brachte; folglich wechselte er seine Frequenz und erwartete, daß seine Hörerinnen und Hörer an den damaligen Radiogeräten diesem Frequenzwechsel folgten. [2]

Die bei Lorettas Leselampe angeführten Serials waren jedoch nur ein wichtiger Bestandteil des neuen Mediums. Die Plattenindustrie bzw. das US–amerikanische Pendant zu unserer GEMA untersagte nämlich das Abspielen der eigenen Titel, was uns heute vollkommen widersinnig erscheint. Es mußten tatsächlich erst die 50er Jahre kommen, bis die Plattenbosse anhand von Studien zur Mediennutzung und tatsächlicher Quotenmessung begriffen, daß die Leute nicht weniger, sondern sogar mehr Platten kauften, weil sie und nicht obwohl sie auch im Radio zu hören waren.

Dieses Problem umgingen die Radiostationen, in dem sie lokale Bands aufnahmen, welche die auf Platte gepreßten Stücke nachspielten, oder indem sie den Jazz entdeckten oder – man und frau glaubt es nicht – indem sie auf Musik im Radio verzichteten [3]. Der Jazz profitierte so von seiner sonst unterbliebenen Verbreitung im weißen Medium Radio, und das Radio profitierte vom Jazz. Wobei dieser Jazz eigentlich ein Betrug war, aber ein Betrug, der symptomatisch für die gesamte Entwicklung des Radios in den USA gewesen ist:

Jazz–Musik ist eine Musik aus New Orleans, die bereits in New Orleans zusammenmischte, was die Stadt zu bieten hatte […]. Das, was da so schräg klingt und nicht zusammenpasst, nur für die damaligen Ohren wohlgemerkt, aber schon so ungeheuer groovt […], nennt man nun den »Jazz«. Jazz ist nichts anderes als ein Slangwort für »Sexual Intercourse« […]. Das Wort »Jazz« soll aus einer westafrikanischen Sprache stammen. Daraus folgt, dass schon mit dem ersten Einsatz der Musik in einem elektronischen Medium ein Name für eine mediale Musik geprägt wird, die auf das Unansprechbare schlechthin […] abzielt.

Der Betrug, oder besser, das trügerische, weil immer auch falsche Versprechen, das mit diesem Namen einhergeht, bleibt eingeschlossen. Denn populär wird in Amerika unter dem Namen »Jazz« zunächst eine weisse Band […]. Populär wird unter dem Namen Jazz durch das US–Radio zunächst [eine Band], die weder jazzig (im Sinne von New Orleans Jazz) noch alles andere als original war. [4]

Ähnlichkeiten mit dem Verhältnis von Elvis Presley zum späteren Rock'n'Roll sind alles andere als zufällig. Auch hier wurde geklaut, ausgebeutet und weichgespült, damit schwarze Musik für ein weißes Publikum marktfähig gemacht werden konnte.

Mit den Serials wird die Formatierung des US–amerikanischen Radios vorangetrieben. Alles, was wir heute aus Seifenopern und Fernsehserien kennen, ist im Radio der 30er Jahre schon entwickelt, inklusive der cliffhanger, die dafür sorgen sollen, daß das neugierige Publikum auch die nächste Folge nicht verpaßt. Gefakte Live–Übertragungen, Comedies, bei denen ein zumeist nur von Platte abgespieltes Publikum die Lacher liefert, und vieles mehr ist schon früh entwickelt.

Überhaupt zeigt sich, daß das deutsche Formatradio im Grunde alle Elemente in sich vereint, die in den USA seit etwa 50 Jahren präsent sind. Das Wetter im FFH–Land und die um fünf Minuten vorgezogenen Nachrichten sind zwei ziemlich angestaubte alte Hüte. Wirkliche Neuerungen gibt es kaum, und das ist auch das Problem aller Stationen, die ihr Publikum durch etwas Einzigartiges an sich zu binden suchen. Wer also wissen möchte, was die Essenz von den gleich nervigen Dudelfunk-Sendern ausmacht, sollte unbedingt in das Buch von Wolfgang Hagen hineinschauen. Hier wird die Entstehung des Nervfaktors, der zielgerichtet die Werbung zum Inhalt hat, ausführlich und gut nachvollziehbar dargelegt.

Doch wie bekommt man und frau das Publikum dazu, wie es auch auf diesem Sender so schön heißt, dran zu bleiben? Die Lösung bestand schon Anfang der 30er Jahre darin, dem Publikum das gesendete Programm als das Eigene zu präsentieren. Es war eine Tabakfirma, welche die Hitparade erfand, deren Zustandekommen ein Betriebsgeheimnis blieb. Und es waren die ersten DeeJays, welche diese Hits zu präsentieren hatten. Aus der schon früh begonnenen Radioforschung war nämlich klar, daß das Publikum vor allem Musik hören wollte. Also gab man und frau dem Publikum das, was es angeblich haben wollte, sprach es einschleimend mit Du an, verbunden mit der Absicht, diesem Publikum die ungeliebten commercials unterzujubeln:

Man wird zwar nicht offen sagen, dass die Hörer und Hörerinnen blöd sind, aber man kann so handeln, als seien sie es. [5]

Die Funktion der DeeJays ist es, diesen Betrug gekonnt zu vermitteln:

Der diskursive Ort des DeeJays ist ein interpellativer Monolog, der sich zugleich an alle und keinen richtet, weil niemand direkt gemeint ist und doch jeder sich angesprochen fühlen kann. [6]

Wobei die besten DeeJays diejenigen waren, welche ihre Funktion als Marktschreier eingesprengselter commercials am besten ausfüllten. Auch wenn es scheint, als habe sich seither nichts wesentlich verändert, so hat es in den USA dennoch zwei ganz wichtige Veränderungen gegeben, die sich im Radioformat sehr schnell widerspiegelten. Zunächst begann in den 50er Jahren der Siegeszug des Fernsehens. Die im Radio erfolgreichen Serials wurden in das neue Medium transportiert. Das Radio verlor seine Funktion als wichtigster medialer Bezugspunkt, vor dem zu bestimmten Sendezeiten tatsächlich noch andächtig gelauscht wurde. Es wurde zu dem, wie wir es heute kennen, nämlich zu einem Begleitmedium, dem wir zwar irgendwie zuhören, aber irgendwie auch nicht.

Als Konsequenz daraus entstand das sogenannte Top–40Format, das in verschiedensten abgewandelten Versionen bis heute das Radioprogramm bestimmt. Es bedeutet die Eingrenzung der Musik auf wenige ansprechende Titel, die einer möglichst großen Zahl aus dem anvisierten Zielpublikum zumindest so weit gefallen sollen, daß es nicht um– oder gar ausschaltet. Die programmliche Einengung hatte jedoch noch eine zweite Konsequenz: die knallharte Durchformatierung nicht nur einer bestimmten Sendeschiene zu einer bestimmten Uhrzeit, sondern des gesamten Programms – die Serialisierung der Serials. Alles wurde dem Diktat einer genau definierten Stundenuhr unterworfen. Die DeeJays wurden zum Handlanger der Stundenuhr, ihr Gequatsche wurde radikal in das neue Korsett eingezwängt.

Die zweite technologische Neuerung war das UKW–Radio. Interessanterweise, und auch dazu gibt es eine Geschichte, war die Nutzung des UKW–Bandes für das Radio in Deutschland früher entwickelt als in den USA. In den 60er Jahren entstand jedoch eine neue Form elektronisch aufgepeppter Musik, die im bisherigen Mittelwellenradio rein akustisch nicht voll zur Geltung kommen konnte. Diese Nische des UKW–Radios wurde zunächst in einer Weise besetzt, die sich vollkommen vom bis dahin entwickelten Formatradio unterschied. Aber es rechnete sich nicht, so daß es nur eine Frage der Zeit und der Marktmacht war, bis sich auch auf den neuen UKW–Frequenzen das altbekannte, wenn auch soundmäßig wesentlich verbesserte Dudelprogramm durchsetzen konnte.

Wenn wir vom Dudelfunk sprechen, so liegt hierin meist eine negative Bedeutung, die sich gegen den undeutschen Import US–amerikanischer Lebensart richtet. Dagegen wird, und das zeigt auch die Studie zum Bürgerfunk in Nordrhein–Westfalen, die im Februar öffentlich gemacht wurde, das gute deutsche Hörspiel hochgehalten [7]. Im Anschluß an die Ausführungen Wolfgang Hagens zur Entwicklung des deutschen Kulturradios ließe sich hier durchaus feststellen, daß das deutsche Bildungsideal des Kulturguts Radio ein ziemlich elitäres, reaktionäres und zudem historisch belastet ist.

Wolfgang Hagen belegt nebenbei, daß das US–amerikanische Radio im Grunde genommen kein journalistisches Medium ist. Es kommt hierbei weitest gehend nicht auf irgendeine journalistische Leistung an, und vielleicht ist das der Grund, weshalb sich die Landesmedienanstalten mit unsinnigen Anforderungen an die neu zu lizenzierenden Dudelfunksender wenden. Die Medienwächter tun so, als müßten sie das deutsche journalistische Reinheitsgebot schützen, das doch selbst im deutschen journalistischen Mainstream außerhalb des Dudelfunks ziemlich antiquiert wirkt.

Erfüllt schon FFH die Anforderungen nur mit Mühe und großzügiger Interpretation der inhaltlichen Leistung, so macht sich die LPR Hessen beim Katz–und–Maus–Spiel um den aus dem FAZ Business Radio hervorgegangenen Mainstreamsender Main FM eigentlich nur noch lächerlich. Sie kann die mit dem ehemaligen Wirtschaftsradio verbundenen journalistischen Auflagen nicht durchsetzen und darf andererseits der Medienvielfalt immer gleich klingender Dudelsender nicht im Wege stehen. [8]

Denn das Radio ist eigentlich, spätestens in seiner Essenz zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ein Konsumverstärker. Für die gehobenen Bildungsschichten steht hingegen das DeutschlandRadio bereit. Diese Bildungsschichten sollen jedoch auch – nur eben gehobener – die message des globalen Kapitalismus und seiner Werte als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren verbreiten. [9]

Kann es demnach ein Format–Radio ohne Werbung geben? Wolfgang Hagen fragt zurück: Ist eine westliche Gesellschaft ohne Werbung denkbar [10]? Meine Antwort lautet: Ja, es geht. Manche unserer Moderatorinnen und Moderatoren imitieren Formatradios, ohne sie zu begreifen. Das getäuschte Subjekt verinnerlicht die Täuschung und täuscht sein eigenes Publikum über etwas, was es doch gar nicht gibt: Denn Werbung spielen wir ja nicht. Das gesendete Ergebnis ist deshalb einfach absurd.

Damit komme ich noch kurz zum Publikum. Damit das Formatradio funktioniert und seine konsumverstärkenden Werbebotschaften unterbringen kann, bedarf es ja auf der Gegenseite vieler Millionen Menschen, für die dieses Medium unverzichtbar zu sein scheint. Aber was macht Dudelfunksender so unverzichtbar?

Auch hier meine Antwort, nicht die von Wolfgang Hagen: Radio ist zunächst einmal – Sound. Bemerkenswert ist, daß eine ganze Menge Menschen nicht mehr in der Lage sind, Stille zu ertragen. Sie benötigen irgendeine Form – und sei sie noch so entfremdet – von (selbst virtueller) Zuwendung. Ohne Klangteppich sind sie nichts. Das Radio liefert einen solchen Teppich. Liegt es an mangelnden Alternativen? Die Medienforschung verweist auch darauf, daß viele Menschen sich das am ehesten noch hörbare schlechte Programm reinziehen, ehe sie ganz abschalten.

Wir sind zudem von Kindesbeinen an eingeübt an eine vor sich hin trällernde normative Faktizität. Mit der sichtbaren und eben auch hörbaren bunten Warenwelt internalisieren wir kapitalistische Werte, selbst wenn sich die damit verbundenen dargebotenen Waren und Versprechungen oftmals als illusionär erweisen. Was uns entgegen plätschert, ist eine reduzierte und reduzierende Gedankenwelt, die wir mangels Alternative aufsaugen. Komplexe Gedanken, gar in die Richtung, wie durch kollektive Anstrengung diese Wahnwelt zu beseitigen wäre, werden erst gar nicht in die Welt gesetzt, und damit auch weder gedacht noch umgesetzt.

In einer Welt, in der wir menschliche Beziehungen bis hin zu intimster Nähe nach dem Grad ihrer Verwertbarkeit messen, ist es kein Wunder, wenn wir uns vom Betrug des einseifenden Radio– und Fernsehprogramms kaufen lassen. Betrug gehört zu unserem Alltag. Wir geben uns der Illusion hin, daß wir die Betrüger an passender Stelle schon selbst betrügen werden. Also zappen wir bei der nächsten Werbung zum nächsten Gehirnwäschekanal.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit der Vorstellung eines Buches mit dem plakativen Titel Das Radio des Journalisten, Autors, Dozenten und Medienforschers Wolfgang Hagen zur Geschichte und Theorie des Hörfunks in Deutschland und den USA. Das knapp 400 Seiten umfassende Buch ist letztes Jahr im Wilhelm Fink Verlag zum Preis von 39 Euro 90 erschienen.

Ich danke Ole Frahm für die Besprechung des Buchs in der Reihe Lorettas Leselampe im Freien Sender Kombinat Hamburg. Diese Besprechung wird auch auf dem Audioportal des Bundesverbandes Freier Radios als MP3–File zum Download angeboten: www.freie–radios.net. Seiner Kritik an der lieblosen Lektorierung des Bandes schließe ich mich vorbehaltlos an. [11]

Am kommenden Montag wird auf diesem Sendeplatz eine weitere Aufzeichnung der Ringvorlesung Die europäische Stadt und ihre Umwelt aus dem vergangenen Wintersemester ausgestrahlt: Paradies oder Hölle – Darstellungen der deutschen Stadt um 1900, dargelegt von Mikael Hård von der Technischen Universität Darmstadt. [12]

Es folgt nun nickelodeon, eine Sendung der Kulturredaktion mit Gerhard Schönberger. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Wolfgang Hagen : Das Radio, Seite 187
[2]   Hagen Seite 188
[3]   Manchmal komme ich bei meinen Sendungen auch ohne Musik aus. So absurd ist das also nicht.
[4]   Hagen Seite 199–200
[5]   Hagen Seite 258
[6]   Hagen Seite 268
[7]   Siehe hierzu auch das Manuskript zu meiner Sendung Bürgerfunk vom 13. März 2006.
[8]   Zu FFH weise ich immer wieder gerne auf die von der LPR Hessen in Auftrag gegebene Studie Programmleistung von FFH aus dem Jahr 1998 hin, erschienen in der Schriftenreihe der LPR Hessen als Band 5 im KoPäd–Verlag. Die Auseinandersetzung um die Programmleistung von Main FM ist noch nicht abgeschlossen.

[9]   Daniel Alexander Schacht schreibt am 26. Mai 2004 in der Hannoverschen Allgemeinen unter dem Titel "Mit dem Röntgenblick des Aufklärers":

Von den Hörern des Deutschlandradios […] haben dessen Macher […] ziemlich genaue Vorstellungen: Es handelt sich dabei vornehmlich um soziale Eliten aller Couleur, die nach Ausbildung und beruflichem Status Multiplikatoren sind, deren Einfluss also klar über ihren Anteil an der Gesamtgesellschaft hinausgeht.
[10]  Hagen Seite 335
[11]  Einige Beispiele habe ich auf meiner Seite über die Ärgernisse im Verlagswesen aufgeführt.
[12]  Mehr zu dieser Ringvorlesung und den bei Radio Darmstadt ausgestrahlten Vorträgen findet sich auf der Webseite der Redaktion Alltag und Geschichte.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 30. April 2006 aktualisiert.
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©  Walter Kuhl 2001, 2006
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