Transparent 1992
Das Projekt der sozialen Befreiung hier neu begründen

Kapital – Verbrechen

Rechte Lebenslügen gegen den Kampf um Befreiung

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 25. Juni 2001, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 26. Juni 2001, 00.00 bis 01.00 Uhr
Dienstag, 26. Juni 2001, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 26. Juni 2001, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Mit einem Mal heult die Meute auf und versucht, ihre reaktionäre Sicht auf 1968 durchzusetzen. Manche Autoren helfen dadurch mit, daß sie bei ihrer Sicht auf diese Zeit den emanzipatorischen Blickwinkel gegen den totalitären vertauschen und damit der Meute durch ihre ungenaue, um nicht zu sagen: falsche, Analyse Futter geben. Andere stehen aus anderen Gründen unter Rechtfertigungsdruck. Wie konnte es dazu kommen, daß eine radikaldemokratische Bewegung in Gewalt endete? Aber was ist diese Gewalt, wer übt sie tagtäglich aus? Und ist sie grundsätzlich verwerflich? Wer bestimmt die Kriterien?

Besprochene Bücher:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Anfang dieses Jahres nutzte die kleinkarierte christdemokratische Opposition dieses Landes die Gelegenheit, Joschka Fischer und Jürgen Trittin kräftig zu treten. Nicht etwa, was ja noch verständlich wäre, wegen ihrer Außen- und Atompolitik. Nein – sie forschte in der Vergangenheit dieser beiden. Joschka Fischer, der Straßenkämpfer, Jürgen Trittin, der ehemalige Kommunist, sie beide sollten stellvertretend für die 68er Bewegung in diesem Land abgeurteilt werden.

Nachdem der angebliche Kommunismus der Sowjetunion und der DDR Geschichte geworden sind, und der Kapitalismus – weil Sieger – als die einzig wahre demokratische Gesellschaftsform legitimiert scheint, soll nun jeder Widerstand gegen diesen siegreich-wahren Kapitalismus als unsinnig, gefährlich, gewalttätig und illegal hingestellt werden. Gewinnen die Ewiggestrigen ihren 1968 verlorenen Kampf mehr als dreißig Jahre danach doch noch?

Nun, ich denke, es geht nicht darum, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Vielmehr soll für die Ausbeutung der Zukunft die Erinnerung an eine Vergangenheit, die das kapitalistische System zumindest in Frage gestellt hat, deligitimiert werden. Als seltsamer Zufall kann dann nur gelten, daß ausgerechnet ehemalige 68er wie Schröder, Fischer, Trittin, Vollmer und andere den Marsch durch die Institutionen geschafft haben. Allerdings haben sie dabei ihrer linken Vergangenheit längst abgeschworen. Offensichtlich genügt das einigen noch nicht.

Der Politikwissenschaftler und Soziologe Elmar Altvater, selbst der 68er Bewegung entstammend und bis heute ein Kritiker des weltweiten Plünderungszuges des Kapitals, bezeichnte es in einem Interview im Februar dieses Jahres als völligen Unfug, die 68er auf die Gewaltfrage zu reduzieren. Und weiter:

Der 68er Bewegung wurde doch eigentlich immer der Vorwurf gemacht, sie sei zu theorielastig und sie sei dabei, Kopfgeburten hervorzubringen. Von Gewalt war derart nie die Rede. Dann darf man natürlich auch nicht vergessen, daß die Gewalt zu einem guten Teil Widerstand war. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, daß ich selbst mit Gewalt in Berührung kam, als die NPD 1969 in Nürnberg ihren Parteitag organisierte. Zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam es, als die Polizei uns, das heißt eine Demonstration gegen die NPD, mit Wasserwerfern daran hinderte, den Parteitag zu verhindern. Heute werden diejenigen, die gegen rechts auftreten, als die Aufständischen des Anstandes im Aufstand der Anständigen bezeichnet. Damals wurde dies als Gewalt interpretiert, und selbst im Nachhinein wird diese Reaktion noch als illegitime Gewalt bezeichnet. Das ist meines Erachtens ein völlig falscher und sehr problematischer Umgang mit der eigenen Geschichte.

Man muß immer versuchen, Gewalt zu vermeiden, das ist vollkommen klar. Das war aber auch die Maxime der 68er. Aber das heißt doch nicht, daß man gegenüber bestimmten Entwicklungstendenzen keinen Widerstand leisten darf. Und wenn dann […] dieser Widerstand von der Polizei regelrecht kriminalisiert worden ist, dann kann es sein, daß dieser Widerstand gewalttätige Formen annimmt. Das ist aber eher Notwehr denn Gewalt. Ich will nicht in Abrede stellen, daß es in der 68er [Bewegung] einige gegeben hat, die vielleicht aktive Gewalt ausgeübt haben. Ich will vor allen Dingen nicht in Abrede stellen, daß es Agents provocateurs gegeben hat. Erinnern Sie sich nur an die Prügelperser während der Schah-Demonstration. Das war also Gewalt von Agents provocateurs, die dann mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg endete.

Elmar Altvater sieht den Sinn der Kampagne gegen Fischer und Trittin, und die 68er Bewegung überhaupt, darin, daß damit Geschichtspolitik gemacht werden soll:

Wer die Vergangenheit umdeutet, der bereitet sich auf die Zukunft vor. Das bedeutet in der Konsequenz, daß bestimmte Politikformen delegitimiert werden, man darf sie nicht mehr verwenden. In erster Linie wird auf diese Weise Widerstand delegitimiert. [...] Dieser Widerstand soll sozusagen von seiner Berechtigung getrennt werden. Das ist eine sehr gefährliche Angelegenheit. Wenn man sich darauf einlassen würde, kann man Alternativen zu dieser kapitalistischen Ordnung überhaupt nicht mehr durchsetzen. Schon der Versuch wäre zum Scheitern verurteilt. [1]

Aus der Fülle der Bücher, die über die 60er und 70er Jahre geschrieben worden sind, möchte ich heute zwei herausgreifen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

Gerd Koenen, ehemals Führungsmitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW), liefert in seinem Buch Das rote Jahrzehnt sozusagen die Anpasserliteratur vor. Gerd Koenen ist einer derjenigen 68er, die sich spätestens nach dem Fall der Mauer mit der von ihnen zuvor bekämpften Republik arrangiert haben.

Und wenn ich diese Sendung unter das Motto Rechte Lebenslügen gegen den Kampf um Befreiung stelle, dann meine ich weniger ihn, als vielmehr die Haltung, die dahintersteckt. Nämlich sich selbst und anderen vorzumachen, der frühere Ausflug in radikalere Gefilde sei nur ein Spiel gewesen.

Und Gerd Koenen ist offensichtlich so einer. In einem Artikel über die erste große russische Revolution des Jahres 1905 schrieb er 1990 in der taz über Leo Trotzki, der, so Koenen

1905 einen kurzen revolutionären Sommer lang als Vorsitzender des spontan gebildeten Petersburger Sowjet Lokomotivführer und Weltgeist gespielt hatte. [2]

Nun mag es sein, daß Koenen in seinem KBW mit hochfliegenden Plänen und entsprechend hochgeschraubten Phrasen Revolution gespielt hat; aber er sollte nicht den Fehler machen, von sich auf andere zu schließen. Ein Fehler, die ihm im übrigen des öfteren in seinem neuesten Buch Das rote Jahrzehnt widerfährt.

Das andere Buch heißt Hitlers Enkel – oder Kinder der Demokratie? und ist im Gießener Psychosozial Verlag erschienen. Es handelt sich dabei um die erweiterte vierte Auflage eines Buches, das 1996 unter dem Titel Versuche, die Geschichte der RAF zu verstehen herausgekommen ist. Während Gerd Koenen die Geschichte der 68er, die er vorgibt zu beleuchten, eher vernebelt, ist der Versuch einer Aufarbeitung der Geschichte der RAF ein Versuch in die richtige Richtung.

Beide Bücher möchte ich im Verlauf dieser Sendung vorstellen und zum Anlaß nehmen, ein wenig zur Geschichtsklitterung zu sagen, die im Gefolge von Fischer und Trittin die deutsche Medienlandschaft bestimmt. Für die Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl.

 

Gewaltfragen der bürgerlichen Gesellschaft

An der Gewaltfrage scheiden sich die Geister. Ist es legitim – wenn schon nicht legal –, das Mittel der Gewalt im Kampf gegen Unrecht und für eine bessere Welt zu benutzen? Was dabei meist nicht vorkommt, ist die Frage, was denn eigentlich Gewalt ist und wer definiert, was Gewalt ist. Kapitalismus ohne Gewalt, das ist wie ein Wasserfall ohne Wasser oder ein Fahrrad ohne Räder. Vor kurzem habe ich einen Text gefunden, der das verlogene Verhältnis des liberalen und konservativen Bürgertums zur Gewalt ganz nett charakterisiert:

Weil Gewalt den bürgerlichen Verkehrsformen als das große Andere gegenübersteht, also die Grenzen dessen kennzeichnet, was als normal, erlaubt und richtig sein soll, erscheint Gewalt dem Bürger als ein "außerordentliches" Geschehen. […] Im Kampf gegen Gewalt offenbart die Zivilgesellschaft – Hoffnungsträgerin und Spielwiese sozial- und bürgerrechtsbewegter Demokratiefanatiker zugleich – ihre totalitären Züge. Gewaltverzicht fungiert hier als Glaubensbekenntnis, als Eintrittskarte zu den höchstoffiziellen Stellen der Gesellschaft. Gewalt wird dabei stets als körperliche Gewalt, selten als strukturelle Gewalt begriffen – als ob gesellschaftliche Zwangsstrukturen, wie Lohnarbeit oder Wehrdienst, nicht Formen der Gewalt wären. Das zivilgesellschaftliche Kollektiv konstituiert sich im Verzicht auf diejenigen Formen von Gewalt, die ihm als unnütz oder gefährlich erscheinen, also gerade nicht durch einen reflektierten Umgang mit Gewalt- und Zwangsverhältnissen. Dies zeigt sich an der monatelangen Debatten über Fischers Haltung zur Gewalt; darüber, ob und wie Joschka sich mit einem Polizisten prügelt, während seine Verantwortung für die Kriegsverbrechen an der jugoslawischen Bevölkerung im Frankfurter Molli-Nebel verschwinden. Dabei wiederholt sich eine tausendfach geführte Debatte an einem nicht mal neuen Gegenstand, indem nach totalitarismustheoretischer Manier Gewalt als das schlechthin mit Demokratie und Rechtsstaat unvereinbare verstanden und verurteilt wird. Wenn sie nicht gerade in den Fotoalben ihrer rebellischen Tage blättern, brüskieren die Akteure der bundesdeutschen Zivilgesellschaft sich derzeit mit Vorliebe über Rechtsradikale. Dabei sind sie, wie gewohnt, gründlich, fest entschlossen und nicht zimperlich – geht es doch gegen (rechte, eigentlich aber "jegliche") Gewalt und für die Toleranz. Hinter dieser Aktivität verbirgt sich ein Denken, das sich kaum vom Menschenbild des bekämpften Rassisten unterscheidet. Toleranz kann nur demjenigen gewährt werden, der nicht gleichgestellt ist, sie ist eine großzügige Geste des Herrenmenschen, dessen Artgenossen seit 12 Jahren in Ostdeutschland für Furore sorgen. Im Antifa-Sommer steht offensichtlich weniger die Sorge um die Opfer der Nazis als Ärger über die offen und stolz zur Schau getragene Asozialität ihrer Mörder im Zentrum der neuen Mitbürgerlichkeit. Ausbleibende moralische Empörung über Ausländergesetze, Abschiebung und die brutale Sicherung der deutsch-polnischen Grenze, sind nicht als Heuchelei oder Doppelmoral zu verstehen, sie sind der konsequente Rahmen der Staatsantifa und zeigen deutlich an, daß sich die Gewaltfreiheit der Zivilgesellschaft selber nur gewaltsam aufrechterhalten lässt. Doch das demokratisches Selbstverständnis schließt die eigene Gewalttätigkeit aus, um sie dafür am anderen wahrnehmen zu können. Als das andere des bürgerlichen Selbstverständnisses aber erscheint Gewalt hier als das irrationale und unmoralische schlechthin, alle spezifischen Formen von Gewalt werden unterschiedslos eingeebnet: Saddam Hussein und Milosovic werden zu Hitlers, serbische Gefangenenlager zu Kzs. Dabei ist es mit der Gewaltlosigkeit der Demokratie nicht weit her, da gerade ihre Gewaltlosigkeit auf Gewalt rückverwiesen ist. Gewaltfreiheit ist daher weniger als Verzicht auf Gewalt ernst zu nehmen denn als die Drohung, Gewaltfreiheit mit aller Gewalt herzustellen.

Entgegen aller Verlautbarungen der Apologeten unserer Demokratie sind es gerade die Demokratie und die kapitalistische Gesellschaft im allgemeinen, die durch Gewalt bedingt sind und sie ständig hervorbringen. Nicht nur lagen die historischen Wurzeln des Kapitals […] darin, große Teile der Bevölkerung in die Fabrikdisziplin zu prügeln. Auch im Inneren seiner demokratischen Variante finden sich Zwang und Gewalt keineswegs nur als Versehen oder Ausnahme. So konstituiert sich alle öffentliche Ordnung durch gewaltgesetzte Grenzen, wobei nicht einmal diese innere öffentliche Ordnung dauerhaften und allgemeinen Schutz vor offenem Terror und Krieg bietet, sondern Faschismus und Krieg als Krisenoptionen ebenso offenhalten wie die alltägliche Gewalt faschistischer Banden. Beides steht nur formal im Gegensatz zur Demokratie, die moralisch und juristisch ausschließen muß, was sie in ihrem Innern erzeugt. Die Gewaltfreiheit des demokratischen Bürgers ist daher nicht die reflektierte Gewaltlosigkeit einer emanzipierten Gesellschaft, sondern konstitutives Element der Rechtsform des Warenbesitzers. Kapitalistischer Betrieb bedarf eben nicht des – ständig eingeforderten – Verzichts auf "jede Gewalt". Er verträgt lediglich diejenige Gewalt nicht, die seine Verkehrsformen beeinträchtigen, während er sich notwendig auf andere stützt. Gewalt erscheint als das Ausgeschlossene der bürgerlichen Gesellschaft, als zivilisationsfeindlich und ordnungszerstörend. Gewalt erscheint aber als das Andere der demokratischen Gesellschaft, weil ihr Ausschluß aus der Gesellschaft Gewalt in einen vermeintlichen Naturzustand rückprojiziert, auf einen "Krieg Aller gegen Alle" ausgelagert wird, der von der bürgerlichen Rechtsformen zu bändigen sei, obwohl doch erst durch diese der marktliberale Kampf "Aller gegen Alle" möglich wird. In der kapitalistischen Gesellschaft aber erscheint Gewaltverzicht nur deshalb vernünftig und moralisch zwingend, weil sie die Vernunft und Moral der Marktwirtschaft und des freien und gleichen Warenverkehrs sind. Der Gewaltverzicht kann daher dem Individuum abverlangt werden, ohne das er Wesensmerkmal der Gesellschaft zu sein braucht, im Gegenteil; die Gewaltlosigkeit richtet sich genau nach den Kategorien kapitalistischer Vergesellschaftung aus, in der Gewalt an anderer Stelle notwendig und alltäglich bleibt. So garantiert das Gewaltmonopol des Staates nicht das Ende von Gewalt, sondern bestimmt lediglich deren Grenzen und sanktioniert disfunktionales und destruktives Verhalten im Sinne von Warenverkehr und -produktion und ihrer notwendigen Rechtsformen.

Die Einheit von Repression und Toleranz, von Demokratie und Gewalt, von Freiheit und Herrschaft in Gesellschaften westlicher Prägung ist schon '68 treffend als "repressive Toleranz" charakterisiert worden. Die Freiheit, alles zu tun und zu lassen was man will, solange es keinem anderem schadet, ist in Herrschaft und Ausbeutung eingebettet; Gewaltfreiheit nur die individuelle Pflicht, Betriebsgeräusch einer gewalttätigen Gesellschaft. Bürgerliche Demokratien verfügen per definitionem über ein vergleichsweise großes Spektrum individueller Persönlichkeitsrechte. An ihnen ist daher auch nicht ein zu wenig an Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit zu bemängeln – kritisiert werden muß, daß die "Freiheit, die wir meinen", doch immer nur als eine Variation der immer gleichen, bereits vorhandenen Freiheit denkbar ist – der des vereinzelten Warenbesitzers.

Gewalt ist Spektakel. Nicht nur, weil sie aus der Realität bürgerlicher Langeweile hervorsticht, sondern gerade weil sie an uneingestandene Voraussetzungen erinnert. Gewalt in bürgerlichen Gesellschaften ist idealerweise nur wohldosiert von bestimmten Exekutivkräften im Auftrag des staatlichen Gewaltmonopols anzutreffen (Polizei, Militär, Justiz). Der Exzeß, die Überschreitung oder die unkontrollierte, scheinbar nicht zielgerichtete Gewalt wird trotz moralisch-politischer Ablehnung als Spektakel genossen. Die gängigen Verurteilungen oder Legitimationsversuche tun der spektakulären Erscheinung von Gewaltausbrüchen keinen Abbruch. Anstatt Papier oder Sendezeit durch hilflose wie naive Aufrufe gegen Gewalt zu verschwenden, wäre zu konstatieren, daß ihr nur deshalb derart pathologische Aufmerksamkeit zu kommt, weil sie trotz ihrer Alltäglichkeit als das Außergewöhnliche, das Untergründige und als Gegenteil von allem Guten und Schönen in bürgerlichen Gesellschaften wahrgenommen wird.

Gerade weil Gewalt immer als Tat des Anderen wahrgenommen wird und die Thematisierung der eigenen Verstricktheit in Gewalt unterbleiben muß, um das zivilgesellschaftliche Selbst zu stabilisieren, wird Gewalt zum äußeren Reiz und Gegenstand eines distanzierten Interesses. [3]

Soweit die Antifaschistische Aktion Berlin in einem Aufruf zum diesjährigen 1. Mai.

Joschka Fischer ist – soweit man und frau Meinungsumfragen trauen darf – der beliebteste Politiker dieser Republik. Ich denke, er ist nicht deshalb beliebt, weil er wie kein anderer seine Läuterung von seiner Jugend mitsamt Gewaltausübung so glaubhaft rüberbringen kann. Nein, ich behaupte, er ist so beliebt, weil er sich nicht geändert hat. Er dient einer gewalttätigen Gesellschaft als gewalttätiges Ventil. Er ist eine Projektionsfläche für die Sehnsüchte und Anpassungsleistungen vieler Menschen dieser Gesellschaft.

Einerseits ist er der ehemalige streetfighter, der es denen mal so richtig gezeigt hat. Das Aufbegehren gegen Die da Oben ist ja eigentlich auch nichts anderes als das verinnerlichte Gewaltverhältnis – und es ist folgenlos für Die da Oben, aber meist nicht für diejenigen, die zur Aggressionsabfuhr herhalten müssen.

Joschka Fischer, der Geläuterte, ist demnach derjenige, der seine Gewaltausübung auf Kosten Anderer sublimiert hat. Vor 25 Jahren prügelte er sich mit Polizisten, vor zwei Jahren ließ er prügeln, pardon: bomben. Er selbst – wie alle Geläuterten – macht sich ja nicht die Hände schmutzig.

Zur Begründung seiner Gewalttätigkeit führt er Auschwitz heran. Die NATO habe eingreifen müssen, um ein neues Auschwitz zu verhindern, um zu verhindern, daß sich Auschwitz wiederholt. Und wenn sich Joschka Fischer damit auf die Seite der moralisch Guten schlägt, dann drückt er im Grunde genommen eine Wahrheit aus, die ihm wahrscheinlich selbst nicht bewußt ist. Auschwitz als Metapher jedoch drückt ein Verbrechen aus, zu dem nur Deutsche fähig waren.

Ein neues Auschwitz zu verhindern heißt in dieser Logik, ein Verbrechen zu verhindern, an denen Deutsche beteiligt sind. Und wenn wir ausnahmsweise einmal den absurden Vergleich von Milosevic mit Hitler, von den Serben mit der SS stehen lassen, dann ist es das Eingeständnis, daß der mörderische Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien ohne deutsche Hilfe so nie möglich gewesen wäre. Das heißt, Fischer schickt die NATO, um ein neues von Deutschen mitgestaltetes Auschwitz zu verhindern.

Als Nebeneffekt bombt er ein ganzes Land in die demokratische Staatengemeinschaft, sprich: in den Markt als die Gewaltform des Kapitals, zurück. Daß mehrere Tausend Menschen in Serbien und im Kosovo Opfer seiner ausagierten Gewaltphantasien geworden sind, kümmert ihn wenig. Und seiner Beliebtheit in diesem Land tut es keinen Abbruch. Das sagt uns eine Menge über dieses Land und die Menschen, die darin leben. Und es ist eben das Land, in dessen wärmende Hände Gerd Koenen bereitwillig zurückgefunden hat. Doch darüber gleich mehr.

 

Kulturfragen der bürgerlichen Gesellschaft

Besprechung von : Gerd Koenen – Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977, Verlag Kiepenheuer & Witsch 2001, 554 Seiten, DM 49,90

Gerd Koenen schreibt in seinem Buch Das rote Jahrzehnt über – wie er sie nennt – unsere kleine deutsche Kulturrevolution der Jahre 1967 bis 1977. Genauer: vom 2. Juni 1967, dem Datum, an dem vom deutschen Staat aus die ersten tödlichen Schüsse gegen eine unbewaffnete Linke ausgingen, bis zum 18. Oktober 1977, dem Tag der Geiselbefreiung in Mogadischu, den unbewiesenen Selbstmorden in Stammheim und dem Tod Hanns-Martin Schleyers.

Buchcover Gerd Koenen "Das rote Jahrzehnt"Was 1967 (eigentlich schon vorher) in einem Aufbruch aus dem miefigen Deutschland der Großen Koalition begann, endete 1977 in einem die Linke paralysierenden Desaster. Die einen gingen zu den Grünen und manche von ihnen dürfen jetzt Bomben werfen lassen oder Atommüll verticken, die anderen schreiben lieber Rechtfertigungsbücher, warum sie sich geändert haben und warum das gut so ist.

Nun ist nichts dagegen zu sagen, aus Fehlern zu lernen und sich zu verändern. Wer aber hingeht, andere zu denunzieren, weil sie sich nicht geändert haben, fragt nicht danach, was warum geändert wurde, sondern stellt das Sich-Verändern als einen positiven Wert an sich hin. Dieser positive Wert wird dadurch zur Legitimation des Jetzt, also der eigenen Lebensführung und politischen Orientierung heute, ohne zu reflektieren, was damit heute legitimiert wird.

Um es an einem Beispiel festzumachen: Wenn Joschka Fischer als Macho der 70er Jahre Bullen verprügelt hat, dann ist das aus der Situation heraus durchaus verständlich, aber letztlich keine emanzipatorische Handlung. Wenn er dem abschwört und heute Außenminister ist, dann ist nicht zu erkennen, daß er reflektiert mit seiner eigenen linken Macho-Vergangenheit umgegangen ist. Seine Reflektion – im Spiegel nachzulesen oder im Fernsehen salbungsvoll anzuhören – beschränkt sich auf die Legitimation des Jetzt.

Daß die Linke – nicht nur in der BRD, sondern weltweit – mehr als genug Gründe gehabt hat und bis heute hat, gegen das organisierte Verbrechen Kapitalismus – und zwar nicht nur als anonymes System, sondern auch gegen dessen konkreten Projekte und die damit verbundenen Täter vorzugehen –, fällt bei ihm völlig herunter.

Er sitzt an einigen Schalthebeln in Berlin, um das durchzuführen, wozu er in den 70ern im Frankfurter Straßenkampf keine Macht hatte. Er kann heute seine Allmachtsphantasien der Jahrzehnte davor ausagieren – mit den bekannt tödlichen Folgen. So weit hat es nicht einmal die RAF gebracht.

Gerd Koenen erklärt vieles, was linke Politik die letzten drei, vier Jahrzehnte ausgemacht hat, zum Phantasiegebilde. Welchen Sinn hat dann sein Buch; für wen hat er es geschrieben? Einmal abgesehen davon, daß ein solches Buch – weil wir ja in einer Marktwirtschaft leben – für diejenigen geschrieben wird, die es kaufen, enthält es ja auch eine Botschaft. Eine Botschaft für diejenigen nämlich, die entweder damals Mitbeteiligte waren, oder diejenigen, die 1968 und die folgenden Jahre als Geschichte abschließen wollen.

Das heißt – ein solches Buch mag sich an der Geschichte und auch an der Wahrheit orientieren; aber es gibt sie gefärbt (und das heißt: ideologisch) wieder – und zwar die Geschichte und die Wahrheit. Das fängt schon in den 60er Jahren an. Als einer der Gründe für die 68er Bewegung wird die Restaurationsperiode der Nachkriegsgesellschaft gesehen. Alte Nazis saßen wieder an allen Schaltstellen bis hin zum Bundeskanzler und Bundespräsidenten. Koenen sieht das ganz anders. Wo einige der 68er Bewegung zu verdanken glauben, daß die Bundesrepublik zur modernen Industriegesellschaft umgewandelt werden konnte, sagt er:

[Die alten Nazis] waren alles andere als »Ewig-Gestrige«, vielmehr hochanpassungsfähige Modernisten – ohne Rücksicht auf Verluste. […] Der eigentliche soziokulturelle Umschwung läßt sich allen Untersuchungen zufolge auf die späten fünfziger Jahre datieren, etwa um das Jahr 1958 herum, als »sich die demoskopischen Indikatoren einer neuen westdeutschen Mentalität« häuften. [4]

Kämpfte die Jugendrevolte der 60er Jahre dann gegen eingebildete Schatten der Vergangenheit? Nach Koenen waren die 68er selbst schon das Produkt der sozialen Umwälzung der vorangegangen Jahre – und zunächst einmal bis weit in die 60er Jahre hinein waren gerade die Studentinnen und Studenten in ihrer großen Mehrheit konformistisch, unpolitisch, vergnügungssüchtig und karriereorientiert, wie eine Umfrage im Winter 1966/67 feststellte. [5]

Woher kam dann der große Knall? Es scheint so, als seien die tödlichen Schüsse auf Benno Ohnesorg ein wichtiger Kristallisationspunkt gewesen, der ein latentes Unbehagen mit der – wie es damals hieß – formierten Gesellschaft bewußt machte und offen legte. Es mag sein, daß vor dem 2. Juni 1967 nur wenige direkt links, rebellisch, revolutionär beeinflußt waren. Am Tag darauf war aber alles anders und es war – zum Leidwesen einiger Kommentatoren bis heute – unumkehrbar.

Wo lag die Legitimation einer Jugendbewegung, die nicht nur die Bundesrepublik, sondern weite Teile der Welt umfaßte; die sich selbst auch so wahrnahm, obwohl Gerd Koenen diesen Zusammenhang bestreitet [6]. Einmal in der als Entfremdung wahrgenommenen Welt kapitalistischer Ausbeutung und Konsumentengesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert, nur die Wahrnehmung davon.

Heute sind Entfremdung und Selbstentfremdung genauso alltäglich; der Unterschied liegt vielleicht nur darin, daß sie zusätzlich auch noch inszeniert wird. Zwar wird Big Brother nach drei Staffeln längst als Langweiler wahrgenommen, aber das liegt wohl daran, daß es die Dumpfbacken dieser Republik nicht lange aushalten, sich selbst im Spiegel zu sehen.

Nur – es gibt einen fundamentalen Unterschied zu 1968 und den Jahren danach. Damals war vielen Jugendlichen bewußt, was mit ihnen geschieht; und sie haben sich mehr oder weniger bewußt und sinnvoll dagegen zur Wehr gesetzt.

Zweitens wurde ein Zusammenhang hergestellt zwischen der entfremdet wahrgenommenen Welt und denen, die sie regierten und beherrschten – eben den schon erwähnten Nazis in Wirtschaft und Regierungssesseln. Insofern verstand sich die Linke auch als antifaschistisch. Von Max Horkheimer stammt der Ausspruch: "Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen." Der Zusammenhang wurde durchaus gesehen: ohne Kapitalismus kein Faschismus; daß vieles dabei verkürzt war, steht außer Frage. Insofern hat die Bemerkung von Gerd Koenen hierzu auch etwas Richtiges, wenn er schreibt:

Der »latente Faschismus« des Systems oder eine universelle Tendenz der »Faschisierung« wurden damit zu einem Hauptvorwurf gegen die bürgerliche Gesellschaft, wo »Ausbeutung« oder »Entfremdung« alleine nicht hinreichten, um eine derart radikale Fundamentalkritik und Gegnerschaft zu begründen. [7]

Der Vorwurf an die damalige bundesdeutsche Gesellschaft, zumindest latent faschistisch zu sein, hatte aber noch einen anderen psychologischen Hintergrund. Die 68er verstanden sich als antifaschistisch in dem Sinn, daß sie eine Gesellschaft ablehnten, in dem die führenden Repräsentanten, aber auch die eigenen Eltern die Nazi-Geschichte des eigenen Staates nicht aufarbeiten wollten, weil sie selbst viel zu sehr darin verwickelt waren.

Der dritte bewegende Punkt war das antiimperialistische Grundverständnis. Der Bezug auf die Kämpfe der Dritten Welt war sicher auch daraus gespeist, Teil der Guten in einer bösen Welt sein zu wollen. Aber die Solidarität war auch ernst gemeint, weil der Zusammenhang zwischen Entfremdung und der Abrichtung auf Arbeit und Konsum in den Metropolen, dem Faschismus als terroristische Umsetzung des Kapitalverhältnisses und den Kämpfen in der Dritten Welt gegen Kolonialismus und Multinationale Konzerne sehr wohl gesehen wurde.

Und dann waren die Überlegungen, wie im Herzen der Bestie solidarisch gehandelt und gekämpft werden kann, gar nicht so abwegig, wie Gerd Koenen uns das erzählen will, wenn er schreibt:

Die Szenerie mag von heute betrachtet wie ein Käfig voller Narren erscheinen. Aber damals waren diese Strategiedebatten, die bereits im gleißenden Licht einer großen Medienöffentlichkeit ausgetragen wurden, von fast magischer Spannung und Bedeutsamkeit. Und je weniger man ihnen folgen konnte, um so mehr. [8]

Klar – bei vielen dieser Auseinandersetzungen, erst recht nach der Gründung vieler kleiner Parteien und Organisationen, langt man und frau sich tatsächlich an den Kopf. Aber nicht alles war deshalb falsch oder unsinnig. Gerd Koenen kann zwar in vielen einzelnen Punkten die Absurdität vieler linker Debatten und Vorstellungen aufzeigen; von falschen Solidarisierungen – wie etwa seine eigene mit Pol Pot – ganz zu schweigen. Aber ich frage dennoch danach, was er damit will.

Weitet er unseren Blick und unser Verständnis dafür, wie emanzipatorische, also auf Befreiung ausgerichtete Politik aussehen kann? Oder begründet er, warum die 68er Bewegung scheitern mußte, weil sie sich der Einbindung in die bundesdeutsche Zivilgesellschaft verweigerte? Seine damit verbundenen Assoziationen verraten viel. Er unterstellt der Linken letztlich ein stalinistisches Verhältnis zur Wirklichkeit und zu sich selbst. Oder anders ausgedrückt: linke, revolutionäre Politik ist für ihn nur als mörderische und unterdrückende vorstellbar.

Ich finde, er sollte seine eigenen Phantasien aus der Zeit als KBW-Funktionär nicht mit dem Rest der Linken verwechseln. Und unlauter wird er, wenn er seine Version der Geschichte und Politik der RAF aus den Quellen des Staatsschutzes speist. Es gibt andere Quellen und er kennt sie; aber er benutzt sie zur Legitimation seiner eigenen Geschichtsschreibung, um nachzuweisen, daß es richtig war, auf vielen langen Umwegen doch wieder in den Schoß des neuen größeren Deutschlands zurückzufinden.

Wer die Welt verändern will, kann und darf auf die Erfahrungen der 68er wie auch der sozialen und emanzipatorischen Bewegungen der 70er und 80er Jahre nicht verzichten. Wer meint, darauf verzichten zu können und es als Spielerei abtut, muß sich fragen lassen, welche Spielart rechter Lebenslügen damit begründet wird? Ich überlasse es euch, das Buch von Gerd Koenen selbst zu lesen und zu bewerten.

Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967 – 1977 ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen; das Buch kostet 49 Mark 90.

 

Geschichte begreifen

Besprechung von : Hans-Jürgen Wirth (Hg.) – Hitlers Enkel – oder Kinder der Demokratie? Psychosozial Verlag 2001, 236 Seiten, DM 29,80

Ein gänzlich anderes Buch heißt Hitlers Enkel – oder Kinder der Demokratie? Es stellt die 68er-Generation, die RAF und die Debatte um Joschka Fischer in einen Zusammenhang, über den es lohnt nachzudenken. Auch wenn ich die Ausführungen des Herausgebers des Buches und gleichzeitig Eigentümer des Psychosozial Verlages Hans-Jürgen Wirth zu Joschka Fischer keinesfalls teilen kann, wenn er schreibt:

Die romantische Verklärung von Revolution und Illegalität erschwerte lange Jahre die längst überfällige Abgrenzung von der RAF. Die abenteuerlich-heroische Figur des »streetfighting man«, dem die Rolling Stones in ihrem Song 1968 ein Denkmal setzten, gehörte zu den romantischen Mythen dieser Bewegung, dem auch Fischer verfallen war. Diese Mythen und das Pathos sowie die damit verknüpften Größen- und Allmachtsphantasien hatten sich tief in die Psyche der 68er-Generation – nicht nur bei der kleinen Gruppe der Aktivisten, sondern auch in den Wertvorstellungen und im Zeitgeist einer ganzen Epoche – verwurzelt. Die Trennung davon war ein politisch zwar längst notwendiger, aber individuell und kollektiv äußerst schwieriger Schritt. Man kann Fischer immerhin zu Gute halten, daß er sich schließlich nicht nur von dem Liebäugeln mit der Gewalt trennte, sondern seine Fehler und die der Bewegung zum zentralen Angelpunkt seines weiteren politischen Lebensweges machte. Aus dem fundamentalistischen Saulus wurde ein realistischer Paulus. [9]

Das bestreite ich. Fischers und Scharpings Lügen haben der Gewalt in Jugoslawien eine neue Dimension verliehen. Fischer war Gewalttäter in den 70er Jahren und ist es noch heute [10]. Nur hat er heute ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung.

Buchcover Hitlers Enkel - oder Kinder der Demokratie?Ich sagte ja zu Anfang dieser Sendung, daß dieses Buch die erweiterte vierte Auflage eines Buches über die Geschichte der RAF ist, genauer: Versuche, die Geschichte der RAF zu verstehen. Entstanden ist dieses Buch im Zusammenhang und als Reaktion auf den Prozeß gegen Birgit Hogefeld vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main zwischen dem November 1994 und November 1996. Aus aktuellem Anlaß – der Kampagne gegen die 68er-Bewegung – ist es nun erweitert worden und trägt auch einen angepaßten neuen Titel.

Die RAF wurde einmal als Hitlers Kinder bezeichnet [11] – doch der Titel des Buches fragt etwas anderes: handelt es sich um Hitlers Enkel oder um die Kinder dieser bundesdeutschen Demokratie? Was hat sie hervorgebracht?

Birgit Hogefeld hatte versucht, ihren Prozeß offensiv im Sinne der Strafprozeßordnung zu führen. Sprich: von der Fiktion des deutschen Strafrechts auszugehen, daß eine erst dann schuldig ist, wenn die Schuld in einem rechtsstaatlichen Verfahren nachgewiesen wurde. Nun unterliegen politische Strafprozesse einer eigenen Logik. Das war Birgit Hogefeld durchaus klar und sie erwartete auch nichts anderes. Was bedeutet: Sie mußte davon ausgehen, daß das Urteil lebenslänglich vor Prozeßbeginn feststand.

Die Prozeßführung war entsprechend – und an nicht wenigen Tagen war sie einfach eine Farce. Pfarrer Hubertus Janssen, als Prozeßbeobachter für das Komitee für Grundrechte und Demokratie an fast allen Prozeßtagen anwesend, beschreibt in einem Aufsatz des Buches empört, wie er den Prozeß erlebt hat. Aber nicht nur dies macht das Buch lesenswert. Birgit Hogefeld selbst unternahm in mehreren Prozeßerklärungen den Versuch, sich selbst mit der Geschichte der RAF selbstkritisch auseinanderzusetzen. Und Anlaß zur Selbstkritik gab es durchaus.

Das bemerkenswerte daran war jedoch, daß sich Gericht und Bundesanwaltschaft nur für eines interessierten: dafür, daß sich Birgit Hogefeld als Kronzeugin andiente. Da sie sich hierzu nicht bereitfand, lautete die Konsequenz: lebenslänglich. Nachgewiesen wurde jedoch nicht viel. Aber das muß es ja auch nicht, wenn das Urteil ohnehin feststeht. Die Fakten werden dafür schon passend zurechtgebogen.

Birgit Hogefeld hat unter anderem einen längeren Text vorgelesen: Zur Geschichte der RAF. Sie versucht darin nicht nur die Legitimation von Widerstand zu begründen, sondern auch, warum die RAF, die ja Anfang der 70er Jahre angetreten war, eine bessere Welt erkämpfen zu wollen, Mitte der 80er Jahre, nur um an einen Ausweis zu kommen, einen GI per Genickschuß tötete. Schafft die Waffe in der Hand eine eigene militaristische Logik, die sich politisch-bewußtem Handeln entzieht? Da ist vielleicht etwas dran.

Birgit Hogefeld geht dabei auf die Frage ein, gibt es so etwas wie legitime Gewalt oder was bedeutet revolutionäre Moral.

Es gibt wohl keine allgemeingültigen Kriterien

schreibt sie 1995,

die losgelöst von der jeweiligen Realität, für die Festlegung des Moralbegriffs taugen, und es stimmt auch, daß es keinen »sauberen Krieg« gibt – Krieg ist immer unmenschlich. Trotzdem enthebt das ja revolutionäre Gruppen nicht von der Beantwortung der Frage nach der Bestimmung eigener Kriterien und auch der Festlegung von Grenzen. Was beispielsweise während der Nazi-Herrschaft in Ländern, die von der Wehrmacht besetzt waren, von vielen als legitime Widerstandshandlung angesehen wurde und das, was in der BRD 1995 als legitim betrachtet wird, ist nicht identisch und kann es auch gar nicht sein, weil die Realitäten grundverschieden sind. Aber wir leben heute in einer Welt, in der im Interesse von Profit und Macht Kriege geführt werden und Unterdrückung, Erniedrigung, Hunger, Ausbeutung und Entwürdigung den Menschen keine andere Wahl lassen, als sich entweder in ihr Schicksal zu fügen oder es selbst in die Hand zu nehmen. Und das heißt, daß sich die Frage danach, welche Mittel in welcher Situation sinnvoll und gerechtfertigt sind, immer wieder stellt. [12]

Die RAF ist also nicht als illegitimes Kind der 68er entstanden. Die RAF war gewissermaßen die Konsequenz aus einer Situation Ende der 60er Jahre, wo klar war, daß die bundesdeutsche Gesellschaft nicht bereit war, sich mit der Rebellion eines nicht geringen Teils junger Menschen konstruktiv auseinanderzusetzen. Kiesinger und Brandt unterstützten die USA im verbrecherischen Vietnam-Krieg; und die Bomber hatten ihre logistische Basis auch in Frankfurt und Heidelberg. Die Gewalt war also schon vor der RAF da.

Worauf Birgit Hogefeld aber zurecht abhebt, das ist die Frage, wann und wo welche Form von Widerstand angemessen – und wo sie notwendig ist. Auf diese Frage hat auch die RAF und erst recht auch die legale Linke keine zufriedenstellende Antwort gegeben. Wo Gerd Koenen sich der Suche nach dieser Antwort jedoch verweigert, stellt Birgit Hogefeld fest, daß es eine solche Antwort geben muß. Und dazu gehört, die eigene Geschichte zu begreifen. Und vielleicht auch, diese Geschichte mit all ihren Fehlern als die eigene Geschichte anzunehmen. Hitlers Enkel – oder Kinder der Demokratie?, herausgegeben von Hans-Jürgen Wirth, ist im Psychosozial Verlag erschienen und kostet 29 Mark 80.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Mit der Empfehlung, dieses Buch zu lesen, verabschiede ich mich. Für Nachfragen oder Kritik steht wie immer meine Mailbox hier bei Radio Darmstadt bereit – die Telefonnummer lautet […]. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Elmar Altvater : »Hier wird Geschichtspolitik gemacht«, Interview in: junge Welt, 3./4. Februar 2001, Seite 2–3.

»» [2]   Gerd Koenen : Weltgeist auf stählernem Roß, in: taz, 21. August 1990, Seite 17.

»» [3]   Halt, keine Gewalt! Demonstrationsaufruf der AAB Berlin zum 1. Mai 2001.

»» [4]   Gerd Koenen : Das rote Jahrzehnt, Seite 108–109.

»» [5]   Koenen Seite 68.

»» [6]   Koenen Seite 68.

»» [7]   Koenen Seite 113.

»» [8]   Koenen Seite 124.

»» [9]   Hans-Jürgen Wirth : Versuch, den Umbruch von 68 und das Problem der Gewalt zu verstehen, in: ders. (Hg.) : Hitlers Enkel – oder Kinder der Demokratie?, Seite 13–44; Zitat auf Seite 21–22.

»» [10]   Das Ermöglichen eines vermeidbaren Angriffskrieges ist eine Gewalttat.

»» [11]   Jilian Becker : Hitlers Kinder? Der Baader-Meinhof-Terrorismus [1978], engl. Original 1977.

»» [12]   Birgit Hogefeld : Zur Geschichte der RAF, in: Wirth (Hg.) Seite 93–131; Zitat auf Seite 127–128.

 


 

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