Coco Schumann
Coco Schumann [1]

Kapital – Verbrechen

Repressive Toleranz

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Mittwoch, 16. Dezember 2009, 19.00 bis 21.00 Uhr

Wiederholt:

Donnerstag, 17. Dezember 2009, 01.10 bis 03.10 Uhr
Donnerstag, 17. Dezember 2009, 10.00 bis 12.00 Uhr
Mittwoch, 31. März 2010, 17.00 bis 19.00 Uhr
Donnerstag, 1. April 2010, 01.00 bis 03.00 Uhr
Donnerstag, 1. April 2010, 10.00 bis 12.00 Uhr

Zusammenfassung:

Die auf den Frequenzen von Radio Darmstadt durch den Kultur­redakteur Rüdiger G. verbreitete politische Kultur inspirierte mich zu einer Vorlesestunde. Mit freundlicher Genehmigung des Nachlaß­verwalters von Herbert Marcuse, seinem Sohn Peter Marcuse, trug ich mit Hilfe von Cornelia Roch den 1965 verfaßten Text Repressive Toleranz vor. Eine Besprechung eines Bandes mit Schriften aus dem Nachlaß Herbert Marcuses schloß sich hieran an.

Besprochenes Buch:

Herbert Marcuse : Ökologie und Gesellschaftskritik, zu Klampen Verlag

Zwischenmusik:

Coco Schumann : Double – 50 Years in Jazz

 


 

Teil 1: Toleranz mit Widmung

Jingle Alltag und Geschichte

Im heutigen Alltag und Geschichte Magazin geht es um Toleranz. Toleranz ist etwa Edles und Schönes, und einem Bonmot von Kurt Tucholsky zufolge ist die Toleranz der Verdacht, daß der Andere Recht haben könnte. Nun ist es jedoch unerheblich, ob der oder die Andere tatsächlich im Recht ist. Andererseits gibt es Werte und Vorstellungen, die nicht zu tolerieren sind. Es gibt durchaus Gründe für Zensur und Intoleranz – nicht nur gegenüber alten und neuen Nazis. Somit stellt sich die Frage, in welche politische Kultur Toleranz eingebettet ist. Wer ist der Träger dieser Toleranz, welchem Zweck dient sie. Toleranz ist nicht neutral, sie enthält einen Wert. Hierbei kann sie durchaus Ausdruck von Herrschafts­interessen und Herrschafts­mechanismen sein. Hierum und noch um einiges mehr geht es in meiner heutigen Sendung, zu der ich den Kultur­redakteur Rüdiger G. an seinem Radiogerät recht herzlich begrüße und dem ich diese Sendung ausdrücklich widme.

Durch die nun folgenden zwei Stunden führt Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Weshalb die Widmung? Nun, am 11. Februar 2008 stellte Rüdiger G. seine damals neue Sendereihe Politische Kultur mit folgenden Worten vor:

Stoff für unsere Sendungen „Politische Kultur“ sind zunächst solche Diskussionen, ob es nicht für alle demokratischen Parteien etwas Verbindendes gäbe. Etwas, was alle miteinander verpflichtet, also eine politische Kultur. Daß man mit jedem noch reden kann, und die anderen, auch die politischen Gegner, nicht verflucht und verteufelt.

Diese programmatischen Worte mögen zwar seiner Sendung angemessen sein, aber Rüdiger G. ist ja nicht nur einfacher Kultur­redakteur, sondern auch der Sprecher seiner Redaktion und vertritt diese im Programmrat des Senders, dem ihr gerade zuhört. Dieser Programmrat befand es im Januar 2007 für angemessen, eine ganz eigene Vorstellung von politischer Kultur durchzuexerzieren, und zwar in Abwesenheit der „Angeklagten“. Da wurde mit dem politischen Gegner nicht geredet, er vielmehr verteufelt und verflucht und mit einem unbeschränkten Sendeverbot belegt [2]. Es ist nicht überliefert, daß Rüdiger G. an diesem Montagabend aufgestanden wäre und Zivilcourage gezeigt hätte, daß er aufgesprungen wäre und laut gerufen habe: „Halt! Das geht so nicht.“ Vielmehr hat er mitgemacht und dafür gesorgt, daß eine ausreichende Mehrheit für drei Sendeverbote zusammenkam.

Auch in den Folgemonaten, in denen die Sendeverbote trotz einer mahnenden Nachfrage der Landesmedienanstalt aufrecht erhalten wurden, ist Rüdiger G. keineswegs dadurch aufgefallen, daß er ein Ende dieser Zensur­maßnahme gefordert hätte. Es mußte nach neun Monaten erst eine Delegation der Landes­medienanstalt höchst­persönlich im Sendehaus vorsprechen, damit dieser politischen Kultur ein Ende bereitet wurde.

Wenige Tage später, wir schreiben inzwischen den Oktober 2007, wurde gegen mich das aufgehobene Sendeverbot in ein ebenso praktisches Hausverbot umgewandelt. Ende November 2009, also vor drei Wochen, hat das Amtsgericht Darmstadt entschieden, daß das Hausverbot nicht nur unverhältnismäßig war, sondern damit auch noch mein vollkommen zulässiges Recht auf freie Meinungs­äußerung nach Artikel 5 GG abgestraft werden sollte [3]. So ein Hausverbot ist wahrlich Ausdruck von Toleranz, und Rüdiger G. ist auch hier durch eisernes Schweigen aufgefallen. Oder hat er gar mitgemacht?

Nun ist nicht Rüdiger G. das Problem. Ich würde ihn hier gar nicht erwähnen, nicht erwähnen müssen, würde er nicht penetrant Monat für Monat eine politische Kultur zur Welt hinaus­posaunen, die in ihren eigenen Grundfesten hohl ist. Es entschuldigt auch nichts, daß er nicht mehr der jüngste ist. Wer Monat für Monat seine linke politische Gesinnung auf diesem Sender feilbietet, muß dazu gerade dann stehen, wenn es brenzlig wird, sonst wird er unglaub­würdig. Das Witzige daran ist – er wußte es einmal besser. Bevor es im Sender Haus- und Sendeverbote, Vereins­ausschlüsse und Kündigungen hagelte, erspürte er feinsinnig die Stimmung. Aus seinem Urlaub in Österreich schrieb er mir im Sommer 2006, kurz bevor das Gewitter am Steubenplatz losbrach, einen freundlichen Brief mit folgenden Zeilen:

Laß uns aber weiter kämpfen gegen Sende- und andere Löcher, gegen Schwätzer und Hetzer, gegen Faschisten und Barbaren. Dein Rüdiger

Wochen später war alles vergessen. Der Wind hatte sich gedreht im Sendehaus am Steubenplatz. Und irgendwer muß ihm ja die Technik fahren oder ihn fürs Theater akkreditieren [4]. Da heißt es, sich schnell zu akkomodieren. Was ein menschliches, allzu menschliches Problem zu sein scheint, ist jedoch in Wahrheit ein soziologisches, ein psychologisches. Nun gibt es auch andere Vorfälle hier im Sendehaus, die ich hier nicht näher ausführen will, die jedoch mit Toleranz wenig, mit der schon beschriebenen politischen Kultur jedoch eine ganze Menge zu tun haben. Auch hierzu schweigt Rüdiger G., obwohl zuletzt eine Redaktions­kollegin und ein Redaktions­kollege davon betroffen waren [5]. Klar, diese politische Kultur hält man nicht aus, das geht an die Nerven, an die Substanz.

Aber genau darin besteht der Widerspruch zu den herrschenden Verhältnissen, nämlich so etwas auszuhalten, um dagegen­halten zu können. Das setzt eine innere Stärke voraus, die nicht jeder und jedem gegeben ist. Doch wer schweigt, stimmt zu, wer gar mitmacht, lädt Schuld auf sich. Somit schweige er fortan auf diesem Sender und gebe keine Predigten [6] mehr über Zivilcourage, Toleranz und politische Kultur von sich. Das wäre allemal glaub­würdiger. Ich frage mich, wie er das demnächst seinem Schöpfer erklären will, der, wie wir aus der Bibel wissen, sehr ungehalten, rachsüchtig und gemein sein kann.

Nun gibt es einen politischen Text eines herausragenden Philosophen des 20. Jahrhunderts, der sich mit der Frage von politischer Zensur und Toleranz ausgiebig befaßt hat – Herbert Marcuse. Dieser 1965 verfaßte Text, den er seinen Studentinnen und Studenten gewidmet hat, trägt den einfachen wie treffenden Titel „Repressive Toleranz“. Es ist ein Text, der die Verlogenheit und Hohlheit der in der kapitalistischen Gesellschaft verkündeten Toleranz heraus­arbeitet und der gleichzeitig die Intoleranz gegenüber denjenigen einfordert, die ganz tolerant über Menschen und Meinungen hinwegtrampeln.

Diesen Text fand ich dermaßen gelungen und passend zu einer politischen Kultur, wie sie nicht verkündet, aber betrieben wird, daß ich den Erben und Nachlaß­verwalter Herbert Marcuses, seinen Sohn Peter, um die Erlaubnis bat, diesen Text hier vortragen zu dürfen. Ich bin Peter Marcuse sehr dankbar dafür, daß er mir diese Erlaubnis gewährt hat. Den Text könnt ihr entweder im Internet auf der Webseite www.marcuse.org finden oder in der Neuausgabe der Gesammelten Schriften Herbert Marcuses, die 2004 im Verlag zu Klampen erschienen sind. Cornelia Roch von der Redaktion „Gegen das Vergessen“ danke ich für Ihre Bereitschaft, mir die Last und die Lust des Vorlesens ein wenig abzunehmen.

Der Text Repressive Toleranz ist als deutsche Übersetzung (mit einigen kleinen Fehlern) auf der Marcuse-Webseite vorhanden. In der Werkausgabe ist er in Band 8 abgedruckt.

 

Teil 2: Radikale Philosophie

Jingle Alltag und Geschichte

Besprechung von : Herbert Marcuse – Ökologie und Gesellschaftskritik. Nachgelassene Schriften, Band 6, zu Klampen! Verlag 2009, 176 Seiten, € 24,00

Die heutige Sendung hatte ich dem Kulturredakteur Rüdiger G. gewidmet, der mich durch seine Elogen auf eine politische Kultur ohne Zensur und mit viel Toleranz überhaupt erst auf die Idee gebracht hatte, den 1965 entstandenen Text von Herbert Marcuse über „Repressive Toleranz“ vorzulesen bzw. von Cornelia Roch vorlesen zu lassen. Nun bin ich kein Freund des sinn- und verstandlosen Vorlesens von Presse­mitteilungen oder Internetartikeln, wie sie sich in den vergangenen zwei, drei Jahren auf diesem Sender etabliert haben [7]. Jedoch sind Herbert Marcuses Betrachtungen der repressiven Toleranz weder sinnlos noch gar ohne Verstand, und schon deshalb lohnt es sich, genauer zuzuhören.

Mir hat dieser Text einige wichtige Anregungen gegeben, die Frage von Zensur und Toleranz noch einmal neu zu überdenken. Der provokative Ansatz, intolerant gegenüber der herrschenden Mainstream-Medien­landschaft zu sein, ist durchaus bestechend.

In der Tat würde es einem vom Anspruch her ehemals alternativen Lokalradio wie dem, das ihr hier hört, gut anstehen, sich kritisch mit den Thesen Herbert Marcuses auseinander­zusetzen. 1996 wehte im Trägerverein dieses Radios noch ein anderer Wind, als er die Sende­zulassung bei der hessischen Landes­medienanstalt beantragte. Im Antrag wird explizit ein journalistisches Selbst­verständnis vorgetragen, das sich grund­sätzlich von der Pseudo-Ausgewogenheit des öffentlich-rechtlichen Hörfunks und auch der privaten, kommerzielle Absichten hegenden Veranstalter unterscheidet. Dreizehn Jahre sind eine lange Zeit – und die Absichten sind längst untergegangen im Nachplappern fremder Texte und im besinnungs­losen Anhimmeln von Stars, Hitparaden, Popmusik oder Kriegsspielen.

Es ist kein Zufall, daß mir der Programmrat dieses Senders vor drei Jahren ein mehrmonatiges Sendeverbot verpaßt hatte, weil ich diese Zustände öffentlich thematisierte. Die freie Meinungs­äußerung hat es eben nicht leicht auf diesem Sender, auf dem Rüdiger G. Zensur­freiheit und Toleranz predigt. Das liegt nur zum Teil an diesem Kulturredakteur. Im Grunde genommen ist sein Verhalten eher Symptom als Syndrom, ein Symptom für den Niedergang einer politischen Kultur, die sich bar jeden Inhalts nur noch selbst beweihräuchert, die jedoch dort, wo es darauf ankäme, ihr kritisches Potential verbirgt, um nicht zu sagen: versteckt. Es ist eben einfacher, mit Moritz Neumann und Klaus Ahlheim hochgeistig zu parlieren, als dort bei Strafe der Ausgrenzung zu intervenieren, wo es nötig wäre. Zumindest für jemanden, der jeden Monat auf diesem Sender mehrfach eine politische Kultur herbeiredet.

Herbert Marcuse sagt heute vielleicht nur noch den wenigsten etwas. Das war vor vierzig Jahren einmal anders, aber es waren ja auch andere Zeiten. Wo heute in post­moderner Beliebigkeit alles mögliche geplaudert, gehypt, vorgelesen oder nachge­plappert werden kann, waren die 60er Jahre weltweit eine Zeit des Aufruhrs und des Aufbruchs. Vieles mußte erst noch erkämpft werden, vieles, was heute so selbst­verständlich scheint. Die Studenten­bewegung in Deutschland war Teil einer weltweiten Bewegung, besaß jedoch zudem eine ganz eigene Geschichte und Motivation. Der Muff von 1000 Jahren müffelte noch unter den Talaren und eine Auseinander­setzung mit dem National­sozialismus war schon deshalb kaum vorhanden, weil alte und neue Nazis überall zugange waren. Herbert Marcuse war für einen Teil der damaligen anti­autoritären Linken ein Bezugspunkt, weil er zugleich kritisch und solidarisch war und weil er – anders als Theodor Adorno, Max Horkheimer oder deren Epigone Jürgen Habermas – das Verständnis für den jugendlichen Aufbruch auch offen zeigte.

Der 1898 in Berlin geborene Marcuse war Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten oder Kaufmanns und der Tochter eines reichen Fabrikbesitzers. Nach dem 1. Weltkrieg studierte er Germanistik sowie als Nebenfächer Philosophie und National­ökonomie in Berlin und Freiburg. Seine Dissertation verfaßte er über den deutschen Künstler­roman. Anschließend arbeitete er im Buchhandel, setzte dann aber sein Studium der Philosophie bei Martin Heidegger in Freiburg fort. Heideggers Begeisterung für den National­sozialismus führte zum Bruch, und Marcuse schloß sich dem Institut für Sozialforschung in Frankfurt an. In diese Zeit fällt auch seine ausführliche Beschäftigung mit den Frühschriften von Karl Marx, die seine Philosophie ebenso prägen sollten wie die phäno­menologischen Ansichten Edmund Husserls, die Marcuse jedoch als nicht tiefschürfend genug ansah. Als das Institut für Sozial­forschung ins Exil in die USA umziehen mußte, verließ Marcuse Deutschland. Während des 2. Weltkriegs forschte er für eine Vorgänger­organisation der CIA über die Deutschen.

1954 erhielt Herbert Marcuse in den USA eine Professur. Es erschienen seine bahnbrechenden Werke über „Triebstruktur und Gesellschaft“ sowie „Der eindimensionale Mensch“. Hierin legte er die Grundlagen für ein Verständnis der modernen Welt, die von Konsum, Massenmedien und Technik­fetischisierung geprägt sei. Hierbei zeigen sich autoritären Strukturen, die nicht nur die ganze Gesellschaft, sondern auch die Psyche der Individuen durchziehen. Allerdings bestand er bis zu seinem Tod 1979 darauf, daß eine Befreiung aus dieser totalitären Maschine möglich sei, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse und die psychischen Bedürfnisse der Menschen notwendiger­weise Rebellion und Nonkon­formismus hervorbrächten.

Seine in den 60er und 70er Jahren auf Deutsch veröffentlichten Schriften wurden 2004 im Verlag zu Klampen neu aufgelegt. Ergänzt wird diese neunbändige Edition durch die sechs Bände seiner „Nachgelassenen Schriften“. Mit dem Buch „Ökologie und Gesellschafts­kritik“ wurde diese Reihe in diesem Jahr abgeschlossen.

Herbert Marcuse unterscheidet sich vielleicht von seinen Instituts­kollegen Theodor Adorno und Max Horkheimer darin, daß er nicht Position zugunsten der herrschenden Verhältnisse bezieht. Ich denke, es ist Iring Fetscher in seinem Vorwort Recht zu geben, wenn er Adornos und Horkheimers Resignation damit umschreibt, sie halten an ihren früheren Emanzipations­vorstellungen fest, um sie als eine Art Flaschenpost an zukünftige Generationen weiterzugeben. Marcuse hingegen sucht weiter nach den Subjekten einer radikalen Revolution – und deshalb läßt er streikende Studentinnen und Studenten nicht von der Polizei aus dem Instituts­gebäude heraustragen, sondern redet mit ihnen auf gleicher Augenhöhe von Subjekt zu Subjekt.

Buchcover Herbert Marcuse„Ökologie und Gesellschaftskritik“ vereint sehr verschiedene Texte aus dem in Frankfurt versammelten Nachlaß von Herbert Marcuse. Manche sind rein philosophischer Natur, manche können als Ideen­geschichte betrachtet werden, andere wiederum nehmen Bezug auf den weltweiten Aufbruch der 60er und 70er Jahre. Der Titel verspricht ein wenig mehr, als er halten kann, denn mit Ökologie beschäftigen sich die meisten hier versammelten Texte, wenn überhaupt, dann nur am Rande. Andererseits war sich Marcuse sehr wohl bewußt, daß die Herrschaft über die Natur, vorangetrieben von Wissenschaft und Technik, immer auch die Herrschaft über die innere Natur des Menschen bedeutet. Wer die Natur beherrschen will, will auch Menschen beherrschen, für sich nutzbar machen, sie ausbeuten und vernutzen. Marcuses Schriften führen daher konsequent zu der Aussage, daß eine Befreiung aus und von diesen Zuständen nur möglich ist in der Umwälzung der Verhältnisse.

Wenn das Kriterium des Fortschritts und der Emanzipation die Wahrheit ist, und eine solche, so sagt er, gibt es, dann ist es folgerichtig, daß er derart verlogenen, unmoralischen und mörderischen Verhältnissen wie denen der kapitalistischen Moderne nicht viel abgewinnen kann, Dies, auch hierauf legt er Wert, sei kein Plädoyer für ein Zurück zu den Verhältnissen der Vormoderne. Vielmehr müssten Herrschaft und Techik und die damit einhergehenden Herrschafts­techniken als Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse untersucht, analysiert und entmystifiziert werden. Die Philosophie als Wissenschaft wäre eine Möglichkeit, den Prozeß der kapitalistischen Entfremdung und Verdinglichung bloßzulegen, doch Sprengkraft entfalte jede Analyse nur durch eine hiermit verbundene gesellschaftliche Praxis.

In einem noch 1933 in Deutschland erschienenen Artikel untersucht er die „Philosophie des Scheiterns“ des Philosophen Karl Jaspers. Ausgehend von den Grundfragen, die dieser sich stelle – Was ist das Sein, warum ist nicht nichts, wer bin ich, was will ich eigentlich? – arbeitet Marcuse die Stärken und Schwächen des dreibändigen Hauptwerkes Jaspers' „Philosophie“ heraus. Was zunächst akademische Elfenbein­tümelei zu sein scheint, ist angesichts der gerade vollzogenen Macht­übernahme der Nazis zur politischen Frage geworden. Die sich hieran anschließenden Gedanken zu einer „negativen Metaphysik“ verweisen darauf, daß das Leben der Menschen nicht auf eine (zukünftige) Ewigkeit oder auf transzendentale Werte hin ausgerichtet sein sollte, sondern ausschließlich auf die Gegenwart, was nicht dasselbe ist wie der Augenblick. Die Menschen leben hier und jetzt, angebunden an Mächte wie Tradition und Erbe, aus denen jedoch gelernt werden könne, um die Zukunft befreiend zu gestalten.

In den „Thesen über wissenschaftliche Philosophie“ setzt er sich mit dem damals wissenschafts­theoretisch aufstrebenden modernen Positivismus auseinander und belegt dessen Falschheit und methodische Indifferenz dort, wo Standpunkte gefragt wären.

Mehr ideengeschichtlicher Natur sind die beiden Aufsätze zur deutschen Philosophie zwischen 1871 und 1933 und zur Autoritätslehre bei Luther, Calvin und Hobbes. Der Rahmen der Ideen­geschichte wird jedoch sogleich gesprengt, denn Marcuse gelingt es durchaus überzeugend darzulegen, daß reale Mächte sich hinter zeitgenössischen Ideen, Vorstellungen und Philosophien verbergen. Luthers und Calvins Vorstellungen zu innerer und äußerer Freiheit schmiegen sich an veränderte Arbeits­prozesse und Notwendigkeiten der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft an. Die äußere Unfreiheit, die sehr wohl gesehen und unterstützt wird, korrespondiert mit einer inneren Freiheit, die gewährt wird, um mit einer Illusion der Freiheit mehr Arbeits­disziplin und Arbeits­leistung zu erlangen. Einen Schritt weiter geht dann im 17. Jahrhundert der englische Philosoph Thomas Hobbes – das ist der, bei dem die Menschen einander wie Wölfe begegnen –, der ganz ohne religiöse Unterfütterung in der Lage ist, ein gesell­schaftliches Interesse an Ausbeutung, Unterordnung und Herrschaft zu begründen.

In dem Mitte der 60er Jahre verfaßten Aufsatz „Wissenschaft und Phänomenologie“ befaßt sich Herbert Marcuse mit Edmund Husserls phänomenologischer Wissenschafts­kritik. Interessant ist hieran, daß er einerseits Husserl attestiert, der Wissenschaft richtigerweise Fetischismus nachzuweisen, weil sie ihre eigenen Grundlagen nicht ausreichend reflektiert, andererseits auch bei der Philosophie hierbei nicht stehenbleibt. Er zeigt zudem, daß und warum Wissenschaft nicht neutral, nicht frei von gesellschaftlichen Zwängen und Logiken sein kann. Die Frage der Verantwortung der Wissenschaft führte Marcuse in den 60er Jahren in einem eigenen Vortrag an der Universität von Los Angeles näher aus.

Für einen 1965 in mehreren Sprachen erschienenen internationalen Sammelband verfaßte Marcuse einen Beitrag zum Verhältnis von Sozialismus und Humanismus. Marcuse hatte schon sehr früh begriffen, daß der angebliche Kommunismus sowjetischer Prägung keinesfalls die Lösung der Frage von Freiheit und Emanzipation darstellt. Hier kommt auch seine ausführliche Beschäftigung mit den Frühschriften von Marx zum Vorschein. Marcuse hält Marx – mehr als ein Jahrhundert, nachdem dieser seine philosophischen Schriften verfaßt hatte – entgegen, daß dessen Vorstellungen eines allseits entwickelten Individuums, das mal jagt, mal fischt und mal schöpferisch tätig ist, beim heutigen Stand der Produktivkräfte und der einlullenden Freizeit­möglichkeiten nicht mehr zu halten sind. Womöglich war hier Marx etwas zu idealistisch.

Philosophischer wird es bei Marcuses Darstellung der Aktualität der Dialektik von Hegel und Marx. Wie nicht anders zu erwarten, liegt seinen Ausführungen ein reales Problem zugrunde. Wer kann in einer modernen Massen­gesellschaft das Subjekt, der Träger gesellschaftlicher Veränderungen sein. Die Arbeiterklasse ist in West und Ost – wenn auch sehr verschieden – in das herrschende System eingebunden und scheidet, anders als vielleicht noch ein halbes Jahrhundert zuvor aus.

Hier zeigt sich, und erst recht in seinen Schriften der 70er Jahre, der Einfluß neuer sozialer Bewegungen, aber auch der anti­kolonialistischer Befreiungs­kämpfe. Das revolutionäre Subjekt kann nur eines sein, daß sich frei macht von den Entfremdungen und Verdinglichungen der herrschenden Ideologie, vermittelt durch Reklame, Propaganda und Massenmedien. Und damit stellt sich Marcuse auch der Frage der Gewalt im Kampf um Befreiung. Und die Frage der Schuld, wenn bei den Verbrechen des Imperialismus geschwiegen wird.

Ein Thesenpapier zu den Kindern des Prometheus und ein Vortrag zu Ökologie und Gesellschafts­kritik beenden den 176 Seiten umfassenden Band. Marcuses Plädoyer für eine andere, durch einen revolutionären Umsturz herbeizu­führende Welt wird begleitet von einem Menschenbild, bei dem nicht der eine Wolf den anderen totbeißt und so mancher Beteiligte mitheult. Vielmehr besteht er darauf, daß es eine unveränderliche menschliche Natur nicht gibt. Der Fetisch der „Natur des Menschen“ ist pure Ideologie, darauf gerichtet, die Verhältnisse so zu belassen wie sie sind. Körper und Geist, so Marcuse, seien jedoch formbar. Menschen könnten zu Robotern gemacht werden, aber sie könnten sich dem auch verweigern und nach Wegen zur Befreiung aus diesem Elend suchen.

Und das sind keine Luxusprobleme gelangweilter Metropolenkids. Wo Milliarden hungern und in Armut leben, wo der Reichtum so groß ist, daß er an der Börse verbrannt werden muß, wo derart viele Lebensmittel produziert werden, daß sie gezielt vernichtet werden, um Preise und Profite zu halten, da ist das philosophische Werk eines Herbert Marcuse kein Luxus, sondern Aufforderung. Das Ziel radikaler Veränderung sei heute „die Entstehung von Menschen, die weder physisch noch geistig in der Lage sind, ein neues Auschwitz zu erfinden.“ – Der hier besprochene Band 6 seiner „Nachgelassenen Schriften“ ist im Oktober im Verlag zu Klampen erschienen. Preis: 24 Euro.

Hiermit endet die zweistündige Sendung über repressive Toleranz der Redaktion Alltag und Geschichte. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Pressefoto, siehe ProTon Musikagentur.

»» [2]   Siehe hierzu meine Dokumentation zu den Geschehnissen bei Radio Darmstadt im Januar 2007.

»» [3]   Siehe hierzu die Urteilsbegründung.

»» [4]   Der kostenlose Besuch der Theateraufführungen im Staatstheater Darmstadt ist eine angenehme Begleit­erscheinung der ehrenamtlichen journalistischen Tätigkeit bei Radio Darmstadt. Über entsprechende Akkreditierungen entscheidet der Vorstand des Trägervereins.

»» [5]   Die Vorfälle und die Namen der Betroffenen sind mir bekannt und können, falls erforderlich, auch öffentlich genannt werden. In beide Vorfälle war ein als lautstark schreiend bekanntes Vorstands­mitglied involviert.

»» [6]   Rüdiger G. war bis zu seiner Pensionierung Pfarrer u.a. in Köln und Darmstadt.

»» [7]   Siehe hierzu meine Dokumentation Plagiate? Plagiate!

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 17. April 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2009, 2010. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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