Freiberg Ausstellung in Darmstadt 2005
Freiberg Ausstellung 2005

Kapital – Verbrechen

Rundblick

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Mittwoch, 30. April 2008, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Mittwoch/Donnerstag, 30. April/1. Mai 2008, 01.10 bis 02.10 Uhr
Donnerstag, 1. Mai 2008, 11.00 bis 12.00 Uhr

Zusammenfassung:

Vorstellung verschiedener Zeitschriften mit den thematischen Schwerpunkten Archäometrie, Neonazis, privatkommerzielle Medien, asymmetrische Kriege, Korruption, Repression und Medikamentenwerbung.

Das Foto zeigt Bilder einer Freiberg-Ausstellung im Juli 2005 im Darmstädter Alten Pädagog.

Besprochene Zeitschriften:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

In der ersten Stunde des heutigen Alltag und Geschichte Magazins werde ich einige Zeitschriften zu unterschiedlichen Themen vorstellen. Es wird hierbei um archäologische Untersuchungsmethoden, Neonazis in Darmstadts sächsischer Partnerstadt Freiberg, kapitalistische Verwertungszwänge, asymmetrische Kriege und die Gründe für die Korruptionsbekämpfung, sowie um staatliche Repressionsmaßnahmen und um ungesunde Medikamentenwerbung gehen. In der zweiten Sendestunde wird mein Redaktionskollege Yebrach Negussie der Moral unseres Wirtschaftssystems auf den Zahn fühlen [1]. Am Mikrofon ist Walter Kuhl.

 

Feinste Spuren

Besprechung von : Archäologie in Deutschland, Heft 2/2008, 82 Seiten, € 9,95

Wo Archäologinnen und Archäologen graben, fallen nicht nur spektakuläre Funde an. Oftmals finden sich die spannendsten Informationen dort, wo wir sie mit bloßem Auge nicht oder nur schwer erkennen können. Der Zerfallprozeß des Kohlenstoff-Isotops 14 verrät uns das mögliche Alter eines Fundstücks, aber Radioaktivität findet ihren Nachweis im nichtsichtbaren Wellenspektrum, muß also anders nachgewiesen werden. Längst jedoch haben die archäologischen Methoden dieses seit einem halben Jahrhundert etablierte Verfahren überschritten. Wo früher mehrere Gramm eines Probenmaterials vonnöten waren, auf dessen Meßergebnisse Wochen gewartet werden mußte, genügen heute einige Milligramm, und auch das Meßergebnis liegt schon nach wenigen Minuten vor.

Den derzeitigen Stand der hier verwendeten Methode der Archäometrie, also dem Messen alter Fundstücke, behandelt das im März erschienene aktuelle Heft der Zeitschrift Archäologie in Deutschland in seinem Schwerpunktthema. Hierbei werden neuartige Verfahren geschildert, die bei einer gegebenen statistischen Aussagekraft bemerkenswerte Einblicke in die Lebenswelt der Menschen vor mehreren tausend Jahren vermitteln können.

Glas etwa ist nicht gleich Glas. Zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen geografischen Regionen wurden die vorhandenen Grundsubstanzen so zusammengemischt, daß je nach Verwendungszweck verschiedenartige Glassorten entstanden. Mittels chemischer Analysen kann nun festgestellt werden, woher die Rohmaterialien bezogen wurden. Eine naturwissenschaftlich exakte Methode zum Datieren dieser Gläser gibt es hingegen noch nicht.

Ohnehin sind wir noch weit von den Möglichkeiten des Star Trek-Universums entfernt, in dem aus Hunderten von Kilometern Entfernung die genaue chemische Zusammensetzung eines einzelnen Sandkorns ermittelt werden kann. Immerhin ist es heute schon möglich, durch Neutronenbeschuß das gemahlene Pulver einer Keramikscherbe zu analysieren und anhand des damit ermittelten "Fingerabdrucks" Aussagen über die Herkunft des für die Scherbe verwendeten Tons zu treffen. Doch auch wenn, wie im weiterführenden Artikel des Heftes verwendeten Beispiels des Siedlungshügels von Troia, der Herstellungsort eines Keramikgefäßes bestimmt werden kann, so sagt dies nicht unbedingt etwas über den Hersteller aus. Gerade für die Umbruchszeit nach 1200 vor unserer Zeitrechnung sind Antworten hierauf rein spekulativ:

Die Frage, ob nun alteingesessene lokale Töpfer die Gefäße herstellten, oder ob es sich um eingewanderte Töpfer handelte, die ihre Gefäße in alter Tradition frei formten, kann auf diese Weise jedoch nicht geklärt werden. [2]

Cover AiDWomit wir beim vor allem in prähistorischen Zeiten auftretenden Problem sind, daß über eine Keramikanalyse keine Aussagen über die Ethnizität der Hersteller getroffen werden kann. Wobei es ohnehin fragwürdig ist, für die Zeit vor der schriftlichen Überlieferung die Konstruktion einer Ethnie oder Abstammung zu verwenden. Weder gibt es Anhaltspunkte dafür, daß die damaligen Menschen sich so verstanden haben könnten, noch gibt es Hinweise auf igendwelche halbwegs homogene Bevölkerungsstrukturen, die es uns erlauben würden, das moderne Konstrukt der Ethnie zu verwenden. Diese Fragestellung ist von nicht unerheblicher Relevanz für den Prozeß, den wir als Neolithische Revolution bezeichnen, als sich Ackerbau und Viehzucht aus dem heutigen Kurdistan bis nach Westeuropa ausbreiteten.

Im wahrscheinlichen Ursprungsgebiet dieser Neolithischen Revolution fällt auf, daß der Ackerbau der Viehzucht offensichtlich voranging. Unterstützt wird diese Sichtweise durch eine Isotopenanalyse des möglichen Speiseplans dieser jungsteinzeitlichen Menschen. Die Herkunft der Eiweißanteile der Nahrung läßt sich am in Skelettfunden häufig konservierten Struktureiweiß Kollagen bestimmen. Hier spielt das Verhältnis zweier Kohlenstoff- und zweier Stickstoff-Isotope eine Rolle. Ähnlich kann der über das Trinkwasser aufgenommene Sauerstoff im Knochen dazu herangezogen werden, um die damalige Umgebungstemperatur zu ermitteln. Allerdings muß darauf geachtet werden, daß die zur Isotopenbestimmung verwendeten Fundstücke nicht verunreinigt werden.

Tierische Milch ist nicht unbedingt ein geeignetes Nahrungsmittel, weil beim Mensch von seiner genetischen Ausstattung her die Produktion der notwendigen Enzyme noch in der Kindheit gedrosselt wird. Der erwachsene Mensch verträgt Milch eigentlich nur in kleinsten Mengen, und von daher ist es schon erstaunlich, wie der Siegeszug der auf Ackerbau und Viehzucht beruhenden neolithischen Lebensweise dazu führte, daß Milch zu einem wichtigen Lebensmittelbestandteil avancierte. Möglicherweise verfügten in Europa schon während der Altsteinzeit einzelne Individuen über den – wie man und frau das heute benennen würde – Gendefekt, auch nach der Kindheit das für den Milchabbau notwendige Enzym in ausreichender Menge zu produzieren.

Wir sehen hier, daß Gendefekte immer eine Frage der Definition sind; und diese Definition ist immer auch interessegeleitet. Als nun die Hausrinder aus den Weiten Anatoliens nach Europa gebracht wurden, konsumierten die damaligen Menschen nicht nur das Fleisch, sondern offensichtlich auch die Milch. Joachim Burger und Ruth Bollongino stellen in ihrem Artikel über Mensch und Milch in den Raum, daß diese Fähigkeit zur Milchaufnahme einen Selektionsvorteil ergab, der an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wurde. Ich bin da eher skeptisch, weil ich diese Art genetischen Darwinismus in seinen sozialen Interpretationen für höchst problematisch halte, wie er auch in folgendem Gedanken zum Ausdruck kommt:

Mit einem Mal stand ihnen ein nährstoffreiches Getränk zur Verfügung, das die meisten ihrer Nachbarn nicht vertrugen. Bauern mit Mutation brachten ihre Kinder nach dem Abstillen besser über den Winter und hatten auch selbst einen kleinen Selektionsvorteil, zumindest in Jahren des Mangels und der Missernten. Über die Jahre standen somit mehr Arbeitskräfte zur Verfügung, größere Ackerflächen konnten effizienter bewirtschaftet werden, es entstand Wohlstand, wodurch man möglicherweise noch mehr Rinder anschaffen konnte. Aufgrund von Wohlstand und Reichtum entwickelte sich Prestige und Macht, und es ist denkbar, dass auf diesem Weg die anfängliche natürliche Selektion durch kulturelle Mechanismen und Sozialstrukturen weitergeführt und verfestigt wurden. Natürlich ist Letzteres sehr hypothetisch […]. [3]

Es ist nicht nur hypothetisch, sondern falsch. Es gibt keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Nahrungskonsum und Arbeitskraftproduktion auf der einen und Wohlstand und Prestige auf der anderen Seite. Hier schlägt die neoliberale Theorie der suboptimalen Verwertung des Humankapitals durch, doch die Realität zeigt uns, daß von den emsig schuftenden Arbeitskräften mit Selektionsvorteil diejenigen profitieren, die über die Produktionsmittel verfügen. Im Grunde genommen müßten wir alle als Milchtrinkerinnen und Lactosekonsumenten jetzt steinreich sein. Und das ist so offensichtlich falsch, daß ich mich immer wieder frage, weshalb die offenkundigen Widersprüche einer Hypothese dennoch die Runde machen. Hingegen ist durchaus festzuhalten, daß ganz offensichtlich schon im neolithischen Europa Milch vermehrt konsumiert wurde. Mehr nicht.

Insofern ist es immer sinnvoll, die sich naturwissenschaftlich und damit objektiv gebenden Untersuchungsergebnisse auf ihre ideologischen Voraussetzungen zu überprüfen. Wenn wir dies im Kopf haben, kann die Zeitschrift Archäologie in Deutschland durchaus zu neuen Erkenntnissen und Fragestellungen führen. Das Einzelheft kostet 9 Euro 95, das Jahresabonnement mit sechs Heften kostet 49 Euro 90. Weitere Informationen bietet das Internet unter www.aid-magazin.de.

 

Braune Spuren, leere Köpfe

Besprechung von : FreibÄrger, Hefte 60 und 61, 2008, jeweils 12 Seiten, € 0,50

Selten erfahren wir etwas aus Darmstadts sächsischer Partnerstadt Freiberg. Das Darmstädter Echo bringt alle Jubeljahre einmal einen Artikel der dort ansässigen Journalistin Sabine Ebert und die Frankfurter Rundschau verzichtet für ihre Darmstädter Lokalausgabe gleich ganz auf diesen Luxus. Dabei gibt es neben der lokalen Freiberger Presse auch eine alternative Zeitung, die sogar den Vorteil hat, wirklich alternativ zu sein und sich daher nicht dem mainstreamigen Betroffenheitsgefasel zu unterwerfen.

Nun tummeln sich in Sachsen auch weitaus mehr Neonazis als im beschaulichen Darmstadt, weshalb einer der Schwerpunkte der in der Regel alle zwei Monate erscheinenden Zeitschrift in der Darstellung dieses Neonazi-Unwesens besteht. Doch die Herausgeberinnen und Herausgeber des FreibÄrger bleiben hierbei nicht stehen. Offensiv thematisieren sie den städtischen und staatlichen Umgang mit den einheimischen und zugereisten Neonazis. Insbesondere kontrastieren sie die öffentlichkeitswirksamen Sonntagsreden der Politik mit der Duldung der neonazistischen Szene.

Im Februarheft wird beispielsweise folgender Vorfall geschildert: Im November letzten Jahres fanden sich zu einer städtischen Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag auch sechzehn deutlich erkennbare Neonazis ein. Die von der SPD gestellte Oberbürgermeisterin Uta Rensch hatte hiermit nicht das geringste Problem. In einer offiziellen Bürgerfragestunde im Januar antwortete sie auf die Frage, ob sie die Teilnahme dieser Neonazis für problematisch halte, ganz demokratisch:

Jeder kann an der Veranstaltung teilnehmen. Die NPD sitzt ja auch mit im Stadtrat. Die Teilnehmer gaben keinen Anlass, dass man sie von der Veranstaltung hätte ausschließen können. […] Gibt es weitere Fragen? [4]

Nun, wer seine Neonazis so willkommen heißt, darf sich nicht wundern, wenn sie im Stadtparlament sitzen. Aber Freiberg nennt sich ja ohnehin gerne eine weltoffene Stadt. Fragt sich nur, für welche Welt.

Interessieren sollte uns auch der Umgang der städtischen Wohnungsgesellschaft in Freiberg mit den älteren Menschen, die nicht aus ihren Wohnungen und ihrem gewachsenen Wohnumfeld verschwinden wollen. Interessieren sollte uns das schon deswegen, weil diese städtische Wohnungsgesellschaft faktisch dem Darmstädter Bauverein gehört [5]. Unter der Überschrift Mit Abrissdrohungen alte Menschen mürbe machen wird der Schriftwechsel zwischen dem Netzwerk für altersgerechtes Wohnen und dem damals noch amtierenden sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt dokumentiert. Spannend ist diese Auseinandersetzung auch deshalb, weil es für den Abriß und Umbau des reichlich vorhandenen Wohnraums Fördermittel gibt. Und jeder ordentliche Hausbesitzer wird es ohnehin begrüßen, wenn es weniger Wohnraum gibt, denn dies macht eine Immobilie doch erst so richtig profitabel. Kein Wunder, wenn die Hauseigentümer eine eigene Fraktion im Freiberger Stadtparlament stellen.

Und dann sind auch noch die Mörder unter uns. Nein, es handelt sich nicht um einen weiteren Krimi, sondern um deutsche Realität. Sozusagen um Vergangenheitsbewältigung. Lassen wir daher den FreibÄrger, der dieses Jahr zehn Jahre alt wird, zu Wort kommen:

Mehr als vierzig junge AntifaschistInnen fanden sich in Freiberg zusammen, um in unmittelbarer Nähe zum Markt einen Infostand durchzuführen. Es handelte sich um eine Aktion im Rahmen des bundesweiten Aktionstags "Die Mörder sind unter uns!", der sich mit den Massakern an der italienischen Zivilbevölkerung beschäftigt. Obwohl mehrere Täter vom Gericht in La Spezia verurteilt sind, werden sie in Deutschland nicht zur Rechenschaft gezogen. Neben Aktionen in Berlin, Nürnberg, Hamburg, Bremen oder Österreich gab es auch die beiden in Sachsen. Bekannt ist der ehemalige SS-Mann Alfred Concina, der im Freiberger Altenheim lebt und für das Verbrechen in der toskanischen Gemeinde Sant'Anna di Stazzema [von einem italienischen Gericht] verurteilt ist. [6]

Wundert es da, wenn im sächsischen Mittweida dem Antifaschistische Ratschlag die Räumlichkeiten verweigert werden? So ein Ratschlag ist schließlich imageschädigend, könnte man und frau dann doch auf die Idee kommen, daß es in Mittweida Neonazis gibt. Und die gibt es. Unter den Augen des Staatsschutzes dürfen sie ihr Unwesen treiben. Nicht nur dort, sondern auch im weltoffenen Freiberg. Peinlich hingegen ist es, wenn die Linke alias PDS keine Protestaktion gegen die Weigerung Mittweidas durchführt, sondern den Ratschlag lieber zwei Monate später in Chemnitz stattfinden läßt. Hintergründe hierzu sind ebenfalls im FreibÄrger nachzulesen.

Auch das aktuelle Aprilheft dreht sich um alte und neue Nazis und betrachtet eine Kampagne der PDS kritisch, die Nazis aus den Köpfen zu vertreiben. Müßte man und frau nicht eigentlich in die Köpfe bekommen, daß das rechte Gedankengut längst im Alltag wiederzufinden ist? Wohin also mit den Nazis? Die im FreibÄrger vertretene Position ist klar und einsichtig:

Sie müssen weg, kein Zutritt auf die Bühne der Öffentlichkeit, keine Propagandashows von Nazis wie alljährlich zum 13. Februar in Dresden! Darum muss es einer linken, antifaschistischen Politik gehen – mit allen Mitteln. Dazu ist eine Ernsthaftigkeit in der permanenten Auseinandersetzung mit Nazis gefragt, die über Wahlkampfsprüche hinausgeht. Dafür muss eine linke, antifaschistische Partei die Logistik und die ökonomischen Grundlagen vor Ort schaffen. Im Landkreis Freiberg ist davon kaum etwas zu sehen. Es gibt keinen geeigneten Treffpunkt für AntifaschistInnen, der mit einem Archiv ausgestattet ist, in dem die Auseinandersetzungen mit der faschistischen Ideologie, bündnispolitische Arbeit etc. dokumentiert vorzufinden sind. Die Köpfe sind leer und es herrscht Ebbe im Gehirn der Klugen. [7]

Noch Fragen? Nun, was Freiberg betrifft, so gibt es in der Tat mehr Fragen als Antworten, und das hier weiterführende Diskussionsforum heißt FreibÄrger. Wer die Zeitschrift regelmäßig beziehen möchte, um zu wissen, was Partnerschaft wirklich bedeutet, findet den Kontakt auf der Webseite www.freibaerger.de.

 

Cornflakes zum Nachplappern

Besprechung von : Lunapark21, Heft 1/2008, 72 Seiten, €5,50

Anfang des Jahres ist mit Lunapark21 eine neue Zeitschrift erschienen, die mit nicht geringem Anspruch es sich zur Aufgabe macht, den aktuellen Kapitalismus zu erklären und solidarisches Engagement und Gegenwehr zu fördern. Die linke, radikale und antikapitalistische Ausrichtung der Zeitschrift kommt nicht als Dogma daher. Vielmehr will sie die Grundlagen der kapitalistischen Welt verständlich vermitteln und gleichzeitig verdeutlichen, daß der Kapitalismus nicht als gerechter, von seinen unschönen Auswüchsen korrumpierter Lebenstraum denkbar ist. Schonungslos zeigt sich hier der Kapitalismus, wie er ist – und so ergibt sich auch die Assoziation zum Namen der neuen Zeitschrift:

Antworten wird es nicht geben ohne Verbindung zu denen, die die Verhältnisse erleiden, die erarbeiten oder denen genommen wird, was die anderen haben. Der Glanz der globalen Lunaparks ist, wie das vom Erdtrabanten reflektierte, ein kaltes Licht. Das eine ist der Sonne, das andere der wahren Produzenten des Reichtums geschuldet. [8]

Schreibt im Vorwort der Schauspieler und Gewerkschafter Rolf Becker, nicht ohne auf Brechts Frage zu verweisen, wer denn das siebentorige Theben erbaut habe.

Cover Lunapark 21So als habe die Redaktion der Zeitschrift den passenden Zeitpunkt zur Herausgabe erahnt, beschäftigen sich mehrere Aufsätze mit dem globalen Finanzsystem, das durch die US-Hypothekenkrise und die Zockerei der Société Générale das labile Fundament der kapitalistischen Wirtschaft wieder vor Augen geführt hat. Nun stellt sich durchaus die Frage, ob Milliardenverluste im Börsenfieber nicht zwangsläufig ein notwendiger Anpassungsmechanismus einer im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts in die Krise geratenenen fordistischen Akkumulationsmodells darstellen.

Viel bedeutsamer sind hier jedoch die massiven Angriffe auf die Löhne und Gehälter, Renten und Sozialleistungen. Die Umverteilung des Reichtums ist weder Zufall noch ungerecht, sondern Programm. So gesehen ist es die Aufgabe einer dem aktuellen Stand der globalen Ausbeutungsverhältnisse angemessenen Analyse, hier nicht nur Klarheit zu vermitteln, sondern auch die Unvermeidbarkeit derartiger Krisenbewältigungsprozesse herauszuarbeiten. Wir sind es, die die Knochen dafür herhalten müssen, und wir sind es, denen das derart funktionierende System Balsam in Castingshows, Konsumräuschen und medikamentösen Drogencocktails verheißt.

Es ist nach einer Ausgabe schwer zu sagen, ob diese neue Zeitschrift Lunapark21 diesem Anspruch gerecht wird. Zu heterogen ist der Herausgeberinnen- und Herausgeberkreis, zu unterschiedlich sind die gesellschafts- und wirtschaftsanalytischen Ansätze und Vorstellungen. Machen wir das Beste daraus und lesen uns einfach hinein, verfolgen den Diskurs und ziehen uns das heraus, was uns in unserem politischen Alltag genauso weiterhilft wie bei der Arbeit, im sich auflösenden Familienverband oder in den gesellschaftlichen Zurichtungsstätten wie Schulen, Universitäten und Arbeitsagenturen.

Die Namen der Autorinnen und Autoren versprechen Kompetenz und neue, interessante Einsichten. Winfried Wolf führt uns in das globale CasinoCapital ein. Gisela Notz erklärt uns die Fallstricke der Diskussion über das Grundeinkommen in all seinen kapital-verwertbaren Facetten. Bernard Schmid räumt mit der einen oder anderen Illusion über das kämpferische Frankreich auf. Hannes Hofbauer lenkt unseren Blick nach Österreich und in die vom Raubtierkapitalismus gierig verschlungenen Staaten und Ökonomien des ehemaligen Realen Sozialismus. Gerhard Klas erklärt uns, warum Coca Cola nicht nur in Indien in der Kritik steht. Hochinteressant die Ausführungen von Jörg Becker, Detlef Hensche und Ralph Altmann zum Journalismus der öffentlich-rechtlichen Sender und dazu, wie wir das Programm der privaten Kommerzsender finanzieren.

Sie haben gar keinen Fernseher und zahlen auch keine GEZ-Gebühr? Macht nichts, für das Privatfernsehen blechen Sie trotzdem, und nicht zu knapp.

8,3 Milliarden erlösen die privaten Fernsehsender im Jahr 2006 mit Werbesendungen. Das Geld stammt letztlich aus den Geldbörsen derjenigen, welche die beworbenen Produkte kaufen. Vor allem bei neuen, "trendigen" Produkten übersteigt der im Verkaufspreis enthaltene Anteil für Werbung die Herstellungskosten oft um ein Vielfaches. Gutgläubige Rentner lassen sich ja manchmal auf Kaffeefahrten überteuerte Produkte aufschwatzen  – ihren coolen Enkeln zuhause vor der Glotze geschieht genau das Gleiche, nur öfter. […]

Auf jeden Haushalt entfallen also im Durchschnitt 593 Euro für Fernsehwerbung pro Jahr – fast das Dreifache der GEZ-Gebühr (204 Euro). Von dieser kann man sich unter bestimmten Voraussetzungen befreien lassen, von der "Privatsendergebühr" gibt es keine Befreiung, ausgenommen Konsumverzicht. Ist die Privatsendergebühr wenigstens gerechter als die GEZ-Flatrate? Im Luxusauto stecken natürlich weit mehr Werbe-Euros als in der Conflakepackung, doch wird es auch seltener gekauft. Die teilweise ganz offensichtliche Ausrichtung der privaten Programme auf Arbeitslose und sozial Schwache legt zumindest den Verdacht nahe, dass diese Schichten auch den Löwenanteil an diesen Werbeeinnahmen tragen. [9]

Die gequirlte Scheiße dieser angeblich spaßigen Programme wird auch auf diesem Sender rezykliert und in der manirierten Moderation, als Star-News und im lobpreisenden Abdudeln knallhart auf Verkauf getrimmter kommerzieller Popmusik mehr schlecht als recht kopiert. Aber Achtung: das Aussprechen derartiger Wahrheiten kann bei Radio Darmstadt zu Sende- und Hausverboten führen, vervollständigt durch üble Verleumdungsarien, die der Einladung zur Mitgliederversammlung des Trägervereins von Radio Darmstadt am 9. Mai beiliegen. [10]

Wer glaubt, Kapitalismuskritik sei langweilig, wer ahnungslos daherplappert, Marx sei veraltet, wird hier auf Unerwartetes stoßen. Keine seichten Seifenopern, sondern auf nützliche Basisinformationen im alltäglichen Kampf gegen eine Bestie, die es längst nicht mehr nur auf unsere Arbeitskraft, sondern auf unsere Köpfe und Herzen abgesehen hat. Lunapark21 kostet als Einzelheft 5 Euro 50, im Jahresabo mit vier Heften 22 Euro. Weitere Informationen finden sich auf der Webseite www.lunapark21.net.

 

Das Mißverständnis des Westfälischen Friedens

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 1/2008, 94 Seiten, € 9,50

Im Februarheft der Zeitschrift Mittelweg 36 aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung wird der neumodischen Begrifflichkeit sogenannter asymmetrischer Kriege weiter nachgegangen. Dierk Walter untersucht derartige Asymmetrien in Kolonialkriegen und räumt in seinem Fazit mit zwei derzeit in der Diskussion vorherrschenden Mißverständnissen auf.

Das erste Mißverständnis ist ein eher einfaches und längst populäres. Demnach werden Kriege als solche nach der Maxime von Clausewitz geführt. Es sind symmetrische Kriege zwischen Staaten. Alles andere sind Ausnahmen und Abweichungen von einem normalen Muster. Dies ist zwar nicht mehr Stand der Forschung, aber im Diskurs über den Krieg in der Gegenwart immer noch das vorherrschende Bild.

Das zweite Mißverständnis ist komplexer. Das Streben nach symmetrischen und verregelten Kriegen, etwa über das europäisch definierte Völkerrecht, sei zwar eine Ausnahme und eigentlich nur in den Kernstaaten der westlichen Welt in den vergangenen zwei Jahrhunderten anzutreffen gewesen. Diese Vorstellung ist Teil des kollektiven Gedächtnisses der westlichen Welt, weshalb die zur Zeit geführten Kriege als eine Rückkehr vor die Zeit des Westfälischen Friedens gedeutet wird. Dem hält Dierk Walter entgegen:

In Wahrheit haben primär von Asymmetrien geprägte Kriege in der Welt und der Weltgeschichte überhaupt nie aufgehört. Dieselben Mächte, die in der nördlichen Hemisphäre symmetrische Staatenkriege ausgetragen oder doch zumindest vorgegeben haben, dem hehren Prinzip der Symmetrie verpflichtet zu sein, haben gleichzeitig in kleinen, asymmetrischen, »schmutzigen« Kriegen an der kolonialen Peripherie rücksichtslos ihre massive Überlegenheit gegenüber ihren indigenen Gegnern ausgebeutet. Von dominanten Asymmetrien geprägte Kriege haben nie aufgehört, die vorherrschende Erscheinungsform, die primäre Realität von kollektiver Gewaltanwendung zu sein – nicht einmal für die meisten Mächte der nördlichen Hemisphäre […]. [11]

Woraus Dierk Walter folgert, daß man und frau die Entwicklungsgeschichte des Krieges nur dann verstehen kann, wenn wir gerade die Kriege begreifen, die von Asymmetrien geprägt sind. Sein Aufsatz über das Wesen imperialer Kriege in den vergangenen fünf Jahrhunderten ist hierbei in interessanter Ansatz. Dennoch stellt sich die Frage, ob Kriege unter kapitalistischen Vorzeichen anderen Prioritäten und Prämissen folgen als die Kriege der Antike oder des Feudalismus.

Ein Beispiel für die Verlogenheit, mit der zu Beginn der zivilisierten Ära des 21. Jahrhunderts Kriege legitimiert und geführt werden, mag in der Darstellung des US-amerikanischen Journalisten Thomas Powers zu finden sein. Er untersucht die Memoiren des ehemaligen CIA-Chefs George Tenet darauf, wie selbiger selbst heute noch zu verbreiten sucht, daß seine Geheimdienstspezialisten allen Ernstes davon überzeugt waren, daß der Irak Massenvernichtungswaffen besessen hatte und daher ein Krieg unvermeidlich war. In den USA ist diese Behauptung auch heute noch salonfähig, auch wenn selbst Jahre nach der Invasion immer noch keine Beweise vorliegen.

Das sagt allerdings weniger über den geistigen Zustand der US-amerikanischen Bevölkerung aus, sondern mehr über die Möglichkeiten der Massensuggestion und der medialen Vorherrschaft. [12]

Die Frage ist demnach weniger, was George Tenet wirklich gewußt hat, sondern die, wie er seinem Publikum verkaufen will, daß er nur in bester Absicht gehandelt habe. Nun sind Geheimdienste nicht gerade dafür bekannt, die besten Absichten zu hegen, und das liegt in der Natur der Sache. Daß die CIA zudem eine Organisation mit dem Freibrief zu kriminellen Handlungen ist, vervollständigt das Bild.

 

Der Neoliberalismus und die Korruption

Einen anderen Aspekt moderner Geschäftspraktiken in Zeiten der neoliberalen Umgestaltung ganzer Lebensbereiche beleuchtet der Soziologe Dirk Tänzler. Aus der Fragestellung eines europaweiten Forschungsprojekts über Korruption gelingt ihm die bemerkenswerte Einsicht, daß er die Vorgaben seiner Forschungen über Bord werfen muß, um das Phänomen der Korruption in Europa besser zu fassen zu bekommen.

Cover Mittelweg 36Nun ist es nicht von der Hand zu weisen, daß eine kapitalistische Gesellschaft, deren Geschäftsprinzip der Profit ist, gar nicht ohne das Schmiermittel des Geldes auskommen kann. Hierbei handelt es sich nicht um vorkapitalistische Relikte oder um Hemmnisse für die Entfaltung des Marktes. Vielmehr entfaltet sich der Markt ohnehin eher über ein Einflußnahme, Gewalt, ja auch Kriege, und so betrachtet ist die Korruption ein eigentlich recht kleines Übel.

Dennoch haben auch die neoliberalen Ideologen bemerkt, daß sie die gegebenen verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen nur dann aufbrechen können, wenn sie alle Bereiche angehen, in denen Geschäfte unter Umgehung von direkten Marktmechanismen abgewickelt werden. Die seit einigen Jahren öffentlichkeitswirksam zelebrierten Anti-Korruptions-Kampagnen haben demnach weniger das Ziel, ungerechte Strukturen abzubauen, als vielmehr die Absicht, korporativ gewachsene Strukturen des Sozialstaates zu zerschlagen.

Daß nebenbei eine mächtige Antikorruptionsindustrie wachsende Umsätze verzeichnet, paßt ins Bild. Dirk Tänzler ist Koordinator des EU-Projekts Kriminalität als kulturelles Problem. Die Relevanz der Wahrnehmung von Korruption für die Kriminalitätsprävention. Eine vergleichende Studie zwischen den EU-Beitragskandidaten auf der einen und Deutschland und Griechenland auf der anderen Seite.

Interessant ist, daß gerade der Transformationsprozeß in den osteuropäischen Staaten ganz neue Formen der Korruption ermöglicht hat, während gleichzeitig eine gewisse Alltagskorruption in der dortigen gesellschaftlichen Wahrnehmung als normal und relativ unschädlich angesehen wird. Im Gegensatz dazu wird die Korruption, die aus der gnadenlosen kapitalistischen Umgestaltung der ehemaligen realsozialistischen Gesellschaften herrührt, als ein Übel betrachtet – nicht zuletzt deshalb, weil der damit verbundene soziale Kahlschlag dunklen Mächten zugeschrieben werden kann. Die Alltagskorruption ist hingegen in der Lage, derartige Ungerechtigkeiten in einem gewissen Rahmen zu unterlaufen, auch wenn sich hierdurch Macht- und Klientelstrukturen bilden und verfestigen.

Dirk Tänzler stellt nun fest, daß sich auch in Deutschland neue Formen der Korruption herausbilden, und zwar ebenfalls als Folge eines Modernisierungsprozesses. Die Neoliberalisierung hat längst die staatlichen und kommunalen Verwaltungen erreicht. Alles wird in Geld und Kennziffern gemessen. Mittels neumodischer Umverteilungsmechanismen wie New Public Management und Public Private Partnership wird nicht nur Gemeineigentum verschoben, sondern es trifft zudem die Beschäftigten der staatlichen und kommunalen Verwaltungen ganz direkt. Ihre Arbeitsplätze sind nicht mehr sicher, ihre Zukunft ist ähnlich gefährdet wie die der Beschäftigten der Privatwirtschaft.

Was liegt also näher, den Umgestaltungsprozeß zum eigenen Vorteil und zur eigenen finanziellen Absicherung zu nutzen? Wobei auch hier die korrumpierenden Elemente als Schmiermittel eines auf Effizienz getrimmten widersprüchlichen Prozesses betrachtet werden können. Auch der Neoliberalismus benötigt demnach gewisse Formen der Korruption, um sein Ziel ohne allzu große Reibungsverluste erreichen zu können. Oder in den Worten von Dirk Tänzler:

Die Korruption ist Folge eines strukturellen Zielkonflikts zwischen Verwaltungs- und unternehmerischen Handeln unter privatwirtschaftlichen Bedingungen, aus dem sich ein Rollen- und Identitätsproblem für den Staatsdiener entwickelt. […] Die angestrebte unternehmerische Kundenorientierung erfährt eine Zweckverschiebung, in deren Folge der Sachbearbeiter auf der Ausländerbehörde wie der Universitätsprofessor das Beamtenethos zugunsten der Wahrnehmung eigener Vorteile umdeutet – dies weniger aus reiner Willkür, sondern in Reaktion auf strukturelle Zwänge, etwa zur Abwehr sinnloser, weil pseudomarktwirtschaftlicher Leistungsevaluationen, oder zum Schutz eigener Interessen, z.B. zur Abwehr einer drohenden Prekarisierung des sozialen Status durch die Privatisierung der Daseinsvorsorge. [13]

Diesen Aufsatz von Dirk Tänzler über die Korruption als Metapher finde ich persönlich den anregendsten des Februarheftes der Zeitschrift Mittelweg 36. Mittelweg 36 erscheint alle zwei Monate. Das Einzelheft kostet 9 Euro 50, das Jahresabonnement 48 Euro. Weitere Informationen bietet die Webseite www.mittelweg36.de.

 

Die Karriereleiter und die Repression

Besprechung von : Die Rote Hilfe 1/2008, 64 Seiten, € 2,00

Wer sich in einem rechtsstaatlich verfaßten Land wie der Bundesrepublik Deutschland politisch organisiert und sich hierbei nicht auf einen überhaupt nicht mehr emanzipatorisch verstandenen Reformwillen bürgerlicher Parteien verläßt, kann durchaus in das Visier von Staatsschutzbehörden und des Justizapparates gelangen. Der Begriff der politischen Justiz ist auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts aktuell, weshalb eine Organisation wie die Rote Hilfe ein wichtiger Bestandteil politischer Verteidigung und Öffentlichkeitsarbeit ist. Die Rote Hilfe versteht sich als eine parteiunabhängige, störmungsübergreifende linke Schutz- und Solidaritätsorganisation. Sie gibt drei bis vier Mal im Jahr ihre gleichnamige Zeitschrift heraus.

In die Schlagzeilen auch der bürgerlichen Presse geriet die Rote Hilfe Ende letzten Jahres. Am 24. November [2007] wurde Franziska Drohsel mit dem besten Wahlergebnis der letzten vier Jahrzehnte zur Bundesvorsitzenden der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD gewählt. Dieser Posten kann durchaus als Sprungbrett zu einer weiteren Parteikarriere aufgefaßt werden, und doch merkt die Januarausgabe der Zeitschrift Die Rote Hilfe leicht spöttisch an:

Ein umfallender Sack Reis ist ähnlich spektakulär – zumal ja im Moment nicht einmal abgemacht ist, dass die SPD in den kommenden Jahren überhaupt die 5%-Hürde meistert. [14]

Cover Die Rote HilfeNun ist der Sack jedoch umgefallen und dabei stellte sich heraus, daß Franziska Drohsel Mitglied der Roten Hilfe gewesen ist. Nun hat sie das nicht verheimlicht, es stand sogar auf ihrer Webseite. Doch der bürgerlichen Presse ist eine sich als links verstehende Sozialdemokratin suspekt, obwohl sogar einmal ein gewisser Gerhard Schröder zur Jugendlinken gezählt hatte. Aus der CDU gab es Rücktrittsforderungen und die SPD tat das, was sie in solchen Fällen immer tut. Sie tagt im Geheimen, übt Druck aus und beweist sich zum längst überflüssig wiederholten Male als treuer und zuverlässiger Partner der neoliberalen Standortlogik. Das Personal wird von störenden Restbeständen linker Positionierung entschlackt und folglich trat Franziska Drohsel aus der Roten Hilfe aus.

Die Jungsozialistinnen und Jungsozialisten aus dem Landkreis Darmstadt-Dieburg haben sich in vorauseilendem Gehorsam auf ihrer Jahreshauptversammlung Anfang des Jahres dann auch gleich in Junge Sozialdemokraten umbenannt. Zwar behaupten sie allen Ernstes, links und modern zu sein, doch sind sie nicht rückwärtsgewandt und rezitieren Marx, sondern vorwärtsgewandt und wollen die neoliberale Gesellschaft mitgestalten. [15]

Hier Parallelen zu Darmstadts Lokalradio zu finden, fällt nicht schwer, zumal einer der freien Mitarbeiter des lokalen Juso-Vorstands auch Vorstandsmitglied des Trägervereins dieses Lokalradios ist. Dieser Verein brüstet sich in neoliberalem Erfolgsdeutsch damit, die Lohnkosten radikal gesenkt zu haben [16]. Diese jusozialdemokratische Erfolgsgeschichte sollte jede Gewerkschafterin und jeden Gewerkschafter empören, die zur Zeit für halbwegs verträgliche Löhne, Gehälter und Arbeitszeiten streiken. Aber die Realität dieser Gesellschaft findet sich bei Radio Darmstadt ohnehin vermehrt als anspruchsloses Spaßradio wieder.

Doch zurück zur Roten Hilfe. Ohne Marx zu rezitieren, aber mit Marx im Hinterkopf und in der Tradition der politischen Kämpfe der Vergangenheit, engagiert sich die Rote Hilfe vor allem bei der politischen und finanziellen Unterstützung von politischer Gesinnungsjustiz verfolgter Menschen. Sie informiert darüber, daß ein antifaschistischer Gewerkschafter von seiner Gewerkschaft entlassen wurde, weil er sich gegen Nazis gewehrt hat, anstatt nur davon zu reden, man müsse sich gegen Nazis engagieren. Wir erhalten Hintergründe zur großangelegten Repressionsorgie anläßlich des letztjährigen G8-Gipfels vom Scheinheiligendamm, insbesondere der damit verbundenen Terrorismusvorwürfe. Wie kaum anders zu erwarten, werden diesbezügliche polizeiliche Maßnahmen im Nachhinein für rechtswidrig erklärt, was den Betroffenen nur wenig hilft, weil sie effektiv am politischen Handeln gehindert worden sind. Was ja auch der Sinn der Übung war.

Buchcover Peter Brückner "Zerstörung des Gehorsams"Daß die Bundeswehr längst auch im Inneren eingesetzt wird, kann nur diejenigen überraschen, die sich noch den Illusionen einer bürgerlichen Demokratie hingeben. Die Januarausgabe der Roten Hilfe ist dazu geeignet, derartigen Illusionen mit fundierter Aufklärungsarbeit zu begegnen. Daß Polizei und Nazis punktuell zusammenarbeiten, ist dann kein Zufall mehr, sondern eher logisch, genauso, wie mit einem totalen Kriegsdienstverweigerer vor Gericht umgesprungen wird, der sich nicht zum ausführenden Organ einer den Hindukusch verteidigenden imperialen Einsatzlogik machen wollte.

Hervorzuheben ist der Wiederabdruck eines Textes des 1982 verstorbenen Sozialpsychologen und Psychoanalytikers Peter Brückner. Seine Anmerkungen zur psychologischen Kriegsführung in der BRD erschienen 1976 und erweisen sich auch heute noch als eine lesenswerte Lektüre zu den Zuständen dieses neoliberal gewendeten Landes. Es ist kein Zufall, daß sich Brückner in seinen Ausführungen auf den Experten des Anti-Guerillakrieges Frank Kitson bezieht, der in den 1950er und 1960er Jahren international anerkannter Experte für Aufstandsbekämpfung gewesen ist.

Kitsons Buch Im Vorfeld des Krieges beschreibt sehr anschaulich, wie selbst unscheinbare, ganz und gar bürgerlich-demokratische Bewegungen systematisch zu beobachten, zu infiltrieren und zu bekämpfen sind, wenn sie den Sinn und Zweck bürgerlicher Herrschaft gefährden könnten – nämlich das Geschäftsprinzip jeder gut eingeführten kapitalistischen Gesellschaft, das sich über den Profit vermittelt. Peter Brückner gelingt es sehr eindrücklich, dieses in der Dritten Welt entwickelte Konzept auch in den westlichen Metropolen wiederzufinden und aufzuzeigen.

Studierende, die gegen die Studiengebühren demonstriert haben, finden hier sehr anschaulich die Gründe, weshalb manche ihrer Protestaktionen kriminalisiert werden mußten. Was kriminell ist, bestimmt bekanntlich das Strafgesetzbuch der herrschenden Klasse – und die denkt sich schließlich etwas dabei.

Informationen zur Repression gegen Kurdinnen und Kurden in Deutschland und zum Stand des rassistischen Verfahrens gegen Mumia Abu-Jamal runden das Heft ab. Die Rote Hilfe kostet als Einzelheft 2 Euro und kann über den Literaturvertrieb der Roten Hilfe in Kiel bezogen werden. Weiterführende Informationen finden sich auf der Webseite www.rote-hilfe.de.

 

Die etwas anderen chemischen Kampfstoffe

Besprechung von : Pharma-Brief 1/2008

Cover Pharma-BriefVor vier Jahren gab die BUKO Pharma-Kampagne eine Broschüre zu den sprudelnden Geschäften mit deutschen Medikamenten in der Dritten Welt heraus. Das Fazit war ernüchternd und stellte dem Standort Deutschland ein angemessenes Urteil aus: Deutsche Produkte sind häufig medizinisch veraltet, schädlich oder unsinnig zusammengesetzt. Weder werden lokale Krankheiten und spezielle Bedürfnisse der jeweiligen Bevölkerungen berücksichtigt noch tragen diese Arzneimittel zu einer ausreichenden Basisversorgung mit lebenswichtigen Mitteln bei. Dies ist jedoch auch nicht beabsichtigt, denn das Geschäft mit der Medizin ist eben ein Geschäft und kein Wohlfahrtsunternehmen. Folglich werden ein Viertel derart fragwürdiger Medikamente auch in Deutschland angeboten. [17]

In einer Gesellschaft, deren Profitorientierung krank macht und in der Menschen, die ihre Leistung nicht abrufen können oder wollen, ausgesondert und beiseite geschoben werden, wittern Pharmaunternehmen eine zweite Chance. Gerade diejenigen, die sich den Luxus sinnloser Medikamentionen nicht leisten können, sollen durch Werbung gezielt desinformiert und zum Konsum angeregt werden können. In diesem Sinne soll die Europäische Union der Phrmaindustrie erlauben, Patientinnen und Patienten direkt über rezeptpflichtige Medikamente zu "informieren".

Über derartige Praktiken und deren Nutznießer informiert der alle zwei Monate erscheinende Rundbrief der BUKO Pharma-Kampagne. Hierin werden nicht nur die geschäftsfördernden, aber nicht unbedingt gesünder machenden Praktiken der Pharmaindustrie dargestellt, sondern auch Erfolge eines Drucks von unten, der Pharmafirmen zwingt, lebenswichtige Medikamente, beispielsweise gegen AIDS, zu erschwinglichen Preisen anzubieten. Ein Mittel hierzu sind Zwangslizenzen in Drittweltländern, die verhindern, daß über Patente exorbitante Preise gefordert und entsprechende Gewinne abgeschöpft werden können, während diejenigen, welche den Zugang zu derartigen Medikamenten am dringendsten benötigen, mangels Kleingeld nicht berücksichtigt werden.

Doch auch in Deutschland sind Kontrollen unzureichend, gerade auf dem Markt für rezeptpflichtige Medikation, wie der Pharma-Brief in seiner Januarausgabe feststellt. Zwar ist die Laienwerbung verboten, und doch finden findige Unternehmen genügend Schlupflöcher, die von den Aufsichtsbehörden aus Personalmangel oder auch bewußt "übersehen" werden. Bemerkenswert sind dann Aussagen wie die des Thüringer Landesamtes für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz:

Im Vergleich sind die Internetseiten der Konkurrenzprodukte ähnlich aufgebaut. [18]

Anstatt auftragsgemäß die Verbraucherinnen und Verbraucher zu schützen und auch bei Konkurrenzprodukten einzuschreiten, wird bei der Firma Jenapharm ganz standortkonform ein Auge zugedrückt. Die scheuen Rehe darf man und frau ja nicht verschrecken. Ohnehin fragt sich, ob diese Art Verbraucherschutz nicht eher den Schutz der Firmen vor allzu informierten Verbraucherinnen bedeutet – und bedeuten soll.

Andernorts ist man weniger zimperlich. So stellte der Oberste Gerichtshof Nigerias Haftbefehle gegen mehrere Mitarbeiter des Pharmakonzerns Pfizer aus, weil diese nicht vor Gericht erschienen waren. Dem war 1996 ein Medikamentenversuch an Kindern vorausgegangen, bei dem mehrere Kinder starben. Fragen wir hier besser nicht nach, wie der Pharmakonzern selbst über seine tödliche Forschung informiert.

Pharma-Brief der BUKO Pharma-Kampagne erscheint alle zwei Monate. Das Jahresabonnement kostet für Einzelpersonen 17 Euro. Weitere Informationen finden sich auf der Internetseite www.bukopharma.de[19]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

In der ersten Stunde des heutigen Alltag und Geschichte Magazins habe ich einige Zeitschriften vorgestellt und hoffe, daß ich euch ein wenig neugierig gemacht habe. Bevor ich das Mikrofon meinem Kollegen Yebrach Negussie übergebe – obwohl: das ist nur virtuell [20], denn aufgrund eines Hausverbots handelt es sich hier um eine vorproduzierte Sendung –, möchte ich euch auf zwei Veranstaltungen hinweisen.

Zum einen auf die Eröffnung der Ausstellung die andere seite mit Fotografien aus dem Leben osteuropäischer Roma. Die Ausstellung ist bis Anfang Juni im Regierungspräsidium am Luisenplatz zu sehen und wird nächste Woche Donnerstag, also am 8. Mai, um 18.00 Uhr eröffnet.

Zum anderen ist, wenn ihr die Sendung am Mittwochabend hört, morgen der 1. Mai. Die Gewerkschaftsdemonstration beginnt um 10.00 Uhr am DGB-Haus und mündet in einer Kundgebung auf dem Marktplatz eine Stunde später. Anschließend gibt es ein Kultur- und Familienfest. Am Abend folgt dann um 20.00 Uhr in der Centralstation ein politisches Kabarett mit Heinrich Pachl und Ingo Börchers; nur der Eintrittspreis ist mit 19 Euro nicht ganz Hartz IV-tauglich.

Natürlich gibt es in den kommenden Tagen noch andere interessante Veranstaltungen. Am besten schaut ihr hierfür auf der Webseite des Politnetz Darmstadt vorbei.

Ich danke der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt für ihre Unterstützung bei der Produktion dieser Sendung. Diese Sendung wird voraussichtlich wiederholt, und zwar am Maifeiertag um 11.00 Uhr. Damit verabschiede ich mich für heute. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Aus Gründen, die noch zu klären sind, gelangte er nicht ins Sendehaus, um seine Sendung zu fahren.

»» [2]   Cornelia Schubert und Nicols Lockhoff : Spurensuche im Scherbenhaufen, in: Archäologie in Deutschland, Heft 2/2008, Seite 26–27, Zitat auf Seite 27.

»» [3]   Joachim Burger und Ruth Bollongino : Mensch und Milch, in: Archäologie in Deutschland, Heft 2/2008, Seite 34–35, Zitat auf Seite 36.

»» [4]   Oberbürgermeisterin trauert bewusst mit Neonazis!, in: FreibÄrger, Heft 60, Februar/März 2008, Seite 2.

»» [5]   Formal besitzt der Bauverein 49% der Anteile. Aufgrund der finanziell desaströsen Auswirkungen eines vorherigen Plattenbaudeals ist die SWG gezwungen, ihre Gewinne vollständig nach Darmstadt zu abzuführen.

»» [6]   Freiberg/Wurzen: "Die Mörder sind unter uns!", in: FreibÄrger, Heft 60, Februar/März 2008, Seite 6.

»» [7]   Nazis in die Köpfe!, in: FreibÄrger, Heft 61, April/Mai 2008, Seite 4.

»» [8]   Rolf Becker : Lunapark? Lunapark! Lunapark21, in: Lunapark21, Heft 1/2008, Seite 3.

»» [9]   Ralph Altmann : Dreimal teurer als öffentlich-rechtlich, in: Lunapark21, Heft 1/2008, Seite 69. [online]

»» [10]   Zu den Vorgängen bei Radio Darmstadt siehe meine ausführliche Dokumentation.

»» [11]   Dierk Walter : Asymmetrien in Imperialkriegen. Ein Beitrag zum Verständnis der Herkunft des Krieges, in: Mittelweg 36, Heft 1/2008, Seite 14–52, Zitat auf Seite 50.

»» [12]    Gewisse Parallelen zu dem geradezu kindischen Aberglauben über die Krise des Trägervereins dieses Lokalradios, einem Aberglauben, der in der vereinsinternen Diskussion nicht durch Fakten widerlegt werden kann, sind geradezu frappierend. Oder anders gesagt: Auch bei Radio Darmstadt gibt es einen Glauben an Massenvernichtungswaffen. Dieser Glauben ist so stark, daß der Verein lieber das von ihm betriebene Loaklradio an die Wand fährt, als den Realitäten ins Auge zu schauen. Siehe auch hierzu meine Dokumentation.

»» [13]   Dirk Tänzler : Korruption als Metapher. Tatsachen, Wahrnehmungen, Deutungsmuster, in: Mittelweg 36, Heft 1/2008, Seite 69–84, Zitat auf Seite 83.

»» [14]   Michael Csaszkóczy : Possenspiel zur Weihnachtszeit: Die Jusos und die Rote Hilfe, in: Die Rote Hilfe, Heft 1/2008, Seite 5–6, Zitat auf Seite 5.

»» [15]   Siehe hierzu den Text Umbenennung der Jungsozialisten in Junge Sozialdemokraten!

»» [16]   Zitat aus dem Einladungsschreiben zur Mitgliederversammlung am 9. Mai 2008: "Neues Personalmodell ist effizienter und bringt Einsparungen. Das von Benjamin Gürkan und Stefan Egerlandt im Winter 2006 entwickelte Personalkonzept freut die Personalchefin Susanne Schuckmann und den Finanzvorstand Peter Fritscher gleichermaßen. Denn trotz der Reduktion der Kosten um über 8000 € (!) wird die Arbeit genauso effizient und gut abgewickelt wie vorher." Das ist natürlich eine Spitze gegen den zu diesem Zeitpunkt geschaßten Kaufmännischen Angestellten. Seltsam ist nur, daß bestimmte Arbeitsgänge nicht mehr erledigt werden können, weil sie mangels Fachwissen der beiden Minijobberinnen nun nicht mehr auffallen. Die Erreichbarkeit des Senders im Jahr 2007 unterschied sich eklatant von der im Jahr 2006 [beleg]. So etwas nennt Herr Gürkan in seinem neoliberal verquasten Duktus allen Ernstes effizient! Aber Mitgliedern, die auch an Massenvernichtungswaffen glauben (siehe oben), kann man nun wirklich jeden Bären aufbinden …

»» [17]   Siehe hierzu meine Besprechung im Radiowecker am 19. Dezember 2004.

»» [18]   Werbekontrolle in Deutschland oft unzureichend, in: Pharma-Brief, Heft 1/2008, Seite 4–5, Zitat auf Seite 4.

»» [19]   Der Pharma-Brief kann auch von der Webseite der BUKO Pharma-Kampagne heruntergeladen werden.

»» [20]   Die nachfolgende Sendung kam nicht zustande. Statt dessen hörten wir ein zwölfminütiges Sendeloch, bevor eine erst drei Stunden zuvor ausgestrahlte Sendung noch einmal eingelegt wurde.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 14. Mai 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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