Sendesignal Radio Darmstadt
Beschämendes Ergebnis

Kapital – Verbrechen

Von der Scham zur Gewalt

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 31. Januar 2008, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 31. Januar/1. Februar 2008, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 1. Februar 2008, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 1. Februar 2008, 16.00 bis 17.00 Uhr

Zusammenfassung:

Die Lektüre der Augustausgabe 2007 der Zeitschrift Mittelweg 36 verleitet zu einer Neubetrachtung der Geschehnisse bei Radio Darmstadt und seinem Trägerverein seit dem Sommer 2006. Die Frage, wie eine – und sei es eingebildete – Beschämung verarbeitet wird, wenn die Beschämten sich organisieren und mehrheitlich vorgehen, läßt sich auch auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen. Der nebenstehende Screenshot einer Audiodatei des gesendeten Programms von Radio Darmstadt zeigt das Ergebnis dieser nicht aufgearbeiteten Beschämung. Das Sendesignal ist schlicht eine Katastrophe, was geradezu prophetisch zu Ende der vorproduzierten Sendung ausgesagt worden war.

Besprochene Zeitschrift:

 


 

Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

In der heutigen Folge meiner Sendereihe Kapital – Verbrechen geht es um den Zusammenhang zwischen Scham und Gewalt. Genauer: wie verarbeiten wir eine Beschämung, wenn wir die Gelegenheit erhalten, Macht über diejenigen auszuüben, die wir für unsere Beschämung verantwortlich machen?

Bevor ich mich dem eigentlichen Thema, also der in Gewalt umschlagenden Scham, anhand eines konkreten Beispiels zuwende, komme ich zunächst auf das im letzten Jahr erschienene Augustheft der Zeitschrift Mittelweg 36 aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung zu sprechen. Denn dieser Zusammenhang zwischen Scham und Gewalt durchzieht das Heft auch dort, wo er nicht ausdrücklich benannt wird. Die asymmetrischen Kriege der Gegenwart erfordern nicht nur einen bestimmten Umgang, sie erzeugen auch neue Sichtweisen auf das eigene wie das fremde Handeln. Manches davon ist real, manches auch bloß imaginiert. Wir werden sehen, daß die Macht der Einbildung vollkommen ausreicht, um die destruktiven Potenzen einer modernen Gesellschaft zum Vorschein kommen zu lassen.

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Raubtiere im cineastischen Käfig

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 4/2007, August-September 2007, 110 Seiten, € 9,50

Cover Mittelweg 36Die mediale Vermittlung globaler Kriege ist keinesfalls mit einer Darstellung der Wirklichkeit zu verwechseln. Wo immer sich das Kriegsgeschehen in Medien verschiedenster Art wiederfindet, muß damit gerechnet werden, daß die Wahrnehmung derartiger Konflikte verzerrt ist. Dies muß nicht unbedingt mit Absicht geschehen, auch wenn der Gedanke nahe liegt. Ein Krieg ist ohne die zugehörige Propaganda nur halb so viel wert. Dabei gilt es nicht nur, die eigenen Reihen fest geschlossen zu halten und dafür zu sorgen, daß die Heimatfront nicht bröckelt. Auch der Feind oder mehr oder weniger interessierte Dritte müssen für den guten Zweck dieses Krieges zugerichtet werden. Medien haben in diesem Zusammenhang also eine verantwortungsvolle Rolle.

Die Augustausgabe des vergangenen Jahres der vom Hamburger Institut für Sozialforschung herausgebrachten Zeitschrift Mittelweg 36 geht auf diese Zusammenhänge näher ein. Schon der erste Aufsatz des Medientheoretikers Hans-Joachim Lenger führt uns zu einer medialen Aufarbeitung, die wir zunächst nicht erwartet hätten. Und doch ist es folgerichtig, nicht nur die reale Medienkriegsberichterstattung zu betrachten, sondern auch die in der bunten Welt des Kinos wiederzufindende Aufbereitung.

1987 kam der Film Predator mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle in die Kinos. Erzählt wird vom Einsatz einer US-amerikanischen militärischen Spezialeinheit im Dschungel Zentralamerikas. Diese gegen eine Gueriallgruppe operierende Spezialeinheit verwandelt sich im Laufe des Films von Jägern zu Gejagten. Der Predator, den ein Raumschiff hier abgeworfen hatte, lichtet die Reihen der US-Elitetruppe.

Konnten die in moderner Kriegsführung ausgebildeten Soldaten dank ihrer überlegenen Technologie den Feind, nämlich die Guerilleros, noch recht einfach aufspüren und vernichten, so stehen sie nun einem unsichtbaren Feind gegenüber. Der Predator kann die Soldaten nicht nur sehen, sondern ebenso leicht töten, wie dies der Spezialeinheit zuvor gelang. Hans-Joachim Lengers Beitrag besteht nun darin, die Grenzen und Möglichkeiten der Digitalisierung des Krieges herauszuarbeiten. Ohne ein gewisses Maß an Blut und Boden kommt auch die cineastische Fiktion nicht aus:

Wo computergesteuerte Kriege dazu tendieren, ihre Objekte in »Echtzeit« zu berechnen, bleibt dem Feind nur noch, im Mutterboden zu verschwinden. [1]

Schwarzenegger alias Major Dutch Schaefer versinkt im Schlamm und wird hierdurch unsichtbar. Doch erst eine weitere Metamorphose bringt ihm den cineastisch notwendigen Erfolg. Diese Art der Verwandlung steht den Generälen von heute mit ihrer luftgestützten Überlegenheit nicht zur Verfügung. Sie können, siehe Irak, den Feind nicht einmal an der nächsten Straßenecke sicher erkennen, und ballern im Zweifelsfall vorsichtshalber auf alles, was sich bewegt.

Der Kino-Plot war finanziell ausreichend erfolgreich, um weitere Predator-Filme zu drehen. Die realen Kriege des 21. Jahrhunderts mögen nicht ganz so erfolgreich sein. Doch dies ist für die herrschende und um ihre Macht fürchtende Klasse umso mehr ein Grund, diese Kriege zu führen. Zumal sich auch dann daran gut verdienen läßt, wenn das Kriegsglück einem nicht so hold ist. So ist inzwischen das friedliebende Deutschland zum weltweit drittgrößten Waffenexporteur aufgestiegen, Tendenz steigend [2]. Non olet. Das hierbei verdiente Geld stinkt nicht.

 

Mediale Counterinsurgency

Etwas banaler ist der Leitgedanke des Aufsatzes des Bundeswehrhauptmanns und Militärhistorikers Thorsten Loch. Er betrachtet die Rolle der Medien in asymmetrischen Konflikten. Der Begriff der asymmetrischen Konflikte verweist einerseits auf eine strukturelle Überlegenheit der einen Kriegspartei, aber der deshalb nicht vollständigen Hilflosigkeit der anderen. In einem Zeitalter ununterbrochener Medienpräsenz gewinnt der Zugang zu diesem Medium auch für die Kriegsführung eine neue Bedeutung. Die neuen Kriege sind charakterisiert durch Entgrenzung. Um dies besser zu verstehen, ist es vielleicht hilfreich, sich den Idealtypus eines alten Krieges zu vergegenwärtigen:

Die »alten Kriege« zeichnen sich in ihren Abläufen und Mustern durch eine gewisse Symmetrie aus. Ihr Prototyp ist der zwischenstaatliche europäische Konflikt seit dem Dreißigjährigen Krieg. Seit der Frühen Neuzeit standen sich in zeitlich begrenzten Kriegen überwiegend reguläre Truppen als Träger des staatlichen Gewaltmonopols gegenüber, deren Verhalten von Einhegungs- und Regulationsmechanismen gekennzeichnet war. [3]

Ich bin mir da nicht so sicher. Gewiß mag ein Unterschied zur Kriegsführung vor und während des Dreißigjährigen Krieges erkennbar sein. Aber schon die Reduktion auf europäische Konflikte läßt den größten Teil der Erde außer Betracht. Die Kolonialkriege hielten sich nur begrenzt an diese Regeln, und spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird die Entgrenzung wieder sichtbar. Aber halten wir diese Darstellung einer gewissen Einhegung und Regulation von Gewalt als Idealtypus solcher Kriege einmal fest.

Denn die modernen Kriege verwischen die Unterscheidung von Kombattanten und Zivilistinnen. Bürgerkriege, vom Westen gehegte warlords oder die Kriegsführung niederer Intensität, also die low intensity conflicts, scheren sich nicht oder nur wenig um diese Unterscheidung. Damit einher gehen Entstaatlichung, Privatisierung und Ökonomisierung der Auseinandersetzungen. Mit den Methoden der konventionellen Kriegsführung ist der neuen Asymmetrie nicht beizukommen.

Umso wichtiger wird der Zugang zum Medium der Selbst- und Fremddarstellung. Der information warfare, also der gezielt gesteuerte Informationskrieg, ist in gewisser Weise die Fortsetzung der althergebrachten psychologischen Kriegsführung. Durch die mediale Aufrüstung der vergangenen Jahrzehnte ist der Zugang zu den allseits verfügbaren Massenmedien ein anderer und daher manchmal auch leichter möglich. Zur besten Fernsehsendezeit lassen sich nun gezielt militärische Manöver als auch terroristische Aktionen planen. Kein Wunder, daß die NATO 1999 einen Fernsehsender in Belgrad bombardierte und die US-Invasoren 2003 gezielt das Büro von Al-Jazeera in Bagdad beschossen.

Wie in einem guten Drehbuch zur counterinsurgency geht es auch heute darum, die Herzen und Köpfe der Menschen zu gewinnen. Die elektronischen Medien sind längst Bestandteil der Kriegsführung. "Der Gewaltakt", so Thorsten Loch, "ist so betrachtet stets ein Kommunikationsakt." [4]

 

Die Signalfarbe der ästhetischen Mobilmachung

Zu jeder Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 gehört eine sogenannte Literaturbeilage. Hier werden entweder kursorisch ältere und neuere Bücher und Aufsätze zu einem Themenkomplex behandelt und vorgestellt. Oder es wird ausführlicher auf einen Autor, seltener eine Autorin, oder ein Werk eingegangen. Die Traumprotokolle vergessener Geschichte breitet der Literaturwissenschaftler Jan Süselbeck aus. Auch hier geht es um Kriege, auch hier um die Darstellung des Krieges und seiner Folgen, nicht zuletzt in ästhetischer Hinsicht.

Sogar die größten Massenschlächtereien können dem kollektiven Vergessen anheimfallen. Im Frühjahr 1917 scheiterte eine französische Offensive am Chemin des Dames und führte zu einer Befehlsverweigerung zehntausender Soldaten. Diese meuternden Soldaten wurden abgestraft und ein Teil von ihnen exemplarisch erschossen. Der damit einhergehende Erfolg der deutschen Seite bildete einen Grundstock für die nachfolgende Dolchstoßlegende, als hätte der Krieg gewonnen werden können, wenn man die Generäle nur gelassen hätte. Aus unterschiedlichen Gründen wird diese Kriegsepisode nun aus dem Gedächtnis verbannt, weil sie nicht in das Selbstbild modernisierter Staaten nach dem 2. Weltkrieg paßt.

Die Auslandszeitschrift Signal des Oberkommandos der Wehrmacht stellte drei Jahrzehnte später einen ambitionierten Versuch dar, den Besiegten die nationalsozialistische Herrschaft in idyllischen Farben auszumalen. Diese Zeitschrift erschien zeitweise in fünfundzwanzig verschiedenen, aber synchron herausgegebenen Ausgaben. Auch wenn die Übersetzung zuweilen mehr als dilettantisch war, so zeichnete sich gerade das Bildmaterial von einer zum damaligen Zeitpunkt kaum erreichten Modernität aus. Die mitunter provokativen Motive trugen zum reißenden Absatz von Signal bei.

Daß die Illustrierte trotz eklatanter Übersetzungsmängel in ganz Europa reißenden Absatz fand und an den Auslands-Kiosken teils binnen Stunden ausverkauft war, lag wohl vor allem an den acht qualitativ hochwertig bedruckten, farbigen Bilderseiten, die mit seinerzeit in solcher Unverblümtheit in vielen Ländern noch nicht gesehenen, frivol inszenierten Fotografien schöner Frauen aufwarteten.

Sex sells.

Doch auch an die Leserinnen hatte man gedacht […] [5]

und bot ihnen athletische Männergestalten an.

Die Konzeption dieser Illustrierten war derart erfolgreich, daß sie auch im postfaschistischen Deutschland der 50er Jahre Verwendung fand. Zum einen fanden ehemalige Signal-Mitarbeiter verantwortliche Jobs im demokratisierten Medienbetrieb, zum anderen konnte die Bildästhetik dieser zu ihrer Zeit modernen Darstellung problemlos ins Adenauer-Deutschland übernommen werden. Und dies betraf nicht nur brennende Panzer und kämpfende Soldaten. Die Mediengeschichte der Nachkriegszeit unter diesem Blickwinkel zu betrachten, ist sicherlich ein ambitioniertes und aufklärerisches Unterfangen. Und sie verweist auf Zusammenhänge, die wir gerne ausblenden.

 

Prekäre Soziologie

Das im August letzten Jahres herausgebrachte Heft 4 der Zeitschrift Mittelweg 36 befaßt sich nicht nur mit der medialen Ästhetik des Krieges. Ein in der Zeit schon 2004 veröffentlichter Aufsatz von Richard Rorty gibt die Befürchtungen des liberalen Establishments wieder, der Kampf gegen den Terror werde die freiheitlichen Grundfesten der westlichen Demokratie unterminieren. Ich sehe das nicht so pessimistisch, was aber daran liegt, daß ich die westliche Demokratie und ihre Freiheit eher skeptisch betrachte.

Ralf Damitz [6] problematisiert den Begriff der Prekarität im soziologischen Diskurs. Nun ist es in der Tat so, daß der Neoliberalismus die Grundlagen der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung unter dem Gesichtspunkt der Verwertbarkeit auf den Prüfstand stellt. Nichts ist mehr sicher, schon gar nicht für diejenigen, die in der bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft gerade so über die Runden gekommen waren, ohne als arm zu gelten. Die wissenschaftliche Erforschung dieses postmodernen Begriffs des Prekären dürfe nicht auf der Beschreibungsebene stehen bleiben. "Die Soziologie", so meint Damitz,

mit ihrem reichhaltigen Programm an Methoden und Ansätzen könnte hier einiges leisten. Die Forschung sollte sich dann allerdings um eine Interpretation und Bewertung ihrer Ergebnisse hinsichtlich zukünftiger sozialer Entwicklung nicht herumdrücken. [7]

Nun ist das so eine Sache mit der Soziologie. Als Sozialwissenschaft liegt ihre gesellschaftliche Aufgabe darin, die in einer kapitalistischen Gesellschaft quasi naturwüchsigen (aber tatsächlich sozialen) Prozesse zu begreifen, zu beschreiben, zu analysieren und sie für eine entsprechende Sozialpolitik nutzbar zu machen. Ihre Aufgabe besteht hingegen nicht darin zu begründen, warum das, was wir vorfinden, falsch ist. Wer jedoch die neoliberalen Grundlagen seines Untersuchungsobjekts nicht begreift, wer also nicht begreift, was für ein menschenfeindliches Monstrum aus dieser Spätgeburt des Kapitalismus entsteht, wird in der Theoriebildung immer zu kurz greifen. Insofern wirft Ralf Damitz der Soziologie etwas vor, was sie im Grunde ihres Wesens nicht leisten kann. Wenn wir davon ausgehen, daß das Prekariat politisch gewollt ist, dann müssen andere Antworten her.

Dennoch ist es nützlich, sich darüber zu verständigen, worüber man und frau eigentlich redet, und zu dieser Klärung trägt der Aufsatz von Ralf Damitz bei.

 

Schlimmer als Wölfe

Der Psychotherapeut Till Bastian beschäftigt sich mit einer anderen Facette spätkapitalistischer gesellschaftlicher Gewalt, nämlich der Scham. Und es ist schon bemerkenswert, beim Lesen mitzuvollziehen, wie der Autor dazu kommt, aus dem Schamgefühl die Disposition zur Ausübung sinnlos erscheinender Gewalt herauszuarbeiten. Der Mensch, so meint er,

ist nicht homini lupus, der Wolf des Mitmenschen, wie dies Thomas Hobbes und Sigmund Freud noch glaubten, er ist offenkundig schlimmer: Kreuzzüge, Ketzerjagden und Konzentrationslager hat einzig homo sapiens ersonnen. [8]

Beschämt zu sein, beschämt zu werden, das ist nicht ein individueller Akt, auch keiner, der auf die Sexualsphäre beschränkt wäre. Die Scham ist öffentlich. Die Verarbeitung kann, muß aber nicht, darin bestehen, sich mit der beschämenden Umwelt zu identifizieren und sich deren Aggression zu eigen zu machen. Die daraus resultierende Gewalt wäre dann nicht sinnlos, sondern dient der menschlichen Selbstregulation. Als Massenphänomen kann diese Art der Gewalt ziemlich tödlich wirken.

Allerdings gilt auch hier – es sind die vorgegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse, die aus Menschen das machen, was sie sind. Und es sind immer auch die Menschen selbst, die – in der Regel – bei der Verarbeitung derartiger Verhältnisse eine Wahl, und sei sie noch so beschränkt, haben. Nicht alle, die sich getrieben sehen, sind es auch. Es ist oftmals eine Entscheidung, eben der Wille zur Gewalt. [9]

Wobei wir berücksichtigen müssen, daß die rationale Aufarbeitung, auch der argumentative Diskurs, in den modernen aufgeklärten Zeiten nicht allzu verbreitet ist. Ich könnte mich hierbei durchaus auch auf die Art der Konfliktherstellung und Konfliktaustragung beim Trägerverein dieses Lokalradios beziehen.

Schon die mediale Inszenierung kriegerischer Gewalt verweist darauf, daß es nicht auf Argumente, sondern auf Emotionen ankommt. Und doch dürfen wir hier nicht vergessen, daß dem Neoliberalismus eine ganz eigene Logik zukommt, die ganz rational das Ausüben von Gewalt begründet. Es ist immer eine Frage der Verwertbarkeit und des kurzfristigen Profits. Sozusagen der shareholder value der Gewalt, koste es die Umgebung, was es wolle. Dennoch ist es richtig, sich der psychologischen Faktoren zu versichern, um zu begreifen, wie aus Scham Gewalt entstehen kann.

Das soeben besprochene Heft 4 der Zeitschrift Mittelweg 36 ist im vergangenen August erschienen. Das Einzelheft kostet 9 Euro 50, das Jahresabonnement 48 Euro. Inzwischen ist das aktuelle und erste Heft dieses Jahres herausgekommen. Ich werde es in einer meiner nächsten Sendungen ausführlich vorstellen.

 

Von der beschämenden Wirkung der Nestbeschmutzung

Bei Konflikten und Krisen ist man und frau geneigt, sich mit passender Literatur zu versorgen. Davon lebt ein ganzer Geschäftszweig. Manchmal liegt diese Literatur jedoch schon auf dem Tisch. Beim Durchblättern stellen wir fest, daß dort entwickelte Gedankengänge sehr gut zu dem passen, was uns gerade beschäftigt, und so lesen wir interessiert und intensiv weiter. So ist es mir auch mit dem Augustheft von Mittelweg 36 gegangen. Es ist ja nicht nur einfach so, daß in einer globalisierten Welt alles mit allem zusammenhängt. Vielmehr finden sich bestimmte Muster auch dort wieder, wo wir sie zunächst nicht vermutet haben. Die Frage des Zusammenhangs von Scham bzw. Beschämung und der daraus resultierenden Aggression bzw. Gewalt ist ein solcher Fall. Hier zeigt sich, daß eine zunächst akademische Fragestellung durchaus für den Alltag nutzbar gemacht werden kann.

Nun geht Till Bastian in seinem Aufsatz Scham und Gewalt, autotelisch eigentlich auf einen Gedankengang von Jan Philipp Reemtsma, dem Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, ein, ein Gedankengang, den zu entwickeln hier zu weit führen würde [10]. Jedenfalls geht es hierbei um Gewalt, um die Kategorisierung von Gewalt und um die Frage, ob es Gewalt als solche, also als Selbstzweck gibt. Till Bastian bezweifelt, daß es diese autotelisch genannte Gewalt tatsächlich gibt, also eine Gewalt, die sich selbst genügt.

Literaturempfehlung:

Till Bastian hat den hier vorgestellten Gedankengang in einem Vortrag im Rahmen der 57. Lindauer Psychotherapiewochen 2007 näher ausgeführt: Scham und Schaulust, Macht und Ohnmacht …

Scham, so sieht es der Autor, ist ein politischer Affekt, ja der politische Affekt schlechthin. Jede Beschämung setzt voraus, daß der Mensch mit anderen Wesen seiner Art in Interaktion tritt. Scham ist keine von außen ausgelöste Beängstigung wie ein Gewitter und auch kein Gefühl wie Ekel durch üblen Geruch. Scham ist etwas von Menschen Gemachtes, wozu der Beschämende und die Beschämte gehören. Als Menschenwerk kann diese Beschämung durch das asymmetrische Verhältnis zwischen den beiden Polen zur Durchsetzung und Bekräftigung von Machtinteressen benutzt werden. Das Bild des Prangers kennen wir ja alle.

Aber es gibt auch den Fall, wo diese Beschämung bei den Beschämten etwas auslöst. Till Bastian führt das epische Beispiel des griechischen Helden Aias an, der – wahnsinnig geworden – vor den Mauern Trojas eine Schafherde niedermetzelt und sich anschließend vor lauter Scham das Leben nimmt. Was damals ein Einzelereignis war, das nur einen bestimmten Personenkreis betraf und nur diesem bekannt war, ist angesichts heutiger massenmedialer Möglichkeiten schnell eine Handlung, die von Millionen Menschen konsumiert werden kann.

Wenn wir dabei nicht nur an die unappetitliche Verfolgung von Britney Spears durch sensationsgeile Medien und entsprechend konditionierte Massen denken, sondern auch an die ach so lustigen Pannenshows, die keine Peinlichkeit, und sei sie noch so inszeniert, auslassen, dann müssen wir damit rechnen, irgendwann selbst Opfer derselben Handlung zu werden, die wir bei anderen komisch oder abstoßend finden.

Die Beschämung muß jedoch, um zu wirken, nicht real geschehen sein. Manchmal reicht auch die bloße Einbildung aus. Manchmal fühlen Menschen eine Beschämung, wobei sich hier die Frage stellt, welche psychischen Muster sich hierin ausdrücken. Denn Beschämung kann auch auf eine reale oder vermeintliche Unzulänglichkeit zurückgeführt werden, ohne daß eine weitere Person diese Unzulänglichkeit auch als beschämend herausgestellt hat. Till Bastian zitiert hierzu den 2003 verstorbenen englischen Moralphilosophen Bernard Williams:

Auch wenn sich die Scham und ihre Motivation in der einen oder anderen Weise immer auf den Blick des anderen beziehen, ist es wichtig, festzuhalten, dass für viele ihrer Operationen der imaginierte Blick eines imaginierten anderen ausreicht. [11]

 

Das Nest

Nehmen wir deshalb zur besseren Illustrierung ein Beispiel aus unserem nahen Umfeld, oder sollte ich besser sagen, aus dem sendereigenen Umfeld?

Radio Darmstadt ist ein Lokalradio, das weitgehend von journalistischen Laien gestaltet wird. Fehler und Pannen sind hierbei unumgänglich. An die Recherche, das Beherrschen der Studiotechnik oder an die Moderation können daher nicht dieselben Maßstäbe angelegt werden, wie an professionellere Medien, zumal diese meist mit einem erheblich größeren Etat wirtschaften können. Dennoch gibt es keinen Grund, weshalb auch die Sendenden eines Bürgerinnen- und Bürgerradios nicht danach streben sollten, das, was sie bewegt, bestmöglich nach außen zu tragen.

Und genau daran hapert es. Wer das Programm dieses Senders nicht nur ab und zu, sondern regelmäßig und vielleicht über einen längeren Zeitraum verfolgt, wird nicht umhin kommen, Defizite festzustellen. Und damit meine ich nicht Versprecher oder das Anspielen eines falschen Tracks im CD-Player. Ich meine das zum Teil sinnlose Herumgequatsche, um die Zeit totzuschlagen, etwa wenn sich zwei Moderatoren im Verlauf einer Sendung zehnmal begrüßen. Ich meine das Sich-Beschäftigen mit Nichtigkeiten wie der Ansage, welche Tracknummer jetzt gespielt werden soll oder wie spät es auf die Sekunde genau ist. Ich meine das Nachäffen der kommerziellen Vorbilder in Sprachmelodie und im marktschreierischen Herausstellen angeblich ganz besonders wichtiger Banalitäten, und sei es die Frage, mit wem Britney Spears gerade herummacht. Gerade weil Radio Darmstadt ein nichtkommerzielles Lokalradio ist, ist es umso absonderlicher, wenn der Duktus und die Anmutung eines Kommerzsenders nachgeahmt werden, ohne daß dann der Werbeblock folgt.

Wer ein nichtkommerzielles Lokalradio betreibt, sollte auch eine Vorstellung davon entwickeln, was das bedeutet. Was macht Kommerz in einer bunten Warenwelt aus? Wie hört sich ein derartiges Programm an? Wie wird ein durchformatiertes Radio durchgestylt? Weshalb hören wir in den kommerziellen Vorbildern und längst auch im öffentlich-rechtlichen Hörfunk eine ganz bestimmte seichte Soße ohne Tiefgang? Die Antwort auf diese Fragen wäre ein Programm, das sich hiervon bewußt unterscheidet, das also bei jeder Moderation und jeder redaktionellen Aufarbeitung eines Themas darauf achtet, den kommerziellen Aspekt zu vermeiden und statt dessen etwas Eigenes zu präsentieren.

Was aber, wenn eine oder jemand nichts Eigenes hat? Was, wenn man und frau die Kommerzwelt als eine Selbstverständlichkeit betrachtet? Was, wenn wir diesen Kommerz so internalisiert haben, daß wir gar nicht mehr darüber nachdenken, warum wir jedem Trend hinterherhecheln? Was, wenn wir uns entfremdet in einer uns entfremdenden und atomisierenden Welt bewegen? Dann klingt das Programm so, wie es eben derzeit klingt. Kritik, gar Selbstkritik, die grundsätzliche Frage nach dem Warum, findet nicht statt. Mehr noch: gerade weil diese Kommerzortientierung zu einer Art eigener Identität geworden ist, muß jede Kritik daran das eigene Selbstbild angreifen. Das Beschämende daran ist, daran erinnert zu werden, daß wir besinnungslos nur das nachplappern, was uns aufgetischt wird. Das Gefühl der Beschämung ist also schon dann vorhanden, wenn die Kritik an bestimmten Sendeinhalten noch nicht näher geäußert wird.

Radio Darmstadt und die hier versammelten Männer und Frauen leben nicht in einem Vakuum, sondern in einer Gesellschaft, die eines gewiß nicht ist: menschlich. Eine irrationale, dem Profitprinzip unterworfene Gesellschaft benötigt ein gewisses Maß an rationalem Handeln ihrer Mitglieder. Diese müssen funktionieren, damit eine Gesellschaft funktioniert, die letztlich durch Gewalt zusammengehalten wird. Till Bastian führt hierzu aus:

Die Anonymisierung des Menschen, seine Degradierung zur Nummer, ist eine wesentliche Komponente systematischer, machtpolitisch motivierter Beschämung. Die berechtigte Empörung über die Exzesse des Nationalsozialismus sollte uns nicht an der Frage hindern, wie viel Beschämungspotential auch unseren gegenwärtigen Institutionen innewohnt. Den Schulen beispielsweise. Oder auch der Medizin. [12]

Und ich könnte ergänzen: der Armee, dem Sozialamt, dem Arbeitsamt, oder noch ganz andere Institutionen, mit denen wir tagtäglich konfrontiert sind.

Wer nichts anderes kennt, wird deshalb jede Form externer Ansprache mißtrauisch beäugen müssen, wird jeder Ansprache mißtrauen – wozu auch das Gegenteil des blinden Glaubens an irrationale Gedanken oder gefühlsmäßig aufgeladene Positionen gehört. Das Mißtrauen führt jedoch dazu, auch dann im Anderen den Feind zu sehen, wenn dieser gar keiner ist. Die Imagination geht dann so weit, Anderen das zuzutrauen, was man oder frau selbst bereit wäre zu tun.

Nehmen wir nun an, es gibt eine – vielleicht kleine – Gruppe im Sender, die sich hierüber Gedanken macht. Nehmen wir an, diese kleine Gruppe wagt es, diese Kommerzhaltung zu thematisieren. Nehmen wir weiter an, sie fragt nach dem Grund, weshalb bestimmte Inhalte gesendet werden. Dann wird diese darin durchscheinende Kritik nicht einfach als Reflexion des eigenen Handelns begriffen, sondern als Angriff auf das, was eine oder einen selbst ausmacht, also diese fremdbestimmte Identität.

Nehmen wir nun an, diese kleine Gruppe entwickelt ein Selbstverständnis dieses nichtkommerziellen Lokalradios, das eine kritische Reflexion des eigenen Handelns einfordert. Nehmen wir an, es wird danach gefragt, warum Dummschwätz und Boulevard und sinnlose, ja gar desinformative Inhalte gesendet werden. Dann ist es doch klar, daß diejenigen, die hiervon betroffen sind, sich nicht nur beschämt fühlen. Mehr noch, sie entwickeln einen unterschwelligen Haß auf die Zumutung, die eigene kommerziell gestylte Identität kritisch hinterfragen zu müssen.

Und genau das ist der Punkt. Die Angst vor dem Verlust des mühsam zusammengezimmerten Selbstbildes führt zu einer umso stärkeren Abwehrbewegung, sobald eine gemeinsame Verantwortung für das gesamte Sendegeschehen eingefordert wird. Denn eines ist nicht zu bezweifeln – und das ist nicht nur ein Charakteristikum von Radio Darmstadt, sondern von so ziemlich jedem nichtkommerziellen Radio: es gibt kein gemeinsames Interesse an diesem Radio, sondern allenfalls viele partikulare Eigeninteressen daran, hier senden und ansonsten in Ruhe gelassen zu werden.

Diese Haltung ist nicht einmal verwerflich. Sie spiegelt eine gesellschaftliche Realität wider. Wer außerhalb des Sendehauses immer stärker zum Spielball einer neoliberal durchgeknallten Welt mit all ihren Anforderungen gemacht wird, möchte wenigstens dort, wo man und frau ein eigenes Hobby wähnt, ja geradezu ein eigenes Ersatz-Zuhause, keinen weiteren Streß erleiden. Allerdings vergißt diese doch recht egozentrische Haltung, daß es ja irgendwelche Personen geben muß, die dafür sorgen müssen, daß ein Sender mit 150 bis 200 Sendenden dennoch funktioniert. Irgendwer muß die Technik betreuen und in Schuß halten. Irgendwer muß das Programm organisieren. Irgendwer muß den Überblick behalten, damit nicht alles aus den Fugen gerät.

Und genau diese Personen kommen gar nicht umhin, sich andere zum Feind zu machen. Das können dann Kleinigkeiten sein. Gerade persönliche Befindlichkeiten sind unkalkulierbar. Wenn mich jemand fragt, und ich denke hier an eine ganz bestimmte Person, ob die gerade moderierte Sendung gut gewesen sei, dann muß ich entweder lügen, um das Betriebsklima am Laufen zu halten, oder ich sage die Wahrheit. Und wer schon so fragt, möchte die Wahrheit nicht hören. Genau dieses Die-Wahrheit-Nicht-Hören-Wollen hat sich zu einem Charakteristikum dieses Senders entwickelt.

Und so entwickelt sich im Laufe der Jahre ein unterschwelliger Brass, der nur noch auf eine passende Gelegenheit wartet, zum Ausbruch zu kommen. Und es bedarf einzelner Personen, die sich zum Träger dieser vielen kleinen verletzten Eitelkeiten eignen. Ist diese Situation gekommen, dann wird aus der jahrelangen Beschämung etwas anderes, vor allem dann, wenn sich hieraus auf einmal neue Mehrheiten ergeben. Denn wie wehrt man und frau sich gegen derartige Beschämungen, und seien sie noch so eingebildet?

Um auf die schon genannte Person zurückzukommen, die inzwischen den Sender verlassen hat. Seine Moderation zeichnete sich durch kunstvoll eingefügte ÖHMs und JAs aus, die jedoch letztlich Ausdruck dessen sind, daß der Moderator am Anfang des Satzes noch nicht wußte, wie der Gedanke zu Ende zu führen sei. Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder war ein Meister in dieser Art zerhackten Ausdrucksweise. Eine Praktikantin nahm sich nun diese ÖHMs und JAs vor und fügte sie zu einem kurzen Jingle zusammen. Das war nicht böse gemeint, denn sie kannte diesen Redakteur ja gar nicht, sondern sie fand das einfach lustig.

Der Redakteur fand das hingegen gar nicht lustig, das Geheimnis seiner Sprachmelodie so offen vorgeführt zu hören. Aus dieser nun wirklich eingebildeten Beschämung heraus redete er sich richtig in Rage und wurde von am Konflikt interessierten Personen darin noch bestärkt. Diese Rage äußerte sich dann darin, im sendereigenen Programmrat den Vereinsausschluß für zwei Personen zu fordern, die an der Produktion dieses Jingles nicht einmal beteiligt waren. Diese beiden hatten sich schützend vor eine zweite von diesem Redakteur beschuldigte Praktikantin gestellt, die mit dem Jingle nicht einmal etwas zu tun hatte. Und das war ein Verbrechen. Die Angegriffenen haben das so empfunden, daß, sähe das Vereinsrecht die Todesstrafe vor, diese im Programmrat auch beantragt worden wäre. [13]

Gerade weil es sich um Affekte handelt, ist es unwahrscheinlich, daß offen darüber geredet wird, daß in einer allgemeinen Aussprache all das Angestaute zum Vorschein kommt – und gemeinsam verarbeitet wird. Nein, es entwickelt sich etwas Anderes, und es ist etwas, worauf Till Bastian in seinem Aufsatz am Rande zu sprechen kommt. Gerade weil es sich um unbearbeitete Konflikte handelt, ist es gar nicht anders möglich, als daß sie eruptiv, im schlimmsten Fall gewaltsam zum Ausbruch kommen.

Die sich darin äußernde Gewalt muß keine körperliche sein. Es gibt auch andere Möglichkeiten, ungeliebten Minderheiten das Leben zur Hölle zu machen. Mobbing ist ein Gesellschaftsspiel, aber eines, das mitunter gar nicht wahrgenommen wird, wenn man und frau es selbst betreibt. Es sind ja immer die Anderen, die mobben, die Gewalt ausüben, die beschämen [14]. Die fehlende Reflexion des eigenen Handelns in einer kommerziellen Umgebung drückt sich folglich auch in der fehlenden Reflexion der eigenen unverarbeiteten Aggresionen aus. Deshalb ist es auch vollkommen unmöglich, in einer solchen Situation mit rationalen Argumenten zu versuchen zu deeskalieren.

Gerade weil die Beschämten sich organisiert haben und in der Mehrheit sind, sind sie nicht darauf angewiesen, durch die Macht der Argumente zu wirken. Weil – sie haben ja schon die Macht. Jede Argumentation würde sie ja genau das wieder spüren lassen, was sie jahrelang als Beschämung empfunden haben. Das Ergebnis ist: die Störenfriede müssen beseitigt werden. Die Anlässe können nichtig sein. Es reicht vollkommen aus, eine Stimmung zu erzeugen, in der jegliche rationale Einsicht chancenlos bleiben muß. Bei einer solchen Stimmung ist es zudem letztlich vollkommen unerheblich, mit welcher Begründung die Störenfriede aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.

Augenfällig ist dies bei den Vereinsausschlüssen und den damit verbundenen Sende- und Hausverboten bei Radio Darmstadt und seinem Trägerverein in den vergangenen zwei Jahren. Diese repressiven Maßnahmen zeichnen sich gerade dadurch aus, daß sie möglichst wenig begründet sind, um sich jeglicher normativer Überprüfbarkeit der darin erhobenen Vorwürfe entziehen zu können. So wurde im März des vergangenen Jahres einer der Vereinsgründer ohne jede Begründung aus dem Verein ausgeschlossen, nachdem sich herausgestellt hatte, daß sich der vorgesehene Ausschlußgrund mangels passendem Satzungsparagrafen gar nicht ahnden ließ. So wurde dem Kaufmännischen Angestellten des Vereins ohne jede Begründung gekündigt, eben weil nur Gefühle und Affekte, aber keine Tatsachen hätten angeführt werden können, die einer Überprüfung vor einem Arbeitsgericht standgehalten hätten.

Der spannende Punkt hieran ist jedoch weniger, weshalb sich diese Form von Emotionalität auf eine derart ruppige Weise austoben kann. Ich denke, unverarbeitete Konflikte und gefühlte Beschämungen können überall vorkommen, nicht nur hier bei RadaR. Wer sie nicht bemerkt und wer sie nicht thematisiert, sondern sich von ihnen verleiten läßt, bei passender Gelegenheit selbst die Macht auszuüben, die man und frau anderen unterstellt, macht sich nicht nur zum Opfer einer eigenen imaginierten Welt, sondern leidet auch darunter. Dieses Leid findet jedoch keine positiv besetzte emotionale Triebabfuhr, um einmal einen psychologischen Begriff zu benutzen, sondern bleibt eigentlich unbewältigt – und wirkt deshalb fort. Derartiges unbewältigtes Leid ist häufig verbunden mit einer nicht nur regressiven, sondern auch repressiven Grundeinstellung. Das Bedürfnis, Andere für das eigene Leid zu bestrafen, ist grenzenlos. [15]

Und darin liegt eine Gefahr, die weit über den Rahmen dieses Lokalradios und seines Trägervereins hinausreicht. Hierin drückt sich eine Entfremdung nicht nur gegenüber den meist unverstandenen gesellschaftlichen Prozessen aus, sondern auch eine Entfremdung sich selbst gegenüber. Die Aggression richtet sich deshalb immer in zwei Richtungen: nach außen und gegen sich selbst. Passend hierzu heißt es dann, man oder frau solle doch einmal zurückstecken und sich der Mehrheit unterwerfen. Soll heißen: man und frau solle das Unrecht akzeptieren, das auch die Mehrheit erleidet und dem sie scheinbar ohnmächtig gegenüber steht – Auswirkungen der schon benannten neoliberal durchgeknallten Welt. Doch wer sagt, daß diese Mehrheit Recht hat? Und wer erlaubt es dieser Mehrheit, über eine Minderheit hinwegzutrampeln?

Ich bin gespannt auf die Reaktionen in diesem Sender. Ich bin gespannt auf die Reaktion auf eine Beschämung. Denn es ist ja so: Auch die Beschämten, die nun Macht ausüben können, müssen sich eigentlich ihres Verhaltens schämen. Um diese Scham zu verbergen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als diese die Scham verarbeitende Gewalt zu bestärken, zu rechtfertigen, zu legitimieren. Es gibt kein Zurück. Hier rächt sich die mangelnde Fähigkeit zur Reflexion des eigenen Verhaltens, schon gar im Gruppenprozeß, im Gruppenzwang. Für Außenstehende ist das recht einfach zu durchschauen. Doch wer mittendrin steckt, kann dies nicht sehen und will es auch nicht. Von daher sind neue Eskalationen unvermeidlich. [16]

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

Ihr hörtet eine Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt. Hierbei ging es, vor allem im zweiten Teil dieser Sendung, um den Zusammenhang von Scham und Gewalt. Ein Ausflug in die aufgrund einer jahrelangen Beschämung herausgebildeten zuweilen skurrilen Welt am Steubenplatz 12 war hierbei unvermeidlich. Wer zudem wissen möchte, weshalb der beschämte Trägerverein von Radio Darmstadt eine Verlängerung der Sendelizenz nur für ein anstatt für fünf Jahre erhalten hat, findet weiterführende Informationen auf meiner Webseite www.waltpolitik.de.

Aufzeichung SendesignalVorgestellt habe ich in der vergangenen Stunde das Augustheft aus dem Jahr 2007 der Zeitschrift Mittelweg 36 aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung. Weitere Informationen finden sich auf der Webseite www.mittelweg36.de.

Diese Sendung wird voraussichtlich wiederholt, und zwar in der Nacht von Montag auf Dienstag gegen 23 Uhr 10, sowie am Dienstagmorgen um 8.00 Uhr und am Dienstagnachmittag ab 16.00 Uhr [17]. Das Manuskript zur Sendung werde ich in den kommenden Tagen auf meine schon genannte Webseite stellen: www.waltpolitik.de. Diese meine heutige Sendung entstand mit Unterstützung der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Und wenn wir schon über Beschämung reden: Für die möglicherweise während dieser Sendung oder in der Wiederholung zu vernehmenden Brummschleifen, tonalen Verzerrungen oder technischen Pannen bin nicht ich verantwortlich. Dies ist allein das Werk einer Beschämung, die sich darin ausdrückt, das kundige Fachpersonal entsorgt zu haben, ohne die Folgen für den Sound des Senders zu bedenken. Radio Darmstadt möchte so klingen, daß man und frau sich dessen schämen muß. [18]

Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Hans-Joachim Lenger : Holografische Kriege. Zur »Echtzeit« des Objekts, in: Mittelweg 36, Heft 4/2007, Seite 4–24, Zitat auf Seite 22.

»» [2]   Siehe hierzu das Interview mit Wolfram Wette in der taz vom 29. August 2007: "Ein schändliches Geschäft".

»» [3]   Thorsten Loch: Zur Rolle der Medien in asymmetrischen Konflikten. Militärgeschichte und Medienwissenschaften im Fokus, in: Mittelweg 36, Heft 4/2007, Seite 25–38, Zitat auf Seite 30.

»» [4]   Loch Seite 38.

»» [5]   Jan Süselbeck : Traumprotokolle vergessener Geschichte, Literaturbeilage in: Mittelweg 36, Heft 4/2007, Seite 39–58, Zitat auf Seite 52.

»» [6]   Siehe auch das Projekt Soziale Exklusion und Vertrauen an der Universität Kassel.

»» [7]   Ralf M. Damitz : Prekarität. Genealogie einer Problemdiagnose, in: Mittelweg 36, Heft 4/2007, Seite 67–86, Zitat auf Seite 84.

»» [8]   Till Bastian : Scham und Gewalt, autotelisch, in: Mittelweg 36, Heft 4/2007, Seite 87–103, Zitat auf Seite 99.

»» [9]   Siehe hierzu das Buch Der Wille zur Gewalt von Susanne Kappeler.

»» [10]   Jan Philipp Reemtsma : Die Natur der Gewalt als Problem der Soziologie, in: Mittelweg 36, Heft 5/2006. Siehe auch meine Besprechung in der Sendung Probleme mit der Gewalt am 27. November 2006.

»» [11]   Bastian Seite 92.

»» [12]   Till Bastian : Scham und Schaulust, Macht und Ohnmacht … – Vortrag vom 18. April 2007 im Rahmen der 57. Lindauer Psychotherapiewochen 2007, Seite 7.

»» [13]   Siehe hierzu die Darstellung in meiner Dokumentation zu den Geschehnissen bei Radio Darmstadt seit dem April 2006, konkret die Monatsseite Juli 2006 und die Darstellung des zugrunde liegenden Konflikts.

»» [14]   Der Begriff des Mobbings wird gerne inflationär aufgebläht. Bei Radio Darmstadt gilt schon die leiseste Kritik, ob begründet oder nicht, als Mobbing. Die damit einhergehende Immunisierung davor, sich für das eigene, zum Teil öffentlich hörbare Handeln auch verantworten zu müssen, geht einher mit der Furcht vor der Öffentlichkeit. Kritik dürfe nur intern geäußert werden; doch genau dort ist Kritik erst recht unerwünscht, weil: Mobbing. Deshalb werden gerade dort, wo sie am wichtigsten wären, nämlich im Programmrat von Radio Darmstadt, seit Jahren keine Diskussionen um Programminhalte und Programmqualität geführt. Die hier entwickelten Sendekriterien sind daher entweder bemerkenswert einfältig (und geben das Niveau der Nicht-Auseinandersetzung treffend wieder) oder werden – wie im Januar 2008 geschehen – von außen ohne inhaltliche Diskussion aufgestülpt.

»» [15]   Till Bastian schreibt in Heft 4/2007 auf Seite 96: "Die Gewalt richtet sich hier nicht gegen den Beschämten selbst […], sondern gegen einen Dritten, der allerdings nicht Urheber der Beschämung ist und somit gewissermaßen ein »Übergangsobjekt« bildet, wenn man will, auch einen »Sündenbock«. Und wer würde zu behaupten wagen, dieses Thema sei in den heutigen Tagen nicht mehr aktuell?" Auf den hier dargestellten Fall übertragen: die gesellschaftliche Gewalt der Beschämung findet ihr Ersatzobjekt in denjenigen, die zu einem verantwortungsbewußten Miteinander ermahnen. Da diese in der Minderheit sind, eignen sie sich besonders für den kollektiven Aufruhr.

»» [16]   Die Wiederholung dieser Sendung wurde am Dienstagnachmittag (1. April) vom Redakteur Aurel Jahn mit folgenden Worten abgewürgt: "Eigentlich haben wir hier auf dem Sender ja die Verpflichtung, auch eine Sendung wieder abzumoderieren. Und das mache ich hiermit. Das war eine Sendung von Walter Kuhl, wie unschwer zu hören war. Und jetzt möchte ich eigentlich auch mal wissen, ob die Dissent – Medienwerkstatt auch einen derartigen Schmähbeitrag über sich auf ihrem Sender laufen lassen würde." Nun – vielleicht werden Aurel Jahns Wünsche im nächsten Jahr Realität. Und dann wird er auch die Antwort auf seine rein rhetorische Frage erhalten. Das Ironische an diesem Abwürgen ist, daß ausgerechnet Aurel Jahn über seinen offenen Sendeplatz einen Teil der Zugangsoffenheit von Radio Darmstadt abfedert.

»» [17]   Im Sendemanuskript – und so wurde es auch aufgezeichnet – hieß es an dieser Stelle: 14.00 Uhr. Ich vergaß, daß es am 1. Dienstag eines Monats im Vormittagsprogramm die zweistündige Sendung Mohnrot gibt, wegen der sich die nachfolgende Wiederholung des Montagabendprogramms entsprechend verschiebt. Nützlich wäre hier ein Blick auf den Programmflyer für April gewesen. Aber zu der schon genannten Beschämung gehört auch die Unfähigkeit des Trägervereins von Radio Darmstadt, seit Herbst 2006 das Monatsprogramm rechtzeitig zu veröffentlichen. Auch das war schon einmal anders, nämlich zu den Zeiten vor den erwähnten Vereinsausschlüssen, Haus- und Sendeverboten, was die Beschämung vervollständigt.

»» [18]   An den seit 2007 implementierten verzerrten Sound des Senders hat man und frau sich eher unfreiwillig gewöhnt. Einem Mohnrot-Redakteur war der "scheppernde Klang" am 1. April wohlbekannt. Wie es der Zufall will, begann die nachfolgende Kultursendung nach einer Anmoderation mit einem zweieinhalbminütigen Sendeloch, ohne daß die schlecht implementierte Sendeloch-Erkennung des Senders ansprach und Dudelmusik einspielte. Während dieses Sendelochs war die im Abspann erwähnte Brummschleife sehr gut zu vernehmen. Bei der Wiederholung dieser Sendung am Dienstagvormittag trat hingegen ein anderes Phänomen auf. Der rechte Stereokanal war faktisch nicht vorhanden, d.h. das Sendesignal war nur auf dem linken Lautsprecher zu vernehmen. Auch hier liegt der Grund in der unsachgemäßen Verkabelung durch ein beschämend inkompetentes Technikteam.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 16. April 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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