Kapital – Verbrechen

Schuldgefühle (im Dienst des Kapitals)

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Schuldgefühle (im Dienst des Kapitals)
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 27. September 2004, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 27. September 2004, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 28. September 2004, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 28. September 2004, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher / Zeitschriften :
  • Dead Men Working, Unrast Verlag
  • Mittelweg 36, Heft 2/2004
 
 
URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_sculd.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Demonstrationen gegen den Irrsinn, Demonstrationen des Irrsinns
Kapitel 3 : Gegen die Arbeit
Kapitel 4 : Fanatischer Markt
Kapitel 5 : Einübung in die Sinnlosigkeit
Kapitel 6 : Die Liebe zur Arbeit
Kapitel 7 : Ausgrenzungen grenzenlosen Wahns
Kapitel 8 : Was Adorno zur Ikone macht
Kapitel 9 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Schuldgefühle im Dienste des Kapitals. Durch die Sendung führt Walter Kuhl.

Polyphon/Berlin : Eine Reise durch den Telefoncomputer des Berliner Arbeitsamts. Die Audiofassung dieses Beitrags findet sich auf den Seiten des Bundesverbandes Freier Radios.

Die unfreiwillige Komik automatisierter Telefonschleifen ist eine der vielen Facetten des organisierten kapitalistischen Wahnsinns. Wo einerseits von arbeitslosen Männern und Frauen verlangt wird, allzeit bereit dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen und dabei jede Verrenkung mitzumachen, wird andererseits das Einholen einer simplen Auskunft zum schier unmöglichen Unterfangen. Dabei steckt Methode in diesem Wahnsinn. Denn das Arbeitsamt ist nicht für die Arbeitslosen da, sondern eine Agentur der herrschenden Ordnung organisierter Irrationalität, in der wir zu funktionieren haben.

 

Demonstrationen gegen den Irrsinn, Demonstrationen des Irrsinns

Wenn wir den herrschenden Medien Glauben schenken dürfen, dann gehen immer weniger Menschen auf die Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV und Agenda 2010. Das mag so sein, aber wer weiß das schon so genau? Zahlen sind Schall und Rauch. Wenn Wirtschaftsminister Wolfgang Clement trotz fehlender 30.000 Lehrstellen von einem Erfolg spricht [1], dann zeigt sich nur die Beliebigkeit offizieller Verlautbarungen. Auf die Wahrheit kommt es gar nicht an. Positiv Denken scheint das Schlagwort zu sein; und jede noch so schlechte Nachricht wird solange schöngeredet, bis es auch jeder Nachplapperer verinnerlicht hat.

Schon die Hartz–Kommission hatte in ihrem Abschlußbericht die Presse als Verlautbarungsorgan einer Erfolgsorgie eingeplant und entsprechend eingeschworen. So heißt es dort [2]: "Medien können durch ihre dauernde Präsenz helfen, die endlose Last der Arbeitslosigkeit, wie sie in der Gesellschaft derzeit wahrgenommen wird, zu einer Endlichkeit zu bringen. Durch gezielte Aktionen und Programme wie »Gemeinsam packen wir es an und schaffen das Problem in 3 Jahren!« kann eine Aufbruchstimmung erzeugt werden." Dabei ist es natürlich völlig unerheblich, wie die nackte Realität aussieht. Hauptsache, der Laden brummt.

Aber selbst wenn, um auf die Montagsdemonstrationen zurückzukommen, weniger Menschen selbige aufsuchen, ist ja damit das zugrunde liegende Problem nicht vom Tisch. Die meisten Menschen haben anderes zu tun als ausgerechnet bei Sonne und Regen jeden Montag durch die Innenstädte zu latschen. Es ist sicher an der Zeit, zu anderen Aktionsformen zu greifen, die deutlich machen, daß die organisierte Plünderungstour gegen Arbeitslose und (noch) Arbeitende ganz gewiß nicht widerstandslos hingenommen werden wird. Da mag eine Demonstration, wie sie für den kommenden Samstag in Berlin geplant ist, auch nur ein Zwischenschritt sein.

Zu dieser bundesweiten Großdemonstration gegen die Hartz–Gesetze und die Agenda 2010 der Bundesregierung fährt am Samstag um 5 Uhr morgens ein Bus der Gewerkschaft ver.di vom Gewerkschaftshaus in der Rheinstraße 50 ab. Die Fahrt nach Berlin kostet 5 Euro pro Person; Anmeldungen werden telefonisch unter 16 88 01 entgegengenommen. Die Demonstration beginnt um 13 Uhr auf dem Alexanderplatz. Mit der Rückkehr aus Berlin wird kurz vor Mitternacht gerechnet. Wer in Zukunft für einen Euro anschaffen gehen möchte, kann natürlich auch gleich zu Hause bleiben.

Der gesellschaftliche Erosionsprozeß zeigt sich auch an anderer Stelle. Die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg haben deutlich gemacht, daß die großen Volksparteien nicht nur an Glaubwürdigkeit, sondern auch an Wählbarkeit verlieren. Daß die PDS im Osten eine ganz spezielle Funktion übernimmt und nicht zuletzt auch Protestpotential binden soll, muß uns nicht überraschen. Auch daß rechtsradikale Parteien in die Landtage einziehen, ist alles andere als verwunderlich. Es zeigt, daß die CDU derzeit nicht in der Lage ist, ihren rechten Rand bei Laune zu halten [3].

Insofern ist die eigentlich skandalöse Aussage des BDI–Präsidenten Michael Rogowski, daß die Wahlerfolge rechtsradikaler Parteien nicht überbewertet werden sollten [4], durchaus folgerichtig. Denn erstens waren und sind Nazis und ihre Nachfolger für das deutsche Kapital allenfalls ein Imageproblem und zweitens sind Wahlen ohnehin nicht so wichtig. Die Kommunalwahlen in Nordrhein–Westfalen boten ja geradezu US–amerikanische Verhältnisse. Gerade einmal die Hälfte der Wahlberechtigten hielt es noch für nötig und sinnvoll, ihre Stimme auf Nimmerwiedersehen abzugeben. Die Parteien in NRW waren jedenfalls mit diesem Ergebnis sehr zufrieden [5].

Wenn die abgegebenen Stimmen letztlich nicht zählen, dann sind ein paar Nazis mehr oder weniger auch kein Problem. Zumindest für die herrschende Klasse, wenn sie ihr Reformprogramm abzieht. Neonazis sind zwar nicht beliebt, aber sie werden geduldet. Denn es könnte ja doch einmal sein, daß sie noch gebraucht werden. Da ist es schon fast unnötig, darauf zu verweisen, daß Neonazi–Aufmärsche von der Polizei systematisch vor Gegendemonstrationen geschützt werden, wie am 28. August [2004] in Heppenheim geschehen.

Aufgrund dieser guten Erfahrungen wollen die Neonazis am 3. Oktober ein weiteres Mal in Heppenheim aufmarschieren. Populistisch nehmen sie den Protest gegen Hartz IV auf, weil sie sich ausrechnen, daß die sozialen Erosionsprozesse auch vor dem Bewußtsein der Ausgegrenzten nicht Halt machen. Ob hiergegen eine Protestkundgebung mit anschließendem internationalen Kulturfest eine ausreichende Antwort ist? Jedenfalls rufen verschiedene Gewerkschaften, Sozialdemokratinnen, Antifas, Grüne, DKP, Christen und andere für kommenden Sonntag um 11 Uhr 30 dazu auf, sich am Bahnhof in Heppenheim zu treffen.

Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Allerdings eines, das in der deutschen Gesellschaft ganz offensichtlich immer noch seinen Platz findet. Michael Rogowski kommt das Verdienst zu, diesen Skandal öffentlich ausgesprochen zu haben.

 

Gegen die Arbeit

Besprechung von : Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Maria Wölflingseder und Karl-Heinz Lewed (Hg.) – Dead Men Working, Unrast Verlag 2004, EUR 16,00

Allenthalben ist davon die Rede: es müssen Arbeitsplätze geschaffen werden. Bundesregierung und Opposition palavern in trautem Einklang mit Wirtschaftsverbänden, Massenmedien und Wirtschaftsweisen hierüber, so als kümmere sie die Realität nicht. Man und frau könnte den Eindruck eines autistischen Kaffeekränzchens bekommen. Dabei geht es nicht um Arbeitsplätze, sondern darum, die Ausbeutung profitabler zu gestalten. Alle Gesetzesvorhaben der letzten Jahre hatten nur ein Ziel: die Massenarbeitslosigkeit zu nutzen, um den Arbeitsmarkt einmal so richtig aufzumischen. Daß hierbei ganz konkrete Menschen auf der Strecke bleiben, ist nicht etwa beklagenswerter Kollateralschaden, sondern geradezu erwünscht.

Eine Demonstration wie in Berlin oder wie die für Anfang November in Nürnberg geplante wird jedoch an diesen Verhältnissen wenig ändern. Das spricht nicht dagegen, an diesen Demonstrationen teilzunehmen. Nein, es verweist darauf, daß die sozialen Erosionsprozesse kapitalistischer Deregulierung im Bewußtsein der lohnabhängig arbeitenden oder nicht mehr arbeitenden Menschen sich so festgesetzt haben, daß wir fest daran glauben: Widerstand ist zwecklos [6].

Der heilige Markt verkündet es uns tagtäglich: Wir müssen unser Humankapital nur richtig einsetzen, unsere Chancen nur richtig wahrnehmen, das damit verbundene Risiko billigend in Kauf nehmen und vor allem positiv denken. Davon entsteht zwar kein neuer Arbeitsplatz, aber es fördert den Konkurrenzgeist und zerstört die letzten Reste zwischenmenschlicher Solidarität. Allein machen sie dich ein – genau darum geht es.

Und so schwierig es ist, so wenig erfolgversprechend oder vielleicht gar utopisch: wenn wir uns nicht aufgeben wollen, wenn wir nicht überrollt werden wollen, wenn wir uns auch morgen noch im Spiegel anschauen mögen wollen – dann müssen wir uns überlegen, wie wir dem neoliberal aufgeblasenen Wahn einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft etwas entgegensetzen.

Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Maria Wölflingseder und Karl-Heinz Lewed haben in dem von ihnen im Unrast Verlag herausgegebenen Buch Dead Men Working eine Art Gebrauchsanweisung zur Arbeits– und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs zusammengetragen. Sie zeigen: wir sind nicht allein; unsere Lage ist kein Schicksal. Nicht wir sind daran Schuld, sondern die Verhältnisse, die uns aufgezwungen werden.

Im Kapitalismus wird nur das produziert, was sich vermarkten läßt, was Profit einbringt. Dem Kapital ist es dabei völlig schnuppe, ob es sich um Giftgas, Babypuder, Kopfschmerztabletten oder Werkzeugmaschinen handelt. Nicht die Bedürfnisbefriedigung der Menschheit ist das Ziel, sondern die Produktion von Gütern, die sich verkaufen lassen. Pervers, wie die sich daraus ergebende Logik ist, werden Bedürfnisse, die sich nicht in barer Münze äußern, ignoriert. Wenn dabei Menschen krepieren, gehört dies geradezu zum Geschäft.

Das kapitalistische Modell ist in eine Krise geraten. Es ist zwar erst einmal nur eine Verwertungskrise, aber sie erfordert einen grundlegenden Umbau aller gesellschaftlichen Beziehungen. Die neoliberale Konterrevolution, die 1973 erstmals in Pinochets Chile eingeführt wurde, hat längst die Metropolen des Kapitals erreicht. Alles steht auf dem Prüfstand. Die dritte technologische Revolution hat einen Produktivitätsfortschritt hervorgebracht, bei dem mehr produziert wird als sich verkaufen läßt. Es überlebt, wer kostengünstiger produziert als sein Konkurrent. Der Angriff auf die Löhne und sozialen Errungenschaften ist daher folgerichtig.

Daß es ausgerechnet eine rot–grüne Koalition ist, welche das neoliberale Brutalisierungsprogramm durchzieht, mag ein Treppenwitz der Geschichte sein. Allerdings zeigt sich durchaus, daß gerade die Grünen mit ihrer auf Individualismus und Verzicht gegründeten Programmatik die besten Sachwalter neoliberaler Ideologie und Praxis sind. Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sind ohnehin dem Arbeitsethos unterworfen; deshalb tun sie alles, um Arbeit zu schaffen, Arbeit zu sichern und Arbeit zu propagieren – selbst auf die Gefahr hin, ihre eigene Klientel vor den Kopf zu stoßen. Wir sehen: nicht nur das Kapital, auch die Arbeit wird zum Problem.

 

Fanatischer Markt

Das Reformprogramm der Agenda 2010 bringt den Schulterschluß von neoliberalen Grünen, sozialdemokratischen Arbeitsethikern, christlichen Kapitalfetischisten und liberalen Yuppies zustande. Das Programm ist zwar nicht konsistent, weil es widersprüchliche Vorstellungen und Erfordernisse vereinen muß; einig sind sie sich aber alle in einem Punkt: im Angriff auf das arbeitsscheue Pack.

Und das sind nicht nur die Arbeitslosen, sondern auch all diejenigen, die als Lohnabhängige mit ihrer Leistung geizen, die nicht flexibel und belastbar genug sind, die sich weigern, sich jeder Erpressung zu beugen, die krank feiern oder ihren wohlverdienten Urlaub nehmen. Ernst Lohoff, einer der Autoren von Dead Men Working schreibt:

Fanatiker können nie genug bekommen. Das ist allerdings nicht der einzige Grund für das nimmermüde Klagelied und immergleiche Spiel. Bei aller inneren Kohärenz, in ein konsistentes Gesamtkonzept übersetzt sich das arbeitsterroristische Programm tatsächlich in keiner Weise. Nicht nur, dass Teilmaßnahmen unerwünschte fatale Nebenwirkungen zeitigen, sie geraten auch regelmäßig in Widerspruch zueinander; keines der lauthals verkündeten Ziele wird erreicht. Mit einer dauerhaften Stabilisierung der Sozialversicherungskassen ist ebenso wenig zu rechnen wie mit einer Senkung der Arbeitslosenzahlen – von statistischen Effekten einmal abgesehen. [7]

Wobei durchaus danach zu fragen wäre, ob es wirklich darum geht. Wer braucht noch eine Sozialversicherung, wenn der Arbeitsmarkt genügend Arbeitskräfte bereitstellt, die bereit sind, jeden Dreck zu fressen? Wer nicht mehr arbeiten kann, fliegt raus und wird sich selbst überlassen. Wenn wir das neoliberale Dogma vom homo oeconomicus in aller Brutalität zu Ende denken, ist dies genau das, was uns erwartet: wir werden von früh auf dazu getrimmt, uns auf Kosten Anderer einen Platz in der Gesellschaft zu erobern. Die sozialen Folgekosten interessieren nicht, solange sie keinen Aufruhr verursachen oder sich nicht profitabel verwerten lassen.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, daß wir geradezu noch im Auge des Wirbelsturms leben. Zwei Drittel der Erdbevölkerung werden jetzt schon sich selbst und der Plünderungsökonomie terroristischer Warlordstrukturen überlassen. Diese zwei Drittel wurden zuvor mit Hilfe von IWF und Weltbank systematisch ausgeweidet und werden es noch heute. So gesehen bekommt die Wahl von Horst Köhler zum Bundespräsidenten noch einen ganz eigenen unappetitlichen Beigeschmack. Horst Köhler weiß nämlich, wovon er redet. Als Präsident des Internationalen Währungsfonds war er in die Geheimnisse dieser globalen Ausplünderung eingeweiht.

Dead Men Working ist ein spannendes Buch. Mit möglichst wenig Illusionen über die Grausamkeiten, die uns zugemutet werden, und einem klaren Blick für die globalen Ausbeutungsverhältnisse versuchen die Autorin und die Autoren den Grund allen Übels herauszuarbeiten. Wo im Marxismus das Kapital als Gegner ausgemacht wird, ist es hier die Arbeit. Die Arbeit gleichermaßen als sinnentleerter abstrakter Begriff und als Grundlage für Wertschöpfung, Ausbeutung und Profit. Deshalb versuchen sie erst gar nicht, sich an der Reparatur des Kapitalismus abzuarbeiten, sondern empfehlen gleich die Abschaffung des allgemeinen Wahnsinns.

Lothar Galow–Bergemann beispielsweise beleuchtet den wohlklingenden Begriff des Qualitätsmanagements im Gesundheitswesen. Heraus kommt die nüchterne Sicht, daß die Krankenhäuser nicht nur entbürokratisiert werden sollen, sondern so umgestaltet, daß durch profitable Rationalisierungsprozesse die nun Kundinnen und Kunden genannten Patientinnen und Patienten effizient durchgeschleust werden.

Ein wesentliches Ziel von Qualitätsmanagement ist es deshalb auch, die Umdefinition von [Patientinnen und Patienten] und deren Angehörigen zu Kunden in den Köpfen der Klinikbeschäftigten zu verankern. Dabei wird geschickt an dem in diesen Kreisen durchaus verbreiteten Unbehagen an dem Begriff »Patient« angesetzt. Der leidende, unmündige Patient ist nicht das, was man sich eigentlich wünscht. Zu Recht wird die im Bild des Patienten enthaltene reduktionistische Sicht des Menschen kritisiert. Als scheinbare Alternative wird nun der Begriff »Kunde« ins Spiel gebracht. Aber diese Neubestimmung läuft nur auf eine noch radikalere Reduktion von Menschen hinaus. »Kundenbeziehungen« sind Geldbeziehungen. Der Kunde ist nur solange König, wie er zahlungskräftig ist. [8]
Mittels Qualitätsmanagement und Kundenorientierung sollen die Beschäftigten der Kliniken für den Verdrängungswettbewerb »fit gemacht« werden. Aus dem Munde des Managements hört sich das so an: »Wir müssen das Gold in den Köpfen unserer Mitarbeiter heben.« […] Die Goldgrube in den Köpfen gilt es also zu heben. Womit sie anschließend aufzufüllen ist, ist auch kein Geheimnis: Mit Angst. Um den Arbeitsplatz. Wer nicht immer mehr »Leistung« aus sich herauspresst, verliert seine Existenzgrundlage. [9]

 

Einübung in die Sinnlosigkeit

Wer durch diesen auf dem Rücken der Patientinnen, pardon: der Kunden, ausgetragenen Konkurrenzkampf nicht überlebt, darf sich dies als eigene Schuld zurechnen. Es ist nicht etwa das gnadenlose Verwertungsprinzip, sondern die angebliche eigene Unfähigkeit, das Qualitätsmanagement effizient umgesetzt zu haben. Aber es gibt ja noch eine Chance, man und frau muß sie nur nutzen: Der aktivierende Staat fordert und fördert [10]. Frank Rentschler untersucht im Sammelband Dead Men Working die ideologischen wie praktischen Auswirkungen des allgemeinen Schwachsinns, der jedoch Methode hat.

Denn wie sollen die Arbeitsagenturen ihre Zielvorgaben erfüllen? Beziehungsweise: welche Zielvorgaben? Auch hier ist die Kostenreduzierung Leitmotiv. Das Arbeitsamt sortiert sich seine Fälle nach ganz eigenwilligen Kriterien heraus. Kosten fallen nur dann an, wenn Leistungen bezogen werden. Also sorgt man und frau durch aktive Verfolgungsbetreuung dafür, daß Arbeitslose sich in den Fallstricken des Sozialgesetzbuchs verheddern. Dabei wird auch nicht davor zurückgeschreckt, gesetzwidrige Methoden anzuwenden.

Das Zauberwort heißt Sperrzeit und es werden ganz konsequent in den Arbeitsämtern dann auch Hitlisten geführt, um herauszufinden, wer nicht genügend Druck auf die Arbeitslosen ausgeübt hat. Kein Wunder, daß jede mögliche und unmögliche Gelegenheit zur Verhängung von Sperrzeiten genutzt wird. Wer hierbei nicht auf der Strecke bleibt, soll gefordert und gefördert werden. Ganz freiwillig wird der Kunde Arbeitslose durch die staatliche Verwaltung dazu gebracht, an der eigenen Verhaltenskorrektur mitzuwirken. Denn es liegt ja an jeder und jedem einzelnen selbst, daß es keine Jobs gibt. Die sinnlosesten Fördermaßnahmen haben nur einen Sinn: Anpassung.

Die Position der Arbeitslosen dem Arbeitsamt gegenüber ist nicht mehr bestimmt durch den erworbenen Anspruch auf Leistungen, sondern sie gelten nach dem Hartz–Konzept jetzt als »Kunden« [11]. Dieser Begriff ist durchaus treffend, da dem Antrag auf Arbeitslosengeld zukünftig eine Überprüfung der »Kreditwürdigkeit« des Antragsstellers vorausgeht. Es muss geklärt werden, ob sich die Investition in sein »Humankapital« überhaupt lohnt.

Das Arbeitsamt

hat die Aufgabe zu überprüfen, ob die Menschen, die [es] aufsuchen, angepasst genug sind, und welcher Aufwand betrieben werden müsste, um sie fit für den Arbeitsmarkt zu machen. [12]

So betrachtet macht auch das sinnloseste Bewerbungstraining wieder Sinn. Es ist so wie in der Schule und an der Universität. Neben den offiziellen Fächern gibt es noch den heimlichen Lehrplan. Und dieser besteht aus Disziplin, Anpassungsfähigkeit, Flexibilisierung und Maul halten. Das Beratungsgespräch soll dann abklären, ob sich der ganze Aufwand überhaupt lohnt. Maria Wölflingseder beschreibt aus ihrer österreichischen Sicht, was Menschen hierbei zugemutet wird zu schlucken; und zwar durchaus im wahrsten Sinne des Wortes.

Erich Ribolits faßt deshalb auch zurecht den Übergang vom Job zum Arbeitsamt mit den Worten Vom sinnlosen Arbeiten zum sinnlosen Lernen zusammen. Wenn die Unterwerfung das Ziel ist, ist lebenslanges Lernen sozusagen der Knast, in dem die Gehirnwäsche abläuft. Was jedoch auch bedeutet: Arbeit im Kapitalismus mag zwar subjektiv (und oftmals nur eingebildet) befriedigend sein, aber in Wahrheit ist sie entfremdet und macht krank. Marco Fernandes beschreibt anhand des argentinischen Beispiels, wie sich eine Betriebsbesetzung auf politisches Bewußtsein, soziale Kommunikation und Zufriedenheit mit sich auswirkt. Ohne Chefs arbeitet es sich besser – und wer von uns wüßte dies nicht selbst aus eigener Erfahrung?

 

Die Liebe zur Arbeit

Holger Schatz bringt jedoch noch einen anderen Gedankengang hinein, der sehr verführerisch zum Weiterspinnen einlädt.

In einer Kultur, in der Arbeit derart positiv besetzt ist wie in der unseren, lassen sich die Folgen eines Arbeitsplatzverlusts etwa mit den einer Auflösung einer Liebesbeziehung vergleichen. Arbeit wie Beziehungspartner waren vor der Trennung Objekte libidinöser Besetzung. Im Falle der Liebesbeziehung ist das Subjekt nun bestrebt, das Objekt aufzugeben, um Selbstbewusstsein wiederzuerlangen und sich auf sein Leben konzentrieren zu können. »In der Situation der Arbeitslosigkeit würde dies bedeuten,« [zitiert er] die Psychoanalytikerin Christine Morgenroth, «sich endgültig mit dem Zustand der Nicht–Arbeit abzufinden oder bewußt auszusteigen.« Gerade dies entspricht aber weder den Interessen der meisten Arbeitslosen noch der gesellschaftlichen Erwartungshaltung. Deshalb bleibt der Arbeitslose auch in der Regel negativ auf Arbeit bezogen und ist mit all den Konsequenzen konfrontiert, die eine misslungene Trauer– und Loslösungarbeit nach sich ziehen: Ich–Schwäche, Depression, Unterwürfigkeit, gesellschaftliche (Selbst–)Isolation. Auch wenn man nicht beweisen kann, dass es gesellschaftliche Interessen gibt, die genau diesen Zusammenhang von Angst und Arbeitslosigkeit konserviert wissen wollen, so laufen doch alle Maßnahmen der Arbeitslosigkeitsverwaltung faktisch darauf hinaus. Der Arbeitslose hat sich latent schuldig zu fühlen dafür, auf Kosten der Allgemeinheit »alimentiert« zu werden. Es wird erwartet, dass es ihm schlecht geht. [13]

Und wenn ich jetzt weiterspinne, dann fragt sich, inwieweit das allgemeine Liebesbrimborium auch dazu dient, die Schuldgefühle auf einer ganz anderen Ebene einerseits ausleben zu können, andererseits gesellschaftlich nützlich zu verstärken. Da hilft doch nur noch, positiv zu denken; und es ist sicher kein Zufall, daß diese Ideologie mitsamt ihren esoterischen Begleiterscheinungen Mitte der 80er Jahre aufkam und als Placebo für die arme gebeutelte Seele verordnet wird. Dabei ist es doch so einfach, wie Maria Wölflingseder bemerkt:

Das Gegenteil von Positivem Denken ist keineswegs Negatives Denken, sondern schlicht Kritik und Veränderung in Richtung Emanzipation. [14]

Die Esoterik hingegen ist für die Flucht in Scheinwelten zuständig. Das ist nicht einmal als Anklage an diejenigen zu verstehen, die ihr Leben esoterisch zu bewältigen versuchen. Aber

in einer Welt, die immer mehr an ihren Widersprüchen zugrunde geht, in der der Schein längst mehr zählt als alles andere, ist Positives Denken das wirksamste Mittel zur Anpassung. Früher wurden Sklaven brachial zur Arbeit gezwungen, heute ist jeder sein eigener Sklaventreiber – ganz positiv eingepeitscht. [15]

Auch die moderne neoliberale Gesellschaft hat ihre Sklavinnen und Sklaven. Karl–Heinz Lewed weist auf die vielen Migrantinnen und Migranten hin, die sich mit prekären Arbeitsverhältnissen und oftmals illegal durchschlagen müssen. Einmal abgesehen vom folkloristischen Mehrwert der Multi–Kulti–Gesellschaft ist es auch ganz praktisch, sich die nützlichen Migrantinnen und Migranten herauspicken zu können. Da sind sich übrigens Christdemokraten, Sozialdemokratinnen und Grüne einig. Apropos Grüne ...

Die Ökologiedebatte, so Martin Dornis, die in den 70er Jahren begonnen hat und in den 90er Jahren in die Parlamente führte, betrachtete die gesellschaftliche Verschwendung und Müllproduktion unter dem Blickwinkel des Verzichts. Anstatt sich eine Gesellschaft vorzustellen, die ihren Reichtum verantwortungsbewußt organisiert, predigten sie Askese und Nischenexistenzen. An den Futterkrippen angekommen, füllten sie ihren neuen Wein in den altbekannten Schläuchen der Verzichtsethik. Neoliberal gewendet – und das sind die meisten Grünen ja –, wird diese Verzichtsideologie auf einmal auch noch gesellschaftlich nützlich – für's Kapital zumindest.

Gaston Valdivia führt uns schließlich noch einen ganz anderen Blickwinkel vor Augen. Die absurdeste Reproduktionsweise der Menschheitsgeschichte, so sagt er, beruht auf einer absolut irrsinnigen Zeitverschwendung. Das sind nicht nur die Monate unseres Lebens, die wir vor den Supermarktkassen Schlange stehen [16], sondern auch die nur im Kapitalismus beheimateten Geldgeschäfte, Transportwege, Fahrtzeiten von und zur Arbeit oder zum Sozialamt, Wartezeiten bei Ärzten, in Behörden oder im Stau – nur weil dies im Kapitalismus die einzig Art und Weise ist, Warenproduktion, Geldzirkulation oder persönliche Bedürfnisbefriedigung zuzulassen.

Was also tun? Wenn der Irrsinn Methode hat, macht es wenig Sinn, Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten, um den Wahnsinn ein wenig erträglicher zu gestalten. Der Sozialstaat ist kein Rückzugsgebiet, die Arbeit kein Lebenselixier. Nur eine Gesellschaft, in der die Menschen ihre Bedürfnisse gemeinsam artikulieren, kommunizieren und die Produktion entsprechend ausrichten, ohne Chefs und Herrschaft, ohne Rassismus und Sexismus, nur eine solche Gesellschaft kann ein Ausweg aus dieser Misere sein. Utopisch? Ganz sicher! Aber allemal besser als das, was wir hier vorfinden. Und das finden sicher auch und vor allem die Milliarden Ausgegrenzten dieser Erde.

Gebrauchsanweisungen zur Arbeits– und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs nennt sich das im Unrast Verlag erschienene Buch Dead Men Working. Anstatt sich totzuarbeiten, sollten wir lieber eine Pause einlegen, darüber nachdenken, was wir hier eigentlich tun, und dazu ein gutes Buch wie dieses lesen. Vielleicht auf der Busfahrt nach Berlin, während die anderen noch ein wenig ausschlafen. Es kostet 16 Euro.

 

Ausgrenzungen grenzenlosen Wahns

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 4/2004, EUR 9,50

Um Ausgrenzung, auf Neudeutsch Exklusion, geht es auch im August / September–Heft der Zeitschrift Mittelweg 36 aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung.

Die neoliberale Wahnwelt benötigt nur noch eine bestimmte Masse an möglichst billigen Arbeitskräften. Während in den Zeiten des sozialstaatlichen Kompromisses der 60er und 70er Jahre nur Randgruppen nicht wirklich zur Gesellschaft gehörten, führen die ökonomischen Erosionsprozesse heute dazu, daß sich selbst die Mitte der Gesellschaft nicht sicher sein kann, auch morgen noch dazuzugehören. Der Soziologe Heinz Bude schreibt hierzu:

Die Formel von der »Ich–AG« bringt die zeitgenössische Problematik der Exklusion auf den Punkt. Das unternehmerische Selbst soll für diejenigen die Rettung bringen, die in der Gefahr stehen, den Anschluß zu verlieren. [17]

So wird im politischen Alltagsgeschwätz dann auch von Chancen und Risiken geredet, als ob die individuellen Schicksale nebensächlich wären. Doch was geschieht, wenn man oder frau den eigenen Platz in dieser Welt verloren hat, wenn es scheinbar und oftmals auch tatsächlich keine wirkliche Perspektive gibt? Nun, die gesellschaftliche Polarisierung sortiert die Nützlichen aus, säubert ihre öffentlichen Orte der warenförmigen Lustbarkeiten vom verkaufsschädlichen Gesindel, und sperrt sie – falls nötig – weg. Dies ist oftmals nicht einmal nötig: die Ausgegrenzten sperren sich selbst in ihre eigenen vier Wände ein und erflimmern sich eine eigene Welt.

Oliver Callies ergänzt in einem zweiten Beitrag zum Thema Exklusion, daß die hiervon Bedrohten oder gar Betroffenen dennoch mit unterschiedlicher Selbstwahrnehmung damit umgehen. Erst die fehlende Zukunftsperspektive macht auch in der eigenen Wahrnehmung das Ausgegrenzte aus. Berthold Vogel schließlich betrachtet den Nachmittag des Wohlfahrtsstaats, der seiner Meinung nach noch nicht seine Bedeutung eingebüßt hat. Allerdings nimmt die Verletzbarkeit Einzelner und auch bestimmter gesellschaftlicher Gruppen zu und es stellt sich die Frage, welche Rolle der Staat in Zukunft für die Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse einnehmen wird.

Hier wäre den Autoren jedoch zu wünschen gewesen, sie hätten sich illusionsfrei mit der Frage beschäftigt, ob der Staat überhaupt für die Menschen da ist. Es könnte ja sein, daß der Staat nicht nur der Ausschuß ist, der die Geschäfte der gesamten Kapitalistenklasse führt, sondern seinen Bürgerinnen und Bürgern gegenüber als Summe aller hierfür notwendigen Ordnungsmaßnahmen auftritt.

 

Was Adorno zur Ikone macht

Geradezu spannend hingegen ist der Aufsatz von Christian Schneider über den Holocaust als Generationenobjekt. Seine These ist, daß die zweite Generation nach dem Holocaust den Umgang mit diesem bewacht und dabei bestimmte Deutungsmuster dieses Verbrechens kanonisiert und monopolisiert. Diese zweite Generation hat nicht nur – Ende der 60er Jahre – ihren Eltern den Prozeß gemacht, sondern sich ein Generationenobjekt erwählt, welches für diese Generation eine ganz besondere Bedeutung besitzt. Christian Schneider fragt weiter:

Warum können Achtundsechziger so schwer alt werden? Warum haben viele von ihnen den problematischen Habitus von »Berufsjugendlichen«? [18]

Interessant ist der immer wieder vorzufindende Bezug auf die Kritische Theorie, insbesondere auf Adorno und Horkheimer. Sie galt den 68ern als Schlüssel zur Welt und sie versprach die Antwort auf die Frage, wie es zu Auschwitz hat kommen können. Als jüdische Intellektuelle waren Adorno und Horkheimer Identifikationsfiguren und sie nahmen diese Rolle schon Ende der 40er Jahre auch bewußt an. Das Ganze kann jedoch auch als Tauschgeschäft gesehen werden.

Der unbewußte Pakt zwischen [Adorno] und seinen Studenten basierte darauf, daß er ihnen mit seiner Theorie, seiner Art des Denkens und Redens die Möglichkeit einer alternativen intellektuellen Herkunft bot – und sie es ihm, das war die andere Seite des Bündnisses, mit ewiger Schülerschaft vergolten. […] Das Bündnis zwischen dem ungewöhnlichen Lehrer und seinen Schülern basierte letztlich auf einer unaussprechbaren Schuld. [19]

Die zweite Schülergeneration rebellierte jedoch und behandelte die Kritische Theorie dennoch als Glaubensbekenntnis. Dies funktionierte deshalb, weil die 68er sich auf die Frühschriften Adornos und Horkheimers beriefen, um praktisch tätig werden zu können. Um das Schweigen der Elterngeneration zu dechiffrieren, wurde der Holocaust das Thema dieser Generation. Und da sie sich daran abgearbeitet hatten und somit etwas glaubten verstanden zu haben, machten sie dieses Verstandene zum Objekt ihrer eigenen Identität. Den Nachgeborenen konnten sie nur unterstellen, diese Arbeit nie leisten zu können, sich nie gegen die Elterngeneration durchgesetzt haben zu müssen, woraus folgt: nur sie selbst sind im Besitz der Wahrheit.

Vielleicht erklärt dies das zuweilen hartnäckige Beharren darauf, daß sie die heutigen Schülerinnen und Schüler immer wieder mit der Geschichte des Nationalsozialismus zu beschäftigen haben. So als bestehe der Verdacht, daß diese nachwachsende Generation unfähig sei, eine ähnlich intensive Einfühlung in die Geschichte und auch eine Identifikation mit den Opfern des Holocaust zu erreichen. Es gibt somit ein Monopol des Verstehens und die Metapher von der Singularität von Auschwitz entfaltet hier ihre volle Bedeutung. Würde diese Metapher an Bedeutung verlieren, entfiele ein wesentlicher identitätsstiftender Bezugspunkt. Und vielleicht auch der Jugendwahn.

Ich gebe zu, daß mir der Schluß daraus nicht gefällt, auch wenn ich das selbstgefällige Moralisieren der 68er ablehne. Aber die Frage drängt sich schon auf: wohin führt dieses Festhalten am eigenen Identifikationsobjekt? Joschka Fischer mußte ja bekanntlich Krieg gegen Jugoslawien führen, um ein neues herbeiphantasiertes Auschwitz zu verhindern. Aber wohin führt es uns, dieses Absolute des Singulären neu zu bewerten? Wie leicht wird die historische Schuld geleugnet und wie schnell die daraus zu ziehende Verantwortung beiseite geschoben?

Dennoch ist Christian Schneiders Gedankengang sinnvoll. Denn historisches Bewußtsein, Verantwortung und Emanzipation lassen sich nicht verordnen [20]. Sie müssen jedesmal neu in der Auseinandersetzung mit den herrschenden ungerechten Verhältnissen erarbeitet, wenn nicht erkämpft werden. Ich empfehle daher, den Aufsatz selbst zu lesen und sich eigene Gedanken hierzu zu machen. Nachzuschlagen in Heft 4/2004 der Zeitschrift Mittelweg 36. Das Heft kostet 9 Euro 50.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

zum Schluß mit einigen Veranstaltungs– und Demonstrationsterminen:

Für Dienstagabend um 19 Uhr 30 ist in der Löwenhofreite in Michelstadt eine Veranstaltung über die Schnittstellen von Esoterik und Neofaschismus angekündigt. Claudia Barth referiert hier über Esoterik und Leitkultur.

Die Ausstellung Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma im Staatsarchiv am Karolinenplatz hat noch bis zum 6. Oktober geöffnet. Am Mittwochabend um 17 Uhr lohnt sich ein Besuch besonders, denn dann gibt es eine öffentliche Führung durch die Ausstellung.

Am Samstag findet in Berlin die Großdemonstration gegen die Plünderungstour der Bundesregierung, auch Hartz IV und Agenda 2010 genannt, statt. Um 5 Uhr morgens fährt ein Bus vom Gewerkschaftshaus los; die Fahrkarte kostet pro Person 5 Euro. Anmeldungen nimmt der AStA der TU Darmstadt unter 16 88 01 entgegen.

Für Sonntag wird zur Protestkundgebung gegen einen weiteren Neonazi–Aufmarsch nach Heppenheim aufgerufen. Treffpunkt ist um 11 Uhr 30 am Bahnhof in Heppenheim.

Die Ausstellung ... gerade Dich, Arbeiter, wollen wir über den Nationalsozialismus und die freien Gewerkschaften im Mai 1933 im DGB–Haus in der Rheinstraße 50 hat noch bis zum 15. Oktober geöffnet.

Dies war eine Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt. Diese Sendung wird in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23 Uhr wiederholt, sowie am Dienstag nach dem Radiowecker um 8 Uhr und noch einmal ab 14 Uhr. Die Redaktion ist entweder telefonisch über ihre Voice–Mailbox unter der Telefonnummer 87 00 129 zu erreichen. Oder ihr schickt uns eine Email an kontakt <at> alltagundgeschichte.de. Mehr zur Redaktion und ihren Sendungen findet ihr auf der Website www.alltagundgeschichte.de.

Das Sendemanuskript zu dieser Sendung werde ich in den nächsten Tagen auf meiner eigenen Homepage zugänglich machen: www.waltpolitik.de. In wenigen Minuten folgt eine Sendung der Kulturredaktion, und zwar Äktschn! Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Darmstädter Echo vom 22. September 2004
[2]   Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, Bericht der [Hartz–]Kommission, Seite 327
[3]   Siehe hierzu beispielsweise von Gerd Wiegel: Die Union und der rechte Rand. Zur Strategie der CDU/CSU–Fraktion mit Parteien der extremen Rechten
[4]   Freie Presse (Chemnitz) vom 24. September 2004; zit. nach DeutschlandRadio Berlin, Nachrichten vom 24. September 2004
[5]   Darmstädter Echo vom 28. September 2004: "SPD und CDU trotz Verlusten zufrieden". DeutschlandRadio Berlin, Nachrichten vom 26. September 2004: "Die Landesvorsitzenden der Parteien zeigen sich mit den Ergebnissen zufrieden."
[6]   Die kapitalistische Gesellschaft als Borg–Kollektiv?
[7]   Ernst Lohoff : Das Schweigen der Lämmer. Neue soziale Frage im entsicherten Kapitalismus, in: Dead Men Working, Seite 15
[8]   Lothar Galow–Bergemann : Der Nächte bitte ... – Bemerkungen zur aktuellen Durchkapitalisierung des Lebens am Beispiel der Krankenhäuser, in: Dead Men Working, Seite 51
[9]   Galow–Bergemann, Seite 56
[10]  Silke Lautenschläger, Roland Koch und all ihre treuen Fans werden sich hier wiederfinden.
[11]  Woraus wir für's Leben lernen: Immer wenn von uns als Kunden (seltener als Kundinnen) geredet wird, sollten wir höllisch vorsichtig sein!
[12]  Frank Rentschler : Der aktivierende Staat macht mobil. Auswirkungen des »Forderns und Förderns«, in: Dead Men Working, Seite 92
[13]  Holger Schatz : Last Exit Meritocracy. Zur Herrschaftsrationalität der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, in: Dead Men Working, Seite 144–145
[14]  Maria Wölflingseder : »Je mehr Magenschmerzen, desto süßer lächeln sie«, in: Dead Men Working, Seite 155
[15]  Wölflingseder, Seite 156
[16]  Eine durchschnittliche Mitteleuropäerin verbringt im Verlauf ihres Lebens wahrscheinlich zwei bis drei Monate (24 Stunden, jeden Tag!) schlangestehend vor den Kassen von Supermärkten, Einkaufszentren oder Lifestyle–Shops. Dies wird dem Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Michael Rogowski, wohl kaum widerfahren. Weshalb er – autistisch, wie die Manager der Macht nun einmal sind und denken – das Einkaufen zum Erlebnis hochstilisiert, das auch noch Spaß machen soll. Absurd wird der Gedanke erst recht, wenn wir das berühmt–berüchtigte Frustkaufen bedenken, das nicht nur der Leistungs– wie der Leidensbereitschaft der Ware Arbeitskraft dient, sondern auch einen durchaus profitablen Aspekt besitzt. So läßt sich aus der psychischen Zurichtung der Menschen auch noch etwas Nützliches herausschlagen.
[17]  Heinz Bude : Das Phänomen der Exklusion. Der Widerstreit zwischen gesellschaftlicher Erfahrung und soziologischer Rekonstruktion, in: Mittelweg 36, Heft 4/2004, Seite 3–15, Zitat auf Seite 12
[18]  Christian Schneider : Der Holocaust als Generationsobjekt. Generationengeschichtliche Anmerkungen zu einer deutschen Identitätsproblematik, in: Mittelweg 36, Heft 4/2004, Seite 56–73, Zitat auf Seite 61
[19]  Schneider, Seite 63
[20]  Das ist nicht zuletzt der Grund dafür, warum die Geschichtslektion "Holocaust" von nicht wenigen Schülerinnen und Schülern als so quälend erlebt wird. Staatlich verordnete Gedenkpolitik setzt nämlich gerade nicht auf Erziehung zur Emanzipation, Selbstbestimmung und Verantwortung. Schulziel ist die möglichst reibungslose Integration in den Arbeitsmarkt nach Kriterien der Verwertbarkeit. Es liegt also nicht an der "heutigen Jugend", daß politisch so wenig mit ihr anzufangen ist, sondern an den gesellschaftlichen Umständen, die Kinder und Jugendliche systematisch daran hindern, zu reflektierten, kritischen und (im Sinne der kapital–patriarchalen Systemlogik) zu widerspenstigen Menschen zu werden. Doch nur Menschen des emanzipatorischen Widerspruchs sind auch solche, welche die richtige Lehre aus dem Holocaust ziehen könnten: nämlich eine Gesellschaft abzuschaffen, welche dieses Verbrechen erst ermöglicht hat.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 20. September 2009 aktualisiert.
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