Tübinger Wandschmuck
Tübinger Wandschmuck

Kapital – Verbrechen

Ein Erbe des Kolonialismus

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 12. Mai 2008, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 12./13. Mai 2008, 23.05 bis 00.05 Uhr
Dienstag, 13. Mai 2008, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 13. Mai 2008, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Die literaturgeschichtlich orientierte Senghor-Biografie von János Riesz provoziert die Fragestellung, was sich über den Politiker Senghor sagen läßt. Wir werden sehen, daß Senghor ganz zurecht einen Preis für erwiesene Toleranz erhalten hat, was uns dazu ermutigen sollte, dem Inhalt dieses Toleranz­gedankens nachzugehen.

Besprochenes Buch:

János Riesz: Léopold Sédar Senghor und der afrikanische Aufbruch im 20. Jahrhundert, Peter Hammer Verlag

Zwischenmusik:

Zap Mama – Sabsylma


Inhaltsverzeichnis

 


 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Léopold Sédar Senghor, Staatspräsident des Senegal von 1960 bis 1980, Mitbegründer der Négritude. Sein literarisches Werk zählt für den etablierten globalen Literaturbetrieb zur bedeutendsten Poesie des afrikanischen Kontinents im 20. Jahrhundert. Das kann und will ich nicht beurteilen, denn ich bin weder Literaturwissenschaftler noch Literaturkritiker. Mich interessiert mehr der Politiker Senghor, der mit seinen Gedichten vielschichtig Gedanken zum Ausdruck bringt, die dem afrikanischen Aufbruch in der Mitte des 20. Jahrhunderts angehören.

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte bei Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Huldvoll geehrte Toleranz

Auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2006 entdeckte ich auf der Suche nach neuen, spannenden Büchern, die uns die globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts besser erklären können, ein Werk, das eher rückwärts gewandt scheint. Da ich prinzipiell davon ausgehe, daß zum Verständnis der heutigen Welt unbedingt auch ein Verständnis ihrer Vorgeschichte gehört, wurde ich neugierig. Auf dem Stand des auf die literarische Produktion der sogenannten Dritten Welt spezialisierten Peter Hammer Verlages entdeckte ich die Senghor-Biografie des lange Zeit an der Universität Bayreuth lehrenden Afroromanisten János Riesz.

Ein kurzer Blick in das Buch auf dem Messestand verriet mir, daß mich dieses Werk provozieren würde. Insbesondere die politische Dimension des Lebens und Wirkens Léopold Sédar Senghors nach der erlangten Unabhängigkeit des Senegal im Jahr 1960 wird hier ausgespart. Und hier stellt sich die Frage, was in den vier Jahrzehnten bis zum Tod des Gedichte schreibenden Präsidenten 2001 noch so alles geschehen ist. Damit verbunden ist die Aussage, daß sich das literarische Wirken und das politische Handeln nicht voneinander trennen läßt; das eine drückt sich im anderen aus, nur eben unter anderen Vorzeichen.

Vielleicht ist es hier sinnvoll, auf ein eher unscheinbar erscheinendes Ereignis im Jahr 1983 zurückzugehen. Am 27. Mai 1983 wurde dem inzwischen zurück getretenen Staatspräsidenten im Festsaal der Eberhard-Karls-Universität zu Tübingen der Dr. Leopold-Lucas-Preis verliehen [1]. Dieser Preis ehrt bedeutende Persönlichkeiten, die sich um die Verbreitung des Toleranzgedankens verdient gemacht haben. Menschen wie du und ich, die wir in unserem Alltag womöglich das eine oder andere Mal Toleranz zeigen und leben, aber auch vermitteln und predigen, werden jedoch nie die Gelegenheit erhalten, diesen Preis überreicht zu bekommen. Dies hat seinen guten Grund. Die Bourgeoisie ehrt ihre Kinder, ihre Glaubensgenossen, manchmal auch ihre Glaubensgenossinnen – also ihre intellektuellen Zuträger, die das Legitimationskostüm der bürgerlichen Herrschaft ersinnen und verbreiten.

So sollte auch hier, so das lokale Schwäbische Tagblatt in Tübingen,

das Wirken des Kulturphilosophen, Dichters und politischen Schriftstellers […], der sich besonders um den Dialog zwischen schwarzafrikanischer und abendländischer Kultur bemüht hat und sich damit wie auch durch sein Wirken als französischer Politiker und afrikanischer Staatsmann große Verdienste um das Verständnis zwischen den Völkern Afrikas und Europas erworben hat,

geehrt werden. [2]

Schon alleine die Preisverleihung im festlichen Rahmen einer deutschen Universität wirft die Frage auf, was denn genau mit dieser Toleranz gemeint ist und wem sie zugute kommt. Und bevor ich mich der Vorstellung der literarisch orientierten Biografie von János Riesz zuwende, möchte ich hierauf etwas näher eingehen.

Was der universitäre Wissenschaftsbetrieb unter Toleranz versteht, ist im Grunde nichts anderes als das, was Herbert Marcuse in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts genauer als repressive Toleranz benannt hat. Die Toleranz der vorherrschenden kapitalistischen Wirklichkeit erstreckt sich im wesentlichen nur so weit, wie sie die Freiheit des Marktes befördert und kein größeres Hindernis für den Erwerb von Macht und Reichtum darstellt. Das philosophische Gerüst dieses so präziser verstandenen Toleranzgedankens wurde passend zum Anlaß im universitären Festsaal vom damaligen Tübinger Stadtmagazin TüTe (Abkürzung für Tübinger Termine) in einer Rezension eines anderen Buchs [3] umrissen, welches ein Jahr vor der Preisverleihung an Senghor die inhaltlichen Grundlagen dieses Toleranzgedankens darlegte.

Diese politische Dimension wird bestätigt in dem wohl wichtigsten Artikel des Bandes "Duldsamkeit und intellektuelle Verantwortlichkeit" von Karl R. Popper. Der Vordenker von Unipräsident Theis hat seine eigene Art antikommunistischer Geschichtsschreibung, wenn er mit seiner Brille der Toleranz in die Welt blickt. Er sieht die Flüchtlinge aus Vietnam, die Opfer Pol Pots, die Opfer der Revolution im Iran und die flüchtenden Afghanen. Sie alle sind Opfer von "machttrunkenen Fanatikern". Nun sind zugegebener Maßen die Morde Pol Pots sowenig zu verteidigen wie die sowjetischen Truppen in Kabul. Doch wo sieht dieser große Tolerierende die Toleranz in der Türkei, in Chile oder Nordirland? [4]

Popper leitet aus dieser unwissenschaftlichen Einseitigkeit und methodischen Fehlerhaftigkeit nicht nur philosophische Lehrsätze ab, über die er mit seinesgleichen zu streiten sucht, sondern er bündelt sie zu staatsbürgerlichen Pflichten und Warnsignalen: "Wenn wir der Intoleranz den Anspruch zugestehen, toleriert zu werden, dann zerstören wir die Toleranz und den Rechtsstaat. Das war das Schicksal der Weimarer Republik." […] Hier beginnt Poppers Idealismus als platter Abklatsch eines mißverstandenen philosophischen Positivismus zur Staatsideologie zu werden. Wehe dem Kritiker, der diesen Staat kritisiert und sich damit außerhalb der eng umgrenzten Toleranz bewegt? Peter Brückner durfte seine Häresie nicht überleben – er erhielt Haus- und Berufsverbot, wurde kriminalisiert und isoliert. Brückner symbolisiert die Folgen der Popperschen Toleranz in Reinform. Helmut Schmidt und Adolf Theis gehören nicht zufällig zu den geistigen Schülern Poppers. Bürgerliche Machtpositionen bedürfen zeitweilig einer weihevollen Legitimation willfähriger Philosophie.

Wenn Popper von Toleranz redet, meint er den "kritischen Pluralismus". Darunter versteht er das Recht der Vielfalt an Meinungen, das gewährt wird und bei Mißbrauch entzogen werden kann. Dies stellt die bourgeoise Interpretation eines Bürgerrechts im Sinne Art. 18 GG dar. [5]

Herbert Marcuse faßte 1965 diesen Gedanken der repressiven Toleranz in folgende Worte: Es diene

was heute als Toleranz verkündet und praktiziert wird, in vielen seiner wirksamsten Manifestationen den Interessen der Unterdrückung. [6]

Dieser von einem gewissen Cartouche verfaßte Text bezieht sich in ihrer damaligen Aktualität auf die Nachwirkungen der Studentenbewegung, aber vor allem auf den Deutschen Herbst. Die 70er Jahre brachten das System der repressiven Toleranz vor allem dort zum Ausdruck, wo unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung gezielt linke, emanzipatorische Strukturen engegriffen, kriminalisiert und zerschlagen wurden. Das befreiende Moment der 60er Jahre wurde wieder in seine staatsbürgerlichen Bahnen eingezwängt, und dort nützlich gemacht.

Die damalige Preisverleihung an Léopold Sédar Senghor war nicht unumstritten. Doch es handelte sich um eine kleine studentische Minderheit, die sich nicht nur kritisch mit dem Wissenschaftsbetrieb auseinandersetzte, sondern die zudem nach den ideologischen Grundlagen von Forschung und Lehre, Wissensanhäufung und Wissensvermittlung fragte. Sie ging damit weit über den beschränkten Horizont einer Kritik hinaus, die allein den Mangel finanzieller Ressourcen und bildungspolitischer Engpässe thematisierte. Gewisse Ähnlichkeiten zur heutigen Kritik an den Studiengebühren sind nicht zu übersehen, Ähnlichkeiten in der Beschränktheit. Anstatt zu fragen, welche Hochschulpolitik aus welchen Gründen eine Selektion der neuen Kader voranbringt, wird bemängelt, daß die eingetriebenen Studiengebühren nicht dort ankommen, wofür sie angeblich gedacht sind.

Die Institution Universität als solche bleibt unberührt. Und genau hier setzt die damalige Kritik an.

Die Fachschaftsräte-Vollversammlung, Anfang der 80er Jahre Sprachrohr eines radikaldemokratischen Ansatzes gesellschaftlicher Organisierung an der Universität Tübingen, beließ es daher auch nicht an der Kritik am Preis und am Preisträger. Sie stellte konsequent und richtig fest, daß dieser Preis schon seinen richtigen Preisträger gefunden habe [7]. Die Toleranz eines Karl Popper spiegelt sich in der Toleranz des geehrten Léopold Sédar Senghor. Ich werde auf die wenigen zu ergründenden Spuren seines politischen Handelns noch zurückkommen.

 

Ein Regime in der Krise

Léopold Sédar Senghor wurde 1906 als Sohn eines wohlhabenden Bauern, Viehzüchters und Händlers im südlichen Senegal geboren. Seine Herkunft ermöglichte ihm nicht nur den Besuch einer katholisch orientierten Grundschule, sondern auch den höheren Schulbesuch in der späteren senegalesischen Hauptstadt Dakar. 1928 besteht er sein Abitur und erhält als erster Afrikaner überhaupt ein Stipendium für ein Literaturstudium in Paris. 1935 besteht er als erster Afrikaner das Staatsexamen. Er wird Lehrer in Tours, später in einer Vorstadt von Paris. Bei Kriegsbeginn wird er eingezogen und gerät 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus der er zwei Jahre später krankheitsbedingt entlassen wird. Bis zum Kriegsende ist er wieder als Lehrer tätig.

Buchcover János Riesz - Léopold Sédar SenghorHinter diesen nüchternen Daten verbirgt sich jedoch ein Werdegang, der ihm schließlich eine Präsidentschaft von zwei Jahrzehnten Dauer beschert.

Senghor wächst auf in Zeiten, in denen das französische Kolonialregime in die Krise gerät. Die entstehende afrikanische Bourgeoisie möchte in das Herrschaftssystem eingebunden werden und mobilisiert hierfür die verarmten Bauern. Den Kolonialherren bleibt die Wahl, mittels Assimilation die lokalen Eliten einzubinden und damit den größten Teil der Bevölkerung auszugrenzen, oder nach britischem Kolonialvorbild mittels des indirect rule die Ausübung der kolonialen Herrschaft den lokalen Eliten weitgehend zu überlassen und damit die Kosten der kolonialen Ausbeutung die Kolonie selbst tragen zu lassen. Jahrzehnte später wird der Neokolonialismus auf das zweite Modell zurückgreifen.

Der globale Bürgerkrieg der imperialistischen Metropolen, augenfällig im 1. und 2. Weltkrieg, verhilft den kolonialen Eliten zu einer Neubestimmung ihrer eigenen Rolle. Selbstbewußt bieten sie dem französischen Kolonialherren die sogenannten Senegalschützen an, die nicht nur aus dem heutigen Senegal, sondern überhaupt aus dem französischen Kolonialreich Westafrikas stammen. Das Kanonenfutter ist die Eintrittskarte zur späteren Unabhängigkeit. So weit sehen dies 1914 jedoch die wenigsten.

Aber sie begreifen, daß das neu auszubalancierende Verhältnis zwischen Metropole und Kolonie auch ein neues ideologisches Fundament benötigt. Und hierbei wird Léopold Sédar Senghor eine wichtige Funktion übernehmen. Mit seinem Rückgriff auf die afrikanischen Wurzeln begegnet er den Vorstellungen weißer Überlegenheit und weißer Überheblichkeit. Die hierbei entstehende Négritude ist jedoch mehr als nur die intellektuelle Begründung für die Übertragung der Macht an die schwarzen Eliten.

Hierin drückt sich auch, und das macht den tendenziell emanzipatorischen Charakter der Négritude aus, das erwachende schwarze Selbstbewußtsein aus. Hierbei ist es kein Zufall, daß Senghor bei der Ausarbeitung seiner Theorie in den 30er Jahren auf afroamerikanische Theoretiker und Politiker aus den USA wie W.E.B. Du Bois und Marcus Garvey zurückgreift. Der zukünftige Politiker Senghor wird seine Négritude weitgehend in die Form des Gedichts kleiden. Damit drückt er einerseits den Anspruch auf die Zukunft aus, ohne diesen direkt politisch formulieren zu müssen.

Diese Interpretation ist meine; bei János Riesz finden wir den Aspekt der Négritude als Teil einer vorausgreifenden Herrschaftsideologie so nicht vor.

In der Wikipedia wird die Négritude beschrieben als

ein Konzept der kulturellen Selbstbehauptung aller Menschen Afrikas und ihrer afrikanischen Herkunft, das von einer Reihe einflussreicher Autoren geprägt wurde. So stellt Léopold Sédar Senghor, der erste Präsident Senegals, es der francité entgegen. Aimé Césaire, der den Begriff Négritude geschaffen hat, legt ihn kampfbetonter und zukunftsgewandter als Senghor aus. Entgegen der eurozentristisch behaupteten kulturlosigkeit Afrikas sowie deren Exotisierung soll damit eine eigenständige, vielseitige und gleichberechtigte 'schwarze' Kultur und Lebensweise hergestellt werden.

Sowohl Senghor – gestützt auf Leo Frobenius – als auch Césaire gehen dabei davon aus, dass Afrikaner kulturell und geschichtlich grundsätzlich anders als ihre Kolonisatoren geprägt sind. Gegenüber den vom Kolonialismus geschaffenen Negativzuschreibungen und Entwertungen ihrer Kultur als "unzivilisiert" heben sie die für sie selbst wichtigen kulturellen Fähigkeiten in einer positiven Bewertung hervor. Hinterfragt wird beispielsweise, warum sensitive und sinnliche Elemente ihrer Kultur als "triebhaft" betrachtet werden, und [sie] betonen die eigene kulturelle und philosophische Tradition.

Soweit die Wikipedia zum Thema Négritude[8]

 

Die Verdammten dieser Erde sind nicht unbedingt die besseren Menschen

Die Blütezeit dieser eine eigenständige afrikanische Tradition betonenden Sichtweise lag in den 30er und 40er Jahren. Die extreme Auslegung als Widerspruch zwischen der europäischen Rationalität und der afrikanischen Sinnlichkeit, die durchaus als antirassistischer Rassismus, so Jean-Paul Sartre, gesehen werden kann, erfuhr recht bald eine Kritik aus dem eigenen Lager. Schon der 1913 auf der französischen Antilleninsel Martinique geborene Aimé Césaire, erst recht der elf Jahre später auf derselben Insel geborene Frantz Fanon, werden später ihren senegalesischen Weggefährten kritisieren. Fanon schrieb hierzu in seinem 1952 erschienenen ersten großen Werk Schwarze Haut, weiße Masken:

Wenn ich entdecke, daß es im 15. Jahrhundert eine Neger-Zivilisation gegeben hat, verleiht mir das noch lange kein Patent auf Menschlichkeit. Ob man will oder nicht, die Vergangenheit ist in keiner Weise geeignet, mich in der Gegenwart zu leiten. [9]

Und weiter:

Auf keinen Fall darf ich aus der Vergangenheit der Völker meiner Hautfarbe meine ursprüngliche Berufung herleiten. Auf keinen Fall darf ich danach trachten, eine unverdientermaßen verkannte Neger-Zivilisation wieder aufleben zu lassen. Ich mache mich zum Menschen keiner Vergangenheit. Ich will die Vergangenheit nicht auf Kosten meiner Gegenwart und meiner Zukunft besiegen. [10]

Buchcover Frantz Fanon "Schwarze Haut weiße Masken"Fanon, der in Paris Philosophie und Medizin studiert hat, wendet den psychoanalytischen Blick auf die koloniale Situation an. Die Kolonialherren sind genauso wie die Kolonisierten Teil einer Matrix, der sie nur dann entkommen können, wenn sie sich von den Zuschreibungen und ihren damit verbundenen Rollen lösen können, um als gleichberechtigte Menschen zu leben. Deshalb kann Fanon im Rückgriff auf die heldenhafte afrikanische Geschichte keinen Nutzen erkennen.

Man verstehe uns recht! Wir sind überzeugt, daß es von großem Nutzen wäre, mit einer Neger-Literatur oder einer Neger-Architektur aus dem 3. Jahrhundert vor Christus in Berührung zu kommen. Wir wären überglücklich, wenn wir erfahren würden, daß es zwischen diesem oder jenem Neger-Philosophen oder Platon eine Entsprechung gegeben hat. Aber wir können uns absolut nicht vorstellen, daß diese Tatsache irgend etwas an der Lage der achtjährigen Kinder ändern könnte, die heute auf den Zuckerrohrplantagen von Martinique und Guadeloupe arbeiten.

Man darf den Menschen nicht festnageln wollen, denn es ist seine Bestimmung, losgelassen zu werden.[11]

Frantz Fanon zog die Konsequenz aus seiner radikalen Haltung und ging nach Algerien, um den dortigen Befreiungskampf gegen die französische Besatzung zu unterstützen. Sein aus seinen algerischen Erfahrungen resultierendes Buch Die Verdammten dieser Erde wurde von der Studentenbewegung geradezu aufgesogen. Wobei es möglicherweise eher das Vorwort von Jean-Paul Sartre war, das die Studentinnen und Studenten in seinen Bann zog; konnte hieraus doch eine Legitimation zur notfalls gewaltsamen Umstürzung elender und mörderischer Verhältnisse gezogen werden:

[D]er Kolonisierte heilt sich von der kolonialen Neurose, indem er den Kolonialherrn mit Waffengewalt davonjagt. Wenn seine Wut ausbricht, findet er sein verlorenes Selbstverständnis wieder, und er erkennt sich genau in dem Maße, wie er sich schafft. Von weitem halten wir seinen Krieg für den Triumph der Barbarei. Aber er bewirkt durch sich selbst die fortschreitende Emanzipation des Kämpfers und vernichtet in ihm und außerhalb seiner Schritt für Schritt die koloniale Finsternis. Sobald dieser Krieg ausbricht, ist er erbarmungslos. Man bleibt entweder terrorisiert oder wird selbst terroristisch. [12]

Dieser 1961 verfaßte Gedanke konnte noch nicht vorwegnehmen, was in den nachkolonialen Gesellschaften, die sich mit Waffengewalt befreit hatten, geschehen würde. Alte Klassenstrukturen wurden durch neue ersetzt oder ergänzt. Die nationale Befreiung ersetzt die soziale nicht. Dies liegt jedoch nicht an der vorausgegangenen gewalttätigen Abschaffung des Kolonialregimes, egal ob in Algerien oder in Vietnam, in Südafrika oder in Nicaragua. So möchten es die neuen Ideologen des Neoliberalismus gerne sehen, die ihre Teilnahme an den Ereignissen von 1968 dadurch rechtfertigen, daß sie nicht nur auf den rechten Weg zurückgekehrt sind, sondern mehr noch, alles verraten, wofür sie einmal zurecht eingetreten sind. Der Kolonisierte kehrt zum Kolonialherren zurück. Auch in den Metropolen des Weltmarktes.

Nein – nicht die Gewalt als solche ist das Problem. Es war allenfalls ein verzeihlicher Irrtum, mit Gewalt Verhältnisse kulturrevolutionär ändern zu wollen; Verhältnisse, welche diese Gewalt erst hervorgebracht haben. Doch dies ist eine Frage, die hier nur am Rande interessieren mag. Hingegen ist es bezeichnend, daß der Kritiker der Négritude, der Revolutionär Fanon, sich mit den Mechanismen der Gewalt befaßt hat, um die koloniale Neurose nicht nur zu verstehen, sondern um sie – hier spricht der psychoanalytisch geschulte Arzt Fanon – auch heilen zu können.

Senghor hingegen stützt sich nach Ende des 2. Weltkriegs und seiner Rückkehr in den Senegal auf die lokalen Eliten. Er wird zum Abgeordneten für die Verfassungsgebende Versammlung in Frankreich gewählt und Mitte der 50er Jahre sogar Staatssekretär einer französischen Regierung. Rechtzeitig gelingt ihm der Absprung, um daran mitwirken zu können, den schwarzen Kontinent zu entkolonialisieren. Sein Traum einer westafrikanischen Föderation – womöglich unter seiner Führung – zerrinnt. Er erkennt sehr richtig, daß viele kleine afrikanische Staaten vom ehemaligen Mutterland gegeneinander ausgespielt werden, daß die ökonomische Basis des Senegal allein nicht ausreichen wird, um den Sachzwängen des Weltmarktes zu entrinnen. Und so wandelt sich auch sein in den 30er Jahren entwickeltes Verständnis schwarzen Bewußtseins hin von der Négritude zur Frankophonie. Denn die französische Sprache gilt ihm nun als das Medium postkolonialer Gesellschaften.

 

Einschwenken

Noch 1937 hatte Senghor in der Handelskammer von Dakar einen Vortrag gehalten, der einen bleibenden Eindruck hinterlassen sollte. Darin entwickelte er Gedanken für eine zukünftige Schulpolitik, die seinerzeit unerhört waren. Selbstverständlich hatten die wenigen Jungen und sicherlich noch weniger Mädchen in der Schule ausschließlich Französisch zu sprechen und zu erlernen. Senghor hatte hier noch Glück, denn er konnte eine private Grundschule besuchen und hierbei die wichtigste Sprache des Senegal, Wolof, erlernen. Wer jedoch außerhalb dieses Internats seine Heimatsprache, und sei es abseits des Unterrichts, benutzte, wurde unerbittlich bestraft. János Riesz beschreibt den damit verbundenen Psychoterror:

Wenn ein afrikanischer Schüler sich beim Sprechen seiner Muttersprache (»Dialekt«) im Schulbereich erwischen ließ, wurde er mit dem Tragen des »Symbols« bestraft, eines beliebigen Gegenstands, der ihn zum Gespött der andern machte und dessen er sich erst wieder entledigen konnte, wenn er wiederum einen anderen Schüler des »Vergehens« überführte, indem er ihn beim Sprechen der afrikanischen Sprache erwischte. Das dadurch etablierte schulische Terrorsystem ist Gegenstand vieler Autobiografien afrikanischer Autoren französischer Sprache. [13]

Senghors Vorschlag verschlägt den in der Handelskammer Versammelten den Atem. Fordert er doch nichts weniger, als daß die zur Schule gehenden Kinder zunächst die Grundbegriffe ihrer Lebenswirklichkeit – Geografie, Geschichte, Naturkunde, Moral – in ihrer eigenen Sprache zu verstehen und auszudrücken erlernen sollen. Erst wenn ihr Denken von der eigenen Kultur "imprägniert" (Senghor) worden sei, dann könne die französischsprachige Ausbildung beginnen.

Zwei Jahrzehnte später wird Senghor hiervon abrücken. Längst selbst vom Französischen imprägniert, verkündet er eine privilegierte Position der Sprache der Kolonialherren. Er begründet dies damit, daß jeder Mensch unabhängig von seiner Herkunft jede Sprache lernen könne. Die Wahl der Sprache solle nach Eignung und Nützlichkeit getroffen werden; hier führt Senghor die längst erwiesenen Qualitäten des Französischen an. Weiterhin halte das Französische quasi als Gegenpol zu der in der Négritude erwiesenen Emotionalität des Afrikaners zu Logik und rationaler Vernunft an. Und überhaupt benötige man eine Verkehrssprache, um sich im frankophonen Afrika zu einem gemeinsamen Verständnis hinzubewegen. Und so schlägt Senghor für die ersten sechs Schuljahre des Elementarunterrichts wöchentlich zwei Schulstunden für das Lesen und Schreiben in der eigenen Sprache vor.

Natürlich sind das vorgeschobene, ideologische Argumente. Längst bereitet sich Senghor auf die Machtübernahme vor. Er benötigt einen loyalen Beamtenapparat, der nach den europäischen Richtlinien der Bürokratie funktioniert. Er benötigt eine lokale Elite, die sich sehr wohl vom gemeinen Volk abgrenzt. In Algerien werden wir in den 70er und 80er Jahren die Zuspitzung dieser Einstellung beobachten können, daß die dortigen Machthaber eine Islamisierung und Arabisierung des Schulwesens bis hin zu den verwendeten Fremdwörtern verordnen und gleichzeitig ihre Kinder auf französische Schulen schicken. Diesen Zusammenhang hätte János Riesz durchaus erkennen können. Nicht nur diese Hinwendung zur Frankophonie wird Senghor in den 60er Jahren den Vorwurf der Komplizenschaft mit dem Imperialismus einbringen.

János Riesz beendet seine detaillierte Erzählung des eher literarischen Werdegangs seines Protagonisten mit der Unabhängigkeit des Senegal 1960. Was sein Werk auszeichnet, ist die fundierte Darstellung des sozialen und geistigen Umfeldes, in dem sich Senghor jahrzehntelang bewegt. Was ich vermisse, sind klare politische Analysen; mitunter scheint es, als würde der Autor verständnislos vor der französischen Kolonialpolitik stehen. So schreibt er:

Mit der »Öffnung« des kolonialen Systems und dem nachher behaupteten »Geist von Brazzaville« war es also nicht weit her. Die französische Kolonialverwaltung (die mit allen Gouverneuren der afrikanischen Kolonien und vielen hohen Beamten an der Konferenz teilnahm) hatte noch nicht begriffen, welche Erwartungen und Forderungen aus den Kolonien an sie gerichtet wurden. [14]

Die Konferenz Anfang 1944 in Brazzaville schreibt unter Beteiligung von General de Gaulle eine Kolonialregime fort, das den Kolonisierten die notwendige zivilisatorische Reife zur Selbstverwaltung bestreitet. Nun können wir aus der historischen Perspektive feststellen, daß schon damals ein derartiges Gedankengut unzeitgemäß gewesen ist. Andererseits zeigt das französische Kolonialregime mit Ende des 2. Weltkriegs nicht mehr und nicht weniger als das wahre Gesicht des Imperialismus auf. Massaker an der Kolonialbevölkerung finden nicht nur im Senegal, sondern auch in Algerien und auf Madagaskar statt. In Vietnam versuchen sich die alten Herren nach Vertreibung durch die japanischen Invasoren wieder festzusetzen. Was ist daran erstaunlich, was wurde nicht begriffen? Daß es an der Zeit war, die direkte Herrschaft durch neokoloniale Regimes abzulösen?

 

Ein autoritärer, also toleranter Demokrat

Das Problem, das sich in der Biografie stellt, wird mit dem Schlußstrich 1960 und einigen gerafften Sätzen für die Zeit danach umgangen. Wie sah das Regime Senghor im Senegal tatsächlich aus? Gibt der sich friedfertig gebende Senghor dem sich im Befreiungskampf in Algerien engagierenden Frantz Fanon nicht nachträglich recht, daß die Glorifizierung der Vergangenheit für die Gegenwart nutzlos ist? Die afrikanischen Wurzeln mögen aus Senghor einen Schöngeist gemacht haben, aber eben einen Schöngeist mit einem klaren Bezug zur Macht.

So muß János Riesz einerseits konstatieren, daß anfangs des 21. Jahrhunderts mehr als die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt, wobei wir vorsichtshalber nicht nach der interessegeleiteten Definition dieser Armutsgrenze fragen sollten. Auch sollten wir festhalten, daß die Alphabetisierungsrate unterhalb 40% liegt. Wie schön ist es dann vom Autor zu erfahren, daß zu den hundert besten Büchern Afrikas zehn aus dem Senegal zählen, natürlich einschließlich des Lebenswerks Léopold Sédar Senghors. Noch absurder wird diese Darstellung, wenn der Autor ausgerechnet den Bertelsmann Transformation Index heranzieht, um zu zeigen, wie positiv sich der Senegal im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten entwickelt habe. Als wären die Kriterien der neoliberalen Unterwerfung unter die tödlichen und inhumanen Werte des Marktes geeignet, eine kritische Bilanz des Lebenswerks des Biografierten zu ermöglichen!

Und damit kommen wir wieder auf den Politiker Senghor zurück, der im Jahre 1983 einen universitären Preis für die Umsetzung des Toleranzgedankens erhalten hat. Schon 1968 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Schon damals war den Studierenden der Pomp des Abfeierns eines offensichtlich wohlgelittenen Staatsmanns nicht geheuer. In Frankfurt gab es deshalb hitzige Straßenschlachten, in Tübingen neben dem Artikel im lokalen Stadtmagazin gerade noch ein Flugblatt. Es ist nicht leicht, halbwegs brauchbare Daten für die Zeit zwischen 1960 und 1980 zu erhalten. Doch das Wenige, was durchschimmert, verrät uns vielleicht, weshalb Léopold Sédar Senghor als toleranter Frankophone vom Establishment des neuen Deutschland gefeiert wurde.

János Riesz sieht das so:

In dem den BTI [also den Bertelsmann Transformation Index] erläuternden Länderartikel wird deutlich, dass die verhältnismäßig gute Platzierung des Senegal, vor allem hinsichtlich der politischen Gestaltungsleistung, durchaus in Verbindung mit den Traditionen des Landes und seiner Prägung (»Erziehung«) durch seinen ersten Staatspräsidenten und die von diesem gesetzten beziehungsweise verstärkten Vorgaben gesehen werden kann: eine lange Praxis parlamentarischer Demokratie; eine laizistische, gegenüber den religiösen Minderheiten tolerante Einstellung; Trennung von Staat und Religion; ein von der politischen Macht fern gehaltenes Militär; Meinungs- und Pressefreiheit; eine starke zivilgesellschaftliche »Infrastruktur« von Gewerkschaften, Lehrer-, Studenten- und Frauenverbänden; Menschenrechtsgruppen, Anwaltsvereinigungen, Jugendorganisationen; eine vergleichsweise hohe Wahlbeteiligung. [15]

Dies ist wohl eher die Sichtweise der herrschenden Eliten in Nord und Süd. Und sie entspricht wohl kaum der Realität, es sei denn, wir definieren die Realität so, daß diese Aussagen passend gemacht werden können.

Die parlamentarische Demokratie des Léopold Sédar Senghor bestand etwa ein Jahrzehnt lang aus einem Einparteiensystem; und die anschließend zugelassenen zwei Oppositionsparteien konnten kaum eine solche bezeichnet werden. Die Zivilgesellschaft der Gewerkschaften entpuppt sich als eine der Regierungspartei verbandelte Gelbe Gewerkschaft, während unabhängige Gewerkschaften ins Fadenkreuz der Repression gerieten. Der Regierungsstil Senghors von Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre wird als autoritär charakterisiert und er änderte sich nicht, weil der Schöngeist das Unrecht erkannte, sondern weil der Druck der Straße zu groß geworden war. Die Zustände in einem Land, in dem Menschenrechtsgruppen benötigt werden, sprechen wohl für sich selbst.

Buchcover Eric Toussaint "Profit oder Leben"Senghor übergab zu Silvester 1980 den Regierungsstab an seinen Günstling Abdou Diouf und zog sich aus der senegalesischen Politik zurück. Das läßt sich positiv werten, weil die andernorts üblichen Militärputsche unterblieben. Andererseits läßt sich hieran auch die Kontinuität dieser Herrschaft festmachen, die erst 2000 durch den Sieg der Opposition beendet werden konnte. Ein Jahr später starb Léopold Sédar Senghor in seinem Altersruhesitz in der Normandie.

Die globalen Proteste der 60er Jahre erreichten auch Dakar. Und sie wurden  – wie überall auf der Welt – niedergeprügelt und niedergeschossen. Die Proteste gegen die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels vor der Frankfurter Paulskirche sind diesem Umstand geschuldet. Kurz zuvor war im Senegal ein Student erschossen worden. Solidarität mt den Verdammten dieser Erde war damals eine Selbstverständlichkeit.

Aber vielleicht ist das Erschießen unbewaffneter Demonstranten auch bloß ein Markenzeichen einer aufgeklärten, ja gar toleranten Demokratie. Am 2. Juni 1967 erschoß die Berliner Polizei den Studenten Benno Ohnesorg, weil er es gewagt hatte, gegen den Repräsentanten einer befreundeten Macht zu demonstrieren – wie intolerant! –, nämlich den Schah von Persien, einen Diktator. Auch in den USA waren Polizei und Nationalgarde (nicht nur) zu dieser Zeit wenig zimperlich, als es darum ging, Staatsfeinde, welche die Toleranz etwas zu ernst nahmen, abzuknallen.

Wenn Senghor damals als Marionette des Imperialismus betrachtet wurde, dann hatte dies nicht zuletzt damit zu tun, daß er seiner kleinen, aber erlesenen Kapitalistenklasse die Bereicherung auf Kosten der Bäuerinnen und Proletarier erlaubte, während gleichzeitig französische Truppen zur Intervention im ehemaligen Kolonialreich auf senegalesischem Boden stationiert waren. 1978 half Senghor mit seinen Truppen dem Diktator von Zaire, Mobutu Sese Seko, einen Aufstand in der Provinz Schaba zu unterdrücken.

Ja, es ist richtig – der Senegal ist extrem abhängig vom Weltmarkt. Erdnüsse unterliegen sich verschlechternden terms of trade. Und während die Armut im Senegal grassiert, bereichert sich die lokale Bourgeoisie. Schon Senghor holte sich Ende der 70er Jahre zur Effektivierung der Bereicherung den Internationalen Währungsfonds ins Land. Manchmal ist es aber auch die Weltbank, die Ressourcen erschließt und Armut hinterläßt. Der Wirtschaftswissenschaftler Eric Toussaint schildert einen Fall aus dem Senegal der 90er Jahre:

Mit Unterstützung einiger Nichtregierungsorganisationen (NGO) finanziert die Weltbank nach Kräften Frauenorganisationen und Frauenkooperativen, denn in ihnen hat man plötzlich den Schlüssel zur Entwicklung entdeckt. Auf diese Weise gibt sich die Weltbank ein menschliches Antlitz, während sie gleichzeitig mit gezinkten Karten spielt.

So werden beispielsweise Frauenkooperativen im Senegal ermutigt, sich auf den Anbau von Tomaten einzulassen. Das läuft so lange, bis sich eines schönen Tages ein italienischer Tomatenmulti entschließt, den senegalesischen Markt zu erobern: die Frauen haben keine Chance, sich gegen die Konkurrenz und die Preise des Multis zu behaupten. Die NGO ist nach der 'Verwirklichung' 'ihres' Projekts verschwunden; einige Probleme wird es noch bei der Evaluierung geben; denn die Weltbank erwartet eine Rückerstattung ihrer Kredite. [16]

Als der Kapitalist Ndioga Kebe 1984 bei einem Autounfall ums Leben kam, wurde sein Vermögen auf einhundert Millionen Dollar geschätzt, damals eines der größten Vermögen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Armut, Analphabetentum und terms of trade haben offensichtlich etwas zu tun mit autoritärer Präsidialherrschaft, Bereicherung und Korruption, sowie Militäreinsätzen – und schöngeistigen Gedichtbänden. Insofern wurde 1968 in Frankfurt und 1983 in Tübingen schon der Richtige geehrt. [17]

All dies und noch einiges mehr erfahren wir dann nicht aus der Senghor-Biografie des Afroromanisten János Riesz. Das 2006 im Peter Hammer Verlag herausgebrachte Buch heißt Léopold Sédar Senghor und der afrikanische Aufbruch im 20. Jahrhundert. Der Band umfaßt 349 Seiten und kostet 24 Euro 90.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte

In der vergangenen Stunde habe ich die literaturgeschichtliche Biografie des Afroromanisten János Riesz über einen Mitbegründer der Négritude, den ehemaligen senegalischen Staatspräsidenten Léopold Sédar Senghor, vorgestellt. Diese mit der Unabhängigkeit des Senegal im Jahr 1960 endende Biografie erschien im Herbst 2006 im Peter Hammer Verlag zum Preis von 24 Euro 90. Im selben Verlag sind auch Gedichte von Léopold Sédar Senghor unter dem Titel Botschaft und Anruf erhältlich.

Diese Sendung wird voraussichtlich wiederholt, und zwar in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23.00 Uhr, am Dienstagmorgen um 8.00 Uhr und am Dienstagnachmittag ab 16.00 Uhr. [18]

Ich danke der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt für ihre Unterstützung bei der Produktion dieser Sendung. Das Manuskript zur Sendung werde ich in den kommenden Tagen auf meiner Webseite zur Verfügung stellen: www.waltpolitik.de. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 


 

Literatur

 

Nachtrag :

Niels Seibert ist in seinem Buch „Vergessene Proteste“ den Ereignissen in Frankfurt im Oktober 1968 nachgegangen und hat zum Wirken Senghors als autoritärer Demokrat einige unerfreuliche Details nachgetragen: „Tumulte auf der Buchmesse, der Straße und im Gerichtssaal“ (Seite 59 bis 69). Demnach wirkte der Pariser Mai '68 auch auf die Studentinnen und Studenten der französischen Universität von Dakar. Sie prangerten die hohen Ministergehälter, die noch höheren Militär­ausgaben und die Kürzung von Stipendien an. Ihr Protest breitete sich auf andere gesellschaftliche Sektoren aus. Die Gewerkschaften riefen einen Generalstreik aus und Senghor ließ das Militär schießen. Mehrere Tote und Hunderte Verletzte waren die Folge. Die Regierung schloß die Universitäten, schaffte das Streikrecht ab und verhängte eine Ausgangssperre. Auf der SDS-Delegierten­versammlung im September 1968 sprach ein senegalesischer Student und regte zu Protesten während der Verleihung des Friedenspreises an. Monsieur le President wird sich in seiner lyrischen Muße gestört gefühlt haben.

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ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Auf der Webseite der Stadt Tübingen heißt der Preisträger Léopold Sédor Senghor. Eigennamen sind eine Wissenschaft für sich.

»» [2]   Schwäbisches Tagblatt am 21. Mai 1983.

»» [3]   Dieter Stuhlmacher / Luise Abramowski (Hg.) : Toleranz. Zur Verleihung des Dr. Leopold-Lucas-Preises [1982].

»» [4]   Bezug auf den Militärputsch in der Türkei im September 1980, auf die Pinochet-Diktatur und die britische Besatzungspolitik in Nordirland.

»» [5]   Cartouche [Pseud.] : Toleranz und Herrschaft, in: TüTe (Tübinger Termine), Heft 5/1983, Seite 6–7; Zitat auf Seite 7.

»» [6]   Zit. nach Cartouche (Anm. 5).

»» [7]   Fachschaftsräte-VV-Info, Ausgabe 24, 26./27. Mai 1983 [online]. Der Verfasser des Textes hatte offensichtlich gewisse Schwierigkeiten mit der Akzentuierung französisch geschriebener Eigennamen.

»» [8]   Fassung vom 19. April 2008, eingesehen am 11. Mai 2008.

»» [9]   Frantz Fanon : Schwarze Haut, weiße Masken [frz. 1952], Seite 160.

»» [10]   Fanon Seite 161

»» [11]   Fanon Seite 165.

»» [12]   Jean-Paul Sartre : Vorwort, in: Frantz Fanon : Die Verdammten dieser Erde [frz. 1961], Seite 7–28, Zitat auf Seite 19.

»» [13]   János Riesz : Léopold Sédar Senghor und der afrikanische Aufbruch im 20. Jahrhundert, Seite 126, Endnote 6.

»» [14]   Riesz Seite 243–244.

»» [15]   Riesz Seite 331.

»» [16]   Eric Toussaint : Profit oder Leben [2000], Seite 35.

»» [17]   Die Informationen zum Senegal zwischen 1960 und 1980 stammen von Ernest Harsch : Lieblingskind Frankreichs, in: Inprekorr 171, Juli 1985, Seite 30–34.

»» [18]   So sah es jedenfalls der Programmflyer vor. Doch die für 14.00 Uhr angekündigte Sendung Running Radio entfiel, so daß die Sendung zwei Stunden früher als geplant wiederholt wurde.


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