Kapital – Verbrechen

Brot und Spiele

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Brot und Spiele
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 21. Juni 2004, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Montag, 21. Juni 2004, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 22. Juni 2004, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 22. Juni 2004, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • FIFA 1904–2004, 100 Jahre Weltfußball, Verlag Die Werkstatt
  • Dietrich Schulze–Marmeling : Die Geschichte der Fußball–Nationalmannschaft, Verlag Die Werkstatt
  • Klaus Gallas / Ulf–Dieter Klemm : Griechenland, Konrad Theiss Verlag
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Globalisierung mit dem Ball
Kapitel 3 : Die Politisierung des Balls
Kapitel 4 : Bälle, Nationen und Solidarität
Kapitel 5 : Olympische Pleite
Kapitel 6 : Olympischer Sirtaki
Kapitel 7 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Am vergangenen Mittwoch fand im Offenen Raum des AStA der Technischen Universität Darmstadt eine Veranstaltung mit dem Fan–Soziologen Dieter Bott statt. Gegen den Fussball–Irrsinn wurde in der Einladung hierzu geworben, doch leider haben wir von Radio Darmstadt die Gelegenheit verpaßt, den Aktualitätsbezug zum Wirken der deutschen Nationalmannschaft herzustellen. Der Titel der Veranstaltung war nämlich programmatisch, womöglich gar prophetisch: Lettland wird Europameister.

Nun ereifern sich Kommentatoren und Fans wieder einmal über das unrühmliche Auftreten der besten Kicker der Nation. Doch eigentlich tun sie unserer Gurken– und Rumpeltruppe Unrecht. Die Ballacks, Hamanns, Kahns und Schweinsteigers spielen so gut sie können, doch die Gegner sind einfach übermächtig. Gut, Rumänien ist nicht gerade ein Fußballgigant, aber das 1:5 rückte die Dimensionen schon korrekt zurecht. Und bei Lettland ist durchaus zu vermerken, daß diese Mannschaft immerhin den Dritten der letzten Weltmeisterschaft, nämlich die Türkei, in der Qualifikation zur Europameisterschaft ausgeschaltet hatte. Gegen eine solche Mannschaft torlos nicht zu verlieren, ist also keine Schande. Und es ist tatsächlich so, daß sich Lettland selbst die Chance eröffnet hat weiterzukommen. Denn siegt Lettland gegen die Niederlande (was angesichts der derzeit brotlosen holländischen Fußballkunst nicht ausgeschlossen ist) und Deutschland gewinnt nicht gegen die schon qualifizierten Tschechen, dann sind die Letten eine Runde weiter. Warum auch nicht? Denn darauf sich verlassen wollen, daß die Tschechen ausgerechnet gegen eine deutsche Nationalmannschaft einen Gang zurückschalten werden, könnte schnell zum Eigentor werden. Erinnern wir uns an das glorreich mit 0:3 verlorene Spiel gegen eine portugiesische Ersatzmannschaft bei der letzten Europameisterschaft. Vom fußballästhetischen Standpunkt aus betrachtet war dieses Spiel der reinste Leckerbissen; und selten habe ich eine Mannschaft gesehen, die derart sichtbar angstvoll über den Platz geschlichen ist – und das es ausgerechnet eine deutsche Mannschaft war, trug so einiges zur Ästhetik dieses Spiels bei. Das ist der wahre deutsche Fußball! Insofern müssen wir das 0:0 gegen Lettland als Erfolg verbuchen. Bravo, Jungs! Weiter so! [1]

Eine kapitalistische Leistungsgesellschaft kommt nicht ohne ihre Sport–Events aus. Alle vier Jahre gibt es eine Fußball–Weltmeisterschaft und im gebührenden Abstand dazwischen die Olympischen Spiele. Deren Winterpart findet seit einem Jahrzehnt im Weltmeisterschaftsjahr statt, wohingegen im Olympiajahr die Europameisterschaft gefeiert wird. Hinzu kommen Leichtathletik– und Schwimmwettbewerbe, Wimbledon und die Tour de France [2]. Das Publikum will bei Laune gehalten werden. Und es soll sich die virtuellen Probleme dieser Welt zu den eigenen machen, sich mit Gewinnern und Verliererinnen identifizieren.

Schon die alten Römer wußten um das Geheimnis, die Volksmassen davon abzuhalten, sich mit den realen Problemen dieser Welt auseinanderzusetzen. Solange das Konzept von Brot und Spielen funktioniert, sind die Herrschaftsstrukturen außer Gefahr. Daß die Olympischen Spiele der Antike eigentlich eine religiös verbrämte militärische Angelegenheit waren, paßt durchaus ins Bild. Sport um des Sports willen ist eine reine Fiktion. Sport ist kein Selbstzweck, sondern soll die allgemeine Leistungsbereitschaft und fitness fördern. Und wer sich hiermit identifiziert, wird auch nichts dabei finden, in Schule und Beruf selbst daran gemessen zu werden.

Sagte nicht einmal jemand, daß jeder Torjubel ein Eigentor des Proletariats ist? Denn was bejubeln wir? Daß sich andere für unser Amüsement abrackern? Oder bejubeln wir ein Konkurrenzprinzip, das uns davon abhält, solidarisch gemeinsam die Welt zum Besseren zu verändern? Also ist doch die Konsequenz: Bälle für alle; und auch: es gewinnt (wenn überhaupt), wer anderen am solidarischsten dabei hilft, ein gemeinsam gestecktes Ziel zu erreichen. Aber wer wagt schon, in einer neoliberalen Welt an andere zu denken statt an sich selbst? Damit meine ich nicht die salbungsvollen Auftritte unseres Ex–Bundespräsidenten Johannes Rau. Ich rede nicht von Werteverfall oder Bürgersinn. Denn was Rau und andere einklagen, ist die Tugend, sich für das Gemeinwohl (also den Profit Anderer) aufzuopfern, damit die sozialen, also die toten Kosten der Produktion möglichst nicht mehr dem Kapital zur Last fallen.

Dieses Jahr haben wir es mit den global–medialen Ereignissen in Wimbledon, in Portugal, bei der Tour de France und in Athen zu tun – um die wichtigsten zu nennen. Hierbei werden durchaus verschiedene Bevölkerungsschichten angesprochen. Umfragen zufolge ist Fußball kein Sport, der Frauen übermäßig interessiert. Doch dieses Problem haben die Event–Manager und Sportpolitiker längst erkannt und dafür gesorgt, daß alle sich ein wenig mit ihnen völlig fremden Menschen und Ereignissen identifizieren können. Entfremdet, wie diese Welt nun einmal ist, fällt uns das nicht einmal als seltsam auf, sondern wird vor der Glotze wie im Cinemaxx konsumiert.

In meiner heutigen Sendung werde ich mich diesen sportlichen Ereignissen ein wenig zu nähern versuchen und habe dabei drei Bücher mitgebracht. Da ist als erstes der Jubiläumsband der FIFA zu nennen. Hierin werden 100 Jahre Weltfußball in einem großformatigen Band aufbereitet. Alsdann, passend zum Lettland–Spiel, die Geschichte der Fußball–Nationalmannschaft. Und zum Schluß, weil das Ereignis ja noch fieberhaft vorbereitet wird, ein Band über Griechenland – das antike wie das heutige. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Globalisierung mit dem Ball

Besprechung von : FIFA 1904–2004 – 100 Jahre Weltfußball, Verlag Die Werkstatt 2004, € 39,90

Vor einhundert Jahren, im Mai 1904, wurde in Paris der Weltfußballverband FIFA gegründet. Der damalige Fußball hatte sich so weit entwickelt, daß eine zunächst europaweite, dann auch globale Vereinheitlichung von Spielregeln wie Wettbewerben sinnvoll und notwendig schien. Dennoch war ausgerechnet das sogenannte Mutterland des Fußballs zunächst nicht dabei. Einhundert Jahre FIFA waren Anlaß für einen Jubiläumsband, der frei von der Einflußnahme durch den Weltverband versucht, die Geschichte des Fußballs und der FIFA in den letzten hundert Jahren darzustellen.

Die Autorin Christiane Eisenberg und die Autoren Pierre Lanfranchi, Tony Mason und Alfred Wahl sind durch ihre Studien und Publikationen einschlägig ausgewiesen. Dies, und die Tatsache, daß die FIFA ihr Archiv vorbehaltslos zur Verfügung gestellt hat, ermöglichte einen auch bildlich reich illustrierten Band, der auf seine eigene Weise Fußballgeschichte schreibt. Der Autorin und den Autoren war hierbei durchaus bewußt, daß sie den Fußball aus einer europazentrierten Sicht darstellen würden. Allerdings haben sie sich darum bemüht, den globalen Charakter der für manche Menschen schönsten Nebensache der Welt herauszuarbeiten.

Der herausgebende Verlag Die Werkstatt hat in gewohnter Weise das Seine dazu beigetragen, daß hierbei ein gleichermaßen fundiertes wie ansprechendes Werk entstanden ist. Doch auch ohne inhaltliche Einflußnahme durch die FIFA galt es, einige Klippen zu umschiffen. Zum Beispiel bei der Frage, wer für sich den Ursprung des Fußballs beanspruchen darf. In einem Weltverband dürften gerade hier die Eifersüchteleien groß sein. Die elegante Lösung des Problems besteht darin, in vielen Kulturen Ballspiele nachzuweisen und dennoch zu erkennen, daß nur im Rahmen der Industriellen Revolution sich die englische Variante durchsetzen konnte. Dabei war auch dies kein geradliniger Prozeß. Der im Vergleich zu Rugby oder Football als zivilisierter erscheinenden Variante war es ja keineswegs in die Wege gelegt, zum globalen Topereignis aufzusteigen. Fußball wurde schon sehr früh dazu genutzt, die Jungen in ihrer Freizeit zu disziplinieren. Er sollte Loyalität und Selbstlosigkeit der Individuen gegenüber den herrschenden Institutionen fördern.

Fußball wurde deshalb ein wichtiger Bestandteil der britischen Konformitätskultur, für deren Konservierung die Privatschulen berühmt und berüchtigt waren. [3]

Allerdings läßt sich zeigen, daß organisierte Fußballaktivitäten auch außerhalb der elitären Privatschulen verbreitet waren. Sie bildeten sich aus Klub–, Kneipen–, Berufs– oder Dorfgemeinschaften. Dabei bildeten sich Regeln heraus, die sich mit der Verbreitung des organisierten Spielbetriebs im Laufe der Zeit vereinheitlichten. Doch bis in die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts war der Bruch zwischen dem heutigen Rugby und dem Fußball nicht zwingend. Manche Ungereimtheiten der heutigen Regeln erklären sich aus dem Versuch, einen Kompromiß zwischen den verschiedenen Spielweisen des Fußballs zu finden. Etwa der Einwurf mit der Hand.

Schon früh bildete sich in England ein Berufsspielertum heraus. Wie überall lief zunächst unter der Hand, was nachträglich legalisiert werden mußte. Die zunehmende Professionalisierung hatte ihren Preis; aus einem Freizeitvergnügen war eine mit regelmäßigem Training und zeitraubenden Auswärtsspielen verbundene Arbeit geworden. Das erste offizielle Länderspiel zwischen England und Schottland fand schon 1872 statt – und leitete eine Entwicklung internationalen Kräftemessens ein, die so publikumswirksam war, daß die Organisierung desselben einen guten Profit versprach. Logische Folge war die Gründung eines internationalen Verbandes – der FIFA. Dies auch deshalb, weil englische Händler, Geschäftsleute und technische Angestellte den Fußballsport samt Regeln und Spielfreude exportiert hatten. Die in der Literatur vorzufindene Behauptung, Matrosen hätten den Fußball über die verschiedensten Häfen verbreitet, läßt sich hingegen nicht bestätigen. Angenommen wurde der britische Sport deswegen, weil die städtischen Eliten das moderne Image der (noch) wirtschaftlich fortschrittlichsten Nation zu imitieren trachteten. So gelangte der Fußball schon früh nach Lateinamerika, wo er jedoch eine eigene Entwicklung nahm und es mit dem Fußball Europas bald aufnehmen konnte.

Diese Entwicklung war so unaufhaltsam und durchdrang trotz anfänglich elitärer Einstellungen schnell alle gesellschaftlichen Klassen, daß die Gründung nationaler wie eines internationalen Verbandes zwangsläufig waren. Dabei gab es insbesondere in den Anfangszeiten der FIFA harte Auseinandersetzungen um die Stellung zu den britischen Fußballverbänden, die sich als Hort des reinen wahren Fußballs betrachteten. Spielerisch waren sie zudem ganz eindeutig noch die Lehrmeister. Aber das sollte sich ändern.

Doch zuvor fand der 1. Weltkrieg statt; und ausgerechnet während dieses Krieges wurde Fußball geradezu populär. Während der Schlachten im Norden Frankreichs sollen beispielsweise britische Offiziere den Lederball in Richtung der deutschen Stellungen geworfen haben, um die Kampflust der Männer anzustacheln, die daraufhin massenhaft getötet wurden. Die FIFA jedoch erklärte am Vorabend des Weltkrieges in einer Resolution

die Bereitschaft, jede Initiative zu unterstützen, welche die Nationen einander näher bringt und Gewalt ersetzt durch ein Schiedsgericht zur Schlichtung aller Konflikte, die zwischen ihnen auftreten mögen. [4]

Diese Resolution wurde einstimmig angenommen. Immerhin. Der Krieg fand dennoch statt.

Es war dann wiederum der Konflikt um den Amateurstatus, der dazu führte, daß die FIFA ihr eigenes Weltturnier durchführte. Denn noch 1928 ließ das Internationale Olympische Komitee die FIFA das Fußballturnier ausrichten, das Uruguay zum zweiten Mal nach 1924 gewann. Nun ist die Geschichte der Fußball–Weltmeisterschaft ein ganz eigenes Kapitel – und es gibt im Verlag Die Werkstatt ein ausgezeichnetes Buch hierzu –, doch diese Weltmeisterschaften verhalfen dem Verband letztlich zu derartig hohen Zuschauereinnahmen, daß er faktisch zum Fußballkonzern wurde.

 

Die Politisierung des Balls

Der Jubiläumsband zu 100 Jahren FIFA zeichnet natürlich keinen geradlinigen Weg nach, sondern thematisiert Affären und Konfllikte, die einfach unvermeidlich waren. Denn sobald der Fußball zum profitablen Geschäft wurde, versuchten auch Andere daran teilzuhaben. Die Frage von Spielertransfers, hochdotierten Amateuren oder der nationalen Angehörigkeit der Spieler warf immer wieder neue Fragen und Probleme auf. So wurde in Kolumbien 1948 eine eigene Profiliga aufgebaut, die sich wenig um die Regeln der FIFA kümmerte; und die Ignoranz gegenüber dem Frauenfußball führte in den 70er Jahren zur Durchführung einer eigenen Frauenmeisterschaft in Südostasien.

Politische Auseinandersetzungen gab es jedoch auch um ungarische Nationalspieler in den 50er Jahren, die sich ins westliche Ausland abgesetzt hatten, oder in Folge des Militärputschs 1973 in Chile, als sich die Sowjetunion weigerte, ihre Nationalmannschaft im Folterstadion von Santiago de Chile spielen zu lassen. Die Sowjetunion wurde disqualifiziert. 1978 fand die Weltmeisterschaft in Argentinien statt; und die holländischen Nationalspieler weigerten sich nach dem verlorenen Finale, den Mördern die Hand zu schütteln. Die FIFA hatte dieses Problem jedoch nicht.

Fußball ist ein Geschäft und die Kommerzialisierung des Fußballs erfordert die Anpassung eines Spiels an die Realität. So sind im Laufe der vergangenen Jahrzehnte mehrfach einzelne Regeln geändert worden, um das Spiel attraktiver, d.h. torreicher zu gestalten. So wurde 1995 bei der Frauenweltmeisterschaft mit Auszeiten experimentiert, um mehr Werbeeinblendungen zu erreichen. Das Experiment wurde jedoch eingestellt, weil die Mannschaften die möglichen Auszeiten nicht wahrnahmen.

Manchmal hingegen machten sich offensichtlich einige Fußballverbände den Spaß, die mächtige FIFA in der Schweiz an der Nase herumzuführen. Der niederländische Verband meinte 1978, eine Unstimmigkeit in den Regeln entdeckt zu haben. Eine dieser Regeln besagte, daß die Mannschaft gesiegt habe, welche die meisten Tore geschossen habe. Galt das auch für Eigentore? Dann gab es einen Elfmeterschützen, Johan Cruyff – wer auch sonst? –, der den Elfmeter an einen von links in den Strafraum hereinlaufenden Spieler abgab, welcher den Torwart umdribbelte, den Ball zu Cruyff zurückspielte, so daß dieser ein Tor schießen konnte. War das rechtens? Damit nicht genug, wollten die Holländer wissen, wie das sei, wenn ein Verteidiger im eigenen Strafraum den Ball mit einem Schienbeinschoner in Hand berührte.

Die FIFA sorgt allerdings auch neben der Beantwortung skurriler Fragen für einige sinnvolle Dinge, etwa eine einheitliche Ausbildung der Schiedsrichter gerade in Entwicklungsländern. Auch ein einheitliches Regelwerk besagt noch lange nicht, daß es einheitlich angewendet wird, selbst wenn die Begriffe und Handbücher auf Englisch erschienen. Autorisierte Übersetzungen sind also vonnöten. Schwer tat sich die FIFA wie im übrigen die meisten nationalen Verbände mit dem Frauenfußball, der auch heute noch eher ein Schattendasein führt, weil er sich nicht so profitabel vermarkten läßt. Das Spiel selbst kann nicht der Grund für die Ignoranz sein. Diese Randstellung in Sport und Kommerz spiegelt das Kapitel über Jugend– und Frauenfußball wider. 100 Jahre FIFA bedeuten eben auch zu 99% 100 Jahre Männerfußball.

Kapitel über Fußball in Literatur und Kunst, die Rolle der Medien oder über fußballerische Entwicklungspolitik vervollständigen einen Band, der sicherlich seines gleichen sucht. Kritisch ist er trotz fehlender Einflußnahme durch die FIFA nur begrenzt. Und daß das Phänomen Fußball selbst kaum kritisch beleuchtet wird, versteht sich von selbst. Das Zusammenspiel zwischen Medien und Fußball kann allerdings auch so gesehen werden:

Denn gerade weil das Fußball–Entertainment individuelle Wahrnehmungen ermöglicht, kann dieser Sport zum Thema kollektiver Geselligkeit werden: Jedermann / jedefrau kann das durch die Medien vermittelte Wissen ins Gespräch bringen, sich als Experte präsentieren, Kritik üben, Prognosen wagen – und all das, ohne negative Konsequenzen zu erfahren, wenn sie sich als falsch erwesien sollten.

Also, sollte Lettland doch nicht Europameister werden, wird mir trotz meiner Fehlprognose nichts passieren.

Auf diese Weise webt der Fernsehfußball mit am Netz der Bindekräfte, durch das moderne Gesellschaften zusammengehalten werden, und [worin] das [Netz], global gesehen, zugleich die Beziehungen der einzelnen Gesellschaften untereinander abstützt. Sie erzeugen mithin nicht nur die Vorstellung von einer Weltgesellschaft, sie leisten auch einen Beitrag zu ihrer tatsächlichen Herausbildung.

Dabei ist es doch eigentlich eine profitorientierte Vergesellschaftung, von der alle ausgeschlossen werden, die entweder nicht kaufen können oder nicht zur Produktion benötigt werden. Doch weiter im Text:

Von dieser Fähigkeit profitieren ganz besonders die jungen Staaten der Dritten Welt, in denen Armut, unzureichende Verkehrswege und Sprachbarrieren die Abstützung lokaler Fangemeinden durch gewachsene Gemeinschaften und oftmals das Fußballspielen selbst erschweren oder gar unmöglich machen. Wenn in dieser Situation die Bürger mit Hilfe ausländischer Sender und ihrer Fußballberichterstattung die Gelegenheit erhalten, lokale Borniertheiten zu überwinden und neue Erfahrungsräume zu gewinnen, ist es ganz unerheblich, ob die "eigene" Mannschaft gewinnt oder verliert, ob sie brilliert oder – wie alle Anfänger – Lektionen von überlegenen Gegnern

von Lettland beispielsweise

erhält. Damit der Geselligkeitsmechanismus wirken kann, kommt es zunächst einmal darauf an, sich in das Geschehen "einzuschalten". [5]

Nix zu fressen, das aber gesellig. Sorry, aber da ist unseren Fußballsoziologen wohl ihr Begriffsschwall durchgegangen. Andererseits legen sie den problematischen Umgang der FIFA mit repressiven Staaten und ihren Führungen offen dar, wenn sie schreiben:

Vor diesem Hintergrund bedeutet die globale Orientierung der FIFA zugleich eine Entscheidung für den endgültigen Verzicht auf die politische Qualitätsprüfung der Mitgliedsverbände. [6]

Doch auch hier werden dann wieder nur (klischeehaft) korrupte Politiker, Diktatoren und die mit Drogenkartellen verbandelten Clubs Lateinamerikas herangezogen, weiterhin die von oben bestimmten Funktionäre Osteuropas im Realen Sozialismus oder der Apartheids–Verband Südafrikas. Daß das gesamte Verbandswesen undemokratisch sein könnte und die Einhaltung von Menschenrechten keine Spezialität westlicher Industriestaaten ist, wird hingegen nicht thematisiert. Die Kriterien scheinen die eines zwar aufgeklärt denkenden, aber dennoch ideologisch befangenen postmodernen mitteleuropäischen Soziologen zu sein. Und doch hat auch die FIFA gelernt:

Nicht zuletzt aufgrund der engen Kooperation mit der UNO, der UNESCO und dem IOC bildete sich bei den Verantwortlichen ein Konsens heraus, dass die Vergabe des World Cup und anderer großer Turniere nur noch an politisch akzeptable Staaten erfolgen darf und den einmal gekürten Ausrichtern bei unvorhergesehenen, gravierenden Veränderungen der politischen Situation das Turnier auch kurzfristig wieder entzogen werden kann. [7]

Man und frau könnte nach den Kriterien etwas genauer fragen. Die UNO schwieg 1994 zum Völkermord in Ruanda, bis er nicht mehr zu leugnen war; und im gleichen Jahr fand die Weltmeisterschaft ausgerechnet in den USA statt, deren Menschenrechtsbilanz auch nicht zu verachten ist. In kaum einem Land der Erde wird als kriminell definiertes Verhalten derart rassistisch verfolgt. Insofern wäre der Autorin und den Autoren etwas mehr politisches Bewußtsein zu wünschen gewesen, anstatt dieses Menschenrechtsgeblubber aufzuschreiben.

Nun ist weder die FIFA noch der Fußball als kommerzieller Sport für das Elend der Welt verantwortlich zu machen. Und doch ist es so, daß ideologische Willkür an der Verschleierung weltweiter Herrschaftsverhältnisse mitwirkt. Wenn schon das Brot fehlt, gibt es wenigstens Spiele. Auch wenn Joseph Blatter als Chef des ganzen Unternehmens das Engagement der FIFA für Kinder besonders auf Mädchen ausgedehnt wissen möchte oder ein Interesse an der qualitativen Verbesserung der Fußball–Infrastruktur in Drittweltländern hat.

100 Jahre Weltfußball beleuchtet der Jubiläumsband FIFA 1904–2004, der im Göttinger Verlag Die Werkstatt herausgebracht worden ist. Schon die Autorin Christiane Eisenberg und die Autoren Pierre Lanfranchi, Tony Mason und Alfred Wahl haben bedauernd festgestellt, daß auf den 312 Seiten nur ein Bruchteil des vorhandenen interessanten Materials aus der Geschichte des Fußballs und seines Weltverbandes unterzubringen waren. Dennoch ist die Auswahl grundlegend und fördert das Verständnis eines Phänomens, das eigentlich nur darin besteht, daß 22 Männer oder Frauen einem runden Etwas deshalb nachlaufen, um es möglichst schnell wieder loszuwerden. Der Jubiläumsband kostet 39 Euro 90.

 

Bälle, Nationen und Solidarität

Besprechung von : Dietrich Schulze–Marmeling (Hg.) – Die Geschichte der Fußball–Nationalmannschaft, Verlag Die Werkstatt 2004, € 26,90

Wenn schon Lettland Europameister wird, kann es nicht schaden, sich kurz mit der Geschichte der deutschen Fußball–Nationalmannschaft zu befassen. Hierzu ist ebenfalls im Verlag Die Werkstatt im Frühjahr dieses Jahres ein fast 600 Seiten starker Band erschienen, der diese Geschichte von den Anfängen zu Ende des 19. Jahrhunderts bis heute aufrollt.

Erwähnenswert ist hierbei besonders das Konzept der – wie sie im Buch genannt werden – Einwürfe, also von Exkursen zu fußballerischen Persönlichkeiten oder historischen Betrachtungen. Und allein schon diese Einwürfe belegen die Gründlichkeit, mit der die Autoren um Dietrich Schulze–Marmeling vorgegangen sind.

So schreibt Werner Skrentny über Arbeitersportler am Ball, vor allem in den 20er und zu Beginn der 30er Jahre. Während der DFB gegen die Kriegsgegner des 1. Weltkrieges erst spät wieder antritt, Begegnungen mit Kriegsgefangenen als feindlichen Ausländern untersagt sind, Altona 93 noch 1930 nicht in Prag antreten darf, weil dies – so die Begründung – "vom nationalen Standpunkt höchst unerwünscht" sei, kümmert dies die Arbeitersportvereine wenig. Sie unterhalten ihre eigene Nationalmannschaft und singen 1924 gemeinsam mit ihren französischen Spielgegnern in Paris die Internationale. Insgesamt ging es hierbei jedoch nicht um Gegnerschaft, sondern um sozialistische Verbrüderung. Außergewöhnlich waren sicherlich die beiden Auftritte einer palästinensischen Auswahl 1931, hinter der sich eine Vertretung der Sportassoziation der jüdischen Arbeiter in Palästina verbarg. 1927 kam eine sowjetische Nationalmannschaft nach Hamburg; und wir dürfen uns nicht wundern, wenn der damalige Vorgänger des Norddeutschen Rundfunks die Übertragung des Spiels beim Abspielen der Internationale ausblendete.

Ein weiteres Kuriosum dieser Zeit war eine dritte Nationalmannschaft, welche von der katholischen Deutschen Jugendkraft gebildet wurde. 1932 besiegte die Auswahl die holländische mit 5:0, wobei anzumerken ist, daß diese holländische Mannschaft als stärkstes Team der katholischen Sportgemeinschaft Europas galt. Dieses Spiel fand vor 50.000 Zuschauern und möglicherweise auch einigen Zuschauerinnen in Dortmund statt. Das bedeutet aber auch, daß die beiden Verbände des Arbeiterfußballs und der Jugendkraft keine unbedeutenden Erscheinungen waren.

Weitere Einwürfe befassen sich mit bestimmten ritualisierten Rivalitäten, etwa mit dem Mutterland des Fußballs, mit Österreich und den schon erwähnten Niederlanden. Dabei wird selbstverständlich auf die Geschichte des jeweiligen Gegners näher eingegangen. Das Buch über die deutsche Fußball–Nationalmannschaft ist also nicht deutschtümelnd, sondern durchaus selbstkritisch dem deutschen Fußball gegenüber.

Ein sicherlich interessantes Kapitel ist das letzte über die Ära Völler. Das, was keine und vor allem niemand Berti Vogts verziehen hätte, darf er sich leisten – Klatschen ohne Ende. Doch Völler ist auch gnadenloser Realist und das scheint sich noch nicht so recht herumgesprochen zu haben. Er weiß, daß seine Jungs nicht zu den Großen der Welt gehören, und er macht das Beste daraus.

Netzers Forderung, die Nationalmannschaft müsse Gegner wie Island beherrschen und sicher schlagen,

oder Lettland

ignorierte die Veränderung, die der Weltfußball und der deutsche Fußball seit der aktiven Zeit des genialen Mittelfeldstrategen erfahren hatten. In dieser Hinsicht war bei Netzer die Uhr stehen geblieben. Seine Kritik gab nur dann einen Sinn, wenn man immer noch davon ausging, dass Deutschland über zahlreiche Fußballer von internationaler Klasse verfüge, die ihr Können lediglich umsetzen müßten, während bei den "Kleinen" keine Entwicklung stattgefunden habe. [8]

Wenn diese Mannschaft dann auch noch vor zwei Jahren mit großer Unverfrorenheit und Berechnung und ihrem Rumpelfußball das Endspiel einer Weltmeisterschaft erreicht hat, weil den durchaus besseren Gegnern vorher die Luft ausging, verstärkt dies die vollkommen irreale Perspektive. Mich freut das natürlich. Es gibt einfach Sternstunden, die muß man genießen. Vielleicht nicht das 0:0 gegen den neuen Europameister Lettland, aber fußballerische Höhepunkte wie beim 1:5 gegen Rumänien gehören auf jeden Fall dazu.

Während der DDR–Nationalmannschaft ein eigenes Kapitel gewidmet ist, fehlt die Frauen–Nationalelf. Irgendwie scheint Nationalismus, und sei es kritisch reflektierter Nationalismus, doch eine männliche Tugend zu sein. Dennoch ist die von Dietrich Schulze–Marmeling herausgegebene Geschichte der Fußball–Nationalmannschaft eine lesenswerte und fundierte Darstellung. Soweit Material verfügbar war, werden alle Spiele vorgestellt und in ihrem historischen Zusammenhang gesehen. Etwa wenn Sepp Herberger 1938 eine Elf diktiert bekommt, die auf jeden Fall bei der Weltmeisterschaft in Frankreich ausscheiden mußte.

Das Buch ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet 26 Euro 90.

 

Olympische Pleite

Neben der Fußball–Europameisterschaft sind sicherlich die Olympischen Spiele in Athen das sportliche Highlight dieses Jahres.

Leipzig hat die historische Chance verpaßt, für das Mega–Event des Jahres 2012 umgemodelt zu werden. Selbstverständlich wäre eine Menge Geld nach Leipzig geflossen, allerdings darf hier schon gefragt werden, wer denn davon profitiert hätte. Natürlich waren dies nicht die Fragen, die sich das Internationale Olympische Komitee gestellt hat. Das IOC sucht sich die Bewerberstadt, welche die beste Gewähr dafür bietet, profitable publikumswirksame Spiele zu veranstalten. Im Medienzeitalter kommt es schon ein wenig auf das Ambiente an.

Da hat Leipzig doch einfach richtig Glück gehabt. Sonst hätte der Sohn von Hitlers Stararchitekten Albert Speer diesen Namen noch einmal rund um die Welt tragen dürfen [als Architekt der Leipziger Euphorie]. Doch was ist wirklich zu den Olympischen Spielen zu sagen? In einem Pamphlet des Anti–Olympischen–Komitees Leipzig sind einige wahre Gedanken verborgen. Deshalb zitiere ich hieraus.

Weder sind wir der Meinung, dass die olympischen Ideale durch den Kommerz verraten wurden, noch fordern wir "Volxsport statt Olympia". Auch halten wir es angesichts der uns wichtigen Kritikpunkte für relativ unerheblich, ob durch Olympia ein Feuchtbiotop vor der eigenen Haustür oder das "malerische Antlitz" einer Stadt zerstört wird. Die olympischen Ideale sind Ausdruck der kapitalistischen Verhältnisse und gleichzeitig eine reaktionäre Antwort auf die Moderne. Die olympischen Schlagworte "Internationalismus", "Fair Play", "Schönheit", "Chancengleichheit" und "Höchstleistung" wurden von Coubertin, dem Erfinder der neuzeitlichen Spiele, als Gegenmodelle zum Kosmopolitismus, zum vermeintlichen Werteverfall im Zuge des Materialismus, der angeblichen "rassischen Degeneration" und "Verweichlichung" entworfen. Die Olympischen Spiele waren darüber hinaus als ein Gegengift gegen Frauenbewegung, Pazifismus und Klassenkampf gedacht.

Einmal abgesehen davon, daß Sport Mord ist, spiegelt er die kapitalistische Leistungsgesellschaft wieder. Darin enthalten sind chemische Aufputschmittel genauso wie ein gnadenloses Konkurrenzprinzip und die Ästhetisierung des allgemeinen Wahnsinns. Olympische Spiele sind jedoch auch ein ungedeckter Scheck auf die Zukunft. Leipzig gierte geradezu darauf, Investoren heranzuziehen und an der neoliberalen Globalisierung teilzuhaben. Für Athen gilt, daß sich seine Bewohnerinnen und Bewohner schon darauf vorbereiten, rechtzeitig in die Feriendomizile zu flüchten. Sie wissen warum.

Genauso wie der Fußball haben auch die Olympischen Spiele ihre nationale Komponente. Der vermeintliche Internationalismus ist spätestens dann verschwunden, wenn es um Medaillenspiegel und Sportförderprogramme geht. Wir fiebern mit "unseren" Athletinnen und Athleten und können die Enttäuschung nicht nur in der Bild–Zeitung nachlesen, wenn der Medaillenregen genauso mager ausfällt wie die Torausbeute von Völlers Elitetruppe.

Und nicht zu vergessen ist der militärische Ursprung der Spiele, der von Pierre de Coubertin in seiner Erfindung des "Modernen Fünfkampfs" konsequent in die Neuzeit hinübergerettet worden ist. Die Spiele der Antike waren keine Zeit des Friedens. Gewährleistet war allenfalls, daß Besucher und Athleten auch aus den Staaten und Städten freies Geleit hatten, mit denen man sich im Kriegszustand befand. Die Wettbewerbe dienten der körperlichen Ertüchtigung, und deshalb gehörte unter anderem ein Waffenlauf zum Programm.

Dies als Vorbemerkung zu einem Buch, das eine gänzlich andere Intention verfolgt, nämlich uns das heutige Griechenland näherzubringen. Es handelt sich hierbei um das von Klaus Gallas und Ulf–Dieter Klemm geschriebene Buch Griechenland mit dem Untertitel Begegnung mit Geschichte, Kultur und Menschen aus dem Theiss Verlag. Klaus Gallas ist Autor zahlreicher kunsthistorischer Bücher zu Griechenland und dem östlichen Mittelmeerraum. Ulf Dieter–Klemm ist Botschafter in Moçambique, zuvor war er als Kulturreferent an der Deutschen Botschaft in Athen tätig. Ergänzt wird das Buch durch einen sporthistorischen Beitrag des ehemaligen NOK–Mitglieds Manfred Lämmer zur olympischen Idee der Neuzeit.

 

Olympischer Sirtaki

Besprechung von : Klaus Gallas / Ulf–Dieter Klemm – Griechenland, Theiss Verlag 2003, € 29,90

Griechenland – das ist für die meisten Touristinnen und Touristen entweder Strand oder Antike. Das heutige, das moderne Griechenland paßt nicht so recht zu diesem Bild. Das gilt für die Kunst genauso wie für die Sprache, und erst recht für die idealisierenden Vorstellungen von dem, was die griechische Antike gewesen sein soll. Den beiden Autoren des Buches ist es jedoch ein Anliegen, mit diesem verklärenden Bild genauer umzugehen und dabei das heutige Griechenland als gleichberechtigt anzunehmen. Dennoch kommen sie nicht darum herum, auf die antike Geschichte der olympischen Sportstätten des Jahres 2004 einzugehen.

Das heißt, wir erhalten einen kleinen, aber nicht uninteressanten Einblick in die Zeit des minoischen Kreta, des frühen mykenischen Kriegeradels, der attischen demokratischen Despotie über seine Verbündeten bis hin zu dem Zeitpunkt, als aus dem großen Athen schon im byzantinischen Reich ein kleines verschlafenes Nest wurde. Als Zentrum der Stadt gilt immer noch die Akropolis; doch diese ist, so wie wir sie heute sehen, vor rund einhundert Jahren entstanden. Zuvor war sie türkische Garnison mit Festungsmauern, Wehrtürmen und einer kleinen Moschee. Abgesehen davon würden wir uns wundern, wenn wir die Akropolis schon in der Antike bestaunt hätten, weil sie grellbunt angemalt gewesen sein muß.

Das heutige Athen ist zum größten Teil nach der Unabhängigkeit 1830 erbaut worden. Da den Griechen ein bayerischer Prinz als König vorgesetzt wurde, brachte er gleich seinen Architekten mit, um dem Nest einen modernen Charakter zu verpassen. Doch aus verschiedenen Gründen wurde die großzügige Planung nur teilweise umgesetzt. In der 2. Hälfte des 19. und vor allem in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich ein chaotischer Prozeß spontaner Planung oder besser gesagt: Legalisierung spontaner Bebauung. Nach der Niederlage gegen die Türkei 1922 kamen Hunderttausende Flüchtlinge ins Land und ließen sich auch in Athen nieder.

Im Zuge der Infrastrukturmaßnahmen für die Olympischen Spiele wurde versucht, einige der chaotischen Bausünden durch postmoderne neue zu ersetzen. Sprich: Fußgängerzonen, U–Bahn und Umgehungsstraßen.

Dafür entführen uns die Autoren auch in die Bausünden der klassischen Vergangenheit. Athens Reichtum und Macht gründete sich nicht zuletzt auf die Silberbergwerke von Lawrion, in den Sklaven das Silber aus dem Fels meißelten. Man schätzt, daß Athen bis zum 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung auf diese Weise unglaublich klingende 3500 Tonnen Silber hat fördern lassen – das entspräche einem heutigen Wert, wenn ich richtig gerechnet habe, von 6 Milliarden Euro. Das Gebiet war daher schon im Altertum eine bleiverseuchte Mondlandschaft, da das Silber mit Blei vermischt war. Im 19. Jahrhundert, aber auch während der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg wurden die antiken Stollen mit verbesserten technischen Methoden nochmals abgegrast. Immerhin haben so Bergbau und Erzverarbeitung der Antike zur industriellen Entwicklung des modernen Griechenland beigetragen.

Relativ unbekannt ist die Geschichte des modernen Griechenland. Nach mehreren Aufstandsversuchen wurde Griechenland mit westlicher Unterstützung unabhängig. Allerdings umfaßte dieses Griechenland nur ein Drittel des heutigen Territoriums, der Rest kam in den Balkankriegen dazu. Der Zerfall des Osmanischen Reiches führte zum Versuch, auch die kleinasiatische Küste, die von Griechinnen und Griechen bewohnt war, zu erobern, doch das militärische Unternehmen endete in einer Katastrophe. Die Großmächte verfügten einen Bevölkerungsaustausch: 500.000 Türkinnen und Türken mußten Griechenland verlassen; und anderthalb Millionen Griechinnen und Griechen die Türkei.

Das immer noch monarchistische Griechenland hatte längst eine Verfassung, doch in den 20er und 30er Jahren gehörten Militärputsche zum Alltag, bis 1936 der General Metaxás die Macht ergriff und ein repressives und ein in mancher Hinsicht am deutschen Nationalsozialismus und italienischen Faschismus orientiertes Regime errichtete. Dennoch widersetzte er sich der Unterwerfung unter Mussolinis Truppen 1940. Da die Italiener mit dem griechischen Widerstand nicht fertig wurden, mußte die Wehrmacht eingreifen. Hunderttausende starben an Hunger und Auszehrung. Widerstand wurde brutal unterdrückt und dabei die Bevölkerung ganzer Dörfer ermordet. Leider distanzieren sich die Autoren von dem durchaus sinnvollen Begehren einer griechischen Initiative, von der Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin Schadensersatz zu verlangen. Der Menschenrechtler Fischer stellt sich in Zeiten knapper Kassen lieber auf den Standpunkt, hierzu nicht verpflichtet zu sein. So hohl kann grüne Moral sein.

Doch kehren wir noch einmal 60 Jahre zurück: Auf das Ende der Besatzung folgten Jahre des Bürgerkrieges, Antikommunismus und die sogenannte "Strategie der Spannung", bis griechische Militärs 1967 auf der Grundlage des hierfür vorgesehenen NATO–Plans "Prometheus" putschten. Die Militärdiktatur brach nach dem erfolglosen Versuch, Zypern zu erobern, 1974 zusammen, und seither wechseln sich Konservative und Sozialdemokraten in der klientelhaft orientierten Politik ab. Skandale, Korruption und Vetternwirtschaft gehören seither wie in jeder guten Demokratie zum guten Ton.

Kommen wir noch einmal kurz auf Olympia zu sprechen. Manfred Lämmer räumt in seinem Beitrag mit so manchem Mythos über das klassische Sportlertum auf. Amateure gab es dort genausowenig wie friedliche Wettkämpfe. "Kranz oder Tod" hieß es auf dem Grabstein eines Athleten, und in der Tat wurden in den Kampfsportarten alle Regeln des Fair Play vernachlässigt. Im Gegensatz zu heute waren beispielsweise die Boxhandschuhe verhärtet worden, mit der bewußt herbeigeführten Absicht, den Gegner zu verletzen.

Etwa die Hälfte des Buches macht das moderne Griechenland aus, und hier insbesondere die griechische Literatur, Kunst und Musik. Wir erfahren dabei zum Beispiel, daß der Sirtaki eine für den Film Alexis Sorbas erfundene Mischung aus drei griechischen Tänzen ist. Allerdings scheint es so zu sein, daß sich diese Erfindung verselbständigt und die ursprünglichen Tänze mehr und mehr verdrängt. Dann gibt es noch die griechische Küche, die keineswegs so sein muß, wie wir sie aus manchem Restaurant kennen, das sich auf den Geschmack von Mitteleuropäerinnen und –europäern eingestellt hat.

Insgesamt ein facettenreiches und empfehlenswertes Buch, das uns ein Land abseits vom Klischee der klassischen Antike näher bringt. Geärgert hat mich der widersprüchliche Umgang mit griechischen Namen. Das Neugriechische unterscheidet sich vom Altgriechischen, zumindest in der deutschen Aussprache. Es wäre vielleicht sinnvoll, sich auf eine Schreibweise zu einigen. Doch leider finden sich mitunter auf ein– und derselben Seite zwei verschiedene Schreibweisen wieder [9]. Auch wenn ich klassisch vorgebildet bin, halte ich es für sinnvoll, sich auf die heutige Aussprache zu einigen. Dann wissen auch Griechinnen und Griechen, worüber wir reden.

Das Griechenland–Buch von Klaus Gallas und Ulf–Dieter Klemm ist im Theiss Verlag erschienen und kostet 29 Euro 90.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

zum Thema "Brot und Spiele". Hierbei habe ich drei Bücher vorgestellt, und zwar

  • den Jubiläumsband 100 Jahre FIFA 1904–2004 aus dem Verlag Die Werkstatt zum Preis von 39 Euro 90.
  • Dann Die Geschichte der Fußball–Nationalmannschaft, ebenfalls aus dem Verlag Die Werkstatt zum Preis von 26 Euro 90.
  • Und zum Schluß das GriechenlandBuch von Klaus Gallas und Ulf–Dieter Klemm aus dem Theiss Verlag; es kostet 29 Euro 90.

Und es ist natürlich nur ein Scherz, daß ausgerechnet Lettland Europameister wird, denn deren Nationalteam ließe sich nicht so recht publikumswirksam verkaufen. Statt dessen noch ein Hinweis auf die Ausstellung Hornhaut auf der Seele zur Geschichte der Verfolgung der Sinti und Roma in Hessen. Sie ist von Dienstag bis Freitag in der Mornewegschule zu sehen.

Meine heutige Sendung wird am Dienstag um 8.00 und um 14.00 Uhr wiederholt. Natürlich freut sich die Redaktion Alltag und Geschichte über Feedback, entweder über unsere Voice–Mailbox – die Rufnummer lautet 8700–129 – oder per Email an: kapitalverbrechen@alltagundgeschichte.de. Es folgt nun eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt, und zwar Heinerkult. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Die deutsche Nationalmannschaft hat sich freundlicherweise mit einer 1:2Niederlage gegen eine B–Elf der Tschechoslowakei aus der Fußball–Europameisterschaft verabschiedet. Lettland verlor 0:3 gegen die Niederlande und wird daher leider doch nicht Europameister. Ist der deutsche Fußball wirklich so schlecht? Nun, meine Gegenfrage lautet: Was ist daran Fußball?
[2]   Zur Tour de France siehe auch meine Sendung Sport ist Mord vom 9. Juni 2003.
[3]   FIFA 1904–2004, Seite 16
[4]   FIFA 1904–2004, Seite 65
[5]   FIFA 1904–2004, Seite 269
[6]   FIFA 1904–2004, Seite 287
[7]   FIFA 1904–2004, Seite 290
[8]   Dietrich Schulze–Marmeling (Hg.) : Die Geschichte der Fußball–Nationalmannschaft, Seite  508
[9]   Klaus Gallas / Ulf–Dieter Klemm : Griechenland, etwa auf Seite 183, wo Karagiósis neben Karajiósis steht. Ich gebe allerdings zu, daß es reichlich schwierig und verwirrend ist, mit ungewohnten Schreibweisen konfrontiert zu werden – wie etwa Lawrion statt Laurion oder gar Olimbia statt Olympia. Aber was mögen die Griechinnen und Griechen denken, die dieses Problem antiker Schreibweise schon deshalb nicht kennen, weil sie alt– wie neugriechische Namen itazistisch aussprechen.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 14. Mai 2005 aktualisiert.
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