Kapital – Verbrechen

Sportgeschäfte

 

SENDEMANUSKRIPT

In der Sendung vom 11. Dezember 2006 sprach ich über Fußball, Radsport, Doping und die Formel Eins.

 

 

Sendung :

Kapital – Verbrechen

Sportgeschäfte

 

Redaktion und Moderation :

Walter Kuhl

 

gesendet auf :

Radio Darmstadt

 

Redaktion :

Alltag und Geschichte

 

gesendet am :

Montag, 11. Dezember 2006, 17.00–18.00 Uhr

 

wiederholt am :

Montag, 11. Dezember 2006, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 12. Dezember 2006, 05.15–06.15 Uhr
Dienstag, 12. Dezember 2006, 11.30–12.30 Uhr

 
 

Besprochene und benutzte Bücher :

  • Hardy Grüne : Fußball WM Enzyklopädie 1930 bis 2010, Agon Sportverlag
  • Paul Kimmage : Tour de Farce, Covadonga Verlag
  • Dietrich Schulze–Marmeling: Die Bayern, Verlag Die Werkstatt
  • Michael Schumacher, Sabine Kehm, Michel Comte : Michael Schumacher, Süddeutsche Zeitung Edition

 
 

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Völkerkundliche Betrachtungen

Kapitel 2 : Umfassendes Wissen

Kapitel 3 : Der ultimative Test

Kapitel 4 : Schlag auf die Fresse

Kapitel 5 : Erfolgsrevolte

Kapitel 6 : Leistung, Drogen, Heucheleien

Kapitel 7 : Touché

Kapitel 8 : Schluß

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Völkerkundliche Betrachtungen

Jingle Alltag und Geschichte

Kurz vor Ende dieses Jahres werden wir passend zum Weihnachtsgeschäft mit allen möglichen denkwürdigen Ereignissen der vergangenen Monate gefüttert, auf daß wir uns sehnsüchtig an den Sommer und die zugehörigen Märchen erinnern mögen. Die Banalitäten einer star–orientierten Konsumgesellschaft möchte ich euch hier dennoch ersparen.

Ich glaube, ich werde das nie verstehen, warum so viele Menschen ihren Verstand an der Glotze oder im Kino abgeben, nur um Sternchen X anzuhimmeln und sich von Showereignis Y berieseln zu lassen. Was ist so besonders daran, wenn eine gecastete Gruppe mit viel Promo–Aufwand erfolgreich ist? Wobei sich der Erfolg ja nicht an der Qualität der Darbietung, sondern an Quote und Verkaufserfolg bemißt. Und damit beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn nur, was sich mit hohem finanziellen Aufwand durchsetzt, verkauft sich auch. Die Konkurrenz wird ganz einfach mit Medienmacht und inszenierten Hypes plattgemacht.

Deutschland feierte sich dieses Jahr wieder einmal selbst. Nicht, daß diese Nation endlich einmal etwas Produktives, gar Emanzipatorisches hervor gebracht hätte. Nein – 23 Laienschauspieler und ein Dirigent betraten am 9. Juni die grüne Bühne eines Versicherungskonzerns, nämlich die Allianz–Arena, um sich mittels Autosuggestion und massiver Partystimmung bis ins Finale hochzuputschen. Hierbei verwundert es nicht, wenn diese Party durch plumpe völkerkundliche Betrachtungen in Szene gesetzt wurde. Zwar wurde hier kein offen rassebiologischer Unsinn verzapft, aber der folgende Originalton aus dem Sommermärchen mag verdeutlichen, wovon sich die deutsche Nation mitsamt ihrer Laienschauspieler berieseln läßt.

Teammitarbeiter [1] mit schweizer Dialekt in einer Vorbereitungssitzung zum Spiel gegen Costa Rica:
Als die Spanier nach Südamerika kamen, hatte niemand Interesse an Costa Rica. Sie haben kein Öl, kein Gold, kein Silber. Sie haben ihre Natur, und die pflegen sie. Und so sind sie auch im Spiel. Also, sie genießen das Fußballspielen im Gegensatz zu anderen Gegnern, die auf euch zukommen. Sie sind bereit, dieses Leben auch zu teilen, und das würde man spüren, wenn man dort lebt. Das ist ganz, ganz fest ihre Mentalität, jedermann an der Freude des Lebens teilnehmen zu lassen. Und so verhalten sie sich auf dem Platz. Wanchope ist der einzige, der sich da ein bißchen mit Aggression mal äußert. Die anderen sind mehr oder weniger eigentlich sehr bescheiden und halten sich zurück und sind zufrieden, wenn sie mit dem Schiedsrichter keinen Krach haben.

Ein wenig nachdenklich hinter die Kulissen geschaut, verrät sich die deutsche Spießbürgerlichkeit selbst. Spießbürger zu sein, ist kein Schimpfwort mehr, sondern etwas Edles und Erstrebenswertes, was uns spätestens seit der Werbung für einen Baufinanzierer ins Bewußtsein eingetrichtert wurde. Die Deutschen, eine Nation von Spießern – eigentlich keine neue Erkenntnis, aber zur rechten Zeit mal wieder ins Gedächtnis gerückt. [2]

Die Costaricaner sind in den Augen dieser Spießbürger freundliche Menschen, in deren Naturell es eben liegt, sich von abgezockten deutschen Profis ausnehmen zu lassen. Hieraus spricht eine Form der neokolonialistischen Verachtung, die nichts mit einem imaginierten Wesen des kleinen mittelamerikanischen Landes zu tun hat, sondern allenfalls mit dessen untergeordneten Rolle und Funktion im globalisierten Weltmarkt.

Daß ausgerechnet der angesprochene Fußballspieler Paulo Wanchope tatsächlich die deutsche Abwehr zweimal düpierte, liegt daran, daß er sich auf dem Parkett des internationalen Fußballs bestens auskennt und die unsortierten deutschen zweitklassigen Fußballbuben einfach ausgetrickst hat. Das war nun vielleicht nicht die feine costaricanische Art, aber die gerechte Strafe für soviel völkerkundlichen Wahn.

Ich werde auf die Klinsmänner und ihr Sommermärchen im Verlauf dieser Sendung noch zurückkommen, aber euch erst einmal verraten, welche Bücher ich heute in meine Sendung mitgebracht habe.

Da wäre die monumentale WM–Enzyklopädie von Hardy Grüne aus dem Agon Sportverlag, die Geschichte des deutschen Rekordmeisters Bayern München von Dietrich Schulze–Marmeling aus dem Verlag Die Werkstatt, das Tagebuch eines skandalösen Radrennens von Paul Kimmage, erschienen im Covadonga Verlag, sowie die offizielle und autorisierte Inside Story zum Karriereende von Michael Schumacher aus der Edition der Süddeutschen Zeitung.

Durch die Sendung führt für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt Walter Kuhl.

 

Umfassendes Wissen

Besprechung von : Hardy Grüne – Fußball WM Enzyklopädie 1930 bis 2010, Agon Sportverlag 2006, 701 Seiten, € 49,90

Geradezu gigantisch ist die Fußball WM Enzyklopädie 1930 bis 2010, die vor wenigen Tagen vom Agon Sportverlag in den Buchhandel gekommen ist. Der Autor dieses Werkes, Hardy Grüne, ist ein ausgewiesener Fußballexperte. Doch was er hier vorgelegt hat, ist fast schon unbeschreiblich. Alle Weltmeisterschaften seit der ersten im Jahre 1930 in Uruguay liegen hiermit vor, mit akribisch zusammengestellten Tabellen, Ergebnissen und Statistiken, und dazu noch jeweils die entsprechenden Spielberichte.

Buchcover WM Enzyklopädie Rund 700 Seiten, zum Teil eng bedruckt, und dennoch mit rund 1800 Abbildungen versehen – dieser Band hat wahrlich das Zeug zu dem Standardwerk schlechthin. Und das will etwas heißen, muß sich der Band doch an der Konkurrenz der Geschichte der Fußball Weltmeisterschaft von Dietrich Schulze–Marmeling und Hubert Dahlkamp aus dem Verlag Die Werkstatt messen lassen. Um es gleich zu sagen – die WM Enzyklopädie ist diesem Vergleich gewachsen.

Es sind nicht allein die achtzig Jahre WM–Geschichte, die dem Leser und der Leserin in geballter Form entgegenkommen. Denn es fehlen auch die Hintergründe zum Event selbst nicht, so daß Statistiken und Spielberichte eingebettet sind in den Fluß einer Geschichte der Evolution des Fußballs hin zur heutigen multimedialen Kommerzveranstaltung. Und hier sollten wir keinesfalls die Nase rümpfen. Profifußball und Kommerz gehören zusammen wie Kapitalismus und Ausbeutung. Deshalb ist der moderne Sklavenhandel mit Spielern aus Lateinamerika und Afrika kein zu verachtender Auswuchs, sondern das Geschäftsprinzip schlechthin. Ähnlich sieht das auch der Autor Hardy Grüne, wenn er bemerkt:

Eine WM ist in der Tat auch so etwas wie eine moderne Form der römischen Zirkuskultur, bei der den menschlichen Bedürfnissen nach gegenseitigem Kräftemessen und Unterscheidung in "Gewinner" und "Verlierer" auf etwas "nettere" Art als im antiken Rom Rechnung getragen wird. Dass es beim Fußball aber auch zu einer unangenehmen Form von "Brot und Spiele" kommen kann, belegt nicht zuletzt die WM–Geschichte – das Turnier 1978 in Argentinien, als ein brutales Militärregime sich über den Fußball bei seinem unterdrückten Volk einzuschmeicheln versuchte […]. [3]

Obwohl, wenn ich das so vorlese: ich bezweifle, daß es zu den menschlichen Bedürfnissen gehört, sich zu bekämpfen und zu besiegen. Eine solidarische Welt käme ohne derartige Wertungen wie "Gewinnen" und "Verlieren" aus. Fußball ist jedoch kein solidarisches Spiel.

Die Geschichte aller Fußball–Weltmeisterschaften hat natürlich auch eine Vorgeschichte. Das erste Turnier, das zumindest formal den Anspruch eines weltweiten Kräftemessens besaß, sollte bei den Olympischen Spielen 1896 in Athen stattfinden. Allerdings war der Fußball zu diesem Zeitpunkt erst in wenigen Ländern national organisiert, so daß das Turnier mangels Nachfrage und ungeklärter Kosten ausfiel. Vier Jahre später sah das schon ein wenig anders aus, aber auch hier war der Ausgang eher kurios. Die Olympischen Spiele des Jahres 1900 in Paris waren Teil einer Weltausstellung, die von Mitte Mai bis Ende Oktober stattfand. Am Start waren letztlich ganze drei Mannschaften: ein recht willkürlich zusammengewürfeltes belgisches Studententeam, der Stadtmeister von Paris und ein unterklassiger englischer Fußballclub.

Doch der Fußball entstieg bald seinen Kinderschuhen und wurde in Europa ausgerechnet während des Ersten Weltkrieges als soldatischer Leibesübungs– und Zeitvertreib grenzüberschreitend ungemein populär. Als dann noch südamerikanische Fußballteams durch Europa reisten und die eingebildeten weißen Männer schwindelig spielten, war der Zeitpunkt nicht mehr fern, an dem die Welt – damals dann hauptsächlich Europa und Südamerika – ihren Meister ermitteln sollte. Die Olympischen Fußballturniere von 1924 und 1928 boten nicht nur eine erneute Demonstration der Stärke des Teams aus Uruguay. Es stellte sich zudem immer mehr die Frage des dem verlogenen olympischen Geist verpflichteten Amateurstatus der eingesetzten Athleten, so daß ein eigenes Profi–Turnier unausweichlich wurde.

Gerade aus den frühen Tagen des Fußballs liegen nicht allzu viele, sich zum Teil sogar widersprechende Informationen vor. Die Daten wurden noch nicht systematisch gesammelt und in die Datenbanken der kommerziellen Sportverwerter eingegeben. Hardy Grüne verweist in seinen einführenden Worten Von den Tücken statistischer Erfassungen jedoch darauf, daß selbst für die Turniere von 1998 und 2002 widersprüchliche Daten zu Verfügung stehen. Selbst die FIFA tappt bei so manchen Ereignissen im Dunkeln. So ist beispielsweise ungeklärt, wer die uruguayischen Torschützen beim 8:0–Vorrundensieg gegen Bolivien bei der Weltmeisterschaft 1950 in Brasilien gewesen sind.

Nachvollziehbarer sind differierende Angaben bei Zuschauerzahlen oder Minutenangaben zu Toren, Auswechslungen oder gelben und roten Karten, wobei die Differenzen um eine Minute noch die harmlosesten sind. Auch die Namen und Schreibweise der Spieler war und ist nicht einheitlich, was bei einer Datenbankrecherche gewisse Probleme aufwirft und entsprechend fehlertolerante Algorithmen erfordert. Hardy Grüne hat daher versucht, im Zweifelsfall mehrere Quellen gegeneinander abzugleichen, und er gibt immer wieder auch divergierende Angaben zu den betreffenden Ereignissen offen zu. Was für die Leserin und den Leser den Vorteil hat, nicht die absolute Wahrheit vorgesetzt zu bekommen, sondern darauf hingewiesen zu werden, daß die Dinge auch ganz anders sein können, als sie zu sein scheinen.

Insgesamt betrachtet liegt mit der WM–Enzyklopädie von Hardy Grüne daher nicht nur ein fundiertes und solide recherchiertes Mammutwerk vor, sondern auch eines, das sich seiner den Umständen geschuldeten möglichen Ungenauigkeiten bewußt ist.

 

Der ultimative Test

Es gibt einen ultimativen Test für jedes Buch über die Geschichte aller Fußball–Weltmeisterschaften, der auch für das Zeitalter des Sommermärchens 2006 anwendbar ist. Bislang habe ich noch kein Buch gefunden, das diesen Test bestanden hat. Und obwohl Hardy Grüne bislang derjenige gewesen ist, der das meiste Licht ins Dunkel gebracht hat, so sorgt er leider doch wieder für unnötige Verwirrung. Eine Verwirrung, die es der FIFA nahelegen sollte, unsinnige Qualifikationsrunden abzuschaffen. Wenn schon ausgewiesene Experten nicht blicken, was Sache ist, wie soll dann noch vernünftiger Fußball gespielt werden?

Worum handelt es sich bei meinem ultimativen Test? Der Qualifikationsmodus zur Fußball–Weltmeisterschaft sah vor, daß einer der 32 Turnierteilnehmer entweder aus Asien oder aus Nord– bzw. Mittelamerika kommen sollte. Qualifiziert hat sich hier bekanntlich Trinidad & Tobago, aber bis es hierzu gekommen ist, bedurfte es eines langen Atems.

Asien schickte vier Mannschaften nach Deutschland, die sich hierfür nach einer Vorrunde und einer Gruppenphase in zwei Endrunden qualifizieren mußten. Die jeweiligen Gruppendritten dieser Endrunde spielten den Gegner des Vierten eines Endturniers aus, das von Mannschaften aus Nord– und Mittelamerika sowie der Karibik beschickt wurde. Der Dritte der Asienfinalgruppe A war Usbekistan, der Dritte der Gruppe B Bahrain. Diese spielten zunächst in Taschkent gegeneinander, das Spiel endete 1:0 für Usbekistan. Wie Hardy Grüne richtig vermerkt, unterlief dem japanischen Schiedsrichter Yoshida ein Regelverstoß und das Spiel wurde annulliert. Leider sagt uns der Autor nicht, worin der Regelverstoß bestand. [3a]

Der zweite Anlauf endete einen Monat später unentschieden 1:1, vier Tage später reichte dann Bahrain ein torloses Unentschieden aufgrund des auswärts erzielten Treffers zum Interkontinental–Vergleich mit der Mannschaft aus Trinidad & Tobago. Auch hier liegt Hardy Grüne richtig: zunächst trotzte Bahrain den Soca Warriors [nicht Socca, wie im Buch zu lesen!] ein 1:1 in der Karibik ab, bevor die Mannschaft zu Hause unerwartet mit 0:1 unterlag. Trinidad & Tobago war also qualifiziert [Seite 508]. Jetzt sollten wir also alle glücklich sein und uns freuen, daß endlich einmal ein Autor den Durchblick behalten hat, aber …

… zwei Seiten später läßt er Bahrain im Spielberichtsteil [auf Seite 510] mit 1:2 verlieren.

Die WM–Enzyklopädie wird abgeschlossen mit einer kompletten Auflistung aller in der FIFA organisierten Verbände und aller Spieler, die jemals an einem Endturnier teilgenommen haben. Bei den Nationalteams sind wiederum alle Qualifikations– und Endrundenspiele tabellarisch zusammengefaßt, so daß für jedes einzelne Land verfolgt werden kann, wann es wo wie abgeschnitten hat. Hier fehlen jedoch die Spiele von Bahrain gegen Usbekistan [auf Seite 571]. Es kommt aber noch besser: nach den Angaben dieses Länderteils hätte sich Bahrain gegen Trinidad & Tobago durchsetzen müssen [auf Seite 624].

Man und frau verstehe mich richtig: ich will hier gar nicht über den Autor spotten. Bei jeder Arbeit dieser Größenordnung sind Fehler unvermeidlich und der Autor ist laut eigener Auskunft glücklich über jeden Fehler im Buch, der ihm gemeldet wird. Wahrscheinlich gehört er genauso wie ich zu der Art von Menschen, denen es peinlich ist, nicht genau genug gearbeitet zu haben. Und soweit ich das Buch durchgeschaut habe, ist es von einer Genauigkeit, die im Verlagswesen selten geworden ist. Wenn ich dennoch darauf hinweise, dann deshalb, um selbst bei diesem unglaublich gut recherchierten Werk darauf zu verweisen, daß man und frau sich nicht blind auf die Angaben von Experten verlassen sollte. Im übrigen sei darauf hingewiesen, daß der Sportteil des Darmstädter Echo eine wahre Fundgrube für chaotische Ergebnisse ist.

Und doch findet sich ausgerechnet zur Fußball–WM im Märchenland des Jahres 2006 noch ein kleiner Klops, der womöglich einer Ungenauigkeit der dem Autor vorliegenden statistischen Angaben geschuldet ist. Im Spiel Argentinien gegen Deutschland sprang Wunderstürmer Miroslav Klose den argentinischen Elfmeterhelden Roberto Abbondanzieri so rüde an, daß dieser ausgewechselt werden mußte und so im entscheidenden Elfmeterschießen nicht zur Verfügung stand. Ein klarer Wettbewerbsnachteil, der ganz sicher ohne jede böse Absicht entstanden ist. Obwohl – ich bin ja ein Schelm und denke mir etwas anderes dabei. Für Abbondanzieri kam Leonardo Franco ins Tor, der wenige Minuten später offensichtlich noch nicht auf Betriebstemperatur war und den Kopfball von Klose zum 1:1–Ausgleich nicht mehr parieren konnte.

Und so beschreibt Hardy Grüne das Geschehen:

In der 80. Minute war es soweit: Ballack flankte auf Borowski, dessen Kopfballverlängerung bei Klose landete, der aus fünf Metern ins lange Eck vollendete. Torhüter Abbondanzieri verletzte sich dabei und mußte durch den unerfahrenen Leo Franco ersetzt werden. [4]

Folgerichtig läßt er im statistischen Teil Abbondanzieri in der 81. Minute vom Platz gehen. Und das ist falsch. Wer beim Sommermärchen von Sönke Wortmann genau hingeschaut hat, wird erkannt haben, daß der argentinische Torwart, der dem Ball von Klose nur noch entgeistert hinterherschauen konnte, die Rückennummer 12 trug, das Trikot von Leonardo Franco also.

Eher lästig ist die auf Seite 629 vorgebrachte Behauptung im schon erwähnten Länderteil – hier zu Venezuela –, daß der dortige Präsident Hugo Chávez "ein diktatorisches Regime" errichtet habe, was einfach nur albern ist. Vielleicht sollten Fußballexperten nicht versuchen, einen Ausflug in für sie nicht durchschaubare Gefilde zu unternehmen, und dabei den ideologischen Unsinn der jahrzehntelang autokratisch regierenden venezolanischen Bourgeoisie nachplappern.

Trotz dieser Marginalien ist die Fußball WM Enzyklopädie 1930 bis 2010 ein unbedingt zu empfehlendes Meisterwerk, besitzt aber, wie alle Meisterwerke, auch seinen Preis. Das im Agon Sportverlag herausgebrachte großformatige Buch kostet 49 Euro 90.

 

Schlag auf die Fresse

Bei aller Euphorie darüber, daß die deutsche Fußball–Nationalmannschaft den Status des Rumpelfußballs überwunden hat, sollten wir nicht verdrängen, daß der deutsche Fußball im internationalen Vergleich allenfalls zweitklassig ist. Gerade das Jahr für Jahr frühe Ausscheiden in Champions League und UEFA–Pokal macht die Misere deutlich. Jürgen Klinsmann hat, kongenial assistiert von Joachim Löw, aus der Not eine Tugend gemacht und viele alte Zöpfe gnadenlos abgeschnitten. Sein Konzept war es, jungen und noch nicht vom Rumpelfußball verdorbenen Spielern die moderne Spielauffassung im Schnellkurs beizubringen und zu hoffen, daß der bedingungslose Einsatz viele erkennbare Defizite überlagern würde.

Erfolge bei Standardsituationen waren folglich Mangelware und das desolate Auftreten der Abwehr im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica kein Zufall. Klinsmann stopfte die Löcher, so gut es ging, und setzte ansonsten – wie viele erfolgreiche Managementcoaches – auf kollektive Autosuggestion. Man redet sich stark, glaubt daran, hat anfangs Erfolg, der sich auf das Umfeld überträgt. Diese Dynamik hielt lange dem Druck stand, eben weil das Team nur gewinnen konnte. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn es im Juni die ganze Zeit geregnet hätte.

Das Sommermärchen von Sönke Wortmann legt aber auch Zeugnis ab über das Abrufen kulturell erworbener aggressiver Eigenschaften. Auch wenn viele der Sprüche in Klinsmanns Kabine Alltag in Fußball–Deutschland sind und wahrscheinlich in vielen Stadien noch viel härter und brutaler ausfallen, so sollte es uns doch zu denken geben, mit welcher Rhetorik die Jungs heiß gemacht wurden.

Genau betrachtet liefert uns Jürgen Klinsmann hier das Credo eines aufgeklärten Neoliberalen, der weiß, wie er seine Jungs motivieren muß. Die Gewalt, die sich in diesen Sprüchen Bahn bricht, wird nur noch getoppt durch das anfeuernde Männergegröle, das auch ganz ohne Alkohol auskommt. Eine Nation, die im kollektiven Schulterschluß diese Sorte Helden feiert, wird keine Hemmungen haben, so auch im wirklichen Leben mit sich selbst, mit Konkurrentinnen und Konkurrenten oder gar den Feinden dieser Art spießbürgerlichen westlichen Lebensordnung umzuspringen. Dies ist der wahre Gehalt der großen Sause, die im Juni und Juli auf Deutschlands Straßen zu erleben war. Hinter der Partymaske verbirgt sich die Aggression.

Ich spiele euch deshalb eine kleine Collage aus dem Sommermärchen ein. Genaues und reflektierendes Zuhören lohnt sich hier. [5]

Jürgen Klinsmann, in der Kabine vor dem Spiel gegen Polen:
Männer, wir haben etwas ganz besonderes heute. Das ist ein Endspiel, ein Endspiel um die Gruppe. Wenn wir das heute packen, und das packen wir heute, dann sind wir einen Riesenschritt, einen Riesenschritt weiter, alle miteinander. Na, Micha, das ist deine Aufgabe in der WM, und es wird die ganz besondere WM, für uns alle, für die wo mit auf der Bank. Der Rest passiert auf dem Platz. Ok? Freunde, das ist eine einmalige Chance, die wir haben. Und sollte was schief gehen, kann passieren, es kann auch die Situation [geben], die gehen 1:0 in Führung, das ist absolut kein Problem. Das ist kein Problem. Körpersprache, wie ist denn die Körpersprache, Lukas? Brust raus! Ja, wenn was passiert, Brust raus und sofort nachsetzen. Gar kein Problem. Und dann nützen wir den Vorteil im Kopf, daß die, die stehen mit dem Rücken zur Wand. Und wir knallen sie durch die Wand hindurch. Das machen wir heute.
Nationalmannschaft beim Absingen der Nationalhymne :
… blüh im Glanze dieses Glückes, blühe deutsches Vaterland.
Jürgen Klinsmann, in der Kabine vor dem Spiel gegen Ecuador:
Wir sind angekommen an einem Punkt, Männer, wo es drum geht, daß jeder, der bei diesem Turnier jetzt dabei ist, Respekt vor uns bekommt. Und deswegen absolutes Muß: von der ersten Sekunde an macht jeder, aber auch jeder hier drauf seinen Job. Und wenn einer meint, wir können es locker angehen, dann ist er nach 20 Minuten vom Platz. Wenn wir sehen, der Jogi und ich, da läuft was nicht, einer ist gedanklich noch nicht im Spiel, da ist einer so schnell drin [sic!], so schnell könnt ihr gar nicht schauen. Deswegen bitte ich euch, von der ersten Sekunde an, laßt uns denen den Schneid abkaufen. Und deswegen, je stärker wir heute uns Respekt einflößen bei allen Nationen, die da draußen zuschauen, allen Nationen draußen. Die sagen sich, da will keiner mehr gegen Deutschland spielen, keiner mehr, egal ob es England, Schweden oder sonstwer ist. Aber zuerst müssen wir denen, denen müssen wir heute auf die Fresse geben.
Jürgen Klinsmann, in der Teambesprechung vor dem Spiel gegen Argentinien:
Argentinien, das ist eine Mentalität, eine elitäre Mentalität. Die meinen, sie besitzen den Ball, die meinen, sie besitzen das Spiel. In dem Moment, wenn man ihnen das Spielzeug wegnimmt, ihr Lieblingsspielzeug, den Ball, wenn man ihnen Druck gibt, wenn man ihnen Feuer gibt, wenn sie den Tiger in unseren Augen sehen, verlieren sie ihre Spielweise. Und dann schlagen wir zu, aber brutal. Brutal schlagen wir da zu. Jungs, wir haben drei Spiele, drei Spiele, die für uns die Welt bedeuten. Und das sind unsere Spiele, nur unsere Spiele, bei allem Respekt, vor jedem, der da draußen noch mitspielen darf. Aber das entscheiden wir, wer mitspielen darf, nicht die. Wenn wir den Hunger, den ihr jetzt sechs Wochen lang entwickelt habt, und diese Bereitschaft zu leiden, wenn ihr den Willen, diese Leidensfähigkeit heute mittag, heute mittag reinbringt, leiden zu können, bis zum Extremen zu gehen und, wenn es sein muß, 120 Minuten bis zum Extremen zu gehen, Freunde, dann holen wir dieses Ding hier. [deutet den Pokal an]
Jürgen Klinsmann, in der Kabine vor dem Spiel gegen Argentinien:
Die haben Muffe! Die haben Muffe vor euch! Die kommen mit einer vollen Defensivvariante, die wollen uns auskontern. Weil sie sich in die Hosen machen. Das heißt für uns: die lassen wir gar nicht zum Atmen kommen. […] Wir sind immer in Bewegung, wir sind immer da, wir sind immer auf Tuchfühlung, ja? Es geht drum zuzubeißen. Kontrolliert, höchst aggressiv, aber diszipliniert. Deswegen haben wir unseren Capitano. Die kennen unseren Capitano noch gar nicht. Zweimal haben wir sie am Rand gehabt, zweimal haben wir sie am Rand gehabt, ohne Micha [5a]. Doch heute sind sie fällig, ich schwöre es euch, Jungs, die sind fällig. Die sind absolut fällig. Ok, Micha! [Beifallsgejohle der Mannschaft.] Hochkonzentriert bis in die Haarspitzen, solange noch welche da sind.
Jürgen Klinsmann, in der Kabine vor dem Spiel gegen Italien:
Freunde, da packt uns keiner mehr, aber gar keiner mehr. Wer heute immer da draußen, da sind 70.000, 70.000, die warten auf euch in ihrem Herzen. Wie ihr euer Herz rausbringt heute, und das bringt ihr. Weil, wir haben ja schon sieben Wochen lang. Jeder einzelne von euch hat sein Herz dabei. Dann hauen wir die weg, die Italiener, und machen den nächsten Schritt am Sonntag. Diese Woche sind wir dabei, Geschichte zu schreiben, weil wir packen diesen Moment. Und wir nehmen diese 70.000 Leute da draußen, die nehmen wir mit. Die nehmen wir mit. Nicht blindlings, diszipliniert, [da] sorgt der Capitano dafür. 80 Millionen, 80 Millionen habt ihr fasziniert. Ihr habt 80 Millionen fasziniert. Und die nehmen wir mit bis zum Sonntag nacht. [Gegröle:] Wir sind ein … Team! Wir sind ein … Team! Wir sind ein Team! [Geklatsche.]
Torsten Frings, Kabinenansprache vor dem Spiel gegen Italien:
Männer, vier Gründe, warum wir hier im Halbfinale stehen und das Spiel auch heute gewinnen:

Nummer 1: Kampf, absoluter Kampf, bis zur totalen Erschöpfung.

2: Absoluter Wille. Keinen Ball verloren geben. Jedem Zweikampf hinterher.

3: Mut. So spielen, wir wir es können, und wir sind verdammt gut, Männer.

Und der vierte: Wir sind ein Team. Und ihr gewinnt das Spiel zusammen. Wir gehen jetzt raus und hauen die Scheiße weg.

[Zustimmendes Gegröle:] Jaaaaaaaaa!!!
Im Gang zum Spielfeld:
[Deutscher Spieler:] Die haben Angst, Männer. Die haben Angst.

[Italienischer Spieler:] Nein, wir haben überhaupt keine Angst vor euch.
Die 119. Spielminute in der Fußballübertragung:
Den Chancen nach muß die deutsche Mannschaft froh sein, diese Verlängerung überstanden zu haben, bisher. – Ecke Del Piero. – Pirlo. – Und da ist das Tor, durch Grosso. Hundertundneunzehnte Minute.

 

Erfolgsrevolte

Besprechung von : Dietrich Schulze Marmeling – Die Bayern, Verlag Die Werkstatt 2006, 672 Seiten, € 29,90

Die Geschichte des deutschen Rekordmeisters erzählt Dietrich Schulze–Marmeling in seinem dickleibigen Werk Die Bayern, das ebenfalls vor wenigen Tagen vom Verlag Die Werkstatt vorgestellt wurde. Es hätte sich wohl kein Autor finden lassen, der so akribisch und fundiert den Werdegang des Vereins aus Schwabing, dem Zentrum der damaligen Münchener Künstlerszene, zu einer europäischen Topadresse hätte darstellen können. Bemerkenswert ist hier der jüdische Einfluß, der schon von Anfang an zu spüren war und der den Bayern in der Nazi–Ära dann auch eher zu schaffen machte als den willfährigen Löwen vom TSV 1860.

Buchcover Die BayernDie Geschichte des FC Bayern spiegelt in gewisser Weise die Geschichte des deutschen wie des europäischen Fußballs wider. Viele der heute dominierenden Clubs waren bis in die 60er Jahre hinein nicht gerade die erfolgreichsten. Mitte der 60er Jahre fand ein Umbruch im europäischen Fußball statt, der dazu führte, daß nur noch wenige Clubs sich die Titel teilten. Es ist so gesehen kein Zufall, daß der FC Bayern nur einmal im Jahr 1932 den Deutschen Meistertitel errang und dann dreieinhalb Jahrzehnte nicht mehr, danach aber im Durchschnitt in jedem zweiten Jahr.

Vielleicht war es für den Verein ein Glücksfall, daß er 1963 nicht sofort in der Bundesliga spielen durfte, so Dietrich Schulze–Marmeling:

Wäre der FC Bayern zur neuen Eliteklasse zugelassen worden, hätte er das Gesicht seiner Mannschaft einschneidend verändern müssen. Dies hätte nicht nur erhebliche finanzielle Belastungen bedeutet, sondern auch den Reifeprozess einer jungen Mannschaft torpediert, die einige Jahre später bundesdeutsche und europäische Fußballgeschichte schreiben sollte. Die große Bayern–Elf wäre vielleicht gar nicht zustande gekommen, sondern frühzeitig auseinander gerissen worden. [6]

Neben biografischen Zufällen – so wären Franz Beckenbauer und Gerd Müller fast beim Lokalrivalen 1860 gelandet – waren es vor allem die nach München vergebenen Olympischen Spiele von 1972, die den Bayern einen Wettbewerbsvorteil verschafften. Ein Riesenstadion frei Haus zu bekommen, war in den Tagen vor den großen Fernsehgeldern Gold wert. Doch bis zum Aufstieg mußten sich die Bayern zwei Jahre lang in der Regionalliga bewähren; und sie taten das in einer Weise, die den späteren Ruf als abgeklärt spielender Verein Lügen strafte. Im ersten Regionalligajahr 1963/64 schoß man 115 Tore heraus, im Jahr darauf unglaublich klingende 146. Und das, obwohl Präsident Neudecker den jungen Stürmer Gerd Müller seinem Trainer geradezu aufdrängen mußte.

Das Ende der 60er und die 70er Jahre war die Zeit zweier großer Mannschaften – der Bayern und von Borussia Mönchengladbach. Und obwohl die Gladbacher den attraktiveren Fußball boten, war es keinesfalls so, daß sie auch das torhungrigste Team stellten. Die 101 Tore der Bayern aus der Saison 1971/72 werden wohl für die Ewigkeit Bundesligarekord bedeuten. Selbst hier waren die Bayern also einen Tick besser, worauf der Autor vollkommen zurecht hinweist und zudem einige interessante Gedanken hinzufügt.

Während die Gladbacher als fußballerisches Begleitprogramm zur sozialliberalen Koalition galten, wurde den Bayern eine rechte Gesinnung unterstellt. Nun ist es sicher richtig, daß der FC Bayern und die CSU miteinander verbandelt sind. Genau betrachtet zeigt sich aber auch etwas anderes – nämlich auf dem Platz. Gladbach hatte zwar seine als links geltende Ikone Günter Netzer und in den 80er Jahren Ewald Lienen, aber mit Berti Vogts auch einen Befürworter der Militär– und Folterdiktatur in Argentinien. Die Bayern hatten die selbstbewußten Studenten Breitner und Hoeneß, den unkonventionellen Sepp Maier und die bekennenden 68er Rainer Zobel und Charly Mrosko in ihren Reihen. Und 1979 kam es geradezu zur Revolte, als den Spielern ausgerechnet der Hardliner Max Merkel als Trainer vorgesetzt werden sollte. Die Spieler setzten sich durch; dazu Dietrich Schulze–Marmeling:

Auch wenn der Präsident die Rädelsführer als "Anarchisten" denunzierte: Der Konflikt Breitner/Maier kontra Neudecker war nicht in erster Linie politisch motiviert, sondern Ausdruck des Wandels, den der Fußball erfahren hatte. Mit Breitner siegten nicht die Roten, sondern die Modernisierer. Es war alles andere als ein Zufall, dass sich die vielleicht bedeutendste Spielerrevolte in der Geschichte des deutschen Profifußballs beim FC Bayern ereignete. Und es ist sicherlich auch kein Zufall, dass der FC Bayern heute der einzige Klub der Bundesliga ist, der von ehemaligen Spielern geführt wird. [7]

Im selben Jahr 1979 nahm Uli Hoeneß seine Tätigkeit als Manager auf. Er erwies sich als ein Mann mit Visionen, die seiner Zeit weit voraus waren. Hoeneß sprach schon damals vom pay–per–view und davon, daß die Fernsehrechte irgendwann einmal eine Milliarde Mark im Jahr kosten würden, was zwei Jahrzehnte später tatsächlich eintrat. Zu seiner Zeit waren das erst ein paar Millionen Mark, die den Bundesligavereinen aus den Fernsehrechten zuflossen. Die Spielerrevolte setzte Kräfte frei, die der Professionalisierung des Vereins und des Fußballs dienten. Es mag sein, daß der FC Bayern nach Belieben die ganze Liga aufkauft, aber – so Dietrich Schulze-Marmeling in seinem Vorwort zum Buch – man und frau muß das auch differenzierter betrachten:

De facto subventioniert der FC Bayern die Bundesliga. Die Bayern bescheren 17 anderen Vereinen pro Saison ein ausverkauftes Haus und ein "Spiel des Jahres". Der FCB hat zwar immer wieder anderen Klubs deren beste Spieler und größte Talente abspenstig gemacht, aber dafür auch Summen gezahlt, zu denen andere Klubs wohl kaum in der Lage gewesen wären. Außerdem profitierte die gesamte Liga von den TV–Geldern, die ohne die Bayern in diesem Ausmaß nicht geflossen wären. Der Vermarktungswert der Bundesliga wäre ohne den FC Bayern erheblich geringer. Die Bundesliga benötigt die Bayern, und sei es auch nur als Feindbild. Und wer sich auf die Logik des Profifußballs erst einmal einlässt, wird die Philosophie der Bayern ohnehin nicht grundsätzlich kritisieren können. [8]

Irgendwie hat er recht. So wenig, wie es einen menschenfreundlichen Kapitalismus geben kann, so wenig können die Bayern dafür kritisiert werden, daß sie das Konsumevent Fußball bestmöglich vermarkten. Wer Fußball liebt, liebt die Aggression, die Gewalt, das Foul, den Kommerz. Das eine geht nicht mehr ohne das andere. Die Zeiten, wo elf Freunde selbstlos das Bier miteinander teilten, sind schon lange vorbei.

Dietrich Schulze–Marmeling hat mit seinem 672 Seiten starken Band über Die Geschichte des Rekordmeisters mit dem Titel Die Bayern dennoch keine Lobeshymne abgeliefert. Zwar machen den größten Teil dieses Buches ausführliche Spiel– und Saisonberichte aus, doch es sind die Einwürfe, die zur Reflexion einladen und die die Freude am Spiel mit Hintergründen und Hintergründigem bereichern. Dieses Buch ist nicht nur ein Muß für jeden männlichen und weiblichen Bayern–Fan, sondern könnte durchaus auch von Interesse für diejenigen sein, die sich eher zur Bayernhasser-Fraktion zählen. Das Buch ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet 29 Euro 90.

 

Leistung, Drogen, Heucheleien

Besprechung von : Paul Kimmage – Tour de Farce, Covadonga Verlag 2006, 127 Seiten, € 9,80

Es gibt sehr viele unterschiedliche Arten, sich sportlich zu betätigen oder diesem Treiben zuzuschauen. Man und frau mag sich fragen, ob Pokern ein Sport ist oder die Formel Eins. Man und frau mag sich ohnehin nach dem Sinn dieses sich auf Konkurrenz und Leistungsdenken gründenden Zeitvertreibs fragen, erst recht, wenn das Erreichen der Schmerzgrenze rein kommerziellen Charakter besitzt. Und doch ist der Sport ein Medium, das Milliarden Menschen in seinen Bann zieht – auch diejenigen, denen das zugehörige Brot zu den Spielen nicht gereicht wird.

Buchcover Tour de Farce Diese sportliche Extremleistung läßt sich nur mit drei Mitteln erreichen: systematisches Training, ein intaktes sportliches und sportpolitisches Umfeld, sowie der mehr oder weniger legalen Verabreichung von Substanzen, die den jeweiligen Körper dazu befähigen sollen, mehr zu bringen als ursprünglich vorhanden war. Ob und inwieweit diese Differenzierung sinnvoll ist, mag dahin gestellt sein. Es gibt keinen "natürlichen" Körper, denn der Mensch ist spätestens von seiner Geburt an ein soziales Wesen und lebt von dem, was er erwerben kann, aber auch von dem, was er vorfindet und was ihm gegeben wird. Eine gesunde Ernährung von Kindesbeinen an ist sicherlich leistungsfördernder als in den Slums von Manila zu leben. Entsprechend kommen die Stars der Sportszene auch eher nicht aus den Armuts– und Hungerregionen dieser Welt.

Wenn jedoch so ziemlich alle die gleichen Voraussetzungen mitbringen, sind es individuelle Faktoren, die den entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen. Und hier setzt das systematische Doping an, das sich nicht nur großer Beliebtheit erfreut, sondern gleichzeitig auch – zumindest medial – verteufelt wird. Der reine Sport ist jedoch eine Illusion, denn jeder Sport, der sich im kapitalistischen Verwertungsprozeß befindet, ist sozusagen kontaminiert. Dopingkontrollen haben so betrachtet nur den Sinn, die Unehrlichkeit halbwegs gerecht zu verteilen. Denn was ist Doping?

Erstens: Doping ist, wenn ein willkürlich definierter Grenzwert nicht überschritten wird. Bis zum Grenzwert ist also die Einnahme leistungsfördernder Mittel erlaubt. Und zweitens: wenn man und frau sich nicht erwischen läßt. So einfach ist das. Das ist wie der Versicherungsbetrug im wirklichen Leben.

Ein Sport, der ganz besonders mit Doping in Verbindung gebracht wird, ist der Radsport. Und in der Tat lassen sich unzählige Beispiele aufführen, die den Einsatz leistungsstärkender Mittel nahelegen, so etwa der Sieg von Floyd Landis bei der diesjährigen Tour de France. Ein Kenner der Szene ist der ehemalige irische Radprofi Paul Kimmage, der selbst die Tour gefahren ist, aber nie selbst dopen wollte und deshalb 1990 vom schlecht bezahlten Domestiken zum Sportreporter umsattelte. Und dort machte er sich schnell unbeliebt, weil er in seinem Buch Rauhbeine rasiert ungeschönt aus der Dopingkultur des Radsports erzählte.

Sein diesen Herbst im Covadonga Verlag verlegtes Buch Tour de Farce nimmt diesen Faden wieder auf und beinhaltet ein sehr persönliches Tagebuch zur diesjährigen Tour de France. Skeptisch gegenüber den Beteuerungen, das Dopingproblem im Griff zu haben, beobachtet er die Fahrer, die Rennställe und die Funktionäre. Zwar geht auch er davon aus, daß diese Tour sauberer gewesen sei als die der Jahre zuvor. Aber woran liegt es? Es mag die Verunsicherung sein, die der Dopingskandal kurz vor der Tour hervorgebracht hat. Man weiß einfach nicht, wie weit die Kontrolleure gerade gehen, und hält sich vorsichtshalber zurück. Bis auf Floyd Landis, der gegen Dopingregel 2 verstoßen hat: sich nicht erwischen zu lassen.

Paul Kimmages Tour de Farce ist keinesfalls ein objektiver Bericht über das Massenspektakel nach dem Sommermärchen. Aber es gibt einen Einblick in die Szenerie, der jedoch nicht dabei stehen bleiben darf, über das Doping zu lamentieren. Was dem einen sein Mittelchen, ist dem anderen seine in den Apotheken erhältliche Stimulanz. Zwischen den Leistungsanforderungen auf dem Rennsattel und denen in den neoliberal durchorganisierten Büroetagen bestehen nur wenige Unterschiede. Ohne Doping hältst du das nicht durch. Das Problem ist also nicht das Doping, sondern es sind dessen kommerzielle Grundlagen. Und die gehören nun einmal zum Sport im 21. Jahrhundert notwendigerweise dazu.

Und deshalb geht es auch nicht um die Frage, ob man und frau für oder gegen Doping ist. Es geht darum zu erkennen, wie verrückt eine Welt ist, in der Arbeit, Leistung und Erfolg davon abhängen, ob man und frau zur rechten Zeit die geeigneten Mittelchen geschluckt, getrunken oder gespritzt hat. So gesehen, geht Paul Kimmage in seiner von berechtigtem Zorn durchtränkten Kritik nicht weit genug, aber er eröffnet denen, die sehen wollen, einen tiefen Einblick in eine sportpolitische Normalität. Sein Buch Tour de Farce ist im Covadonga Verlag zum Preis von 9 Euro 90 erschienen.

 

Touché

Besprechung von: Michael Schumacher, Süddeutsche Zeitung Edition 2006, 240 Seiten, € 24,90

Buchcover Michael SchumacherWechseln wir zum Schluß von zwei auf vier Räder. Neben dem Märchen, das uns die aufgeputschten Nationalkicker diesen Sommer bescherten, ist ein anderes Märchen nach vielen Jahren zuende gegangen. Michael Schumacher hat erkannt, daß es an der Zeit ist abzutreten, wo es noch am schönsten ist und wo er seinen Körper noch nicht damit quälen muß, gegen die Vergänglichkeit der Zeit anzukämpfen. Zwar war es ihm nicht vergönnt, zum achten Mal den Titel des besten Rundendrehers zu ergattern, aber seine letzte Showeinlage im brasilianischen Sao Paulo war eine vom feinsten. Zumindest für diejenigen, die sich für umweltschädigende Benzinschleudern begeistern können [wobei Benzin in der Formel Eins weniger die Rolle spielt, allenfalls als Kerosin beim Lufttransport des fliegenden Zirkus].

Zeit also auch für einen sehr persönlichen Band, der vor wenigen Tagen in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Es handelt sich um die offizielle und autorisierte Inside–Story zum Karriere-Ende, aufgeschrieben von Sabine Kehm und entscheidend beeinflußt vom Star selbst. Es ist kein Buch, das chronologisch Rennen für Rennen Revue passieren läßt, wie es etwa die zu Beginn der Sendung besprochene WM–Enzyklopädie von Hardy Grüne für den Fußball bietet. Aber es ist ein Buch, das Motivationen herausstreicht und das den Menschen Michael Schumacher auch einmal etwas anders darstellt. Ich muß zugeben, daß er mir durch die Lektüre trotz aller Distanz ein ganz klein wenig sympathischer geworden ist.

Wie soll man den Menschen Michael Schumacher beschreiben, der unter dem Helm steckt? Nein, er ist keine Maschine, obwohl es so aussieht, als fahre er im Takt der Maschine jede Runde mit absoluter Präzision gleich schnell. Was wir lesen können, ist die Story eines im Grunde recht gelassenen Rennfahrers, der zwar sehr genau weiß, was er will und zielstrebig darauf hinarbeitet, der aber auch einmal loslassen kann. Es menschelt also im Buch, und ich finde, es menschelt ein wenig zu viel.

In diesem Buch steckt dermaßen viel – vor allem familiäre – Harmonie, daß man und frau sich ernsthaft fragen muß: kann das wirklich so sein? Nun hat der Rennfahrer ein großes Problem. Er ist ein Star, und als solcher muß er sich verkaufen. So gesehen ist dieses Menscheln vielleicht der Versuch, etwas von sich preiszugeben, ohne wirklich etwas von sich preisgeben zu müssen. Das spricht nicht gegen Michael Schumacher und auch nicht gegen die Autorin, aber es wirkt doch ein wenig befremdlich.

Der Motorsport ist ebenso wie der Fußball und das Radfahren ein knallhartes Geschäft. Um gewinnen zu können, ist es unausweichlich, der Konkurrenz auch mit ganz so legalen Attacken das Leben schwer zu machen. Was den einen ihr Doping, ist den anderen ihre Karambolage. Michael Schumacher wurde schnell auch als Schummler geoutet, vor allem dann, wenn er seine Konkurrenten einfach von der Bahn zu kicken versuchte. Sabine Kehm drückt das diplomatisch so aus:

Damals in Jerez [1997] kollidierte Michael auch mit den Ansichten über und Verhaltensregeln in seinem Sport, die sich in den Jahren zuvor schleichend verändert hatten. Er hatte diese Veränderungen nicht wahrgenommen und verstand sie daher nicht. Auch daher wohl kam die Einsicht über den Vorfall mit Villeneuve so zögerlich. Schumacher war mit Zwischenfällen zwischen Prost und Senna oder auch Mansell aufgewachsen, die sich gegenseitig absichtlich in die Autos gefahren waren, um den anderen am Titelgewinn zu hindern. Damals wurden solche Aktionen als wahres Rennfahrertum gepriesen, und Beobachter schmunzelten allenfalls amüsiert. [9]

Was für ein seltsamer Sport! Aber irgendwie auch ehrlich. Konkurrenten werden nicht fair, sondern mit allen Mitteln ausgebremst. Sport als perfektes Spiegelbild einer durchgeknallten Welt. Doch ich wage zu bezweifeln, daß die "zögerliche" Einsicht tatsächlich nachhaltig war. In Monte Carlo war er jedenfalls wieder der alte Schumi von 1997, wenn auch diesmal ohne Crash.

Für die Fans von Michael Schumacher ist dieses Buch sicherlich irgendwie ein Muß. So manche, zum Teil sehr persönliche Fotos, runden den Band ab, der gewiß kein Jubelbuch ist, sondern durchaus die eine oder andere nachdenkliche Frage aufwirft. Eine dieser Fragen ist sicherlich, warum solch ein absurder Zirkus so gut bezahlt wird, daß Schumi mit einem einzigen Rennen wahrscheinlich mehrfach besser verdient hat als wir in unserem ganzen Leben.

Die Inside Story zu Michael Schumacher schrieb Sabine Kehm. Der Porträtierte trug zum Gelingen des Bandes genauso bei wie die ganzseitigen Bilder des Fotografen Michel Comte. Das – natürlich – mit einem weitgehend roten Einband versehene großformatige Buch hat 240 Seiten. Es ist in der Süddeutschen Zeitung zum Preis von 24 Euro 90 erhältlich.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit der Vorstellung einer Fußball–Enzyklopädie, der Geschichte des FC Bayern München, eines sehr persönlichen Tagebuchs zur Tour de France und einer Inside Story zu Michael Schumacher.

Diese Sendung wird, so die Technik mitspielt, in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23.00 Uhr, am Dienstagmorgen gegen viertel nach fünf, sowie am Dienstagmittag etwa gegen halb zwölf wiederholt. Es folgt nun eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Urs Siegenthaler ?

[2]   Mathias Bröckers : "Du Papa – wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden!", in: Telepolis vom 4. März 2005.

[3]   Hardy Grüne : Fußball WM Enzyklopädie, Seite 7

[3a]   Ausführlich hierzu: "FIFA erklärt Ergebnis des WM–Qualifikationsspiels Usbekistan–Bahrain für ungültig" auf www.sportgericht.de. Kurz zusammengefaßt: Schiedsrichter Yoshida entschied beim Stand von 1:0 für Usbekistan auf Elfmeter. Bei der erfolgreichen Verwertung lief ein Spieler Usbekistans zu früh in den Strafraum. Anstatt regelkonform den Elfmeter wiederholen zu lassen, entschied Yoshida auf indirekten Freistoß für Bahrain. Der Fußballverband Usbekistans legte Protest gegen die Wertung ein und wollte ein 3:0 am Grünen Tisch herausschinden. Die FIFA entschied auf einen technischen Regelverstoß und Wiederholung des Spiels. Dieses endete bekanntlich unentschieden, was Bahrain weiter half. Merke: Manche Schüsse gehen auch nach hinten los..

[4]   Grüne Seite 541

[5]   Die Transkription gibt das Gesprochene, soweit verständlich, wieder. Hierbei wurde Klinsmanns Schwäbischdeutsche Syntax geglättet, ohne den Sinn zu verändern. Eine inhaltliche Analyse des Sprachduktus würde die Methode deutlich machen, mit der Klinsmann seine Jungs verbal aufputscht.

[5a]   Ein aufmerksamer Leser hat mich auf meine Fehlinterpretation des Klinsmännischen Schwäbisch hingewiesen. Ursprünglich hatte ich diesen Satz nicht als "am Rand gehabt" interpretiert, sondern als "im Rhein-Neckar", was irgendwie keinen rechten Sinn ergibt.

[6]   Dietrich Schulze–Marmeling : Die Bayern, Seite 135

[7]   Schulze–Marmeling Seite 222

[8]   Schulze–Marmeling Seite 14

[9]   Michael Schumacher Seite 84

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 3. Mai 2008 aktualisiert.

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