Hausbesetzung in Darmstadt
Hausbesetzung in der Neckar­straße in Darmstadt am 3. Juni 2010.

Kapital – Verbrechen

Jeder Stein, der abgerissen, …

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 10. Dezember 2012, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 10./11. Dezember 2012, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 11. Dezember 2012, 04.00 bis 05.00 Uhr
Dienstag, 11. Dezember 2012, 10.00 bis 11.00 Uhr
Dienstag, 11. Dezember 2012, 16.00 bis 17.00 Uhr

Zusammenfassung:

Menschenhaut für Milliardäre, Sprechchöre für einen ausgeflippten Musiker, Freiheit auf der Todesliste des FBI, ein ehemaliger Panther im Knast, ein libertär angehauchter Sozialist, sowie kalter Beton, der nicht so recht brennen mag.

Besprochene Zeitschrift und Bücher:

Playlist:

Schimpfoniker : Jeder Stein, der abgerissen, …

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Die Menschenhaut des Kapitals 

Jingle Alltag und Geschichte

Zeitungsmeldung 1903Was hier als Schrulle exzentrischer US-amerikanischer Milliardäre berichtet wird, drückt gleichermaßen die Verachtung von Frauen wie einen eigentümlichen Rassismus aus, den nur weiße Herrenmenschen zu pflegen belieben. Diese von mir vorgetragene Meldung könnte durchaus auch heute im Feuilleton so mancher gutbürgerlichen Zeitung erscheinen, auch wenn der Inhalt ganz und gar nicht als politisch korrekt gilt. Indes – diese Meldung sollte dem provinziellen Bürgertum einer aufstrebenden südhessischen Kleinstadt beim Lesen einen leichten Schauder über den Rücken laufen lassen. Gefunden habe ich diese Meldung ganz unschuldig plaziert unter „Verschiedenes“, so als gäbe es hierzu keine ethische Haltung, in der Beilage zur „Darmstädter Zeitung“ am 3. Oktober 1903. [1]

Doch es war keine unschuldige Zeit. Längst hatten sich deutsche Antisemiten in einer Partei organisiert, die beim Publikum wohlgefällige Wahlerfolge feiern konnte. Und ausgerechnet in dieser Zeitung, die als Organ der hessischen Landesregierung keinen Unterschied zwischen Deutschen machte, egal ob sie der evangelischen, katholischen oder jüdischen Konfesssion angehörten, wurde zielstrebig gegen Zigeuner und die Sozialdemokratie gehetzt. Diese „Darmstädter Zeitung“ liegt als digitale Fundgrube des Gedankenguts der herrschenden Klassen auf dem Server der Universitäts- und Landes­bibliothek Darmstadt; und wer die mentalen Abgründe suchen möchte, die das deutsche Reich in den Ersten Weltkrieg führten, kann hier fündig werden.

Hier stehen kontemplative Betrachtungen über die Schönheit von höfischem Theater, Odenwälder Natur und Mathildenhöher Jugendstil­kunst neben der nackten Gewalt des deutschen Militarismus und Imperialismus. Wir lernen daraus: eine gutbürgerliche Stube mitsamt gottgefälliger Seele – und die Anlage zum Massenmord liegen dicht nebeneinander. Und aus Menschenhaut, aus Knochen und Haaren, wußten die Nachfahren der hier wohlfeil erschauderten Zeitungs­leserinnen und -leser recht nützliche Dinge herzustellen. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

Freaks unter sich

Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 5, Oktober / November 2012, 95 Seiten, € 9,50

Als der US-amerikanische Musiker Frank Zappa mit seiner Freakshow namens Mothers of Invention im Oktober 1968 in Berlin gastierte, statteten ihm Mitglieder der ganz anders freakigen Kommune I einen Besuch ab. Zappa, der in seinen Bühnenshows den Kritiker des konsumistischen Zeitgeistes mimte, logierte selbst­verständlich im angesagtesten Nobelhotel, dem Kempinski am Kurfürsten­damm. Der sich hieraus ergebende Widerspruch sollte Folgen für das anstehende Konzert haben. Wolfgang Kraushaar, der Chronist der bundes­republikanischen Protestbewegung der 50er und 60er Jahre, schreibt hierzu in der Oktoberausgabe von Mittelweg 36, der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung.

Nun handelt es sich bei seiner Darstellung quasi um den Abspann dieses Heftes, das sich schwerpunktmäßig mit der Soziologie öffentlicher Dienst­leistungen sowie populistischen Graswurzel­bewegungen zwischen Tea Party und Occupy in den USA befaßt. Und so interessant die hier vorgetragenen Einsichten auch sein mögen, so möchte ich mich hier auf den dreiseitigen Abspann konzentrieren.

Frank Zappa also, den die Medien gerne als Anarchisten bezeichnen, weil alles, was die gutbürgerlich einfältige Ordnung stört, einfach nur anarchistisch sein kann, sitzt in seiner Suite und hört sich eine Bitte der Kommunarden an; ob auch Frauen dabei waren, erzählt uns Wolfgang Kraushaar jedoch nicht, vermutlich ist es auch irrelevant, denn Frauen sind in jeder gutbürgerlichen Geschichts­darstellung ohnehin irrelevant.

Jedenfalls hört sich Zappa zu seinem Erstaunen die Bitte an, während seines abendlichen Konzertes die jugendlichen Männer und Frauen dazu aufzufordern, anschließend nach Moabit zu ziehen, um den dortigen Knast zu stürmen und einen Genossen aus den Fängen der Justiz zu befreien. Leider verrät uns Kraushaar nicht, um wen es sich handelt, zumal dies auch nicht wirklich etwas zur Sache tut. Es könnte sich eventuell um Karl-Heinz Pawla gehandelt haben, der in die bundesdeutsche Rechts­geschichte als derjenige eingegangen ist, der im September 1968 der politischen Justiz die Akten vollgeschissen hat. Vollkommen humorlos faßte Justitia den Sachverhalt in engstirnige Paragrafen und verknackte den Angeklagten zu zehn Monaten Gefängnis. In der Urteils­begründung hieß es dazu:

Hiernach hat sich der Angeklagte der Beleidigung des Amts­gerichtsrats Loch gemäß § 185 StGB in Tateinheit mit einem Vergehen nach § 133 StGB schuldig gemacht. Durch das Koten vor dem Zeugentisch hat er symbolisch den Anspruch des Gerichts und insbesondere des Gerichts­vorsitzenden Loch auf angemessene, der Würde eines Gerichts entsprechende Behandlung verletzt und dadurch seine Mißachtung bekundet (§ 185 StGB). Weiter hat er den Tatbestand eines Verwahrungsbruchs gemäß § 133 Abs. 1 StGB erfüllt … Dadurch, daß der Angeklagte acht Seiten aus dieser Akte herausriß, sich hiermit das Gesäß abwischte und diese Seiten mit seinem Kot beschmutzte, hat er die Akte beschädigt. […] Strafschärfend fiel … ins Gewicht, daß der Angeklagte durch die Tat eine Mißachtung gegenüber den Grundregeln jeglichen menschlichen Zusammenlebens und eine derart niedere Gesinnung gezeigt hat, die einem Menschen an sich nicht zuzutrauen ist. [2]

Cover Mittelweg 36Anderthalb Jahre zuvor erschoß der Westberliner Polizeibeamte Karl-Heinz Kurras den wehrlosen Studenten Benno Ohnesorg, während sich in der Berliner Oper der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz mit dem Schah von Persien und seiner Ehegattin Farah Diba verlustierte. Daß selbiger Schah ein übler Autokrat war, störte weder den Bürgermeister noch den Polizeibeamten, denn wo die Gewalt der herrschenden Kreise zusammen­arbeitet, da fallen auch einmal Schüsse, im Iran wie in Berlin. Selbstredend wurde Kurras für sein tapferes Verhalten von derselben Berliner Justiz freigesprochen, denn er handelte ja wie ein braver deutscher Staatsbürger­polizist. Von derlei feinem Geschmack sind diejenigen, die es dann gar nicht witzig finden, wenn der Aufruhr vor ihrem sittsamen Empfinden im Gerichtssaal keinen Respekt zeigt.

Frank Zappa lehnte das Ansinnen ab. Die Zeit sei nicht reif für eine wirkliche Revolution und überhaupt würde der Sturm auf die Berliner Bastille ohnehin nur zu noch mehr politischen Gefangenen führen. Dieter Kunzelmann und sein Gefolge zogen ab und schworen Rache. Das Konzert fand im Sportpalast an der Potsdamer Straße statt, dort, wo Joseph Goebbels 1943 den Einpeitscher des totalen Krieges gegeben hatte. Doch Sechstage­rennen und Rockkonzerte fanden schon seit Jahren wieder im Sportpalast statt, weshalb Frank Zappa wohl keinen Gedanken daran verschwendet haben mag, in welchem Ambiente er auftrat. Die Kommunarden wußten dies wohl eher. Und während Zappa seine Show abzog, brandeten Sprechchöre auf, die Bühne wurde beworfen und Zappas Gitarre trifft ein Ei. Das ist zuviel für den Musiker, der die Bühne fluchtartig verläßt. Doch zuvor zieht der Meister der Freakshow noch schnell den Schlachtruf der Berliner Demonstrantinnen und Demonstranten durch den Kakao und intoniert das „Ho Ho Ho Chi Minh“ als eine Art nazistischen Marsch.

Ob Wolfgang Kraushaar, der den Berliner Kommunarden Dieter Kunzelmann als Drahtzieher eines im Jahr 1969 versuchten Bomben­anschlags auf das dortige Jüdische Gemeindehaus [3] hinzustellen sucht, dieser Persiflage von Frank Zappa etwas abgewinnen kann, verrät er uns nicht. Ich halte es für durchaus möglich. Markus Mohr und Hartmut Rübner haben in ihrer Besprechung des in der Hamburger Edition herausgebrachten Buchs von Wolfgang Kraushaar über diese vom Verfassungs­schutz (jaja, wieder einmal der Verfassungs­schutz!) gelieferte Bombe angemerkt:

Und diese Personifizierung findet ihren funktionalen Ort in einer manichäischen Scheidung zwischen einer »guten« Linken, die nunmehr staatstragend geworden ist, und die mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung sozusagen auf Duzfuß steht, und der staats- und ordnungs­feindlichen Linken der 68er Jahre. Letztere hat ganz offenkundig im Historischen Prozeß verloren und spielt mittlerweile die Rolle des toten Hundes, auf den man ohne Risiko einschlagen kann. Dieses implizite Schwarz-Weiß-Schema verleiht dem vorliegenden Text auch den Ruch des Verlogenen.

Mittelweg 36 erscheint alle zwei Monate, das Einzelheft kostet 9 Euro 50, im Jahresabo 48 Euro.

 

Schwarze Staatsfeinde

Besprechung von : Mumia Abu-Jamal – We want freedom. Ein Leben in der Black Panther Party, Unrast Verlag 2012, 322 Seiten, € 18,00

Während Frank Zappa die künstlerische der politischen Freiheit der 68er vorzog, machte sich in den schwarzen Ghettos der USA eine kleine, radikale Gruppierung auf, die Welt zu verändern. Auf dem Campus eines kalifornischen Colleges begegneten sich Huey Newton und Bobby Seale, zwei afroamerikanische Studenten, die auf der Suche nach Mitteln und Wegen waren, die Verhältnisse in den USA zu ändern. Was als harmlose Debatte auf dem grünen Rasen begann, sollte sich zu einer der bedeutendsten Herausforderungen entwickeln, welcher die westliche Hegemonialmacht gegenüberstand. Um Huey Newton und Bobby Seale sammelte sich eine Gruppe unzufriedener Männer und Frauen, die der Bürgerrechts­bewegung wenig und den antikolonialen Kämpfen in den 60er Jahren recht viel abgewinnen konnten. Sie gründeten die Black Panther Party for Self-Defense mit der klaren Ansage, daß schwarze Männer und Frauen nicht länger bereit waren, den heimischen Rassisten auch die andere Wange hinzuhalten.

Der damals gerade 15 Jahre alt gewordene Mumia Abu-Jamal hörte im Ghetto von Philadelphia von dieser neuen Richtung schwarzen Selbst­bewußtseins. Er trat bald in die Partei ein und war für die Pressearbeit zuständig. Er entwickelte sein Talent, wurde später Journalist, mischte sich ein und wurde 1982 in einem Schauprozeß als angeblicher Polizistenmörder zum Tode verurteilt. In der Todeszelle begann er, Bücher zu schreiben, in denen er den Zustand der zutiefst rassistischen und menschen­verachtenden Politik der USA schonungslos beschrieb und analysierte. Vor acht Jahren veröffentlichte er seine Geschichte der Black Panther Party, eine Mischung aus theoretischer Reflexion und autobio­grafischen Einsprengseln. Dieses Buch ist dieses Jahr nach längerer Vorlaufzeit im Unrast Verlag auf Deutsch herausgekommen. Und es lohnt sich, es zu lesen.

Buchcover We want freedomAuch wenn die Black Panther Party, dem Zeitgeist entsprechend, als nationalistische schwarze militante Gruppierung im Herbst 1966 entstand, so entwickelte sie recht schnell ein weit darüber hinaus reichendes Selbst­verständnis. Anders als die Black Muslims war sie betont weltlich und anders als Martin Luther King predigte sie keinen Gewaltverzicht. Das soziale Elend der schwarzen Bevölkerung vor Augen verstand sie sich als sozialistisch, und sie trat zunächst, um dem Rassismus der weißen Mehrheit zu entgehen, für einen unabhängigen schwarzen Nationalstaat ein, entwickelte sich jedoch weiter zu einem auch andere Unterdrückte einschließenden Internationalismus. Wichtige Bezugspunkte waren das Buch „Die Verdammten dieser Erde“ des karibischen Revolutionärs und Arztes Frantz Fanon und die aufrüttelnden Reden des mitreißenden Agitators Malcolm X.

Und während der sozialwissen­schaftliche Mainstream des späten 20. Jahrhunderts die Black Panther Party als eine Anomalie in der US-amerikanischen Geschichte hinzustellen sucht, legt Mumia Abu-Jamal mit seinem Buch eine gänzlich andere Lesart vor. Die Black Panther Party war Teil einer schwarzen Widerstands­tradition, die mit den ersten Sklavenschiffen begann, sich über britischen äußeren und US-amerikanisch inneren Kolonialismus hinzog, von Revolten und Aufständen begleitet war, ohne daß das weiße Imperium seinen Herrschafts­anspruch aufzugeben bereit war. Wer nun denkt, mit einem schwarzen Präsidenten werde ein gänzlich anderes Zeichen eines weltoffeneren Amerika gesetzt, hat diese Geschichte nicht begriffen. Kein Wunder, daß Mumia Abu-Jamal sein Buch über die Black Panther Party programmatisch „We want freedom“ betitelt hat, denn es drückt nicht nur die Sehnsucht der 60er und 70er Jahre aus, sondern eine Notwendigkeit, die bis heute hinreicht.

Das Spannende an seinem Buch ist, wie er das Progressive, Emanzipatorische der Black Panther herausarbeitet, ohne mit Kritik zu sparen. Allein, es ist eine Kritik, die nicht der Sache, sondern der Umsetzung gilt, und es ist eine Kritik, die begreifbar zu machen sucht, weshalb die Black Panther Party nicht nur an ihren Ansprüchen, sondern auch an der Wirklichkeit gescheitert ist. Nichtsdesto­trotz sind die Black Panther auch heute noch in der schwarzen Community ein wichtiger Bezugspunkt, ebenso wie Malcolm X. Denn beide waren eben nicht bereit, die andere Wange hinzuhalten.

Huey Newton war nicht nur der theoretische Kopf der Partei, sondern auch die Inkarnation all der Hoffnung, die eine selbstbewußt agierende schwarze Minderheit benötigte. Er war kein großer Redner, wußte aber genau, wo das weiße Establishment dranzukriegen war. Im kalifornischen Gesetzbuch war eine legale Möglichkeit des Waffentragens vorgesehen, solange damit nicht provoziert und die Waffe offen getragen wurde. Als die Panther anfingen, Polizeistreifen zu verfolgen, von denen sie wußten, daß sie schwarze Männer und Frauen schikanieren würden, war das Geschrei groß. Es durfte nicht sein, daß Schwarze derart offen das weiße Gewaltmonopol infrage stellten.

Also sollte das Gesetz geändert werden. In einem Land, in dem die Waffenlobby dafür sorgt, daß der Schußwaffen­besitz nicht eingeschränkt wird, waren ausgerechnet die Black Panther das Ziel des Gesetzgebers. Deshalb machten die Panther von ihrem verfassungs­mäßigen Recht Gebrauch und besuchten das kaliformische Parlament, mit Waffen natürlich. Es muß ein wahres Vergnügen gewesen sein, wie die Abgeordneten sich unter den Tischen versteckten und laut riefen: Nicht schießen! Wo sie doch sonst kein Problem damit haben, wenn weiße Polizisten schwarze Männer und Frauen drangsalieren, zusammen­schlagen oder umbringen. Das sind die Bilder schwarzer Gewalt, die weiße Medien zu verbreiten halfen. Dabei war die Partei eines im Grunde sicherlich nicht: gewalttätig. Gewalttätig war hingegen das Imperium, als es zurückschlug.

Die Black Panther Party entwickelte sich weiter. Ihre soziale Basis war das Ghetto, und ihre wichtigste Arbeit bestand darin, schwarzen Kids ein Frühstück zu geben, schwarzen Männern und Frauen medizinische Versorgung, Kleidung, und vor allem Selbst­bewußtsein und Hoffnung. Der Erfolg der Organisation war überwältigend. Ortsgruppen der Partei entstanden überall im Land, schneller als es die junge Partei verkraften konnte. Und dann kam die Repression, und sie traf ins Mark.

Sie traf doppelt. Einerseits durch gezielte Tötungen, Verhaftungen unter faden­scheinigsten Vorwänden, Razzien, um die Infrastruktur der Partei zu zerschlagen, Verleumdung in den Medien und tagtägliche Schikanen. Huey Newton hatte als Parole ausgegeben, daß sich die Panther in ihrem öffentlichen Auftreten an geltende Gesetze zu halten hatten. Wurde ein junger Panther unter irgendeinem Vorwand angehalten und berief sich auf das Gesetz, wurde er ausgelacht, verprügelt und eingesperrt. Während sich die rassistische Polizei so brutal wie immer verhielt, ging das FBI einen Schritt weiter. Mit einem Spezialprogramm begann sie, einzelne Panther, einzelne Ortsgruppen, ja die ganze Organisation gegeneinander auszuspielen. Wie war das möglich? Nun, sie hatte den wunden Punkt gefunden, das schwarze Ego.

Mumia Abu-Jamal begreift das ganz richtig: auch und gerade die Unterdrückten sind nicht frei von den Verletzungen, die ihnen das System angetan hat, und sie verhalten sich so. Menschen, die innerhalb der Partei aufstiegen und wichtige Positionen übernahmen, erhielten eine Macht, die ihnen das System systematisch vorenthielt. So manche konnten der Versuchung nicht widerstehen. Die damit verbundenen Eitelkeieten machte sich das FBI durch gezielte Verleumdungen zunutze. Die Organisation, zudem geschwächt durch die schon genannten willkürlichen Verhaftungen und Tötungen wichtiger Kader, zerfiel.

Daß das keine Verschwörungs­theorie ist, ist seit Jahrzehnten bekannt. Durch freigegebene Dokumente ist erwiesen, wie das FBI (und andere Dienstetellen) mit dem Cointelpro-Programm gezielt jeden noch so kleinen schwarzen Widerstand im Keim zu ersticken suchte. Und doch will Mumia Abu-Jamal nicht darüber lamentieren. Denn die Gewalt der herrschenden Klasse, und das ist hier insbesondere weiße, rassistische, Polizeigewalt durchzieht die Geschichte. Und vor allem ist es wichtig zu begreifen, daß diese Gewalt deshalb so erfolgreich war, weil die Bewegung nicht darauf vorbereitet war, wie abgrundtief gewalttätig das Imperium unter Verletzung eigener Rechtsnormen zuschlagen würde. Weißes Klassenrecht gilt eben nicht für alle. Die Operation flog durch einen Einbruch in einen Lagerraum des FBI 1971 auf.

Und während Mumia Abu-Jamal analytisch klar und mit Anekdoten aus seinem Leben gewürzt die Geschichte der Black Panther vor uns ausbreitet, ist die deutsche Übersetzung zuweilen derart haarsträubend, daß ich mich frage, wie eine Übersetzerin, die ja auch sonst Literatur aus den USA zugänglich macht, beispielsweise aus dem Untersuchungsausschuß, das die Praktiken US-amerikanischer Geheimdienste in den 70er Jahren aufdeckte und das unter der Leitung eines demokratischen Senators namens Frank Church stand, eine Kirchenkommission machen konnte. [4]

Fehlerteufeleien

Während die Kirchenkommission als Übertragung des Church Committee einfach nur peinlich ist, zeigen weitere Übersetzungs­ungenauigkeiten, daß die Übersetzerin es an der Sorgfalt hat mangeln lassen. Merkwürdig finde ich es dann, wenn weder Herausgeberin und Herausgeber der deutschen Ausgabe, Annette und Michael Schiffmann, noch der Verlag darüber gestolpert sind. Während große Verlage am Lektorat aus Kostengründen sparen – erst recht, wenn ihnen die von ihnen verlegten Bücher egal sind, Hauoptsache, sie sind profitabel –, erwarte ich von kleinen, ambitionierten Verlagen vermutlich zu viel (Selbst­ausbeutung), nämlich daß sie die Texte ihrer Autoren und Übersetzerinnen noch einmal genau gegenlesen.

Auf Seite 143, aber auch andernorts, finden wir die algerische Hauptstadt nicht auf Deutsch als Algier, sondern im englischen Original als Algiers wieder, obwohl auf Seite 143, wie ebenso andernorts, auch die korrekte Form steht. Auf Seite 155 erscheint der damalige US-Justizminister John Mitchell „und er sprach nicht nur leere Drohung aus.“ Ob Huey Newton auf Seite 272 „dem Druck und dem Stress, eine internationale Organisation zu leiten und zu verwalten, nicht gewachsen war“, oder doch eher eine internationalistische Organisation gemeint ist, vermag ich aufgrund des mir nicht vorliegendem Originals nicht zu entscheiden. Auf Seite 315 „erlitt die BPP später dasselbe Schicksal wie die BPP“; hier geht wenigstens aus dem Zusammenhang hervor, daß die Young Lords Party gemeint sein muß.

Auf Seite 93 setzt Mumia Abu-Jamal voraus, daß seine Leserinnen und Leser den Mechanismus kennen, wie im US-amerikanischen Profi-Football neue Spieler auf die verschiedenen Teams verteilt werden. Um so etwas wie Chancen­gleichheit in der gesamten Liga herzustellen, darf der im Vorjahr am schlechtesten plazierte Klub sich als erster den (vermeintlich) besten neuen – vom College- bzw. Hochschul-Football herkommenden – Spieler aussuchen, dann folgt der zweit­schlechteste des Vorjahres usw. Insofern ergibt folgende Übersetzung keinen rechten Sinn: „Ein junger Mann namens O.J. Simpson war eben zur Nummer Eins der National Football League von Buffalo ernannt worden …“. Richtiger hätte es heißen müssen, daß die Buffalo Bills in der sogenannten Draft Simpson als ersten Spieler (wie der Begriff auch besagt) „gezogen“ hatten. Ich gebe zu, das muß eine deutsche Übersetzerin nicht wirklich wissen; andererseits ist American Football ein wichtiger Bestandteil der Brot-und-Spiele-Kultur in den USA.

Die Black Panther Party war keine Männer­organisation im klassischen Sinne, auch wenn Machismus weit verbreitet war. Dennoch gab es hierüber ein Problem­bewußtsein. Natürlich waren viele Frauen in den sozialen Programmen der Partei aktiv. Aber sie verteilten genauso Flugblätter, trugen Waffen und hatten Leitungspositionen inne. Unbestreitbar, so Mumia Abu-Jamal,

gab die Black Panther Party […] den Frauen […] weit mehr Führungs- und Einfluss­möglichkeiten als irgendeine andere weiße oder schwarze radikale Formation in dieser Zeit. [5]

Vom weißen Establishment ganz zu schweigen. Diesen Frauen widmet der Autor ein eigenes Kapitel. Sie waren nicht Anhängsel männlicher Egos; und ohne sie wäre die Partei nicht das geworden, was sie war – der radikale, notwendige, inter­nationalistische Widerspruch zum american way of life. Das Buch von Mumia Abu-Jamal „We want freedom“ aus dem Unrast Verlag umfaßt 327 Seiten und kostet 18 Euro.

 

Symbol der Unnachgiebigkeit

Besprechung von : Mumia Abu-Jamal. Der Kampf gegen die Todesstrafe und für die Freiheit der politischen Gefangenen, Laika Verlag 2011, 272 Seiten, plus DVD, € 24,90

Von Mumia Abu-Jamal zu reden, heißt Eulen nach Athen zu tragen. Wenn die Black Panther den afroamerikanischen Widerstand der 60er und 70er Jahre symbolisieren, so steht der Kampf für Mumias Freiheit stellvertretend für den Kampf gegen die Todesstrafe und die Freiheit der politischen Gefangenen in den USA. Denn es geht eben nicht nur Mumia. Der Native American Leonard Peltier sitzt seit über drei Jahrzehnten mit einer konstruierten Anklage (und daraus erfolgter Aburteilung) im Knast, und Dutzende schwarzer, puerto­ricanerischer, anderer, ja sogar radikale weiße Aktivistinnen und Aktivisten sind Gefangene des Imperiums.

Buchcover Mumia Abu-JamalAn Mumia zeigt sich nicht nur die Hartnäckigkeit, mit der das weiße Establishment an einem offenkundig rassistisch motivierten und auch inhaltlich unhaltbaren Urteil festhält, sondern vor allem die Sprengkraft des Kampfes um sein Leben und seine Freiheit. Der irrational erscheinende Zug, jemanden auf Teufel komm raus im Knast zu behalten, wenn man ihn schon nicht umbringen kann, besitzt seine Rationalität in der Aufrechterhaltung von Rassismus und Gewalt, ja der gesamten kapitalistisch-patriarchalen Ordnung.

Mumia Abu-Jamal war als Journalist tätig. Er berichtete über die allgegen­wärtige Polizei­brutalität in Philadelphia, der Stadt der brüderlichen Liebe. Und Philadelphia war und ist in dieser Hinsicht selbst für US-amerikanische Verhältnisse ein besonders übles Nest. Eine andere schwarze Gruppe, MOVE, politisch bewußte Aussteiger aus der Karikatur einer Demokratie, wurde zum besonderen Ziel polizeilicher Gewalt. Im Hagel von Polizeikugeln und beim Abfackeln eines ganzen Stadtviertels durch die Polizei starben mehrere MOVE-Mitglieder, andere landeten im Knast. Mumia verlieh ihnen seine Stimme. Kein Wunder, daß er, zumal ehemaliger Black Panther, ins lokale Polizeiprogramm aufgenommen wurde, um ihn, wie es schön­färberisch heißt, zu „neutralisieren“.

In der Bibliothek des Widerstands aus dem Laika Verlag ist im vergangenen Jahr ein Buch über diesen seit 1982 im Knast sitzenden Aktivisten herausgekommen. Es erzählt, noch einmal, die Geschichte seiner Verhaftung, seiner Verurteilung, des Kampfes gegen seine legale Ermordung. Es läßt aber vor allem die Stimmen zu Wort kommen, die mit dafür sorgen, daß der Kampf gegen die Todesstrafe in den USA weltweit geführt wird. Diese Buch vermittelt zudem ein wenig von der hystisch aufgeladenen Stimmung des weißen Establishments, das den „Nigger“ unbedingt „gegrillt“ haben will, wie es der verurteilende Richter Alfred Sabo einmal geäußert haben soll.

Das Todesurteil wurde nach fast dreißigjährigem Kampf in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt. Nun geht es darum, Mumia Abu-Jamal freizubekommen. Ob durch ein neues Verfahren, wie es sein Anwalt mit viel Unterstützung versucht, oder durch politischen Druck auf das bigotte Amerika, aber wer soll ihn ausüben?

Dem Buch liegt eine DVD mit drei Filmen bei. Vor anderthalb Jahrzehnten produzierten Jule Buerjes und Heike Kleffner den Film Hinter diesen Mauern, der damals für ein deutsches Publikum erstmalig den Fall visuell ausrollte. 2007 drehte Marc Evans mit Will Francome und Katie Greene den Dokumentarfilm In Prison My Whole Life. Während der in den 90ern entstandene Videofilm eher trocken, aber eindringlich ist, ist „In Prison My Whole Life“ eine mitunter abgedrehte, aber immer ernste Produktion, die zeigt, wie man und frau heute eine fesselnde politische Dokumentation erstellen kann. Ein knapp halbstündiger Sonderschnitt für die „Bibliothek des Widerstands“ aus dem Jahr 2011 vervollständigt die DVD. „Mumia Abu-Jamal. Der Kampf gegen die Todesstrafe und für die Freiheit der politischen Gefangenen“ aus dem Laika Verlag kostet mit seinen 272 Seiten als Hardcover 24 Euro 90.

Interview mit Karl-Heinz Dellwo

Herausgegeben wird die Buchreihe „Bibliothek des Widerstands“ von Willy Baer und Karl-Heinz Dellwo. Dieses ambitionierte Projekt soll einmal rund einhundert Bände umfassen. Auf der Frankfurter Buchmesse sprach ich im Oktober mit Karl-Heinz Dellwo über den Verlag, die Buchreihe und wichtige Neuerscheinungen.

Das Interview kann mit neben stehendem Player angehört oder über das Audioportal des Bundesverbandes Freier Radios angehört bzw. heruntergeladen werden.

 

Schüsse auf den aufrechten Gang

Besprechung von: Helmut Reinicke – Rudi Dutschke. Aufrecht gehen – 1968 und der libertäre Kommunismus, Laika Verlag 2012, 320 Seiten, 2 DVDs, € 29,90

Karl-Heinz Dellwo, mit dem ich in Frankfurt vor zwei Monaten sprach, hat einige der Bücher erwähnt, die er aus verschiedenen Gründen wichtig fand herauszugeben. Ich möchte hier auf zwei davon näher eingehen, und zwar auf den Band über Rudi Dutschke und den ersten Band der geplanten Häuserkampf-Trilogie.

Buchcover Rudi DutschkeRudi Dutschke, Jahrgang 1940, wuchs in der DDR auf. Als er sich weigerte, seinen Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee abzuleisten, wurde ihm das Studium verweigert, und so ging er in den Westen Berlins, was bis zum Mauerbau noch möglich war. Seine pazifistische Einstellung war christlich geprägt, nicht zuletzt durch seine Lektüre marxistischer Literatur wurde er zum Sozialisten. Berlin war durch seine Lage als anti­kommunistisches Bollwerk nicht nur besonders exponiert, sondern auch anfällig für die Rebellion, die da kommen sollte. Rudi Dutschke sollte hierbei eine zentrale Rolle spielen. Nun ist es nicht so, daß er sich dazu berufen fühlte, als Redner und Theoretiker der Studenten­bewegung Tiefenschärfe zu verleihen. Manchmal ist es einfach so, daß dir richtigen Menschen zur rechten Zeit am rechten Ort auftauchen, um den Gang der Ereignisse zu verändern. Ob es eine Black Panther Party auch dann gegeben hätte, wären sich Huey Newton und Bobby Seale nicht begegnet?

Helmut Reinicke, der in den 60er Jahren auch die US-amerikanische Bürgerrechts­bewegung kennengelernt hatte, gibt uns in seinem Buch einen etwas anderen Einblick in den Revolutionär Rudi Dutschke. Während aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung die Stimmen ertönen, die in Dutschke den Wegbereiter eines westdeutschen Terrorismus sehen, kann Reinicke ohne derlei ideologische Projektionen auskommen. Rudi Dutschke ist zunächst einmal ein Mensch, der radikal danach strebt, die Verhältnisse zu verstehen, und, weil er sie versteht, sie auch zu verändern. Er weiß darum, daß revolutionäre Praxis ohne Theorie nicht auskommt, er weiß aber auch, daß eine Theorie nur durch die Praxis Wirklichkeit wird. Die direkten Interventionen der Westberliner studentischen Intelligenz sind das Mittel, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Und der bürgerliche Staat mitsamt seiner sozial­demokratischen Politiker, konservativen Medien und reaktionären Polizei – tanzt. [6]

Wenn es ein Ereignis gegeben hat, das die damals noch junge Bundesrepublik verändert hat, dann ist es der Mord an Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967. Wo in den USA Geheimdienste und Polizeieinheiten jedes Aufbegehren brutalstmöglich zu zerschlagen suchten, fand auch der bundesdeutsche Apparat seine Mittel und Wege. Wenn es überhaupt sinnvoll ist, von Terrorismus zu sprechen, dann ist der 2. Juni 1967 in Berlin der Tag, an dem eine reaktionäre Polizei sozial­demokratischen Politikern dabei half, daß ein repressiver Autokrat schöne Stunden in der Oper verbringen konnte. Kultur und Gewalt sind – wie ich anläßlich der Verwendung menschlicher Haut schon angemerkt habe – oft näher beieinander, als man und frau glauben mag. Die verkrusteten Strukturen des Nachkriegs­deutschland zeigten aber auch eine gewisse Unbeholfenheit der herrschenden Klasse, mit der Herausforderung umzugehen, die nicht nur mehr Demokratie wagen, sondern sie sogar leben wollte.

Rudi Dutschke, mittendrin, war ein Sprachrohr dieser Bewegung. Es waren keine Parolen, die er von sich gab, sondern theoretisch durchdachte Aussagen zum Verhältnis von Konsum­gesellschaft, Polizeigewalt, antikolonialen Befreiungs­kriegen und, im Anschluß an Herbert Marcuse, repressiver Toleranz. Helmut Reinicke zeigt uns in seiner Darstellung einen Menschen, der sozialistische Dogmen verabscheute und statt dessen mit libertärem Einschlag versuchte, Marx und den Marxismus neu zu entdecken und zu interpretieren. Heute, viereinhalb Jahrzehnte später, mag uns dieser Aufbruch von '68 immer fremder erscheinen, zumal sein Erbe durch den Marsch durch die Institutionen und die grüne Euphorie in Mißkredit geraten ist. Insofern ist es sinnvoll, sich noch einmal darauf zu besinnen, was die Kulturrevolution [7] der 60er Jahre wollte und, vor allem, was nicht.

Der beliebige Konsum einer hedonistischen Warenwelt verspricht zwar, aber enthält keine Befreiung und nicht einmal Befriedigung. Er ist leer, aber kostbar. In der analytischen Reflexion finden wir bei Rudi Dutschke hierzu klare Aussagen, Aussagen, hinter die keine emanzipatorische Bewegung zurückfallen sollte, wie überhaupt die 68er Bewegung manch brauchbare Bausteine hinterlassen hat. Auch diesem Band sind mehrere auf zwei DVDs verteilte Filme beigegeben. Drei recht verschiedene Porträts des durch und durch politischen Menschen Rudi Dutschke werden ergänzt durch ein im deutschen Fernsehen 1967 ausgestrahltes Gespräch mit Günter Gaus, in dem Rudi Dutschke die Gelegenheit nutzt, im argumentativen Diskurs sein Anliegen und das einer ganzen Generation vorzutragen. Der Band umfaßt 320 Seiten und kostet 29 Euro 90.

 

Kalter Beton brennt ganz schlecht

Besprechung von : Wolf Wetzel (Red.) – Häuserkampf I. Wir wollen alles – der Beginn einer Bewegung, Laika Verlag 2012, 296 Seiten, 3 DVDs, € 29,90

Die Studentenbewegung war nur in ihrem Kern eine intellektuelle Herausforderung. Viele Jugendliche schlossen sich ihr an, weil sie die verkrusteten bundes­deutschen Verhältnisse und ihre Lügen satt hatten. Die 60er Jahre waren überall auf der Welt Jahre des Aufbruchs und der Revolte, aber nur in Deutschland mit seiner tausend­jährigen Geschichte konnte eine derartige Bewegung so fundamental an die Grenzen der Verlogenheit stoßen. Und während in den Seminaren und auf Teach-ins gestritten und auf der Straße demonstriert wurde, zog es die Jugend aus ihren muffigen Familien in die Freiheit. Was als Kommunen begann, breitete sich als Wohn­gemeinschaften aus, allein, es fehlte nicht nur an Wohnungen, sondern auch an willigen Vermieterinnen und Vermietern. Zudem standen Häuser leer, meist als Spekulations­objekte, die darauf warteten, abgerissen und durch etwas Häßlicheres ersetzt zu werden.

Buchcover Häuserkampf IIm Frankfurter Westend sollte ein gutbürgerliches Viertel dem Beton von Banken und Bürotürmen weichen. Dagegen regte sich Widerstand, der frei stehende Wohnraum wurde besetzt. Was folgte, war das übliche, wenn die Politik den Profit zu schützen hat: Polizeieinsätze, Polizeigewalt, und die Zerstörung preisgünstigen Wohnraums. Die Politisierung der Wohnungsfrage führte zur Infragestellung des bürgerlichen Eigentums, und das ist ein No-Go im Kapitalismus.

Der deutsche Herbst der 70er Jahre mündete in einer Art Friedhofsruhe, aus der eine neue Rebellion entstand. In Gorleben wurde die Republik Freies Wendland gegründet und in Freiburg und Nürnberg Häuser besetzt. Beide Städte erlangten eine zweifelhafte Berühmtheit, Freiburg als Polizeiburg und Nürnberg durch die systematische Mißachtung rechtsstaatlicher Normen. Der Häuserkampf war um das Jahr 1980 herum das politische Thema, denn an der Berechtigung, leer stehenden oder besser: leer stehen gelassenen Wohnraum denen zu geben, die ihn benötigten, konnte kein vernünftiger Zweifel bestehen. Und wenn es Zweifel gab, dann wurden die üblichen Rambomethoden durchdekliniert.

Dem im Interview angesprochenen Buch über den Häuserkampf der 70er und frühen 80er Jahre liegen gleich DVDs mit umfangreichem Filmmaterial bei. Wir erleben, wie sich die jugendliche Protestkultur vor dreißig Jahren gefühlt haben muß, als sie auf die bewaffnete Staatsmacht traf. Selbst wenn sich Ohnmacht ausbreitete, so sparte sie nicht mit Witz und Verstand. Mehrere hundert besetzte Häuser in Berlin und West­deutschland zeigten, daß die Friedhofsruhe vorbei war. Der Kampf um Befreiung fand auf den Straßen und in den besetzten Häusern statt.

Doch wenn es einen Ort gegeben haben mag, in dem alles anfängt, dann gewiß dort, wo keine und niemand es zu erwarten gewagt hätte, nämlich in der spießig-braven Schweiz, in der Bankenmetropole Zürich. Zwar ist der Film „Züri brännt“ inzwischen auch auf YouTube vorzufinden, doch es lohnt sich durchaus auch heute, diesen ungemein lyrischen Film in besserer Auflösung auf größeren Bildschirmen zu betrachten. Zürich spiegelte ein damals weit verbreitetes Lebensgefühl wieder, die Eiseskälte einer zubetonierten Gesellschaft. Und whrend die Schweizer Jugendlichen keine Ort, kein Jugendhaus, nichts vorfanden, wo sie der Langeweile des bürgerlichen geldorientierten und konsumistischen Alltags hätten entfliehen können, bewilligte die Stadt ihrer gutsituierten Elite für den Ausbau des Opernhauses weitere 60 Millionen Franken. Das kam nicht gut an, und es knallte. Züri brannte. Gummigeschosse und Giftgas beherrschten die Schauplätze der Repression.

Ich sprach von Witz. Wer wissen will, was Kommunikationsguerilla wirklich bedeuten kann, schaue sich an, wie zwei Jugendliche, als Herr und Frau Müller verkleidet, in einer Fernsehdiskussion den herrschenden Dialog, der damals wie heute ein Dialüg war, nicht nur entlarven konnte, sondern die sonst so wortgewaltigen Vertreterinnen und Vertreter der herrschenden Klasse sprachlos werden ließen. Frei nach Karl Marx spielten sie den Verhältnissen ihre eigene Melodie vor [8]. Großartig.

Cover SchimpfonikerDer erste Band zum Häuserkampf mit dem programmatischen Untertitel „Wir wollen alles“ ist ebenfalls vor kurzem im Laika Verlag erschienen; 296 Seiten führen uns in eine Welt des Traums vom besseren Leben in einer kalten Welt. Es mag keine Folie für uns heute sein, wie wir uns angemessenen, günstigen Wohnraum erstreiten können, aber eine Anregung. Der Band kostet 29 Euro 90.

Auch im kleinen, beschaulichen Tübingen war die Bewegung nicht untätig. Davon handelt das Lied [9], mit der ich meine heutige Folge der Kapital – Verbrechen abschließe. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Quelle: Digitale Sammlungen der ULB Darmstadt, cc-BY-NC-SA.

»» [2]   Spiegel Nr. 43, 21.10.1968, Seite 24, [online]

»» [3]   Vergleiche hierzu meine Sendung, mitsamt Buch­besprechung, Antisemitische Bomben vom 23. Januar 2006.

»» [4]   Mumia Abu-Jamal : We want freedom, deutsche Übersetzung, Seite 170. Wurde hier eine computergenerierte Rohübersetzung nicht überarbeitet?

»» [5]   Abu-Jamal Seite 205.

»» [6]   Karl Marx : „Man muß jede Sphäre der deutschen Gesellschaft als die partie honteuse [den Schandfleck] der deutschen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechts­philosophie. Einleitung, in: MEW, Band 1, Seite 378–381, Zitat auf Seite 381, [online].

»» [7]   Hier ist nicht die chinesische Kulturrevolution gemeint.

»» [8]   Vergleiche Anmerkung 6.

»» [9]   Text und Musik André Schnisa. Produziert von der Rock-gegen-Rechts Musikerinitiative Tübingen und der Fachschaftsräte-VV der Ernst-Bloch-Universität Tübingen. Produziert kurz nach der Räumung des Schimpfecks am 20. Mai 1981. Auch erschienen auf der Schwoißfuaß-LP Mir suchad jetzt dr Dialog (1982). Zu Schwoißfuaß und André Schnisa siehe den Artikel von Jürgen Hornschuh für Germanrock.


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