Kapital – Verbrechen

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SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
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Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 11. November 2002, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 12. November 2002, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 12. November 2002, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 12. November 2002, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Nicholas Reeves : Echnaton, Verlag Philipp von Zabern
  • Sahar Khalifa : Der Feigenkaktus, Unionsverlag
  • Mona Yahia : Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom, Eichborn Verlag
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Echnaton
Kapitel 3 : Emanzipation in Palästina
Kapitel 4 : Jüdisches Leben im Irak
Kapitel 5 : Veranstaltungshinweise
Kapitel 6 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Während George Dubya Bush noch nach Anlässen sucht, den Irak anzugreifen, benötigt sein Kumpel Wladimir Putin in Tschetschenien keinen mehr. Es wird wie gewohnt gemordet, geplündert und zerstört, so als wolle Putin der Welt zeigen, wie ein demokratisch verfaßter Staat mit seinen Feinden umzugehen habe. Es ist ja auch ein Irrtum zu glauben, daß Demokratien friedfertiger seien als autoritäre oder diktatorische Herrschaften. Die Geschichte der USA lehrt uns ja das Gegenteil.

Doch um auf Putin zurückzukommen. Wie ihr euch sicher erinnern werdet, hat der russische Präsident im September 2001 die Bundesrepublik besucht, um sich von den Angeordneten des Deutschen Bundestages feiern zu lassen. Dabei wurde natürlich auch seiner klaren und gnadenlosen Politik in und gegen Tschetschenien applaudiert. Zwei dieser bezahlten Claqueure kommen aus Darmstadt – Walter Hoffmann von der SPD und Andreas Storm von der CDU. [1]

Und so komme ich zu einem neuen festen Bestandteil meiner Sendungen – ich will diesen Bestandteil einfach mein ceterum censeo nennen. Und da ich ja nicht so tun will, als wüßten die Gebildeten dieser Welt alles besser, sage ich noch ein paar Worte dazu. Im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, lange nach dem für die Römer siegreichen 2. Punischen Krieg gegen Karthago [218–201], ergriff der Legende nach der römische Senator Marcus Porcius Cato bei jeder Sitzung des Senats das Wort. Er sagte die berühmten Worte: ceterum censeo Carthaginem esse delendam. Oder auf Deutsch: ich beantrage, daß Karthago zerstört werden soll. [2] Nun beantrage ich keine Gewaltmaßnahmen, schon gar nicht gegen die Claqueure der Gewalt und des Terrors. Doch ich finde, der Anstand verlangt es, daß beide Herren daraus ihre Konsequenzen zu ziehen haben. Und da diese Sendung heute die Suche zum Thema hat, muß ich sagen, diesen Anstand suche ich hier offensichtlich vergebens. Hätte mich ja auch gewundert.

So bleibt mir nichts anderes übrig als festzuhalten, daß der internationale Terrorismus des neoliberalen Kapitalismus auch eine Basis in Darmstadt hat. Doch das möchte ich heute nicht vertiefen.

Auf der Frankfurter Buchmesse im letzten Monat ist mir ein interessantes Buch zur ägyptischen Geschichte in die Hand gefallen. Es handelt von der Zeit des sogenannten Ketzerkönigs Echnaton im 14. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Das Interessante an diesem Buch ist der Versuch, die mit Echnatons Herrschaft verbundene religiöse Umgestaltung des ägyptischen Lebens mit rein profanen Herrschaftsinteressen zu begründen. Ob dies dem Autor Nicholas Reeves gelungen ist, erfahrt ihr in meinem ersten Beitrag.

Die palästinensische Autorin Sahar Khalifa setzt sich seit drei Jahrzehnten nicht nur mit der israelischen Besatzungspolitik literarisch auseinander, sondern fragt vor allem danach, welche Auswirkungen diese Politik auf die palästinensische Gesellschaft selbst hat. Dabei vergißt sie nicht, auch danach zu fragen, wie emanzipatorisch ihre eigene Gesellschaft ist, und das bemißt sie aus gutem Grund an der Emanzipation der palästinensischen Frauen. Ihr 1976 erschienener Roman Der Feigenkaktus behandelt die 70er Jahre, weist aber schon auf die heutige Misere hin. Ihr Buch wurde dieses Jahr neu aufgelegt; für mich Grund, es nach Jahren noch einmal zu lesen. Und es lohnt sich. Davon handelt mein zweiter Beitrag.

Und zuletzt möchte ich das Buch von Mona Yahia mit dem Titel Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom vorstellen. Obwohl es ein Roman ist, behandelt Mona Yahia ein Thema, das ungewöhnlicher kaum sein kann, nämlich das Schicksal der irakischen Jüdinnen und Juden Mitte des 20. Jahrhunderts.

Drei politische Veranstaltungshinweise werde ich zum Schluß der Sendung geben. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl.

 

Echnaton

Besprechung von : Nicholas Reeves – Echnaton, Verlag Philipp von Zabern 2002, € 29,00

König Echnaton, auch gräzisiert Amenophis IV. genannt, regierte in den Jahren zwischen 1360 und 1330 unserer Zeitrechnung, wahrscheinlich 17 Jahre lang. Genauere Regierungsdaten sind schwer anzugeben; und jede neue Interpretation bekannter Fakten kann das ganze chronologische Gerüst des Vorderen Orients im 2. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung durcheinander bringen. Darauf werde ich noch kurz zurückkommen.

Die Suche nach der Wahrheit ist oft mit Stolpersteinen versehen. Im Falle Echnatons liegen die Stolpersteine am Rande des Nil, genauer gesagt: an den Rändern der Sahara bzw. rechts des Nils in der Wüste zwischen Nil und Rotem Meer. Denn Echnatons neue Hauptstadt mit dem poetischen Namen Horizont der Sonnenscheibe wurde bald nach seinem Tod aufgegeben und sein Name wenig später aus allen Steindenkmälern getilgt. Echnaton – der Ketzerkönig; Echnaton, der Pharao, der es gewagt hat, die Priesterschaft des Amun herauszufordern.

Bevor Ober– und Unterägypten vor etwa 5000 Jahren durch militärische Gewalt vereint wurden, bestand das Land nicht nur aus vielen Gaufürstentümern, sondern auch aus mindestens genausovielen Göttinnen und Göttern, denen als lokale Götter absolute Macht zugesprochen wurde. Erst im Verlauf mehrerer Jahrhunderte, ja eigentlich sogar, anderthalb Jahrtausende, konnten die mit den Götterkulten verbundene Priesterschaft zwei Götter als Hauptgötter durchsetzen: den Sonnengott Re im Norden und den eher dunklen Gott Amun im südlichen Theben.

Aus Theben jedoch kamen die Herrscher der 18. Dynastie, welche die Eroberer Nordägyptens, die aus Vorderasien stammenden Hyksos im 16. Jahrhundert vertrieben und somit Ägypten wieder vereint hatten. Amun bekam dadurch und vor allem durch königliche Schenkungen und einem gebührenden Anteil an der Kriegsbeute immer mehr Bedeutung; und seine Priesterschaft immer mehr Macht. Nicholas Reeves, der den Sonnenkult Echnatons aus einem Machtkampf zwischen Priesterschaft und Pharaonen herleitet, sieht das so:

Für die Amun–Priesterschaft scheint aber trotz all ihres Erfolgs der Weg zur Vorherrschaft im ganzen Land keine abgemachte Sache gewesen zu sein. Der Hauptrivale Amuns in der religiösen Machtverteilung war zu dieser Zeit der alte Kult des Sonnengottes Re in Heliopolis, dessen Einfluß und ehrwürdiges Alter die aus dem Süden durch die Annahme eines Doppelnamens für ihren Gott, nämlich Amun–Re, anerkannt hatten (d.h. sich nutzbar zu machen, versucht hatten.) Der Gott [Amun] wurde zunehmend mehr in dieser solaren Manifestation verehrt. Diese thebanische Verschmelzung der beiden Hauptgottheiten des Landes […] hatte ihren tieferen Grund im Bemühen – vielleicht getragen von politischen als auch religiösen Überlegungen –, die beiden alten, rivalisierenden Stämme von Ober– und Unterägypten unter einem einzigen Banner zu einen. Die Antwort der heliopolitanischen Priesterschaft war eine Art Gegen–Theologie, die alle anderen Götter an Re assimilierte. […] Sicherlich war auch die königliche Familie selbst nicht frei von jeglichem regionalem Vorurteil: Zusammengesetzt aus Mitgliedern vom Norden, vom Süden sowie praktisch jedem Punkt dazwischen, spielte die geographische Herkunft zwangsläufig eine Rolle, wenn es um politisch–religiöse Sympathien ging. [3]

Wir sehen daraus, daß Religionspolitik schon im sogenannten Neuen Reich der ägyptischen Pharaonen eine wesentliche Rolle spielte; und wir können daraus schließen, daß auch die ägyptischen Pharaonen religiös waren, nur welchem Gott sie ihre Sympathien schenkten, war offen. Das heißt aber auch, daß sie durchaus in der Lage waren, die Manipulation der Gottheiten und Religion für politische Zwecke zu erkennen und auch anzuwenden. Dieser Gedanke ist für das Verständnis der Argumentation von Nicholas Reeves über den Ketzerkönig Echnaton fundamental.

Nach dem Tod des vierten Pharaos der 18. Dynastie zu Beginn des 15. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung trat nämlich für das patriarchale Ägypten sozusagen der Super–GAU ein: die Hauptfrau dieses Pharaos überließ den Thron nicht dem rechtmäßigen Erben, nämlich dem Sohn einer Nebenfrau, sondern bestieg selbst den Thron. Mehr noch: sie wagte es, als männlicher Pharao inthronisiert und abgebildet zu werden. Ihr Name: Hatschepsut. Zwar gab es hierfür in der ägyptischen Geschichte Präzedenzfälle, nämlich wenn eine Königin bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes als Regentin herrschte. Doch das Schockierende war, daß Hatschepsut sich auch formell zum Pharao ernannte. Diese Amtsanmaßung konnte nur mit Unterstützung der Amun–Priesterschaft gelingen, welche in Hatschepsut die ideale Mentorin für den Ausbau der priesterlichen Macht sah. Sicher war es kein Zufall, daß Hatschepsut die Hohepriesterin des Amun–Tempels von Theben war.

Nicholas Reeves' Argumentation besteht nun darin, daß die Nachfolger der Hatschepsut versuchten, den Einfluß der Amun–Priesterschaft zurückzudrängen, die sozusagen zum Staat im Staate geworden waren. Es ging also darum, die weltliche Macht zu stärken – durch Kriegszüge wuchs ein stehendes Heer, welches als treue Machtbasis dienen konnte. Mehrere Pharaonen arbeiteten langsam, aber geduldig daran, die Macht der Pharaonen abzusichern, bis es eben Echnaton war, der den radikalen Bruch mit der Amun–Priesterschaft vollzog. Er fühlte sich stark genug, seinen religiösen Träumen von der Sonnenscheibe Aton ein politisches Fundament zu verleihen. Es war zwar nicht das erste Mal in der ägyptischen Geschichte, daß ein Pharao eine neue Hauptstadt erbauen ließ, aber es gab darin ein Muster – weg von den lästigen Priestern, weg von den korrupten Bürokraten am Hofe, weg von möglichen Meuchelmördern und Intriganten. Die Lösung lag sozusagen in der Mitte Ägyptens. In einem unbebauten Tal am Rande des Nil entstand die Hauptstadt Achet–Aton, der Horizont der Sonnenscheibe.

Das Problem der Argumentation von Nicholas Reeves ist, daß er mit Analogien und Assoziationen arbeitet, um eine bewußte, sich über ein Jahrhundert vollziehende, Politik des schleichenden Machtentzugs der Amun–Priesterschaft zu begründen. Fakten dafür gibt es offensichtlich wenige. Aber gerade in der Interpretation dieser wenigen Fakten liegen sowohl Chancen für neue weiterführende Ansätze wie auch Fallstricke. Hier wäre es auf jeden Fall sinnvoll gewesen, das Verhältnis von Religion, Priesterschaft und weltlicher Herrschaft genauer zu beleuchten.

Doch sein Ansatz kann auch neues Licht in die Herrschaft Echnatons bringen. So weisen die vorhandenen Inschriften und Dokumente darauf hin, daß seine Gemahlin Nofretete im 13. Jahr seiner Herrschaft in Ungnade gefallen sein könnte. Statt dessen erscheint ein neuer Mitregent namens Semenchkare. Nicholas Reeves, und das ist der überzeugendste Teil seines Buches über Echnaton, weist nach, daß Nofretete und Semenchkare einunddieselbe Person gewesen müssen. Nofretete verschwand also nicht, sondern wurde fast gleichberechtigte Mitregentin.

Aber noch eine andere seltsame Geschichte bekommt durch Reeves einen neuen Sinn. Nach dem Tode eines Pharaos – und hier sind sich Ägyptologinnen und Ägyptologen überhaupt nicht einig –, nämlich entweder Echnatons oder seines Nachfolgers Tutanchamun, schreibt die Witwe des Pharao an den Hethiterkönig und bittet um einen seiner Söhne als Gemahl. Auch hier könnte Reeves' Interpretation Folgen haben. Wenn nämlich Nofretete alias Semenchkare die Witwe gewesen ist, hat dies Folgen für die vorderasiatische Chronologie.

Weniger überzeugend ist hingegen Reeves' Interpretation des nun wirklich seltsamen und in seiner Abstraktheit einmaligen Kunststils der sogenannten Amarna–Zeit. Amarna ist der heutige Name von Achet–Aton. Noch in den 50er Jahren beschrieb der deutsche Ägyptologe Walther Wolf den Stil der Amarna–Kunst als von kranker Häßlichkeit und nervöser Dekadenz geprägt. Genetische Defekte, seltsame Krankheiten und ähnliches wurden Echnaton und seinen Verwandten nachgesagt. Wahrscheinlich ist die Wahrheit viel profaner: ein neuer religiöser Übergang, der komplette Bruch mit Priesterschaft, Hauptstadt und Glaubensvorstellungen, hat möglicherweise auch ein radikal neues Kunstverständnis hervorgerufen. Doch Nicholas Reeves macht hier eine seltene Krankheit aus. Hier rächt sich die mangelnde Analyse des Zusammenhangs von Religion, Politik und Gesellschaft.

Dennoch ist es ein interessantes und anregendes Buch, das bestimmte Aspekte der ägyptischen Geschichte, Religion und Macht neu zu beleuchten versteht. Doch leider hat die Übersetzerin des Buches, die Ägyptologin Brigitte Jaroš–Deckert, dem Leser und der Leserin so manche Nuß zu knacken mit auf den Weg gegeben.

Nun ist es sicher sinnvoll, ein solches Buch von einer Fachfrau übersetzen zu lassen. Doch heutzutage muß gespart werden, manchmal eben an der falschen Stelle. Nicht nur die in der Übersetzung durchscheinenden Anglizismen erheitern zuweilen. Nein, manchmal ist offensichtlich bei der Endlektorierung die eine oder andere Rohübersetzung übersehen worden, vermutlich, weil das Buch vor Druckbeginn nicht noch einmal gegengelesen wurde. Hier wäre zuweilen die Hilfe einer englischen Muttersprachlerin sinnvoll gewesen. Denn was soll ich mit einem Satz anfangen, der heißt?:

Die Ausgräber der Waseda–Universität [aus Tokio] fingen dort an, wo Howard Carter aufgehört hatte, und begannen vorsichtig durchzusieben, was die Bergungsteams weggeworfen hatten. Hier nun, bei sorgfältiger Durchsicht dieser vielen hundert kleingehackten Fragmente, ein sogar noch größerer Schatz als jener von Tutanchamun zu entdecken sein. [4]

Ja, sorgfältige Durchsicht wäre wahrschlich nicht schlecht gewesen. Der folgende Textausschnitt ist auch nicht schlecht und beweist einfach, daß eine Rohübersetzung abgeliefert wurde:

Die Jahre imperialen Stillstandes unter Hatschepsut hatten … gestattet, es dem Königreich von Mitanni seinen eigenen Einflußbereich in diesen Gebieten aufzubauen. [5]

Ich habe ja schon viel Unsinn gelesen, aber so etwas erinnert mich dann doch an das Programm von Radio Darmstadt, wie es im Oktober [2002] im Vorhang Auf abgedruckt war. [5a]

Doch leider bleibt es nicht dabei. Die Übersetzerin mag ja absolut kompetent sein, was die ägyptische Geschichte und die Schreibweise ägyptischer Namen betrifft, auch wenn beim Namen des Königs Thutmosis das th an der falschen Stelle steht. Weniger kompetent ist ihre Übertragung von englisch geschriebenen Namen aus dem übrigen Vorderen Orient. Sie hätte sich hier vielleicht doch auf eine Variante einigen sollen. Der hethitische Konsonant š wird zwar in der Literatur mal als s und mal als sch wiedergegeben – offensichtlich sind sich die Forscherinnen und Forscher nicht ganz einig, wie er denn wirklich ausgesprochen wurde. Aber übertragen werden sollte er immer nur als eine Variante pro Buch oder Fachartikel. Bei Frau Jaroš–Deckert gibt es hier gleich drei; und zwei davon sogar in ein– und demselben Satz. [6]

Nachtrag für die Internetausgabe des Sendemanuskripts:

Der Unsinn erreicht einen gewissen Höhepunkt, wenn es heißt:

Der Text erzählt, wie der König schon als Knabe (»a puppy«) zum Nachfolger seines Vaters gewählt wurde […]. [7]

Mir liegt zwar nicht der englische Originaltext von Nicholas Reeves vor. Aber ich gehe doch recht in der Annahme, daß Reeves den Begriff des altägyptischen Textes ins Englische als puppy übertragen hat – und die deutsche Übersetzung hätte hier so etwas wie Welpe oder Kleinkind liefern müssen. Brigitte Jaroš–Deckert als Ägyptologin hätte im Zweifelsfall doch einfach im altägyptischen Original nachschauen können, um die entsprechende deutsche Übertragung zu finden. Genau diese Arbeit einer kompetenten Übersetzerin ist jedoch unterlassen worden – Schlamperei?

Mich ärgert so etwas. Deshalb:

Das finde ich dann doch übertrieben. Hier rächt sich dann die Sparsamkeit, die allerdings durchaus kapitalismusimmanente Gründe hat. Die Zeiten sind einfach vorbei, wo sorgfältig lektoriert und übersetzt wurde. Der Kostendruck hat auch vor renommierten Fachverlagen nicht Halt gemacht – und ein solcher ist der Verlag Philipp von Zabern. Die Leserinnen und Leser dürfen es dann ausbaden und sich auf die Suche nach dem Sinn machen. Schlonz wird somit zum Wirtschaftsprinzip erhoben – und in der Tat finden wir diesen Schlonz auch überall in Wirtschaft und Verwaltung wieder. Mitunter sogar auf diesem Sender; obwohl dieser Schlonz mir ein absolutes Greuel ist. Schlonz – nichts anderes bedeutet ja der Begriff deutsche Wertarbeit, made in Germany.

Das trotz der angesprochenen Problematiken durchaus anregende Buch über Echnaton ist im Verlag Philipp von Zabern erschienen und kostet 29 Euro.

 

Emanzipation in Palästina

Besprechung von : Sahar Khalifa – Der Feigenkaktus, Unionsverlag, Neuauflage 2002, € 8,90

Von ganz anderer Qualität ist der 1976 im arabischen Original erschienene Roman Der Feigenkaktus von Sahar Khalifa. Nablus, Westjordanland, Anfang der 70er Jahre. Usama, der einige Jahre in den Ölstaaten gearbeitet hat, kehrt nach Hause zurück. Schon am israelischen Grenzposten wird er unfreundlich empfangen. Was willst du hier? Soll ja vorkommen, daß Menschen dorthin zurückkehren wollen, wo ihre Familie lebt.

Doch beim Grenzübertritt wird er mit einer neuen Realität konfrontiert. Die Menschen des arabischen Teils Palästinas arrangieren sich mit der israelischen Besatzung. Sie werden schikaniert und nennen die Besatzer Effendi. Sie rauchen israelische Zigaretten, essen israelischen Reis und zahlen brav ihre sogenannten Schutzabgaben. Und sie arbeiten in Israels Fabriken und Werkstätten. Usama starrt wütend in die stumpfen Augen seines Taxifahrers, der ihn nach Nablus bringt.

Was ist geschehen mit diesen Leuten? Hat das die Besetzung aus ihnen gemacht? Wo ist der Geist des Aufbegehrens? Wo ist der Widerstand? [8]

Nun, in Sahar Khalifas Feigenkaktus werden wir noch auf diesen Widerstand stoßen. Doch Sahar Khalifa versinkt nicht in Heldenromantik. Nein – noch glaubt sie an die Möglichkeit eines binationalen Staates. Noch glaubt sie an die Möglichkeit der Verbrüderung der Arbeiterinnen und Arbeiter aus Israel und aus Palästina. Obwohl es ihr schwer fällt. Denn die Leiharbeit in Israel hat ihre Tücken – für Palästinenser natürlich. Als Abu Sabers Finger bei einem Arbeitsunfall abgetrennt werden, hat er Pech, denn er hat keine Arbeitserlaubnis. Keine Arbeitserlaubnis, keine Entschädigung. Sohdi, ein anderer Arbeiter erbost:

Sie haben ihm die Hilfe verweigert. Kannst du das glauben? Er hat nämlich ohne [Vermittlung übers Arbeitsamt] gearbeitet. Er hat die Abzüge umgehen wollen. Für die Sozialversicherung, von der wir doch nie was haben. Für den Gewerkschaftsbeitrag. Und für die Staatsversicherung.

Der aus dem Exil zurückgekehrte und mit den seltsamen Gebräuchen der israelischen Besatzung noch nicht vertraute Usama fragt erstaunt:

Staatsversicherung?
Ja, mein Lieber. Staatsversicherung, damit du im Kriegsfall verteidigt wirst. Und diese Abgabe, guter Freund, ist eine Befreiungsabgabe, wenn dir das nicht klar sein sollte. Du befindest dich gegenwärtig in den befreiten Gebieten. Oder hast du das nicht gehört, wie Radio Israel das im Jahr 67 verbreitet hat? Du bist befreit, mein Lieber. [9]

Und so arbeiten Israelis und Palästinenser einträchtig nebeneinander in der Werkstatt. Der eine verdient als Ungelernter natürlich mindestens doppelt so viel wie sein Kollege. Von sauberen Pausenräumen und Fahrtkostenerstattung mal ganz zu schweigen. Doch was wirklich nervt, was die vermeintlichen ausgebeuteten Brüder dennoch aneinandergeraten läßt, ist das unterschwellige Ressentiment. So wie in deutschen Fabriken sogenannte Gastarbeiter mit allen unfreundlichen Begriffen des ganz normalen Rassismus belegt werden, so sagt Bruder Israeli zum Bruder Palästinenser wiederholt dreckiger Araber und denkt sich nichts dabei und wundert sich dann, einen Schraubenzieher im Bauch vorzufinden. Und – sind die Israelis jetzt die Bösen?

Nein, Sahar Khalifa sieht das nicht so, jedenfalls nicht in diesem manichäischen Schwarz–Weiß. Sie beschreibt nämlich in ihrem Roman die palästinensische Gesellschaft. Sie legt Verlogenheit, Habgier und unreflektierte Männergewalt schonungslos offen. Die Besatzung mag zwar demoralisierend gewirkt haben; aber sie erklärt nicht die Dumpfheit und den allgegenwärtigen Patriarchalismus der palästinensischen Gesellschaft. In ihrem 1997 erschienenen Roman Das Erbe faßt sie geradezu bilanzartig diese Implosion dieser Gesellschaft zusammen. Ernüchternd. Keine Helden. Schon gar keine gegen Israel, wie sich das so manche wohl wünschen. Doch Sahar Khalifa ist parteiisch. Sie steht nämlich auf der Seite einer sich selbst befreienden palästinensischen Gesellschaft, vor allem aber auf der Seite der arabischen, der palästinensischen Frauen. Emanzipation – bisher kaum. Denn auch das ist das Erbe[10]

Doch worum geht es eigentlich im Feigenkaktus? Neben der schonungslosen Offenlegung der Dumm– und Dumpfheit, welche durch ihre Charaktere verkörpert werden, ist es die Geschichte, der Entwicklungsprozeß mehrerer Menschen, die auf der Suche nach so etwas wie Sinn sind. Mögen die einen an eine Form von Verbrüderung mit ihren israelischen Brüdern und Schwestern glauben, arbeiten Mitglieder derselben Familie an Terrorakten und Anschlägen, die an Dummheit nichts zu wünschen übrig lassen. Wer in Israel arbeitet, ist Kollaborateur. Also wird ein Bus mit Wanderarbeitern mit Handgranaten und Maschinenpistolen angegriffen. Der Zerfall der palästinensischen Familie wird greifbar, wenn sich ihre Mitglieder im eigenen Kugelhagel gegenüberstehen und entscheiden müssen, auf welcher Seite sie eigentlich stehen. Aber ist die palästinensische Seite, die palästinensische Sache wirklich die Befreiung? Zweifel sind angesagt. Und so sucht Sahar Khalifa nach den Wurzeln, nach den Ursachen der Misere.

Über allem wacht der Patriarch der Familie, der von allen Familienmitgliedern angelogen wird und sich gleichzeitig als wichtiger Würdenträger gibt. Er will seine Tochter standesgemäß verheiraten, doch sie liebt einen anderen. Er will, daß sein Sohn etwas lernt, doch der verschreibt sich lieber dem Untergrund. Er will leben, doch seine Niere hängt an einem verfluchten Apparat. Gibt es einen Ausweg? Sahar Khalifa verknüpft das palästinensische Drama mit dem dieser Familie. Und vergißt dabei die israelischen Besatzer nicht.

Sahar Khalifa ist nicht nur Schriftstellerin, sondern hat in den USA ihren Doktor der Philosophie für Literatur und Frauenstudien gemacht. Mit 18 wurde sie verheiratet, nach 13 Jahren Ehe verließ sie ihren Mann 1972. Seither schreibt sie, engagiert sich aber auch gezielt für die Frauen in den besetzten Gebieten. 1998 faßte sie in einem Interview ihren Standpunkt so zusammen:

Ich glaube nicht, daß irgendwer oder irgendeine über die palästinensische Gesellschaft so geschrieben hat wie ich das tue. Keine und niemand hat diese Gesellschaft so seziert wie ich. […] Ich sehe keine und niemanden, welche die palästinensische Gesellschaft zutreffend beschrieben hat, und schon gar nicht so schonungslos wie ich das tue. Meine Geschichten gelten in mehreren Ländern als Referenzpunkt für die Frage, was geht ab in Palästina. […] Als eine Schriftstellerin war ich in der Lage, mich wirklich einzugraben in die verschiedensten Aspekte der palästinensischen Gesellschaft. Wenige Männer können das, denn wenn du in einen Spiegel schaust, willst du nicht sehen, wie häßlich du bist. Du willst die Dimension nicht wahrhaben. Männer sind einfach nicht gewohnt, einen klaren Blick auf Dinge zu werfen, die ihren Stolz verletzen könnten. [11]

Und so besteht Sahar Khalifa auch auf einen feministischen Blick. Der Blick als Frau, um dazu beizutragen, an der Emanzipation vor allem von Frauen mitzuwirken. Daher gilt ihr Plädoyer nicht nur dem Widerstand gegen die israelische Besatzung, sondern mindestens genauso hartnäckig fordert sie die Reform der eigenen. Und es sei widersinnig, sagt sie, den Westen wegen seiner Ausbeutermentalität anzuklagen und die Ausbeutung in der eigenen Gesellschaft, ja in der eigenen Familie zu verschweigen.

Sahar Khalifa gilt zurecht als eine der bedeutendsten Stimmen der arabischen Welt. Ihr Erstlingsroman Der Feigenkaktus wurde vor kurzem im Schweizer Unionsverlag neu aufgelegt; das Taschenbuch kostet 8 Euro 90.

 

Jüdisches Leben im Irak

Besprechung von : Mona Yahia – Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom, Eichborn Verlag 2002, € 22,00

Der israelisch–arabische Konflikt prägt auch den Roman Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom von Mona Yahia. Nur sind hier die Rollen vertauscht. Mona Yahia verbindet die Geschichte und das Leben der Jüdinnen und Juden des Irak mit der Familiengeschichte der pubertierenden Hauptfigur – Lina.

Nach Ende des 1. Weltkriegs wurde das Osmanische Reich von den Siegern in handliche Stücke zerlegt. Neben der Türkei wurde der Nahe Osten zwischen Briten, Franzosen und der saudischen Königsfamilie aufgeteilt. Der Irak wurde 1920 britisches Mandatsgebiet; sie setzten einen König ein. Nun hatte die britische Oberhoheit durchaus Folgen – zudem positive für die jüdische Bevölkerung, die etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung Bagdads ausmachte. Es gab keine Diskriminierung mehr und Juden, die sich als Araber und Irakis fühlten. Goldene Zeiten, möchte man und frau meinen, doch die endeten bald. Die Briten entließen den Irak 1932 in die Unabhängigkeit; und der Irak, ein Drittweltland, entwickelte nicht nur seinen eigenen Nationalismus, sondern auch eine Putsch– und Militärkultur. 1941 war die Stimmung reif für das erste Pogrom. Einer der Lehrer Linas hat alles miterlebt.

Plünderung, Vergewaltigung, Verwüstung und Mord sind die universelle Sprache der Pogrome. Wegen ihres dürftigen Vokabulars beschränkt sie sich nicht auf Uniformen, Alter oder Geschlecht. Die jüdischen Viertel von Bagdad wurden von irakischen Soldaten, von Stammesangehörigen und Städtern, von wütenden Männern, Frauen und Kindern angegriffen. Innerhalb von zwei Tagen hatten sie Hunderte von Juden ermordet [… Doch ihrem Lehrer] und seiner Familie geschah nichts. In ihrem gemischten Viertel war es nicht zu Feindseligkeiten gekommen. Im Gegenteil, moslemische Familien hatten ihnen Zuflucht angeboten. Und die britische Armee war schließlich doch nicht so weit weg gewesen, wie sich herausstellte. Sie stand vor den Außenbezirken der Stadt und hatte Befehl, sich nicht einzumischen. [12]

Vergessen wir nicht, daß die Alliierten die Nazis ganz gewiß nicht wegen der Vernichtung von Jüdinnen und Juden bekämpft hatten. Kriegsziele waren ganz andere. – Und mit der Gründung des Staates Israel 1948 änderte sich auch für die jüdische Bevölkerung des Irak so ziemlich alles. Entlassungen, Diskriminierungen und ausschließende Quotenregelungen folgten. Jüdische Verschwörungen wurden aufgedeckt, also erfunden, und abgeurteilt. Doch dann gab es wieder Phasen angeblicher Toleranz. Jüdinnen und Juden wurde erlaubt, das Land zu verlassen; ihr Besitz wurde selbstverständlich eingefroren und einkassiert.

Und irgendwann wird Lina geboren und erzählt ihre eigene Geschichte. Nicht mehr vom Hörensagen, sondern selbst Erlebtes. Sie geht zur Schule und muß drei Alphabete auswendig lernen – arabisch, hebräisch und englisch. Sie wird älter und bewußter und ihre Begeisterung für den Irak und seine Menschen nimmt ab. Der Sechstagekrieg 1967 bringt weitere Repressionen. Wenn schon die arabischen Armeen nicht siegen können, dann doch zumindest der Mob in Bagdad. Verführte Massen? Kann man und frau zu Pogromen und Lynchjustiz verführt werden? Wieviel Niedertracht ist nötig, um das eigene Gewissen auszuschalten? Nicht nur in Bagdad, sondern auch bezüglich Tschetscheniens?

Und so wird es Zeit zu gehen. Doch die Ausreise ist offiziell nicht gestattet. Also sickern einzelne Familien über die kurdischen Berge in den Iran. Der Schah, ausgerechnet der Schah, erteilt seinen Grenzposten strikte Anweisung, jüdische Emigrantinnen und Emigranten aufzunehmen und sicher in den Iran zu geleiten. Der diktatorisch regierende Monarch des Iran ist der beste Freund Israels; natürlich nicht uneigennützig. Er wirft seine begehrlichen Blicke auf die Ölfelder des Nachbarlandes.

Und so fängt Lina an, Widerstand zu leisten. Gegen die hohlen Phrasen von Patriotismus, Ehre und Heimatland setzt sie … das Vergessen. Sie verlernt systematisch die arabische Sprache. So etwas Skurriles und gleichfalls Stringentes kann nur Jugendlichen einfallen, die auf ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens in einer völlig sinnlosen und absurden Welt leben. Lina erhält fürs nächste Schuljahr neue Schulbücher, herausgegeben vom Erziehungsministerium. Sie blättert die patriotischen Geschichten ihres Lesebuchs durch und denkt:

Historische Heimatländer, fruchtbare Heimatländer, betrogene Heimatländer und wiedereroberte Heimatländer. Ich finde sechsundachtzig, verteilt auf die Seiten eins bis 192. Wer braucht schon sechsundachtzig Heimatländer – alle in einem Buch? Ich beginne, das Heimatland auf Seite eins auszuradieren, vorsichtig, damit das Papier nicht reißt. […] Mein erstes Heimatland ist auf dem Weg in die Vergessenheit. Wer hat behauptet, das gedruckte Wort sei unsterblich? Die Neutralität der leeren Stellen besänftigt mich. Ob der Beamte, der die jüdischen Namen aus dem Telefonbuch entfernt hat, wohl die gleiche Befriedigung empfand? [13]

Doch reicht das? Nein –

Bewaffnet mit einem halben Dutzend Radiergummis, mache ich mich wieder über das Lesebuch her und radiere jedes Wort aus, das Heimatland wachruft oder es mit Heldentum, Tapferkeit, hoher Gesinnung, Ehre, Glaube, Tugendhaftigkeit, Martyrium, Mutterschaft, Männlichkeit, Brüderlichkeit, Leben, Freiheit, Blut, Schönheit, Ergebenheit, Seele und Ruhm in Verbindung bringt. [14]

Das Schriftbild bricht zusammen.

Sätze werden ständig von langen Schweigeblöcken unterbrochen, die ihrerseits durch Kommata und Punkte unterteilt sind und das Schweigen zu einer Reihe kurzer Pausen machen.
Nur die Seitenzahlen sind noch intakt, weisen auf einen Ablauf hin, der keinen Sinn mehr ergibt. Endlich ist es mir gelungen, Arabisch zum Stottern zu bringen. [15]

Als nächstes kommt das Wörterbuch dran. Lina betreibt aktives Vergessen:

Ich schlage das Wörterbuch auf und entwickle ein systematisches Programm zum Verlernen des Arabischen. Es besteht aus achtundzwanzig Schritten, die den achtundzwanzig Buchstaben unseres Alphabets entsprechen. Bei jedem Schritt werde ich jedes Wort, das mit einem bestimmten Buchstaben anfängt, aus meinem Vokabular tilgen, mündlich und schriftlich. Das Programm wird mit dem ersten Buchstaben beginnen und Buchstabe für Buchstabe fortgesetzt werden, bis zum letzten. Ich hoffe, daß wir bis dahin das Land verlassen haben, sonst müßte ich dem Arabischen einen immerwährenden Streik erklären. [16]

Natürlich fällt das ihren Mitschülerinnen und Freunden auf. Ihre kunstvollen Umschreibungen aktiv vergessener Wörter bringen die Schulklasse zum Lachen. Doch sie ist absolut konsequent, sogar auf der Flucht, als ihr Tarnname mit einem vergessenen Buchstaben beginnt. Der wird dann nicht mit ausgesprochen. Diese und andere skurrile, aber durchaus realistische Episoden machen den besonderen Reiz des Buches von Mona Yahia aus.

Vielleicht sollten wir nach der Lektüre des Buches darüber nachdenken, wie weit wir die Untergebenen eines Diktators wie Saddam Hussein verklären dürfen. Es sind ganz normale Menschen mit den üblichen Gewaltphantasien und anderen Schwachsinnigkeiten, die ja auch unser Leben hier begleiten. Natürlich kein Grund für die USA, das Land anzugreifen, dessen Diktator sie noch in den 80er Jahren hofiert haben.

Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom von Mona Yahia ist im Eichborn Verlag erschienen und kostet 22 Euro.

 

 

Veranstaltungshinweise

Jingle Alltag und Geschichte –

zum Schluß noch drei Veranstaltungshinweise für diese Woche in Darmstadt.

Am Dienstagabend um 19 Uhr findet eine Informationsveranstaltung zur wirtschaftspolitischen Aufgabe des Hartz–Reformkonzepts statt. Veranstalter sind das Internationale Bündnis gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Rassismus, die gewerkschaftliche Arbeitsloseninitiative GALIDA sowie ver.di Südhessen. Ver.di Südhessen lehnt im Gegensatz zu anderen gewerkschaftlichen Gremien und auch im Gegensatz zur ver.di–Spitze das Hartz–Konzept entschieden ab.

Die Hartz–Kommission der Bundesregierung verspricht, die Arbeitslosigkeit bis 2005 zu halbieren. Damit dieses Ziel nicht bloße Ankündigung bleibt, wird der Druck auf Beschäftigte und Erwerbslose massiv erhöht. Wie das geschehen soll und worin die Absichten, die mit diesem Konzept verfolgt werden, bestehen, habe ich ja schon in einigen meiner montäglichen Sendungen ansatzweise beleuchtet. Fest steht: Den vier Millionen offiziell Arbeitslosen plus den drei Millionen, die in den Statistiken schon gar nicht mehr auftauchen, stehen heute nur rund 500.000 offene Stellen gegenüber; und bei manchen dieser Stellen ist bis heute nicht klar, ob sie nicht nur im virtuellen Raum des Arbeitsamtscomputers existieren.

Doch diese Lücke ist für Hartz und seine Kommission kein Thema, weil es ihnen ja gar nicht um die Arbeitslosen, sondern in der Tat um die Arbeitslosigkeit geht. Denn die beabsichtigte und durch die rot–grüne Koalition gezielt genutzte Wirkung von Hartz ist ein weiterer Abbau von Sozialleistungen und sozialen Standards. Ähnliches wird ja parallel auch mit der sogenannten Reform des Gesundheitswesens versucht. Hierbei sind sich die Neoliberalen von Rot und Grün durchaus einig.

Die Informationsveranstaltung zum Hartz–Konzept und zu Möglichkeiten der Gegenwehr findet am Dienstagabend [12.11.2002] um 19 Uhr im DGB–Haus in der Rheinstraße 50 statt; und zwar im Hans Böckler–Saal.

Um Antisemitismus geht es im Vortrag von Detlef Claussen am Donnerstagabend. Claussens Grundannahme, die er in seinem Vortrag Gibt es einen neuen Antisemitismus? zugrunde legen wird, lautet, es existiert ein prinzipieller Zusammenhang zwischen der in die Moderne führenden Aufklärung und dem Antisemitismus. Antisemitismus wird dabei als eine psychosoziale Funktion des Kapitalismus theoretisiert. Die zunehmende Vergesellschaftung über den Markt erzeugt einen Leidensdruck unter den von der Marktlogik be– und getroffenen Menschen. Deren Unzufriedenheit soll jedoch kanalisiert werden – der gute Kapitalismus soll von einem angeblich schlechten und bösen unterschieden werden, welchen nach dieser Logik die Juden repräsentieren.

Hierbei betont Detlev Claussen besonders den Wechsel innerhalb der judophoben Motivationen zwischen vorbürgerlicher und moderner Gesellschaft. Der zunächst christliche Judenhaß wechselt seinen Charakter in der säkularisierten Moderne. Seinen Ausdruck findet dieser Wechsel und der ideologische Charakter des Ressentiments im Antisemitismus, der – nachdem die meisten jüdischen Menschen Europas in den deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden – auch ohne Juden an seiner Macht nichts eingebüßt hat. Somit kann es nicht verwundern, wenn immer wieder und an den verschiedensten Stellen antisemitische Äußerungen gemacht werden. Eine schlichte Zuschreibung antisemitischer Ausfälligkeiten ins rechtsradikale Lager verschleiert sowohl die unterschwellig vorhandene Verbreitung als auch die Notwendigkeit antijüdischer Ressentiments für die ganz normale bürgerlich Gesellschaft.

Der Vortrag von Detlef Claussen beginnt am Donnerstag, den 14. November [2002], um 19 Uhr in Raum 25 des alten Hauptgebäudes der Technischen Universität Darmstadt in der Hochschulstraße 1.

Es folgte ein nicht schriftlich vorliegender Hinweis auf ein Vorbereitungstreffen zur Begleitung des bevorstehenden Castor–Transports von La Hague nach Gorleben.

 

Schluß

Zum Schluß noch einmal die bibliographischen Angaben zu den von mir heute besprochenen Büchern.

  • Echnaton von Nicholas Reeves ist im Verlag Philipp von Zabern erschienen und kostet 29 Euro.
  • Der Feigenkaktus der palästinensischen Autorin Sahar Khalifa ist im schweizer Unionsverlag erschienen und kostet 8 Euro 90.
  • Und schließlich das bei Eichborn herausgekommene Buch von Mona Yahia mit dem Titel Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom. Es kostet 22 Euro.

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wird am Dienstag um 0 Uhr, nach dem Radiowecker mit Holger Coutandin ab 8 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag ab 14 Uhr wiederholt. Ihr könnt die Redaktion sowohl im Internet vorfinden unter www.alltagundgeschichte.de, aber auch ganz normal über Telefon und Fax erreichen. Telefonisch unter (06151) 8700–129 und per Fax unter 8700–111. Die nächsten Sendungen von Alltag und Geschichte sind am Dienstagabend um 18 Uhr 05 mit Jadran, unserem Magazin in serbischer Sprache, und am Mittwochabend ab 19 Uhr mit RadaR Stripped zu hören. Jetzt gleich folgt die Kulturredaktion mit der Sendung Gehörgang.

Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Walter Hoffmann wurde im März 2005 zum Oberbürgermeister von Darmstadt gewählt.

[2]   Dieses Zitat ist offensichtlich eine Erfindung der humanistischen Bildung. Siehe hierzu auch den Ausstellungskatalog "Hannibal ad portas" aus dem Theiss Verlag. Michael Maaß schreibt in seinem Schlußaufsatz "Ceterum censeo … oder so" [Seite 380–382, Zitat Seite 380]:

Die Überlieferung dieser Sentenz ist jedoch sehr schwankend. Die lateinischen Historiker bringen sie nur in indirekter Rede in recht unterschiedlichen Fassungen. Der einzige antike Schriftsteller, der einen Wortlaut in direkter Rede, aber nicht auf Lateinisch, sondern in griechischer Übersetzung bringt, ist Plutarch  […]. Die eingängige Formulierung mit den markanten Alliterationen "ceterum censeo, Carthaginem esse delendam" stammt aus einer Anmerkung des deutschen Philologen Sintenis von 1841 zum Plutarchtext.
[3]   Nicholas Reeves, Echnaton, Seite 52
[4]   Reeves Seite 93
[5]   Reeves Seite 44. Die drei Punkte stehen so im Buch.
[5a]  Da diese Programmvorschau im Internet nicht verfügbar war, habe ich sie eingescannt. Sonst versteht ja keine und niemand diesen Insiderwitz. Achtung! Die Seite hat eine Größe von etwas mehr als 200 kB.
[6]   Reeves Seite 203
[7]   Reeves Seite 52
[8]   Sahar Khalifa : Der Feigenkaktus, Seite 25
[9]   Khalifa Seite 87
[10]  Siehe hierzu meine Besprechung des Romans Das Erbe.
[11]  Interview mit Sahar Khalifa, in: The Star (Jordanien), 1998
[12]  Mona Yahia : Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom, Seite 122
[13]  Yahia Seite 332
[14]  Yahia Seite 333
[15]  Yahia Seite 333 und 334
[16]  Yahia Seite 339

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 3. Februar 2007 aktualisiert.
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