Tafel Brandnacht
Die Brandnacht 1944: Teil Darmstädter Selbst­vergewisserung.

Kapital – Verbrechen

Antikommunistische Trümmer

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 9. Mai 2011, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Dienstag, 10. Mai 2011, 00.00 bis 01.00 Uhr
Dienstag, 10. Mai 2011, 08.00 bis 09.00 Uhr
Dienstag, 10. Mai 2011, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Eine Hinrichtung erfüllt eine Bundeskanzlerin mit Freude. Dabei war der Erschossene doch einstens ein guter Freund bei der Bekämpfung anti­kommunistischer Umtriebe. Was ist schief gegangen? Dann sprach ich mit Philipp Benz über die anti­kommunistische Stimmung in einem Darmstadt, das alte Nazis nun gar nicht wirklich loswerden wollte. Schließlich spielte ich einen Beitrag über einen Kriegsverbrecher­prozeß in Italien ein, an dem die italienische und die deutsche Politik wenig Interesse haben.

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Freude 

Jingle Alltag und Geschichte

Osama bin Laden ist tot. Erschossen. Hingerichtet. Nicht, daß ich dem Herrn eine Träne nachweine. Wir können einfach festhalten: nur ein toter Osama ist ein guter Osama. Die Führungs­macht der westlichen Welt zeigt wieder einmal vorbildhaft, was westliche Werte wert sind. Wenn es der guten Sache dient, darf ruhig auch einmal gemordet werden. Praktischer­weise gibt es nun auch kein Gerichtsver­fahren. Osama bin Laden ist nicht mehr in der Lage, den Gerichtssaal als Tribüne zu nutzen. Obwohl – in Guantánamo gibt es ohnehin keine Justiz, dort wird extralegal vorgegangen. So funktionieren Rechtsstaaten, wenn sie vermeiden wollen zu begünden, weshalb sie einen Osama bin Laden in den 80er Jahren als anti­kommunistische Geheimwaffe aufgepäppelt und bei seinem mörderischen Treiben in Afghanistan gegen die Erzschurken aus der Sowjetunion unterstützt haben. Osama bin Laden hat von der CIA gut gelernt.

Ob er allerdings für den Einsturz der Twin Towers und die teilweise Zerstörung des Pentagn verantwortlich ist, ist eine ganz andere Frage. Ohnehin haben die USA Unbeteiligte für die rund 3.000 Toten vom 11. September 2001 büßen lassen. Wir werden wohl nie erfahren, wieviele Irakerinnen und Iraker von der glorreichen westlichen Rachearmee abgemurkst wurden, und bis heute müssen in Afghanistan Hochzeits­gesellschaften und andere ganz normale Männer, Frauen und Kinder dran glauben, wenn mal wieder gegen den Terrorismus zu Felde gezogen wird. Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß der Blutzoll im Irak und in Afghanistan bei weitem die Zahl der Toten in New York und Washington überschreitet. Erstwelt­menschen zählen eben ein mehrfaches im Vergleich zu den Habenichtsen aus der Dritten Welt. Meint Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Während die Atommafia in Fukuschima um ihr Überleben kämpft und weiterhin Tausende verstrahlt, freuen sich die Merkels und Westerwelles dieser Republik, jede und jeder auf die eigene Weise, über den toten Osama. Ist so etwas mit christlicher Ethik und Moral vereinbar? Dumme Frage. Die Geschichte des Christentums liefert eine eindeutige Antwort. Nehmen wir es also Angela Merkel ab, wenn sie sich über einen Mord freut. Wenn es der guten Sache dient, zählen die moralischen Parolen der bürgerlichen Gesellschaft nichts. Wie will dann allerdings dieselbe Angela Merkel den Kindern und Jugendlichen dieser Republik moralische Werte vermitteln, die nicht im Ausnutzen, Übers Ohr Hauen, Drangsalieren, Schlagen oder gar Töten anderer Menschen besteht? Nun, die Antwort ist auf der Straße, in Jobcentern, in Firmen­zentralen oder bei einem Oberst im nördlichen Afghanistan zu finden, der vollkommen korrekt den Angriff auf Tanklaster befiehlt, um den ungehorsamen Afghaninnen und Afghanen die Werte der westlichen Welt beizubringen.

Und damit verlasse ich dieses unappetitliche Thema.

 

Gefallen

Vor etwas mehr als einem Monat hatte der Verein, der dieses Lokalradio betreibt, einen Preis bekommen, genauer gesagt den 4. bis 18. Preis der Sparkasse Darmstadt, benannt nach dem früheren Oberbürger­meister Ludwig Metzger. Dieser Ludwig Metzger gilt als eine honorige Person, was immer dies in Verhältnissen aussagen mag, in denen Angela Merkel den eiskalten Mord an einem islamischen Terrorchef gut findet. Von diesem Ludwig Metzger weiß beispielsweise seine Biografin Susanne Király im Darmstädter Stadtlexikon Folgendes zu sagen: „Die NS-Zeit verbrachte der aus dem Staatsdienst entlassene M. als Rechtsanwalt in DA. Er war in der Bekennenden Kirche aktiv und setzte sich für Verfolgte des NS-Regimes ein.“ Nun weiß auch die Biografin, daß dies so nicht stimmt.

Buchcover ZeitzeugnisseLudwig Metzger verbrachte die letzten zwei Kriegsjahre vorzugsweise eben nicht in Darmstadt, weil er für eine Organisation, die dem Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, unterstand, in verantwortlicher Position in Luxemburg und Straßburg gearbeitet hat. Das schreibt er auch selbst in seiner Autobiografie, ohne uns mitzuteilen, auf welche Weise er die Ausplünderung der dortigen Bevölkerung unterstützt haben könnte. Ludwig Metzger wurde von der US-amerikanischen Besatzungs­macht im Frühjahr 1945 als Darmstädter Oberbürger­meister eingesetzt. Er gilt als der Vater des Wiederaufbaus der kriegs­zerstörten Innenstadt. Vermutlich benötigt die bürgerliche Gesellschaft eine an Einzelpersonen aufgerichtete Geschichts­schreibung. Denn außer bei einem symbolischen Spatenstich wird Ludwig Metzger eher am Schreibtisch gesessen haben, als die Darmstädter Bevölkerung den Schutt weggeräumt hat.

Vor zwei Wochen sprach ich mit Philipp Benz über die ersten Nachkriegs­jahre in Darmstadt. Philipp Benz aus Arheilgen wurde als einer der ersten nach der Machtübergabe an die Nazis in das damals wilde Konzentrations­lager in Osthofen verbracht. Er hatte Glück, trotz seiner Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei wieder entlassen zu werden, aber er stand unter Beobachtung. Philipp Benz, der inzwischen 99 Jahre alt ist, hat in den vergangenen Jahren bei verschiedenen Gelegenheiten als Zeitzeuge über das NS-Regime gesprochen und geschrieben. Daß er einmal als Zeitzeuge für die Zeit danach befragt werden würde, ist ihm wohl kaum in den Sinn gekommen. Dabei gibt es seit dem vergangenen Jahr eine Broschüre, in der seine Texte zu sehr unter­schiedlichen Themen zusammen­gefaßt worden sind. Sie heißt ganz schlicht „Zeitzeugnisse“ und kann unter anderem im „Linkstreff Georg Fröba“ erworben werden. Mit dieser Broschüre erhalten wir eine etwas andere Sicht auf Darmstadt, als wir sie beispielsweise in besagtem Darmstädter Stadtlexikon vorfinden.

Doch wer und wie war dieser Ludwig Metzger wirklich?

Philipp Benz: Also, er war ein selbstgefälliger Mensch. Er hat sich am besten selbst gefallen. Und er ist auch so aufgetreten. So intensiv habe ich mich mit der Person Metzger nicht beschäftigt, er war für mich nicht so interessant. Ich hatte andere Probleme, ich war Vorsitzender vom Sportausschuß, da habe ich mich mehr um die Vereine gekümmert und habe meine Pflichten wahrgenommen. Also, ich habe mehr oder weniger die Person Metzger nicht so wichtig genommen wie er sich selber. Wir sind uns dann noch einmal begegnet, das war bei einer Vereins­veranstaltung. Da habe ich ihm ein Geschenk überreicht, er war der Schirmherr, und da habe ich mit ihm ein paar Worte gewechselt, aber das war mehr oder weniger nur Belangloses.

Frage: Das, was man dann so sagt. – Der Stadtaufbau selber. Ludwig Metzger war ja nur die Person, die das politisch angeführt hat. Wer hat wirklich entschieden, wie die Stadt aufgebaut worden ist, die Innenstadt?

Philipp Benz: Das war eine Gesellschaft, die Treuhand-Gesellschaft. Also, man hat zum Beispiel die Arbeitslosen verpflichtet, Trümmer zu beseitigen. Dafür hat es ein Mittagessen gegeben. Und wir hatten uns geweigert, nachdem wir festgestellt hatten, daß da einige fehlen, die mit schuld sind, daß es überhaupt Trümmer gegeben hat. Die Einzelheiten waren mir auch nicht so bekannt. Aber es gab nachher eine Gesellschaft, das war eine Treuhand-Gesellschaft, die hat dann die Grundstücke übernommen, die Trümmergrund­stücke, und die hat auch den Aufbau getätigt.

 

Versteck

Frage: Ich habe eigentlich mehrere Fragen. Und zwar zum einen hast du ja hier in deiner Broschüre beschrieben, wie das war, als euch die Lebensmittel­karten entzogen worden sind, weil ihr festgestellt habt, daß alte Nazis nicht mitarbeiten mußten.

Philipp Benz: Ja, ja!

Frage: Wie seid ihr dahinter gekommen?

Philipp Benz: Das ist ganz einfach. Der Leiter dieser Arbeit ist ein ehemaliger Kommunist. Und der hat uns aufgeklärt auf unsere Fragen, denn wir wurden ja nach dem Alphabet aufgerufen. Ich war einer bei den ersten, weil mein Name mit „B“ anfängt. Und ich habe mich bei dem erkundigt, der hieß Rudolf: „Sag mal, da fehlen doch noch andere Leute, die Benz heißen, die bei den Nazis waren.“ – „Ja“, hat er gesagt, „die sind freigestellt. Die haben sich entschuldigt. Und die brauchen nicht zu schippen. Das ist zwar nicht richtig, aber das ist leider so. Die haben vom Metzger, vom alten Metzger, persönlich die Freistellung bekommen.“ Ich mußte jedenfalls annehmen, daß es so war.

Frage: Metzger schildert ja in seiner Autobiografie, daß er [von der US-amerikanischen Militär­administration] aufgefordert worden war, alte Nazis aus der Verwaltung entfernen, und er hat sich geweigert. Gibt es da Seilschaften, die dafür gesorgt haben?

Philipp Benz: Das weiß ich nicht. Das möchte ich auch nicht bestätigen oder in Abrede stellen. Das ist mir nicht bekannt. Ich weiß nur, daß er große Toleranz geübt hat gegenüber alten Nazis. Also, das ist bekannt.

Frage: Die hatten ja auch noch Posten in der Stadtverwaltung. Du hast hier in der Broschüre geschrieben, unter anderem im Bauhof, der war ja damals in der Kasinostraße. Haben die dort regulär gearbeitet oder war das nur ein Pöstchen, ohne daß sie Verantwortung hatten?

Philipp Benz: Also, es waren belastete Nazis, die waren da versteckt im Bauhof. Der war in der Blumenthal­straße [heute Kasinostraße] oder Pallaswiesen­straße, der Bauhof. Da hat zum Beispiel einer gearbeitet, der nachher eine große Rolle gespielt hat, der Bartning. Der hat die Stadtplanung mit vorbereitet. Der war dort versteckt. Und ich als Architekt, ich hatte einige Fragen gehabt, und hat man mich dort hingewiesen. Deshalb habe ich dem seinen Arbeitsplatz kennengelernt. Und so ist es vielen gegangen, die man nicht wieder in der Öffentlichkeit zeigen wollte oder mit denen man sich identifizieren wollte.

Frage: Und was hat Bartning während der Nazizeit gemacht?

Philipp Benz: Na, die waren städtische Beamte. Die waren genau dasselbe, was sie nach der Nazizeit gemacht haben. Stadtplanung, Baugenehmigungs­behörde, Baupolizei usw., die waren in den Ämtern drin, nur offiziell, nachher waren sie inoffiziell.

Frage: Ihr habt das also festgestellt, daß die nicht arbeiten mußten, habt euch organisiert. Wenn ich das richtig verstehe, habt ihr eine Art Streik angedroht.

Philipp Benz: Ja, nachdem ich mich also erkundigt hatte, warum der und jener nicht auch geschippt hat. Und da wurde mir bekannt, die sind freigestellt oder die haben Entschuldigungen gebracht. Die waren Nazis gewesen. Aufgrund dessen haben wir gestreikt. Wir waren zwar nicht viele, das war ich und der Heinrich Benz, der Vater vom Peter Benz, dem späteren Bürgermeister, und noch so einige. Also wir waren nicht viele, die da gestreikt haben. Aber wir haben dann fertiggebracht, daß … sie hatten uns unsere Bezüge, also das Geld gestrichen, was so ausgesetzt war, und das haben wir dann nachbekommen, nach dem Streik. Der hat nicht lange gedauert. Wir sind dann nach Wiesbaden gefahren, wo der Innenminister Zinnkann. Und der Streik – also die gesetzmäßige Regelung, daß einige Nazis freigestellt waren, war nicht im Gesetz vorgesehen. Und deshalb haben wir Recht bekommen und haben unsere Vergütung wieder erhalten.

Frage: War das problemlos, das Gespräch in Wiesbaden darüber, oder mußtet ihr da ein bißchen verhandeln?

Philipp Benz: Naja, wir sind einfach hingefahren. Das war der Avemarie und ich. Wir sind da hingefahren und haben uns beim Innenminister Zinnkann gemeldet. Nach einer gewissen Wartezeit sind wir vorgelassen worden, haben unsere Beschwerde vorgebracht, und dann hat uns der Zinnkann bestätigt, daß die Regelung ungesetzlich ist. Also, daß man denen, die gearbeitet haben, das Mittagessen gegeben hat, und denen, die nicht gearbeitet haben, bevorzugt hat. Es war ein bißchen eine verworrene Angelegenheit.

Frage: Ihr habt eure Lebensmittelkarten dann bekommen und damit war das Problem auch …

Philipp Benz: Ja, damit war das Problem gelöst. Ich muß allerdings sagen, meine Frau, die war an der Ausgabestelle der Lebensmittel­karten. Also, wir hatten nie Schwierigkeiten damit.

 

Taktik

Eine wenig bekannte und auch von Ludwig Metzger in seinen Memoiren mit Stillschweigen übergangenen Episode handelt von seiner Wiederwahl als Oberbürger­meister im Sommer 1948. Ihr erinnert euch sicher: Vor drei Jahren erforschte die frisch gewählte Landtags­abgeordnete Dagmar Metzger ihr Gewissen und befand, daß es nicht schicklich sei, sich von der Linkspartei an die Regierung wählen zu lassen. Ihre strikt anti­kommunistische Einstellung verbot es ihr, das Wahlversprechen, den brutalst­möglichen Sanierer der Operation Sichere Zukunft, Roland Koch, abzuwählen, auch einzuhalten.

Pikant ist an dieser Gegebenheit, daß der Großvater ihres Ehemanns, eben Ludwig Metzger, im Juni 1948 aus machttaktischen Überlegungen heraus keinerlei Probleme damit hatte, sich vor Kommunistischen Partei wählen zu lassen. Kurz zuvor war eine neue Stadtverordneten­versammlung gewählt worden. SPD und CDU verloren deutlich an Stimmen, während die KPD mit 11,6% ihr Ergebnis aus der Wahl zwei Jahre zuvor in etwa halten konnte. Gewinner dieser Wahl war die LDP, eine Vorgängerin der FDP, die etwa ein Viertel der Stimmen erhielt. Diese LPD stand rechts von der CDU und galt als politisches Auffangbecken alter Nazis. Ludwig Metzger mochte die Macht, die er seit drei Jahren innehatte, nicht mit anderen bürgerlichen Parteien teilen.

Frage: Wie hast du Ludwig Metzger damals empfunden gehabt, als er sich nicht von der CDU oder der Vorgängerpartei der FDP hat wählen lassen, sondern von euch?

Philipp Benz: Ja, wir haben nachgewählt. Wir hatten sogar mal 8 oder 14 Tage eine Koalition mit ihm. Er hat sie wieder aufgekündigt. Das waren damals die Zeiten nach dem Krieg, die waren nicht richtungweisend. Ich war zwar Stadtverordneter, aber ich kam erst nach einigen Umsetzungen rein als Stadtverordneter, war dann Vorsitzender vom Sportausschuß und im Bauausschuß war ich Mitglied.

Frage: Damals, so schreibt es die Biografin von Ludwig Metzger, die Susanne Király, die schreibt, daß ihr dem Metzger vorgeworfen habt oder der Verwaltung vorgeworfen habt, bei dem Wiederaufbau auch in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben. War das eine propagandistische Behauptung oder gibt es dafür auch Belege?

Philipp Benz: Also, das möchte ich nicht unterstreichen. Das ist ehrenrührig. Das kann man ihm wirklich nicht vorwerfen, obwohl er Dinge gemacht hat, die nicht genau legal waren.

Frage: Dann gab es 1950 eine Kundgebung, die er verboten hat, auf dem Friedensplatz.

Philipp Benz: Ja, das war eine Kontroverse zwischen unserem Fraktions­vorsitzenden Ludwig Keil und Metzger. Und zwar ging dem eine Versammlung voraus im Wagenwerk in Darmstadt, wo er sich in abfälliger Weise über Metzger geäußert hat, der Ludwig Keil. Und aufgrund dessen hat dann der Metzger diese Sache verboten. Und wir mußten dann einen Verwaltungsgerichts­prozeß führen, den habe eigentlich ich geführt, denn der Ludwig Keil war zu vornehm dazu. Da hat er mich hingeschickt, und den haben wir natürlich mit Pauken und Trompeten verloren.

Frage: Und dann gab es ein Nachspiel in der Stadtverordnetenversammlung.

Philipp Benz: Naja, da wurden welche von uns, der Ludwig Keil und der … ach wie hieß der jetzt? Der war nachher im … ich komme auf seinen Namen nicht … der war nachher im Mannheimer Morgen angestellt. Die wurden ausgeschlossen aus der Stadtverordneten­versammlung, weil sie ehrenrührige Äußerungen gemacht hatten. Statt fünf waren wir dann zu dritt.

Frage: Wenn ich das richtig verstehe, was die Susanne Király dazu schreibt, dann ging das nicht ohne Polizeieinsatz

Philipp Benz: Nein, das ging nicht ohne Polizeieinsatz. Der Stadtverordneten­vorsteher hat die Polizei gerufen und hat den Ludwig Keil und den Anderen abführen lassen aus der Stadtverordneten­versammlung. Die war im Büchnersaal in der Bessunger Straße.

Frage: Also einfach so gepackt und rausgeführt oder …?

Philipp Benz: Die Polizei war schon vornehm.

WK: Die war vornehm. Ok.

Philipp Benz: Die haben das nicht mit brachialer Gewalt gemacht, sondern: „Bitte, verlassen Sie den Saal.“ Das haben sie dann gemacht. Der Ältestenrat hat beschlossen, daß sie fünf vier oder fünf Sitzungen nicht an der Stadtverordneten­versammlung teilnehmen konnten. also an der Vollversammlung. Auch von den Ausschüssen waren sie ausgeschlossen. Es war eigentlich, heute gesehen, eine Dummheit von ihnen. Sie haben sich selber entmachtet.

WK: Also, ich habe machmal den Eindruck, daß eine Politik fortgesetzt wurde, wie sie vor 1933 lief, also Sozial­demokraten gegen Kommunisten, und daß das irgendwie noch nachgespielt wurde.

Philipp Benz: Eigentlich, ich kann mich noch erinnern, sie haben ihre Redezeit überschritten. Die Redezeit war begrenzt auf zehn Minuten, also, die haben sie überschritten. Aufgrund dessen kam dann der Ausschluß. Es war nicht direkt der Auftritt in der Wagenhalle, sondern es waren eben Vergehen gegen die Satzung der Stadtverordneten­versammlung. Redezeitüberschreitung gehörte dazu.

 

Buchcover Als wäre es erst gestern gewesenIntegration

Ludwig Metzger hatte von 1943 bis 1945 für die Deutsche Umsiedlungs Treuhand, einer von der SS abhängige Organisation, als Leiter der Rechts­abteilung in Luxemburg und später zudem in Straßburg gearbeitet. Dies wurde ihm nicht nur im Spruchkammer­verfahren vorgehalten, wozu er sich dann entlastende Aussagen, sogenannte Persilscheine, organisieren konnte, sondern auch im politischen Streit seitens der KPD.

Leider hatte Philipp Benz hieran keine konkrete Erinnerung mehr. Er selbst hat in den Nachkriegs­jahren als freier Architekt gearbeitet und war maßgeblich mitbeteiligt an einem Genossenschafts­projekt in Arheilgen. Diese Genossenschaft errichtete rund zweihundert Wohnhäuser und prägte das Erscheinungsbild des 1937 zwangsweise nach Darmstadt eingemeindeten Dorfes mit. Als Architekt lag es nahe, daß die Kommunisten ihn in den städtischen Bauausschuß entsandten.

Frage: Du warst im Bauausschuß gewesen in den 40er Jahren. Was war deine Aufgabe darin, was hast du mit angepackt?

Philipp Benz: Ich habe eigentlich nicht viel gemacht dadrin. Wir kamen zusammen und haben die Fluchtlinien­pläne bestätigt, die der Professor Grund aufgestellt hatte, also erarbeitet hatte. Das waren ja die Grundlagen, den Aufbau überhaupt in Darmstadt …, also, wir haben in der Hauptsache nur Fluchtlinien bestätigt.

Frage: Also, das mit diesen Plänen ist ja durchaus im Nachhinein problematisch zu sehen, weil da Schneisen in die Stadt geschlagen worden sind, die den Autoverkehr bevorzugt haben. Gab es damals irgendeine Diskussion darüber?

Philipp Benz: Ja, es gab Diskussionen, ich weiß es noch. Professor Grund hat einen Verkehrsplan aufgestellt, und da gehörte die Teichhaus­straße dazu, also, es war ein Einschnitt, an der Stiftstraße vorbei, Heinheimer Straße …

WK:  … ja, Pützerstraße.

Philipp Benz: Das war so der innere Ring und der äußere Ring. Aber da wurde lange darüber gestritten über den General­bebauungsplan, den der Professor Grund aufgestellt hatte. Also, ich war ja ein Befürworter, gebe ich ehrlich zu. Persönlich hatte ich mit dem Professor Grund ein gutes Verhältnis, obwohl er ein national­sozialistischer Preisträger war. Er ist aber zweimal mit mir in die DDR gefahren, ohne irgendwelche Hemmungen. Ich war mit ihm im KZ Buchenwald und habe in Dresden Kollegen besucht, also die Stadt Dresden. Wir wurden dann geführt dort, herumgeführt. Dresden war im Aufbau, da wurde viel Geld verwandt seitens der DDR. Der Zwinger war schon zum Teil aufgebaut. Und da war ich mit dem Professor Grund in Dresden und auf der Rückreise waren wir in Buchenwald. Und da ist ihm schlecht geworden, wie er gehört hat, was da alles passiert ist. Er hat gesagt, er hat da keine Ahnung gehabt.

WK: Das finde ich immer wieder faszinierend, daß Menschen sagen, sie hatten keine Ahnung gehabt, was ich mir einfach nicht vorstellen kann.

Philipp Benz: Ja, ich konnte mir es auch nicht vorstellen. Ich war zwar auswärts, ich war nicht in Darmstadt, ich bin der Verfolgung aus dem Weg gegangen. Als ehemaliger Kommunist, da wurde man ha laufend bestellt in die Wilhelm-Glässing-Straße zur Gestapo. Und dem bin ich dann entgangen, indem ich eine Stellung angenommen habe bei der Brown Boveri in Mannheim. Und ich habe dann Hochspannungs­leitungen … erst war ich als Bauzeichner tätig und dann war ich auch als Bauleiter zum Schluß tätig. Und dann habe ich mich überreden lassen, daß ich gekündigt habe bei der Brown Boveri, und habe nie Arbeit bekommen. Wo ich hingekommen bin, bei der Gewerkschaft oder sonstwo, hat man mich gefragt: „In welcher Partei warst du früher?“ Also, ich war in der KPD. „Alles in Ordnung, alles in Ordnung. Du hörst von uns.“ Ich habe nie was gehört. Also war schon gleich von Anfang an der Anti­kommunismus präsent.

Frage: Wie hat das funktioniert, wenn der Anti­kommunismus schon sehr früh da war, daß ihr mit Ludwig Metzger kurz eine Koalition gehabt habt?

Philipp Benz: Das war mehr so Verlegenheit. Die hat nicht lange gedauert. Bis ich das richtig begriffen habe, war sie schon wieder zu Ende. Das war während der Etatberatungen. Die Kommunisten haben dagegen gestimmt. Wir wollten nur gegen einige Punkte stimmen. Das wurde aber nicht anerkannt, und damit ist die Koalition geplatzt. Der Metzger hat sich wieder an die CDU gewandt. Das war ja ein Ziel der Besatzungsmacht, die hat ja auch eine Rolle gespielt.

Frage: Susanne Király schreibt in ihrer Biographie dazu noch, daß in der LDP, dieser Vorgänger­partei von der FDP, jemand war, der auch als Nazi belastet war und der dann stellvertretender Bürgermeister geworden ist.

Philipp Benz: [Ernst] Schröder. Der war in der NSDAP, der war auch in der FDP.

Frage: Inwieweit hat das Probleme gemacht, hat das politisch überhaupt jemanden interessiert?

Philipp Benz: Das hat keinen Menschen gestört. Wir haben das zwar angeprangert, aber das hat keinen Sinn, keine Wirkung gehabt.

 

Atmosphäre

Frage: Habt ihr euch damals schon so isoliert gehabt?

Philipp Benz: Bei der ersten Stadtverordneten­wahl, da sind wir überhaupt nicht reingekommen, da war ein Limit von 15 Prozent. Und bei der zweiten waren dann fünf Prozent, und da haben wir das knapp überschritten. Und da sind wir mit fünf Mann eingerückt in die Stadtverordneten­versammlung. Man hatte uns sofort bekämpft, und auch die Besatzungsmacht hat da regelrecht mitgeholfen. Man hat zum Beispiel die Wahlen, die ersten Stadtverordneten­wahlen, in zwei Gruppen durchgeführt. Zuerst in ländlichen Gruppen, und man wußte, daß die Kommunisten keine Mehrheit kriegen. Und dann die zweite Gruppe, in Städten. Und da sind wir etwas über fünf Prozent gekommen, mehr haben wir nicht erreicht. Der Antikommunismus – wir haben immer gesagt, es gibt zwei Parteien: Kommunisten und Antikommunisten.

Frage: Wie würdest du heute denken, daß ihr euch besser verhalten hättet, also, politisch. Was hättet ihr anders machen können?

Philipp Benz: Also, ich habe versucht, ich habe zum Beispiel, der Stadtverordneten­vorsteher hat am Jahresende eingeladen auf den Gehaborner Hof zu Kaffee und Kuchen, und hat da seine üblichen Mittel umgesetzt. Ich habe daran teilgenommen. Also, ich wollte nicht diese schroffe Gegnerschaft zur SPD. Ich habe mich immer bemüht, da ein bißchen einen Brückenschlag zu versuchen, aber es ist mir nicht gelungen. Es ging nicht. Nur im Sportausschuß, wo ich Vorsitzender war, da haben sie mich eiskalt empfangen, auch die SPD, und da habe ich dann eine Erklärung abgegeben, habe gesagt: „Ich bin hier als Vorsitzender des Sportausschusses, und da vertrete ich die Interessen der Vereine. Und wer mit mir einer Meinung ist, der kann mit mir zusammenarbeiten. Ich bin jedenfalls bereit, mit jedem von euch zusammen­zuarbeiten im Interesse der Vereine.“ Und da habe ich ein bißchen eine Atmosphäre hergestellt, die man als kameradschaft­lich bezeichnen konnte. Das ist aber nur im Sportausschuß möglich gewesen, der ja praktisch unpolitisch gearbeitet hat und trotzdem politisch. Denn es ging ja gegen die Besatzungsmacht. Die Amerikaner, die haben Versammlungen anberaumt, Bürgerforum. Da war ein unpolitischer Vorsitzender, und da hat man mich nicht eingeladen. Da ging es um die Freigabe der Sportplätze, 98er, Hochschul­stadion. Da hat man mich einfach nicht eingeladen. Aber ich bin trotzdem dort gewesen und habe auch gesprochen. Der Stadtkommandant, der war ein Antikommunist, ein ausgesprochener. Und das hat die ganze Richtung bestimmt.

Frage: Welche Schwierigkeiten habt ihr eigentlich als Kommunisten mit der Besatzungsmacht gehabt?

Philipp Benz: Wir hatten überhaupt kein Verhältnis mit der Besatzungsmacht, mit den Amerikanern. Die haben uns abgelehnt, die haben mit uns keinerlei Verbindung gesucht. Wir haben uns bemüht, durch Mittelsmänner ein besseres Verhältnis herzustellen, zum Beispiel durch den Baudirektor Raupp. Den haben wir mal dort der Keil und ich besucht in seiner Privatwohnung, um da ein bißchen die Atmosphäre zu verbessern in der gesamten Stadtverwaltung. Aber das ist uns nicht gelungen.

WK: Daß ich mal so eine Einschätzung habe, so ein Gefühl, wie die Stimmung damals war …

Philipp Benz: Ja, die Stimmung war schon von Anfang an anti­kommunistisch, das hat man gemerkt. Der Heinz Schäfer hat das auch bestätigt, der hat das natürlich kraß, weil er selbst betroffen war. Wir haben das auch sehr popularisiert, seinen Rausschmiß aus der Stadtverwaltung.

WK: Ja, er hat das sehr persönlich genommen.

Philipp Benz: Ich hatte als privater Architekt ein ganz anderes Verhältnis. Ich mußte ja auch ein anderes Verhältnis haben zur Stadtbau­verwaltung, besonders auch zum Professor Grund. Sonst hätte ich gar nicht anzufangen brauchen. Aber ich habe trotzdem immer die kommunistische Richtung vertreten. Ich habe nicht gewankt und nicht Kompromisse geschlossen, also irgendwelche faulen Kompromisse.

Frage: Hattest du das Gefühl, daß du als Architekt bei der Auftragsvergabe vielleicht benachteiligt worden bist als Kommunist?

Philipp Benz: Ah ja! Ich habe zwei Wettbewerbe gewonnen, einen die Vereinsbank in Arheilgen, und die andere war das Gasthaus Zur Krone, auch in Arheilgen. Das waren aber beschränkte Wettbewerbe. Also, ich war gut beschäftigt, weil die Leute haben gesagt, der betrügt („belurt“) uns nicht, der ist ehrlich. Und das hat meinen Ruf gefestigt. Und auch mein Können. Aber sonst hatte ich keinerlei Privilegien.

WK: Eher umgekehrt. Ich hatte gedacht, daß du Schwierigkeiten bekommen hättest.

Philipp Benz: Also, Schwierigkeiten hatte ich eigentlich keine. Weil mit den Leuten, mit denen ich zu tun hatte, das waren alles mehr oder weniger keine großen Leute, sondern das waren auch kleine Verwaltungs­angestellte. Und was sollten die …? Die waren froh, wenn ich mit ihnen ein gutes Verhältnis hatte. Ich habe aber auch das Verhältnis nicht mutwillig zerstört. Auch zu führenden Kräften, zum Beispiel den Stadtbauräten hatte ich ein gutes Verhältnis. Mit mir konnte man sich vertragen. [1]

Ihr hörtet ein Gespräch mit Philipp Benz über die ersten Jahre der Darmstädter Nachkriegszeit, das ich mit ihm vor zwei Wochen geführt habe. Ich danke ihm für seine Bereitschaft, seine Erinnerungen an eine durch Metzgers Autobiografie doch arg verklärte Zeit mitschneiden und hier auch senden lassen zu können. Wie ihr wißt, sitze ich ja hier nicht im Sendestudio, sondern muß meine Sendungen zu Hause vorproduzieren.

 

Aufklärung

Für den Rest dieser Sendestunde habe ich ein Interview ausgesucht, das Radio Corax in Halle mit Matthias Durchfeld vom Geschichts­institut Istoreco in Reggio Emilia geführt hat. Anlaß ist ein Prozeß vor dem Militär­gerichtshof in Verona gegen deutsche Kriegsverbrecher. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

»»  Zum Podcast: „Nazi-Kriegsver­brecher in Verona vor Gericht“.

 

ANMERKUNGEN
Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

»» [1]   Das Interview mit Philipp Benz habe ich am 29. April 2011 geführt. Ob ich in fünfzig Jahren noch genau weiß, was heute war? Vorausgesetzt, ich kann dann noch befragt werden. Festzuhalten bleibt: Interview­technik und Interview­führung gehören gewiß nicht zu den Stärken meiner redaktionellen Tätigkeit.


Diese Seite wurde zuletzt am 29. Mai 2011 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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