Kapital – Verbrechen

Die gewalttätige Idylle der ursprünglichen Akkumulation

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Die gewalttätige Idylle der ursprünglichen Akkumulation
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 26. Mai 2003, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 27. Mai 2003, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 27. Mai 2003, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 27. Mai 2003, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Karl Marx : Das Kapital, Band I, Marx–Engels–Werke, Band 25
  • Horst Gründer : Eine Geschichte der europäischen Expansion, Konrad Theiss Verlag
  • Daniel Litvin : Weltreiche des Profits, Gerling Akademie Verlag
 
 
Playlist :
The Exploited : Singalongabushell
Slime : Im Namen des Herrn
Joy Denalane : Setho
Sinead O'Connor : Fire on Babylon
Effective Force : Complete Mental Breakdown (Komatozed)
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_urakk.htm
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung
Kapitel 2 : Drogenmeile Schloßgrabenfest Darmstadt
Kapitel 3 : Einleitung (Fortsetzung)
Kapitel 4 : Karl Marx schildert eine Idylle
Kapitel 5 : Europäische Expansion
Kapitel 6 : Unternehmerische Ethik
Kapitel 7 : Veranstaltungshinweise
Kapitel 8 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Radio Darmstadt – RadaR

Zu empfangen: mit Antenne auf 103,4 Megahertz, im Kabelnetz Darmstadt auf 102,75 Megahertz und in der Kabelinsel Groß–Gerau–Weiterstadt auf 97,0 Megahertz. Es folgt die Sendereihe Kapital – Verbrechen zum Thema Die gewalttätige Idylle der ursprünglichen Akkumulation. Am Mikrofon ist Walter Kuhl.

Jingle Alltag und Geschichte

 

Drogenmeile Schloßgrabenfest Darmstadt

Es ist vollbracht. Das Schloßgrabenfest liegt hinter uns und hat unübersehbar seine Spuren hinterlassen. Weit über einhunderttausend Menschen sollen es gewesen sein, die den musikalischen Darbietungen auf vier Bühnen gelauscht haben sollen. Wie es der Veranstalter, die G&G Event Marketing GmbH aus Darmstadt, zutreffend schrieb: Die Massen tobten und pfiffen. Ob dieselben Massen auch soffen und kifften, darüber schweigt sich der Veranstalter vorsichtshalber aus, aber davon kann ausgegangen werden. Drogenhandel in einem Maße, wie es der Herrngarten in zehn Jahren nicht erlebt.

Auf dem Schloßgrabenfest nicht gesehen wurde hingegen Monika Lehr. Ihr erinnert euch doch sicher an Monika Lehr? Die SPD–Stadträtin stolperte vor wenigen Tagen beim Besuch eines Promenadenkonzertes in einem darmstädter Park über den Zivilisationsmüll der neoliberalen Spaßgesellschaft. Der Aufschrei war groß. Oberbürgermeister Peter Benz drohte der darmstädter Bürgerschaft mit Strafen und Ordnungsmaßnahmen. Doch es sind ja nur Junkies und Halbstarke, die es treffen soll.

Junkies und Halbstarke der erwünschten Art hingegen tobten sich auf dem Schloßgrabenfest aus. Alleine elf Faßbierstände sorgten dafür, daß die wildgewordene Rasselbande so richtig aufgeputscht wurde. Mit Drogen grölt es sich halt lauter, schöner und dümmer. Zwar ist keine Hektoliterzahl der konsumierten Alkoholika überliefert, aber die Hinterlassenschaften dieser viertägigen Konsumorgie durften an jeden Morgen von den Bediensteten in den orangenen Uniformen aufgesammelt werden.

Interessant, nicht?

Während nämlich Peter Benz auf das von ihm mit ausgedünnte Grünflächenamt hinwies, das völlig überfordert sei, den Müll in den Parks zu entsorgen, wird dem Veranstalter einer euroträchtigen Müllorgie auch noch die Entsorgung zur Verfügung gestellt. Zahlt's die Stadt – oder wer? Wird hier gar der Drogenhandel auch noch städtisch subventioniert? Nicht auszudenken – die Stadt als Drogendealer. Aber für die Förderung des Wirtschaftsstandorts Darmstadt werden gerne einmal beide Augen zugedrückt.

Da trete ich doch für die Gleichbehandlung aller Drogensüchtigen ein. Statt dessen sorgt die darmstädter Polizei regelmäßig für Schlagzeilen im Darmstädter Echo, um den Herrngarten freizuräumen vom konsumfeindlichen Gesindel, das dort herumlungert. Doch die Damen und Herren Stadtverordneten und ihr Magistrat haben ein Problem. Wohin mit dem menschlichen Elend? Am besten an die Peripherie auslagern, haben sie sich gedacht, nur – die Junkies machen da nicht mit. Und so kommt das Sankt–Florians–Prinzip zum Tragen. Bürgerinnen– und Bürgerinitiativen, die nur an sich selbst denken, weil sie das in dieser Gesellschaft so gelernt haben, wehren sich mit Händen und Füßen und zuweilen auch Unterschriftenlisten dagegen, daß ihnen die Junkies vor die Haustür gesetzt werden. Ich wette: keine und niemand von all denen, die hier den Aufstand der Unanständigen geprobt haben, hat sich über den Lärm und den Müll auf dem Schloßgrabenfest ereifert. Wahrscheinlich waren sie selbst eifrig beim Picheln dabei.

Verlogene Bande halt, alle miteinander.

 

Einleitung (Fortsetzung)

Doch nicht das Schloßgrabenfest mitsamt seinen wohlanständigen konsumgeilen Hinterlassenschaften ist das Thema meiner heutigen Sendung. Nein – es ist die sogenannte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals. Kapitalisten und Arbeiterinnen sind ja keine naturgegebene Erscheinung, sondern aus einem bestimmten historischen Milieu erwachsen. Ohne die koloniale Ausplünderung wäre dieses Experiment jedoch sicher gescheitert.

Zwei Bücher sollen den bluttriefenden Werdegang der kapitalistischen Marktwirtschaft veranschaulichen. Zum einen das im Theiss Verlag herausgebrachte Buch des an der Universität Münster lehrenden Historikers Horst Gründer mit dem Titel Eine Geschichte der europäischen Expansion. Er behandelt darin den Weg von Entdeckern und Eroberern zum modernen Kolonialismus. Das andere Buch stammt vom britischen Wirtschaftsjournalisten Daniel Litvin. Er beschreibt darin Weltreiche des Profits, jedoch weniger aus einer wissenschaftlichen, als vielmehr journalistischen Perspektive. Beide Bücher haben ihren Reiz; und so werde ich anhand dieser Bücher den allseits gewaltbereiten Werdegang der modernen zivilisierten Gesellschaft beleuchten. Daß der Kolonialismus nicht am Ende ist, beweisen die jüngsten Eroberungszüge der USA und ihrer uneingeschränkt solidarischen Verbündeten. Nun war der Krieg gegen den Irak nicht nach dem Geschmack von Gerd und Joschka. Doch Kriegsminister Peter Struck hat die Marschrichtung schon vorgegeben und die kriegsgeilen Grünen werden ihm nach einigem moralischen Geplänkel wie immer bedingungslos folgen.

Die von Struck unterzeichneten Verteidigungspolitischen Richtlinien machen klar, wie sich Deutschland im Konzert der Großmächte zu positionieren gedenkt. Krieg ist nicht widerwärtig, wie dies Joschka einmal formuliert hat, sondern ein bewährtes Mittel imperialistischer Außenpolitik. Doch zunächst lasse ich den kritischsten aller Autoren der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals zu Wort kommen: Karl Marx.

The Exploited : Singalongabushell

 

Karl Marx schildert eine Idylle

Auch wenn das Hauptwerk von Karl Marx, Das Kapital, zum ersten Mal vor einhundertsechsunddreißig Jahren das Licht der Welt erblickt hat, so ist der Inhalt seiner Ausführungen nicht weniger wahr geworden. Denn was immer vergessen oder leichtfertig unterschlagen wird: Marx analysiert das Wesen der kapitalistischen Produktion und damit auch der Ausbeutung. Das Wesen wird jedoch bestimmt durch dem Kapitalismus eigene Gesetzmäßigkeiten, die Marx vor allem im dritten Band über das von ihm so genannte Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate ausgearbeitet hatte. Dieses Gesetz erklärt Krisen nicht nur materiell, sondern als notwendig für den Fortbestand dessen, was liberale Wirtschaftsideologen als Marktwirtschaft bezeichnen.

Nachdem Marx nun im ersten Band des Kapital herausgearbeitet hat, woraus Profit entsteht, nämlich durch Ausbeutung der Arbeitskraft, widmet er sich der Frage, wie es denn dazu gekommen ist. Ihm war durchaus bewußt, daß eine logische oder dialektische Analyse nicht ausreichend sein kann, um die Logik der kapitalistischen Produktion zu verstehen. Ohne die konkrete historische Betrachtung, wie sich die von Marx analysierten Gesetzmäßigkeiten entwickelt haben, wäre das Werk unvollständig und völlig abgehoben von der Wirklichkeit. Marx beendet den ersten Band des Kapital daher mit zwei Kapiteln über Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation und Die moderne Kolonisationstheorie. In beiden Kapiteln entwickelt er seine Sicht des historischen Werdegangs vom Feudalismus zur Marktwirtschaft. Diese Sicht mag inzwischen – über einhundert Jahre später – durch weitere Forschungen verfeinert worden sein; das Grundgerüst hingegen steht auf wissenschaftlicher Basis und daher außer von unverbesserlichen Ideologen unwidersprochen.

Bevor ich auf die sehr unterschiedlichen Darstellungen von Horst Gründer über die Geschichte der europäischen Expansion und von Daniel Litvin über die Weltreiche des Profits eingehe, lasse ich Karl Marx selbst zu Wort kommen. Er beginnt das 24. Kapitel über Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation mit folgenden Worten:

Man hat gesehn, wie Geld in Kapital verwandelt, durch Kapital Mehrwert und aus Mehrwert mehr Kapital gemacht wird. Indes setzt die Akkumulation des Kapitals den Mehrwert, der Mehrwert die kapitalistische Produktion, dieser aber das Vorhandensein größerer Massen von Kapital und Arbeitskraft in den Händen der Warenproduzenten voraus. Diese ganze Bewegung scheint sich also in einem fehlerhaften Kreislauf herumzudrehn, aus dem wir nur herauskommen, indem wir eine der kapitalistischen Akkumulation vorausgehende "ursprüngliche" Akkumulation [...] unterstellen, eine Akkumulation, welche nicht das Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ist, sondern ihr Ausgangspunkt
Diese ursprüngliche Akkumulation spielt in der politischen Ökonomie ungefähr dieselbe Rolle wie der Sündenfall in der Theologie. Adam biß in den Apfel, und damit kam über das Menschengeschlecht die Sünde. Ihr Ursprung wird erklärt, indem er als Anekdote der Vergangenheit erzählt wird. In einer längst verfloßnen Zeit gab es auf der einen Seite eine fleißige, intelligente und vor allem sparsame Elite und auf der andren faulenzende, ihr alles und mehr verjubelnde Lumpen. Die Legende vom theologischen Sündenfall erzählt uns allerdings, wie der Mensch dazu verdammt worden sei, sein Brot im Schweiß seines Angesichts zu essen; die Historie vom ökonomischen Sündenfall aber enthüllt uns, wieso es Leute gibt, die das keineswegs nötig haben. Einerlei. So kam es, daß die ersten Reichtum akkumulierten und die letztren schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigne Haut. Und von diesem Sündenfall datiert die Armut der großen Masse, die immer noch, aller Arbeit zum Trotz, nichts zu verkaufen hat als sich selbst, und der Reichtum der wenigen, der fortwährend wächst, obgleich sie längst aufgehört haben zu arbeiten. [...S]obald die Eigentumsfrage ins Spiel kommt, wird es heilige Pflicht, den Standpunkt der Kinderfibel als den allen Altersklassen und Entwicklungsstufen allein gerechten festzuhalten. In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle. In der sanften politischen Ökonomie herrschte von jeher die Idylle. Recht und "Arbeit" waren von jeher die einzigen Bereicherungsmittel, natürlich mit jedesmaliger Ausnahme von "diesem Jahr". In der Tat sind die Methoden der ursprünglichen Akkumulation alles andre, nur nicht idyllisch. [1]

Marx stellt nun fest, daß Geld und Ware nicht von vornherein Kapital sind, sondern der Verwandlung in Kapital bedürfen. Dazu müssen sich zwei Sorten Warenbesitzer gegenübertreten: einerseits die Eigner von Geld, Produktions– und Lebensmitteln, und andererseits freie Arbeiterinnen und Arbeiter. Frei im doppelten Sinne: sie dürfen weder Produktionsmittel sein wie Sklaven oder Leibeigene noch ihnen Produktionsmittel gehören, wie dies bei kleinen Gewerbetreibenden oder Kleinbauern der Fall ist. Erst mit dieser Polarisation des Warenmarktes sind die Grundbedingungen der kapitalistischen Produktion gegeben. Es setzt also voraus, daß es zuvor einen historischen Prozeß gegeben hat, in dem die Produzenten von den Produktionsmitteln geschieden wurden. Er erscheint ursprünglich, weil er die Vorgeschichte des Kapitals bildet. Daher der Begriff der ursprünglichen Akkumulation. Was Europa betrifft, ist dieser Prozeß aus der Struktur der feudalen Gesellschaft erwachsen. Doch die doppelt freie Arbeitskraft erwuchs nicht von alleine, sie mußte erst gewaltsam hergestellt werden. Hierzu Marx:

Der Ausgangspunkt der Entwicklung, die sowohl den Lohnarbeiter wie den Kapitalisten erzeugt, war die Knechtschaft des Arbeiters. Der Fortgang bestand in einem Formwechsel dieser Knechtung, in der Verwandlung der feudalen in kapitalistische [Ausbeutung]. Um ihren Gang zu verstehn, brauchen wir gar nicht so weit zurückgreifen. Obgleich die ersten Anfänge kapitalistischer Produktion uns schon im 14. und 15. Jahrhundert in einigen Städten am Mittelmeer sporadisch entgegentreten, datiert die kapitalistische Ära erst vom 16. Jahrhundert. Dort, wo sie auftritt, ist die Aufhebung der Leibeigenschaft längst vollbracht und der Glanzpunkt des Mittelalters, der Bestand souveräner Städte, seit geraumer Zeit im Erbleichen.
Historisch epochemachend in der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation sind alle Umwälzungen, die der sich bildenden Kapitalistenklasse als Hebel dienen; vor allem aber die Momente, worin große Menschenmassen plötzlich und gewaltsam von ihren Subsistenzmitteln losgerissen und als vogelfreie Proletarier auf den Arbeitsmarkt geschleudert wurden. Die [Enteignung] des ländlichen Produzenten, des Bauern, von Grund und Boden bildet die Grundlage des ganzen Prozesses. [2]

Marx betrachtet nun das englische Beispiel, weil hier dieser Vertreibungsprozeß in seiner klassischen Form vorliegt. Die Leibeigenschaft war seit dem 14. Jahrhundert verschwunden, mehr oder weniger freie Bauernwirtschaften nutzten das Land. Das Land gehörte oft formal großen Grundeigentümern, war aber meist verpachtet. Ende des 15. Jahrhunderts setzte eine Entwicklung ein, die dazu führte, daß die Feudalherren diese Bauern von ihrem Land vertrieben. Eine der Ursachen waren die Feudalkriege und der damit verbundene Finanzbedarf. Die alten und vor allem neuen Feudalherren ersetzten die Naturalwirtschaft durch Geldabgaben. Diese Umwälzung schaffte ein riesiges Arbeitsheer, das nun durch Arbeitshäuser oder Gesetze gegen Arme und Vagabunden dazu gebracht werden mußte, sich als Arbeitskraft zu begreifen.

So wurde das von Grund und Boden gewaltsam [enteignete], verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk–terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, –gebrandmarkt, –gefoltert.

Denn es ist ja nicht so, wie es die neoliberalen Ideologen so gerne hätten, daß alle Menschen sich zweckrational verhalten und freiwillig den ihnen zustehenden Platz aufsuchen. Dazu bedarf es eben mehr. Marx weiter:

Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt. Die Organisation des ausgebildeten kapitalistischen Produktionsprozesses bricht jeden Widerstand, die beständige Erzeugung einer relativen Überbevölkerung hält das Gesetz von Zufuhr von und Nachfrage nach Arbeit und daher den Arbeitslohn in einem den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals entsprechenden Gleise[. D]er stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter. Außerökonomische, unmittelbare Gewalt wird zwar immer noch angewandt, aber nur ausnahmsweise. Für den gewöhnlichen Gang der Dinge kann der Arbeiter den "Naturgesetzen der Produktion" überlassen bleiben, d.h. seiner aus den Produktionsbedingungen selbst entspringenden, durch sie garantierten und verewigten Abhängigkeit vom Kapitel. Anders während der historischen [Entstehung] der kapitalistischen Produktion. Die aufkommende Bourgeoisie braucht und verwendet die Staatsgewalt, um den Arbeitslohn zu "regulieren", d.h. innerhalb der Plusmacherei zusagender Schranken zu zwängen, um den Arbeitstag zu verlängern und den Arbeiter selbst in normalem Abhängigkeitsgrad zu erhalten. Es ist dies ein wesentliches Moment der sog. ursprünglichen Akkumulation. [3]

Doch all dies wäre unvollständig ohne den globalen Siegeszug des Kapitals. Wie heute wissenschaftlich erwiesen, beruhte er zunächst nicht auf der Überlegenheit westlicher Waren und Produktionsbedingungen, sondern auf nackter Gewalt. Marx fährt fort:

Die Entdeckung der Gold– und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation. Auf dem Fuß folgt der Handelskrieg der europäischen Nationen, mit dem Erdrund als Schauplatz. Er wird eröffnet durch den Abfall der Niederlande von Spanien, nimmt Riesenumfang an in Englands Antijakobinerkrieg, spielt noch fort in den Opiumkriegen gegen China usw. [4]

Diese verschiedenen Momente der ursprünglichen Akkumulation werden in England

Ende des 17. Jahrhunderts systematisch zusammengefaßt im Kolonialsystem, Staatsschuldensystem, modernen Steuersystem und Protektionssystem. Diese Methoden beruhn zum Teil auf brutalster Gewalt, z.B. das Kolonialsystem. Alle aber benutzen die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozeß der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu fördern und die Übergänge abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz. [5]

Marx beleuchtet anschließend an mehreren Beispielen diese Gewalt. Diebstahl, Raub, Mord, Plünderung, Krieg – nichts ist dem Kapital fremd, um zu sich selbst zu finden. In den beiden Büchern von Horst Gründer und Daniel Litvin wird dieser Sachverhalt noch wesentlich deutlicher, weil hier die historischen Beispiele herangezogen werden. Die zugrunde liegende Analyse der entstehenden, eben der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals, ist beiden eher fremd. Aber ihre Ausführungen belegen eindeutig: Kapitalismus ist Gewalt. Der Markt als sein angebliches Regulativ ist nur Schein – Glasperlen für die Gläubigen.

Slime : Im Namen des Herrn

 

Europäische Expansion

Link zum Theiss Verlag

Horst Gründer, Historiker an der Universität Münster, hat mit seinem bei Theiss erschienenen Band Eine Geschichte der europäischen Expansion eine nützliche und geschlossene Zusammenstellung der europäischen Raubgeschichte der ursprünglichen Akkumulation geschrieben. Er bleibt dabei nicht auf der Betrachtung von Kriegen und Entdeckungsfahrten stehen, sondern verweist genauso auf das Bevölkerungswachstum in Europa im Mittelalter, das Aufkommen der Städte mit einem selbstbewußten Bürgertum, der Ausweitung des globalen Handels, Erfindungen und darauf basierende neue Techniken oder die beginnende Aufklärung als Momente der von Europa ausgehenden globalen kapitalistischen Weltordnung.

Sieht man und frau von der kurzzeitigen Entdeckung und Besiedlung Nordamerikas durch einige Wikinger ab, so waren um 1400 in Europa nur die Kontinente Afrika und Asien bekannt. Vergessen wird oft, daß wahrscheinlich schon phönizische Seeleute Afrika umrundet hatten und daß es schon in der Antike einen schwungvollen Handel mit Indien gegeben haben muß. Über die verschiedenen Äste der Seidenstraße war zudem zumindest ansatzweise China bekannt. Mit den Eroberungszügen der Mongolen im 13. Jahrhundert wuchs das Interesse am Osten – nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in politischer Hinsicht als mögliche Verbündete gegen den Islam.

Die von Marx schon angesprochenen Städte am Mittelmeer, allen voran Venedig, Genua und Pisa, waren zum Teil Motor eines Prozesses, der im 15. Jahrhundert zu den ersten Entdeckungsfahrten an der Westküste Afrikas entlangführte. Da die direkten Handelswege nach Indien und China versperrt waren, blieb nur der Seeweg. Doch Portugals Interesse war zunächst ein anderes. Es galt, den Bedarf an Gold und Silber zu decken – und da waren konsequenterweise zunächst die islamischen Gebiete im heutigen Marokko das Ziel portugiesischer Raubritter. Doch die Eroberung Marokkos scheiterte. Und so segelten die Portugiesen immer weiter südlich, um ihren Bedarf an Edelmetallen, Holz, Gewürzen und Lebensmitteln zu sichern. Die Umrundung Afrikas war also zunächst gar nicht das Ziel des portugiesischen Expansionismus, die Freude am Abenteuer und an neuen Entdeckungen etwa durch Heinrich den Seefahrer eher marginal. 1488 wurde Südafrika erreicht und zehn Jahre später Indien.

Die Portugiesen setzten von Anfang an rücksichtslos ihre Überlegenheit zur See ein und bestimmten innerhalb weniger Jahrzehnte den Überseehandel zwischen Ostafrika, Indien, Indonesien und China. Nicht etwa durch die Überlegenheit ihrer Waren, sondern durch die Überlegenheit ihrer Kanonen. Diese Überlegenheit ermöglichte es zur gleichen Zeit den Spaniern, weite Teile Mittel– und Südamerikas zu erobern. Die Gold– und Silberflotten der spanischen Könige waren genauso berühmt wie die Indienfahrten der portugiesischen Gewürzflotten.

Horst Gründer geht sowohl auf die Motive wie auf die Auswirkungen dieses frühen europäischen Expansionismus ausführlich und gut nachvollziehbar ein. Spanier, Portugiesen, später auch Holländer, Engländer und Franzosen, hatten zwar sehr unterschiedliche Methoden der Eroberung und wirtschaftlichen Durchdringung, aber in ihren Motiven und Zielen waren alle gleich: es galt, möglichst viel Profit aus den eroberten Ländern zu schlagen. Sklavenhandel und Ausrottung der einheimischen Bevölkerung gehörten genauso dazu wie Plündertouren, Kriege und wirtschaftliche Ausbeutung. Die Methoden waren selten in ihrer Perfidie zu übertreffen. Ob es nun die Vereinigte Ostindische Kompanie der Holländer, die britische Ostindien–Kompanie, die puritanischen Siedler Nordamerikas oder das spanische Encomienda–System waren – Mord und Ausrottung waren unmittelbar Bestandteil jeder Herrschaftsstrategie. Marx hat in seinem Kapital ganz sicher noch untertrieben. Der Vorteil von Gründers Buch besteht darin, daß er die Dinge beim Namen benennt. Dies setzt sich ebenso bei der Darstellung des 19. Jahrhunderts fort, dem klassischen Zeitalter des Kolonialismus.

Nach europäischem Rechtsverständnis und in eigenartigem Widerspruch zu den ursprünglichen Verträgen wurde [1884/85 auf der berliner Westafrikakonferenz Afrika] als »herrenloses Land« [...] betrachtet, das nunmehr als »Kronland« bzw. Eigentum europäischer Staaten an Kolonialgesellschaften, Konzessionäre und Siedler vergeben werden konnte. Schrittweise erfolgte die Verdrängung der Afrikaner aus ihren Wohngebieten bis hin zur Eingrenzung in Reservationen.
Was für die Staaten und das Land der Afrikaner galt, das galt schließlich auch für sie selbst. Sogar die Frage, ob sie überhaupt Menschen seien, haben Rassisten verneint. Aber auch diejenigen Weißen, die den Zivilisationsauftrag des weißen Mannes ernst nahmen, gingen in ihrer paternalistischen Sicht davon aus, dass die ursprünglichen Bewohner die Hauptlast der Arbeit zu tragen hätten und in diesem Sinne zu »erziehen« seien. »Erziehung zur Arbeit« lautete daher der Grundsatz europäischer Kolonialideologie und Kolonialherrschaft in Afrika, sodass nach dem allmählichen Ende der Sklaverei die Suche nach einem effektiven Zwang zur Arbeit das vorrangige Ziel praktischer Kolonisation darstellte. [6]

Praktisches Mittel zur Umsetzung dieses Ziels waren Natural% oder Geldsteuern, aber auch Zwangsarbeit und Quotensysteme. Insbesondere in der königlichen belgischen Kolonie Kongo wurden Afrikanerinnen und Afrikaner bei Nichterfüllung der Quoten verstümmelt. Doch auch in anderen Kolonien sah es nicht viel anders aus. Je nach Nützlichkeit wurden Arbeitskräfte zur Lohnarbeit gepreßt, als Sklaven gehalten oder erst gar nicht gebraucht und in die Wüste geschickt. Der deutsche Kolonialismus nahm hier durchaus einige der Kriegsgreuel des 20. Jahrhunderts vorweg.

Insgesamt betrachtet ist das Buch von Horst Gründer eine verständliche und klare Darstellung der Idylle der ursprünglichen Akkumulation. Dieser Teil der Entstehungsgeschichte europäisch–nordamerikanischer Macht wird ja gerne ausgeblendet. Umso wichtiger ist ein Buch wie dieses. Es heißt Eine Geschichte der europäischen Expansion und ist im Theiss Verlag zum Preis von 29 Euro 90 [ab 1.1.2004: € 36,00] erschienen.

Joy Denalane : Setho

 

Unternehmerische Ethik

Link zum Gerling Akademie Verlag

Während Horst Gründer einen historischen Überblick auf die Raubzüge der europäischen Kolonisatoren und Eroberer gibt, stellt sich für den britischen Wirtschaftsjournalisten Daniel Litvin die Szenerie ganz anders dar. Er fragt nicht nach den geradezu gesetzmäßigen kapitalistischen Ursachen von Gewalt und Kriegen, sondern danach, wieso Konzerne und Kolonisten in etwas hingeraten sind, was sie nicht beherrscht haben, weil sie nicht auf Land und Leute eingegangen sind. Sein Motiv ist es, den Managern der neokolonialistischen Konzerne nahezubringen, etwas mehr Anteilnahme und Einfühlungsvermögen zu entwickeln, um zukünftige, den Konzern gar schädigende Ereignisse besser vorhersehen zu können.

Neben [...] Geschichten von Staatsstreichen, Meuchelmorden und Abenteuern birgt die Studie auch eine ernstzunehmende und überraschende Erkenntnis über transnationale Unternehmen: Trotz all ihrer Macht und der ungeheuren ökonomischen Ressourcen, über die sie gebieten, haben diese Organisationen, die für die Verbreitung des Kapitalismus westlicher Prägung so wichtig sind, beständig darum gekämpft, die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in den Entwicklungsländern, in denen sie tätig sind, zu verstehen, vorherzusagen und zu gestalten. [...] Immer und immer wieder [...] machen westliche [...] transnationale Unternehmen ohne jeden Plan auf sinnlose und naive Weise von ihrer Macht Gebrauch. [7]

Daniel Litvins Methode ist die des unparteiisch Außenstehenden. Moralische Wertungen sind seine Sache nicht. Das Problem ist: die Sache, die er darstellt, ist moralisch verwerflich; und er verschweigt die brutalen Methoden der transnationalen Konzerne der Vergangenheit und Gegenwart nicht. Um nicht selbst Partei ergreifen zu müssen, schreibt er vorbeugend:

Dieses Buch soll nicht zu den Waffen rufen, zumindest nicht für oder gegen bestimmte Unternehmen. [8]

Denn von den moderneren Konzernen tauchen in seinem Buch die Machenschaften von Shell, Nike oder Murdoch auf. Doch es handelt sich dabei nicht um eine systematische Darstellung dieser und anderer Machenschaften, sondern um eher um eine Geschichtenerzählung über skrupellose oder schillernde Machtmenschen, Männer. Meist sind es labile Charaktere, die dort geschildert werden, Hitzköpfe wie der Wegbereiter der britischen Eroberung Indiens, Robert Clive.

Schon als Kind war er aufsässig: Während seiner Schulzeit in England hatten er und eine Bande Klassenkameraden den städtischen Ladenbesitzern gedroht, ihre Läden zu verwüsten, wenn sie ihnen kein Geld zahlten. [9]

Leider begreift Litvin nicht, daß dieser angeblich labile Charakterzug Robert Clive geradezu befähigte, seine Talente in Indien erfolgreich anzuwenden. Dort zerfiel Mitte des 18. Jahrhunderts das einstmals mächtige Reich der Moguln, und Männer wie Clive waren es, welche die damit verbundene Chance beim Schopf ergriffen. Durch gerissenes Taktieren kam es zum Sieg bei der Entscheidungsschlacht von Plassey in Bengalen im Jahr 1757. Litvin irrt, wenn er annimmt, die Geschichte Indiens hätte einen anderen Verlauf genommen, hätten die Inder gesiegt. Es wären nach Clive andere gekommen, Engländer oder Franzosen, welche die waidwunde Beute einkassiert hätten. Ähnlich kurzsichtig argumentiert Litvin bei den Folgen des britischen Sieges, d.h. der nachfolgenden Ausplünderung des reichen Bengalen.

Eine schreckliche Hungersnot in Bengalen im Jahr 1770 verschärfte die Finanzkrise der [britischen Ostindien–]Kompanie, ein Drittel der Bevölkerung fiel ihr zum Opfer. Die Katastrophe war eine Folge des Ausbleibens der Monsunregenfälle im Vorjahr. Doch die Kompanie tat wenig, um die Auswirkungen auf die Einheimischen zu lindern. Manchen Bediensteten wurde sogar vorgeworfen, Lebensmittel zu horten und zu Wucherpreisen zu verkaufen. [10]

Halten wir statt dessen fest: das Kolonialregime der Ostindien–Kompanie führte zu massivem Steuerdruck und dem vollständigen Raubbau an Ressourcen und Lebensmitteln. Dann blieb der Monsun aus und das Desaster war da. Daß die Kompanie den von ihr angerichteten Schaden nicht lindern würde, mag Daniel Litvin verwundern – mich nicht. Und daß Lebensmittel in einer solchen Situation gehortet und meistbietend losgeschlagen werden, versteht sich doch von selbst.

Ich gehe deshalb so ausführlich auf dieses Beispiel ein, weil bei Litvin eine fast schon kindliche Naivität (so wie bei der von Marx erwähnten Kinderfibel) mit konzernfreundlichem Wohlwollen einhergehen. Dieses Muster findet sich auch bei den anderen Geschichten aus dem Buch Weltreiche des Profits. Daß sein Buch bei aller Voreingenommenheit dennoch ein gewisses Interesse hervorrufen kann, liegt daran, daß auch Litvin nicht an den Greueln kapitalistischer Plündertouren vorbeigehen kann und will. Nur sieht er sie in einem bestimmten Licht. Die haben das meist nicht so gewollt.

Neben der englischen Ostindienkompanie erzählt er von Cecil Rhodes und seiner Unterwerfung Südafrikas, von der in japanischem Besitz befindlichen südmandschurischen Eisenbahngesellschaft und ihrer Rolle bei der Ausplünderung Nordchinas Anfang des 20. Jahrhunderts, von der United Fruit Company und ihrem Staatsstreich 1954 in Guatemala, dem belgischen Kolonialismus im Kongo und der US–Erdöl–Erfolgsstory in Saudi–Arabien. Nike, Shell und Robert Murdochs Medienimperium habe ich ja schon erwähnt.

Dennoch ist Litvins Buch ein ideologisches Buch. Es steht so manches Falsche und so manches Unsinnige darin. Aber das kommt vielleicht auf den Standpunkt des Betrachters an. Daniel Litvin hat als politischer Berater für das Bergbauunternehmen Rio Tinto gearbeitet – das prägt. Er stellt beispielsweise Konzerne als philanthropisch dar, nur weil sie für ihre Beschäftigten in der Wildnis Schulen und Krankenhäuser haben bauen lassen. Von aufgeklärtem Eigeninteresse hat Litvin offensichtlich noch nichts gehört. Dabei beschreibt er [11] im Falle Shells, warum der Konzern tausenden Nigerianern ein Stipendium verschaffte. Es steht in einer Werbebroschüre des Konzerns: Man werde in Nigeria immer wieder einen Stipendiaten in allen Lebenslagen antreffen, der die Interessen des Konzerns wahrnehme. Philanthropisch? Oder nur clever?

Auch erzählt er seinen Managerfreunden gerne noch einmal das Märchen vom ersten Ölschock 1973, der eine Weltwirtschaftskrise ausgelöst habe [12]. Nun sollte es sich sich eigentlich auch bis zur renommierten London School of Economics herumgesprochen haben, wo er studiert hat, daß die Weltwirtschaftskrise hausgemacht war und nicht durch die OPEC provoziert worden ist. Aber vielleicht widerfährt ihm hier, wovor er seine Freunde warnt: er versteht die Motive der kapitalistischen Produktion so wenig, wie Konzernmanager das Geschäftsklima ihrer Kolonialländer.

Den Drittweltländern schreibt er wider besseres Wissen ins Stammbuch, daß die nach dem 2. Weltkrieg verfolgte Politik der Importsubstitution nicht erfolgreich gewesen sei. Auch das ist eine Frage des Standpunkts. Diese Importsubstitution bewirkte vor allem eins: nämlich anstatt Fertigwaren zu importieren, eine eigene Industrie aufzubauen. Selten ging es den Menschen im Durchschnitt betrachtet so gut wie während dieser Phase. Und es war auch nicht der Markt, der die Öffnung dieser Drittweltstaaten – vor allem in Lateinamerika in den 50er und 60er Jahren – erzwang, sondern die nackte Gewalt durch Interventionen und Militärdiktaturen.

Daniel Litvin möchte den heutigen modernen aufgeklärten transnationalen Konzernen jedoch eine Arbeitsethik vermitteln, weil sie so, so denkt er, besser fahren würden. Das sei einmal dahingestellt, weil im Neoliberalismus die Militärintervention wieder möglich und machbar wird. Doch was ist diese Ethik? Nun, im Falle Nikes, versucht der Konzern die Kritik an seinem Geschäftsgebaren und dem seiner Subunternehmer durch einen Verhaltenskodex abzuwehren. Demnach beträgt die Arbeitszeit maximal 60 Stunden die Woche [13].

Naja, vielleicht ist das heute wieder normal, 6 Tage à 10 Stunden (oder 12 Stunden an 5 Tagen) zu malochen. Das blüht so manchen von uns ja auch wieder. Aber so sind sie eben, die Verfechter neoliberaler Glaubensvorstellungen. Sie gehen von sich aus und meinen, andere belehren zu müssen, was für sie gut sei. Als typisches Beispiel für diesen schwachsinnigen Zeitgeist mag die Schauspielerin Iris Berben gelten, die am 2. Mai im Darmstädter Echo mit den Worten zitiert wird:

Wenn ich höre, wer mit Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und anderen Wehwehchen morgens nicht zum Dreh erscheint, kann ich wenig lachen.

Sie habe kein Verständnis für Weicheier und reiße daher 10 bis 11 Monate im Jahr ihre 14 bis 16 Stunden am Tag runter. Wer so bescheuert ist, kann allerdings nur solchen Stuß verzapfen. Vielleicht ist sie deshalb Schauspielerin geworden und handelt wie im richtigen Leben nach Regieanweisungen. Und dann verstehe ich auch Walter Hoffmann, der ja seinem eigenen Bekunden nach ähnlich bescheuert lange malocht, wenn er dieses Arbeitsethos zur Grundlage seiner Unterstützung der neoliberalen Regierungspolitik macht. Auf Walter Hoffmann komme ich gleich noch zu sprechen.

Fassen wir zusammen: Daniel Litvin bemüht sich um ein Verständnis des zuweilen tapsigen Verhaltens transnationaler Konzerne aus der Innensicht der Konzerne selbst. Konzerne, die mehr in Konflikte hineingezogen werden und am liebsten nur ihren Geschäften nachgehen würden. Daß es diese Geschäfte sind, die zu Konflikten führen, daß einfach etwas oberfaul ist an kolonialer und neokolonialer Ausbeutung, dieser Gedanke kommt Daniel Litvin nicht. Darunter leidet die Qualität seines Buches Weltreiche des Profits, die ansonsten eine nette Zusammenstellung kapitalistischer Praktiken in allen Teilen der Welt darstellt. Das Buch ist im Gerling Akademie Verlag erschienen und kostet 29 Euro 60.

Sinead O'Connor : Fire on Babylon

 

Veranstaltungshinweise

Jingle Alltag und Geschichte –

zum Schluß noch mit zwei Veranstaltungshinweisen. Am kommenden Mittwoch werden auf einer Podiumsveranstaltung in der Loge des Georg–Moller–Hauses Politikerinnen, Handwerksmeister, Vertreter und Vertreterinnen von IHK und Evangelischer Kirche und noch einige andere das Thema Keine Jugendarbeitslosigkeit in unserer Region! abhandeln. Lassen wir die spitzfindige Frage beiseite, ob die Jugendarbeitslosigkeit dann in andere Regionen exportiert werden soll, und kommen zum kürzesten Podiumsbeitrag, den ich jetzt schon voraussagen kann:

Der SPD–Bundestagsabgeordnete Walter Hoffmann wird die Frage seines Beitrags Was macht der Bund zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit? mit einem Wort beantworten können: Nichts. Denn das ist ja auch nicht der Sinn der rot–grünen Politik, wie sie sich in der Agenda 2010 niederschlägt. Arbeitskräfte werden nur in dem Maße ausgebildet, wie sie gebraucht werden; und wer will schon Jugendliche ausbilden, die anschließend sowieso auf der Straße oder in Zeitarbeitsfirmen herumlungern dürfen? Um diese Kids ruhigzustellen, bedarf es noch vieler Schloßgrabenfeste mit viel Bier und lautem Gedröhn. Brot und Spiele eben. Es wäre doch einmal richtig angesagt, wenn die Betroffenen dieser bewußt gestalteten Politik auf dem Podium auftauchen würden und lautstark (ohne Bier!) verkünden: Keine Jugendarbeitslosigkeit – und nicht nur in unserer Region! So wird diese Podiumsveranstaltung wohl eher den neoliberalen Ausbildungszielen und ihren Folgen dienen. Aber wer dennoch hingehen mag: Mittwoch, von 14 bis 18 Uhr, in der Loge des Georg–Moller–Hauses.

Ich warte nur darauf, bis ausgerechnet eine rot–grüne Regierung die allgemeine Arbeitspflicht ausruft, um die angeblich maroden Kassen von Bund, Ländern und Gemeinden zu schonen. Lustig fand ich es da schon, wenn im Echo auf der einen Seite die Kürzungswut der Landesregierung dargestellt wird und auf der folgenden Seite die Milliardenbeträge für deutsche Rüstungsvorhaben stehen. Offensichtlich ist für Gewalt und Krieg immer Geld da.

Interessanter könnte die Veranstaltung des Darmstädter Friedensbündnisses am kommenden Montag werden. Das Thema paßt zur heutigen Sendung, denn es geht um die neue Kriegsordnung, also den Krieg im globalen Kapitalismus. Vieles haben wir in den letzten Monaten gelernt. Es geht nicht nur ums Öl, sondern um mehr; und nicht alle Menschen und Regimes im Süden bedürfen unserer Solidarität gegen diese neokolonialistische Unterdrückung und Ausplünderung. Thomas Seibert, Redakteur der zweimal jährlich erscheinenden Zeitschrift Fantômas, wird versuchen, zwei wichtige Stränge dieser neuen Weltordnung auszumachen, die ja gar nicht so neu ist. Zum einen geht es um den geregelten Zugriff auf alle benötigten Ressourcen, also um mehr als nur um den Schmierstoff für Autos, Panzer und Chemikalien. Zum anderen müssen die davon betroffenen Menschen daran gehindert werden, sich zu Flüchtlingsströmen zusammenzurotten und die Festungen Europas und Amerikas zu erreichen. Peter Strucks Bundeswehr wird mit den neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien sicher ihren Beitrag dazu leisten. Die neue Kriegsordnung – eine Veranstaltung des Darmstädter Friedensbündnisses mit Thomas Seibert am kommenden Montag um 19 Uhr 30 im Wintergarten des Justus–Liebig–Hauses.

 

Schluß

Und passend zum Thema noch einmal kurz die Angaben zu den besprochenen Büchern:

  • Horst Gründer – Eine Geschichte der europäischen Expansion – erschienen bei Theiss und kostet 29 Euro 90.
  • Daniel Litvin – Weltreiche des Profits – erschienen im Gerling Akademie Verlag zum Preis von 29 Euro 60.

Das war's für heute – zumindest von mir. Diese Sendung wird am Dienstag um Mitternacht, morgens um 8 und noch einmal am Nachmittag ab 14 Uhr wiederholt. Fragen zur Sendung könnt ihr wie immer meiner Voice–Mailbox bei Radio Darmstadt anvertrauen, die Telefonnummer lautet (06151) 8700–192, oder ihr schickt mir eine Email an kapitalverbrechen@alltagundgeschichte.de. Gleich folgt Äktschen!, eine Sendung der Kulturredaktion. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

Effective Force : Complete Mental Breakdown (Komatozed)

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Karl Marx : Das Kapital, Band I, MEW 23, Seite 741–742.
[2]   Marx Seite 743–744.
[3]   Marx Seite 765–766.
[4]   Marx Seite–779.
[5]   Marx Seite 779.
[6]   Horst Gründer : Eine Geschichte der europäischen Expansion, Seite 175.
[7]   Daniel Litvin : Weltreiche des Profits, Seite 10.
[8]   Litvin Seite 17.
[9]   Litvin Seite 37.
[10]  Litvin Seite 54.
[11]  Litvin Seite 323.
[12]  Litvin Seite 258. Allerdings stellt inzwischen auch Winfried Wolf in seinem Buch Sturzflug in die Krise den Sachverhalt so dar, als sei der Ölschock nicht ganz unschuldig an der Rezession Mitte der 70er Jahre. Siehe hierzu meine Besprechung seines Buches.
[13]  Litvin Seite 302.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 17. März 2006 aktualisiert.
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