Kapital – Verbrechen

Väter

 

 

SENDEMANUSKRIPT

 
Sendung :
Kapital – Verbrechen
Väter
 
Redaktion und Moderation :
Walter Kuhl
 
gesendet auf :
Radio Darmstadt
 
Redaktion :
Alltag und Geschichte
 
gesendet am :
Montag, 18. August 2003, 17.00–18.00 Uhr
 
wiederholt am :
Dienstag, 19. August 2003, 00.00–01.00 Uhr
Dienstag, 19. August 2003, 08.00–09.00 Uhr
Dienstag, 19. August 2003, 14.00–15.00 Uhr
 
 
Besprochene und benutzte Bücher :
  • Josef Christian Aigner : Der ferne Vater, Psychosozial Verlag
  • Dan Bar–On : Die Last des Schweigens, edition Körber-Stiftung
 
 
Ich danke Hans-Jürgen Wirth für seine Geduld während des doch etwas ausufernden Interviews auf der Frankfurter Buchmesse 2001 und Dorothea Mann für ihren Hinweis auf das Interview mit Dan Bar–On im Südwestrundfunk am 14. April 2002.
 
 
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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Ethische kleine Arschlöscher
Kapitel 2 : Einleitung
Kapitel 3 : Brauchen Kinder Väter?
Kapitel 4 : Der ferne Vater
Kapitel 5 : Entgrenzung als Konsequenz
Kapitel 6 : Die Last des Schweigens
Kapitel 7 : Ein Traum der Hoffnung
Kapitel 8 : Schluß
Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Ethische kleine Arschlöscher

Jingle Radio Darmstadt - RadaR

Zuerst kam die im Juni losgetretene Debatte unserer Ethikspezialisten, eine Altersgrenze für medizinische Leistungen einzuführen. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Das seien unverantwortliche Gedankenspiele, betonte ausgerechnet Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, die ja auf ihre eigene Weise die Krankenversicherung demontiert. Ihr Vorgänger Horst Seehofer von der CDU nannte den Vorschlag gar verrückt. Die für das Heucheln von Betroffenheit zuständige grüne Bundestagsabgeordnete Christa Nickels [1] fand diese Ethik schlicht skandalös. Doch wie zu erwarten war, handelte es sich nicht um einen Beitrag für's alljährliche Sommerloch. Zwei Monate später ist das alles nämlich nicht mehr skandalös, verrückt oder verantwortungslos, sondern politischer Mainstream. Unter dem Vorwand der Generationengerechtigkeit wird auch hier jeder gesellschaftliche Zusammenhalt zerschlagen.

Natürlich geht's ums Geld. Doch anstatt sich die Steuern für die Bundeswehr zu sparen, sorgt man lieber dafür, daß die vom Statistischen Bundesamt jüngst verkündete hohe Lebenserwartung [2] schnell wieder gesenkt wird. Was vielleicht nicht zuletzt daran liegt, daß diese jungen Wilden, von denen die Vorschläge zur sozialen Demontage kommen, ohnehin keine Steuern zahlen und sich ihre eigene soziale Hängematte geschaffen haben.

Ein kleines dieser Arschlöcher, namens Philipp Mißfelder, Vorsitzender der Jugendorganisation der Schwarzgeldkofferpartei CDU, fand mit seinem Vorschlag großen Anklang, ältere Menschen einfach sich selbst zu überlassen [3]. Die geistig-moralische Wende, die sein Übervater Helmut Kohl 1982 hatte herbeiführen wollen, äußert sich nun klar und deutlich artikuliert. Die Jungs und Mädels der Spaßgesellschaft wollen nur eines - Spaß, keine Verantwortung. Und zwar auf Kosten Anderer. Einer hatte mal den Mut, das auch genau so zu sagen. Da muß man ihm ja schon geradezu richtig dankbar sein. Klare Worte statt Politikergeschwafel.

Kathrin Göhring-Eckert, Fraktionsvorsitzende der sich ehemals progressiv gebenden grünen Mittelstandspartei, will die Pflegeversicherung gleich ganz abschaffen, ohne irgendeine Alternative hierzu vorzuschlagen. Diese Frau war immerhin einmal behindertenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Sie weiß also sehr gut, was für eine Katastrophe ihr Vorschlag nicht nur für ihre ehemalige Klientel bedeutet [4]. Ob das der wahre Grund ist, warum in Darmstadt 20% der Wählerinnen und Wähler für eine Partei gestimmt haben, die am ehesten Gewähr dafür bietet, sich der Alten zu entledigen? Macht es das aus, was diese junge Garde will?: Einerseits unter dem Vorwand der Verteidigung der Menschenrechte Krieg zu führen und andererseits die Menschenrechte vor der eigenen Haustür mit Füßen zu treten? Mag sein - aber Verlogenheit war schon immer eine Spezialität des grünen Gutmenschenlagers. Das war schon 1979 so und das ist auch heute nicht anders.

Doch es scheint die allgemeine Stimmungslage wiederzugeben, die nach jahrelanger Stimmungsmache in passend vorformulierten Meinungsumfragen satte Mehrheiten für Sozialneid und Verantwortungslosigkeit hervorbringt. Anstatt darüber nachzudenken, wer denn dafür gesorgt hat, daß Kranken- und Rentenversicherungsbeiträge steigen - und das sind ganz sicher nicht die Kranken und Alten, sondern eine Allparteien-Bundesregierung und die Pharmalobby -, ist sich jede und jeder selbst am nächsten. Die neoliberale Gehirnwäsche ist demnach tief im Innersten verankert. Die Bundesrepublik Deutschland leidet unter der im Kapitalismus durchaus nachvollziehbaren Kollektivneurose allgemeiner Prinzipienlosigkeit. Katja Kipping, stellvertretende Parteivorsitzende der PDS, und Anja Stiedenroth, Mitglied des Parteivorstandes der Partei, haben daher einfach Recht, wenn sie hierzu kurz und bündig erklären [5]:

Wer die Lebensleistung älterer Menschen so mutwillig ausblendet, gelebtes Leben so ins Abseits drängt und das Recht auf einen Lebensabend in Gesundheit und Würde mit diesen Forderungen verneint, dem gehört [...] von Oma und Opa der Arsch versohlt.

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Doch außer einem gewissen Maß an Genugtuung und vielleicht noch emotionaler Entrüstung bringt auch ein solcher Vorschlag nichts. Dennoch stellt sich die Frage, warum eine satte Mehrheit sich bewußt für die Ausgrenzung lebensunwerten Lebens entscheidet. Heutzutage bedarf es nämlich keiner Nazi-Parolen mehr, um diejenigen, die nur noch als Kostenfaktor wahrgenommen werden, in Altenheime und ähnliche Verwahranstalten abzuschieben. Und damit sie auch dort nichts mehr kosten, wird die Pflegeversicherung mal kurz für überflüssig erklärt.

Heute reicht es als medienwirksame Meinungsäußerung aus, wenn die kleinen Arschlöcher aus ihrer Comicwelt herausklettern und auf der politischen Bühne herumpupsen. Ihre Bedeutung erhalten sie allerdings nur dadurch, daß soziale Demontage ohnehin sowohl Regierungs- wie Oppositionsprogramm ist. Insofern sind die kleinen Arschlöcher nur konsequent und sprechen einfach offen das aus, worum es gesellschaftspolitisch wirklich geht: Um Geld, Macht und Profit, nicht um Menschen.

Das Thema meiner heutigen Sendung hat am Rande auch hiermit zu tun. Es geht um Väter. Der Psychoanalytiker Josef Christian Aigner hat mit seinem Buch Der ferne Vater versucht, den Zusammenhang zwischen mangelnder Vatererfahrung und männlicher Sozialisation herauszuarbeiten. Hierbei hat er einiges interessante zum Ödipuskomplex herausgefunden. Eine seiner Schlußfolgerungen macht es auch aus psychoanalytischer Perspektive heraus verständlicher, warum sich die kleinen Arschlöcher derzeit so breit machen.

Einen vollkommen anderen Zugang zu Vätern unternimmt der israelische Psychologe Dan Bar-On. Sein neu aufgelegtes Buch Die Last des Schweigens behandelt das Nachwirken von NS-Tätern auf Psyche und Leben ihrer Kinder. Dan Bar-Ons feinfühliger Zugang zu einem lange verdrängten Problem führte zu einer überraschenden Initiative, einem Dialog zwischen den Kindern der Täter und den Kindern der Opfer, der für beide Seiten gleichermaßen schmerzhaft wie befreiend gewesen ist.

Beide Bücher möchte ich heute vorstellen und hoffe, damit der allgemeinen Gedanken- und Verantwortungslosigkeit ein klein wenig entgegenwirken zu können. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Brauchen Kinder Väter?

Ich gebe es ganz offen zu: Dieses Buch hat mir Schwierigkeiten bereitet, es zu lesen. Auf der Frankfurter Buchmesse vor fast zwei Jahren sprach ich mit dem Verleger des Psychosozial-Verlages, Hans-Jürgen Wirth, über sein Verlagsprogramm und kam dabei auf das Buch von Josef Christian Aigner zu sprechen. Der Titel: Der ferne Vater. Der Autor versucht hierin, die Notwendigkeit einer Vatererfahrung für den Prozess männlicher Entwicklung herauszustellen. Ich bat Hans-Jürgen Wirth, das Buch kurz selbst vorzustellen:

O-Ton Hans-Jürgen Wirth, Oktober 2001:

Also, die Quintessenz ist, daß es für Söhne insbesondere dann problematisch ist, wenn die Väter schwach sind und wenn sie nur sporadisch auftauchen und wenn sie nicht richtig greifbar sind. Also weniger, wenn sie gar nicht da sind, dann läuft's sehr häufig besser, weil dann entweder Ersatzväter auftauchen oder die Jugendlichen und Kinder sich Ersatzväter selbst suchen, oder daß die Mütter sozusagen eben beide Funktionen erfüllen. Problematischer ist es, wie gesagt, dann, wenn die Väter sporadisch auftauchen und innerlich haltlos sind und eventuell auch in der Erziehung dann zu Gewalt neigen oder versuchen, dann wenn sie kurz auftauchen, sozusagen mit kurzen Aktionen etwas auszugleichen, was sie eigentlich besser durch dauerhafte Präsenz machen sollten.
Frage:  Brauchen Kinder Väter?
Ja! [Pause] Kinder brauchen Mütter und Kinder brauchen auch Väter. Das heißt nicht, daß diese Kinder von Alleinerziehenden unbedingt verwahrlosen müssen oder unter total ungünstigen Bedingungen aufwachsen. Aber grundsätzlich braucht jeder Mensch Eltern, er wird durch Eltern geboren, der Mensch ist, wenn er auf die Welt kommt, extrem hilflos, extrem unfertig, also wenn man das vergleicht mit anderen Säugetieren, die sind schon in kurzer Zeit relativ selbständig. Der Mensch ist extrem abhängig, er muß sich erst entwickeln und deswegen braucht er Elternfiguren, das müssen nicht die leiblichen Eltern sein, aber er braucht Elternfiguren, die ihn soweit bringen, daß er überhaupt eine Persönlichkeit entwickelt. Wobei im übrigen der Mensch doch auch ein Wesen ist, daß auch im Erwachsenenalter immer fundamental auf sozialen Kontakt, auf wechselseitige Anerkennung, auf Zuneigung, letztlich auf Liebe angewiesen ist.

Gerade diese emphatische Ja! - Kinder brauchen Väter - ist bei mir hängen geblieben. Ich sehe das nämlich anders, weil ich Männer aufgrund ihrer gesellschaftlichen Sozialisation und ihrer damit verbundenen patrirachalen Rolle nicht für übermäßig kompetent halte, eine Vaterrolle zu übernehmen, die Kindern das gibt, was sie brauchen: Zuneigung, unendlich viel Geduld, Vertrauen, Liebe. Josef Christian Aigner hat, manchmal ohne es zu wollen, manchmal durch klare Worte, mich oftmals in meiner Vorstellung bestärkt, mitunter jedoch auch Vorstellungen entwickelt, wie es doch - und zwar anders - gehen kann.

 

Der ferne Vater

Josef Christian Aigners Zugang zu Männern als Väter und ihrer Bedeutung für Kinder ist ein psychoanalytischer. Ich habe mich allerdings erst einmal durch dieses Buch durchbeißen müssen, um herauszufinden zu können, daß Aigner einen psychoanalytischen Gedankengang entwickelt, der die gesellschaftlichen Grundbedingungen nicht ausblendet. Er weist darauf hin, daß jede psychische Disposition zu einem bestimmten Verhalten ökonomischer oder politischer Umstände als Auslöser bedarf, damit sie sich individuell oder auch massenhaft äußern. Das heißt - Gewalt [6], Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit oder auch die derzeitige Debatte um Generationengerechtigkeit mit ihren unappetitlichen Auswüchsen  , all dies kann nur dann zum Tragen kommen, wenn innerhalb der Gesellschaft hierfür die Grundlagen gegeben sind. Wir können uns dann ausmalen, was das heißt - eine Gesellschaft, deren Grundstrukturen Gewalt, Rassismus, Frauenhaß oder Schulversagen geradezu treibhausmäßig fördert. Doch Aigners sehr präzise Ausführungen lassen hieran keinen Zweifel. Und mehr noch: diese Dispositionen werden hierdurch unverarbeitet an die nachkommenden Generationen weitergegeben.

Hans-Jürgen Wirth hat es schon angedeutet: zumindest für die Sozialisation von Jungen ist die Bedeutung eines Vaters nicht zu unterschätzen. Zwar legt es Aigners Buch auch nahe zu sagen: besser kein Vater als einer, der seiner Verantwortung nicht gerecht wird. Doch es stellt sich dann die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten ein solcher idealer Vater besitzen sollte. Ganz sicher ist es so, daß das herkömnliche Geschlechterverhältnis damit über den Haufen geworfen würde. Väter, die sich aktiv, kontinuierlich und verläßlich an der Erziehung beteiligen, die auch die Drecksarbeit machen und nicht nur an den Glücksmomenten interessiert sind, solche Väter sind selten anzutreffen. Aigner stellt hierbei klar heraus, daß die wenigen in der Literatur geradezu als Vorzeigeväter herausgestellten alternativen Väter einfach nicht repräsentativ sind. Väteraufbrüche gehen eher ins Leere und kompensieren dabei eigene Mangelerfahrungen, als daß sie wirklich alternative Geschlechterbeziehungen verwirklichen. Nein - machen wir uns nichts vor: Die realen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte sind andere. Und die zunehmende Neoliberalisierung auch von Gesellschaftlichkeit läßt Familienstrukturen, Geschlechterrollen und Sozialisationserfahrungen nicht unberührt. In Zeiten verstärkter Auflösung aller gesellschaftlicher Strukturen ist das konservative Festhalten an tradierten und auch idealisierten Familienstrukturen zwar verständlich, aber absurd. Wenn dieses konservative Muster jedoch politisch vereinnahmt wird, dann handelt es sich um Ideologie mit dem Ziel der Festschreibung männlicher Macht.

Nur hilft das den Kindern nicht. Der große Mangel an Josef Christian Aigners Buch Der ferne Vater liegt jedoch darin, daß er sich um das wohlbehütete Erwachsenwerden von Jungen weitaus mehr Gedanken macht als um die Mädchen. Das Problem ist ihm bewußt. Er stellt es auch als einen dunklen Fleck der psychoanalytischen Theorie fest. Diese Theorie ist meist eine Theorie von Männern über Männer für Männer - Frauen werden meist abgewertet oder gar nicht erst wahr genommen. Erstaunlicherweise trifft dies jedoch auch für die Rolle von Männern als Väter zu. Zu vermuten wäre, daß dieser blinde Vaterfleck etwas damit zu tun haben könnte, daß bei einer genaueren Betrachtung dessen, was Väter ausmacht, einige unangenehme Dinge über die Gesellschaft und ihre gesellschaftspolitischen Grundlagen thematisiert werden müßten. Insofern ist Aigners Buch Der ferne Vater ein notwendiges Korrektiv. Zu wünschen wäre, daß dieses Buch ergänzt werden würde durch eine fundierte politisch-psychoanalytische Studie, die darlegt, wie aus Mädchen Frauen gemacht werden, die dem patriarchalen Selbstbild der Gesellschaft entsprechen.

Hier kann ich vorerst nur - ohne es bisher selbst gelesen zu haben [7] - auf das ebenfalls im Psychosozial-Verlag erschienene Buch von Christa Rohde-Dachser mit dem Titel Expedition in den dunklen Kontinent verweisen. Christa Rohde-Dachser untersucht hierin die Rolle der Weiblichkeit im Diskurs der Psychoanalyse. Wichtig ist hierbei festzustellen, daß die Psychoanalyse seit Sigmund Freud dazu neigt, Väter zu entschulden und Mütter für Sozialisationsdefekte verantwortlich zu machen.

Mütter und Väter sind gleichermaßen, aber verschieden, notwendig, um heranwachsenden Kindern sowohl Halt zu geben wie auch Grenzen zu setzen. Ohne mich in die Feinheiten der psychoanalytischen Ödipus-Theorie zu begeben, sei hier festgehalten, daß Kinder den Konflikt brauchen, um sich nicht nur ihrer selbst, sondern auch der Verläßlichkeit ihrer Umwelt zu vergewissern. Kinder, denen keine Grenzen gesetzt worden sind, oder Kinder, die der Gleichgültigkeit ausgesetzt wurden, müssen sich entweder mühsam selbst ihre Grenzen erarbeiten oder ihrer Wut darüber, vernachlässigt worden zu sein, Ausdruck verleihen.

Kinder von alleinerziehenden Müttern und manchmal auch Vätern müssen keineswegs schlechtere Bedingungen vorfinden. Aigner stellt klar heraus, daß es nicht die Mütter sind, die ihren Kindern wenig Chancen lassen, sondern das Umfeld. Denn die meisten alleinerziehenden Mütter haben relativ wenig finanzielle Ressourcen zur Verfügung - und dies ist dann weitaus mehr als die Enge einer Mutter-Kind-Zweierbeziehung dafür verantwortlich, daß Kinder in Schule und Beruf schlechtere Karten haben. Rabenmütter können zudem sogar die für die Entwicklung des Kindes besseren Mütter sein.

Fehlende oder verloren gegangene Väter, sei es durch Scheidung oder einen Todesfall, lassen sich ersetzen. Ersatzväter können genauso wichtig werden wie herbei imaginierte Väter, die sozusagen in der Phantasie wertvolle Lebenshilfe geben können. Leider vergibt sich Aigner, der ja die Notwendigkeit einer verantwortungsbewußten Vaterschaft begründen will, hier die Chance, sein Modell radikal zu erweitern. Wenn er schon feststellt, daß auch Kinder mit nur einem Elternteil gute Entwicklungschancen haben, sofern ein anderer Dritte oder auch eine andere Dritte hinzukommt, um wieviel mehr Potential steckt in einer Welt, in der Kinder mehrere Bezugspersonen haben, die weder leiblicher Vater noch leibliche Mutter sein müssen! Wenn das nämlich richtig ist, was Aigner an verantwortungsbewußter Verläßlichkeit herausstellt, dann sollte es eigentlich keine Rolle mehr spielen, welches Geschlecht die Bezugspersonen haben. Und warum müssen es zwei sein?

Ausdrücklich weist er ja darauf hin, daß Untersuchungen zufolge auch eine gleichgeschlechtliche Beziehungsstruktur ohne Mütter (also eine Homo-Ehe) absolut kein Problem darstellen muß. Vielleicht zeigt sich der Mangel darin, daß die geschlechtsspezifische und ödipuskomplizierte Sozialisation von Mädchen weitgehend ausgeblendet bleibt.

 

Entgrenzung als Konsequenz

Ich möchte kurz noch einige Punkte anreißen, die Aigner in seinem Buch Der ferne Vater vertiefend behandelt. Ein derart vielschichtiges Buch mit mehr als 400 Seiten innerhalb dieser Sendung in all seinen Facetten darzustellen, ist ohnehin unmöglich. Daher schon einmal vorab der Hinweis darauf, daß ich eine eigene Lektüre dieses Buches nur empfehlen kann, selbst wenn ich im einzelnen einmal anderer Meinung sein sollte.

Was bringt die Philipp Mißfelders dieser Republik dazu, derart wurstig den Generationenvertrag aufzukündigen? Josef Christian Aigner spricht neben dem bekannten Ödipus-Komplex auch von einem Laios-Komplex. Laios war der Vater von Ödipus und wurde von seinem Sohn erschlagen. Dazu Aigner:

Man könnte also im Zusammenhang mit der [...] Entwertung von Autorität und Alter durch den gesellschaftlichen und technologischen Wandel auch von einer unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen durchaus berechtigten Angst der Väter vor den Söhnen - verschärft noch angesichts des Brüchigwerdens des Generationenvertrages - sowie einem daraus folgenden väterlichen Vergeltungsbedürfnis sprechen. Auch die alternativen Ödipus-Interpretationen beinhalten dieses Konfliktelement, beginnt die tragische Geschichte doch damit, daß es ja Laios war, der die Feindseligkeiten gegen den Sohn eröffnete, indem er dessen Ermordung unmittelbar nach der Geburt anordnete [...].
Übertragen auf unsere Situation würde das bedeuten, daß neben der einseitigen Aufgabenüberantwortung an die Mütter sich die Väter oft jeglicher eigenständiger Auseinandersetzung mit den Söhnen (Kindern) entzögen, wodurch deren unbewußte Phantasien gegen den Vater die Situation erst recht brisant und "gefährlich" machen würden!
Was wir hier vor uns haben, kann auch als institutionalisierte Nicht-Anerkennung des Kindes durch den Vater verstanden werden, die im Prozeß des Erwachsenwerdens und des An-seine-Stelle-Tretens tödliche Rivalität herausfbeschwört, vor der die Vätergeneration mit einigem Recht zunehmend in Panik gerät. Die Auseinandersetzung gipfelt dann unbewußt in einem subtilen Generationenkampf. [...]
Korrespondierend dazu können wir auch Tendenzen beobachten, die man als eine Art "Rache" der Söhne- (und zunehmend auch Töchter-) Generationen an jenen Vätern, die es erst so weit kommen haben lassen, interpretieren kann. Immer wieder beschleicht einen etwa in den Diskussionen um die Sicherung der Renten- und Pensionszahlungen das Gefühl, als ob "die Alten", die - so "die Jungen" - nicht nur viel geleistet, sondern auch ganz schön "abkassiert" hätten, nun "selbst sehen müßten, wie sie zurechtkommen"! Diese Tendenzen könnten einen unbewußten Akt des Revanchismus gegenüber jenen signalisieren, die unsere Zivilisation zu einem unsicheren Gebilde gemacht haben, als das sie bei vielen, insbesondere jungen Menschen, heute empfunden wird [...]. [8]

Das erklärt vielleicht auf einer psychologischen Ebene das Motiv, aber nicht die Gnadenlosigkeit, mit welcher der Generationenvertrag, der ohnehin nur eine eingebildete Bismarck'sche Flause war, aufgekündigt wird. Natürlich liegen dem ökonomische Motive zugrunde - und vielleicht ist es die Gewalt der Neoliberalisierung, die sich hier austobt.

Aigner vermutet, daß die gesellschaftlichen Tendenzen zu immer weiterer Auflösung hergekommener Strukturen begleitet werden von Zeitmangel, Gleichgültigkeit oder einer Monetarisierung der Eltern-Kind-Beziehung. Das muß kein Versagen der Eltern sein, weil es notwendige Begleiterscheinungen einer immer verrückter werdenden Welt sein können. Doch was dies für die Sozialisation heranwachsender Menschen bedeutet, versucht Aigner in einer Form des narzißtischen Charakters wiederzufinden, der grenzen- und haltlos ist und dabei seine Mitmenschen instrumentell scheinbar emotionslos zum eigenen Vorteil benutzt. Dieses Verhalten geht einher damit, jede Autorität anzuerkennen, ist also zutiefst autoritär geprägt. Die mangelnde Beachtung, aber auch Achtung, kann sich verschieden ausdrücken: durch Gewalt, Frauenhaß, Rassismus. Mir geht es hier um den Aspekt, der die Gnadenlosigkeit der kleinen Arschlöcher erklärt.

In einer Welt nämlich, in der sich moralisches Verhalten nicht auszahlt, wird gleichzeitig darauf verzichtet, schmerzhafte Grenzsetzungserfahrungen zu erleben. Es scheint so, als lassen es die heutigen gesellschaftlichen Strukturen vermehrt zu, sich vor der Auseinandersetzung mit der Realität zu drücken. Man, weniger noch frau, denn es ist ja eine patriarchale Welt, setzt sich eine eigene Realität, hemmungslos. Dazu Josef Christian Aigner:

Denkt man diese "Logik des Über-Ichs" als einer im Zusammenleben in zivilisierten Gesellschaften immer stärker notwendigen psychischen Selbstkontroll-Instanz [...] konsequent weiter, dann müßten sich überall, wo diese Über-Ich-bedingte Selbstkontrolle durch verschiedenste sozialisatorische Prozesse labilisiert wird, verstärkt Gewaltdurchbrüche und andere Entgrenzungen von Triebunterdrückung zeigen. Es müßten sich bei weitgehendem oder partiellen Ausfall dieser inneren Selbstregulierungen das Ausmaß der Hemmung oder Milderung von Gewalt- und Affektausbrüchen senken und verstärkt offene Gewalt zutage treten. [9]

Das müssen jedoch keine Skinheads sein. Das kann auf jeder Ebene dieser Gesellschaft zutage treten - nicht zuletzt dann, wenn es um die Neuverteilung des im Übermaß vorhandenen gesellschaftlichen Reichtums geht. Da die Arschlöcher aber nie genug kriegen können und schon gar nicht abgeben wollen, sind sie die perfekten Handlanger einer Politik, die auf die vollkommene Zerschlagung vorhandener sozialstaatlicher Elemente zielt. Der Neoliberalismus frißt also auch seine Kinder und tötet seine Eltern. Aber so ist das eben im Kapitalismus.

Spannend fand ich einen Gedankengang, der die Rolle des Vaterhasses mit immer noch beobachtbarem Antisemitismus in Zusammenhang bringt - ein Gedankengang, der allerdings nur psychoanalytisch verständlich ist. Verkürzt gesagt, geht es darum, daß die Juden als monotheistische Erstlinge das Vatermonopol besitzen. Dieser Vater wird gleichzeitig gefürchtet und gehaßt, und kann als vollständig kastriertes Wesen ohne Gefahr und Schuldgefühle getötet werden. Mit der Landnahme in Palästina und der Gründung des Staates Israel hätten die Juden psychoanalytisch gesprochen ihren Phallus gefunden, weshalb der Antisemitismus zwar nicht beseitigt, aber sich im Ton verändert habe, zumindest im Vergleich zur Zeit vor 1948. Weiter gedacht heißt das aber auch, daß die Kritik an der jüdischen Besiedlung Palästinas auch die Wut darüber ist, daß der Vater sich der gefahrlosen Tötung entzogen hat.

Was sind jedoch die Schlußfolgerungen aus all dem? Nun, sicher eine Gesellschaft, die nicht nur Väter wieder zuläßt, sondern neue familiäre Formen des Zusammenlebens aktiv fördert, die Kindern ihre Wichtigkeit zugesteht und die wesentlich partnerschaftlicher ist als im allseits bekannten patriarchalen Rahmen. Allerdings ist das nicht diese Welt - der Kapitalismus scheint ohne Patriarchat nicht existieren zu können. Allerdings sagt auch Aigner, daß hier Skepsis angeraten ist:

Ein System, das einerseits ein nie dagewesenes Ausmaß an rationaler Weltbeherrschung vorantreibt und andererseits von dem expandierenden Entschädigungssystem für die dabei erlittenen Ängste und Sehnsüchte in Form ausufernden Konsums und grenzenloser Kompensation profitiert, wird eine egalitäre Geschlechterordnung und die aus ihr resultierenden Veränderungen der Persönlichkeitsentwicklung als dysfunktional abzustoßen versuchen. [10]

Deswegen werden bis heute Frauen, die dieses andere Geschlechterverhältnis und somit auch einfach Respekt einfordern, immer noch als Hexen verfolgt. Da wir nicht mehr im Mittelalter leben, werden sie nicht mehr verbrannt, zumindest nicht in Deutschland, aber dafür weiterhin stigmatisiert und ausgegrenzt. Schuld sind nämlich immer die Frauen - und Josef Christian Aigner gehört zu den wenigen Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern, die sich hiervon klar abgrenzen. Ein wichtiger Grund mehr, sein Buch über Vatererfahrung, männlicher Entwicklung und negativem Ödipuskomplex zu lesen.

Das Buch Der ferne Vater ist 2001 im Psychosozial-Verlag erschienen und kostet 35 Euro 50.

 

Die Last des Schweigens

Ein vollkommen anderes Buch hat 1989 der israelische Psychologe Dan Bar-On vorgelegt. Seine Gespräche mit Kindern von NS-Tätern faßte er unter dem Begriff Die Last des Schweigens zusammen. Als Psychologe war er in Israel damit befaßt, die Traumata von Überlebenden der Shoah, aber auch die Traumata der Kinder von Überlebenden zu behandeln. Dabei stieß er auf diese Last des Schweigens, auf eine Mauer. In einem Gespräch mit dem Südwestrundfunk sagte er dazu 2002:

Auszug aus dem Interview, SWR 2, 14. April 2002, 14.05 Uhr

Das Schweigen ist ein Mechanismus, das die Nachwirkungen immer eine Generation weiter führt, mindestens. Viele Überlebende haben zuerst gedacht, wir schweigen und befreien unsere Kinder. Und erst viel später kamen sie zu dem Verständnis, daß das Schweigen genau das umgekehrte macht. Es befreit nicht die Kinder, es belastet die Kinder. Ich beschreibe es manchmal so durch diesen Doppelmauer-Effekt: daß die Überlebenden ihre Mauer aufgebaut haben zwischen ihrem heutigen Leben und ihren Erfahrungen in der Shoah. Und die Kinder haben die Mauer gefühlt und ihre eigene Mauer gegenüber aufgebaut. Und wenn man irgendwo mal später ein Fenster öffnen wollte, hat er meistens die Mauer von der anderen Seite getroffen. Es gibt sehr wenige Gelegenheiten, wo sich Fenster öffnen in beiden Mauern am selben Platz und in derselben Zeit.

Dan Bar-On kannte also die psychologischen Mechanismen aus seiner israelisch-jüdischen Erfahrung. In den 80er Jahren begann er sich zu fragen, was mit den Kindern der Nazi-Täter geschehen sei. Eine seiner Patientinnen sagte ihm: "Frag sie, ob sie in ihren Träumen immer noch töten wollen, so wie ich in meinen sterben möchte." Um die Antwort vorwegzunehmen, nein, viel mehr beschäftigt sie eine Schuld, die gar nicht die ihre ist.

Dan Bar-Ons Interviewband erschien 1993 erstmals auf Deutsch und wurde drei Jahre später noch einmal aufgelegt. Es ist der Körber-Stiftung in Hamburg zu verdanken, daß dieses wichtige Buch wieder verfügbar ist, und das zudem zu einem geradezu unglaublich günstigen Preis von 14 Euro. Ich betone das deshalb, weil es leider nicht selbstverständlich ist, daß gute und vor allem sich emanzipatorischen Zielen verpflichtete Literatur allgemein zugänglich gemacht wird. Auch und gerade im Kapitalismus sind gute Bücher meist diejenigen, die sich nicht so gut verkaufen, und daher für die meisten Menschen nicht erschwinglich sind.

Die Schwierigkeiten dieses Buches sind ganz andere. Man und frau muß Zeit und Geduld mitbringen, Empathievermögen und Neugier. Andererseits liest es sich auch spannend, weil Dan Bar-On eine Interviewtechnik anwendet, bei der die Interviewten nie in die Verlegenheit kommen, befürchten zu müssen, vorgeführt zu werden. Und Dan Bar-On zeigt, daß auch er Gefühle hat, und er bringt mehr als einmal zum Ausdruck, daß es nicht leicht ist für ihn, in das Land der Täter zu reisen, um mit den Nachkommen der Täter zu reden.

Einige Leute fragen vielleicht, [so meint er,] warum sich mit den ungelösten Angelegenheiten der Vergangenheit beschäftigen, wenn die Gegenwart uns so viele dringliche neue Fragen aufgibt? Wir müssen lernen, beides zu bewältigen, [antwortet er] darauf. Denn wenn wir uns nur auf das eine ohne das andere konzentrieren, werden wir die Welt, in der wir leben, nicht verstehen können und nicht begreifen, woher wir kamen und wohin wir uns bewegen. [11]

Die Kontaktaufnahme war alles andere als leicht. Eine Zeitungsannonce führte zu ersten Gesprächen; und die ersten Interviewteilnehmer übergaben weitere Adressen an Dan Bar-On. Was er suchte, war herauszufinden, wie Kinder von Nazi-Tätern, also nicht einfachen Mitläufern, in ihren Familien mit der Vergangenheit ihrer Väter konfrontiert wurden. Oftmals mit Schweigen; ja eine Tochter erfuhr erst bei der Verhaftung ihres Vaters fast zwei Jahrzehnte danach von dessen Vergangenheit.

Manche hatten schon angefangen, ihre Vergangenheit zu erforschen und manche begriffen, daß sie sich der Vergangenheit stellen mußten, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Dan Bar-On traf dabei unterschiedliche Typen an. Aber überraschenderweise wurde er selten von seinen Interviewpartnerinnen und -partnern abweisend behandelt. Klar, es ist nicht einfach, ausgerechnet mit einem Israeli darüber zu reden, worüber man und frau mit noch niemandem und keiner gesprochen hatte. Aber vielleicht ging es gerade deshalb, weil er ein Außenseiter war.

Ja, es war in der Tat eine Last des Schweigens. Und es war für manche geradezu befreiend, darüber reden zu können, sich öffnen zu können. "Keine Geheimnisse mehr!", äußerte einer, als er gebeten wurde, an einer Tagung teilzunehmen.

Wenn wir einmal kurz nachdenken und uns überlegen, wieviele Täter - kleine und große - es in den Jahren 1933 bis 1945 gegeben hat, wieviele Taten in den eigenen Familien verschwiegen wurden und was dies für Kinder, die durchaus empathisch dafür sind, wenn ihnen etwas vorenthalten wird, was dies für diese Kinder bedeutet haben mag - dann zeigt uns Dan Bar-On eigentlich nur die Spitze eines Eisberges. Verdrängtes, nicht Bearbeitetes und damit auch irgendwie an nachkommende Generationen Weitergegebenes. Die Last des Schweigens.

Bemerkenswert sind so manche Aussagen. Gegen dieses allgemeine Davon haben wir doch nichts gewußt setzt einer, dessen Vater ganz offensichtlich eine Menge gewußt haben muß, die Aussage:

Ich bin mit Schuldzuweisungen überall sehr vorsichtig, obgleich ich natürlich auf der anderen Seite sagen muss, dass man dieses absolute Verbrechen, diese Abgründe menschlicher Unmenschlichkeit nicht wegrationalisieren und nicht verpsychologisieren kann, sondern da ist ganz sicher Schuld. Und ich glaube, wenn so etwas passiert, dass der Mensch sich auch bewusst ist, dass er in Schuld sich nicht nur verstrickt, sondern dass er etwas Schuldhaftes begeht. Ich glaube, dass der Mensch niemals so unfrei ist, dass er etwas Schuldhaftes tun müsste; sondern Verantwortung setzt den Begriff der Freiheit voraus. [12]

Bemerkenswert ist auch die Normalität des Bösen, die sich in den Interviews herausschält. Es sind keine Psychopathen, die als Nazis die Welt unsicher gemacht haben, sondern - wie Daniel Goldhagen es genannt hat - ganz normale Deutsche. Einer von Dan Bar-Ons Interviewpartnern stellt dann auch die Frage: wenn das Böse so normal ist, kann es dann wiederkehren? Vielleicht würde Josef Christian Aigner darauf antworten: Ja, wenn die gesellschaftlichen Umstände den Auslöser bereit stellen.

Die Kinder der Täter mußten bis zu Dan Bar-Ons Interview 40 Jahre später irgendwie mit ihrer Vergangenheit klarkommen. Einige versuchten,

ihr Leben in einer Gesellschaft zu leben, die es 40 Jahre lang vermieden hat, ihre Vergangenheit zu bewältigen. Sie wollen eine Anerkennung ihres Dilemmas; gleichzeitig wünschen sie, dass es vergessen wäre. Nachdem sie durch die Überzeugungen und Entscheidungen ihrer Eltern in den Strudel eines Dramas gezogen worden sind, das unaussprechliche Gräueltaten zur Folge hatte, wünschen sich nun alle [...] ein ruhiges Leben. [13]

Ein anderer bekam mit, daß seine Eltern beredeten, sich bei Kriegsende umbringen zu wollen. Er weigerte sich jahrelang, zu Hause zu essen, befürchtete, vergiftet zu werden. Er

wird von Ängsten verfolgt, die man nicht als unrealistisch betrachten kann, vor allem, weil sein Sohn Selbstmord begangen hat: "Bin ich auch ein Täter?" [fragt er sich]. [14]

Vieles mag subjektiv an den Interviews sein, nicht verallgemeinerbar. Und doch scheint es so zu sein,

dass das Dilemma der Kinder von Tätern ein unaussprechliches Thema bleibt. Wenn heute in Deutschland so heftig darüber gestritten wird, was in die kollektive Erinnerung gehört, so scheint es, dass die Täter-Kinder eine unglückliche Mahnung an die Last der Vergangenheit statt eine Quelle der Wahrheit darstellen. Die deutsche Gesellschaft bevorzugt eine angenehmere Geschichte, bequemere Illusionen. Es überrascht nicht, dass die Befragten von einer allgemeinen Erfahrung von Einsamkeit und Isolation sprechen. Von Täter-Kindern wird erwartet, dass sie mit ihrer Situation allein fertig werden. [15]

Gibt es dennoch einen Unterschied zwischen der Last des Schweigens bei Kindern der Überlebenden der Shoah und den Kindern der Täter? Dazu Dan Bar-On:

Erstere hatten den Auftrag des biologischen Überlebens; Letztere scheinen zu befürchten, sie würden einen "schlechten Samen" weiterreichen. [16]

 

Ein Traum der Hoffnung

Dan Bar-On erzählt einen Traum [17]. Nachdem er mit dem Sohn eines Täters und dessen jüdischer Frau geredet hat, träumt er davon, wie es wäre, wenn die Kinder der Überlebenden und die Kinder der Opfer von sich und dem, was ihnen angetan wurde, miteinander reden würden. Geht das? Ja, und das ist eine andere Geschichte, eine der wenigen, die deutlich machen, daß es im kapitalistischen Irrsinn nicht nur Menschlichkeit, sondern auch Hoffnung gibt. Eine solches Diskussionsforum entstand wirklich, und daran zeigt sich, daß ein Dialog möglich ist. Einen Teil des Gruppenprozesses, der durchaus auch auf andere Gelegenheiten oder Auseinandersetzungen anwendbar wäre, beschreibt Dan Bar-On so:

Die meisten Teilnehmer waren in der Lage, einen erträglichen inneren Dialog mit dem potentiellen Opfer in sich zu führen. Beiden, den Nachkommen der jüdischen Opfer und den Nazi-Kindern, fiel das leicht. Viel schwerer war es jedoch für beide Seiten, einen offenen Dialog mit dem potentiellen Täter in sich herauszuarbeiten und darauf einzugehen, ja, gar die Opfer- und die Täterelemente ihrer eigenen Identität miteinander »ins Gespräch« zu bringen. Man könnte nun freilich fragen, warum sollten die jüdischen Gruppenmitglieder mit dem Täter in sich selbst ringen? In der Gruppe waren tatsächlich Teilnehmer, die sich diese Fragen stellten, entweder weil sie Militärdienst leisteten (israelische Männer) oder wegen ihrer Beziehung zu ihren Kindern. Es wurde schließlich deutlich, daß die meisten [...] Mitglieder beide Rollen potentiell in sich trugen. Erst als sie ihr eigenes Täterpotential eingestanden und mit »ihm« einen Dialog zuließen, konnten sie dessen Einfluss in späteren, unerwarteten Situationen kontrollieren. Nachdem die meisten sich dessen bewusst geworden waren, konnte ein anderes Thema seinen Platz finden: Was bleibt übrig, wenn wir beide Rollen - die des Opfers und die des Täters - in uns akzeptiert haben und sie loslassen können? Sie fragten sich: "Wer sind wir, wenn wir nicht ausschließlich durch eine dieser beiden Rollen bestimmt sind?" Um diese Fragen zu beantworten, musste ein neuer Prozess der Identitätsbildung entstehen, der nicht auf der Negation »des Anderen« beruhte oder sich ganz auf das Opfer in einem verließ. [18]

Es entstand eine Gruppe, die sich den Namen To Reflect and Trust gab - Nachdenken und Vertrauen. Sie traf sich alljährlich und öffnete sich Ende der 90er Jahre auch für Konfliktparteien in Südafrika, Nordirland und Palästina. Und gerade für Palästina zeigte sich die Begrenztheit eines Ansatzes, der durchaus in der Lage sein könnte, zumindest auf einer individuellen Ebene Vorurteile und Haß abzubauen. Doch was ist Vertrauen wert, was das gegenseitige Geschichtenerzählen, um begreifbar zu machen, was einer oder einem selbst angetan wurde, wenn die materiellen Bedingungen himmelschreiendes Unrecht sind?

Es reichte den Palästinensern nicht mehr, lediglich die israelischen Juden zu treffen und sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Sie wollten eine Veränderung am Ort, bevor sie wieder die Geschichten der anderen anhörten oder ihre eigenen erzählten. [...] Sobald die Diskrepanz zwischen dem Gruppenprozess und der rauen Wirklichkeit eine Schwelle überschritten hat, stößt der Prozess an seine Grenzen und verliert seinen heilenden Effekt. [19]

Dan Bar-On sieht hier durchaus den von ihm nicht beabsichtigen Zynismus einer Situation, in der miteinander geredet wird, während gleichzeitig den Menschen in der Westbank und im Gaza-Streifen die Lebensgrundlage entzogen wird. Er kann nur darauf hoffen, daß die materiellen Verhältnisse eine neue Basis des Vertrauens ermöglichen.

Die Last des Schweigens ist ein beeindruckender Interviewband auf der Grundlage von Gesprächen, die der israelische Psychologe Dan Bar-On mit Kindern von NS-Tätern geführt hat. Dankenswerter Weise hat die Körber-Stiftung diesen Band neu aufgelegt, er ist in der edition Körber-Stiftung zum Preis von 14 Euro erhältlich.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte -

heute mit zwei unterschiedlichen Analysen zur Bedeutung von Vätern.

Josef Christian Aigner untersucht in seinem Buch Der ferne Vater psychoanalytisch den Zusammenhang von Vatererfahrung, männlicher Sozialisation und negativem Ödipuskomplex. Das Buch ist im Psychosozial-Verlag erschienen und kostet 35 Euro 50.

Von der Last des Schweigens berichtet Dan Bar-On in seinem Interviewband auf der Grundlage von Gesprächen mit Kindern von Nazi-Tätern. Dieser Band ist in der edition Körber-Stiftung in erweiterter Fassung neu aufgelegt worden; er kostet 14 Euro.

Wer mehr zu dem Prozeß des Nachdenkens und Vertrauens wissen möchte, die oder den verweise ich auf den von Dan Bar-On herausgegebenen Band Den Abgrund überbrücken, der ebenfalls in der edition Körber-Stiftung erhältlich ist. Auch dieser Band kostet 14 Euro.

Diese Sendung wird für alle diejenigen, die erst später zugeschaltet haben, am Dienstag um Mitternacht, am Dienstagmorgen direkt nach dem Radiowecker ab 8 Uhr und noch einmal am Dienstagnachmittag um 14 Uhr wiederholt. Fragen, Anregungen oder Kritik könnt ihr wie immer meiner Voice-Mailbox bei Radio Darmstadt anvertrauen; die Telefonnummer lautet (06151) 87 00 192. Oder ihr schickt mir eine Email an kapitalverbrechen@alltagundgeschichte.de. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Die GRÜNE Partei hat die Betroffenheitsheuchelei als Arbeitsteilung zwischen Moral und Realpolitik geradezu perfektioniert. Hierbei beispielgebend war das Verhalten der grünen Bundestagsfraktion in der Abstimmung zur Vertrauensfrage des Bundeskanzlers am 16. November 2001. Ein Teil dieser hochmoralischen Abgeordneten wälzte melodramatisch ihr beunruhigtes Gewissen, um dann aber pflichtgemäß dem Töten von Bimbos zuzustimmen. Siehe dazu auch meine Sendung Green green grass of home vom 30. September 2002.
[2]   Pressemitteilung Nr. 303 des Statistischen Bundesamtes vom 1. August 2003: Weitere Zunahme der Lebenserwartung
[3]   Philipp Mißfelder in einem Interview im Tagesspiegel am 3. August 2003: Wer wird Ihre Rente bezahlen, Herr Mißfelder? Am 7. August 2003 legte er in einer Pressemitteilung der Jungen Union Deutschlands nach und behauptete: Es droht kein "Krieg der Generationen". Im Zusammenhang mit dem von mir in dieser Sendung eingeführten psychoanalytischen Ansatz ist es nicht unerheblich, daß die Pressekommentierung darauf hinauslief, daß diese Jungpupser auch einmal beachtet werden wollen. Die Junge Union sozusagen als die Küblböks der Politik. Sie sind nicht die einzigen.
[4]   Presseerklärung des Behindertenpolitischen Sprechers der PDS Ilja Seifert am 7. August 2003
[5]   Presseerklärung von Katja Kipping und Anja Stiedenroth vom 5. August 2003
[6]   Aigners Gewaltbegriff bleibt in diesem Buch jedoch bemerkenswert unscharf.
[7]   Ich hoffe, das Versämte in einer meiner nächsten Sendungen nachholen zu können.
[8]   Josef Christian Aigner, Der ferne Vater, Seite 321 und 323
[9]   Josef Christian Aigner, Der ferne Vater, Seite 186
[10]  Josef Christian Aigner, Der ferne Vater, Seite 367
[11]  Dan Bar-On, Die Last des Schweigens, Seite 21
[12]  Dan Bar-On, Die Last des Schweigens, Seite 196
[13]  Dan Bar-On, Die Last des Schweigens, Seite 298
[14]  Dan Bar-On, Die Last des Schweigens, Seite 299
[15]  Dan Bar-On, Die Last des Schweigens, Seite 301
[16]  Dan Bar-On, Die Last des Schweigens, Seite 303
[17]  Dan Bar-On, Die Last des Schweigens, Seite 292
[18]  Dan Bar-On, Die Last des Schweigens, Seite 312
[19]  Dan Bar-On, Die Last des Schweigens, Seite 326

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 17. Dezember 2005 aktualisiert.
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