Kapital – Verbrechen

Vergangene Werte

 

SENDEMANUSKRIPT

In der Sendung vom 9. Oktober 2006 sprach ich über den Mord an Anna Politkowskaja, den versuchten Justizmord an Mumia Abu–Jamal, einen nach Deutschland verschlagenen Don Quijote und das archäologisch faßbare frühe Christentum in Deutschland.

 

 

Sendung :

Kapital – Verbrechen

Vergangene Werte

 

Redaktion und Moderation :

Walter Kuhl

 

gesendet auf :

Radio Darmstadt

 

Redaktion :

Alltag und Geschichte

 

gesendet am :

Montag, 9. Oktober 2006, 17.00–18.00 Uhr

 

wiederholt am :

Montag, 9. Oktober 2006, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 10. Oktober 2006, 05.20–06.20 Uhr
Dienstag, 10. Oktober 2006, 14.00–15.00 Uhr

 
 

Besprochene und benutzte Bücher :

  • Anna Politkowskaja : Die Wahrheit über den Krieg, DuMont Verlag
  • Tschetschenien–Komitee : Die Hintergründe des blutigen Konflikts, Diederichs Verlag
  • Heleno Saña : Don Quijote in Deutschland, PapyRossa Verlag
  • Archäologie in Deutschland, Heft 5, September–Oktober 2006

 
 

URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_verga.htm

 

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Mord ist ihr Geschäft

Kapitel 2 : Das Ganze etwas rechtsstaatlicher verpackt

Kapitel 3 : Wo die Windmühlen stehen

Kapitel 4 : Mit der Bahn zu fahren, bildet (eine Meinung)

Kapitel 5 : Antike Parallelgesellschaften

Kapitel 6 : Schluß

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Mord ist ihr Geschäft

Jingle Alltag und Geschichte

Am vergangenen Samstag wurde in Moskau Anna Politkowskaja erschossen. Die russische Journalistin war eine energische Streiterin für Wahrheit und Gerechtigkeit und sie bestach mit ihren kritischen Reportagen zum russischen Krieg in Tschetschenien. Es ist zu vermuten, daß ihr ihre oppositionielle Haltung zum Verhängnis geworden ist.

Das 1999 in Paris gegründete Tschetschenien–Komitee schreibt in dem 2004 bei Diederichs übersetzt erschienenen Buch Tschetschenien – Die Hintergründe des blutigen Konflikts Folgendes über Anna Politkowskaja:

Sie ist die einzige russische Journalistin, die direkt und unzensiert aus Tschetschenien berichtet. Ihre offen antimilitaristischen Reportagen beschreiben vor allem den Alltag der Zivilisten, und strafen die offizielle Propaganda beharrlich Lügen. Dieses Engagement brachte ihr viel Ärger ein: Im Februar 2001 wurde sie vom [russischen Geheimdienst] FSB festgenommen, inhaftiert, freigelassen und dann streng isoliert, obwohl sie lediglich eine Untersuchung über die Gruben durchführte, die vom 45. Fallschirmjägerregiment in der südtschetschenischen Unruhezone Wedeno als Verwahrungsstätte für Gefangene benutzt wurden. Ein Jahr später wurde sie von den russichen Militärbehörden festgenommen, weil sie ohne die erforderliche Arbeitsgenehmigung unterwegs war. Schon im Oktober 2001 war sie gezwungen, Russland zeitweise zu verlassen, weil sie nach der Veröffentlichung eines Artikels über einen von der Armee abgeschossenen Hubschrauber Morddrohungen erhielt: An Bord des Hubschraubers befand sich der Leiter einer Untersuchungskommission des Generalstabs, General Posdnjakow, der kompromittierende Informationen über das russische Oberkommando in Tschetschenien gesammelt hatte und weiterleiten sollte. [1]

Buchcover Anna PolitkovskajaVon Anna Politkowskaja ist 2003 im DuMont Verlag das Buch Tschetschenien – Die Wahrheit über den Krieg herausgekommen. Sie schreibt darin:

Wer bin ich eigentlich? Und warum schreibe ich über den zweiten Tschetschenien-Krieg?
Ich bin Journalistin. Arbeite als Sonderkorrespondentin für die Moskauer »Nowaja Gaseta«, und das ist der einzige Grund, warum ich den Krieg gesehen habe: Ich wurde losgeschickt, um darüber zu berichten. Aber nicht, weil ich Kriegsberichterstatterin wäre und mich gut auskennen würde in diesem Metier, sondern weil ich ein ganz und gar ziviles Wesen bin. Das Kalkül des Chefredakteurs war denkbar einfach: Gerade ich als zutiefst ziviler Mensch könnte sie viel besser verstehen, die Leiden anderer zutiefst ziviler Menschen: der vom Krieg überrollten Bewohner der tschetschenischen Dörfer und Städte.
Das ist alles. […]
Natürlich habe ich Tschetschenien in alle Richtungen erkundet. Und dabei unsägliches Leid gesehen. Das Schmerzlichste aber ist, dass viele meiner Helden, über die ich in diesen zweieinhalb Jahren schrieb, jetzt bereits tot sind. So sieht er aus, dieser furchtbare Krieg.
Der mittelalterliche.
Auch wenn er sich am Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert und hier in Europa abspielt.
Der Sommer 2002 steht vor der Tür, und es ist der 33. Monat im zweiten Tschetschenien–Krieg. Schwärzeste Trostlosigkeit und keinerlei Lichtblick, was sein Ende angeht. Die »Säuberungen« hören nicht auf und gleichen massenhaften Autodafés. Folterungen sind an der Tagesordnung, Exekutionen ohne Gerichtsverhandlung Routine, Marodeursunwesen und Plünderungen eine Banalität. Die Entführung von Zivilisten durch Angehörige der Föderationstruppen, verübt in der Absicht, mit den Geiseln Sklavenhandel zu treiben, wenn sie noch leben, oder Leichenschacher, wenn sie tot sind, ist trivialer tschetschenischer Alltag. [2]

Daran hat sich auch vier Jahre später nichts wesentliches geändert. Dem Terror der russischen Armee, der Spezialkräfte des Geheimdienstes FSB und der mit ihnen verbündeten tschetschenischen Kollaborateure bzw. Warlords steht der verzweifelte Kampf zersplitterter Guerillatruppen genauso gegenüber wie die weitgehende Ohnmacht und Apathie der Zivilbevölkerung. Wladimir Putin jedenfalls konnte und kann sich der Unterstützung aller rechtschaffenen Kräfte dieser Welt gewiß sein: Gerhard Schröder, Joschka Fischer, Angela Merkel, George W. Bush.

Auch unser Oberbürgermeister Walter Hoffmann applaudierte dem russischen Präsidenten bei seinem Deutschland-Besuch am 25. September 2001 für seine herzerfrischende Rede im Deutschen Bundestag. Ich weiß ja nicht, ob es ihm nicht inzwischen ziemlich peinlich ist. Dasselbe gilt für Andreas Storm, der sich mittlerweile auf der Karriereleiter zum Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung hochgedient hat.

Wenn ich mir überlege, daß Anna Politkowskaja genauso alt geworden ist wie ich, dann muß ich mich schon fragen, warum sowohl dieses Radio wie auch ich selbst so wenig aus so viel mehr Möglichkeiten machen. Hierzulande werden allzu neugierige Journalistinnen und Journalisten von Geheimdiensten und ihren journalistischen Hilfskräften nur bespitzelt, wie der BND–Skandal Anfang dieses Jahres bewies. In anderen Teilen dieser Erde werden sie für ihren Einsatz im Dienste der Wahrheit und der Menschenrechte umgebracht.

Und doch fehlen mir ausnahmsweise die Worte, um das auszudrücken, was hier notwendig zu sagen wäre. Anna Politkowskaja würde sicherlich sagen: weint nicht um mich, sondern tut etwas, um das Morden und die Tragödie in Tschetschenien zu stoppen. [2a]

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist für die kommende Sendestunde Walter Kuhl, mit weiteren Beiträgen zu Mumia Abu–Jamal, einem Don Quijote in Deutschland und den Anfängen des Christentums am Rhein.

 

Das Ganze etwas rechtsstaatlicher verpackt

Ein anderer Kontinent, ein anderer Journalist, Mumia Abu–Jamal.

Der ehemalige Black Panther wurde am 9. Dezember 1981 in Philadelphia, USA, verhaftet und des Mordes an einem Polizisten beschuldigt. In einem typisch US-amerikanischen Schauprozeß wurde Mumia Abu–Jamal Mitte 1982 zum Tode verurteilt. Seit Anfang der 90er Jahre ist neues Beweismaterial aufgetaucht, welches darlegen kann, daß Mumia Abu–Jamal den Polizeibeamten David Faulkner nicht erschossen hat. Dennoch wurden bislang zwei Hinrichtungsbefehle unterzeichnet, deren Ausführung allein aufgrund internationalen Drucks verhindert werden konnte. In den nächsten Monaten ist mit der letztinstanzlichen Entscheidung des zuständigen Gerichtes zu rechnen, also: ob Mumia Abu–Jamal ein neues Verfahren erhält, das Todesurteil in lebenslange Haft umgewandelt wird, die Todesstrafe bestätigt wird oder er freigelassen werden muß.

Bemerkenswert ist, daß sich zwischenzeitlich nicht nur der tatsächliche Todesschütze zu Wort gemeldet hat, sondern daß auch neue Fotos vom Tatort aufgetaucht sind, die das Geschehen am 9. Dezember 1981 in ein neues Licht tauchen könnten. Der an der Universität Heidelberg lehrende Linguist Michael Schiffmann hat diese neuen Fakten zusammen mit der Geschichte Mumia Abu–Jamals in dem pünktlich zur Buchmesse im ProMedia Verlag erschienenen Buch Wettlauf gegen den Tod zusammengetragen. Sobald mir das Buch vorliegt, werde ich es in einer meiner nächsten Sendungen vorstellen.

Wichtig ist, in diesem Fall die historische Einbettung des Geschehens in die Geschichte des afroamerikanischen Widerstandes der 60er und 70er Jahre zu begreifen. Die Black Panther Party steht für den Versuch schwarzer Militanter, der afroamerikanischen Minderheit in den USA Selbstbewußtsein zu vermitteln und sie konkret in ihren alltäglichen Kämpfen zu unterstützen. In einer breit angelegten Kampagne haben Polizei und FBI im Rahmen des sogenannten Counterintelligence Program systematisch auf zumeist illegale Weise die Black Panther Party bekämpft und zerschlagen. Gezielter Mord gehörte hierbei genauso zum Programm wie mediale Denunziation und Verhaftungen nach dubiosen und nachweislich gefälschten Anklagen.

Zur Geschichte der Black Panther Party wird im Februar 2007 ein weiteres Buch von Mumia Abu–Jamal im Atlantik Verlag herauskommen, dessen Übersetzung ins Deutsche durch die Redaktion Alltag und Geschichte finanziell gefördert wurde. Es heißt we want freedom – Ein Leben in der Black Panther Party. In diesem Buch verknüpft Mumia Abu–Jamal die Schilderung seiner persönlichen Erfahrungen mit dem Ergebnis seiner jahrelangen Recherchen zur Geschichte der Black Panther Party. Er beschreibt hierbei eine Organisation, von der es in den USA heißt, sie sei eine bedeutendsten Organisationen in der neueren Geschichte der USA gewesen, auch wenn nur wenige Zeitzeugnisse von Insidern existieren. Mumia Abu–Jamal berücksichtigt zudem die besondere Rolle der Frauen an der Basis der Organisation, von denen er sagt, sie seien die tragende Säule der Partei gewesen.

Die Tageszeitung junge Welt druckt regelmäßig Kolumnen von Mumia Abu–Jamal ab, die ein sorgfältig reflektiertes Bild des Innenlebens eines nicht nur in seiner Außenpolitik terroristischen Staates ergeben. Weitere Informationen zum Stand des Verfahrens gegen Mumia Abu–Jamal finden sich auf der Internetseite www.mumia.de.

 

Wo die Windmühlen stehen

Besprechung von : Heleno Saña – Don Quijote in Deutschland, Papyrossa Verlag 2005, 273 Seiten, € 19,80

Der 1930 in Barcelona geborene spanische Schriftsteller Heleno Saña hat sich vor allem in den späten 80er und 90er Jahren einen Namen als genauer Beobachter der deutschen Realität gemacht. In seinen inzwischen fünfzehn auf Deutsch geschriebenen Büchern beleuchtet er vornehmlich die Gefühlskälte der modernen Welt. Hierbei geht es ihm jedoch nicht um einen neuen Aufguß konservativer Kulturkritik. Seine Werte sind die der Solidarität und des Kampfes gegen die ungerechten Zustände dieser Welt.

Buchcover Heleno SañaDaß er hierbei insbesondere den Deutschen ihre Unzivilisiertheit vorhält, mag daran liegen, daß er seit 1959 in Deutschland lebt und dieses Land als Migrant sehr genau wahrnimmt. Daß das deutsche Feuilleton seinen Wahrnehmungen nicht gerade offen gegenübersteht, ist hingegen wenig verwunderlich. Die Deutschen beschäftigen sich eben gerne mit sich selbst und reagieren ungemein empfindlich auf Kritik.

In seinen, wie er es nennt, autobiografischen Aufzeichnungen eines Außenseiters geht er den prägenden Fäden seines Lebens und Wirkens nach. Aufschneiderei oder Wichtigtuerei sind seine Sache jedoch nicht. Letzten Endes stehen jedoch wieder die deutschen Zustände im Mittelpunkt seines Schaffens, in der er sich selbst als Beobachter und Kommentator hineinwebt. Herausgekommen ist hierbei ein teils sehr dichtes, teils assoziativ aneinander gereihtes Buch mit dem Titel Don Quijote in Deutschland, das letztes Jahr vom PapyRossa Verlag herausgebracht worden ist.

Es war Heleno Saña nicht in die Wiege gelegt, Schriftsteller zu werden. Zwar stammte sein Vater aus einer wohlhabenden katalanischen Familie und war technischer Leiter einer Glasfabrik. Doch 1936 putschten die Generäle gegen die spanische Republik und in vielen Regionen widersetzten sich die ländlichen und städtischen Massen. Der Spanische Bürgerkrieg begann. Sañas Vater übernahm im Auftrag seiner Gewerkschaftskameraden die Leitung der katalanischen Filmindustrie.

[…] inmitten eines blutigen Bürgerkrieges haben die Arbeiter es fertig gebracht, die Industrie, die Landwirtschaft und die Dienstleistungdbetriebe mit Hilfe der fortschrittlich gesinnten technischen Kader auf die Grundlage der Selbstverwaltung umzustellen, und sie haben es mit bewundernswertem Erfolg durchgeführt. Nach der Vergesellschaftung der Wirtschaft haben die Arbeiter einen einheitlichen Lohn für alle Werktätigen festgelegt. Mein Vater verdient als Chef der Filmindustrie keine Peseta mehr als ein Hilfsarbeiter – und er findet es gerecht. [3]

Erinnert sich Heleno Saña.

Drei Jahre später siegten Francos Truppen mit der Hilfe Hitlers und Mussolinis, mit der wohlwollenden Duldung Großbritanniens und Frankreichs, aber auch durch das mörderische Treiben von Stalins Geheimdienst in den Reihen der Revolutionäre. Heleno Saña hat hierzu vor fünf Jahren in der Edition Nautilus den Band Die libertäre Revolution vorgelegt. Seine Darstellung der revolutionären Ereignisse ist nicht unwidersprochen geblieben [4] und so finden sich in seiner Autobiografie genauso wie zu seinen anderen Veröffentlichungen die positiven und die negativen Stimmen vereinigt. Aus diesem Pressespiegel kann man oder frau sich dann auch leicht ein eigenes Bild machen, was natürlich einen Blick in das jeweilige Buch in keinster Weise ersetzt.

Dem Sieg des franquistischen Regimes folgte ein mörderischer Terror, dem – so schätzen Historiker – allein bis 1945 rund 300.000 bis 400.000 Menschen zum Opfer gefallen sind [5]. Da hatte Sañas Familie noch Glück, sie lebte nur in bitterster Armut (wie viele Millionen andere Spanierinnen und Spanier auch) und der Vater, der weiterhin im Untergrund wirkte, wanderte nur in die Folterknäste der Faschisten. Und so fragt sich der Autor, ob diese Erfahrungen sein späteres Leben geprägt haben:

[…] die schmerzvollen Erfahrungen dieser schweren Jahre gaben mir eine Reife, eine innere Stärke und eine Widerstandskraft, die den meisten Menschen fremd ist, an erster Stelle den Kleinbürgern und Muttersöhnchen, die ich später in den literarischen und intellektuellen Salons und an Stammtischen immer wieder kennen lernen werde. Auch meine unbedingte Solidarität mit den Armen und Gedemütigten hängt, glaube ich, zusammen mit all dem, was ich als Kind und Jugendlicher am eigenen Leib erlebte. Das Leiden kann gewiss zum Ressentiment, zum Hass und zur Missgunst führen, aber uns auch dazu verhelfen, menschlicher zu werden, wie ich es mit mehr oder weniger Erfolg versucht habe. [6]

Und Moral, so fährt er wenige Seiten später fort, ist auch das Hauptanliegen seines Wahlverwandten Don Quijote. Doch bevor Heleno Saña den mühseligen Weg beschreitet, sich nicht von den korrumpierenden Einflüssen eines wahnwitzigen kapitalistischen Ausbeutungssystems einfangen zu lassen, wird seine Tugendhaftigkeit auf eine ernste Probe gestellt; und er berichtet auch offenherzig über seine wilde Jugendzeit, innerlich zerrissen, "auf der Suche nach Orientierung und Halt" [7].

Die Jahre im politischen Untergrund erscheinen immer nutzloser, der erträumte Volksaufstand gegen Franco findet nicht statt. Auf den letzten großen kollektiven Kraftakt, dem Generalstreik 1951 in Barcelona, folgen Apathie und Resignation. Mehr als zwei Jahrzehnte lang wird sich das franquistische Regime halten; und bis heute bleiben die Nachfolger dieses Regimes in ihren demokratischen Mänteln an der Macht.

Und wer weiß, wohin es ihn verschlagen hätte, hätte er nicht im Sommer 1958 die Frau kennengelernt, der er ein Jahr später nach Deutschland gefolgt ist und mit der er bis heute zusammenlebt. Und so kam Don Quijote unter die Deutschen.

Cervantes beginnt sein unsterbliches Werk als Häftling im Gefängnis von Sevilla zu schreiben. Ungünstiger hätte seine existenzielle Lage gegenüber der Welt nicht sein können. Überhaupt war sein Leben eine selten unterbrochene Abfolge von Rückschlägen, widrigen Umständen und aussichtslosen Sackgassen. Trotzdem ließ er sich nie unterkriegen, auch nicht während der langen Jahre der Gefangenschaft in Algier, genauso wenig wie vorher, als er in der Schlacht von Lepanto im Kampf gegen die türkische Seemacht eine Hand verlor, oder später, als er rund zehn Jahre lang aus nackter materieller Not auf seine literarische Arbeit verzichten musste. Ohne seine unbeugsame Widerstandskraft hätte es keinen »Don Quijote de la Mancha« gegeben.
Das ist das erste, was wir von ihm vielleicht lernen könnten: Widerstand zu leisten gegen alles, was uns negiert, uns von dem Imponiergehabe der Mächtigen nicht einschüchtern zu lassen, immer wieder zu lernen, den Schlägen des Schicksals zu trotzen. Ich sage dies [so schreibt Heleno Saña], weil die Menschen verlernt haben, der Automatik der Macht die Stirn zu bieten. Deshalb sind sie selbstentfremdet und seelisch krank, deshalb fühlen sie sich nicht wohl in ihrer Haut. [8]

Der Don Quijote, der hier aufscheint, mag vielleicht weltfremd sein. Er gehört zu der aussterbenden Spezies derer, die sich nicht als Homo Oeconomicus darüber Gedanken machen, wie sie sich selbst, ihren Körper, ihre Gedanken, ihre Seele auf dem Sklavenmarkt kapitalistischer Wertschätzung meistbietend verkaufen können und müssen. Deshalb muß Don Quijote auch scheitern. Denn die Welt, der er zugehört, ist nicht die Welt der in Peseten und Dollar berechneten Nützlichkeit; es ist die Welt der Menschlichkeit, der Solidarität, der Anteilnahme.

Wie Don Quijote selbst ist jeder Mensch, der versucht, sein Leben in den Dienst eines erhabenen Anliegens zu stellen, dem Spott der ewigen Besserwisser und Angepassten ausgesetzt. Die wahre Eitelkeit besteht darin, aus Furcht vor der Häme der Umwelt auf die angestrebten Ziele zu verzichten und sich den Reihen des großen Haufens anzuschließen. […] Ohne die Bereitschaft, sich zur Not restlos zu blamieren, kann man keinen großen Traum verwirklichen. [9]

Und deshalb fährt Heleno Saña an anderer Stelle fort:

Don Quijote ist zuallererst dies: ein Charakter, jemand also, der Prinzipien hat und in Wort und Tat zu ihnen steht. Auch hier bildet er das gerade Gegenteil unserer Zeit, die sich unter anderem durch die Charakterlosigkeit ihrer meisten Menschen auszeichnet. Er hat Charakter, weil er ein Individuum im vollsten Sinne des Wortes ist. Auch hier stellt er den radikalen Gegensatz zum normierten Menschen der Moderne dar. Don Quijote ist noch souveränes Subjekt, er operiert in einer vortechnischen Welt, in der die äußeren Strukturen noch nicht Besitz von der Innenwelt des Einzelnen ergriffen haben […]. [10]

Das postmoderne Denken hingegen denunziert, diffamiert, dekonstruiert all dies, "an erster Stelle [die] Revolution und [den] Kampf für eine bessere Welt" [11].

Und damit sind wir wieder in Deutschland, dem Land, dem Heleno Saña als Fremder, als Außenstehender so viel publizistische Beachtung geschenkt hat. Fragte er 1986 noch "Verstehen Sie Deutschland?", so provozierte er später mit Titeln wie "Die verklemmte Nation", "Das Vierte Reich" oder "Die Deutschen zwischen Weinerlichkeit und Größenwahn" nicht nur die intellektuelle Journaille, sondern auf seinen Lesereisen auch das zum Teil geradezu feindselige Publikum.

Und es sind nicht nur die Älteren, die ihre Aufbauleistung eines neuen Deutschland, das sich anschickt, die Welt darüber zu belehren, was es heißt, aus Auschwitz gelernt zu haben, nicht richtig gewürdigt sehen. Gerade die Jüngeren scheinen besonders anfällig dafür zu sein, wenn ihr schönes deutsches Vaterland einer herben Kritik unterzogen wird. Doch hat der Autor so unrecht?

 

Mit der Bahn zu fahren, bildet (eine Meinung)

Es sind vielleicht die vielen eingestreuten anekdotenhaften Blitzlichter, die gar keine Anekdoten sind, sondern gewiß aus den Tagebüchern von Heleno Saña stammen, die uns etwas über Deutschland und sein Wesen verraten:

Warum ganz Deutschland bereisen, um dieses Volk kennen zu lernen? Man kann Deutschland auch in einem Zugabteil erkennen. Wortlosigkeit, leere Blicke, steife Haltung. Jeder ist peinlich bedacht, dem Mitreisenden nicht zu nahe zu treten. Einer, der schon morgens seine Bierdose öffnet, ein anderer, der die unvermeidliche Bild-Zeitung liest, ein altes Ehepaar, das gemütlich den mitgebrachten Proviant verzehrt.
Allgemeiner Bierernst. Die Fahrt von Bordesholm nach Hamburg wird zu einem Lehrstück teutonischer Langweile und Kommunikationslosigkeit. Niemand wagt, den Sitznachbarn anzusprechen. Sie sitzen da wie Gefangene – Gefangene einer falschen Erziehung und der aus ihr hervorgegangenen Berührungsängste. Jeder bleibt in seinem eigenen Ich eingesperrt, unzugänglich und zugeknöpft. Es fehlte nur, dass sie ein Schild auf der Brust mit der Aufschrift »Bitte nicht stören« trügen. Aber eine solche Warnung ist eigentlich überflüssig, denn die ganze Gebärde lässt unmissverständlich erkennen, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen. War es von mir falsch oder ungerecht, sie in einem meiner Bücher die »Verklemmte Nation« zu nennen? [12]

(An dieser Stelle sei angemerkt, daß er seinen Landsleuten eine gänzlich andere Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren, unbefangener aufeinander zuzugehen, auch einfach von sich aus etwas abzugeben, zuschreibt.)

Und andererseits gibt es, so beschreibt Heleno Saña, "die tiefsitzende Fähigkeit der Deutschen, sich immer etwas vorzumachen." [13] Zu diesem Zeitpunkt, als er dies schrieb, wußte er noch nichts von der Ekstasefähigkeit deutschtümelnder Fußballparties.

Es ist merkwürdig, wie dieses Volk, das sich in der Regel verschlossen zeigt, gelegentlich von heller Begeisterung ergriffen werden kann. Aber im Grunde ist dieses vorübergehende Hochgefühl nur die logische Reaktion auf ihr sonst trauriges und ereignisloses Dasein. Während ich ihre geröteten Wangen und leuchtenden Blicke betrachte, denke ich, wie einsam sie sich danach wieder fühlen werden. [14]

Ja, man ist immer wieder erstaunt, wie eine ganze Nation sich kindlich über zwei Tore gegen die Fußballgiganten aus Georgien freuen kann. Da kommt etwas zum Vorschein, was sich auch anders mobilisieren läßt. Saña weilt 1994 zu einem Gesprächsabend in Wittenberg und verläßt sein Hotel, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Er vernimmt in der Ferne den Lärm einer Gruppe randalierender Jugendlicher. Allerdings handelte es sich hierbei nicht um ein paar Kids mit Punkfrisur, die bestenfalls geschäftsschädigend herumlungern, also eigentlich vollkommen harmlos und ungefährlich sind – und gerade deshalb der besonderen polizeilichen und medialen Aufmerksamkeit des Darmstädter Echo bedürfen [15]. Nein, hier handelt es sich um ganz normale deutsche Jugendliche. Heleno Saña fährt fort:

Auf dem Marktplatz angekommen, stellte ich fest, dass es Neonazis waren. Ich betrat eine der Telephonzellen. Kurz darauf machte einer der Randalierer die Tür auf und pöbelte mich an. Ich versuchte ruhig zu bleiben und verließ die Kabine. Auf dem Rückweg stellte ich gleich fest, dass sich auf beiden Seiten der Straße, die ich nehmen musste, um ins Hotel zu gelangen, mehrere Gestalten versammelt hatten und Naziparolen gegen Ausländer riefen. Es war sonst keine Menschenseele zu sehen. Ich dachte: das ist das Ende, Heleno, wenn sie sich auf dich stürzen, bist du tot. Ich versuchte, ruhiges Blut zu bewahren, ging mit festen, aber ruhigen Schritten die Straße entlang. Ich sah gerade aus, fühlte ihre Blicke auf mich fixiert. Es geschah nichts, sie ließen mich vorbeiziehen, ohne mich anzugreifen. [16]

Das ist das Deutschland, wie es lebt und feiert.
Ein Deutschland, in dem die Menschen Angst vor der Freiheit haben und sich lieber wegducken oder vorschreiben lassen, wie sie zu denken und zu handeln haben.
Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, kommt ihnen meist nicht in den Sinn.

Und obwohl Heleno Saña sehr pointiert argumentiert und sich kämpferisch gibt, ist er keinesfalls aggressiv.

Ich bin gewiss ein Rebell, aber dennoch das gerade Gegenteil eines geborenen Kämpfers. Ich habe mich eher widerwillig mit der Welt auseinandergesetzt, mich mehr nach innerer Ruhe und Kontemplation als nach Schlachtfeldern gesehnt. Warum habe ich mich trotzdem dem Kampf gestellt? Weil es unehrenhaft gewesen wäre, dem Kampf mit einem ehrlosen Zeitalter wie dem, das ich erlebt habe, auszuweichen.
Nur ein Träumer bin ich gewesen, und wie jeder Träumer jemand, der mit der Erfahrung der Enttäuschung und der Desiluusionierung eng vertraut ist. Zu träumen, ist in einer Welt und einer Zeit, die nur die erbärmliche, zynische Logik des »so ist es« kennt, von vornherein dem Spott der ewigen Besserwisser ausgesetzt. [17]

Nein, ein Zyniker ist er nicht geworden:

Ich bin oft müde gewesen, ich habe Phasen erlebt, in denen ich in tiefste Niedergeschlagenheit versunken war, aber ich habe nie den Ersatz des Zynismus als Rettungsanker wählen können. [18]

Das intellektuelle Gehabe, zynisch und damit zugleich affirmativ, also mit den Worten zustimmend »die Welt ist eben so« das Geschehen dieser Welt geschehen zu lassen, weil man oder frau sie ja doch nicht verändern kann, ist nicht seines. Und so kämpft er wie der Held von Cervantes mit den Windmühlen einer Welt, die so dringend nach Veränderung schreit und die gleichzeitig so gnadenlos dem Diktat des Wertes, der Waren und des Geldes unterworfen wird. Und die Menschen einer solchen Gesellschaft sind die Menschen, denen der Autor tagtäglich begegnet. Und es ist nicht einmal so, daß er davon abgestoßen sich in sich selbst zurückzieht. Im Gegenteil – er ist offen für die von derart zermürbenden Verhältnissen Ausgestoßenen. Ein Zyniker hingegen würde sich abwenden.

Heleno Sañas Nicht–Ganz–Autobiografie ist ein vielschichtiges, manchmal auch disparates Werk. Ich habe mir das Buch in mein Reisegepäck gelegt und es im Urlaub in aller Ruhe mit Blick aufs Meer gelesen. Und dabei so manches wiedererkannt, dem ich selbst bei mir, bei anderen und bei den herrschenden Verhältnissen begegnet bin. Es ist also ein Buch, das vielleicht verschüttete eigene Erfahrungen wieder hervorholt und einer erneuten Reflexion zugänglich macht. Dabei muß ich dem Autor nicht in jedem Punkt zustimmen, mitunter ist das Gegenteil der Fall. Aber das ist gar nicht so wichtig. Wichtig ist, noch einmal selbst über die eigene Rolle im allgemeinen Wahnsinn nachzudenken.

Wenn ich den Autor richtig verstehe, dann zieht er seine Lebensmaxime nicht zuletzt auch aus der von Platon erfundenen Einstellung des Sokrates, lieber Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun. Ich halte es da eher mit der Friedensnobelpreisträgerin von 1992 Rigoberta Menchú aus Guatemala, die einmal gesagt haben soll, sie habe keine Wange mehr anzubieten. [19]

Heleno Saña hat seine eigene Grandezza. Er legt Wert auf gute Umgangsformen, weil sich in ihnen auch der Respekt voreinander widerspieget. Er hört Anderen andächtig zu, stopft sich dabei seine Pfeife, und er hat natürlich auch immer etwas beizutragen. Wenn ich jetzt daran denke, daß mir bei der Vorbereitung zu dieser Besprechung ein Zettel in die Hand gefallen ist, auf dem er mir schrieb, er hoffe, mich bald zu sehen, und das ist jetzt weit mehr als ein Jahr her, dann weiß ich ja nicht, ob ich seinen Vorstellungen des nichtdeutschen Umgangs miteinander entspreche.

Ich selbst bin dem Autor nach der Besprechung seines vorletzten Werkes Macht ohne Moral begegnet. Damals wußte ich noch nicht, daß er nur wenige hundert Meter von mir entfernt in Darmstadt lebt. Wir haben uns dann in seinem bevorzugten Restaurant getroffen und miteinander über dies und jenes gesprochen; und ich kann nur sagen, daß ich ihn ihm einen Menschen getroffen habe, der sehr genau versucht, seine Umwelt und seine Mitmenschen einzuschätzen und zu beschreiben. Nach der Lektüre von Don Quijote in Deutschland verstehe ich ihn hier auf jeden Fall viel besser.

Das heißt nicht, daß wir in vielen Dingen unbedingt einer Meinung wären. Aber das ist vielleicht auch nicht notwendig. Aus der Lektüre seiner Bücher und aus der Begegnung mit dem Autor kann ich jedoch feststellen, daß sein Versuch, im Sinne von Sokrates und Platon ein ehrenwertes Leben zu führen, durchaus ernst gemeint ist. Und es mag sein, daß diejenigen, die seine autobiografischen Aufzeichungen zur Hand genommen haben, den Wunsch verspüren, diesen Menschen auch einmal persönlich kennenzulernen.

Die einzige wirkliche Niederlage [so schreibt er] besteht darin, untreu gegenüber den Geboten unseres Gewissens zu sein. [20]

Die autobiografischen Aufzeichnungen des – wie er sich selbst sieht – Außenseiters Heleno Saña tragen den Titel Don Quijote in Deutschland. Das Buch ist vor anderthalb Jahren als Hardcover im PapyRossa Verlag erschienen, es hat 273 Seiten und kostet 19 Euro 80.

 

Antike Parallelgesellschaften

Besprechung von : Archäologie in Deutschland, Heft 5/2006, September–Oktober, 84 Seiten, € 9,95

Wenn unsere geistigen Eliten auf der Suche nach ihren Werten sind, dann werden sie im Christentum fündig. Nun ist es ja nicht so, daß auf dem Boden des späteren Deutschland der christliche Glaube naturwüchsig entstanden wäre. Er mußte genauso importiert werden, wie auch viele seiner späteren Trägerinnen und Träger aus allen Teilen des großen eurasischen Kontinents erst hierher gekommen sind.

Archäologie in Deutschland, Heft 5/2006Insofern ist festzuhalten, daß hierzulande Parallelgesellschaften seit rund zweitausend Jahren existieren und das völkische Blut reinrassiger Deutscher mit christlichem Wertenachweis eine ahistorische Projektion ideologisierender Modernisierer ist. Zu Deutsch: vor zweitausend Jahren gab es hierzulande weder Deutsche noch Christen; und im Grunde genommen müßte die große Koalition aller Abschiebefreunde sich regelmäßig bei der Ausländerbehörde zur Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis einfinden.

Von den archäologisch nachweisbaren Wurzeln der frühen Christentums handelt nun der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Archäologie in Deutschland. Die Erforschung der frühchristlichen Ursprünge des Rheinlandes zwischen Holland und Mainz ist seit dem 19. Jahrhundert ein bedeutender Zweig der christlichen Archäologie in Deutschland. Die hierbei gesammelten Erkenntnisse werden durch moderne Nachforschungen mitunter wieder in Frage gestellt. Denn allzu offensichtlich war mitunter der Wunsch der Vater des Gedankens; und so wurde die eine oder andere Ruine als christlich definiert, ohne wissenschaftlich zu ergründen, ob dies denn auch den Tatsachen entspreche.

Im Vorgriff auf die ab Dezember im Rheinischen Landesmuseum in Bonn gezeigte Ausstellung Von den Göttern zu Gott werden die neuen Forschungsergebnisse im aktuellen Heft vorgestellt. So heißt es im Übersichtsartikel geradezu programmatisch:

Die Ansichten über die Aussagefähigkeit von Funden mit christlichen Symbolen, Beschriftungen oder szenischen Darstellungen haben sich schon seit Beginn des 20. Jh. sehr gewandelt. Anfangs wurden Fische, Tauben, Kreuzzeichen und Schafträger etc. ohne Berücksichtigung ihres dekorativen oder allgemein symbolischen Charakters in christlichem Zusammenhang interpretiert. Schon bald erkannte man jedoch, dass solche Bildthemen für sich genommen, also ohne eindeutig christliche Bezüge, etwa entsprechende Inschriften oder Ähnliches, nicht vorbehaltlos als christlich angesehen werden können. [21]

Genau hier liegt das Problem. Zwar ist mit einiger Sicherheit davon auszugehen, daß spätestens mit der offiziellen Zulassung des Christentums zu Beginn des 4. Jahrhunderts sich auch dessen Trägerinnen und Träger offen zu erkennen gaben. Doch scheint es eher so zu sein, daß das Christentum nicht die dominante Religion war, sondern eine unter mehreren, wobei ohnehin zu fragen wäre, wie sich die Alltagsreligiosität in der ausgehenden Antike dargestellt haben mag. Die christliche Symbolik konnte daher als reine Dekoration ohne tiefer liegende Bedeutung Verwendung finden wie dekorative Muster oder Symbole anderer Glaubenswelten auch.

Diese Feststellung gilt nicht nur für die Spätzeit der römischen Geschichte im Rheinland im 4. und 5. Jahrhundert, sondern auch für die fränkische Zeit der Merowinger. Erst im 6. Jahrhundert wurden die christlichen Gemeinden mitsamt ihrer bischöflichen Strukturen auf Initiative der fränkischen Könige wieder neu eingerichtet, was bedeutet, daß das organisierte Christentum in dieser Region zuvor kaum Verbreitung fand. Hinzu kommt, daß gerade die ländlichen Gebiete erst im 7. Jahrhundert von einer zielgerichteten Missionierung erfaßt wurden. Im aktuellen Heft 5 der Zeitschrift Archäologie in Deutschland wird diese vielleicht doch erstaunliche Erkenntnis anhand einzelner Fallbeispiele aus Xanten, Köln, Bonn und Trier untermauert.

Immer wieder fasziniert bin ich von der Offenheit, mit der die Herausgeber der Zeitschrift mit Kritik an einzelnen Artikeln und auch mit zum Teil sehr herber Kritik an den Büchern des die Zeitschrift verlegenden Konrad Theiss Verlages umgehen. Sie lassen in den veröffentlichten Leserinnen- und Leserbriefen diese Kritik zu und ermöglichen den Leserinnen und Lesern somit andere Sichtweisen. Im aktuellen Heft wird – durchaus zu Recht – die grafische Gestaltung eines Artikels des vorangegangenen Heftes mit den Worten kritisiert:

Der stinkige Neandertaler schleicht sich, das Homo–sapiens–sapiens–Herrenmenschen–Playmate–of–the–present–time beherrscht die Szene. [22]

Hier zeigt sich, daß – selbst hart formulierte – Kritik durchaus zur Erkenntnis beitragen kann. Schon deshalb sei die Zeitschrift zur eigenen Lektüre empfohlen.

Neben dem Schwerpunkt zum archäologischen Nachweis des frühen Christentums im Rheinland schweift der Blick ins südpfälzische Herxheim mit seiner rund 7000 Jahre alten spätbandkeramischen Ringanlage, die einige neue Fragen zur Funktion derartiger Fundstätten aufwirft. Aber der Blick geht auch ins südliche Afrika, wo ein Forschungsprojekt sich den Spuren der Siedlungsgeschichte von Hirtennomaden widmet. Die dort gewonnenen Erkenntnisse lassen sich womöglich auch für andere Regionen der Erde verwenden, wenn es darum geht, offene Rastplätze nomadisierender Kleingruppen in Gebieten zu erkennen, in denen der Mensch durch seine systematische Landwirtschaft und Bautätigkeit viele Spuren verwischt und zerstört haben könnte.

Ob und das zur Erkenntnis unserer Selbst verhilft, ist dann eine ganz andere Frage.

Das aktuelle Heft der Zeitschrift Archäologie in Deutschland ist über den Buch– und Zeitschriftenhandel zu beziehen oder direkt über den Theiss Verlag in Stuttgart. Das Einzelheft kostet 9 Euro 95.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit einem Nachruf auf Anna Politkowskaja, einem Blick auf den Stand des Verfahrens gegen Mumia Abu–Jamal, den autobiografischen Aufzeichungen eines Don Quijote in Deutschland und den Anfängen des Christentums am Rhein. Das Manuskript zur Sendung wird in den kommenden Tagen auf meiner Webseite nachzulesen sein: www.waltpolitik.de.

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wird in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23.00 Uhr wiederholt, die weiteren Wiederholungen sind aufgrund des derzeitigen chaotischen Sendeschemas wahrscheinlich um 5.00 Uhr in der Frühe und am Dienstagmittag gegen 11.30 Uhr [23] zu hören. Am kommenden Montag wird mein Redaktionskollege Niko Martin auf diesem Sendeplatz über die neuesten Entwicklungen beim neuen Hessischen Privatrundfunkgesetz berichten. Nach den im Gesetz formulierten Vorstellungen der Landesregierung soll die Landesanstalt für privaten Rundfunk ausgerechnet in den Haushaltsposten Bürgermedien und Medienkompetenz erhebliche Einsparungen vornehmen.

Im Anschluß folgt nun mit Nickelodeon eine Sendung der Kulturredaktion von Radio Darmstadt, moderiert von Rüdiger Gieselmann. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Tschetschenien–Komitee : Tschetschenien. Die Hintergründe des blutigen Konflikts, Seite 96–97.

[2]   Anna Politkovskaja : Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg, Seite 17–18.

[2a]   Diesen Nachruf auf Anna Politkowskaja gibt es auch als Audiodatei auf dem Internetportal des Bundesverbandes Freier Radios. Der Nachruf wurde für zip–fm am 11. Oktober übernommen. Ebenfalls am 11. Oktober wurde er von der Radiofabrik in Salzburg, am Tag darauf von Radio RaBe in Bern und am 18. Oktober von Radio Unerhört Marburg gesendet.

[3]   Heleno Saña : Don Quijote in Deutschland, Seite 46.

[4]   Siehe hierzu die Besprechung von Bernd Drücke : Superman als Anarchist oder von Rudolf Walther : Ein Chaos, das funktionierte in der Literaturbeilage der Zeit im Dezember 2001.

[5]   Rüdiger Suchsland : Kampf der zwei Spanien, in: Telepolis vom 20. August 2006.

[6]   Saña Seite 53.

[7]   Saña Seite 84.

[8]   Saña Seite 16–17.

[9]   Saña Seite 21.

[10]   Saña Seite 261.

[11]   Saña Seite 263.

[12]   Saña Seite 76–77.

[13]   Saña Seite 86.

[14]   Saña Seite 247.

[15]   Im September und Oktober beschäftigten ein paar Punks, die sich in der weihnachtszeit–einkaufsbereiten Fußgängerzone niedergelassen hatten, Polizei, Magistrat und die Lokalpresse. In Deutschland muß eben alles sauber und ordentlich zugehen.

[16]   Saña Seite 218.

[17]   Saña Seite 39.

[18]   Saña Seite 184.

[19]   Rigoberta Menchú : Das Jahrhundert des Sturms, Seite 315.

[20]   Saña Seite 20.

[21]   Archäologie in Deutschland, Heft 5/2006, Seite 22–23.

[22]   Archäologie in Deutschland, Heft 5/2006, Seite 74.

[23]   Die letzte Wiederholung fand dann erst um 14.00 Uhr statt wie in den guten alten Zeiten, als der Sender seine Wiederholungen noch zuverlässig geregelt bekam.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 14. Februar 2007 aktualisiert.

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