Kapital – Verbrechen

Weltsichten

 

SENDEMANUSKRIPT

In der Sendung vom 8. Januar 2007 sprach ich über verschiedene Sichten, die Welt und ihre Geschichte zu betrachten. Hierbei kamen mir ein deutsch–türkischer Dialog und eine nicht–eurozentrierte Globalgeschichte der letzten 500 Jahre zu Hilfe.

 

 

Sendung :

Kapital – Verbrechen

Weltsichten

 

Redaktion und Moderation :

Walter Kuhl

 

gesendet auf :

Radio Darmstadt

 

Redaktion :

Alltag und Geschichte

 

gesendet am :

Montag, 8. Januar 2007, 17.00–18.00 Uhr

 

wiederholt am :

Montag, 8. Januar 2007, 23.10–00.10 Uhr
Dienstag, 9. Januar 2006, 05.20–06.20 Uhr
Dienstag, 9. Januar 2006, 11.30–12.30 Uhr

 
 

Besprochene und benutzte Bücher :

  • Jürgen Gottschlich und Dilek Zaptçıoğlu : Das Kreuz mit den Werten, edition Körber–Stiftung
  • Robert B. Marks : Die Ursprünge der modernen Welt, Theiss Verlag

 
 

URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/kv/kv_welts.htm

 

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 : Einleitung

Kapitel 2 : Fernhandelsnetze

Kapitel 3 : Kanonen und Kohlen

Kapitel 4 : Deutsche Werte

Kapitel 5 : Türkische Werte

Kapitel 6 : Schluß

Anmerkungen zum Sendemanuskript

 

Einleitung

Jingle Alltag und Geschichte

Die Welt, in der wir leben, ist voller Werte und Gewißheiten. Und doch sind viele dieser Werte und Gewißheiten im Rahmen der kapitalistischen Moderne, erst recht im Zuge der neoliberalen Globalisierung ins Wanken geraten. Vieles ist nicht mehr so, wie es einmal war. Alte Identitäten bröckeln, neue müssen her. Wir müssen unsere Chancen in den Risiken suchen, so sagt man und frau uns, bis wir diese neuen Werte verinnerlicht haben. Das Sommermärchen des vergangenen Jahres hat zu einem neuen Nationalgefühl geführt, von dem noch nicht ausgesagt werden kann, ob es nicht doch umschlägt in die üblichen Bahnen von Ressentiment und Gewalt, und vor allem: imperialer Expansion. Deutschlandfahnen überall. Und doch leben in diesem Land Millionen Menschen ohne deutschen Paß oder haben einen Migrationshintergrund. Wie mögen sie sich dabei fühlen?

Es wurde in den vergangenen Jahren viel von Leitkultur, Integration und Abschottung geredet, von den Ghettos in den Großstädten. Die Bilder, die uns hierbei in den Kopf gesetzt wurden, entsprechen meist denen, die wir uns auch zur Stärkung unseres eigenen Ich-Gefühls in den Kopf setzen lassen. Zur Manipulation gehören nämlich immer zwei; die Medien sind also nicht an allem schuld.

Die in Hamburg ansässige Körber–Stiftung hat es sich seit Jahren zur Aufgabe gemacht, derartige Urteile und Vorurteile im Dialog miteinander zu überprüfen. Meist handelt es sich um einen Dialog zwischen Intellektuellen, politischen und wirtschaftlichen Eliten. Manchmal aber handelt es sich auch um den Versuch, die Köpfe der Menschen zu erreichen, die bereit sind nachzudenken, die bereit sind, ihre eigenen Werte und Normen kritisch und vor allem selbstkritisch zu überprüfen. Für diese Menschen mag das Buch Das Kreuz mit den Werten von Jürgen Gottschlich und Dilek Zaptçıoğlu gedacht sein, das ich in der zweiten Hälfte dieser Sendung näher vorstellen möchte.

Doch zunächst werde ich mich mit einem Band befassen, der unser Geschichtsverständnis auf den Kopf, auf den Prüfstand stellt. Der US–amerikanische Historiker Robert Marks hat sich Gedanken über Die Ursprünge der modernen Welt gemacht und hierbei ein bemerkenswertes wie provokatives Buch geschrieben. Waren es die westlichen Werte, die den Siegeszug des Kapitals all over the world ermöglicht haben? Nun, Zweifel sind nicht nur erlaubt, sondern geradezu notwendig, um sich mit diesem Buch näher zu befassen, das, um es vorwegzunehmen, uns vielleicht losreißen kann von einer eurozentrierten Geschichtsschreibung, die vieles verklärt, aber wenig verständlich macht.

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl.

 

Fernhandelsnetze

Besprechung von: Robert B. Marks – Die Ursprünge der modernen Welt, Theiss Verlag 2006, 208 Seiten [Hardcover], € 24,90

Die Geschichte der kapitalistischen Eroberung und Durchdringung der gesamten Erde wird meist aus europäischer oder US–amerikanischer Perspektive geschrieben. Europa als der Nabel der Welt, aus dem mit den Conquistadoren zu Ende des 15. Jahrhunderts die große Plündertour begann. Doch es ist selbst bei fortschrittlicheren Autorinnen und Autoren meist eine Geschichte, welche die Menschen in Amerika, Asien, Afrika und Ozeanien zu Statistinnen und Statisten christlich inspirierten und europäisch aufgeklärten Wahns macht. Dabei war es den wirtschaftlichen Verhältnissen zu Beginn des 15. Jahrhunderts überhaupt nicht anzusehen, daß das kleine abgelegene und wirtschaftlich eher rückständige Europa zum Motor einer Entwicklung werden würde, die sich wahrhaft die Erde untertan gemacht hat.

Buchcover Robert Marks Ursprünge der modernen WeltDaß man und frau diese Geschichte auch anders schreiben kann, belegt der US-amerikanische Spezialist für die Geschichte Chinas Robert B. Marks mit seinem bei Theiss in deutscher Übersetzung erschienenen Buch Die Ursprünge der modernen Welt. Bei der Betrachtung der wirtschaftlichen Daten und der sozialen Verhältnisse vor dem Aufbruch der spanischen und portugiesischen Raubritter in Europa im Vergleich zu China oder Indien wird deutlich, daß Europa nicht nur geografisch, sondern auch wirtschaftlich ein unwesentlicher Bestandteil der globalen Handelsnetze gewesen war. Wie es dennoch dazu kommen konnte, daß sich Europa zur führenden Region entwickelte, beschreibt Robert Marks daher in seiner globalen Weltgeschichte aus nichteuropäischer Sicht.

Und aus dieser Sicht waren es eher banale Zufälle, die den Europäern dabei halfen, sich moderner industrieller Technologie zu bemächtigen, welche erst die Voraussetzung schuf, sich andere Regionen als zunächst die Gebiete Nord– und Südamerikas einzuverleiben. Somit werden Erklärungsmuster, wie die besonderen europäischen Tugenden, die Tüchtigkeit oder auch die christlichen Werte als Motor der Entwicklung nicht überflüssig. Sie werden von Robert Marks deshalb auch als ideologisch und somit falsch herausgestellt. Nein, der Vorteil der Europäer lag nicht darin, daß sie die initiativeren Menschen waren, sondern einfach nur darin, sich mit Lug, Trug, List und Tücke – und natürlich Massenmord – durchzuschlagen.

Die Werte des christlichen Abendlands eben, auf die wir alle so stolz sind. Naja, ich nicht.

Wir dürfen uns die Welt um 1400 nicht als Ansammlung von Nationalstaaten vorstellen, denn die gab es noch nicht, aber auch nicht als isolierte Einheiten. Wichtige Handelsrouten verbanden die Zentren in Westafrika, im Mittelmeergebiet, in China und Indien miteinander. Die Seidenstraße (die eigentlich aus mehreren parallelen Strängen besteht) ist zum Beispiel solch eine Route. Während die afrikanischen Königreiche südlich der Sahara eher am Rande lagen, so waren die herrschenden Klassen in vielen Regionen dringend auf diesen überregionalen Austausch angewiesen. Karawanen waren eher großangelegte Expeditionen als kleine Unternehmungen, und nur so konnten größere Warenströme von Ost nach West oder von Nord nach Süd gelangen. In Europa, China und Indien lebten daher auch rund 70% der gesamten Erdbevölkerung von damals etwa 350 Millionen Menschen.

Diese drei Zentren bestimmten die Dynamik dieses Fernhandelsnetzes und damit auch die eigene soziale und wirtschaftliche Entwicklung. Daran hat sich zwischen 1400 und 1900, das ist der Zeitrahmen des hier besprochenen Buches, nichts wesentlich geändert, außer daß die Gewichtung am Ende vollkommen anders war und Europa einen Anhang im Norden Amerikas dazu bekam und Japan die führende Macht Ostasiens wurde.

Im Gegensatz zur herkömmlichen eurozentristischen Geschichtsschreibung, mit der die Moderne 1492 mit den Seereisen des Kolumbus anfängt, läßt Robert Marks seine Geschichte etwas früher im Indischen Ozean beginnen. Nach den großen Seuchen des 14. Jahrhunderts, die der Autor noch ganz klassisch als Pest beschreibt, die jedoch wahrscheinlicher vielfältigere Ursachen besaßen [1], war die Bevölkerungszahl Chinas und Europas und möglicherweise auch Indiens drastisch gesunken. Dies führte zu einer Erholung in der Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung, und das war sozusagen die Bedingung für den nachfolgenden take off. Der fand interessanterweise nicht in Europa, sondern in China statt, wurde jedoch nicht konsequent verfolgt.

1368 folgte den mongolischen Eroberern Chinas die einheimische Dynastie der Ming auf den Kaiserthron. Die Thronfolge wurde zwar per Erlaß geregelt, aber – wie in vielen Reichen der Antike und des Mittelalters – wurde diese Thronfolge mitunter nicht eingehalten. Ende des 14. Jahrhunderts usurpierte der fünfte Sohn des verstorbenen Kaisers in einem blutigen Bürgerkrieg den Thron, um alsdann dafür zu sorgen, daß nie wieder Barbaren Chinas Grenzen überschreiten sollten. Den Krieg im Innern folgten ebensolche nach außen und Chinas Grenzen wurden weit vorgeschoben. Der für uns spannende Aspekt ist jedoch ein groß angelegtes Flottenunternehmen, mit dem der chinesische Kaiser die Küsten und Länder des westpazifischen Raums und der Weiten des Indischen Ozeans erkunden wollte (und dabei auch gleich klarstellen wollte, wer hier Herr im Haus ist).

Zwischen 1405 und 1433 unternahmen sieben gewaltige chinesische Flotten jeweils zweijährige Seereisen, um auf Java, in Indien, am Persischen Golf und der Ostküste Afrikas die Macht und Größe des Imperiums zu demonstrieren. Hiermit eröffneten die Chinesen einen riesigen Markt, und niemand wagte es, die Freiheit dieses Handels ernsthaft zu bedrohen. Als jedoch der unternehmungsfreudige Kaiser 1435 starb, kehrten seine Nachfolger zu einer traditionellen Politik zurück und konzentrierten sich auf die Sicherung der Landesgrenzen und Entwicklung des Binnenmarktes.

Entscheidend ist hier, daß der chinesischen Expansion die Triebkraft der Grenzenlosigkeit des Kapitals fehlte. Statt dessen unterlag diese Politik den klassischen Rhythmen von Erobern, Landverteilung und Steuereinnahmen und (als sie Steuern immer drückender wurden, dem) Verfall.

Die folgenden siebzig Jahre war der Indische Ozean nunmehr offen für alle, die dort Handel treiben wollten – bis die Portugiesen kamen und sich mit Gewalt dieses Handelsnetzes bemächtigten. Dieser Handel stand allen offen und er scheint weitgehend friedlich verlaufen zu sein. Als Indiz hierfür mag gelten, daß die großen Häfen des Indischen Ozeans – Aden, Hormuz, Calicut, Puri, Aceh oder Malakka – alle nicht befestigt waren.

Der Indische Ozean war zu dieser Zeit wahrscheinlich die wichtigste globale Handelsroute und China und Indien besaßen hier die produktivsten Zentren. Mit der Vertreibung der Mongolen aus China und den vielen kleineren zentralasiatischen Reichen brach nämlich der Fernhandel auf den Seidenstraßen weitgehend zusammen. Der einzig funktionierende Weg ging durch die Straße von Malakka nach Indien und an dessen Küste entlang mit den Monsunwinden weiter nach Aden und Ostafrika. Die Europäer waren somit plötzlich nicht nur vom Handel über die zentralasiatische Steppe abgeschnitten, sondern durch die Eroberungszüge der osmanischen Türken bis hin nach Ägypten auch von den Fernhandelswegen entlang des östlichen Mittelmeers. Dies erklärt den verstärkten Drang der Portugiesen nach Süden und später der Spanier nach Westen.

 

Kanonen und Kohlen

Vielleicht war es nicht einmal die Unersättlichkeit des rastlosen Kapitals, welche die Initialzündung zur späteren europäischen Überlegenheit abgab. Robert Marks legt uns in seinem Buch Die Ursprünge der modernen Welt Indizien vor, die eine andere Lesart unterstützen könnten. So war Europa alles andere als ein geeintes Gebiet; unzählige Herrschaftsgebiete führten fast permanent gegeneinander Krieg. Hierbei spielten natürlich auch ökonomische Motive eine Rolle, wobei die Kontrolle von Ressourcen und Handelswegen auch in Europa eine wichtige Einnahmequelle darstellte. Der Kontakt mit den Mongolen, die im 13. Jahrhundert die russischen Fürstentümer bedrohten und mehrere Ritterheere im Osten Europas besiegten, führte jedoch auch zur Übernahme einer vollkommen neuartigen Waffentechnologie - der Kanone, eine ursprünglich chinesische Erfindung.

Die ersten Exemplare mögen noch jämmerlich gewesen sein, doch die ersten wirklich einsatzfähigen Exemplare müssen ab dem 14. Jahrhundert dem alten Raubritterwesen mit seinen Burgen ein Ende bereitet haben. Und diese Kanonen waren es, mit denen Spanier und Portugiesen und bald darauf auch Engländer, Holländer und Franzosen auf Entdeckungs– und Eroberungsfahrt gingen. Dieser neuen Waffe hatte der Rest der Welt nichts Vergleichbares entgegenzusetzen.

Ein möglicherweise mitentscheidender Wendepunkt war die Eroberung Amerikas mit seiner weitgehenden Ausrottung der dortigen Bevölkerung, dem anschließenden Sklavenimport aus Afrika, sowie den Gold– und vor allem den Silberfunden. Spaniens Herrscher führten zu Beginn des 16. Jahrhunderts ihre Kriege auch in Europa, doch der Versuch einer Hegemonie über den Zusammenschluß der Habsburger in Österreich mit den Königen von Spanien (unter Karl V.) scheiterte. Kriege kosten Geld, und das Silber aus Potosí wanderte zu den Gläubigern in den anderen europäischen Staaten, die Spaniens Kriege finanzierten.

Viel wichtiger aber war: China bedurfte zur Aufrechterhaltung seiner Wirtschaft ungeheurer Mengen Silbers – und wurde somit zum Endpunkt eines derart lukrativen Überseehandels, daß die europäischen Staaten langsam, aber sicher sich den Reichtum Asiens aneignen konnten. Schätzungsweise drei Viertel der Silberproduktion der Neuen Welt gelangten so ins Reich der Mitte. Um diesen lukrativen Markt kämpften in den folgenden drei Jahrhunderten die europäischen Mächte gegeneinander – zu Land und zur See. Was zum Teil wie dynastische Erfolgekriege aussah, war letztlich ein Kampf um Ressourcen und Marktanteile. Diese Kriege förderten die Entwicklung von Nationalstaaten, eines Bankensystems, einer staatlichen Bürokratie und eines stehenden Heeres.

Als finanzielle Grundlage reichte die landwirtschaftliche Produktion nicht mehr aus, somit wurden mit dem System des Merkantilismus Handel, Manufakturwesen und beginnende Industrialisierung gefördert. Den entscheidenden Durchbruch bildete jedoch die Industrielle Revolution in England. Es zeigte sich nämlich, daß europäische Textilien mit indischen Waren nicht konkurrieren konnten. Die Nutzung von Kohle anstelle der abgeholzten Wälder zur Dampferzeugung setzte demnach eine Entwicklung in Gang, deren Kostenvorteil zunächst nirgends angefochten werden konnte.

Robert Marks stellt es als einen besonderen Zufall dar, daß ausgerechnet im Norden Englands die Kohlenflöze derart dicht unter der Erde lagen, daß sie – für die Kapitalisten – bequem, für die Bergarbeiter wohl eher mörderisch abgebaut werden konnten. Ansonsten, so der Autor, wäre die europäische Entwicklung womöglich in eine Sackgasse geraten. Der militärische Vorteil der kanonenbestückten Schiffe hätte nicht wirtschaftlich ausgenutzt werden können. Der Autor schreibt hierzu:

Ohne den Einsatz der Dampfkraft wäre dieser Prozess aber sicher zum Stillstand gekommen, da England alle verfügbaren Standorte für Wassermühlen bereits nutzte. Ohne Dampf und Kohle hätten Textilien allein die britische Wirtschaft nicht von einer der biologischen alten Ordnung verhafteten Ökonomie in ein System umgestalten können, das sich durch die neu erschlossenen fossilen Energiequellen von den Zwängen der alten Ordnung befreit hatte. Wenn es also ein Bild gibt, das die Industrielle Revolution symbolisieren kann, so sind es Schornsteine, die eine Fabrik krönen. [2]

Ich denke aber, hier unterschätzt der Autor die Dynamik der längst begonnen habenden kapitalistischen Entwicklung. Richtig ist, daß es nicht unbedingt England hätte sein müssen, das schließlich den Motor der Weltwirtschaft abgab. Aber wäre es nicht die Kohle in England gewesen, dann hätte die Logik des Kapitals Mittel und Wege gefunden, andere Kostenvorteile zu entwickeln und der profitablen Produktion nutzbar zu machen, womöglich dann eben in anderen Regionen Europas. So war der Merkantilismus in Frankreich weit entwickelt. Doch nun war der Weg frei, sich von den Zwängen landwirtschaftlicher Produktion freizumachen. Ob Menschen ernährt werden konnten oder nicht, war nicht mehr so entscheidend für die Gütermenge, die nun produziert werden konnte. Maschinenkraft macht's möglich.

Was ich hier im Zeitraffer versuche zusammenzufassen, bildet bei Robert Marks ein 208 Seiten dickes Buch, mit dem er uns eine neue Interpretationsmöglichkeit an die Hand gibt, die Geschichte der letzten 600 Jahre zu begreifen. Nichtsdestotrotz bleibt die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen, und dieser Aspekt kommt hier eindeutig zu kurz. Und doch zeigt sich, wie hinter dem Rücken der Akteure sich das Wertgesetz langsam, aber sicher, eine neue Welt zusammenbastelt. Die eurozentristische Sicht einer westlichen Überlegenheit wird dabei eindrucksvoll demontiert. Lesen wir die Geschichte einmal anders; es erhellt den Kopf.

Das Buch Die Ursprünge der modernen Welt von Robert Marks, betrachtet als globale Weltgeschichte, liegt seit letztem Frühjahr in deutscher Übersetzung im Theiss Verlag vor. Der Band kostet 24 Euro 90.

 

Deutsche Werte

Besprechung von : Jürgen Gottschlich, Dilek Zaptçıoğlu – Das Kreuz mit den Werten, edition Körber–Stiftung 2005, 263 Seiten, € 14,00

Es ist vielleicht ungewöhnlich für einen Rezensenten, ein Buch zu empfehlen, obwohl er die Schlußfolgerungen nicht immer oder nur ansatzweise teilen möchte. Immerhin handelt es sich bei dem in der edition Körber–Stiftung Ende 2005 herausgebrachten Band Das Kreuz mit den Werten über deutsche und türkische Leitkulturen keinesfalls um eine vernachlässigenswerte Arbeit.

Buchcover Das Kreuz mit den WertenWenn wir über europäische, deutsche, türkische, christliche, islamische oder gar universelle Werte sprechen, dann liegt die Gefahr nahe, daß die jeweiligen Autorinnen und Autoren leicht in ideologische Fallen tappen, weil sie nicht bereit sind, über ihren eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Diese Gefahr besteht bei Jürgen Gottschlich und Dilek Zaptçıoğlu jedoch nicht. Ihre Auseinandersetzung mit deutschen und türkischen Werten ist erhellend, sachlich und regt gerade mit ihrem Detailreichtum zum Nachdenken über unsere eigenen Wertvorstellungen an.

Wenn ich dennoch manche Schlüsse nicht teilen kann, dann liegt dies daran, daß mir mitunter eine kritische Reflektion über die europäischen Werte fehlt. "Wenn also mit EU–kompatiblen Werten gemeint ist, dass totalitäre Systeme keinen Platz innerhalb der EU haben, wird im Grunde von einer Selbstverständlichkeit gesprochen", schreibt Jürgen Gottschlich [3] – und denkt sich nichts dabei. Nun ist es sicherlich richtig: innerhalb der Europäischen Union gab es und gibt es keine Staaten totalitären Typs, nur Staaten, in denen auch mal gefoltert wird.

Aber unterstützen dieselben nicht–totalitären Staaten nicht repressive, diktatorische, mörderische Regimes in anderen Teilen der Welt mit menschenverachtender Selbstverständlichkeit? War nicht gerade die Türkei in den 80er und 90er Jahren das Hätschelkind des deutschen Kapitals, weil die neoliberalen Militärs jeden Anflug von Organisierung und Selbstverwaltung plattgemacht hatten [4]? Fuhr nicht der Sozialdemokrat Gerhard Schröder mitsamt einer profitsüchtigen Wirtschaftsdelegation im Handgepäck nach China? Wer unterstützte und unterstützt bis heute die Potentaten in Afrika oder Asien, die ehemaligen Militärdiktaturen Lateinamerikas in den 60er, 70er und 80er Jahren, wenn nicht das von christlichen Werten erfüllte Europa?

Also, so einfach ist das nicht, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Die Werte des europäischen Christentums waren auch immer die Werte einer massenmörderischen Veranstaltung, vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Die Inquisition als eine Verirrung abtun zu wollen, wird der Sache sicher nicht gerecht [5]. Auf dieser Grundlage die deutsche oder vielleicht gar die europäische Kultur zur Leitkultur erheben zu wollen, ist nicht nur skandalös, sondern unredlich, wenn nicht darüber gesprochen wird, wieviel Leid und Elend dieselben Werte verursacht haben.

Jürgen Gottschlich und Dilek Zaptçıoğlu unternehmen in ihrem gemeinsamen Buch Das Kreuz mit den Werten eine vielfältige wie vielschichtige Auseinandersetzung – mit deutschen und mit türkischen Wertvorstellungen. Hier treffen nicht ein Autor und eine Autorin aufeinander, die ihre jeweiligen Werte verteidigen wollen, hier treffen sich zwei Menschen, die sich austauschen und die Unterschiede verständlich machen wollen. Zurecht verweisen beide auf den rasanten Wertewandel in den letzten fünf Jahrzehnten in Deutschland wie in der Türkei. Wenn vor kurzem in der Türkei die geplante Wiedereinführung des Straftatbestands des Ehebruchs zu heftigsten Auseinandersetzungen geführt hat, dann sollten wir nicht vergessen, daß der entsprechende Paragraf des deutschen Strafgesetzbuchs erst in der Ära Brandt beseitigt wurde. Ist also gar nicht so lange her.

Wir sollten uns nicht einbilden, wirklich so viel weiter zu sein. Daß die Wertevorstellungen in der türkischen Community vielleicht (vielleicht!) patriarchaler und rückständiger sind, ist zwar ein Allgemeinplatz, aber deshalb nur begrenzt wahr. Türkinnen und Türken leben ihre Werte sehr verschieden, je nachdem, welcher Klasse oder Schicht sie angehören, ob sie in Großstädten oder auf dem Land wohnen, oder ob sie in der Türkei oder in Deutschland aufgewachsen sind oder dort leben.

Schaut man und frau sich selbst heute so manch beschauliches Städtchen oder Dorf in Deutschland genauer an, dann werden wir erschrecken über die sehr subtilen Formen sozialer Kontrolle, denen Frauen dort bis heute ausgesetzt sind. Und selbst in den Metropolen dieser Republik sind Frauen, die ihr eigenes emanzipiertes Leben führen wollen, immer noch Freiwild für völlig normale durchgeknallte deutsche Männer (und mitunter auch Frauen, die gar nicht so selten anzutreffen sind).

Da können wir uns fragen, weshalb es einen Girls' Day überhaupt geben muß, wenn wir doch so viel weiter sind. Weshalb gibt es – viel zu wenige – Frauenhäuser, die finanziell bewußt knapp gehalten werden? Zeigt sich hier nicht das wahre Gesicht der deutschen Leitkultur, die es gar nicht so gerne sieht, wenn Frauen das tun, was sie tun wollen? Christian Knölker hat am Sonntag als Vertreter der Frauenredaktion FriDa den Girls' DaySong [6] gespielt. Dort heißt es: brave Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen kommen aber überall hin. Das ist hübsch gesagt und gespielt – aber wie sieht die Realität aus? Ist Hexenjagd ein Relikt des Mittelalters und der frühen Neuzeit? Gewiß nicht. Sie findet bei entsprechendem Anlaß immer wieder in unserer allernächsten Nähe statt. Telefonterror gehört hierbei fast schon zu den harmloseren Methoden.

Deutsche Männer (nicht ausländische, nicht migrantische, nein deutsche Männer!) wissen eben gerade in Deutschland, was gut für Frauen ist. Und Frauen tun immer noch gut daran, sich diesen Leitbildern anzuschließen und mitzuheulen. Sonst werden Frauen, die das Männerspiel nicht mitspielen wollten, auch auf diesem Sender als "Schlampe" und "Drecksau" geoutet, so zu hören beispielsweise in der Sendung Wir üben Silvester am 30. Dezember [7]. Ist also noch gar nicht so lange her.

Wenn wir diese deutsche Realität einmal mitbetrachten, uns überlegen, weshalb es Frauenbeauftragte und das neoliberal weichgespülte Gender Mainstreaming überhaupt gibt, dann können wir noch einmal einen Blick auf die türkische Gesellschaft werfen. Dann sind die dort verbreiteten Werte gar nicht so weit von unseren eigenen entfernt. Manches wird vielleicht krasser ausgelebt; Ehrenmord ist vielleicht ein weniger typisch deutsches Phänomen. Aber selbstverständlich bringen auch deutsche Männer ihre Ehefrauen, Freundinnen oder einfach auch nur irgendwelche Frauen um, weil sie genervt haben, weil sie stören, weil sie nicht ordnungsgemäß funktionierten. [8]

Ein Blick ins Fernsehen verrät mehr als hundert soziologische Studien. Wie wird dort mit Frauen umgegangen? Vielleicht ist hier nicht der gesittete deutsche Tatort der richtige Schauplatz, sondern es sind die Blödelshows der Privaten oder die Actionstreifen aus allen Teilen der globalisierten Medienwelt. Da ist nicht mehr viel von Respekt zu spüren, da wird wirkliche das gedacht und auch so gehandelt, wie Frauen gesehen und von Männern behandelt werden sollten. Jede Ironisierung dieses krassen Sexismus etwa bei Al Bundy ist gleichzeitig das augenzwinkernde Heischen nach Einverständnis und Männerkumpanei. Deshalb sind derartige Serien besonders bei Männern beliebt. Das sind eben auch die Werte der Moderne, der Aufklärung, der christlichen Zivilisation.

 

Türkische Werte

Und wie sehen nun die türkischen Werte aus? Jürgen Gottschlich und Dilek Zaptçıoğlu nehmen uns in ihrem Buch Das Kreuz mit den Werten mit in die vielfältigsten Facetten der Lebensrealität von Türkinnen und Türken in der Türkei und in Deutschland. Und dann ist es eben nicht so einfach, wie es für angeblich gebildete deutsche Männer und Frauen zu sein scheint. Und manchmal hält uns Dilek Zaptçıoğlu den Spiegel vor, indem sie einfache Dinge auf den Punkt bringt.

Staat und Religion haben für [uns] beide ähnlich unterschiedliche Stellenwerte: Während sie deistischen Glaubens ist, verzichtet er auf Gott. Allerdings schlägt sich ihr Glaube nicht in einer öffentlichen Ausübung ihrer Religion nieder, während er Kirchensteuern zahlt, weil er damit sinnvolle Gemeindearbeit unterstützen will, was sie wiederum nicht verstehen kann, denn man kann auch areligiöse, gemeinnützige Organisationen mit seinen Spenden unterstützen. [9]

Offensichtlich sind Religion und ihre Ausübung in beiden Kulturen eine Sache, die leicht zu Mißverständnissen oder gar zu kompletter Verständnislosigkeit führen können. Deshalb ist der Aussage auch zuzustimmen, daß die Wertediskussion eigentlich gar nicht geführt wird, um über Werte produktiv zu streiten. Offensichtlich geht es nur darum, "Ausschließungsgründe für die Türkei zu finden." [10] Nun ist die Türkei nach emanzipiert demokratischem Verständnis keine richtige Demokratie, sondern eine notdürftig legalistisch getünchte Militärdemokratie. Oppositionelle Positionen oder Parteien, oder einfach auch nur engagierte Gewerkschaften und Menschenrechtsvereine, werden bis heute verfolgt, schikaniert und manchmal auch liquidiert.

Der Alltag in Kurdistan oder auch einfach nur der Umgang mit dem politischen Gefangenen Abdullah Öcalan zeigen immer wieder das wahre Gesicht eines repressiven Staates. All dies trotz hohlem Wortgeklingels immer auch mit der Rückendeckung Europas, denn ein sozial und politisch ruhiger Staat bietet nun einmal ein hervorragendes Investitionsklima. Vergessen wir dabei nicht, daß die Türkei ein halbkolonialisiertes Land ist, in dem die europäischen Herren sich die religiös verbrämten patriarchalen Familienwerte zunutze gemacht haben.

Die nachholende Entwicklung eines erst noch kapitalistisch zu durchdringenden Landes hat somit Ungleichzeitigkeiten hervorgebracht, bei denen Miniröcke neben Kopftüchern, europäisch orientierte Humanisten neben islamischen Eiferern koexistieren. Und so bringt der Kapitalismus die europäische Kälte auch in die Großstädte der Türkei und verwandelt alte Werte in monetäre Wracks. Die von USA und Europa hofierten neoliberalen Wunderkinder Turgut Özal in den 80ern und Tansu Çiller in den 90er Jahren standen an der Spitze des Staates und öffneten ihr Land dem Raubtier (dem Raubritterkapitalismus) aus dem Westen. Und weil die Türkei so rückständig ist, hat sie schon eine Ministerpräsidentin in den 90er Jahren gehabt – bei uns hat das halt etwas länger gedauert, bis Angela Merkel akzeptiert wurde. Und eigentlich wird sie ja immer noch nicht akzeptiert (weil sie eine Frau ist), wie die weit verbreiteten dusseligen Witzchen über sie ja immer wieder beweisen.

Jürgen Gottschlich und Dilek Zaptçıoğlu eröffnen ihren gemeinsamen Band Das Kreuz mit den Werten mit einer sehr persönlichen Einführung über ihre Motive und Herangehensweisen. Alsdann geben sie einen Einblick in das, was Deutsche über Türken und Türken über Deutsche denken. Und es ist schon erstaunlich, was Migrantinnen und Migranten so alles an uns wahrnehmen, was der oder die gewöhnliche Deutsche dann einfach nicht wahrhaben will. Der seit langem in Darmstadt lebende spanische Schriftsteller Heleno Saña hat hierzu in seinem Buch Don Quijote in Deutschland einige sehr richtige Wahrnehmungen veröffentlicht, ich kann sein Buch nur empfehlen [11]. Aber was denken denn Türkinnen und Türken so über uns?

Die Türken sagen, »der Deutsche« grüßt immer, zu jeder Gelegenheit mit dem passenden Wort: »Guten Morgen«, »Tag« und »Abend« oder »Gute Nacht«. Und ab Mitternacht heißt es dann wieder »Guten Morgen«, selbst wenn es draußen noch stockfinster ist, »Mahlzeit!«, auch wenn man gerade nichts isst, und »Schönen Feierabend«, wenn einem gar nicht nach Feiern zumute ist. Das geht dem Deutschen mechanisch über die Lippen, und in Wirklichkeit interessiert es ihn nicht besonders, wie es seinem Nachbarn oder Kollegen geht. Der Gruß ist eine Floskel. Aber es ist und bleibt ein Rätsel für Türken, wie der Deutsche an diesem Lippenbekenntnis festhalten kann. Geht mal einer ohne eine Erwiderung an einem so Grüßenden vorbei, wird der Deutsche sich umsehen, als ob man ihm einen lebenswichtigen Wunsch abgeschlagen hätte. [12]

Jaja, das Nichtgrüßen kann in der Tat ein schwerwiegendes Delikt sein, das einer Majestätsbeleidigung nahekommt. Mit jemandem einfach nicht reden zu wollen, kann glatt eine Abmahnung provozieren [13]. Sind eben empfindliche Seelchen, diese Deutschen.

Die türkische Autorin und der deutsche Autor stellen nun einzelne Facetten dieses unterschiedlichen Denkens heraus und geben uns so schon erste Anhaltspunkte darüber, worüber wir stolpern müßten, würde uns die- oder derjenige Andere denn wirklich interessieren. Das ist von Geiz und Sexualität, soziale Kälte und Familiensinn die Rede. Die nachfolgenden vier transkribierten O–Töne verraten uns jedoch auch, daß die Beiden vor allem eine ganz bestimmte Altersgruppe im Sinn haben, nicht zufällig ihre eigene, also Männer und Frauen zwischen 35 und 50. Vielleicht wäre es hier angebrachter gewesen, auch einmal ganz junge und viel ältere Menschen über ihr gegenseitiges Deutschland- und Türkeibild zu befragen. Wenn es eine ernsthafte Schwäche dieses Bandes gibt, dann liegt sie hier.

Spannend hingegen ist die nachfolgende Analyse soziologischer Studien zu den Wertvorstellungen der Menschen in den EU–Mitgliedsstaaten und der Beitrittskandidaten zu lesen. Bemerkenswert eine Studie der Konrad–Adenauer–Stiftung aus dem Jahr 1999. Hier wurde ein repräsentativer Querschnitt von Jugendlichen zwischen 15 und 27 befragt. 80 Prozent fanden, das wichtigste für sie sei die Familie, erst dann kamen eine gute Ausbildung, soziale Werte, Karriere und Religion. Geld gar stand erst an sechster Stelle.

Ich vermute einmal, daß hier nicht sauber zwischen idealistischer Eigenwahrnehmung und tatsächlichem rationalen Kalkül im wirklichen Leben unterschieden wurde. Mein Eindruck zu dieser Altersgruppe ist eher: erst kommt die Party, dann die Verantwortungslosigkeit. Die Sucht nach Nähe und Identität korrespondiert mit knallhartem Materialismus und einer Haltung, sich für die Durchsetzung eigener Interessen eine Menge gefallen zu lassen. Wer dabei stört, wird ausgegrenzt und abserviert ("Schlampe", "Drecksau"). Aber vielleicht ist meine diesbezügliche Haltung eher ein Blitzlicht aus Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit. Und nicht repräsentativ. Ich hoffe es einmal. [14]

Wie auch immer – auch statistische Zahlen lassen sich sehr gut heranziehen, um Vorurteile zu überprüfen und die eigenen mitunter selbstgerechten Wertmaßstäbe zu überprüfen. Im Buch folgt anschließend ein Kapitel über die Grundrechte in der türkischen und deutschen Verfassung – also die graue Theorie zu einer sehr viel lebendigeren und manchmal auch tödlicheren Praxis.

Sehr lesenswert sind die beiden Kapitel über den Wertewandel der deutschen wie der türkischen Gesellschaft im vergangenen Jahrhundert. Das, was wir an der türkischen Gesellschaft für antiquiert und rückständig halten, war vor noch nicht allzu langer Zeit auch hier beheimatet. Arrangierte Ehen? Aber ja doch. Die waren vor 50 Jahren durchaus auch in Deutschland noch an der Tagesordnung. Und Rockbands bestehen im modernen Westen wie in der Türkei aus Männern, Drogen und Alkohol.

Nach dieser eher historisch–soziologischen Übersicht zeigen Fallbeispiele, wie sich dieser beidseitige Wertewandel in der Praxis auswirkt und wie die Menschen, vor allem in der Türkei, selbst darüber denken. Frauenpower auf Türkisch – das ist dann gleich auch etwas ganz anderes als Gender Mainstreaming. Den Abschluß des Bandes bilden zwei subjektive Darstellungen des von der Körber–Stiftung 2005 ausgerichteten 11. Deutsch–Türkischen Symposiums. Nach der Lektüre dieses Buches sind uns allen hoffentlich unsere eigenen Werte nicht mehr so sicher, was den Horizont erweitern hilft und vielleicht auch über den Tellerrand dieses informativen Bandes.

Er heißt: Das Kreuz mit den Werten und behandelt deutsche und türkische Leitkulturen. Jürgen Gottschlich, der deutsche Autor, schreibt seit einigen Jahren für mehrere Zeitungen aus Istanbul. Dilek Zaptçıoğlu arbeitet seit rund 20 Jahren als Journalistin für deutsche und türkische Medien. Vor fünf Jahren erschien ihre Geschichte des Islam. Das Buch Das Kreuz mit den Werten ist in der edition Körber–Stiftung erschienen, hat 263 Seiten und kostet 14 Euro.

 

Schluß

Jingle Alltag und Geschichte –

heute mit einigen Ansichten über diese Welt, welche den normalen Rahmen sprengen. Der US–amerikanische Spezialist für die Geschichte Chinas Robert B. Marks hat einen Band über Die Ursprünge der modernen Welt vorgelegt, welche sicherlich zum Widerspruch reizt, andererseits unser Denkvermögen auch herausfordert. Jürgen Gottschlich und vor allem Dilek Zaptçıoğlu legen uns dar, daß unsere westlichen Werte doch ein wenig hohl sind und deshalb wenig geeignet, den Türkinnen und Türken die Melodie eines modernen Westens vorzuspielen.

Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wird voraussichtlich in der Nacht von Montag auf Dienstag um 23.00 Uhr, sowie am Dienstagmorgen gegen viertel nach fünf und noch einmal am späten Dienstagvormittag gegen halb zwölf wiederholt. Im Anschluß folgt eine Sendung der Kulturredaktion. Am Mikrofon war Walter Kuhl.

 

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Manfred Vasold hat mit seinem Buch über Die Pest eine alternative Interpretation vorgelegt. Siehe meine Besprechung in der Sendung Besinnliche Stunden (2) am 15. Dezember 2003.

[2]   Robert B. Marks : Die Ursprünge der modernen Welt, Seite 132

[3]   Jürgen Gottschlich, Dilek Zaptçıoğlu – Das Kreuz mit den Werten, Seite 16

[4]   Das Beispiel der Ansiedlung von Mercedes Türk in Aksaray verrät ein wenig von dieser profitablen Ausnutzung türkisch repressiver Verhältnisse, in: Gottschlich / Zaptçıoğlu, Seite 204–218.

[5]   Gottschlich / Zaptçıoğlu, Seite 248

[6]   Bedauerlicherweise läszlig;t sich auf der offiziellen Girls' Day Seite der Song des Jahres 2006, gesungen von der Band Clevewood aus Herdecke, ebenso wenig finden wie im übrigen Internet.

[7]   Siehe hierzu meine Weihnachtssendung vom 25. Dezember 2006, Anmerkung 6.

[8]   Am 6. Dezember 2004 wurde meine Vorstandskollegin Tatjana Jordan von ihrem Ex–Ehemann erschossen. Während hier noch ein deutsch–russischer Migrationshintergrund bestand, versuchte noch in derselben Woche ein ganz normaler deutscher Mann im benachbarten Weiterstadt, seine Ex–Ehefrau mit einer Axt umzubringen. Siehe hierzu meinen Beitrag Tödlich männlich – eine Art Nachruf auf Tatjana Jordan im Alltag und Geschichte Magazin vom 15. Dezember 2004.

[9]   Gottschlich / Zaptçıoğlu, Seite 23

[10]   Gottschlich / Zaptçıoğlu, Seite 15

[11]   Heleno Saña : Don Quijote in Deutschland, besprochen am 9. Oktober 2006 in meiner Sendung Vergangene Werte.

[12]   Gottschlich / Zaptçıoğlu, Seite 30

[13]   In einem größeren Darmstädter Verein beschloß dessen Vorstand im Oktober 2006, zwei Honorarkräften wegen der Ungeheuerlichkeit, daß diese nicht mit zwei Vorstandsmitgliedern reden wollten, eine Abmahnung auszusprechen. Mit der fatalen Folge für diesen Verein, daß jetzt ein Antrag auf Statusfeststellung läuft, um zu überprüfen, ob die arbeitsrechtliche Abmahnung bedeutet, daß hier womöglich ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis vorlag. Dies würde für den Verein die Nachzahlung von Sozialversicherungsbeiträgen in nicht unerheblicher Höhe bedeuten. Und das alles nur, weil zwei Vorstandsmitglieder das Nichtreden sehr persönlich nahmen. Manchmal ist es vielleicht doch von Vorteil, nicht typisch deutsch zu sein, zumal einer der beiden Vorstandsmitglieder ironischerweise einen türkischen Migrationshintergrund besitzt.

[14]   Mehr hierzu in meiner Weihnachtssendung vom 25. Dezember 2006. Der bigotte Kleingeist erkannte sein Spiegelbild und mobilisierte den Programmrat von Radio Darmstadt, um mir für diese Sendung ein Sendeverbot auszusprechen.

 

 

Diese Seite wurde zuletzt am 3. Februar 2007 aktualisiert.

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