DVD
Was geht uns das denn noch an?

Kapital – Verbrechen

Wahrheiten, Täuschungen und Lügen

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 28. Februar 2011, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag/Dienstag, 28. Februar/1. März 2011, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 1. März 2011, 05.10 bis 06.10 Uhr
Dienstag, 1. März 2011, 12.00 bis 13.00 Uhr

Zusammenfassung:

Plagiate hin oder her, die Debatte um Guttenbergs aufgeflogene Abschreibaktion lenkt vom Krieg in Afghanistan ab. Eine Plagiats­hochburg in Darmstadt straft wieder einmal ab, natürlich nicht die Plagiateure. War der erste Weltkrieg Ausdruck präventiver Paranoia oder ein imperialistischer showdown?

In einem expandierenden Universum, dessen Entstehung trotz Urknall­theorie nur ansatzweise verstanden ist, hängt alles mit allem zusammen. Wenn in China der vielzitierte Sack Reis umfällt, war zwar nicht der Dalai lama daran schuld, aber im CERN entsteht ein Schwarzes Loch. Aber mal ernsthaft: gewisse gesellschaft­liche Zusammen­hänge und Strukturen bilden auch unter veränderten historischen Rahmenbe­dingungen gleiche oder ähnliche Muster hervor. Der Teil des hier vorliegenden Sendemanuskripts, der sich mit den Vorgängen bei Radio Darmstadt befaßt, wurde für die Internetfassung leicht erweitert. Wer Muster und Zusammen­hänge im gesamten Sende­manuskript entdeckt, die ungewollte Einblicke in Gegenwart und Vergangen­heit ermöglichen, ist aufgefordert, darüber weiter nachzudenken.

Besprochene Bücher:

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung: Das Plagiat unter Waffen 

Jingle Alltag und Geschichte

Zum Krieg gehört das Täuschen, gehört, Freund und Feind über seine wahren Absichten im Unklaren zu lassen, gehört Propaganda. Zum Krieg gehört auch, diejenigen hinters Licht zu führen, die in den Krieg geschickt werden sollen, und diejenigen propagandistisch aufzurüsten, die an der Heimatfront ausharren und die Entbehrungen ertragen sollen. Die Kriege des 21. Jahrhunderts werden sich zumindest in Westeuropa und den Vereinigten Staaten dadurch von früheren Kriegen unterscheiden, als die Entbehrungen exportiert und die Heimatfront multimedial berieselt wird. Karl Theodor von und zu, der Kriegsminister der deutschen Herzen, ist der ideale Kandidat. Seine Beliebtheit verdankt diese Inkarnation einer Charmeoffensive nicht nur der gebildetsten Zeitung Deutschlands, sondern auch seiner Fähigkeit, die Täuschung zum Staatsakt zu erheben. Geradezu genial ist es, wenn wir nicht mehr über die paar toten Bundeswehr­soldaten in Afghanistan reden oder gar über die unzähligen gemeuchelten Afghaninnen und Afghanen, sondern über die wissenschaft­liche Redlichkeit eines Plagiators.

Daß die herrschende Klasse mitsamt ihrer ausführenden Organe schummelt, ist doch nicht das Erstaunliche. Lug und Betrug gehören genauso wie Ausbeutung und Gewalt zu jeder kapitalistischen Gesellschaft, die etwas taugt. Und wenn es einmal auffliegt, dann können wir uns darüber ereifern, aber es ändert an den grundsätzlichen Koordinaten der Ausübung von Herrschaft nicht das Geringste. Waffen­lieferungen an Diktatoren gehören genauso zum Repertoire gutbürgerlicher Politik wie Betroffenheits­floskeln aus Regierungsmund. Muammar al-Ghaddafi, in den 1970er und 80er Jahren die Inkarnation des Bösen, ist längst zum zuverlässigen Partner der europäischen Festungspolitik avanciert. Solange er den Zuzug aus Afrika nach Europa verhindern kann, erhält er die nötigen Schußwaffen frei Haus geliefert. Wo ist das Problem? So funktioniert die Verlogenheit der politischen bürgerlichen Moral nun einmal, vor allem dann, wenn das Geschäft mit Libyen brummt und reichlich Profit abwirft.

Doch nun, wo die Menschen in Libyen den Impuls aus Tunesien und Ägypten aufnehmen und die Chance der Stunde nutzen wollen, Ghaddafi zu verjagen, eiert die europäische Politik herum und schickt vorsichts­halber ein paar Kriegsschiffe vor die libysche Küste. Die vom libyschen Regime ausgeübte mörderische Gewalt ist zu augenscheinlich, um sie nach bewährtem Muster schönreden und ignorieren zu können. Zumindest symbolisch wird gehandelt; noch ist unklar, wie die Umgruppierung der herrschenden libyschen Eliten enden wird; noch ist unklar, mit wem in Zukunft ein Geschäft zu machen ist. Während die Demonstantinnen und Demonstranten in Libyen vorsichtig gefeiert werden, werden die zeitgleich in Griechenland gegen das Spardiktat der deutschen Banken Demonstrierenden als Krawallmacher denunziert. Ein Aufstand gegen die Hunger- und Armutspolitik der Europäischen Union gilt nämlich als nicht statthaft.

Die Wahrheit ist immer auch eine Frage der Täuschung; und die Lüge sitzt mitten im Gesicht der herrschenden Klasse und ihrer Medienlakaien. Der Philosoph Ernst Bloch hatte dort, im Gesicht der herrschenden Klasse, in seiner 1961 erschienenen Schrift „Naturrecht und menschliche Würde“ noch das Auge des Gesetzes verortet. Nun schließt das eine das andere nicht aus. Soweit mein heutiges Intro. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Laßt mich noch einmal kurz zu Karl Theodor von und zu zurückkehren. Er will zu keiner Zeit bewußt getäuscht haben und droht denjenigen, die ihn des bewußten Plagiats bezichtigen, rechtliche Schritte an. Der Plagiator geriert sich als Opfer einer üblen Verleumdung. Seine Drohung ist real, denn hinter ihm stehen Macht, Adel, Einfluß und Geld. Es handelt sich um den Versuch der Einschüchterung, um den Versuch, mit Geld zu kompensieren, was aufgeflogen ist. Dabei steht die entscheidende Frage noch im Raum: wer hat diese Arbeit geschrieben? Wenn er schon die Arbeit des Wissenschaft­lichen Dienstes des Bundestages benutzt hat, müssen wir uns eigentlich fragen, ob es auch einen Ghostwriter gab. Vielleicht einen, der mit den Regeln seriöser wissenschaft­licher Arbeit nicht vertraut war? Ich frage bloß, mehr nicht. Klaus Ernst, Chef der Linkspartei sprach hingegen offen von „akademischem Ghostwriting“. Dann wäre, genau betrachtet, der Plagiator kein Plagiator, sondern der Einreicher einer Auftragsarbeit. Nun ja – das sollen andere herausfinden.

Was ist hier also eine bewußte Täuschung und was ist bloß ein Versehen, ein Irrtum, eine Auslassung, ein handwerklicher Fehler? Ich werde im Verlauf dieser Sendung auf das Thema Plagiat zurückkommen, denn es ist nicht nur an der Universität Bayreuth und in hohen politischen Kreisen zuhause, sondern auch im Journalismus.

Im zweiten Teil meiner heutigen Sendung werde ich der Frage nachgehen, weshalb meine Redaktions­kollegin Katharina Mann ein dreimonatiges Sendeverbot erhalten hat und was dies mit Wahrheit und Täuschung zu tun hat. Im dritten und letzten Teil werde ich zwei Bücher besprechen, die den Ausbruch des Ersten Weltkriegs thematisieren. Auch hierbei geht es um Täuschungen, Lügen und Wahrheiten. So fragt der italienische Historiker Luciano Canfora ganz provokativ, ob denn wirklich irgendein Depp wegen eines Attentats, nämlich dem in Sarajewo im Juli 1914, einen ganzen Weltkrieg auslöst. Wenn nicht, welches sind dann die wahren Gründe für einen Krieg gewesen, der nicht nur in der Luft lag, sondern – wohl nicht nur von deutscher Seite aus – gewollt wurde?

 

Was uns angeht

Doch zunächst möchte ich auf einen Film zu sprechen kommen, den ich am vergangenen Mittwoch in der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule gesehen habe. Neunund­zwanzig Schülerinnen und Schüler der Klasse 11g haben in den vergangenen Monaten einen Film gedreht, welcher der Frage nachgeht: „Was geht uns das denn noch an?“ Gemeint ist mit „das“ die Ausgrenzung, Deportation und Vernichtung von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma im National­sozialismus. Nicht nur, daß dieser mit Unterstützung von Christian Gropper erstellte Film handwerklich überzeugt; es sind vor allem die Inhalte und es ist die Herangehens­weise einer Schulklasse, die so gar nicht dem Klischee einer politisch uninteressierten Jugend entsprechen mag.

Ohne den Ballast analytischer Betrachtungen, aber immer auch mit der nötigen, vielleicht aber auch unnötigen Vorsicht – „darf ich das so fragen?“ – nähern sie sich einer Thematik, die durchaus sprachlos machen kann, sie erfahren, daß die Auseinander­setzung mit der deutschen Geschichte keine Frage der eigenen Schuld ist, und sie finden hierbei ihre eigene Sprache, ihren eigenen ungekünstelten Ausdruck. Ich möchte das einmal sehen, daß woanders neunund­zwanzig junge Männer und Frauen zusammen­arbeiten, ohne daß sich eine oder jemand hängen läßt, und sie gemeinsam ein Werk schaffen, das sich lohnt, angeschaut und weiter verbreitet zu werden. Radio Darmstadt, der Sender, den ihr gerade hört, würde mit seiner Ansammlung von neunund­zwanzig narzißtischen Atomen und meist nur an der eigenen Sendung interssierten Sendenden nicht einmal ansatzweise so etwas auf die Reihe bekommen. Hat es auch nicht.

Dieser 66 Minuten lange Film ist keine Sekunde langatmig und er berührt, obwohl oder gerade weil er auf effekt­hascherische Musik und Tricks verzichtet. Aus mehreren Gesprächen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen haben die Schülerinnen und Schüler selbst entschieden, was in den Film hineinkommen soll und was herausge­schnitten wird. Es wurde dabei nichts weggelassen, nichts beschönigt, und doch alles auf eine einfache und eindringliche Art und Weise gesagt. Es ist ein Film, der vielleicht auch Andere, nicht nur Jugendliche, dazu anregen kann, selbst auf Spurensuche zu gehen, selbst einen Zugang zu einer Vergangenheit zu finden, die nicht in Vergessenheit geraten darf. Denn der Satz von Bertolt Brecht „Der Schoß ist fruchtbar noch“ bleibt weiterhin aktuell. Nicht etwa, weil das deutsche Kapital sich irgendwann wieder einmal der Nazibanden bedienen wird, das halte ich für eher unwahr­scheinlich, sondern weil im Kapitalverhältnis selbst und in der bürgerlichen Verlogenheit die Keime stecken, welche Antisemitismus, Rassenhaß und Völkermord hervorgebracht haben.

Der Film „Was geht uns das denn noch an?“ ist als DVD ist über die Lehrerin Renate Dreesen, oder die Heinrich-Emanuel-Merck-Schule zu erhalten. Renate Dreesen, aber auch die Schülerinnen und Schüler der 11g, sind gerne bereit, den Film an anderen Schulen oder sonstigen Institutionen vorzuführen und darüber zu sprechen. Parallel hierzu gibt es noch die Ausstellung zur jüdischen Berufsfach­schule Masada, die bis Mitte März in der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule zu besichtigen ist. Diese Ausstellung ist leicht zu transportieren und aufzubauen, kann also überall auch ganz spontan gezeigt werden. Weitere Informationen zum Film und zur Ausstellung findet ihr auf der Webseite betar.4k4.net.

 

Die Bigotterie des Strafens

In der vergangenen Woche war auf diesem Sendeplatz ein äußerst merkwürdiger Beitrag zu hören. Nach dem einleitenden Redaktions­jingle von „Alltag und Geschichte“ schwadronierte eine Stimme aus dem Off über angebliche oder tatsächliche Versäumnisse meiner Redaktions­kollegin Katharina Mann. Wir erfuhren weder, wem die Stimme gehört, noch, wer diesen dreisten Eingriff in eine als Podcast eingereichte Sendung von Katharina Mann veranlaßt hat. Als schaler Beigeschmack blieb den Hörerinnen und Hörern nur, daß sie einer weiteren peinlichen Episode aus dem Innenleben des Darmstädter Lokalradios lauschen durften.

Hätte Katharina Mann in ihrer vorab vorproduzierten Sendung nicht nachfolgend die Hintergründe dieser „Stimme aus dem Off“ dargelegt, dann hätte leicht der Eindruck entstehen können, daß die Redaktion „Alltag und Geschichte“ über ihre eigene Kollegin herzieht. Dieser Eindruck sollte ganz offensichtlich entstehen, dann der vorproduzierte Podcast wurde intentional manipuliert, eben nach dem Jingle unterbrochen. Damit liegt eine Täuschung der Hörerinnen und Hörer vor, für die der Verein Radar e.V. als Träger dieses Radios verantwortlich zu machen ist.

Was hatte Katharina Mann in ihrer Sendung „Hinter den Spiegeln“ am 20. Dezember 2010 Böses verbrochen? Sie hatte in einer Art Nachruf, der aber keiner sein sollte, einige kritische Fragen zum Tod des Lokalredakteurs Christian K. aufgeworfen. Dieser war am 16. Oktober 2010 einer Krebserkrankung erlegen. Christian K. war nicht nur die Seele dieses Lokalradios, war nicht nur die Person, die das Radio vor sich selbst zu retten suchte, als es mit der Performance des Senders 2007 bergab ging [1], sondern er war eine eigenständige, mitunter widerbürstige, aber auf seine Weise konsequente Persönlichkeit. Es ist kein Zufall, daß das Darmstädter Echo am 21. Oktober 2010 einen Nachruf verfaßte, der mehr war als ein paar Pflichtzeilen, und es ist auch kein Zufall, wenn die Darmstädter Staftverordneten­versammlung am 4. November 2010 eine Schweigeminute für den Verstorbenen einlegte. Christian K. war auf seine Weise eine Person des öffentlichen Lebens dieser Stadt, der gerade, weil er war, wie er war, nicht zu ersetzen ist.

Abseits der üblichen Trauerreden und abseits der üblichen belanglos-heuchelnden Floskeln zum Abschied dieser Persönlichkeit hatte Katharina Mann Fragen gestellt. Kritische Fragen. Ihr ging es nicht darum, Christian K. schlechtzureden, wie dies der Programmrat von Radio Darmstadt beim nicht genauen Zuhören verstanden und geahndet wissen wollte. Katharina Mann war und ist der Überzeugung, daß Christian noch unter uns sein könnte, wenn sein soziales Umfeld bestimmte Signale ernst genommen und entsprechend gehandelt hätte. Dies betrifft insbesonder den Sender Radio Darmstadt und seinen Trägerverein.

Der ebenso viel zu früh verstorbene Wolfgang Dintelmann hatte Katharina Mann, mich und auch andere schon vor elf Jahren angesprochen und uns inständig gebeten, ihn dabei zu unterstützen, Christian zu helfen. Er befürchtete, daß die Sucht Christian eines Tages ins Grab bringen werde. Katharina Mann und die damalige Redaktion „Radiowecker“ handelten. Sie sprachen mit Christian und sie sprachen mit dem damaligen Vorstand dieses Vereins darüber, wie das Suchtverhalten im Verein und im Radio so kommuniziert werden kann, daß Christian sich ermutigt fühlte, eine Selbsthilfe­gruppe aufzusuchen. Leider waren wir nicht in der Lage, das Vermächtnis von Wolfgang Dintelmann, den Christian sehr verehrt hat, zu erfüllen. Denn die anderen Redaktionen zogen nicht mit und überließen Christian somit seiner Sucht. Dies hatte Katharina Mann in ihrer Sendung am 20. Dezember 2010 angesprochen und wurde nun vom Programmrat dafür abgestraft.

Angeblich habe sie die falsche Todesursache benannt. Dabei hatte sie gar keine benannt. Vielmehr sprach sie, ohne auf die Todesursache einzugehen, über Alkoholkonsum als ein Phänomen, das gewiß nicht lebensver­längernd wirkt. Den Zusammenhang mit der im Darmstäödter Echo angegebenen Todesursache mußten die Hörerinnen und Hörer schon selbst herstellen. Dieser Hörleistung hat sich der Programmrat verweigert. Dabei ist es so, daß der Zusammenhang von Alkoholkonsum und der Todesursache auf der Hand liegt, auch wenn sich die medizinische Forschung mit einem endgültigen Urteil zurückhält. Daß verstärkter Alkoholkonsum die Bauchspeichel­drüse angreift, gilt als gesichert, inwieweit dieser Konsum einen Bauchspeichel­drüsenkrebs direkt verursacht oder befördert, ist noch nicht endgültig geklärt. Die Anzeichen deuten jedoch darauf hin. So zumindest auf der Webseite der Universität Heidelberg in einem Artikel aus dem Jahr 1997 nachzulesen, wenn man und frau im Programmrat denn will.

Zehn Jahre später ist auf der Webseite der Universität Göttingen zu finden, daß Alkoholkonsum eine Hauptursache für Entzündungen der Bauchspeichel­drüse ist, und diese Entzündungen den entsprechenden Krebs fördern. Halten wir vorsichtig fest, daß hier ein ursächlicher Zusammenhang bestehen kann, aber nicht muß; entsprechend vorsichtig argumentiert daher auch die Deutsche Krebsgesellschaft. Es fehlt schlicht an einer entsprechen aussagekräftigen Studie. Bei Christian wurde der Zusammenhang auch nicht näher untersucht; und ehrlich gesagt – das muß auch nicht sein.

Halten wir ihn in Ehren. Er hat es verdient. [2]

Hinter seinem Rücken wurde jahrelang in den Räumen von Radio Darmstadt genug über ihn gefeixt und gelästert. Er war nicht so wie sie. Er war er.

Auch ich gehe davon aus, daß Christian bei entsprechender Unterstützung noch unter uns weilen könnte. Was Katharina Mann in ihrem Nachruf, der sich nicht als solcher verstand, thematisiert hat, war die gesellschaftliche Dimension von Sucht und Verantwortung. Außerhalb des Klüngels von Radio Darmstadt wurde dieser Zusammenhang auch so verstanden. Ein langjähriger Verantwortlicher des ältesten freien Radios in Deutschland, Radio Dreyeckland in Freiburg, hatte das Sende­manuskript von Katharina Mann zweimal aufmerksam und gründlich durchgelesen und kam zu dem Schluß, daß den Verantwortlichen in Verein und Radio jegliche Empathie fehlen würde. Anstatt den Zusammenhang von Sucht und Erkrankung auch nur denken zu wollen, werde Katharina Manns durchaus auch als Selbstkritik zu verstehender Beitrag durch die Brille einer verletzten Eitelkeit betrachtet. Er gab ihnen den Rat, anstelle ein Lokalradio zu betreiben, lieber einen Verein der beleidigten Pappnasen zu gründen.

Die Angesprochenen, hier: der Programmrat, befanden nämlich, daß es vollkommen in Ordnung sei, in einen ohnehin rechtswidrig erzwungenen Podcast einzugreifen und ihn dadurch zu verhunzen, mehr noch, er ließ seinem Ärger darüber, selbst in die Verantwortung genommen zu sein, freien Lauf und verhängte gegen meine Redaktionskollegin unter Berufung auf die Sendekriterien des Programmrats ein dreimonatiges Sendeverbot. Sofern mich nun nicht selbst eine „Stimme aus dem Off“ abwürgt oder meinen Gedankengang mit dem Einspielen alberner Musik unterbricht, will ich in den folgenden Minuten versuchen herauzuarbeiten, was hinter diesem Sendeverbot wirklich steckt und weshalb ich das Gremium, das dieses Sendeverbot ausgesprochen hat, in dieser Sache für inkompetent und nicht zuständig halte.

Vor viereinhalb Jahren hatte der Vorstand des Vereins Katharina Mann und Norbert Büchner in einem dubiosen Verfahren aus dem Verein ausgeschlossen. Den genauen Verlauf könnt ihr auf meiner Webseite nachlesen, deshalb erspare ich mir und euch die Wiederholung der Fakten. Anfang 2007 befand nun der Programmrat unter Mitwirkung des damaligen und heutigen Vorstandsmit­glieds Markus Lang, es sei an der Zeit, dem Vereinsauschluß auch ein Sendeverbot nachfolgen zu lassen. Obwohl dem Verein schon wenige Tage später ein Schreiben der zuständigen Landesmedien­anstalt vorlag, wonach ein Sendeverbot, das mit einem Vereinsausschluß begründet sei, nicht zulässig und damit rechtswidrig sei, hielt der Verein neun Monate lang eisern daran fest. Erst, als die Landesmedien­anstalt damit drohte, die Sendelizenz nicht zu verlängern, lenkte der Verein zähneknirschend ein. Das jetzige Sendeverbot steht demnach in der Tradition eines vorherigen rechtswidrigen Vorgangs.

Der Programmrat hatte auf seiner letzten Sitzung [am 14. Februar 2011] beschlossen, das Sendeverbot mit Berufung auf die drei Sendekriterien 1.1, 1.14 und 1.15 auszusprechen. Diese drei Sendekriterien behandeln die Pflicht zu journalistischer Sorgfalt, fordern ein, interne Konflikte nur intern und nicht auf dem Sender zu behandeln, und untersagen das Austragen persönlicher Fehden auf dem Sender. Das klingt erst einmal vernünftig. Und es wäre auch vernünftig, wenn in diesem Verein interne Konflikte auch rational, also argumentativ und nicht mit Ausgrenzung behandelt werden könnten. Zum besseren Verständnis gehe ich fünf Jahre zurück.

Im Sommer 2006 hatte ein Programmrats­mitglied einen Antrag in den Programmrat eingebracht, der es mir untersagen solle, mit meiner Kritik an hunderttausendmal angesprochenen Zuständen im Verein an die Öffentlichkeit zu gehen, bzw. nur dann, wenn ich alle Möglichkeiten der internen Einflußnahme ausgeschöpft habe. Damals hatte ich eine Art Logbuch über von diesem Sender ausgehende und weltweit zu hörende Peinlichkeiten geführt, in der Hoffnung, daß öffentliche Kritik das bewirkt, was interne Kritik nicht hinbekommt – mehr Selbstdisziplin und Verantwortung für das gemeinsame Projekt „Radio Darmstadt“. Und eine Zeitlang hatte es sogar gewirkt. Der Antragsteller jedenfalls nahm seinen Antrag zurück, nachdem ich ihn darauf hingewiesen hatte, daß ich seit Jahren all die internen Wege beschritten habe, die er eingefordert hatte. Das sah er ein, weil es sich so verhielt.

Dies ließ der Musikredaktion und auch der Redaktion „Blickpunkt Gesellschaft“ keine Ruhe. Sie wollten mich in dieser Hinsicht unbedingt mundtot bekommen und legten im September 2006 einen Entwurf für sogenannte Sendekriterien vor. Die Fassung, die verabschiedet wurde, enthielt schon im ersten Satz eine eindeutige Ansage:

„Jegliche Imageschädigung von Radar ist zu unterlassen. Dazu gehört auch öffentliche Verunglimpfung von Sendenden bei Radar, öffentliche Kränkung und öffentliches Verballhornen von auf Radar gesendeten Beiträgen. Öffentlich schließt insbesondere Äußerungen über den Ether ein, sowie Äußerungen über Online-, Print- und Avmedien.“

Die Musikredaktion und daran anschließend der Programmrat maßte sich demnach an, meine Webseite zu zensieren, die sich ja nun wirklich nicht in der Entscheidungs­kompetenz dieses Gremiums befindet. Ein Maulkorb­erlaß also. Worin das Image besteht, erkläre ich gleich. Aber es kam noch dicker; und hier zeigt sich das wahre Wesen des Unverstandes. Man und frau solle nämlich, so hieß es dort, versuchen, Beschimpfungen über den Sender zu vermeiden. Aber wenn Beschimpfungen schon unbedingt erforderlich seien, dann sollten sie als „Kommentar“ gekennzeichnet werden. Ich habe ja damals gedacht, ich lese nicht richtig. Da meint der Programmrat allen Ernstes, man und frau dürfe Menschen beschimpfen, wenn dies nur entsprechend kenntlich gemacht wird. Also nach dem Motto. Dies ist ein Kommentar. Der Programmrat besteht aus Volltrotteln. Kommentar Ende. Das ist nicht nur absurd, das ist rechtswidrig. Aber solch ein Quatsch bestimmt das Denken und Handeln manch derer im Verein und seinem Radio, die über die Qualität des Programms wachen sollen. [3]

Woher kommt eine solche Groteske? Vermutlich wirkt hier die journalistische Fiktion hinein, die vorgibt, Nachrichten und Kommentar trennen zu können. Mit der „Beschimpfung“ genannten Subjektivität einer Sprecherin war eigentlich das Element des Kommentars gemeint. Diese Fiktion der Trennung von Nachricht und Kommentar war und ist Lehrstoff ganzer Generationen von angehenden Journalistinnen und Journalisten. Dabei besteht jeder Filmbericht, der Objektivität vorgaukelt, aus subjektiver Suggestion; jede Einzel­nachricht ist selektiv und schließt Fakten aus. Zusammenhänge stellen sich erst durch das Zusammenspiel objektiver und subjektiver Faktoren her; sie sind demnach untrennbar. Abgesehen davon, daß es nicht schaden kann, eine eigene Meinung nicht nur zu haben, sondern damit auch nicht hinter den Berg zu halten. Jede Nachricht, so objektiv sie daherkommen mag, transportiert eine Meinung, und wer dies nicht kenntlich macht, handelt meiner Meinung nach unredlich.

Deshalb empfehle ich auch den Film „Was geht uns das denn noch an?“

 

Das Image eines Senders

Wegen der in den Sendekriterien festgeschriebenen Imageschädigung erhielt dann auch ich 2007 ein Sendeverbot, auf derselben Sitzung übrigens wie Katharina Mann und Norbert Büchner. Ich hatte es damals nämlich gewagt, in einer Sendung ein soziologisch orientiertes Verständnis für die Vorgänge im Trägerverein dieses Lokalradios zu finden; und damit in den Augen der herrschenden Programmrats­gruppe Nestbeschmutz betrieben. Nestbeschmutz ist ganz, ganz böse.

Ein langjähriger Programmverant­wortlicher eines anderen freien Radios, nämlich Radio Unerhört in Marburg, meinte nur, dies sei eine noch recht harmlose Selbstkritik, die zu einem Jubiläumsrück­blick auf jeden Fall dazugehöre. Dafür einen Maulkorb zu verhängen, erinnere ihn an Methoden aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In der Tat haben es die Redakteurinnen und Journalisten dort nicht einfach. Wie sonst ist es zu verstehen, daß vor vier Jahren einem Redakteur des Rundfunks Berlin-Brandenburg ein Medienpreis [4] verliehen wurde, gerade weil er seinen eigenen Sender kritisch begleitet hatte? Nestbeschmutz als Vorwurf ist kein Kennzeichen einer kleinen verschworenen Gemeinschaft am Steubenplatz, sondern ein gesellschaft­liches Phänomen. Selbstkritik ist nicht erwünscht, denn sie fordert Konsequenzen ein.

Der Vorwurf der Nestbeschmutzung gehört zu jedem bürgerlich-herrschafts­orientierten Organisations­zusammenhang, weshalb er auch in politisch linken Gruppierungen vorzufinden ist. Radio Darmstadt ist ein durch und durch bürgerliches Mainstream­radio, weshalb es Nestbeschmutz geradezu zwangsläufig fürchten muß.

Ich sagte vorhin, daß ich die Verantwortlichen dieser Entscheidung [gegen Katharina Mann] für nicht kompetent und auch nicht für zuständig halte. Über die Kompetenz spreche ich gleich. Zunächst die Zuständigkeit. Die im Grunde lächerlichen Sendekriterien von 2006 wurden irgendwann eingestampft, als sie ihr Ziel, mich mundtot zu machen, (vorläufig) erreicht hatten. Im Februar 2008 legte das Vorstandsmit­glied Benjamin Gürkan dem Programmrat eine Neufassung vor, die nicht so peinlich und vor allem aus verschiedenen Quellen zusammenge­tragen war. Der Programmrat schluckte sie und vergaß sie sofort wieder. Ellenlang wurde in der Folge hiergegen verstoßen; erst seit kurzem besinnt man und frau sich auf die Hauptauf­gabe solcher Sendekriterien. Nämlich abstrafen zu können.

Rechtlich hingegen besitzen sie keine Relevanz; sie sind nicht Teil der geltenden Sendelizenz. Darauf hingewiesen reagierte das Vorstandsmit­glied Marco Schleicher ziemlich pampig [5]. Als ich bemerkte, diese Sendekriterien würden weder für mich noch für Katharina Mann gelten, unterstellte er mir gleich, ich würde mich nicht an die Lizenzauflagen halten, als seien die Sendekriterien bindende Ausführungsbe­stimmungen geltenden Rechts. Zudem sprach er mir gleich noch jegliche journalistische Sorgfalt ab und behauptete, ich würde meine Hörerinnen und Hörer täuschen [6]. Dabei ist es ja wohl der Verein Radar e.V. mit seinem Vorstand Marco Schleicher, der sich nicht an die Lizenzbe­stimmungen hält, wenn er mehreren Personen den direkten Zugang zum Sender verwehrt. An dem Problem, wie der Verein dazu zu bringen ist, sich hier an geltendes Recht zu halten, knabbert die hessische Landesmedienanstalt nun schon seit vier Jahren, ohne die im Mediengesetz vorgesehene Konsequenz zu ziehen oder ziehen zu wollen.

Die Groteske vom vergangenen Montag sollte eine „Gegendar­stellung“ sein. Die strengen Vorgaben des Gestzes [§ 28 HPRG] wurden jedoch nicht eingehalten, weshalb Katharina Mann leicht spöttisch kommentierte, daß es absurd sei, wenn ein Radio von sich selbst eine Gegendar­stellung verlange. Ohnehin ist bis heute ungeklärt, wer denn diese Gegendar­stellung verlangt, denn das Gesetz gibt dieses Recht nur Betroffenen. Ist der Programmrat rechtlich betrachtet ein solch Betroffener? Offenkundig nicht. Und weil sich Katharina Mann geweigert hat, eine solch unbegründete Gegendar­stellung zu akzeptieren, bekommt sie zur Strafe ein Sendeverbot.

Wie man und frau sich denken mag, ging es um diese Gegendar­stellung hinter den Kulissen hoch her. Selbstverständ­lich habe ich als gewählter Sprecher meiner Redaktion diesen Unsinn kritisiert. Und als ich schon einmal dabei war, habe ich auf zwei verschiedenen eMaillisten die Vorstandsmit­glieder Benjamin Gürkan und Marco Schleicher gefragt, welchen Beleg sie für die Behauptung des vom Verein beauftragten Rechtsanwalts besitzen, Norbert Büchner habe sich antisemitisch geäußert und sei deshalb vom Sender fernzuhalten [7]. Die Antwort ist Schweigen.

Nun sind Benjamin Gürkan und Marco Schleicher als gesetzliche Vertreter dieses Vereins durchaus verantwortlich für die Schriftsätze, die ihr Rechtsanwalt abgibt. Im konkreten Fall ging es um die Klage von Norbert Büchner gegen ein Hausverbot, das der Verein ausgesprochen hatte. Ernsthaft verhandelbare Gründe gab es keine, also griffen die Verantwortlichen von Radar auf ein Pamphlet eines weiteren [damaligen] Vorstandsmit­glieds, nämlich Günter Mergel, zurück, um wenigstens ein bißchen mit Dreck werfen zu können [8]. In diesem Fall können wir also festhalten, daß der Verein über seinen Rechtsanwalt das Amtsgericht Darmstadt angelogen hat. So viel zum Thema „Täuschung“, lieber Marco Schleicher.

Nun habe ich mir bei dieser Debatte hinter den Kulissen einen kleinen Scherz erlaubt, den der Marco Schleicher überhaupt nicht witzig fand. Ich hatte nämlich bei dieser internen Diskussion eingeflochten, daß der Saubermann der journalistischen Sorgfalt zum Abschluß seines Studiums durchgerasselt sei. Nun kann jedermann, jedefrau im Internet nachlesen, daß er im Gegenteil erfolgreich war. Der Gedanke, der dahinterstand, war der: Marco Schleicher einmal fühlen zu lassen, wie das ist, das Opfer einer unwahren Behauptung über ihn zu sein, zumal der Programmrat allenfalls in der Wikipedia nachschauen und nichts finden würde. Und schon drohte er mir mit rechtlichen Schritten. Sieh an! – aber andere mit Schmutz zu überziehen, scheint für ihn kein Problem darzustellen. Denn für den eindeutig und ihm bekannt unwahren Antisemitismus­vorwurf ist er zumindest mittelbar verantwortlich. Da schweigt er dann lieber, anstatt den Wink mit dem Zaunpfahl aufzunehmen und beispiels­weise dem Amtsgericht Darmstadt zu beichten, man habe es bewußt angelogen.

 

Einblick in eine Kupferschmiede

Kommen wir nun zur Kompetenz des Programmrats. Halten sich die Programmrats­mitglieder eigentlich selbst an ihre Allzweckwaffe, also die Sendekriterien? Einige schon, andere nicht. Ich rede hier nicht vom Verstoß gegen Regel 1.10, die besagt, daß in Sendungen, die wiederholt werden, keine Uhrzeiten genannt werden sollen, weil sie in der Wiederholung offenkundig unsinnig sind. Oder gegen Regel 1.13, die dazu auffordert, technische Fehler nicht auf dem Sender zu kommunizieren, wenn wieder einmal die Technik streikt, was zur Zeit häufiger vorkommt und schon so manches Sendeloch verursacht hat. Das ist so banal, daran sollte sich jedes Programmrats­mitglied ohnehin halten. Denn der Programmrat geht – in der Theorie – mit gutem Beispiel voran. Wenn Mitglieder dieses erlauchten Gremiums hingegen selbst gegen nicht unwesentliche Regeln verstoßen und damit durchkommen, weil sie weder angesprochen noch geahndet werden, obwohl der Regelverstoß dem Programmrat bekannt ist, weshalb sollten dann die übrigen Sendenden diese Sendekriterien ernst nehmen und die Qualität ihres Programms verbessern wollen? So hört es sich dann auch an.

In diesem Fall spreche ich von Regel 1.5, die da lautet:

„Urheberrechte beachten. Bei der Verwendung von fremden Materialien sind die Urheberrechte der jeweiligen Urheber zu beachten und ggf. eine Sendegenehmigung einzuholen. Sofern fremde Beiträge gesendet werden, muss die Quelle und/oder der Urheber genannt werden.“

Eigentlich klar. Man und frau kann nicht einfach fremde Texte vorlesen und so tun, als seien es die eigenen. Selbstverständ­lich gilt auch im Lokalradio das Recht zum Zitieren, dann ist jedoch die Quelle ebenso zu nennen wie in Dissertationen, etwa der des Karl Theodor von und zu. Das steht übrigens so ähnlich auch im „Rechtshandbuch Bürgermedien“, das in mehreren Exemplaren im Sendehaus für Redakteure und Moderatorinnen einzusehen ist.

Die Lieblingsquelle der Sendenden von Radio Darmstadt ist die Wikipedia. Die darf frei verwendet und auch abgelesen werden, sofern ein Hinweis auf die Quelle erfolgt. Einmal abgesehen vom fehlenden tieferen Sinn, der darin bestehen mag, ellenlang fremde Texte abzulesen, die ohnehin nicht für das Hören geschrieben wurden (also Verstoß gegen Regel 1.8: Schreiben fürs Hören), frage ich mich, ob manche Redakteurinnen nicht in der Lage sind, anstelle des Nachbetens fremder Textpassagen einen eigenen Beitrag mit einer eigenen Meinung zu produzieren. Barbara Nickisch, für die Musikredaktion im Programmrat, ist so ein Fall. Sie macht Sendungen, denen sogar ich gerne zuhöre und von denen ich etwas lerne; allein – ich benötige die Sendung ja gar nicht, weil das meiste darin ohnehin in der Wikipedia oder anderen Internetquellen steht.

Barbara Nickischs Sendereihe Special Feature besteht in der Regel aus einer Aneinander­reihung vorgelesener oder paraphrasierter (fremder) Textpassagen aus Internetartikeln, Zeitschriftenauf­sätzen, Büchern oder eben der Wikipedia. Hier von „Zitaten“ sprechen zu wollen, trifft die Sache nicht, denn ein Zitat setzt die Einbettung in einen eigenen Textkorpus voraus. Eher wäre an die Vorstellung einer Textcollage zu denken, zu der die Autorin außer einiger banaler Moderations­floskeln nichts Erhellendes beiträgt. Um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: in ihrer Sendung am 4. Februar 2011 zu Lou Reed besprach sie sogar ein Buch. Weshalb sie sich anschließend vom Mikrofon und nicht von ihren Hörerinnen verabschiedet hat, bleibt ihr Geheimnis.

Das ungenierte Abkupfern fremder Texte aus dem Internet – weit über die Wikipedia hinaus – hatte in den Jahren 2007 bis 2009 bei Radio Darmstadt Hochkonjunktur. In Dutzenden von Sendungen wurde fleißig, wenn auch zuweilen quälend schlecht, abgelesen. Es wurde vor allem sinn- und verstandlos abgelesen, wie mitgesprochene Schreibfehler belegen. Dieses Gebaren habe ich auf meiner Webseite dokumentiert. Es hat mich wenig erstaunt, daß hieran eine Reihe von ehemaligen und/oder auch heute noch tätigen Programmratsmit­gliedern involviert waren, die offenkundig gegen ihre eigene Regel 1.5 verstoßen haben. Ob es sich im Einzelfall um ein Plagiat oder die Verletzung des Urheberrechts handelt, lasse ich dahingestellt sein; es ist nicht dasselbe.

So hat das Programmratsmit­glied Hacer Yontar-Oukacha [am 12. November 2008] gleich seitenweise aus Focus Online vorgelesen und ihre Quellenangabe gleich mit dazu. Das ist dann zwar kein Plagiat, nur urheber­rechtlich bedenklich. Wird jedoch eine Urkunde aus dem 18. Jahrhundert vorlesen, ohne dies kenntlich zu machen, dann gilt zwar kein Urheberrecht mehr, aber es wäre ein Plagiat. Die Mischform wäre das Verlesen der Wikipedia ohne Quellenangabe, wie beim Programmrats­mitglied Michael Schardt alias Chappi am vergangenen Montag in seiner Sendung Stormy Monday. Dieser Fall ist besonders kurios, weil er so sinnlos ist und beweist, daß elementare Kenntnisse journalistischer Tätigkeit auch im 15. Sendejahr von Radio Darmstadt zu fehlen scheinen.

Eigentlich müßte Chappi nämlich nichts weiter tun, als seine abgelesenen Weisheiten mit Quellenangabe Wort für Wort wiederzukäuen. Statt dessen holpert er sich verbal durch den Text, um den Eindruck des Ablesens aus dem Internet zu vermeiden; ja er behauptet sogar, er habe recherchiert. Das ist die Recherche bei Radio Darmstadt! Die Wikipedia. Und vielleicht auch noch das Plattencover. In seinem holpernden Vortrag zu Gary Moore versuchte er derart bewußt, seine Vorlage zu verschleiern, daß ich sogar von einem beabsichtigten Plagiat sprechen kann. Dummerweise entschlüpfte ihm nämlich ein kompletter wörtlich vorgetragener Satz; dafür fehlte dann die Quellenangabe. Dabei kann die Wikipedia allenfalls der Anfang, jedoch nicht das Ende seriöser journalistischer Recherche sein.

Wäre es ein Einzelfall, könnten wir diesen Pseudo­journalismus belächeln. Leider ist es das nicht. Mehr noch – wer andere wegen Verletzung der journalistischen Sorgfalt abstraft, sollte besser nicht im Glashaus sitzen. Ich kenne doch meine Pappenheimer, weiß also, wann es sich lohnt, eine Suchmaschine anzuwerfen und noch während der Sendung die plagiierten Texte mitzulesen. Offenkundig mißt der Programmrat mit zweierlei Maßstab. Der schon erwähnte Marco Schleicher traf wahrscheinlich unbeabsichtigt des Pudels Kern, als er mir während schon erwähnter erregter Debatte hinter den Kulissen schrieb, das Sendekriterium 1.14 (also der Maulkorberlaß) sei eine „Kann“-Bestimmung [9]. In der Tat! Der Programmrat benutzt die Sendekriterien tatsächlich als Kann-Bestimmung. Sie können angewendet werden, bevorzugt gegen mißliebige Personen, sie müssen es jedoch nicht, insbesondere im eigenen Krähenpool. Mal sehen, was der Programmrat nach dieser Sendung gegen mich unternimmt.

Mitlesen konnte ich vor zwei Wochen bei der Sendung Young Power, als ein ehemaliges Programmratsmit­glied etwas vortrug, das ich seltsamerweise auf dem Internetportal der Zeit wiederfand. Vermutlich war es dann wohl die Zeit, die aus dem Manuskript der Jugend­redakteurin geklaut hat. – Ich will das nicht länger als notwendig austappen, zumal es in epischer Breite auf meiner Webseite nachgelesen werden kann. Erwähnen möchte ich jedoch noch das seit Urzeiten im Programmrat sein Pöstchen absitzende Vereinsmit­glied Ralf Donath, weil er an der kürzlichen Abstrafaktion ebenfalls mitbeteiligt war. So erklärt er schon einmal zu einem Musikstück: „Und dazu gibt es folgende Gedanken.“ Mit dem Plagiatsvor­wissen im Hinterkopf können wir schon erahnen, was kommt. Es sind nicht seine Gedanken, sondern die der Plattenfirma. Oder die aus einem Internetforum. Natürlich ohne Quellenangabe, versteht sich. [Jazz mit Ralf, 26. März und 9. April 2008.]

Aufgrund der Internetvor­lesungen des ehemaligen Programmratsmit­glieds Björn Böhmelmann wurde der Heise Verlag bei Radio Darmstadt vorstellig. Auch die Deutsche Welle hat den Verein dezent darauf hingewiesen, daß das wiederholte Abkupfern ihrer Kalenderblätter nicht statthaft sei [10]. Das Problem ist demnach im Sendehaus bekannt. Aber ein Problembe­wußtsein gibt es offensicht­lich nicht. In den letzten Jahren mit Dutzenden solcher Vorfälle hat sich der Programmrat meines Wissens nach nicht ein einziges Mal damit befaßt; von Sendeverboten wegen Wiederholungs­gefahr ganz zu schweigen.

Dabei waren einige dieser Plagiate ausgefallen dreist. Etwa wenn das ehemalige Programmrats­mitglied Nils Paeschke monatelang in seiner Computerspiele­sendung Meldungen aus diversen Internetforen vorlas und die Grenze zur bewußten Täuschung dort überschritten hatte, als er aus einem solchen Internetportal eine Übersetzung aus dem Englischen vortrug und allen Ernstes dabei behauptete, hier bei Radio Darmstadt habe man selbst die Übersetzung angefertigt [In-Game am 27. Dezember 2008]. Und dann gibt es noch das ehemalige Programmrats­mitglied Matthias K., das mir rechtliche Schritte angedroht hatte, weil ich seine Plagiate öffentlich gemacht und im Wortlaut dokumentiert hatte. Er, der sich als „Journalist“ bezeichnet, forderte von mir, dieses Dokument von meiner Webseite zu nehmen, weil – lacht nicht! – weil ich ihn plagiiert haben soll.

Ist Marco Schleicher, der Saubermann der journalistischen Sorgfalt, dagegen eingeschritten? Es ist mir nicht bekannt – und selbst wenn, Folgen scheint es jedenfalls keine zu haben.

Nachtrag, nach der Sendung: Ein weiteres ehemaliges Programmratsmit­glied, der Musikredakteur Timm Schwalbach, legte am Abend der Erstaus­strahlung meiner Sendung am 28. Februar 2011 nach. In seiner Sendung Weltkulturradio verlas er sogenannte „Schnipsel aus dem Kontrabaß“, einem Buch von Patrick Süßkind. Mit der Berufung auf „ich zitierte“ zerschnipselte er in knapp neunzehn Minuten das Buch in zehn leicht verdauliche Textstücke, garniert mit viel Musik. Worin das „Zitieren“ bestanden haben mag, kann er uns ja einmal erklären. Die VG Wort, die Verwertungsge­sellschaft für zerschnipselte Textvor­lesungen, schreibt hierzu:

„Ein erlaubtes Zitat liegt nach dem Gesetz nur vor, wenn ‚Stellen‘ eines Werkes, d. h. kleine Ausschnitte, wiedergegeben werden. Das bedeutet: das Zitat darf im Verhältnis zur eigenen persönlichen geistigen Schöpfung des Zitierenden nur eine völlig untergeordnete Rolle spielen. Es darf nur in einem ‚durch den Zweck gebotenen Umfang‘ zitiert werden. Als Ausnahme vom Urheberrecht ist das Zitatrecht stets eng auszulegen …“

Selbst wenn wir etwas großzügiger sind als die aus Eigeninteresse an einer engen Auslegung interessierte VG Wort, mußten wir in der Sendung „Weltkulturradio“ lange und vergeblich nach den „eigenen persönlichen Schöpfungen“ des Musikredakteurs suchen. Sie bestand allein in der Musikauswahl, dem Abstarten einzelner Tracks über das Mischpult und – vermutlich der anstrengendste Teil – der Suche nach zerschnipselbaren Textpassagen im Buch. Ach ja, ab und an hat er noch ein paar unwesentliche Moderationsfloskeln von sich gegeben, die wohl kaum als „eigene persönliche Schöpfung“ durchgehen dürften. Der Diogenes Verlag, der das Buch verlegt hat, hat zu diesem Sachverhalt bei Radio Darmstadt nachgefragt; immerhin geht es hierbei um Lizenzgebühren und Autorenhonorare. Das fand der schon erwähnte Michael Schardt ganz und gar nicht komisch, weshalb er mir gleich eine ätzende eMail schrieb. Schon wieder Nestbeschmutz! Nachtrag Ende.

Und dabei habe ich noch gar nicht die unzähligen Pressemit­teilungen und Promotion­texte angesprochen, die einfach übernommen und verlautbart werden. Wenn eine Plattenagentur ihren Künstler in den höchsten Tönen lobt, dann finden wir dieses Lob auch ungefiltert auf den nachplappernden Wellen von Radio Darmstadt wieder. Hört einfach einmal bei Veranstaltungshin­weisen aufmerksam zu; mit der Zeit entwickelt ihr ein Gefühl für derartige – Täuschungen. Die doppelten Standards bei Radio Darmstadt sind offensichtlich. Von Katharina Mann wird eine Gegendar­stellung verlangt, die selbst inhaltlich keine ist, sondern selbst einen Verstoß gegen Sendekriterium 1.15 darstellt, also persönliche Konflikte öffentlich austrägt, dafür wird auf diesem Sender munter gegen elementare journalistische Prinzipien verstoßen, und der Programmrat beschäftigt sich vorsichts­halber nicht mit sich selbst und den Plagiaten aus der eigenen Mitte.

Ich nenne so etwas bigott. Zwar hat dieser Begriff eine religiöse Konnotation, läßt sich jedoch auch als Synonym für die Scheinheilig­keit der bürgerlichen Moral verwenden. Die Wikipedia, das Recherche­medium des Darmstädter Provinzial­journalismus, meint zum Thema Bigotterie, und damit schließe ich diesen Teil meiner heutigen Sendung:

„Bigotterie […] oder Scheinheilig­keit ist die Bezeichnung für ein unreflektiertes, übertrieben frömmelndes, dabei anderen Auffassungen gegenüber intolerantes und scheinbar ganz der Religion oder einer religiösen Autorität […] gewidmetes Wesen oder Verhalten.“

Einen Redakteur, ein Programmrats­mitglied möchte ich jedoch positiv herausheben. Als im Oktober 2008 die Unterhaltungsredaktion einen kompletten Sendetag bestritt, lieferte die Jugendredaktion Young Power hierzu stündlich die Nachrichten. Als ich Jürgen Radestock darauf hinwies, dort werde fleißig aus dem Internet abgekupfert, zuweilen sogar mit verteilten Rollen ein Korrespondenten­bericht aus Berlin oder München vorgegaukelt, obwohl der angebliche Korrespondent im Studio saß, handelte er umgehend und unterband diese Hochstapelei. Folgen hatte dies für die betroffenen Redakterinnen und Moderatoren selbstredend keine. – Und damit leite ich über zu zwei Büchern, in denen es auch um die Produktion von Wahrheiten und das Täuschen über die eigenen Absichten geht.

 

Eine kriegsgeile Clique

Besprechung von  Dieter Hofmann – Der Sprung ins Dunkle oder wie der Erste Weltkrieg entfesselt wurde, Militzke Verlag 2010, 368 Seiten, € 29,90

Vor einem halben Jahrhundert löste ein deutscher Historiker eine Kontroverse aus, die das Verständnis über eine ganze Epoche verändern sollte. 1961 veröffentlichte Fritz Fischer seine Studie über den „Griff nach der Weltmacht“, in der er mit dem Mythos aufräumte, das Deutsche Kaiserreich sei 1914 in einen Krieg, das es nicht wollte, hineinge­schlittert. Vielmehr habe Deutschland diesen Krieg gewollt und darauf hingearbeitet. Diese, später im Detail modifizierte Sicht, setzte sich bald durch und gilt im wesentlichen bis heute als Stand der Forschung.

In drei Jahren werden zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns bestimmt unzählige Artikel und Aufsätze, Dokumentationen, Filme und Bücher vorgelegt werden. Was derzeit nur schwer vorauszusehen ist, wird die Frage sein, wie dann der Erste Weltkrieg, seine Vorgeschichte, seine Täter und Opfer, und seine Nachwirkung beurteilt werden. Der ideologische Aspekt einer solchen Betrachtung sollte nie außer acht gelassen werden, denn die Darstellung vergangener Geschichte hat auch immer mit der eigenen, der heutigen Selbstverge­wisserung und Identitäts­findung zu tun. Mehr noch: angesichts neoliberal zerfallender sozialer Mechanismen ist zu fragen, welche neuen Sinnstiftungen aus einem Weltkrieg erwachsen, der vor einhundert Jahren Europa erschüttert hat.

Das Motiv, den Großen Krieg zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu wagen, ist verschieden gesehen worden. War es möglich, daß niemand den Krieg wollte, der dann aufgrund einer Eigendynamik losbrach? Weshalb hat sich dann keine Regierung ernsthaft dagegenge­stemmt? Oder handelte es sich um das deutsche Streben nach der Weltmacht, um den Versuch, mangels größerer Kolonialreiche den großen Wurf in Europa zu wagen? Und welche Rolle spielen in diesem Szenario die anderen Mächte? Handelten sie aggressiv oder defensiv, waren sie auf Krieg aus oder wollten sie ihn vermeiden? Damit verbunden ist sicherlich eine gerade in Deutschland verbreitete Mentalität, die Schuld an diesem Krieg nicht allein tragen zu wollen. Dabei ist es definitiv so, daß Deutschland und Österreich-Ungarn diesen Krieg losgetreten haben, anstatt eine diplomatische Lösung zur Konfliktver­meidung zu suchen.

Buchcover Dieter HoffmannMit diesen jahrzehntelang kontrovers diskutierten Erklärungs­mustern eng verbunden ist die Frage, welche Triebkräfte hinter dem Beginn des Ersten Weltkrieges gestanden haben. Handelte es sich um die einsame Entscheidung Wilhelms II. und seines Stabes? Welche Rolle spielte Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg? Bestimmten anschließend nur der spätere Reichskanzler Paul von Hindenburg und sein Stellvertreter Erich Ludendorff die Richtlinien der Politik? Oder ist eine Orientierung an einzelnen Personen der falsche Ansatz, weil die Triebkräfte, die zum Krieg führten, sozialpolitischer Natur und damit andernorts anzusiedeln sind?

Der Historiker und Journalist Dieter Hoffmann hat in seiner im vergangenen Jahr im Militzke Verlag herausgebrachten Monografie „Der Sprung ins Dunkle“ eine weitere Lesart vorgeschlagen. Das Besondere an seinem Buch ist nicht das Auffinden neuer Quellen, auch stellt er nicht die Schuldfrage im Sinne nationalistischer Legenden­bildung, wie sie jahrzehntelang üblich war, wieder neu. Dennoch unterscheidet sich seine Interpretation von der Fritz Fischers. Während dieser den aggressiven Charakter der deutschen Hegemonial­politik betont hatte, versucht Dieter Hoffmann mit demselben Quellen­material zu belegen, daß das Deutsche Kaiserreich einen Präventiv­krieg angezettelt hat, um einer vermeintlichen oder vielleicht auch wirklichen Bedrohung durch Frankreich und Rußland zuvorzukommen.

Er nimmt hiermit der deutschen Seite nicht die Verantwortung für das jahrelange gnadenlose Gemetzel, aber er gewichtet die Motive der Akteure neu. Daß das preußische Militär den Krieg wollte und dann auch führte, bleibt dennoch als Aussage bestehen. Ich kann mich mit dieser Interpretation nur schwer anfreunden. Dies hat weniger damit zu tun, daß ich der deutschen Außenpolitik keine defensiven Motive unterstellen mag. Die Vorgeschichte ist ohnehin aufschlußreich genug; der deutsche Versuch, in Nordafrika Fuß zu fassen, hätte beinahe schon Jahre zuvor einen Weltenbrand ausgelöst. Vielmehr fehlt mir eine sozial­politische Analyse, die darauf eingeht, welche gesellschaftlichen Kräfte in welcher politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation eine aggressive Lösung befürworteten.

Der Verweis auf den 1891 gegründeten reaktionären, völkischen, expansionistischen und antisemitischen Alldeutschen Verband und die 1912 ins Leben gerufenen Wehrvereine, die beide eine extrem nationalistische und annexionistische Stimmung verbreiteten, fehlt im Buch zwar nicht. Aber diese Kräfte waren nicht die einzigen, die dem preußischen Militarismus zur Seite standen. Auch wenn Deutschland eine Monarchie war, so war es doch eine kapitalistische; und insofern hätte hier zumindest die politische Rolle und Einflußnahme der Kapitalverbände auf die Politik diskutiert werden müssen, wie sie später beim Aufstieg der NSDAP deutlich sichtbar wurden. Gab es sie nicht? Über welche Kanäle verfügten sie?

Die damalige sozialdemokratische Politik war durchaus imstande, den imperialistischen Charakter hinter dem preußischen Militarismus zu erkennen. In unzähligen Reden und Zeitungsartikeln prangerte sie ihn an. Daß dieselben Sozial­demokraten 1914 mit der Zustimmung zu Kriegskrediten und Burgfrieden den Weg frei gemacht haben, steht dieser Erkenntnis nicht im Wege, sondern ist ihr pragmatischer Ausdruck; sozusagen: Realpolitik. Aber die Sozialdemo­kratie war auch ein Faktor, den das Militär wie das Kapital fürchten mußten. Die Wirtschafts­krisen von 1900/02 und 1907/09 waren die Vorboten einer weiteren Krise, die kurz vor Beginn des Großen Krieges aufzog. Aufrüstung und Krieg sind immer willkommene Antworten auf derartige Krisen.

Dennoch kann Dieter Hoffmanns Buch als eine interessante, wenn auch nicht immer stimmige Darstellung betrachtet werden. Es geht darin weniger um die Kriegsereignisse als solche; diese werden nur am Rande gestreift und nur insoweit, wie sie sich auf die deutsche Kriegsplanung auswirkten. Vielmehr werden wir mit den wankelmütigen Gedanken und feinsinnigen Planspielen von Militärs und Politikern vertraut gemacht; auch wenn ich denke, daß eine straffere Darstellung zu weniger Redundanz und mehr Klarheit geführt hätte.

Allerdings, so scheint es, will uns der Autor in die Untiefen dieser politischen Entscheidungs­prozesse hineinführen. Alles, was seiner These über den präventiven Charakter der deutschen Aggression entgegenkommt, wird bis ins Detail ausgeleuchtet. Wäre hier nicht die Erstellung eines Psychogramms der einzelnen handelnden Personen nützlich? Gerade bei Theobald von Bethmann-Hollweg finden wir einen Wankelmut vor, den auch der Autor nicht wirklich erklären kann. Liegt dies an seinem Ansatz oder dem damaligen Reichskanzler? Wurden wir damals und werden wir heute von Menschen regiert, die nicht wirklich wissen, was sie tun?

Ganz unabhängig von den soeben vorgetragenen grundsätzlichen Gedanken und Bedenken, wie ich sie mir bei und nach der Lektüre dieses durchaus leicht lesbaren Bandes gemacht habe, geht es bei der Frage, wie der Erste Weltkrieg entfesselt wurde, um mehr: Um die damalige Weltlage, um Militarismus und eine möglicher­weise abgehobene militaristische Politik einer kleinen Elite. Die geopolitische Konstellation um 1910 bestand in einem faktischen Dreibund Großbritannien-Frankreich-Rußland und in einen zweiten Dreibund Deutschland-Österreich-Ungarn-Italien. Österreich-Ungarn und Italien waren damals eher zweitrangige Mächte, so daß Deutschland sich in der Zange zwischen Rußland und Frankreich wähnte. Im Grunde genommen fand ein Aufrüstungs­wettlauf statt, bei dem beide Seiten versuchten, sich gegenüber der anderen einen Vorteil zu verschaffen, weil ansonsten das militärische Übergewicht der anderen Seite zu eklatant zu werden drohte.

Frankreich und Rußland hatten einen gegenseitigen Beistandspakt geschlossen und Frankreich begann aus Sorge vor einem deutschen Angriff, dem es allein unterlegen sein würde, den Ausbau eines strategischen russischen Eisenbahn­netzes zu finanzieren, um zumindest mit der Zange drohen zu können. Deutschland hingegen plante seit Jahren einen Zweifrontenkrieg und nahm hierbei die Verletzung der Neutralität Belgiens und der Niederlande in Kauf, was Großbritannien auf den Plan rief. Das Militär erhoffte sich einen schnellen Durchbruch nach Frankreich, eine Art Blitzkrieg, bei dem die überforderte französische Armee geschlagen werden würde; alsdann würde man sich nach Osten wenden und den schwerfälligen russischen Bären erlegen.

Österreich-Ungarn sah durch die aufstrebenden Nationalstaaten Serbien, Bulgarien und Rumänien seine Interessen in Südosteuropa gefährdet; Rußland hingegen betrachtete sich als panslawistische Schutzmacht und gierte nach den Dardanellen. Wer immer den ersten Dominostein umkippte, würde die Kettenreaktion in Gang setzen. Alle Mächte waren sich dieser Gefahr bewußt, aber Deutschland wollte den Krieg, weil es befürchtete, in wenigen Jahren eine mögliche, aber realpolitisch wohl eher nicht vorhandene Gefahr nicht mehr abwehren zu können. Ein bißchen Paranoia war auch dabei – übrigens auf jeder Seite. Womöglich ist Paranoia ein Kennzeichen der Politik herrschender Klassen.

Nun konnten die deutschen Militärs nicht offen sagen, wir führen einen Angriffskrieg, wenn kein wirklicher Grund vorlag. Also mußte man eine Stimmung verbreiten, die im Falle eines Falles, wenn nämlich irgendwo zwangsläufig der Dominostein fallen sollte, sofort mit höchstmoralischer Legitimation aktiviert werden konnte. Diese aufgeputschte nationalistische Stimmung wurde zudem als ein Mittel gegen die Sozialdemo­kratie betrachtet. Zusammen­gefaßt: mit Stimmungsmache, Lügen und Täuschungen sollten deutsche Männer in einen vermeidbaren Krieg geführt werden, um Kolonien, Ländereien, Kohlengruben und andere nützliche kapitalistische Extraprofite einstreichen zu können. Auch hiervon, vielleicht nicht so deutlich wie in meinen Worten, handelt Dieter Hoffmanns Buch „Der Sprung ins Dunkle“.

Und damit dieser Krieg auch Wirklichkeit werde, mußte die Habsburger­monarchie ermuntert werden, Serbien derart unter Druck zu setzen, daß keine Seite mehr einen Rückzieher machen konnte. Das Attentat kam zum rechten Zeitpunkt; aber daß nach den beiden Balkankriegen zuvor ohnehin die Lunte gelegt war, war allen Beteiligten klar. Keine Großmacht löschte sie. Womöglich erhofften sich alle Seiten vom deutschen Vorpreschen eine Lösung all ihrer Probleme mit Wirtschaftskrisen, streikenden Arbeitern, revolutionären Umtrieben (wie in Rußland) und politischen Zielen. Als das Kaiserreich nach dem Scheitern des Schlieffenplans in Nordfrank­reich mit einem mörderischen Grabenkrieg konfrontiert war, hatte es keinen Plan B. Die kriegs­führenden Militärs mußten jetzt abwarten und Hunderttausende junge Männer verheizen, um zu sehen, wessen Heimatfront als erste bröckelte, welches Land die enormen finanziellen und personallen Lasten nicht mehr stemmen konnte oder wollte. Millionen Männer und Frauen mußten für diesen Wahn bluten.

Dieter Hoffmanns Buch „Der Sprung ins Dunkle oder wie der Erste Weltkrieg entfesselt wurde“ führt zu nicht uninteressanten Einsichten in die Gedankenwelt einer militaristisch orientierten herrschenden Clique. Es umfaßt 368 Seiten, kostet 29 Euro 90 und ist im vergangenen Spätsommer im Militzke Verlag erschienen.

 

Eine weitreichende Entscheidung

Besprechung von : Luciano Canfora – August 1914. Oder: Macht man Krieg wegen eines Attentats? PapyRossa Verlag 2010, 118 Seiten, € 9,90

Die Fragen, die in Dieter Hoffmanns Buch allenfalls am Rande vorkommen, werden vom italienischen Altphilologen und Historiker Luciano Canfora aufgenommen. Während das soeben besprochene Buch auf den Pfaden der wissenschaft­lichen Gründlichkeit wandelt, ohne mit einem Fußnoten­apparat abzuschrecken, erlaubt sich der italienische Kommunist eine essayistische Betrachtungs­weise. Dies ist insofern kein Fehler, weil er somit nicht umständlich seine Thesen herleiten muß, sich vielmehr auf das ihm Wesentliche konzentrieren kann. Sein ebenfalls letztes Jahr im PapyRossa Verlag herausgebrachtes Bändchen über den August 1914 trägt nicht zufällig den Untertitel „Macht man Krieg wegen eines Attentats?“ Mit dieser Frage ist die Antwort schon impliziert; natürlich nicht. Worum, so fragt Luciano Canfora deshalb, ging es dann?

Als Italiener tut er sich einfacher mit den vielen Legenden, die um den Ausbruch und die Kriegsziele des Ersten Weltkriegs gesponnen wurden. Als Kommunist ist er zudem unverdächtig der Parteinahme zugunsten der deutschen Militaristen. Dennoch oder gerade deshalb weist er auf einige zentrale Problemfelder hin, die nicht so einfach weggewischt werden können. Der damalige Weltkrieg wurde von alliierter Seite, damals sprach man und frau von der Entente, nicht zuletzt mit der Begründung propagandistisch geführt, es handele sich um einen Krieg der Demokratie gegen ein autoritäres Regime. Tatsächlich war das autoritärste und repressivste Regime das des russischen Zarismus, der gerade erst eine Revolution zerschlagen hatte und nun eine weitere gegen die unzumutbaren Zustände im Lande zu verhindern trachtete.

Buchcover Luciano CanforaDeutschland hingegen besaß eine Mischverfassung aus relativ demokratischem Verhältnis­wahlrecht – nur für Männer, wohlgemerkt – im gesamten Reichsgebiet; das kontrastiert wurde von einem vollkommen undemokratischen Dreiklassen­wahlrecht in Preußen. Die Stärke der deutschen Sozialdemo­kratie führte zwar nicht zu einer politischen Einflußnahme, doch mußte der bürgerliche Staat mit geeigneten Mitteln auf das soziale Gewicht einer derartigen Organisation Rücksicht nehmen.

In England hingegen wurde noch Ende des 19. Jahrhunderts der Begriff „Demokratie“ zumindestens seitens der herrschenden Klasse ungern verwendet; und auch hier bestand ein Wahlrecht, daß die Begüterten extrem bevorzugte. Und selbst Frankreich, die einzige Republik dieser Mächte, erholte sich nur langsam vom Massaker an der Pariser Commune und pflegte einen Regierungsstil der Cliquen und Honoratioren in der Provinz. Aber letztlich waren die unterschiedlichen Regierungsformen ja auch nicht der Grund für den Krieg.

Die Stärke der Darstellung Luciano Canforas besteht in der Denunzierung der ideologischen Beweggründe der jeweiligen Mächte. Überhaupt spricht er klar das aus, worum es wirklich ging: bei diesem Weltkrieg handelte es sich um eine Auseinander­setzung unter imperialistischen Mächten, bei der es die deutsch-österreichische Seite war, die noch gieriger als die andere auf den Krieg hinarbeitete. Während der Autor selbstverständ­lich auf Lenins Studie über den Imperialismus verweist, möchte ich hier auf die anders argumentierende, aber zu ähnlichen Schlüssen über das Wesen des Imperialismus kommende Rosa Luxemburg verweisen. Für beide war klar, daß der Feind im eigenen Land steht; für beide war klar, daß die Kriegsverbrecher in den jeweils herrschenden Klassen zu suchen waren. Zudem betrachteten beide den Imperialismus als kapitalistische Erscheinung, der nur durch entschiedenen Klassenkampf zu bekämpfen und zu besiegen sei.

Ob und inwieweit Frankreich oder Großbritannien selbst auf einen Krieg hingearbeitet haben, muß angesichts verschlossener Archive unbeantwortet bleiben. Die deutschen Archive wurden nach der November­revolution geöffnet. Die Bolschwiki veröffentlichten zum Schrecken der ehemaligen Alliierten diplomatische Geheimdokumente, um den imperialistischen Charakter des Krieges zu denunzieren. Dabei kam heraus, daß die Journalisten verschiedener französischer Zeitungen von Rußland für eine emotional aufgeheizte Stimmung bezahlt wurden. Die der imperialistischen Kriegsführung zugehörige Propaganda kam ohne Fälschungen nicht aus; überhaupt sind die fiktionalen Elemente, die Lügen und Täuschungen, in einem mörderischen Zusammen­treffen nicht zu unterschätzen. Der Autor wäre nicht Kommunist, würde er nicht auf die Ursünde der Arbeiterbewegung zu sprechen kommen, nämlich die Zustimmung der meisten sozialdemo­kratischen Parteien zum Krieg. Und hier wird sein kleiner Essayband so richtig spannend, denn er fragt nicht nur nach der Verantwortung für den Krieg, sondern auch nach der Verantwortung für den nachfolgenden Sieg des Faschismus.

Luciano Canfora fragt nicht anklagend: „Wer hat uns verraten?“ Vielmehr legt er dar, daß mit dem Eintritt sozialdemo­kratischer Parteien in das bürgerliche Kriegsbündnis, nicht überall, aber in Deutschland und Frankreich, die Politik außer Kraft gesetzt wurde. Und hier liegt der Fokus wieder auf Deutschland. Die Bruchlinie zwischen Eliten und Sozialdemo­kratie, die sich schon vor 1914 aufgetan hatte, entstand neu. Mit der USPD, einer Abspaltung der SPD, entsteht mitten im Krieg eine pazifistische Heimatfront, die jedoch konterkariert wird durch die Massenbewegung der Deutschen Vaterlands­partei, mit Hindenburg als Galionsfigur. Programmatisch kann die DVP als eine Vorläuferin der NSDAP betrachtet werden, als extrem nationalistische und annektionistische Massenpartei ist sie der Vorbote der Massenbewegungen, die zum Faschismus geführt haben.

Die defensive Haltung auch der linken Sozialdemokratie ermöglichte es, daß die Deutung des verlorenen Krieges als Dolchstoßlegende zur maßgebenden ideologischen Kraft werden konnte. Im Grunde genommen läßt sich Luciano Canforas Essay auf den Gedanken zuspitzen: Hätte die Sozialdemo­kratie der imperialistischen Länder so gehandelt, wie vorher abgesprochen, hätte sie sich dem Krieg verweigert oder ihn gar bekämpft, dann wäre die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts ganz anders verlaufen. Statt dessen wählten die sozialdemo­kratischen Führer den Krieg, den Schulterschluß mit dem Imperialismus, um den eigenen Wohlstand auf Kosten der Unterlegenen zu mehren. Nicht wenige haben ihren Pakt mit der Kriegsfraktion später mit dem Leben bezahlt.

„August 1914 – Oder: Macht man Krieg wegen eines Attentats?“ von Luciano Canfora ist im PapyRossa Verlag erschienen; das 118 Seiten starke Bändchen kostet 9 Euro 90.

Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Weitere Bücher zum Thema

 

ANMERKUNGEN
Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

»» [1]   Zu verfolgen auf meinen Dokumentations­seiten zu Radio Darmstadt im Jahr 2007: Januar, Februar, März, April, Mai, Juni, Juli, August, September, Oktober, November, Dezember.

»» [2]   Der Name des im Oktober 2010 verstorbenen Redakteurs wurde teilanonymisiert, um die allzu neugierigen Datenkraken ins Leere laufen zu lassen. Die Namen der übrigen personae dramatis wurden nicht anonymisiert, weil sie entweder als Verantwortliche auf der Webseite von Radio Darmstadt namentlich aufgeführt sind oder sie sich ihren Hörerinnen und Hörern mit Klarnamen selbst vorgestellt haben. Pardon: nur den Hörern. Ist ja ein Männerradio.

»» [3]   Siehe auch meine ausführlichere Analyse dieser Sendekriterien.

»» [4]   Jörg Wagner erhielt 2007 den Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik. Vgl. Günter Henkel : Medialer Marathonläufer, in: M 3/2007.

»» [5]   eMail von Marco Schleicher an mich und den Programmrat von Radio Darmstadt vom 19. Februar 2011.

»» [6]   eMail von Marco Schleicher an einen breit gefächerten Empfängerinnen- und Empfängerkreis, u.a. die LPR Hessen, vom 17. Februar 2011. Den Nachweis für die Täuschung konnte er natürlich nicht erbringen. Er ist jedoch herzlich eingeladen, dieses Versäumnis nachzuholen.

»» [7]   Schriftsatz vom 6. Mai 2009.

»» [8]   Günter Mergels zwei Pamphlete tragen die Daten 11. und 13. Oktober 2007 und wurden im Namen zweier Phantomorga­nisationen verfaßt. In keinem dieser beiden Pamphlete findet sich die vom Radar-Rechtsanwalt aufgestellte Behauptung einer antisemitischen Äußerung durch Norbert Büchner. Da hat der Rechtsanwalt draufgesattelt und ganz genuin etwas hinzuerfunden.

»» [9]   eMail von Marco Schleicher an mich und den Programmrat von Radio Darmstadt vom 20. Februar 2011.

»» [10]   Entsprechende Schreiben des Heise Verlages und der Deutschen Welle liegen mir vor.


Diese Seite wurde zuletzt am 19. März 2011 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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