JVA Weiterstadt
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Phantomverbrechen

16. Folge: Strafvollzug

Sendemanuskript

 

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Montag, 22. Februar 2010, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Montag, 22. Februar 2010, 22.00 bis 23.00 Uhr
Dienstag, 23. Februar 2010, 03.15 bis 04.15 Uhr
Dienstag, 23. Februar 2010, 06.15 bis 07.15 Uhr
Dienstag, 23. Februar 2010, 13.00 bis 14.00 Uhr

Zusammenfassung:

Etwa zehn Jahre nach der letzten Ausstrahlung meiner damaligen Sendereihe Phantomverbrechen bot ein Vortrag zum hessischen Strafvollzug Gelegenheit, den Gedanken des Zusammenhangs zwischen Kapitalismus, Phantomen und Verbrechen neu aufzulegen. Heute: Menschenjäger landen nicht im Knast. Natalie Krieger referiert die Vorstellungen der hessischen Landtagsfraktion der Linken. Mumia Abu-Jamal sitzt immer noch im Todestrakt.

Playlist:


Jingle Alltag und Geschichte

Plakativ, aber genial. Ton Steine Scherben. Wer ihre Lieder hört, weiß, weshalb die Bourgeoisie und ihr Feuilleton die 68er hassen, umdichten und wegschreiben. Die einzige außerhalb meines Bekannten­kreises, die auf diesem Sender eine Ahnung davon zu haben scheint, ist die Musik­redakteurin Barbara N. Allerdings verstehe ich nicht, weshalb sie zu der von ihr vorgestellten progressiven Musik der 60er und 70er Jahre einfach fremde Texte abliest. Was ist ihr so wichtig daran, gerade diese Musik vorzustellen?

Die Rebellion vor vierzig und ein paar mehr Jahren war nicht einfach eine Jugendsünde, sondern der Vorbote einer Kultur­revolution, die sich nicht, wie die Rebellion der 68er, kommerziell vermarkten läßt. Die kapitalistische Gesellschaft auf den Punkt gebracht heißt, sich immer bewußt zu sein, daß diese Gesellschaft nicht allein durch den stummen Zwang des Marktes zusammengehalten wird, sondern der außer­ordentlichen Gewalt des Staates und seiner Ideologie­produzenten und Repressions­organe bedarf.

Menschen fügen sich auch zehntausend Jahre nach dem ersten zaghaften Beginn der Etablierung von Hierarchien, sozialer Schichtung und später auch Klassen­gesellschaften diesem Zwang nicht freiwillig. Sie müssen in Elternhäusern, Schulen, Armeen, Arbeitshäusern und Gefängnissen lernen, wie sie sich einzufügen haben, damit diese Gesellschaft profitabel zugunsten und im Interesse Weniger funktioniert, auch wenn wir hier in einem wahrlich reichen Land den einen oder anderen Brotkrumen abbekommen, was mehr ist, als Dreiviertel der Menschheit erwarten dürfen. Wer die hierzu benötigten Werte und Normen nicht verinnerlicht, wird kriminell genannt, wer dabei erwischt wird, sie eigennützig oder widerständig zu verletzen, landet im Knast. Nicht jede und nicht jeder. Die Schreibtischtäter und Menschenjäger bleiben unbehelligt, weil: sie spielen das richtige Spiel.

In meiner heutigen Sendung werde ich Natalie Krieger zu Wort kommen lassen. Natalie Krieger ist die Rechtsreferentin der Landtags­fraktion der Partei Die Linke, und als solche hat sie die Position dieser Fraktion zum neuen hessischen Strafvollzugs­gesetz mit erarbeitet. Im Gegensatz zu den Scherben, deren Radikalität zu Beginn der 70er Jahre ein Lebensgefühl wiedergab, bewegt sich die Landtags­fraktion der Linken auf reformistischem Terrain. Selbst dann, wenn Knäste als Repressions­instanz in Frage gestellt werden, so wird das Strafen an sich als menschliches Bedürfnis nicht problematisiert.

Es ist erschreckend, wie wenig die Linke fast fünfzig Jahre nach den zaghaften Anfängen einer Kultur­revolution noch hiervon mitgenommen hat. Das Leben im Falschen scheint eine Ideologie hervorzubringen, die das Falsche in die eigene Nische hinüberrettet. Ich halte das Bedürfnis nach Strafe, Rache und Vergeltung für keine anthropologische Konstante, sondern von Menschenhand gemacht. Solange wir uns gegenseitig abzustrafen versuchen, können die Reichen und Mächtigen ruhig weiter schlafen. Strafen ist etwas für nicht emanzipierte Menschen ohne inneren Halt. Das Bedürfnis, Andere abzustrafen, halte ich für eine Obsession, also eine Charakterschwäche.

Dennoch ist die Position der Linken zur verschärften Sicherheits­gesetz­gebung der brutalst­möglichen Koalition nicht irrelevant. Hören wir deshalb Natalie Krieger, die am 11. Februar im „Linkstreff Georg Fröba“ (Darmstadt) über Strafvollzug und Knäste gesprochen hat. Am Mikrofon ist für die Redaktion Alltag und Geschichte Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Den Vortrag von Natalie Krieger anhören

Der Vortrag kann entweder über das Audioportal des Bundesverbandes Freier Radios nachgelesen, angehört oder herunter­geladen werden, er kann aber auch mit dem nebenstehenden MP3-Abspielgerät ohne lästiges Herumgefummel mit internen oder externen Software-Playern angehört werden. Wie ihr wollt.

Natalie Krieger, Rechtsreferentin der Fraktion der Linkspartei im hessischen Landtag, sprach über den repressiven Charakter von Knast und Wegsperren und über die Vorstellungen ihrer Partei zum Entwurf eines neuen hessischen Strafvollzugs­gesetzes. Während es hierzulande derzeit kaum politische Gefangene gibt, ist das andernorts anders. Nicht nur in Guantánamo, sondern auch mitten in den USA selbst wurden und werden Menschen aufgrund ihrer politischen Haltung eingekerkert. Neben Leonard Peltier ist hier insbesondere der schwarze Journalist Mumia Abu-Jamal zu nennen. Die Redaktion Trotzfunk im freien Radio Unerhört Marburg stellt in folgendem Beitrag die aktuelle Entwicklung in Mumias Fall vor.

Den Beitrag von Trotzfunk über Mumia Abu-Jamal anhören

Der Vortrag kann entweder über das Audioportal des Bundesverbandes Freier Radios nachgelesen, angehört oder herunter­geladen werden, er kann aber auch mit dem nebenstehenden MP3-Abspielgerät ohne lästiges Herumgefummel mit internen oder externen Software-Playern angehört werden. Wie ihr wollt.

Eine Petition an Barack Obama. Ich faß' es nicht! Auch wenn Mumia Abu-Jamal diese Petition selbst unterstützt, so ist ihm wie mir klar, auf wessen Seite der US-amerikanische Präsident, egal welcher Hautfarbe, steht. Plakativ, wie ich meine heutige Sendung begonnen habe, möchte ich sie daher auch beenden. Der Song stammt wieder von den Scherben, aber ich halte die Interpretation durch die beste deutsche Punkband der 80er Jahre einfach für besser. Die Rede ist von Slime. Hier regt sich das Lebensgefühl der 80er Jahre, das die damalige radikale Linke durchzog. Die Repression war allgegen­wärtig, wenn auch nicht für die braven Bürgerinnen und Bürger und erst recht nicht für die Möchtegern-Blockwarte der inneren Sicherheit. Doch auch sie werden nicht verhindern können, daß der Kampf weitergeht, weil es keine andere Alternative zum Schrecken namens Kapitalismus gibt. Für die Redaktion Alltag und Geschichte war am Mikrofon Walter Kuhl von der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.


Diese Seite wurde zuletzt am 14. März 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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