Langer Ludwig illuminiert
Über allem wacht kein Stadtvater, sondern ein Landesvater darüber, daß der illuminierte Tand auch seine Opfer findet.

Phantomverbrechen

18. Folge: Die Gedanken sind frei

Sendemanuskript

Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte

Radio: Radio Darmstadt

Redaktion und Moderation: Walter Kuhl

Ausstrahlung am:

Mittwoch, 4. Januar 2012, 17.00 bis 18.00 Uhr

Wiederholt:

Mittwoch/Donnerstag, 4./5. Januar 2012, 23.10 bis 00.10 Uhr
Donnerstag, 5. Januar 2012, 08.00 bis 09.00 Uhr
Donnerstag, 5. Januar 2012, 14.00 bis 15.00 Uhr

Zusammenfassung:

Diese Sendung war für den zweiten Weihnachtstag am 26. Dezember 2011 vorgesehen. Allein, die Verantwortlichen von Darmstadts schnuckeligen Vereinsfunk beschlossen, an diesem Tag auf Tauchstation zu gehen und sich ihrer Verpflichtung zu entledigen, meine Sendung, die ich gezwungen bin, auf CD einzureichen, auch zum vorgesehenen Zeitpunkt einzulegen. Neun Tage später hingegen bestand urplötzlich Mangel an qualifiziertem Sendematerial, obwohl der Programmrat dem Büro des Senders aufgegeben hatte, eine Sendung der Unterhaltungs­redaktion einzulegen. Vermutlich dachte sich das Büro (oder wer auch immer), daß meine Sendung auch unterhaltend sei, was sich als schwer­wiegender Irrtum herausstellen sollte. Aufgrund der Verschiebung um anderthalb Wochen stimmten natürlich die zeitlichen Bezüge in dieser Sendung nicht mehr. Who cares? Sinnfrei, wie dieses Radio zuweilen daherkommt, sind ja auch die Gedanken, die sich hier ebenso­zuweilen tummeln.

Die Gedanken sind nämlich frei. Aber manch peinliche Gedanken, die auf Darmstadts Vereinsfunk­sender verbraten werden, sollten besser niemals geäußert werden. Die Polizei und ihre Spitzel in westlichen Demokratien sowie eine Staats­anwaltschaft, die kein Interesse an Aufklärung zeigt.

Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung: Einundsiebzig Stadtväter 

Jingle Alltag und Geschichte

Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe, sondern auch das Fest der Geschenke. Es sind Geschenke, die von Herzen kommen, liebevoll zusammen­gesucht und zusammen­gebunden, ehe sie mit fröhlichen Kinder- und Erwachsenen­augen ausgepackt und bestaunt werden.

Soweit die ideologische Theorie. Die Praxis, wie ihr wißt, sieht ganz anders aus. Die scheinheilige Heuchelei der bürgerlichen Gesellschaft feiert hier konsumrauschige Triumphe, und wer kein Geschenk bekommen hat, ist in einer Gesellschaft, in der es ums Haben und Nicht-genug-bekommen geht, ziemlich arm dran.

Und während unter künstlichen Tannenbäumen ganze Plastikwelten darauf warten, die in Geld gegossenen Werte einer Gesellschaft sinnfällig zu belegen, also die christlichen Werte des Abendlandes, hungern Millionen Menschen, die nicht das Glück gehabt haben, von Jesus Christus und seinem Statthalter auf Erden mit Wohlwollen bedacht worden zu sein, was die andere Seite des Wertekanons desselben christlichen Abendlandes darstellt. Sie schmachten in Kerkern und Verliesen alliierter Kriegsherren und ihrer Verbündeten oder sie malochen sich bei der Herstellung dieser bunten Warenwelt zu Tode, ohne vom Glitzerkram abzubekommen. Frohes Fest, kann ich da nur sagen. Belügt euch selbst.

Vor ziemlich genau fünf Jahren sprach ich an dieser Stelle über ein Fest zwischen Besinnung und Besinnungslosigkeit. Diese Sendung brachte mir durch den Programmrat von Radio Darmstadt, also dem Sender, den ihr hier gerade hören könnt, ein unbefristetes Sendeverbot ein, das, wie sich noch erweisen sollte, rechtlich vollkommen haltlos war. Es gibt in den Reihen der ehrenwerten Mitglieder aus dem Hause Radar eben eine Reihe von selbst­herrlichen Männern und Frauen, die kritische Äußerungen nicht ertragen können und die deshalb so reagieren wie andernorts Despoten auf Demonstrationen und Manifestationen. Wer die Majestät beleidigt, den versucht man und frau mundtot zu machen, wenn schon seine oder ihre Gedanken nicht zu erschießen sind. Gelungen ist es nicht, und die ganze Geschichte ist ohnehin auf meiner Webseite nachzulesen. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

Vor zwei Wochen, am 14. Dezember, war auf Darmstadts morgendlichen Wellen dann ein Lied zu hören, das genau hierzu paßt, und das spiele ich euch jetzt ein wenig vor: „Die Gedanken sind frei.“ [1]

Die Gedanken sind frei (Textauszug)

Die Gedanken sind frei / wer kann sie erraten? / Sie fliehen vorbei / wie nächtliche Schatten / Kein Mensch kann sie wissen, / kein Jäger erschießen / mit Pulver und Blei: / Die Gedanken sind frei!

Dieses Lied, welches der Unterhaltungs­redakteur Helmuth Müller uns dort vorspielte, kann durchaus als programmatisch gelten, programmatisch für Helmuth Müller. In der Tat kommt hier eine Geistes­haltung zum Ausdruck, die uns von ihrem Gut­menschentum zu überzeugen sucht, die sich jedoch schnell als Schein erweist, wenn die Gutmenschen Gedanken ertragen müssen, die ihnen nicht gefallen. Als vor einem Jahr meine Kollegin Katharina Mann einen kritischen Beitrag zu Gehör brachte, der dem Unterhaltungs­redakteur Helmuth Müller nicht paßte, erschoß er zwar den Gedanken nicht, stimmte aber aus Inbrunst für ein dreimonatiges Sendeverbot. Selbst­verständlich war auch dieser abgestrafte Beitrag journalistisch nicht zu beanstanden.

Allein – auch beim Bedürfnis nach Strafen werden Gedanken freigelegt, die uns weniger über die angeblich üblen Taten der Bestraften und mehr über die hochnot­peinliche Gedankenwelt der Richter sagen. Und während wir noch darüber rätseln konnten, wie dieser – zumindest nach außen hin – eklatante Widerspruch verstanden werden könnte, legte uns am darauf folgenden Morgen, wir schreiben den 15. Dezember [2011], derselbe Unterhaltungs­redakteur Helmuth Müller seine freigelegten Gedanken in aller Offenheit vor. Und damit auch ihr etwas davon habt, staunen wir jetzt gemeinsam.

Sieben Uhr achtunddreißig, acht Minuten nach halb acht. Etwas ungewöhnliche Töne, halb klassisch mit Operneinlage, „La donne è mobile“. Es geht ganz schön hier durch­einander in den verschiedenen Musikstilen.

Und ungewöhnlich heute vielleicht auch diese schwere Kost von der Darmstädter Stadtverordneten­versammlung, die heute ab 12 Uhr bis voraussichtlich 22 Uhr im Justus-Liebig-Haus stattfinden wird, wo unsere Stadtväter, einundsiebzig an der Zahl, plus Magistrat plus, ja sonstige, Bürger sich um das Wohl der Stadt kümmern.“

Ich frage mich ja, was Stadtvater Irmgard Klaff-Isselmann von der CDU, Stadtvater Sandra Klein von der FDP, Stadtvater Doris Fröhlich von den Grünen, Stadtvater Natalie Krieger von der Linken, Stadtvater Claudia Stricker von der Piratenpartei, Stadtvater Dagmar Metzger von der SPD und Stadtvater Kerstin Lau von Uffbasse von dieser einem patriarchalen Denken entsprungenen geistigen Einstellung halten mögen, die allenfalls auf die Fraktion der Uwiga zutreffen mag, in der es tatsächlich nur Stadtväter gibt. Immerhin schreiben wir nicht das Jahr 1911, als die Stadtväter vollkommen unter sich waren, um das Wohl des Bürgertums, nicht zu verwechseln mit dem Wohl der Bürgerinnen und Bürger, unter sich auszumauscheln. Einhundert Jahre später gehören immerhin 29 Frauen, also vierzig Prozent, der Stadtverordneten­versammlung an, so daß auch ein Helmuth Müller die eine oder andere Frau unter seinen Stadtvätern hätte bemerken können.

Nun handelt es sich hierbei nicht allein um einen sprachlichen Lapsus, wie er uns allen ab und an unterläuft. Die Gedanken sind nämlich frei, und manchmal machen sie sich auch frei und wabern vom Gehirn auf die Stimmbänder, und geben somit kund und zu wissen, was der Sprecher im tiefsten Innern seines Herzens denkt oder wonach er sich sehnt. Hier eben nach Stadtvätern, nach Bürgern. Daß Frauen hier nicht, wie so häufig als Alibiausrede zu hören ist, „mitgemeint“ sein können, ist offen­sichtlich, auch wenn sich der Sprecher mit dem zutreffenderen Begriff der „Stadteltern“ wohl ganz anders lächerlich gemacht hätte.

Manche Gedanken sollten daher besser nicht nach außen getragen werden, weil sie peinlich, antiquiert, unzeitgemäß oder einfach nur borniert sind. Einundsiebzig Stadtväter – das ist schon reichlich scharfer Tobak, und deshalb ist es auch kein Wunder, wenn der Sprecher derart viel Gedanken­konfusion treffend anmoderiert, auch wenn er sich auf der metaphorischen Ebene der unschuldigen Musik bewegt:

Etwas ungewöhnliche Töne, halb klassisch mit Operneinlage, „La donne è mobile“. Es geht ganz schön hier durcheinander in den verschiedenen Musikstilen.

Nun ja, dies ist die wohlwollende Interpretation.

 

Sex auf dem Schreibtisch und anderer Tand

Gedanken ganz anderer Art verbreitete die Weihnachts­edition des Computerspiele­magazins auf Radio Darmstadt am vergangenen Samstag. Unter dem Motto „Schluß mit dem Besinnlich­keitsterror“ wurden uns ein paar dröge Geschichten nahegebracht, etwa diese hier:

Sie kam in mein Büro und sah atemberaubend aus. Ein hauchdünnes Nichts an Negligé trug sie, und kam direkt auf mich zu. Sie legte ihre Arme um meinen Hals und küßte mich. Wir hatten schon lange nicht mehr miteinander Sex gehabt und trieben es gleich auf dem Schreibtisch. Und dann lachten und redeten wir die ganze …

Das war natürlich der Aufreißer zur langweiligen Vorlese­session dieser Computerspieler, um uns auch im über­tragenen Sinn bei der Stange zu halten, bis dann ganz am Ende der Besinnlich­keitsterror doch noch zum Tragen kam, als der Geschenke­dienst vollkommen überflüssigen Tand anpries:

Sprecher 1: So – es steht immer noch das Gewinnspiel aus. Wir verlosen Super Mario Land 3DS, ein Blizzard Überraschungs­paket, das wüurde ich mir nicht entgehen lassen. Einmal das Sacred-Hörspiel, eine bis an den Rand vollgepackte DVD und Modern Warfare – Call of Duty 3, dreimal für die Xbox, dreimal für die Playstation 3. Und dazu passend sechs Shirts.

Sprecher 2: Und beim Bizzard-Überraschungs­paket gibts ein paar Sachen dazu zu sagen. Ich habe auch schon mal Beschwerden gehört. … Die Leute sehen manchmal nur die schlechten Sachen, aber gar nicht die wirklich guten Sachen dabei. Unser Blizzard-Überraschungs­paket beinhaltet nämlich Material aus [betont:] Amerika, das man überhaupt nicht in Deutschland kriegen kann.

Und da sind zum Beispiel dabei sechs T-Shirts von der BlizzCon 2009. Und zwar sind die von Mitarbeitern, nicht irgendwelche BlizzCon-Shirts. Die sind extrem selten. Dann haben wir noch dreimal Battlenet Authenticator, wir haben noch einen dazu bekommen, der übrigens für zehn Mark, eh, zehn Euro jetzt erhältlich ist, soll ich von Blizzard weiter erzählen. Dann eine Warcraft 3-Figur „Furious […]“. Der ist kaum noch erhältlich, der ist auch noch mint, also verpackt. Und, naja, für den kommenden Sommer jetzt schon im Winter könnt ihr euch auch mit dem Frostmourne eindecken. Ist ganz lustig, mit einem Frostmourne dann im Badesee zu plantschen. Finde ich ganz gut. Und sehr beliebt sind die WoW Goblin Mousepads. Wer weiß, was die kosten, der weiß, daß das auch ein Klassepreis ist.

Dann zwei Diablo-2012-Wandkalender, und auch nochmal das gleiche für Starcraft. Und drei WoW-Pins, die habe ich nirgendwo im Netz gefunden, ich weiß nicht, wo die her sind. Also, wer sich mal selbst auszeichnen möchte, sollte hier anrufen. Dann WoW-Wandkalender, auch von 2012, also der neue Kalender fürs neue Jahr. Dann haben wir noch zweimal Cataclysm zu verlosen […]. Und zusätzlich gibts noch ein paar Bücher dazu, alle aus der Blizzard-Schmiede beziehungs­weise von Panini zur Verfügung gestellt, aber mit Blizzard-Spielethemen.

Also, wenn das kein Riesenüberraschungs­paket ist, dann weiß ich nicht. Und wer es nicht will, der läßt halt den Telefinhörer liegen. Wer hier noch anrufen möchte, sollte das tun. Ihr habt jetzt noch fünf Minuten, na, sagen wir mal, zehn Minuten, na fünf Minuten sinds noch, Zeit. Und dann könnt ihr noch was gewinnen, unter der Nummer […]. Hier im Studio anrufen und dann stellen wir euch eine blöde Frage und ihr gibt uns eine blöde Antwort und dann sehen wir mal, was wir für euch tun können. [2]

Material aus Amerika! Ja, Wahnsinn! Und extrem selten! Und Mousepads, die echt was kosten! Ich fasse es nicht. Dümmlichste Vertriebs­werbung für angefixte Kids auf Darmstadts nicht­kommerziellstem Sender. Fröhliche Weihnachten, sag ich da nur.

Zuweilen werden uns auf Darmstadts Stadtvater­sender auch ganz andere Gedanken nahe gebracht. Und da es zuweilen vorkommt, daß ein Redakteur oder eine Moderatorin nichts eigenes zur allgemeinen Gedanken­konfusion beizutragen haben, spielt er oder sie entweder zur Überbrückung dieser Gedanken­losigkeit einfach irgendwelche hirnlose Musik oder plappert die Gedanken anderer Menschen nach.

So geschehen am vergangenen Freitagabend, als der Radar-Vorstand Aurel Jahn tief in seine redaktionelle Trickkiste griff und uns an einem Lesevergnügen der besonderen Art teilhaben ließ – anzuhören mit neben­stehendem Player. [3]

Auch wenn ich nicht weiß, wie ich DJ-Sets in die Hüfte bekomme – vielleicht sollte ich mich hier in der Orthopädischen Klinik beraten lassen –, so wird doch deutlich, daß sich mangelnde eigene Gedanken nicht unbedingt förderlich auf das Radebrechen fremder Gedanken auswirken. Vielleicht sollte sich der Redakteur und Haspel­moderator Aurel Jahn eines der zuweilen anzutreffenden Fortbildungs­angebote seines Vorstands­kollegen Benjamin Gürkan angedeihen lassen, etwa die Sprechausbildung am 22. Januar [2012], obwohl ich bezweifle, daß sie wirkt, bevor er auch nach fünfzehn Jahren Radiomoderation kein bißchen verständlicher daherpalavert.

Nun handelt es sich bei der verlesenen Pressemitteilung ganz offenkundig nicht um einen journalistisch aufbereiteten eigenen Beitrag, sondern um plump abgelesene Werbung für ein Event, das ein bestimmtes konsumsüchtiges Publikum anlocken soll. Wir könnten hierbei die Frage erörtern, weshalb derlei Verlautbarungs­journalismus auf einem nicht­kommerziellen Kanal zu hören ist, doch den Vogel schießt Aurel Jahn zuweilen mit einer Behauptung ab, die nun bar jeglicher Realität daherkommt. Wenn er sagt, Radio Darmstadt sei ein freies Radio, dann sind hier die Gedanken mehr oder weniger frei, aber, wie Aurel Jahn sehr gut weiß, aus – wie intern verlautbart wurde – „ideologischen Gründen“ ist Darmstadts Vereinsfunk im vergangenen Jahr aus dem Dachverband aller bundesdeutschen freien Radios ausgetreten.

Nun ja, die Gedanken sind frei, manche sind dann halt etwas blödsinnig, manche vollkommen überflüssig und manche werden durch Holterdipolter breitgetreten, aber insgesamt betrachtet ist es vielleicht dann doch angesagt, nicht jedem Gedanken die Möglichkeit zu geben, sich meinen kritischen Äußerungen stellen zu müssen. Und damit komme ich zu etwas vollkommen Anderem.

 

Der durch und durch kapitalismuskompatible Bundespräsident

Die deutsche Demokratie besitzt einen Vorzeige­demokraten und der heißt Christian Wulff. Halten wir kurz inne, was eine Autorität auf dem Gebiet der ethischen Verantwortung eines Politikers zu sagen weiß: „Es ist tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann.“ Tja, und wer hat das gesagt? Christian Wulff im Januar 2000, als es darum ging, Johannes Rau abzuschießen. Nun denn, auch hier sind die Gedanken ganz frei und unverbindlich, aber Hand aufs Herz: ist das Korruption oder ganz normaler kapitalistischer Geschäftssinn? Immerhin hat Christian Wulff in seiner Erklärung am vergangenen Donnerstag eine ganz wichtige Aussage gemacht: „Zu keinem Zeitpunkt habe ich in einem meiner öffentlichen Ämter jemandem einen unberechtigten Vorteil gewährt.“ Das sehe ich auch so. Seit wann erhalten Kapitalisten in einem kapitalistischen Staat unberechtigte Vorteile? Vorteile jeglicher Art stehen ihnen doch aufgrund ihrer Klassen­herkunft grundsätzlich zu, egal ob sie dem finanziell nachhelfen oder nicht.

Darmstadt besitzt (oder besser: besaß) einen Vorzeigeökonomen und der heißt Bert Rürup. Selbiger hat die Versicherungs­wirtschaft mit neuen Verdienst­möglichkeiten bedacht, als er dabei half, das klassische Rentensystem zu zerschlagen. Am 15. Dezember [2011] tröstete er auf Einladung der Darmstädter Sozis diejenigen, die an der Eurokrise verzweifeln mit der Aussage, daß es den Deutschen auch in Zukunft gut gehen werde [4]. Einmal abgesehen von der Gesundbeterei dieses Sach­verständigen für neoliberalen Neusprech ist eines daran richtig: Anderen wird es viel schlechter ergehen, weshalb wir alles dafür tun sollten, daß es uns gut geht. Sollen die Anderen doch sehen, wo sie bleiben. Auch dies also ein erquicklicher Beitrag zum frohen Fest der heuchelnden Besinnlich­keit. Und da ist es sicherlich nur ein Zufall, wenn der Herr Rürup auf Umwegen mit dem Herrn Wulff verbandelt ist, denn der Verbindungsmann heißt Carsten Maschmeyer.

Da ist es doch erfreulich, daß ein Viertel der neuen Freiwilligen für die Kampftruppe des deutschen Kapitals das erste halbe Jahr nicht durchhalten. So hatten sie sich den Dienst für Vaterland und Kapital dann doch nicht vorgestellt. Während dessen im Werbeableger des „Darmstädter Echo“, der Südhessenwoche, eine Schülerin unbedrängt von kritischen Gedanken darüber palavern darf, wie schön es doch ist, von der Bundeswehr als eingebundene Journalistin umworben zu werden [5]. Nun ja, das gedankenlose Nachplappern fremden Gedankenguts will halt erlernt sein. Ob es zur Unterstützung derartiger willfähriger Gedanken­freiheit auch Mousepads und Gewaltorgien inszenierende Ballerspiele gab, wie im Computer­spielemagazin von Radio Darmstadt?

 

Brandspuren, Polizisten und Spitzeldienste

Daß zu einem derartigen Gemeinwesen auch Verfassungs­schützer gehören, die Neonazis dabei helfen, ihrem gewalttätigen und mörderischen Treiben nachzugehen, sollte nicht wirklich verwundern. – In der Nacht zum 18. Januar 1996 wurde in Lübeck ein Haus angezündet, in dem Migrantinnen und Migranten als sogenannte Asylbewerber untergebracht worden waren. Anderthalb Jahrzehnte nach diesem Brandanschlag stellen sich angesichts der Mordserie der vom Verfassungsschutz geförderten Neonazis neue Fragen, denen das Freie Sender Kombinat in Hamburg im Gespräch mit der Rechts­anwältin Gabriele Heinicke nachgeht. Der Beitrag mit einer Länge von ca. 19:30 Minuten kann mit neben­stehendem Player angehört werden.

Zum Lübecker Brandanschlag und seinen justiziellen Folgen gibt es zwei Bücher von Wolf-Dieter Vogel und von Andreas Juhnke; 1998 erschien zu diesem und einem weiteren Brandanschlag in Hattingen das überaus lesenswerte Buch „Die Brandanschläge in der Barbarisierung der Gesellschaft“, das vermutlich nur noch antiquariach zu bekommen sein wird. [6]

Vor zweieinhalb Monaten wurde in Heilbronn eine Demonstration gegen Neonazis dokumentiert. Die dortige Polizei ließ es sich nicht nehmen, sehr genau zwischen Tätern und Opfern zu unterscheiden. Ein Beitrag von Radio Dreyeckland in Freiburg. Der Beitrag mit einer Länge von ca. 11:15 Minuten kann mit neben­stehendem Player angehört werden.

Andere Polizeien, andere Methoden, oder doch ganz ähnliche? Radio Dreyeckland sprach mit einem britischen Filmemacher über Spitzeldienste der ganz unappetitlichen Art. Der Beitrag mit einer Länge von ca. 10:30 Minuten kann mit dem nachfolgenden Player angehört werden.

1992 berichtete der Spiegel von zwei verdeckten Ermittlern des LKA Baden-Württemberg, die die Tübinger Szene durchleuchten sollten. Sie flogen auf, als einer von ihnen eine Beziehung zu einer Frau aus der Szene einging und sie schwanger wurde. Wenn Jason hier eine britisch-baden-württembergische Connection anspricht, dann geht es um mehr als nur um allgemeinen Erfahrungs­austausch. Die Methoden polizeilicher Ermittlungs­arbeit sind eben nicht so, wie sie uns im Tatort oder anderen Polizeiserien präsentiert werden. Sie sind, gerade im Bereich der Spitzeltätigkeit, darauf angelegt, Menschen zu benutzen und physisch wie emotional zu verletzen. Diese Methoden passen bestens zu einer Gesellschaft, in der Lug und Betrug zum Geschäfts­prinzip gehören, wie eben bei Weihnachten. Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.

 

ANMERKUNGEN
Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

»» [1]   Im Internet geistern verschiedene anhörbare Fassungen herum.

»» [2]   Leicht geglättete Fassung auf Grundlage des Höreindrucks. Eine genauere Analyse dieses absurden Redeschwalls würde womöglich zutage fördern, wie das Sein das Bewußtsein zerhackt. Einst gesellschafts­kritisch eingestellt, verkauft der mit Tand eingekaufte Redakteur Björn B. seiner Zielgruppe ähnlichen Tand als Wahnsinns­überraschung. Eine Überraschung, die öffentlich breitgetreten wird, ist jedoch stinklangweilig.

»» [3]   Das zu transkribieren, wäre eine echte Herausforderung. Ich begnüge mich und belustige euch mit der von mir mitgeschnittenen Audiofassung.

»» [4]   „Mit der D-Mark hätten wir es nicht geschafft“, in: Darmstädter Echo (online) am 17. Dezember 2011.

»» [5]   Hannah Schürr : „Embedded Journalist“ im Blickfeld, in: Südhessenwoche, 10. Dezember 2011: „Alles war sehr gut organisiert, und so ist es auch kein Wunder, dass wir selbst für die Rückreise noch ein gepacktes Lunchpaket mitbekommen. Ein spannendes, ereignisreiches und anstrengendes Wochenende liegt hinter uns. Wir haben neue Bekanntschaften geschlossen und interessante Erfahrungen gemacht.“ Ein kritisches Wort der erfolgreich eingebetteten angehenden Journalistin suchen wir vergebens. Aber, ich hoffe, mit ihren 18 Jahren ist sie noch lernfähig.

»» [6]   Vgl. meine Besprechung in der Sendung „Übergriffe und Rassismus“ am 25. Januar 1999 bei Radio Darmstadt.


Diese Seite wurde zuletzt am 29. Mai 2013 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2012, 2013. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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