Phantomverbrechen

Folge 11 bis 15

 

 
Phantomverbrechen© war eine Sendereihe bei Radio Darmstadt, in der ich den Begriff der Kriminalität auf seinen Gehalt untersucht habe. Was ist verbrecherisch - eine Gesellschaft, die jedes Jahr Millionen Kinder eiskalt verhungern läßt. Oder die paar Dealer und Junkies, die das Pech haben, verbotene Drogen zu verkaufen und/oder zu konsumieren, während die Alkis und Nikotinsüchtigen in unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft gerne gesehen und beliebt sind?
Sendemanuskripte zu einzelnen Sendungen und Buchbesprechungen sind beim Autor erhältlich. Teilweise sind sie im Internet verfügbar; siehe dazu auch die anschließende Übersicht über alle Folgen meiner Sendereihe Phantomverbrechen.
Da die Gesellschaft, in der wir leben, seither nicht weniger verbrecherisch geworden ist, behalte ich mir vor, bei passender Gelegenheit neue Folgen dieser Sendereihe zu Gehör zu bringen.
Die Phantomverbrechen-Startseite ist auch direkt ansprechbar : www.phantomverbrechen.de.vu
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Elftes Phantomverbrechen

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26.04.1999 Krieg Sendemanuskript auf Anfrage
Besprochene Bücher :

  • Uli Cremer : Neue NATO - neue Kriege? VSA-Verlag
  • Ralph Hartmann : »Die ehrlichen Makler«, Karl Dietz Verlag
  • Jens Mecklenburg (Hg.) : Gladio, Elefanten Press
  • Handbuch der Bundeswehr und der Verteidigungsindustrie, Bernard & Graefe

Die NATO verdient die Ächtung der Völker ... so etwas möchte ich einmal im Echo lesen. Naja, wer erwartet schon solche Töne von einer Zeitung, die selbst zu den Propagandisten eines eben auch deutschen Angriffskrieges gehört? Nun, dann hört ihr es eben von Radio Darmstadt.

Ich werde in der folgenden Stunde zeigen, daß die NATO seit ihrer Gründung 1949 keine Organisation zur Bewahrung des Friedens, sondern eine Organisation zur Verteidigung wirtschaftlicher und politischer Interessen der reichen kapitalistischen Metropolen gewesen ist. Ich werde weiterhin zeigen, daß die ethnischen Säuberungen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien ohne die Hilfe der Bundesregierungen Kohl/Genscher und Kohl/Kinkel so nicht möglich gewesen wären. In Jugoslawien werden aus den schon bekannten humanitären Gründen Wohngebiete, Flüchtlingskonvois, Schulen und Industrieanlagen bombardiert. Die Befürworter derartiger Verbrechen haben keine Probleme mit Unterdrückung, Folter, Vertreibung und Massenmord in NATO-Staaten oder in Staaten, die dem Westen wohlgesonnen sind.

Generalbundesanwalt Kay Nehm hat mehrere Anzeigen zurückgewiesen, die gegen Mitglieder der Bundesregierung wegen der Unterstützung eines verbotenen Angriffskrieges bei der Staatsanwaltschaft eingegangen waren. Seine Begründung, warum hier keine Straftat vorliegt, ist geradezu orwellhaft grotesk. Die Pressesprecherin der Bundesanwaltschaft Eva Schübel schrieb mir hierzu folgendes:

Der Straftatbestand der Vorbereitung eines Angriffskrieges nach 80 des Strafgesetzbuches erfüllt den Verfassunsgauftrag des Artikels 26 Absatz 1 Grundgesetz. Wie die Bezugnahme auf das Grundgesetz zum Ausdruck bringt, hat sich die Auslegung des 80 StGB nicht nur an dessen Wortlaut, insbesondere nicht allein am militärisch verstandenen Begriff des Angriffskrieges auszurichten. Vielmehr stellt der Straftatbestand ein Verhalten unter Strafe, das nach den historischen Erfahrungen aus der Zeit vor dem Inkrafttreten des Grundgesetzes als Störung des Friedens zu werten ist. Aus dem Wortlaut des Artikels 26 Absatz 1 Grundgesetz ergibt sich, daß die Vorbereitung und die Führung eines Angriffskrieges nur einen Unterfall solcher Handlungen bildet, die geeignet sind und in der Absicht begangen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören. Diese Merkmale sind deshalb bei der Auslegung des Begriffs "Angriffskrieg" in 80 StGB zu berücksichtigen. Von einer derartigen Eignung und Absicht kann im Hinblick auf den NATO-Einsatz im Kosovo nicht die Rede sein. [...] Die für den Einsatz der Bundeswehr Verantwortlichen [haben] im Rahmen des ihnen zustehenden politischen Ermessens zusammen mit ihren Bündnispartnern ausschließlich in dem Bestreben gehandelt, eine völker- und menschenrechtswidrige Unterdrückung und Vertreibung der Kosovo-Albaner abzuwenden und zu beenden. Dieser Beweggrund ist bereits in den Debatten des deutschen Bundestages vom 16. Oktober 1998 und vom 25. Februar 1999 deutlich zu Tage getreten. Er ergibt sich überdies aus einer Vielzahl allgemeinkundlicher Umstände.

Soweit die Pressesprecherin des Generalbundesanwalts, warum der Angriffskrieg der NATO auf Jugoslawien kein Angriffskrieg im Sinne des Grundgesetzes sein soll. Jetzt verstehe ich auch, warum Soldaten keine Mörder sind. Ganz einfach: da sie sich ja per Definition nicht im Angriffskrieg befinden, bewahren sie rein humanitär den Frieden, indem sie Bomben abwerfen. Es ist also alles nur eine Definitionsfrage. Ein Angriffskrieg ist dann eben eine Form des friedlichen Zusammenlebens der Völker, wenn der Bundeskanzler im Bundestag folgendes erklärt:

Der Bundesaußenminister, die Bundesregierung und die Kontaktgruppe haben in den letzten Wochen und Monaten nichts, aber auch gar nichts unversucht gelassen, eine friedliche Lösung des Kosovo-Konfliktes zu erzielen. Präsident Milosevic hat sein eigenes Volk, die albanische Bevölkerungsmehrheit im Kosovo und die Staatengemeinschaft ein ums andere Mal hintergangen. Monatelang haben der EU-Sonderbeauftragte Petritsch und sein amerikanischer Kollege Hill in intensiver Reisediplomatie mit den beiden Konfliktparteien Gespräche geführt und den Boden für ein faires Abkommen bereitet. In Rambouillet und Paris ist mehrere Wochen lang - wir alle waren Zeugen - hartnäckig verhandelt worden. Zu dem dort vorgelegten Abkommen, das die Menschenrechte der albanischen Bevölkerungsmehrheit im Kosovo, aber auch die territoriale Integrität der Republik Jugoslawien gewährleistet, gibt es nach meiner festen Auffassung keine Alternative. Das ist der Grund, warum alle Parteien diesem Abkommen hätten zustimmen müssen.

Soweit der Bundeskanzler. Diese wohlklingenden Worte nimmt der Generalbundesanwalt als gesicherte Tatsache. Nur verhält es sich eben ganz anders.

 

Zwölftes Phantomverbrechen

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31.05.1999 Ohne Titel Sendemanuskript auf Anfrage
Besprochene Bücher :

  • Heribert Schwan : Erich Mielke, Droemer Knaur Verlag

Noch vor der Sommerpause will Hessens neuer Innenminister Volker Bouffier einen Gesetzentwurf vorlegen, der die Einführung der sogenannten Schleierfahndung und die Videoüberwachung im öffentlichen Raum regelt. Der Minister erklärte gegenüber den von ihm ausgemachten virtuellen Kritikern - denn ich zitiere hier aus einer Presseerklärung des hessischen Innenministeriums:

Unser Maßnahmenbündel ist kein Selbstzweck. Zum Nutzen aller Bürger wollen wir Hessen wieder sicherer machen; ansonsten geht den Menschen ein Stück Freiheit verloren.

Der Minister betonte weiter, auch in Hessen gehe kein Weg an ereignis- und verdachtsunabhängigen Kontrollen vorbei. Der Wegfall von Grenzen, aber auch die zunehmende Globalisierung der Kriminalität mache solche Kontrollen notwendig. Globalisierung ist ja nun bekanntlich das neue Zauberwort, das keinen Widerspruch duldet und alles legitimiert. Was Bouffiers Überwachungswahn konkret bedeuten kann, stellte er am Freitag auf einer Polizeitagung vor. Künftig sollen Videokameras auf Schulhöfen, an Bushaltestellen und in Unterführungen aufgestellt und genutzt werden. Ich bin schon jetzt gespannt, welche öffentlichen Einrichtungen als nächste überwacht werden sollen. Daß die jetzt vorgeschlagenen Maßnahmen den freiheitsliebenden Überwachern - Orwell läßt grüßen - nicht ausreichen wird, versteht sich von selbst. Bouffier schlägt vor, daß die Kommunen die freiheitsliebende Kontrolle übernehmen sollen. Da fällt mir ein, daß die Heag vor zwei Jahren Videokameras am Bahnhof und am Luisenplatz installieren ließ, um den Verkehrsfluß ihrer Busse zu überwachen. Damals fragte ein gewisser Stadtverordneter Bastian Ripper, ob die aufgenommenen Bilder an die Polizei weitergeleitet werden würden. Selbstverständlich hieß es damals - aber nein, sicher nicht, niemals. Für die Zukunft bin ich mir da nicht so sicher. Bouffier und seine Getreuen werden es schon richten.

Wir leben eben in einem tollen Land:

  • wir werden kontrolliert, auch wenn nicht einmal der leiseste Verdacht einer Straftat vorliegt;
  • unsere Telefone werden abgehört, wann immer unsere Polizei und unsere unkontrollierbaren Geheimdienste es für nötig halten;
  • wir werden im öffentlichen Raum, auf Straßen und Plätzen, observiert, gefilmt und abgelichtet; nach dem Motto: jede und jeder ist ein potentielles Sicherheitsrisiko für unsere kapitalistische Konsum- und Leistungsgesellschaft;
  • und wir werden eingesperrt, wenn irgendwelche Behörden es für richtig erachten, uns vorbeugend aus dem Verkehr zu ziehen. Bis zu sechs Tagen kann so ein sogenanntes Unterbringungsgewahrsam dauern, so plant es ebenfalls Bouffier.

Wenn ich nicht genau wüßte, daß solche Methoden zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung gehören, müßte ich annehmen, daß bei der Annektion der DDR praktischerweise gleich auch die Methoden zur Überwachung und Einschüchterung mit übernommen worden sind. Und diese freiheitsberaubenden Maßnahmen werden selbstverständlich rein fürsorglich und ohne jeden Hintergedanken zu unseren Gunsten eingesetzt: Zum Nutzen aller Bürger wollen wir Hessen wieder sicherer machen. Naja, die Bürgerinnen hat der Herr Minister mal wieder vergessen.

Also wenn es darum geht, Hessen wieder sicherer zu machen, dann schlage ich vor, daß sich die hessische Polizei verstärkt der Rowdies im Straßenverkehr annimmt, die mit Vorliebe bei Rot über Fußgängerüberwege brettern, Geschwindigkeitsbegrenzungen für Freiheitsberaubung halten und die in bekannt asozialer Manier ihre Autos auf Fahrrad- und Fußgängerwegen parken. Aber solche Rowdies fühlen sich ja im Recht in einem Land, in dem Automobilausstellungen in Fußgängerzonen das Selbstverständlichste von der Welt sind und in dem die Autowerbung Freiheit, Abenteuer und eben auch Rowdytum vermittelt. Nach diesem kleinen Ausflug durch das unsichere Hessen bin ich dann schon fast beim Thema der heutigen Folge meiner Kriminalreihe Phantomverbrechen angelangt.

Vor kurzem war der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR Egon Krenz zu Besuch in Darmstadt. Eigentlich sollte er die politische Justiz im Westen der Republik reden, die er beim Prozeß gegen sich zu spüren bekommen hatte. Statt dessen redete er dann doch eher allgemein über Recht und Unrecht in der ehemaligen DDR. Nicht, daß dies jetzt uninteressant wäre. Aber das Thema war eigentlich ein anderes. (Seinen Vortrag sende ich gekürzter Fassung.) Und zum Schluß der Sendung werde ich ein Buch über Erich Mielke, den verantwortlichen Minister der Stasi, oder korrekter: des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR, vorstellen.

 

Dreizehntes Phantomverbrechen

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28.06.1999 Ohne Titel Sendemanuskript auf Anfrage
Besprochene Bücher :

  • Jürgen Elsässer : Nie wieder Krieg ohne uns, Konkret Literatur Verlag

Nie wieder Krieg - das war eine der Lehren der deutschen Friedensbewegung aus dem 2. Weltkrieg. Neben der Ökologie- und der Anti-AKW-Bewegung gehört auch die Friedensbewegung zu den Wurzeln der GRÜNEN. Über die braunen Wurzeln dieser Partei könnte Günter Mergel in seiner Reihe Esoterik zwischen Magie und Aberglaube weitaus kompetenter als ich referieren.

Nie wieder Krieg ohne uns - so könnte das Motto der regierungsfähig gewendeten GRÜNEN lauten. Passenderweise ist es auch der Titel eines Buchs über das Kosovo und die neue deutsche Geopolitik. Dieses Buch werde ich im Verlauf der nächsten Stunde vorstellen; esmacht noch einmal deutlich, daß die für den NATO-Krieg gegen Jugoslawien vorgebrachten Begründungen wirklich nur vorgeschoben waren. Tatsächlich ging es um etwas ganz anderes. Machtpolitik, deutsche Machtpolitik.

Nie wieder Krieg ohne uns - das ist wahrlich das passende Motto für die Bemühungen der deutschen Regierungen seit dem Fall der Mauer. Ein bißchen Zündeln bei der Anerkennung Sloweniens und Kroatiens und danach die humnaitäre Biedermaske aufsetzen. Der beste bildliche Ausdruck hierfür ist das gekonnt gequälte Gesicht unseres Feldherrn Joschka Fischer.

Eine kurdische Freundin machte mich darauf aufmerksam, daß die türkischen Militärs denselben gequälten Gesichtsausdruck verwenden, wenn sie die angeblichen Greueltaten der PKK anprangern, um von ihren eigenen ethnischen Säuberungen abzulenken. Ob die deutsch-türkische Waffenbrüderschaft Spuren in Fischers Gesicht hinterlassen hat? Sicher ist jedenfalls, daß die rot-grüne Bundesregierung noch nicht bei den Säuberern in Ankara vorstellig geworden ist. Und einen Vertrag wie den von Rambouillet hat Joschka Fischer seinem türkischen Amtskollegen auch nicht vorgelegt. Die NATO-Bomber, die in der Türkei stationiert sind, werden - und das ist immerhin gut so - nicht zur Bombardierung von Krankenhäusern in Istanbul und Schulen in Ankara verwendet.

Apropos Rambouillet. Wer noch einmal in Ruhe nachlesen möchte, warum die Bundesrepublik Jugoslawien diesen Vertrag nicht unterschreiben konnte, wird in dem hier vorgestellten Buch über die Hintergründe des NATO-Feldzugs gegen Jugoslawien fündig. Der Anhang B des Vertrags, der den NATO-Truppen im gesamten jugoslawischen Staatsgebiet freie Hand gelassen hätte, ist hier vorzufinden. Das interessante an dem jetzt mit Jugoslawien ausgehandelten Waffenstillstand ist, daß diese Klausel des Vertrags von Rambouillet nach zweimonatigem Bombardement nicht wieder auftaucht. Wenn also der ob seiner Friedensbemühungen so sehr gelobte Joschka Fischer wirklich einen Vertrag mit Milosevic im März hätte schließen wollen, er hätte nur die Bedingungen des jetzigen Waffenstillstands vorlegen müssen. Eine Übereinkunft auf dieser Basis wäre schon damals möglich gewesen. Aber offensichtlich wollten die NATO-Staaten Krieg.

Wie heuchlerisch der deutsche Umgang mit der Verfolgung der Albanerinnen und Albaner im Kosovo ist, zeigt, daß das Auswärtige Amt eine Verfolgung im Januar noch leugnete. Denn wenn es darum geht, Flüchtlinge abzuschieben, ist die Wahrheit eher uninteressant. Am 12. Januar schrieb Fischers Amt an das Verwaltungsgericht Trier:

Eine explizit an die albanische Volkszugehörigkeit anknüpfende politische Verfolgung ist auch im Kosovo nicht festzustellen.

Wenn es darum geht, Flüchtlinge abzuschieben, sind deutsche Behörden bekanntlich erfinderisch. Wenn sich Flüchtlinge dann dagegen wehren, in Flugzeuge gesetzt zu werden, weil sie wissen, was sie in ihrem Heimatland erwartet, dann kann es eben vorkommen, daß die absolut humanitäre Knebelung und Fesselung zum Tod führt. Aber das hindert unsere Menschenrechtler in der Bundesregierung nicht daran, mit ihrem Tun fortzufahren. Warum auch?

 

Vierzehntes Phantomverbrechen

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26.07.1999 Ohne Titel Sendemanuskript auf Anfrage
Besprochene Bücher :

  • Unbequem Nr. 38

Von der Arbeit der Polizei im allgemeinen nun zu einem lokalen Ereignis. In der Nacht zum letzten Mittwoch veranstaltete die darmstädter Polizei eine ihrer beliebten und von mir immer wieder als sinnlos bezeichneten Drogenrazzien. Für das Darmstädter Echo war Uwe Niemeier am Ort des Geschehens und ihr erahnt es wahrscheinlich schon: es ist wieder einmal eine Virtuelle Zitrone fällig. Wer das noch nicht kennt, für die oder den stelle ich diese Zitrone kurz vor. Es gibt eine Form von Journalismus, die ich für ziemlich überflüssig halte. Unkritische, mitunter falsche oder gar wahrheitswidrige Darstellungen oder Kommentare, die besser nie geschrieben worden wären. Natürlich gibt es keinen neutralen oder unpolitischen Journalismus. Das ist eine Fiktion. Journalismus findet immer unter bestimmten vorherrschenden politischen Verhältnissen und damit verbundenen Wertsystemen statt. Journalistinnen und Journalisten können sich damit auseinandersetzen oder einfach abschreiben und ihren Kopf solange im nächsten Schrank abstellen. Journalistinnen und Journalisten geben nicht einfach Ereignisse wider oder informieren ... einfach nur. Nein, sie machen auch Meinung, manchmal auch Stimmung. Das Darmstädter Echo ist so eine Zeitung, die Meinung macht. Und sie fällt öfter einmal aus dem Rahmen. Mitunter gelingt es sogar dem Chefredakteur der Lokalredaktion, seine journalistischen Hausaufgaben nicht zu machen. Recherche scheint mitunter als überflüssig angesehen zu werden. So etwas nenne ich dann virtuellen Journalismus und verleihe einen ebenso virtuellen Preis, eben die Virtuelle Zitrone. Heutiger Preisträger ist - wie gesagt - Uwe Niemeier aus bewußter Lokalredaktion.

Seine Schilderung dieser von mir schon erwähnten Drogenrazzia ist von einer fast schon erschreckenden Naivität. Als sei es das selbstverständlichste von der Welt, wird hier eine großangelegte Durchsuchungsaktion geschildert, bei denen alle, die in bestimmtes Raster passen, gleich mal gefilzt werden. Drogen werden fast keine gefunden, aber die Polizei zeigt Präsenz. Kein Wort verliert Uwe Niemeier über die Drogenpolitik, keine Kritik darüber, welche Drogen in dieser Gesellschaft als normal gelten und welche verboten sind. Keine Aussage dazu, daß diese repressive Drogenpolitik erst einen illegalen Markt schafft, in dem mit mit lebensgefährlichen Zusätzen gestreckte Drogen wie Heroin oder Kokain überhaupt erst angeboten werden können. Uwe Niemeier macht es sich einfach. Seiner Meinung nach sind die permanenten Drogenrazzien in Darmstadt sinnvoll. Es wird zwar kaum etwas gefunden, aber der Druck soll groß genug sein, zumindest damit die Konsumenten und Dealer aus Frankfurt, Mannheim oder Offenbach nur ja nicht ins Einkaufsparadies Darmstadt strömen und Herrn Niemeier beim shopping stören. Worin der Sinn besteht, das Problem auf andere abzuwälzen, kann ich nicht erkennen. Und zu mehr scheinen diese Razzien auch nicht gut zu sein. Aber die in diesem Zusammenhang interessanteste Frage stellt Uwe Niemeier ohnehin nicht: was ist das für eine Gesellschaft, in der die Flucht in Drogen schon fast zur Normalität geworden ist? Was für Perspektiven muß eine Gesellschaft für Jugendliche bereit halten, wenn diese lieber abhängen, sich zudröhnen oder vollaufen lassen?

 

Vorläufig letztes Phantomverbrechen

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01.11.1999 Ohne Titel Sendemanuskript auf Anfrage
Besprochene Bücher :

  • Georg Seeßen : Copland, Schüren Verlag
  • Unbequem Nr. 39

Die Polizei ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Sie soll Recht und Ordnung herstellen oder besser: wieder herstellen. Da Verbrechen systemnotwendig zum Kapitalismus gehören, gibt es in einer Gesellschaft wie der unseren immer ein Problem: die Gesellschaft braucht eine Organisation, die das bekämpft, was die Gesellschaft selbst hervorbringt. Dies bleibt nicht ohne Auswirkungen auf den Polizeiapparat.

Zu einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft gehören aber auch die Mythen und Ideologien, die das gesellschaftliche Zusammenleben mitgestalten sollen. Mythen und Ideologien sind sozusagen der Kleister, der diese Gesellschaft zusammenhält. So brüchig diese Gesellschaft jedoch ist, so brüchig und zum Teil widersprüchlich sind auch die Mythen und Ideologien.

Die freie Marktwirtschaft ist selbst der Nährboden für Asozialität. Reichtum und Profit gründen sich auf alle unangenehmen Begleiterscheinungen des rastlosen Strebens nach Freiheit und Abenteuer. Kapitalistische Gesellschaften sind seit 500 Jahren nicht ohne Ausbeutung, Verelendung, Verhungernlassen, Krieg und Völkermord denkbar.

Kolonialismus gehörte ebenso zum Geschäft wie heute Waffenlieferungen an jeden Bündnispartner, der den reibungslosen Ablauf von Ausbeutung im Namen von Freiheit und Demokratie gewährleistet. Deswegen auch Bomben auf Belgrad und Panzer für die Türkei.

Aber was hat dies mit einer gesellschaftlichen Institution zu tun, die vordergründig dazu herhalten soll, Recht und Ordnung im Innern der Gesellschaft zu gewährleisten? Die Rede ist von der Polizei. Ich werde im Verlauf der nächsten Stunde die ideologischen Verklärungen mit der gesellschaftlichen Realität konfrontieren.

Hierzu werde ich ein Buch über Polizeifilme vorstellen. Dabei wird sich zeigen, daß Gewalt und Polizei sich nicht ausschließen, sondern die eine geradezu die Voraussetzung für die andere sind; und umgekehrt. Und als bedürfte es noch eines diesbezüglichen Beweises, stelle ich die neueste Ausgabe der Zeitschrift Unbequem vor.

Diese Zeitschrift wird von der Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizistinnen und Polizisten herausgegeben und beschreibt den Polizeialltag sozusagen von innen heraus.

Für Mythen bleibt danach kein Platz mehr. Es mag Polizistinnen und Polizisten geben, die sich korrekt verhalten, die nicht dem Gewaltpotential, das sie mit sich herumtragen, erliegen. Es mag Polizistinnen und Polizisten geben, die sich ihrer Verantwortung für eine demokratische Gesellschaft bewußt sind und die deshalb nach Konfliktlösungen suchen, die nicht gewaltförmig sind. Aber der Apparat als solcher fördert Gewalt als Mittel der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Wer die Bilder von Polizeieinsätzen gegen Atomkraftgegnerinnen und -gegner gesehen hat, muß eigentlich erschrecken, mit welcher Gewaltbereitschaft meist junge Polizistinnen und Polizisten auf friedlich am Boden sitzende Demonstrantinnen und Demonstranten einprügeln. Aber wie ich schon sagte: die Polizei ist das Spiegelbild der Gesellschaft. Die Durchsetzung kapitalistischer und das bedeutet egoistischer Interessen der Atomwirtschaft ist wichtiger als die Gesundheit und das Leben von Menschen. Die heiligen Wrte dieser Gesellschaft werden nicht diskutiert, sie werden exekutiert. Und da Politik und Gesellschaft unwillens, aber auch unfähig sind, wirklich demokratische Meinungsbildungsprozese zuzulassen - und wirklich demokratisch bedeutet: ein Projekt auch in Frage stellen zu lassen -, gibt es nur ein Mittel zur Lösung gesellschaftlicher Konflikte: Gewalt.

Und diese Gewalt spiegelt sich in Polizeifilmen wider.

Zum Schluß noch etwas Erheiterndes aus der Unbequem. Lange hatte es diesen Sommer in Thüringen große Aufregung um Egon gegeben, das entlaufene tasmanische Känguruh. Die Fahndung lief auf Hochtouren. So liefen ein Seelöwe und ein Trrier ins Fahndungsnetz. Dann schien der Erfolg greifbar nahe. Doch - peinlich, peinlich: "Wir blamieren uns bis auf die Knochen", gab ein Sprecher der Polizei im Juli zu, "aber unsere Beamten sind einfach überfordert. Anlaß für dieses Eingeständnis war die vorschnelle Erfolgemeldung zweier Polizisten. Sie gaben an, "Egon, den Kengeru" in Obhut genommen zu haben. Die Ordnungshüter hatten eigenmächtig eine Pressekonferenz vor dem Gothaer Rathaus abgehalten und dort stolz einen ausgewachsenen Brillenkaiman präsentiert. Man vermutete, daß sämtliche Känguruh-Jäger - um Wiederholungen auszuschließen -, am folgenden Wochenende Schulungen besuchen mußten, um sich Beuteltierbasiswissen anzueignen.

 

Diese Seite wurde zuletzt am 29. Februar 2004 aktualisiert.
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©  Walter Kuhl 1997, 2004
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