Schloßgrabenfest
Schloßgrabenfest in Darmstadt.

Radio Darmstadt

Live vom Schloßgrabenfest

Dokumentation einer Verarschung

Zum Sinn und Zweck dieser Dokumentation.

Zusammenfassung

Jahr für Jahr strömen Hunderttausende nach Darmstadt, um sich Ende Mai am Schloßgrabenfest zu ergötzen. Bier und Partystimmung gibt es natürlich auch. 2009 kündigte Radio Darmstadt auf seinem Programmflyer eine Liveübertra­gung aus Darmstadts Partymeile an. Die Sendung endete als Katastrophe. Man, vielleicht auch frau, lernte aus diesem Fehler und kündigte 2010 wiederum im sendereigenen Programmflyer eine erneute Liveübertra­gung an. Der Lerneffekt bestand darin, daß es gar nicht erst zur Übertragung kam. Hintergründiges und Abgründiges hierzu ist auf dieser Unterseite meiner Dokumentation nachzulesen.

 


 

Die Show

Seit 1999 findet am Rande des Darmstädter Schlosses eine der größten deutschen Open Air-Veranstaltungen statt. Bekannte und unbekannte Bands, Musikerinnen und Sänger buhlen auf mehreren Bühnen um die Gunst des Publikums. Bei den ersten Anlässen landeten auch schon einmal einige Unvorsichtige, um nicht zu sagen: leicht oder schwer angetüdelte Personen, im Schloßgraben und zogen sich hierbei auch so manche Verletzung zu. Inzwischen sind Veranstalter und Polizei darauf vorbereitet und können das besoffene Publikum von derart Unvernunft abhalten. Dafür endet das Event in der Regel in einer riesigen Müllhalde, welche die Stadt Darmstadt auf Kosten der Allgemein­heit entsorgen läßt.

Müllentsorgung am Morgen
Müllentsorgung im Herrngarten, Schloßgraben­fest 2009

Eine Liveübertragung dieser Brot (Bier) und Spiele (Bands)-Veranstaltung wirft so manche Fragen auf. Klar, der öffentlich-rechtliche Hörfunk, hier in Gestalt des Hessischen Rundfunks, ist als Grundversorger der Mitte der Gesellschaft mittenmang dabei und bespaßt sein Publikum mit allerlei Gehampel. Dies erklärt jedoch nicht das dringende Verlangen aus musik­begeisterten Kreisen des Darmstädter Lokalradios, der Bespaßung gelangweilter Metropolen­kids eine weitere Bühne zu bieten.

Weshalb Markus Lang als ökologiebewußter Vorstand und lokaler Greenpeace-Pressesprecher angesichts der vorgesehenen Übertragung einer solch unmäßigen Müllorgie nicht eingreift? Fragt ihn. Vor allem fragt ihn, weshalb es Jugend und Unterhaltung rechtfertigen, ein unökologisches Konsumevent in seinem Radio zu übertragen, in dem es als ausgesprochene Papierverschwen­dung gilt, wenn der heißgeliebte Feind, nämlich die Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt, es wagt, ein an seinen Verein gerichtetes Schreiben vorsichts­halber nicht an den gesamten Vorstand, sondern an jedes Vorstandsmit­glied einzeln zu verschicken, um sicherzugehen, daß es auch bei allen ankommt.

Erst recht halte ich es für pure Heuchelei, in einer monatlichen Greenpeace-Sendung Verschwendung und Müll anzuprangern, aber dann selbiges mit Übertragungs­zeit medienwirk­sam zu unterstützen. Klar – in diesem Radio darf man und frau so etwas tun, denn Konsumförderung ist essentieller Bestandteil eines nicht­kommerziellen Lokalradios, dessen Programm nicht selten das werbungs­orientierte Formatradio nachäfft und dabei auch dann „viel Spaß“ wünscht, wenn es um Mord und Verfolgung geht. Aber vielleicht sollte man und frau dann doch besser die Klappe halten und nicht so tun, als ob der Sender die umweltfreund­liche Weisheit mit Löffeln gefressen hätte.

Das Desaster

Im Programmflyer Mai 2009 konnten wir folgende vollmundige Ankündigung lesen:

„Ab dem 28. Mai spielen wieder über 90 Bands auf sechs Bühnen rund um das Schloss – mit dabei: Donots, Luxuslärm und Extrabreit.

Dieses Jahr gibt es allerdings eine Besonderheit: Radio Darmstadt ist live dabei. Wir berichten am Samstag Abend mit unseren Reportern vom Festival und geben Eindrücke der Bands auf allen Bühnen.“

Der Programmflyer verspricht als „Hörtipp“, man und frau sei ab 21.00 Uhr live dabei; im Programm selbst wird das Liveerlebnis sogar von 19.00 bis 23.00 Uhr versprochen. Nun ja, ihr ahnt es vielleicht schon, irgendetwas ging schief.

Die beiden Moderatorinnen im Studio, Marita N. und Ariane W., wirkten an diesem 30. Mai 2009 leicht überfordert, als um 19.00 Uhr die Leitung vom Karolinenplatz zum Steubenplatz nicht stand. Irgendwie mußten sie das Programm füllen, am besten mit dem, was Radio Darmstadt am besten kann, nämlich mit irgendwelcher belangloser Plätschermusik. Daß sie hierbei auch zu den Böhsen Onkelz griffen, erregte den Vertreter der Musikredaktion im Programmrat, den Björn B., doch sehr. Die Böhsen Onkelz nämlich sind aufgrund ihrer angeblich nur früheren Affinität zu neonazistischem Gedankengut bei manchen, aber nicht allen Musik­redakteurinnen und Moderatoren von Radio Darmstadt verpönt. Sein Kommentar zur Performance des Young Power-Abends lautete bündig: „Katastrophal.“ Und da muß ich ihm recht geben. Denselben Höreindruck hatte ich auch.

Eine halbe Stunde nach Beginn der aus dem Sendehaus verbreiteten „Liveübertragung“ meldeten sich die beiden jungen Frauen so gegen 19.35 Uhr:

„Ja, wir wollten uns bei den Zuhörern entschuldigen, aber es gibt'n paar technische Probleme. Deswegen haben wir jetzt die ganze Zeit die halbe Stunde lang nur Musik gespielt, weil der Christian F., der vom Schloßgrabenfest aus senden wollte, der kann's leider nicht. Wir versuchen's die ganze Zeit. Es gibt die ganze Zeit technische Probleme. Wir können aber nix dafür. Im anderen Studio versuchen die grad, das die ganze Zeit hinzubekommen. Wir bleiben hier noch so lange, bis die das irgendwie hinbekommen. Also nochmal, Entschuldigung. Und, wie gesagt, bleibt bitte dran. Das schaffen wir noch.“ – „Außerdem läuft ja jede Menge gute Musik.“ […] „Ja, wir sind jetzt auch länger im Studio. Wir werden jetzt dazwischen ein paarmal was dazwischen sagen.“ – „Ja, dummes Zeug labern, das konnte ich schon immer besonders gut.“

Und dann spielten sie wieder Musik, die eine mag Punk, die andere HipHop, was sich beißt. In ihrer Verzweiflung und um die Zeit zu überbrücken holten sie noch ihre Freundinnen ans Mikrofon, die auch nicht viel mehr zu sagen hatten, als daß sie jetzt eigentlich zusammen aufs Schloßgraben­fest gehen wollten. Und dann spielen sie im Wissen um die neonazistische Vergangen­heit der Band die Böhsen Onkelz. Kurz vor 20.00 Uhr wechseln sie einige Worte mit ihrem Studiotechniker, dem vom Verein für die Betreuung der Studiotechnik bezahlten Daniel L., und das hörte sich so an:

„Der Daniel, der für uns die Technik gefahren hat, der ist auch wieder bei uns im Studio. Jetzt sag doch mal, wie wollt ihr das hinbekommen?“

„Das ist alles traurig, es ist alles kaputt, es geht gar nichts. Aber wir kriegen das schon hin, irgendwie. Mit Tesa-Film.“

Partyzelt von Radio Darmstadt
Partyzelt von Radio Darmstadt (anonymisiert), Schloßgraben­fest 2009

Wie sich später herausstellen sollte, bestanden diese technischen Probleme in der Begeisterung technik­verliebter junger Männer für digitale Übertragungs­verfahren, die nicht zu Ende gedacht und vor allem nicht vorab getestet worden waren. Geplant war, sich mittels WLAN in das Netzwerk des Welcome Hotels direkt oberhalb der diversen Bühnen in das Hotelnetz­werk einzuloggen und von dort aus das Übertragungs­signal zum Sender zu streamen. Offenbar war das hoteleigene Netzwerk damit überfordert. Die Alternativ­lösung bestand in der Anbindung über konventionelle Netzwerk­kabel, und darauf waren die Herren Techniker nicht vorbereitet. Bis sie entsprechend lange Kabel organisiert und angeschlossen hatten, vergingen rund zwei Stunden. Immerhin gab es dann ein Lebenszeichen vom Schloßgraben­fest, doch die Peinlichkeiten nahmen kein Ende.

Gegen viertelvor Neun erfolgt die Liveschaltung vom Ort des musikalischen Geschehens. Vorher hatte Herr Murphy jedoch noch ein Wörtchen mitzureden, bzw. er sorgte dafür, daß der Sender drei Minuten lang die Klappe hielt. Nach einem Musiktitel folgte ein bißchen Werbung für das Hotel, das den Netzwerkan­schluß ermöglicht hatte. Dann diese Moderation:

„Und wir stehen natürlich auch ganz nah dran an der Entega-Bühne. Da spielen gerade Aloha From Hell […]. Die Gruppe können wir leider nicht übertragen, weil die wollten das nicht so wirklich. Aber nachher hören wir auf jeden Fall Max Mutzke hier live von der Entega-Bühne. Ich versprech's euch allen da draußen.“

Gab es da rechtliche Probleme? Durfte Radio Darmstadt seine tollen Mikrofone nicht aufbauen? Oder weshalb verweigerten sich Aloha From Hell Darmstadts tollstem Sender? Das Versprechen, Max Mutzke live hören zu können, wurde tatsächlich gehalten, wenn auch die Qualität dieses Mitschnitts alles andere als berauschend war und selbiger um 22.27 Uhr abrupt von einem Sendeloch abgelöst wurde. Doch bis dahin wechselte sich die eine oder andere Moderation vom Partyzelt neben dem Hotel ab mit aus der Konserven­abteilung des mitgebrachten Laptops hervorgeholten – Livemusik. Auch das ist live, Konserven vom Schloßgraben­fest. „Live“ eingespielt wurde zudem die Aufzeichnung des Auftritts von Luxuslärm vom Abend zuvor.

Der Stand des Senders war ohnehin so gut versteckt angeordnet, daß die Öffentlichkeits­wirkung der Präsenz beim Schloßgraben­fest gen Null tendiert haben dürfte.

Ohnehin war es verwunderlich, daß Radio Darmstadt eine Liveübertragung angekündigt hatte. Einerseits ist beim Schloßgraben­fest der Hessische Rundfunk der Platzhirsch, der keine weitere Übertragung neben der seinen duldet. Der Kultur- und Unterhaltungs­redakteur Michael S. hatte sich daher jahrelang vergeblich die Zähne daran ausgebissen, Darmstadts Lokalradio das Event ganz oder in Teilen übertragen zu lassen. Zum anderen weiß man und frau bei Radio Darmstadt nie so genau, was „Liveübertra­gung“ wirklich bedeutet. Mitunter besteht das Lebendige daran, kurze Statements per Handy-Telefonschaltung einzublenden, während die übrigen 95% einer solchen Sendung mit Musik und einigen wenigen Moderationen „live“ aus dem Sendehaus bestritten werden.

Tristesse am Morgen
Tristesse nach der Party, Schloßgraben­fest 2009

Der Ausfall

Ein Jahr später, wir schreiben den April 2010, wird im Programmrat die Liveübertra­gung vom Schloßgraben­fest als ein Projekt der Jugendredaktion Young Power und der Unterhaltungsredaktion angekündigt. Der kurz darauf gedruckte Programmflyer für den Monat Mai behauptet, man und frau werde sich (und die Leserinnen und Leser) auf dem Schloßgrabenfest sehen, denn „Radio Darmstadt überträgt live von 17.00 bis 00.00 Uhr“.

Ihr ahnt es schon – wer dort nicht angetroffen wurde, zumindest nicht mit Mikrofon, Mischpult und Partyzelt, das war Radio Darmstadt. Offensicht­lich hatte es im Vorfeld einige Unstimmig­keiten gegeben. Einiges davon verrät eine im Sender Anfang Mai 2010 anonym verbreitete Email, in der der Verantwortliche für das Desaster scharf angegriffen wurde:

„Die geplante Außenübertragung vom Schlossgraben­fest fällt dieses Jahr leider aus, da [Name] als Verantwortlicher für diese Sendung nicht in der Lage war, mit dem Veranstalter und der Redaktion zu kommunizieren. Er war nicht in der Lage, den Entschluss zur Absage seinen Reportern mitzuteilen.“

Vielleicht war dieser Verantwortliche, der wenige Tage später in den Vorstand des Trägervereins von Radio Darmstadt gewählt werden sollte, auch nur an der Monopolstellung des Hessischen Rundfunks gescheitert. Wie auch immer – großkotzig angekündigt endete die „Liveübertragung“ als siebenstündiger Musikteppich aus dem Sendehaus, unterbrochen von einigen Moderationen und zwei Bandinterviews, natürlich mit der ausgelutschten Standardfrage: „Woher habt ihr euren Bandnamen?“ Eine launige Moderation um viertelvor Zehn aus dem Sendehaus belegt das Elend auch anderweitig: „Hier ruft nie jemand an, leider.“ Und da keine und niemand anruft – warum auch, etwa um gelangweilte Kinder zu bespaßen? – gibt es dann ein, zwei Konserven aus dem Vorjahr zu hören. Sozusagen als „Liveersatz“.

Heiterkeit ruft dann bei mir hervor, wenn der Kultur­redakteur Rüdiger G. wieder einmal nicht im Bilde ist. Offenbar wurde er weder über den Ausfall informiert noch hat er sich sachkundig gemacht. Deshalb verkündet er am Vorabend der schon längst abgesagten Liveübertra­gung im Brustton der Überzeugung als Vertretung von Petra S. im KultTourKalender:

„Es hat einen gewissen Nachteil, daß ich das mache. Also wenn Sie jetzt über die Rockkonzerte im Schloßgraben Informationen haben wollen, dann sind Sie an der falschen Adresse. Sie wissen, daß das auf vier verschiedenen Bühnen stattfindet. Und ich darf Ihnen sagen, für diejenigen, die morgen verhindert sein sollten aus irgendwelchen Gründen dahinzugehen: Radio Darmstadt überträgt das morgen live von 17.00 bis 23.00 Uhr, habe ich behalten.“

Dazu fällt mir dann das Mantra des Senders ein, das er auf seiner eigenen Webseite zum Besten gibt:

„Ob die Entscheidungen für uns Bürgerinnen und Bürger einfach nur unverständlich sind oder wir uns manchmal über wundersame Drehungen und Wendungen der Ereignisse wundern müssen, Radio Darmstadt schafft für Sie den Durchblick.“

Das ist wahrlich eine Kunst. Den Durchblick zu verschaffen, den man (manchmal auch frau) selbst nicht hat.

 


 

Sinn und Zweck dieser Dokumentation

Radio Darmstadt ist ein nichtkommerzielles Lokalradio. Sein Trägerverein wurde 1994 gegründet, um eine Alternative und Ergänzung zu den bestehenden öffentlich-rechtlichen und privaten kommerziellen Hörfunksendern aufzubauen. Menschen und Nachrichten, die im ansonsten durchformatierten Sendebetrieb keine Chance auf Öffentlichkeit besaßen, sollten hier ihren Platz finden. Dies galt für politische Fragen, lokale Themen und musikalische Nischen. Ende 1996 erhielt der Verein für ein derartiges Programm die Sendelizenz. Zehn Jahre später läßt sich die Tendenz beschreiben, daß (lokal)politische Themen immer weniger Platz im Darmstädter Lokalradio finden, während die Musikberieselung zunimmt. Zu diesem Wandel gehört, daß Fragen der Außendarstellung („das Image“) ein wesentlich größeres Gewicht erhalten als das Verbreiten journalistisch abgesicherter Tatsachen. Wer diese neue journalistische Ethik nicht mitträgt, wird aus dem Verein und dem Radio hinausgedrängt. [mehr]

Diese Dokumentation geht auf die Vorgänge seit April 2006 ein. Hierbei werden nicht nur die Qualität des Programms thematisiert, sondern auch die Hintergründe und Abläufe des Wandels vom alternativen Massenmedium zum imageorientierten Berieselungsprogramm dargestellt. Der Autor dieser Dokumentation hat von Juni 1997 bis Januar 2007 bei Radio Darmstadt gesendet, bis ihn ein aus dieser Umbruchssituation zu verstehendes binnenpolitisch motiviertes Sendeverbot ereilte. Als Schatzmeister [1999 bis 2001], Vorstand für Studio und Technik [2002 bis 2004] und Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit [2004 bis 2006] kennt er die Interna wie kaum ein anderer. [mehr]

In der Dokumentation werden die Namen handelnder Personen aufgeführt. Damit werden Argumentationsstränge leichter nachvollziehbarer gemacht und Verantwortliche benannt. Zur Klarstellung: Eine Schmähung einzelner Personen oder gar des gesamten Radiosenders ist hiermit nicht beabsichtigt. [mehr]

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Diese Seite wurde zuletzt am 7. Juni 2010 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010, sowie für das Müllbild und das Bild der Tristesse ©  Norbert Büchner 2009, 2010.
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