Das Sendesignal, visualisiert.
Das Sendesignal an besagtem Abend: links da, rechts naja.

Radio Darmstadt

Radar zieht um und Aurel moderiert eine Märchensendung

Dokumentation

Zum Sinn und Zweck dieser Dokumentation.

Zusammenfassung und Ausblick

Radio Darmstadt zieht um. Geldnöte zwingen den Trägerverein, seine repräsentative Sendeetage am Steubenplatz zu verlassen und in wesentlich kleineren Räumlich­keiten im Hinterhof einzuziehen. Dieser Umzug symbolisiert einen Rückschritt. Unter der Ägide des jetzigen Vorstands in dieser oder ähnlicher Zusammen­setzung ist es dem Verein seit 2006 gelungen, seine Mitgliederzahl deutlich, die Einnahmen aus Mitglieds­beiträgen noch deutlicher zu reduzieren, die Studio- und Sendetechnik zu verschlimmbessern, die interne Ausbildung herunterzu­fahren und das Interesse der sendenden Vereinsmit­glieder an den Vorgängen im Verein und dessen Lokalradio darnieder­sinken zu lassen. Dieser Zustand läßt sich durch Zahlen objektivieren. Radio Darmstadt zieht um, weil die Vereinspolitik der vergangenen vier Jahre das Vereinsvermögen aufgefressen und das Interesse an der Nutzung der Räumlichkeiten reduziert hat. Die als Begründung für den Umzug angeführte, wohl nicht unerhebliche Mieterhöhung ließ den Verantwortlichen keine Wahl als die Flucht nach vorn. Sie gaben Gas. Wohin es sie führt, werden wir sehen. Meine Prognose ist, daß der Trägerverein von Radio Darmstadt seine Sendezulassung [1] am letzten Tag derselben, nämlich am 31. Dezember 2012, schon nicht mehr besitzen wird. Falls doch, wird sie darüber hinaus nicht mehr verlängert. Ob dann eine Neuausschrei­bung erfolgt oder der Standort Darmstadt zugunsten eines anderen hessischen Standorts gestrichen wird, wird sich zeigen.

Wenn die Mitgliedschaft von Radar e.V. auch noch 2013 aus ihren neuen Räumen senden möchte, wäre sie gut beraten, die von ihr eskalierte Situation zu beruhigen und außer positiven Nachrichten keine Mißtöne mehr aus Darmstadt abzulassen. Die Situation zu beruhigen hieße, die Zugangsoffen­heit auf Grundlage des Hessischen Privatrundfunkgesetzes und der geltenden Sendezulassung vollumfänglich wiederherzustellen, und vermutlich auch, die Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt als Kooperations­partner zu betrachten, mit dem gemeinsam an der Verbesserung des Lokalradios in Darmstadt zu arbeiten wäre. Die ausgesprochenen Hausverbote gegen drei Mitglieder von Dissent wären dann genauso fallenzulassen wie die vereinsintern aggressive Poilitik gegen die Redaktion Alltag und Geschichte. Allein – derlei erscheint zur Zeit illusorisch, obwohl gewöhnlich gut informierte Kreise erfahren haben wollen, daß …

Auf einer Mitgliederversammlung am 29. März 2010 blieb den anwesenden Vereinsmitgliedern nicht viel anderes übrig, als dem Antrag des Vorstands, sich zu verkleinern, zuzustimmen. Im Darmstädter Echo war hierzu am 1. April 2010 zu lesen:

„Grund für den Umzug sind die Finanzen. Nach Angaben des Vorstandes beträgt der Anteil der Miete mit 37.000 Euro im Jahr für die 265 Quadratmeter großen Räume 40 Prozent des Gesamtbudgets. 26 Prozent entfallen auf die Löhne, die Studiokosten sind mit 6,7 Prozent der drittgrößte Posten. Radar-Vorstandsmitglied Benjamin Gürkan verwies darauf, dass die Fläche ohnehin schlecht ausgelastet sei. ‚Zwischen 8 Uhr und 17 Uhr sind hier nur wenige.‘ Voll werde es nur an den Wochenenden.“

Diese Entscheidung, so der Artikel, wurde von nur 28 der rund 600 Vereinsmit­glieder getroffen. Die Zahl 600 ist hier Wunschdenken; sie entspricht nicht einmal der Realität, die der Vorstand des Vereins verbreitet. Die Zahl 28 belegt hingegen das Interesse der Mitglieder an der Zukunft ihres Vereins ziemlich genau. – Und so können wir seit Mitte Mai 2010 den Fortschritt der Bauarbeiten auf der Startseite des Webauftritts von Radio Darmstadt bewundern, nachträglich garniert mit einem „Spendencounter“, der den regen Zuspruch der Darmstädter Bevölkerung zu diesem Projekt belegen soll. Wir werden noch sehen, daß selbige sich vornehm zurückhält und die gezeigte Spendensumme ganz andere Ursprünge hat.

Wie zu erfahren war, muß der Verein seine bisherigen Räume am 1. August 2010 verlassen haben, weshalb der Terminplan eng gesteckt wurde. Am 12. Juli 2010 sollte das erste Studio in den neuen Räumen stehen und auch für die Sendenden zugänglich sein. Um zu testen, ob alles so funktioniert, wie man sich das so gedacht hatte, war für 15.00 Uhr eine Sondersendung vorgesehen. Ganz unabhängig von der scheußlichen Mikrofonie, die einer oder einem dort entgegen­schwallte, sind es einige Aussagen des Moderators und Vorstandmit­glieds Aurel Jahn, die auf den Prüfstand zu stellen sind. Aurel Jahn, irgendwie auch ein Urgestein des Vereins, hatte sich, nachdem er ein Jahr lang den Programmrat mit seinen zuweilen absonderlichen Ideen behelligt hatte, auf der Mitgliederver­sammlung am 7. Mai 2010 wieder einmal in den Vorstand wählen lassen.

Diese Sendung steht im Mittelpunkt dieser Dokumentations­seite. Anhand der dort gemachten Aussagen und aufgestellten Behauptungen läßt sich einiges über die Befindlichkeiten im Sendehaus erfahren. Vor allem, wie, wie tendenziös und vor allem wie falsch die Vergangenheit öffentlich thematisiert wird. Wir werden noch sehen, daß Aurel Jahn eine Scharte auszuwetzen hat. Er wird – ohne sie beim Namen zu nennen, denn die Namen sind im Sendehaus verpönt – gezielt gegen diejenigen anreden, die es ihm vor zehn Jahren nicht ermöglicht hatten, das (damals) neue Sendehaus am Steubenplatz nach seinen Vorstellungen einzurichten. Alles, was damals gemacht wurde, war deshalb falsch, jetzt, wo er dabei ist, wird es richtig gemacht.

Anzumerken ist noch, daß es Aufgabe der Gruppe oder Clique, die 2006 den Verein übernommen hat, gewesen wäre, den Verein und vor allem sein Lokalradio weiterzuent­wickeln. Statt dessen: Stagnation, wenn nicht gar Rückschritt. Mehr noch: Um eine Ära abzuschließen, erfolgt der Neuanfang durch den Neuaufbau dessen, was schon einmal in sehr guter Qualität vorhanden war: nämlich neuer Studios. Also auch hier noch einmal zurück. Das Hinterhof­studio symbolisiert den Kleingeist, der im Sommer und Herbst 2006 die Oberhand gewonnen hat. Man dreht sich in einer Schleife, ohne voranzukommen.

 


Weshalb der Umzug?

Nach einem Vorgeplänkel mit einem neuen Vereinsmitglied, das sich gleich wie wahnsinnig in die Bauarbeiten hineingestürzt hat, fragt Aurel Jahn den seit 2005 amtierenden Vorstand Benjamin Gürkan nach den wahren Gründen des Umzugs in den Hinterhof. Dabei erfahren wir, daß die Mieterhöhung, die als entscheidender Grund angeführt wurde, offenbar schon vor ein, zwei Jahren stattgefunden hatte und bislang finanziell getragen werden konnte. Es gab offensichtlich noch andere Kosten, die das Budget gesprengt haben, „unter anderem wegen diversen rechtlichen Streitigkeiten“, so Gürkan. In der Tat. Schon Anfang 2007 hatten die beiden damaligen (oppositionellen) Vorstandsmit­glieder vom Vorstand, insbesondere vom damaligen Co-Schatzmeister Markus Lang, eine genaue Kosten­prüfung eingefordert, um die Tragweite der Entscheidung der Vorstandsmehr­heit abschätzen zu können, bewährte Vereinsmitglieder, ehemalige Vorstandsmit­glieder, unter fadenscheinigen Gründen aus dem Verein und ihren Jobs hinauszukata­pultieren. Es war schon damals abzusehen, daß die hieraus resultierenden Kosten erhebliche finanzielle Folgen haben würden. Geschehen ist natürlich nichts.

Fliegende Kabel.
Mit „fliegenden Kabeln“ wird die Verbindung zwischen alten und neuen Studios notdürftig hergestellt.

Wenn also hier von „rechtlichen Streitigkeiten“ die Rede ist, dann sollte ergänzt werden, daß diese aus der seit Herbst 2006 offen zutage tretenden Vereinspolitik herrühren, tabula rasa zu machen und drei Personen mittels Kündigungen, Vereinsausschlüssen, Haus- und Sendeverboten „abzuschießen“. Diese Geschichte ist in dieser Dokumentation allgegen­wärtig und noch nicht abgeschlossen. Wenn Benjamin Gürkan nun so lapidar „rechtliche Streitigkeiten“ als Begründung für den Umzug bemüht, dann sollten wir festhalten, daß er einer der entschiedenen Verfechter dieses Kurses war, der notwendigerweise zu Rechtsstreits führen mußte. Zwei Arbeitsgerichts­verfahren endeten im Vergleich [2], eine Vereinssache sogar mit einer Niederlage, eine Klage gegen ein Hausverbot konnte gewonnen werrden, eine weitere wurde hingegen verglichen. So etwas kostet natürlich. Aber – es ist ja nicht das Privatvermögen der Damen und Herren Vorstände, das hier zur Begleichung persönlicher Befindlich­keiten zum Einsatz kam, sondern die Vereinskasse. Und das ist ja sehr praktisch, wenn man und frau über eine solche schöne Schatulle verfügt.

Die derzeitige Gefühlslage hingegen ist „schnuckelig“, denn mit diesem Wort preist Vorstand Benjamin Gürkan die neuen Räume an. Ja, das wollten sie schon im Herbst 2006 einführen, ein Sendehaus mit Kuschelfaktor und Wohlfühl­klima. Sozusagen die Wellness-Oase inmitten der rauhen Wirklichkeit. Wer andere, qualitative Ansprüche an solch ein Radio hatte, störte diesen Schnuckelkram natürlich, und wer stört, muß dann eben gehen, besser: gegangen werden. Aus diesem Grund führte selbiger Benjamin Gürkan im August 2006 eine in ihren Ergebnissen bis heute geheim gehaltene Umfrage unter ausgesuchten Vereinsmitgliedern durch, um festzustellen, wer als störend betrachtet wurde. Kritische Anmerkungen zu dieser Umfrage gab es schon damals. Tatsächlich flogen zwei dieser „Störer“ nur einen Monat später aus dem Verein, ohne Anhörung, ohne die satzungsgemäß vorgeschriebene Vereinsöffent­lichkeit, also in einer Geheimsitzung. Das nachträglich „verbesserte“ Protokoll ist im Vergleich zum tatsächlichen Sitzungsverlauf hier nachzulesen. Als weitere Maßnahme zur Wellness-Schnuckelei verfügte die damalige Vorstands­mehrheit, daß die Räume im Sendehaus neu gestrichen werden müssen. Das Chaos, das darauf folgte, ist legendär und auf meiner Seite über Das große Renovierungschaos nachzulesen. Schon damals war abzusehen, daß der Kuschelfaktor nicht ohne Inkompetenz zu haben war.

Zu dem im Herbst 2006 eingeführten Wohlfühlfaktor gehörte allerdings auch, daß Vorstands­mitglied Benjamin Gürkan Vereinsmitglieder, aber auch Vorstands­kolleginnen und -kollegen in einem stakkatoartigen lauten Tonfall zusammenzu­scheißen pflegte, wenn sie nicht so funktionierten, wie er sich das vorgestellt hatte. Im Herbst 2009 beispielsweise versuchte er, ein ehemaliges Mitglied des Vermittlungs­ausschusses zur Schnecke zu machen, der es gewagt hatte, die Politik des Vorstandes und die technischen Kabinettstück­chen der Bastler (vollkommen zu Recht übrigens) zu kritisieren. Der Gürkansche Anfall war derart heftig und ausfallend, daß seine Lebensgefährtin aus dem Büro gestürmt kam, um ihn zusammen mit dem aus den Studioräumen geeilten Christian K. von seinem Trip abzubringen. Ich weiß ja nicht, ob Benjamin Gürkan derartige Methoden, Mitglieder gefügig zu machen, in seiner Partei gelernt hat, aber es stellt dem Stadtverord­neten von Weiterstadt kein gutes Zeugnis aus.

Und dieser Vorfall war beileibe kein Einzelfall, sondern zieht sich durch die nun fünfjährige Vorstandsarbeit dieses SPD-„Parteisoldaten“ (G. über G.), ich habe ja selbst weitere erlebt. In seinem Facebook-Profil gesteht er dann auch, er sei „leicht cholerisch“ und – worauf ich noch zurückkommen werde – „faktenorientiert“. Dürfen wir also nun, wo Benjamin Gürkan das Schnuckelige der verkleinerten Raumfläche betont, mit einer Fortsetzung dieses Geschreis rechnen oder wendet sich nun alles zum Guten? – Doch kehren wir nun zur Testsendung aus den neuen Studioräumen zurück und zu unserem Moderatorenduo Aurel Jahn und Benjamin Gürkan.

Nichts darf mehr an das Alte erinnern, denn die Geister der verfemten Katharina Mann, Norbert Büchner und Walter Kuhl könnten ansonsten ja noch im Sendehaus herumspuken. Und so plaudert Benjamin Gürkan sorglos in sein Mikrofon:

„Dann merkt man auch, daß das dann quasi auch so ein Abschnitt ist. Man verläßt eine bestimmte Ära, nämlich die Ära direkt am Steubenplatz 12, und wechselt dann in die Hinterhausära quasi, in der Hoffnung, daß dadurch auch vieles hier besser wird, die Technik besser wird, die Sendungen besser werden usw.“

Beim Gedanken, die Technik könne in den neuen Räumen besser werden, komme ich dann doch ins Schmunzeln. Denn in den vergangenen vier Jahren war Benjamin Gürkan auch für die Technik zuständig, mit allen in dieser Dokumentation ausgiebig besprochenen Kapriolen. Wir werden gleich noch eine kennenlernen, sozusagen Frischfleisch.

Die Offenheit hinter Glas

Aurel Jahn fragt sodann: was verändert sich? Und liefert die Antwort gleich mit: für die Hörer erstmal nichts. Gleich der Einwurf von Benjamin Gürkan, er hoffe doch, schon, und meint wohl, neue Studios mit bewährter Technik bringen mehr Qualität. Dann kommt Aurel Jahn zu seinem Lieblingskind, dem „Gläsernen Studio“.

Das gläserne Studio.
Hinter der Glasscheibe unter dem Pfeil steht ein Regietisch, der fast den kompletten Raum ausfüllt.

Im Herbst 1999, nachdem die damalige Mitgliederver­sammlung die Zusammenführung der beiden Sendestudios in der Bismarckstraße (mit Müffelcharakter) und Hindenburg­straße (zu abseitig) beschlossen hatte, war Aurel fast allein auf weiter Flur mit dem Vorschlag, ein „Gläsernes Studio“ direkt an der Frontseite des Gebäudes zum Verkehrslärm des Steubenplatzes hin ausgerichtet aufbauen zu wollen. Die Konzeption, die sich durchsetzte, sah eine Raumflucht vor, in der die vier Studioräume hintereinander, nur durch große Glasscheiben getrennt, angeordnet waren. Sozusagen Transparenz pur.

Aurel war verschnupft und ging. Seine gekränkte Ingenieursehre kann er nun wiederherstellen. Jetzt bekommt er sein „Gläsernes Studio“ direkt neben dem Kopfstein­pflaster der Friedrichstraße. Allein – glaubt er ernsthaft, daß die wenigen Menschen, die hier vorbeihasten, ihn beim Beschallen eines Mikrofons zuschauen wollen? Offenbar verwechselt er das „Gläserne Studio“ aus den Anfangstagen der Darmstädter Radioinitiative 1994, 1995, meinetwegen noch 1996, als das Radio noch jung und attraktiv war, mit heute, oder er sehnt sich zumindest danach zurück. Es sind auch hier fünfzehn Jahre vergangen, und das Radio hat viel von seiner Bedeutung eingebüßt, es ist nichts Besonderes mehr. Gerade junge Menschen setzen auf ganz andere Medien. Aber lassen wir ihm sein aus Spenden und der Vereinkasse finanziertes Spielzeug, auch wenn ich es widersinnig finde, die Studioräume mit mehreren Lagen Schalldämmung zuzukleistern – und dann den Straßenlärm direkt hereinzuholen.

Aurel Jahn fährt fort:

„Wir sind offen für Darmstädter, …“

… sofern sie nicht aus dem Kreis der Verfemten stammen …

„… wir hoffen, daß der Klang besser wird. Der Eindruck, der hier so entsteht, ist, daß der Raumhall weniger ist als drüben. Das hängt mit verschiedenen Sachen zusammen. Einerseits haben wir die Fenster zwischen den Studios ein Stück kleiner und auch andersrum eingebaut, nämlich richtigrum eingebaut. Wir hatten da einen professionellen Akustiker, der das alte Studio angesehen hat, der auch das neue Studio ansieht. Hier im Gläsernen Studio sind wir nicht ganz von der Außenwelt abgeschirmt. Das Fenster, wo man auch durchgucken kann, ist relativ groß. Da kommt natürlich auch Atmo von der Straße rein, aber ich finde das eigentlich gar nicht so schlecht. Man kann jetzt sagen, ok, wir brauchen ein total schalltotes Studio, aber meiner Meinung nach symbolisiert es auch die Offenheit für andere Darmstädter, die auch mal Radio gestalten wollen.“

Man und frau muß schon genau zuhören, um die versteckten Seitenhiebe gegen die Verfemten herauszuhören. Aurel Jahn arbeitet sich an den angeblichen Schwächen und Fehlern der bisherigen Studios ab, die nicht nur, aber auch nach den Vorstellungen von Katharina Mann, Norbert Büchner und mir aufgebaut worden sind. Ob der Raumhall gering ist oder nicht, ist mangels eigenen Eindrucks schwer zu sagen, vermutlich ist es einfach eine akustische Selbsttäuschung, zumal die Jungs ja auch daran glauben wollen. Betrachten wir das im Juli 2010 online gestellte Bautagebuch des Senders, dann gewinnt man oder frau den Eindruck, daß hier eine Gruppe daran geht, so ziemlich jeden Schall totzuschlagen. Hierbei entstehen Sendestudios, in denen die technikverliebten Jungs sich einigeln und wohlfühlen können. Dort werden sie nicht mehr belästigt, schon gar nicht mit der Erinnerung an die „falschen“ Studios aus der Ära, als Radio Darmstadt seine Außenwirkung drastisch verbessert hatte, was sich im Zeitraum von 2000 bis 2004 insbesondere an einer verdoppelten Einschaltquote festmachen läßt.

Kurzer Einschub, Monate später: Auf der Mitgliederver­sammlung dieses Vereins am 29. Oktober 2010 mußte Aurel Jahn eingestehen, womit die neuen schalltot geschlagenen Räumlich­keiten erkauft worden waren. Wenn es regnet, trommeln die Tropfen auf dem Flachdach, dessen Schalliso­lierung schlicht vergessen wurde. Der Straßenlärm erweist sich als störend, die Isolation hat sich also als nicht so gut erwiesen. Ob Aurel Jahn demselben Publikum, dem er am 12. Juli 2010 seine Märchen erzählt hat, jemals in einer weiteren Sonder­sendung die streng geheime Wahrheit beichten wird?

Daß die Scheiben zwischen den vier Studioräumen „verkehrtrum“ eingebaut worden sind, ist natürlich Unsinn. Die schräg stehenden Scheiben sollen die Schall­schwingungen in die Schallschluck­elemente der jeweiligen Räume umlenken und nicht direkt ins Mikrofon reflektieren. Ob die Schräge nach oben oder nach unten verläuft, ist vermutlich unerheblich, zumindest würde ich für die von unseren beiden Experten vorgetragene Behauptung gerne einmal eine belastbare wissenschaft­liche Studie sehen. Die zu finden, sollte für die Beiden ja nicht so schwer sein. – In der neuen Ära muß natürlich alles anders sein als zuvor, und es ist auffällig, daß das Argument der falsch aufgestellten Scheiben zehn Jahre lang weder den Akustikexperten Aurel Jahn noch seit fünf den Akustikexperten Benjamin Gürkan gestört haben. Später wird Markus Lang einflechten, man habe sich Ratschläge bei den Akustikexperten des Staatstheaters geholt. Waren diese im Studio, um Aurel Jahns Behauptung vor Ort zu überprüfen? Vielleicht. Ich weiß es nicht. Den wahren Grund erfahren wir jedoch später noch. Er ist banal.

Ebenso banal ist die psychologische Dramaturgie dieses Auftritts. Um gegenüber der Mitgliedschaft den eigenen Wunsch nach Aufbau neuer Studioräume legitimieren zu können, muß das Alte diskreditiert werden. Hierzu gehört beispielsweise der Auftritt von Aurel Jahn auf der Mitgliederver­sammlung am 7. Mai 2010. Bei seiner Bewerbung zur Wahl in den Vorstand des Trägervereins dieses Lokalradios wies er einerseits als Referenz auf seine Ingenieursaus­bildung hin, andererseits tat er diejenigen, die maßgeblich, aber nicht alleine, die alten Sendestudios konzipiert und aufgebaut hatten, als „Sozialpädagogen, Kraftfahrer und Geigenbauerin“ ab. Schon bei der Geigenbauerin, die sogar eine Geigenbau­meisterin ist und sicherlich mehr wohlklingende Klangkörper entworfen und gebaut hat als der Herr Ingenieur, ist es naheliegend, von solidem akustischen Wissen auszugehen. Aber das interessierte weder ihn noch die kleine Truppe, die noch an Mitgliederversamm­lungen teilnimmt, denn diese unqualifizierte Einlassung bediente allenfalls vorherrschende Ressentiments. Schließlich haben weder Aurel Jahn noch Benjamin Gürkan, ganz zu schweigen von den übrigen „Technikern“, jemals Akustik oder gar Tontechnik studiert. Und damit meine ich nicht eine Vorlesung oder ein Nebenfach, sondern Akustik bzw. Tontechnik als solche.

Und damit zurück ins Studio, in dem nun die Wahrheit gestreckt und gedehnt wird. Frage Aurel Jahn:

„Ja, wir haben weniger Platz. Macht das was aus, wurde der Platz voll genutzt in den alten Räumlichkeiten?“

Darauf Benjamin Gürkan:

„Nee, das nicht.“

Um sofort zu etwas anderem zu springen, nämlich zum Tatü-Tata der Feuerwehr, die um die Ecke in der Bismarckstraße ihre Zentrale hat.

Es stimmt natürlich, daß die Räume nicht (besser: nicht mehr) voll genutzt wurden, denn es stimmt auch wieder nicht. Der Knackpunkt liegt hier im Jahr 2006. Vor dem Rausschmiß der „Störer“ nämlich war Radio Darmstadt ein geradezu lebendiges Sendehaus. Schon frühmorgens um vier kamen die ersten, um den Radiowecker vorzubereiten. Die damalige Redaktion „Radiowecker“, die nichts mit dem traurigen Zustand dieser Sendeschiene heute gemein hatte, strahlte sechs Tage in der Woche (mit Ausnahme des Donnerstags, weil Christian K. lieber sein eigenes Süppchen in der Unterhaltungsredaktion kochte) ihr Morgenpro­gramm aus, vorbereitet zumal. In der Regel wurde die Redaktion von einer oder mehreren Praktikantinnen und Praktikanten unterstützt, von denen einige dem Sender nach Ablauf des Praktikums als Redaktions­mitglied erhalten blieben. So sorgte die Redaktion für einen steten Zufluß neuer Vereinsmit­glieder. Das Praktikum wurde bis zum Mittag fortgesetzt. Was die Qualität dieser Praktika betrifft, ist vielleicht das Zeugnis der letzten Praktikantin Marta Żmigrodzka von Interesse.

Alle Rolläden verschlossen.
Fenster zu, Rolläden runter – so präsentierte sich Radio Darmstadt 2007 recht häufig.

Zudem gab es regelmäßig Medienkompetenz­projekte in den Räumen des Senders. Alle vier Studios waren teilweise gleichzeitig belegt, so daß es immer wieder zu Rangeleien um die Studionutzung kam. Das muntere Treiben setzte sich in den Nachmittag fort und endete frühestens dann, wenn der oder die CvD gegen 19.00 Uhr das Sendehaus verließ. Das damalige Vorstands­mitglied Niko Martin entwarf schon Pläne, die Räume umzubauen, so daß mehrere parallele Treffen von Projekten, Arbeitsgruppen, Praktikantinnen und Redaktionen möglich würden. Mitunter stellten sich die eigentlich recht großzügigen Räume nämlich als zu klein heraus.

Das Ende dieses für den Sender imagefördernden Zustands vollzog sich exakt am 13. September 2006, als die vier Vorstandmit­glieder Susanne Schuckmann, Markus Lang, Stefan Egerlandt und Benjamin Gürkan die Entfernung der „Störer“ anordneten. Praktika gab es dann erst einmal keine mehr, das mit EU-Fördergeldern ermöglichte Medienkompetenz­projekt wurde aufgrund der neuen Vorstandspolitik torpediert und eingestellt, mit erheblichen finanziellen Folgekosten für den Verein. Der bei vielen sendenden Vereinsmit­gliedern ungeliebte Dienst als Chefin oder Chef vom Dienst wurde entsorgt, womit die neue Führungs­riege auch die zum damaligen Konflikt Unentschiedenen auf ihre Seite ziehen konnte. Die Folge war: tote Hose im Sendehaus, und zwar von morgens über mittags bis abends in die Nacht hinein. Über die Auswirkungen dieser danach folgenden hermetischen Verschlossen­heit schrieb ich die Dokumentations­seite Probleme mit der redaktionellen Arbeit. Nur noch in auto­suggestiven Momenten behaupten die Verantwortlichen und Sendenden, im Sendehaus sei Leben in der Bude. Das war einmal so.

Und in der Tat waren plötzlich die zuvor stark frequentierten Räume weitgehend ungenutzt. Das Vorproduktions­studio, in dem zuweilen zwei oder drei Personen parallel gearbeitet hatten, verfiel gänzlich und war nicht mehr nutzbar. Zwar hatten sich Benjamin Gürkan und Stefan Egerlandt schon ausgemalt, was sie mit diesem freien Raum alles so anstellen könnten. Von einem digitalen Studio für die Musikproduktion (der diversen DJs im Hause) war die Rede. Hier hätten sich die Spielkinder einmal so richtig austoben können, um zu zeigen, was sie draufhaben – aber nichts dergleichen. In so großen, nunmehr leeren Räumen fühlt man und frau sich nicht wohl, das kuschelige, schnuckelige Klima bedarf der Enge. Kein Wunder, daß der voluminöse Regietisch aus Studio 1 derart in das „Gläserne Studio“ hineinge­quetscht werden mußte, daß Personen, deren Körperumfang nicht dem allgemeinen Schlankheits­wahn entspricht, sich zwischen Möbel und Fenster zwängen müssen, um überhaupt das Mischpult erreichen zu können. Das läßt sich übrigens sehr schön an der „gläsernen“ Fensterscheibe dieses Raumes auch von außen erkennen. Ob derlei feuerpolizei­lich zulässig ist?

Insofern sind die nicht (mehr) genutzten Räumlich­keiten Ausdruck derselben Vorstandspolitik, die auch finanziell den Umzug in den Hinterhof erzwungen hat. Daraus Lorbeeren zu ziehen, ist vermessen. Bleiben die Hoffnungen, die man in die neue Ära setzt, noch einmal Benjamin Gürkan:

„Natürlich hoffen wir dadurch dann auch, daß es weniger Konflikte, weniger Reibungspunkte gibt, die bei uns im Verein, dafür daß wir über 500 Mitglieder haben und knapp 150, 200 Sendende, ja sowieso sehr gering waren, aber wir haben immer noch fast die gleiche Anzahl von Räumen. Die Räume sind einfach nur etwas kleiner.“

Weshalb redet er von Reibungspunkten, wenn doch kaum Leben im Sendehaus vorherrscht, erst recht, wenn sie doch gering sind? Macht sich hier das Unbewußte bemerkbar, das anklingen läßt, wovon man sich abgrenzen will – nämlich von den Konflikten, die man selbst gezielt geschürt hatte?

Die Mitgliedschaft

Hier bietet sich ein kleiner Exkurs zur Zahl der Vereinsmitglieder und Sendenden an. Die Verkleinerung ist nämlich auch hier zu verspüren. Im Jahr 2005, dem letzten Jahr ohne größere interne Reibungsverluste, zählte der Verein etwas mehr als 600 – zahlende! das ist wichtig – Vereinsmitglieder und rund 220 Sendende. Im mir vorliegenden Rechenschafts­bericht des zwischen 2008 und 2010 amtierenden Vorstands, der sich zur Hälfte wiederwählen ließ, wird zum April 2010 eine Mitgliederzahl von 563 angegeben. Vertraut man und frau den Angaben dieses Berichts, dann waren es zum 31.12.2009 exakt 550. Nur – dabei handelt es sich um zahlende Mitglieder, „Karteileichen“ und auch Nichtmitglieder! Wer immer auch diese Zahlen zusammen­gestellt hat, scheint die Realität verschönert zu haben.

Nun liegen belastbare Zahlen für die Vergangenheit vor, an denen wir das Elend der Gegenwart deutlicher bemessen können. Auf der durch Benjamin Gürkan Anfang November 2006 abgeschalteten, weil von mir betreuten, alten Webseite des Senders fanden sich folgende aufschlußreiche Zahlen:

DatumEintritteAustritteBestand
31.12.199419019
31.12.1995914106
31.12.19962345335
31.12.199729432597
31.12.199813363667
31.12.1999100145622
31.12.200012882668
31.12.20017881665
31.12.200291100656
31.12.20035469641
31.12.20046381624
30.06.20054528641

Da 2005 verstärkt versucht wurde, Außenstände einzutreiben, und gleichzeitig unerreichbare „Karteileichen“ aus dem Datenbestand herausgenommen wurden, ergab sich zum Jahresende 2005 eine Mitgliederzahl von knapp über 600. Zahlende wohlgemerkt.

Der Rechenschaftsbericht liefert uns nun zwar nicht für 2006 bis 2008, aber für 2009 Zahlen. Demnach gab es 35 Abgänge und 22 Zugänge. Die Zahl der Zugänge ist, verglichen mit den Zahlen früherer Jahre, ein absoluter Tiefpunkt. Diese Zahl läßt sich weiter eingrenzen. Demnach hätten in den zwei Jahren der Vorstandstätig­keit insgesamt 15 Ausbildungs­seminare stattgefunden. Wenn man und frau bedenkt, daß es zwischen 2001 und 2004 regelmäßig mehr als 20 derartiger Ausbildungen pro Jahr gegeben hat, dann ist auch hier der Rückschritt eklatant; er liegt bei rund 60%! Das zuständige Vorstandsmitglied ist – Benjamin Gürkan. Nun werden die Mitglieder diesen Rückschritt nicht anprangern, ist es doch in ihrem eigenen Interesse, möglichst wenig zur Weiterbildung gezwungen zu werden, wie sie das in den Zeiten der verfemten, Seminare anbietenden Katharina Mann und Norbert Büchner empfunden haben mögen. Aber – es fanden in den zwei Jahren auch sieben sogenannte „Basic“-Seminare mit 58 Teilnehmenden statt. Diese Seminare sind verpflichtend, bevor man und frau alleine auf Sendung gehen darf. Und – wie die Erfahrung der Jahre zuvor gezeigt hat, hierbei handelt es sich zu 90% um die Menschen, die dann auch Mitglied des Vereins geworden sind. Also können wir die Zahl der Vereinseintritte in den Jahren 2008 und 2009 recht genau zusammen auf knapp über 60 Personen ansetzen, was die gewachsene Unattraktivität des Senders und seines Vereins unter der Ägide von Benjamin Gürkan, Markus Lang & Co. doch recht deutlich belegen würde.

Radio Darmstadt Büchertisch.
Werbung neuer Mitglieder – Radio Darmstadt auf dem Tag der Vereine 2009.

Kommen wir nun zu den „Abgängen“. Die von der damaligen Vorstands­mehrheit eskalierte Rausschmißpolitik führte nach 2006 zu zahlreichen Austritten, von denen einige, mit entsprechend scharfer Begründung vorgetragen, mir vorliegen. Der Aderlaß ist größer als eingestanden. Mir sind inzwischen Fälle bekannt geworden, in denen ausgetretene Personen immer noch als Vereinsmitglied geführt werden, denn sie erhalten weiterhin Einladungen zu Mitgliederver­sammlungen und sogar Beitragsmarken für den Mitgliedsausweis, obwohl sie keinen Mitgliedsbeitrag entrichtet haben. Weiterhin sind mir mehrere Fälle bekannt, in denen Mitglieder als Karteileichen mitgeschleppt werden, die seit Jahren keinen Cent mehr an diesen Verein entrichtet haben, ohne daß sie sich noch die Mühe gemacht hätten, sich auch offiziell zu verabschieden. Gemahnt werden sie auch nicht mehr. Sie schlummern einfach weiter im virtuellen Karteikasten, um jederzeit belegen zu können, wie beliebt der Verein doch ist. Die vom Vorstand vorgelegte Statistik ist demnach schon aus methodischen Gründen fehlerhaft. Ob hier Schlamperei vorliegt oder einfach nur das Kaschieren einer peinlichen Entwicklung, sei dahingestellt. Die derzeitige Vorstands­riege hatte ja verkündet, daß, wenn die „Störer“ aus dem Verein geworfen würden, dann würden ehemalige Mitglieder wiederkommen und inaktive Mitglieder wieder aktiv werden. Dies scheint nicht geschehen zu sein; jedenfalls gibt es hierauf weder in der Vereinsaktivität noch in der Mitgliederent­wicklung irgendeinen Hinweis.

Aber es gibt eine weitere Zahl – und die ist in der Tat alarmierend. Vor fünf Jahren konnte Verein auch aufgrund seiner Mitgliedsbeiträge vergleichs­weise aus dem Vollen schöpfen; die Summe der gezahlten Beiträge lag mitunter bei weit über 20.000 Euro. Für 2009 wird diese Zahl mit nur noch 14.000 angegeben. Unter Berücksichtigung einer Beitragsstruktur, bei der Erwachsene 36 Euro und Schülerinnen und Schüler 12 Euro im Jahr abdrücken müssen, erwies sich früher die Faustformel von rund 30 Euro pro Mitglied als brauchbar zur Errechnung der Jahreseinnahmen. 14.000 Euro dividiert durch 30 Euro ergibt demnach 467 zahlende Mitglieder. Das scheint mir auch realistischer zu sein als die angegebenen 550.

Das mag den Verein nicht daran hindern, andere Zahlen zu präsentieren. Es ist schließlich seine Sache, wie er Austritte und Karteileichen in seiner Mitgliederkartei führt. Aber wenn wir seriös die Zahlen von 2005 mit denen von 2009 vergleichen wollen, dann erhalten wir einen erheblichen Rückgang von rund 20%. Und das ist nicht mehr mit „natürlicher Fluktuation“, gar mit einer aufgrund der Wirtschaftskrise allgemein rückläufigen Entwicklung zu erklären, sondern aus den Verwerfungen, welche der Vereinspolitik ab 2006 zugrunde liegen. Wenn offiziell für 2009 nur 35 Abgänge, also auch hier die geringste Zahl seit über zehn Jahren, zugegeben werden, dann kann dieser Rückgang eben nicht Ausdruck wirtschaftlich krisenhafter Tendenzen sein. Dies wäre allenfalls dann plausibel, wenn die Zahl der Abgänge deutlich höher als in der Vergangenheit ausgefallen wäre. Ich gehe sicherlich nicht fehl in der Annahme, daß auch weiterhin die wenigsten Austritte explizit damit begründet wurden, weniger oder kein Geld für den Verein übrig zu haben. [3]

Bemerkenswert finde ich, daß auf den Mitgliederversamm­lungen all diese Rückschritte tunlichst nicht thematisiert werden. Hier wäre die Kassenprüfung gefragt gewesen, aber die scheint die ganze Story ja abgenickt zu haben. Was juckt es die Mitgliedschaft, wenn das Projekt eines eigenen Lokalradios so herunterge­wirtschaftet wird? Es wäre nämlich das Eingeständnis des eigenen Scheiterns. Aber vielleicht geht es ja mit den neuen Räumen und den tollen Studios jetzt wieder so richtig voran.

Dazu wäre es natürlich hilfreich, wenn nicht mehr so viel im Sendehaus „leicht cholerisch“ herumgeschrieen wird.

Einfach so dahingeplaudert ist auch eine Zahl von „knapp 150, 200 Sendenden“. Worauf sich die Knappheit bezieht, auf die 150 oder die 200, ist mysteriös. Wie auch immer – 2005 wurden in einer internen Erhebung 220 gezählt. Auch hier also ein deutlicher Rückschritt von „knapp“ zehn bis dreißig Prozent! Im Rechenschaftsbericht für die Mitgliederversammlung, der ja nichts als die Wahrheit enthalten sollte, ist sogar nur von „schätzungsweise 120 Sendenden“ die Rede. Wenn ich die Zahl der im Radio hörbaren Vereins- und Nichtvereins­mitglieder großzügig zusammenzähle, komme ich auf etwa 170. Was denn also? 150, 200, 120, 170, knapp – Herr Gürkan, nennen Sie einen derartigen Zahlenwust allen Ernstes „faktenorientiert“? Ich nenne das: ich habe keine Ahnung von nichts und werfe einfach einmal irgendwelche Nummern in den Ring. Derlei gleich mehr.

Halten wir also als Bilanz der Vorstandspolitik der vergangenen vier Jahre fest:

Mitgliederzahl: stark rückläufig, angeblich 2010 leicht ansteigend.

Zahl der Sendenden: mehr oder weniger stark, sozusagen „knapp“ rückläufig.

Beitragseinkommen: um etwa 1/3 rückläufig.

Seminarangebote: seit 2006 erheblich rückläufig.

Studioatmosphäre: angeblich schnuckelig.

Raumangebot: drastisch eingeschränkt.

Wahrlich eine beeindruckende Bilanz. Herzlichen Glückwunsch!

Logistische Fragen und Sendepausen

Der Umzug vom Steubenplatz zum Steubenplatz, vom Vorderhaus zum Hinterhof, ist keine Angelegenheit, bei der mal kurz nur einige Geräte umgestellt werden. Räume müssen umgebaut, angepaßt, mit Leitungen versehen werden. Auch die Sendeleitung, Telefon und Internet müssen neu verkabelt und angeschlossen werden. So etwas dauert. Nach dem Beschluß der Mitgliederver­sammlung am 29. März 2010 konnte der bestehende Mietvertrag gekündigt werden und der Termin zur Beendigung des Umzugs stand sogleich mit dem 1. August 2010 fest. Vier Monate hatten die wackeren Recken des Umzugs nun Zeit, ihre Arbeit zu vollenden. Ein ambitionierter Zeitplan, aber machbar. Auch hier durfte der Vergleich mit der Vergangenheit nicht fehlen, auch hier durfte munter drauflos geschwallt werden. Benjamin Gürkan gibt den Takt vor:

„Ich war damals noch nicht gewesen, aber der Aurel wird es besser wissen. Soweit ich das weiß, war der Umzug damals von der Bismarckstraße hierher in den Steubenplatz, also in unsere jetzigen alten Räumlichkeiten, hat, glaube ich, über ein Jahr gedauert …“

Aurel: Nee, ein halbes. Was ja schon ein „faktenorientierter“ Unterschied ist. Fakten, Herr Gürkan, Fakten! Oder bedeutet das schöne Wort „faktenorientiert“ hier nicht etwa, sich an den Fakten zu orientieren, sondern, welche zu schaffen? Wie auch immer, von der Korrektur unbeeindruckt, plaudert er weiter:

„… oder ein halbes. Und wir stemmen es jetzt knapp in zweieinhalb Monaten.“

Auch hier wird das Konkurrenz­denken deutlich. Wobei hinzuzufügen ist, daß nach zweieinhalb Monaten die alten Studios aufgrund des Ablaufs des Mietvertrags geräumt sein müssen; darüber, daß die neuen Räume fix und fertig sein werden, ist damit noch nichts ausgesagt. Das werden sie auch nicht sein. Also ist auch diese Zahl blanke Spiegel­fechterei: Wir machen das besser als der ungenannte Kraftfahrer, die Geigenbauerin und der Sozialpädagoge. In der Tat dauerte die Angelegenheit damals rund ein halbes Jahr. Zunächst wurde nämlich das Studio in der Hindenburg­straße abgebaut, um die Kosten für die doch recht teure hierfür angemietete Wohnung baldmöglichst vom Tisch zu haben. Dann erst wurden die neuen Räume umgebaut und mit einem wesentlich höheren technischen und materiellen Aufwand als die jetzige neue Lösung hergerichtet. Sendestart vom Steubenplatz war, nach vier Monaten, am 1. Februar 2000. Anschließend wurde das ältere Studio in der Bismarck­straße abgebaut und zum Steubenplatz verfrachtet, um dort als Studio 2 eingerichtet werden zu können. Damit war der Umzug am 31. März 2000 abgeschlossen.

Eingang zum Hinterhofstudio in der Bismarckstraße.
Eingang zum Hinterhofstudio in der Bismarck­straße 3 mit genehmigten Graffiti, die kurz vor dem Auszug angebracht wurden.

Nun muß man und frau hierzu die ganze Geschichte kennen. Der Umzug zum Steubenplatz wurde auf einer Mitgliederver­sammlung am 8. September 1999 mit ganz knapper Mehrheit beschlossen und anschließend von einer Mehrheit des damaligen Vorstands, die nicht damit einverstanden war, hintertrieben. Es bedurfte einer weiteren MV im Oktober 1999, die dem Vorstand das Mißtrauen, gleichzeitig jedoch dem Bösewicht vom Dienst, also mir, mit überwälti­gender Mehrheit das Vertrauen aussprach. Diese MV legte die Umsetzung dieses Beschlusses in die Hand der beiden Vorstandsmit­glieder Markus Lang und Walter Kuhl und entmachtete diesbezüglich die Mehrheit des Vorstandes. Hier liegt der Ursprung aller Konflikte, die bis heute das Geschehen im Verein und seinem Lokalradio bestimmen. Jedenfalls, erst nach dieser Entscheidung konnte mit dem Umzug ernsthaft begonnen werden. Angesichts dieser Schwierig­keiten ging das Unternehmen dann doch recht flott voran.

Nun setzt Aurel Jahn, der das natürlich alles weiß, noch eins drauf: Er verweist darauf, daß der damalige Umzug ein Vielfaches von dem gekostet hat, was derzeit hierfür zur Verfügung steht. Das ist sicherlich richtig. Nur, wenn man und frau etwas richtig anpackt, kann das schon einmal ins Geld gehen. Es gab jedoch noch einen zweiten Grund, keine Sparbrötchen zu backen. Das Finanzamt bestand darauf, das inzwischen recht üppige Vereinsvermögen abzuschmelzen, da es ansonsten nicht als steuerfreie Rücklage betrachtet werden könne. Abgesehen davon war das Vereinsvermögen von Anfang an für den Aufbau eigener Räume vorgesehen, wenn auch die vage Vorstellung eines eigenen „Radar-Hauses“ (also die eigene Immobilie) mitschwang.

Insofern bewundere ich sogar die Lösung des jetzigen Vorstandes, mit relativ wenig Geld (der Rechenschafts­bericht nennt eine Zahl von rund 15.000 Euro, und wir wissen ja, daß derlei Planungszahlen selten mit den tatsächlichen Ausgaben übereinstimmen) und dem Versuch, Spenden einzuwerben, dennoch brauchbare Studios hinzubekommen. Allerdings wird nicht das verwertet, was schon da ist, sondern auch hier darf nichts an die Vergangenheit erinnern, nicht einmal das Material. Aurel Jahn fährt fort:

„Und, was auch noch ist. Der Umschalttermin, der hat damals … war so realisiert worden, daß wir die Frequenz 103,4 für eine Woche dem Radio Melibokus übergeben haben. Und dann hat die Umschaltung stattgefunden.“

Was einfach ausgemachter Blödsinn ist, oder, um eines der Lieblingswörter von Aurel Jahn zu benutzen, wenn er in seinen Sendungen über andere Moderatorinnen und Redakteure herzieht: Stuß. Tatsächlich vermischt er hier zwei Dinge und unterschlägt damit, daß die Umschaltung, die beim jetzigen Umzug einige Stunden dauern soll, um die Sendeleitung vom einen Studio abzukoppeln und im anderen freizuschalten, damals ohne jeden Reibungsver­lust vonstatten ging. Manchmal ist es eben doch von Vorteil, eine Geigenbauerin oder einen Sozialpädagoge dabeizuhaben.

Konkret: Aurel Jahn verwechselt hier den Umzug aus Bismarck- und Hindenburg­straße 1999/2000 mit einer Totalrenovierung von Studio 1 und der Fertigstellung von Studio 2 im November 2003. Im November 2003 überbrückte Radio Melibokus mit Hilfe vieler RadaR-Vereinsmit­glieder die elf Tage dieses Umbaus. Umgeschaltet wurde hier gar nichts, da Radio Melibokus per ISDN-Leitung über die RadaR-eigene Sendeleitung ausgestrahlt wurde. Es gab nicht eine einzige Minute Sendungsausfall. Noch extremer war es am 1. Februar 2000. Am frühen Morgen schaltete die Telekom ganz einfach binnen einer Minute von der Bismarckstraße zum Steubenplatz in einer Weise um, daß kurzzeitig auf dem einen Stereokanal noch die Bismarckstraße, auf dem anderen schon der Steubenplatz zu vernehmen war. Vielleicht hätte Herr Jahn hier, bevor er munter drauflosplappert, besser kurz nachrecherchiert. Aber bei Radio Darmstadt fallen derartig erhebliche Ungenauig­keiten ja ohnehin nicht auf. Der Programmrat von Radio Darmstadt wird gewiß hier keine Qualitätsver­besserung einfordern.

Jedenfalls, ursprünglich war vorgesehen, daß am Tage der Ausstrahlung dieser Probesendung (12. Juli 2010) auch der offizielle Sendestart aus den neuen Räumen sein sollte. Angeblich sind irgendwelche Lieferanten schuld, die ganz wichtige Komponenten statt am Freitag zuvor gerade eben erst geliefert haben, so zumindest Benjamin Gürkan. Sei's drum – daran wird dieser Vorstand sicherlich nicht gemessen, ob es ihm gelingt, an einem Montag, Mittwoch oder Freitag das neue Studio für alle Sendenden freizugeben.

Schwelgen in und Lehren aus der Vergangenheit

Nach ein bißchen Michael Jackson unterhält sich Aurel Jahn mit Thomas M., der schon 1999/2000 den technischen Aufbau der Studios am Steubenplatz mit realisiert, sich dann aber aus beruflichen Gründen für längere Zeit aus dem Geschehen verabschiedet hatte. Und so steigt Aurel Jahn dann ein, ohne zwei weitere wichtige Personen zu benennen. Man ist eben ganz auf sich selbst fixiert.

Das erste Studio im Werkhof.
Das erste Radar-Studio im Werkhof, im Bild Vereinsgründer Norbert Büchner.

„Der Thomas war dabei. Den Thomas habe ich gesehen, kann ich mich daran erinnern, mit ihm habe ich zusammen die Bismarckstraße ausgebaut. Das war im Jahr 1995. Da hatten wir dann die Bismarckstraße angemietet, oder 96, weiß ich nicht genau. Das war ein Hinterhof direkt am Herrngarten und dort hatten wir dann ein Studio. Wir haben da zusammen Fenster eingebaut, das war halt auch so die Rohbauphase. Und einiges sonstiges haben wir gemacht, was dann eben dazu führte, daß wir 1996 ‚Treff Radar 96‘ machen konnten und dann auch die [sic!] Heinerfestradio 96 und, klar, 97 sind wir on air gegangen. Hallo, Thomas.“

Nun, hauptsächlich hat damals in der Bismarckstraße (wie auch später in der Hindenburg­straße, ja sogar noch einmal am Steubenplatz) Jürgen B. rangeklotzt. Die Studiotechnik hatte zunächst weitgehend der hier vorsichts­halber nicht genannte, weil verfemte Norbert Büchner zur Verfügung gestellt. Bevor das Gärtnerei­kabuff von der Stadt Darmstadt angemietet wurde, hatte der Verein beim Werkhof (damals noch in der Rundeturm­straße) einen Raum zur Verfügung gestellt bekommen – und hier waren es Norbert Büchner (Technik) und Susanne Schuckmann (Ausstattung), welche die Grundlagen für das heutige Senden maßgeblich geschaffen haben. – On air ist RadaR natürlich schon 1995 gewesen, wenn auch erst einmal nur als Veranstaltungs­radio zum Heinerfest. Aurel Jahn meint hier gewiß den Sendestart mit „richtiger“Lizenz.

Exkurs: Das Studio in der Bismarckstraße

In der Ausgabe 3/1996 der „RADAR e.V. – Radioinitiative für Darmstadt“ vom Februar 1996 wurde – ähnlich wie jetzt – zur Mithilfe beim Aufbau des neuen Domizils aufgerufen:

„[E]ingerahmt von tristen Mauern der darmstädter Justiz und den blühenden Sträuchern des Herrngartens haben wir endlich eigene Räume für unser Studio gefunden. Zu einer Zeit, als die rot-grüne Koalition in Darmstadt auch noch blühte, haben sich die Fraktions­vorsitzenden der beiden Parteien, Dr. Harry Neß und Günter Maier dafür eingesetzt, daß wir das knapp 50 qm große Gebäude von der Stadt anmieten können. Das hat zum Jahreswechsel geklappt, dafür sei allen Beteiligten recht herzlich gedankt.

Um aus den ehemaligen Sozialräumen der Mitarbeiter des Gartenamtes ein funktionierendes Lokalradio-Studio zu machen, muß jetzt umgebaut, renoviert, gebastelt, gestrichen und eingerichtet werden. Der Bezirksverein Martinsviertel hat uns anläßlich seiner Weihnachts­feier mit einer Spende von 500 DM bedacht (auch hierfür sei auf diesem Wege noch einmal recht herzlich gedankt!) und wir werden diese Spende für die Umbauar­beiten einsetzen. Aber das reicht natürlich hinten und vorne nicht. Wir brauchen für den Ausbau unseres Studios weitere Geld- und Sachspenden. Insbesondere benötigen wir: Holzbalken, Dachlatten, Steinwolle, Rigipsplatten, Schrauben, Dübel, Telefonkabel, Montagezement usw.“

Fensterbau im Sommer 1996.Als Kontaktpersonen für derartige Spenden waren Norbert Büchner, Jürgen B. und Aurel Jahn genannt. Schon einen Monat zuvor, am 17. Januar 1996, hatte sich in den neuen Räumlichkeiten das Technik-Team getroffen. Norbert Büchner, Jürgen B., Aurel Jahn, Thomas M., Michael D. und Florian Z. (in dieser Reihenfolge genannt) beschlossen dort, „den Vorschlag von Vera und Norbert in die Tat umzusetzen“. Dazu gehörte ein Fensterdurch­bruch zwischen Technikraum und Sprecherinnen­kabine, der Abbruch dreier Handwasch­becken, der farbige Außenanstrich und das Anbringen zweier neuer Heizkörper. Die Arbeiten sollten im Mai 1996 pünktlich zum Veranstaltungs­radio anläßlich des Bundesjugend­treffens der Deutschen Turnerjugend (vom 16. bis zum 19. Mai 1996) beendet sein; eigentlich vorher, denn das Veranstaltungs­radio sollte schon am 14. Mai (bis zum 20. Mai) beginnen.

Das städtische Liegenschafts­amt genehmigte mit Schreiben vom 9. Februar 1996 ganz unbürokratisch die baulichen Veränderungen und bot sogar an, in Absprache Material zur Verfügung zu stellen.

Einen Fritz-Artikel vom Juli 1996 von Thomas Herget ziert ein Bild der Fensterbauar­beiten am damaligen Sendehaus. Von einem Aurel Jahn ist hier nichts zu sehen. Neben Thomas M. (rechts) steht hier Norbert Büchner. Dennoch: daß die Herren M. und Jahn sich fleißig am Aufbau des zweiten Sende­studios beteiligten, soll nicht in Absprache gestellt werden, doch ganz offensicht­lich haben sie in ihrer munteren Plauderei zwei weitere Personen „vergessen“.

Nach einer endlos langen Vorstellungs­runde, wer denn so alles bei diesem Umzug mitwirkt und was er oder (unter lauter Männern) sie (die eine) so gemacht hat, kommt Aurel Jahn im Gespräch mit seinem Vorstandskollegen Markus Lang auf die angeblichen Bausünden der Vergangenheit zu sprechen, die man ja jetzt vermeiden wird.

„Und wir haben auch diesmal dazugelernt, muß man sagen. Einige Baufehler, die ja 2000 noch aufgetaucht sind, die konnten wir diesmal vermeiden. Zum Beispiel, diese großen Fensterscheiben sind jetzt etwas kleiner. Wir haben etwas kleinere Fensterscheiben genommen, weil, sie einfach vom Gewicht her leichter sind. Man kann genausogut durchgucken durch die Fensterscheiben. Und sie sind auch andersrum eingebaut. Man muß dazu wissen, in Radiostudios werden die Fensterscheiben schräg, also etwas gekippt, eingebaut, damit die Schallreflexion, die man hat vom Sprechen, den Klang nicht verändern. In diesem Fall reflektieren wir den Schall an die Decke, früher war es so, daß wir den Schall an den Boden reflektiert haben. Da dann das Mischpult dazwischen stand, war das so, daß der Schall von der Schallquelle, also dem Mundbereich an die Scheibe reflektiert wurde und über das Studiomischpult­möbel dann wieder ins Mikrofon reflektiert wurde, was ja den Klang ganz stark verändert hat. Wir haben uns da einiges beraten lassen. Wie war das eigentlich im Jahr 2000?“

Bevor wir nun zu hören bekommen, was im Jahr 2000 alles anders (und vor allem schlechter) war, hier doch eine kleine Anmerkung. Wir erfahren nun, daß der wahre Grund für die Ablehnung der alten Scheiben ihr Gewicht ist. Und so ist es auch kaum verwunderlich, wenn einer der beiden bezahlten Techniker des Vereins bei anderen Radios nachfragt, wer denn solche Scheiben brauchen könnte, und vor allem, wer dem Verein die Last abnehmen könnte, sie freundlicherweise gleich mit auszubauen. Raffitückisch! Man hätte die vorhandenen Scheiben ja auch mitnehmen und „richtigrum“ einbauen können. Aber das hätte vielleicht der beengte Platz, aber womöglich auch die Ständerkonstruktion statisch nicht hergegeben.

Eine der Scheiben beim Einbau 1999/2000.
Viel gemeinsame Kraft war notwendig beim Einbau der Glasscheibe im Dezember 1999.

Wir ersehen daraus, daß im Grunde die neuen Räume für die vorhandenen Scheiben ungeeignet waren, weshalb sie nun schlecht geredet werden müssen, um vor den Mitgliedern eine kleinere Scheibenkon­struktion zu rechtfertigen. Da ich ja auch in den neuen Studioräumen ein Hausverbot haben werde, werde ich nicht überprüfen können, ob die neue Scheibenkon­figuration wirklich so sinnvoll ist wie behauptet.

Die Story mit der Reflexion des Mischpults ist zudem abenteuerlich. Nehmen wir Studio 1. Die Sprechrichtung geht zur Studiotüre, die Fensterscheiben werden hier allenfalls mittelbar berührt. Daß Schallwellen – teilweise – tatsächlich auf das Mischpultmöbel zurückre­flektieren können, war 2000 nicht vorgesehen. Erst 2003, bei der Installation der designerischen Verbesserung der Studioein­richtung, trat hier allenfalls marginal ein Problem auf. Bei Studio 2 liegt der Fall anders. Hier lag die Sprechrichtung tatsächlich zur Scheibe hin, die Reflexion brach sich jedoch an den Geräten, die zwischen Mischpult und Scheibe angeordnet waren. Der von Aurel Jahn behauptete stark veränderte Klang ist eine Legende. Eine Legende, die er uns zehn Jahre lang verschwiegen hat, obwohl er mit Kritik an der ihm nicht passenden Technik ja nie zimperlich war.

Stark verändert hat sich der Klang des Senders jedoch tatsächlich, nämlich ab 2007, als die technischen Spielkinder anfingen, andere Mikrofone einzukaufen, die Mikrofone anders einzustellen und mittels Kompression erhebliche Verzerrungen über den Sender zu bringen. Natürlich schieben sie diese Verzerrungen auf die Media Broadcast als Betreiber des Senderanlage (zur Zeit auf dem FTZ-Gelände), aber es ist wohl kaum ein Zufall, daß diese Verzerrungen just in dem Moment aufgetaucht sind, als die Klang­experimente begannen. Vielleicht hätte den Spielkindern jemand erklären sollen, daß es ziemlich unsinnig ist, einen vorhandenen Kompressor/Liniter mit einer eigenen vorgeschalteten Kompression so richtig zum permanenten Gegenarbeiten und Nachpumpen zu bringen. Mit den Scheiben hat das nicht das geringste zu tun. Mir ist es beispielsweise unerklärlich, wie diese Spielkinder es fertig gebracht haben, meine sauber auf CD gebrannte Stimme derart zu verzerren, daß sich manche Hörerin gewundert hat, ob ich die Person sei, die gesprochen habe. Und das kann nicht an den Scheiben gelegen haben, weil meine zu Hause gebrannte CD den Schall sicherlich nicht am Mischpultmöbel gebrochen hat. Mit einem Wort: Stuß.

Freundlicherweise dementiert am Tag nach der ausgreifenden technischen Belehrung durch Aurel Jahn frühmorgens im Radiowecker das langjährige Vereinsmit­glied Christian K. die kompetente Abwicklung des Umzugs. Zu seinem großen Bedauern muß er seinen Zuhörerinnen und Zuhörern erklären (anzuhören mit neben­stehendem Player):

„Wenn es jetzt mal nicht die gewohnte Sendequalität ist wie üblich und wir uns mal nicht so richtig gut anhören, mal zu schwach oder zu stark gepegelt sind, dann liegt das an den Widrigkeiten. Wir ziehen um. Und die Umschaltung vom alten Sendehaus ins neue, die haben wir noch nicht fertig, aber es kann dabei immer wieder mal zu Störungen und auch in den nächsten Tagen zu zeitweiligen kompletten Sendeausfällen kommen.“

Direkt im Anschluß versuchte sich sein Co-Moderator Rolf B. als Gesundbeter, indem er uns mit heftig knarzender und hier ebenfalls anzuhörender Stimme erklärt, es werde schon alles gut werden. Ja, die Hoffnung stirbt bei Radio Darmstadt zuletzt, nur auf das Wunder eines – wie von Benjamin Gürkan 2006/07 versprochen – „brilliant“ klingenden Sounds müssen wir wohl noch etwas länger warten.

Wobei allerdings die Formulierung „gewohnte Sendequalität“ ein Euphemismus ist, denn selbige hat ja ihre in dieser Dokumentation ausführlich beschriebenen Tücken. Besonders unhörbar erwies sich die eigentlich angenehm moderierte afghanische Sendung Hamawass am Donnerstag­abend des 15. Juli 2010, in welcher der Verzerrungsgrad in ungeahnte Gefilde abdriftete. So etwas Scheußliches habe ich auf diesem Sender schon lange nicht gehört; und das will etwas heißen. Ich könnt vielleicht meinen Abscheu nachvollziehen, wenn ihr mit neben­stehendem Player eine Minute aus dieser Sendung anhört.

Dabei klang der Sender tatsächlich einmal wirklich gut, aber das war zu Zeiten, bevor die Techniktruppe um Benjamin Gürkan begonnen hatte, den ihrer Meinung nach nicht „fett“ genug klingenden Sound aufzupeppen – und damit zu verzustalten. Das, was die neue Techniktruppe insbesondere gestört hatte, war, daß der analog am Mischpult erzeugte Sound inklusive der – bei richtiger Mischpult­einstellung – unverfälscht wiedergegebenen Stimmen exakt so über den Sendemast ausgetrahlt wurde, wie er im Sendestudio entstanden war. In Anlehnung an das Formatradio mit einem durch Soundpro­zessoren „optimierten“ Klang, in dem die Moderatorinnen und Moderatoren nicht nur alle ziemlich gleich klingen, sondern vor allem auch so, wie sie im wirklichen Leben nicht klingen, wollten die Spielkinder, die das erstens schon mit der Muttermilch aufgesogen und zweitens nie reflektiert hatten, genauso „schön“ anzuhören sein. Das ist der wahre Grund, weshalb die derzeitige Technikphilo­sophie geradezu zwanghaft Baufehler in der Vergangen­heit suchen und finden muß. Am Sound selbst war nämlich damals – im Gegensatz zu heute! – nichts auszusetzen.

Doch wenden wir uns wieder dem Talk der Vorstandsmit­glieder Aurel Jahn und Markus Lang zu. Beide kommen noch einmal auf die (in ihren Augen) immensen Kosten des damaligen Umzugs zu sprechen, Kosten übrigens, die durch die Mitgliederver­sammlung genehmigt worden waren. Das Geld war ja da, im Unterschied zu jetzt, wo das Geld fehlt und deshalb die gewählte Lösung als das Nonplusultra verkauft werden muß.

„Wo kamen die Mehrkosten her?“

Diesen Flachpaß läßt sich das damalige Vorstands­mitglied, jaja!, also Markus Lang, nicht entgehen. Schuld waren die immensen Kosten des Bauleiters, „der hat viel Geld gekostet“ wobei er wieder einmal nicht genannt werden darf, dessen Name aber suggestiv mitschwingt. Mir liegt eine Kopie des Honorar­vertrags mit Norbert Büchner vor. Die von ihm verursachten immensen Mehrkosten betrugen rund 5% des gesamten Volumens. Dies ist aber auch das Stichwort für ein anderes Mantra, nämlich das Mantra der Ehrenamtlich­keit. Diesmal verdient keiner nichts. Naja, fast keiner, irgendwer offenbar schon. Zitat Markus Lang: „Und, wie gesagt, alles zum größten Teil ehrenamtlich.“ Immerhin gab es damals keine bezahlten Techniker, wie das heute der Fall ist. Zudem habe es noch viele bezahlte Kräfte gegeben, so Markus Lang, und das habe sich „summa summarum summiert“. Nun ja, die Personalkosten waren nicht das Entscheidende.

Hier erlaube ich mir eine Abschweifung. Damals war einigen Vereinsmit­gliedern, denn der Neid spielt ja überall mit, die recht moderate Entlohnung der Maloche, welche die Neider auch ehrenamtlich nicht auf sich nehmen wollten, ein Dorn im Auge. Folglich geisterte der nebulöse Schwachsinn im Verein herum, die Malocher „bereicherten“ sich am Verein. Die Ironie der Geschichte will es, daß ausgerechnet derjenige, der damals am lautesten diese „Bereicherung“ angeprangert hat, heute über einen Job im Verein verfügt, ohne daß er sich (sinnloserweise) geißeln würde, er „bereichere“ sich am schwindenden Vereinsvermögen. Der Schluß liegt nahe, daß der Neid von damals und der Job von heute durchaus etwas miteinander zu tun haben. Von den Neidern der Vergangenheit käme ja auch keine und niemand auf die Idee, sie „bereicherten“ sich am Firmenvermögen, wenn sie angemessen üppige Löhne und Gehälter für sich einfordern. Ein solcher Gedanke kann eigentlich nur einem Kapitalisten oder seiner Medienkamarilla kommen.

Der Spendencounter

Angesichts einer eher klammen Vereinskasse ist solch ein Umzug nicht ohne Spenden zu bewältigen. Als Spendenziel wird auf der Webseite von Radio Darmstadt ein Betrag von 3.000 Euro angegeben. Das auf der Startseite im Juli 2010 abgebildete (und später umgezogene) Bautagebuch zeigt uns für den 19. Bautag (6. Juni 2010) eine mit rund 40 Euro gefüllte Spendenbüchse. Ob es sich hierbei um eine reale Füllung oder um ein Fotoshooting handelt, sei einmal dahingestellt. Mitte Juli ist das Spendenziel zu etwa zwei Dritteln erreicht. Wer allerdings denkt, die Mitgliedschaft des Trägervereins würde sich hier ins Zeug legen, hat sich getäuscht. Wir werden gleich erfahren, woher der Großteil der Spenden stammt. Jedenfalls, ein Vorstands­mitglied schreibt enttäuscht, daß die meisten Vereinsmit­glieder dem „Hilfeaufruf“ nicht gefolgt seien. Kurz darauf erfährt der Programmrat, und das ist angesichts der derzeitigen hochsommer­lichen Temperaturen geradezu eine Drohung, man werde aufgrund mangelnder Spendenfreudig­keit die versprochene Klimaanlage nicht einbauen. Na dann frohes Schwitzen unter dem Flachdach in den totalschall­isolierten Studios!

Und wie füllt sich dann der Spendencounter? Nun, Aurel Jahn gibt uns einen Hinweis:

„Wir haben zum Beispiel auch die Unterlage des Korkfußbodens von einem Parketthändler gespendet bekommen, das war eine ganz tolle Sache. Einige andere Sachen haben wir auch gespendet bekommen, wir haben Geldspenden bekommen. Also, wir haben schon durchaus Spenden bekommen, aber, wie so ein Verein ist, man hat immer noch mehr Ideen als man sich leisten kann.“

Wenn ich mir die Spendenfortschritte auf dem Spendencounter so anschaue, dann scheinen mir die Material­lieferungen per Sachspende den Großteil des Spendenvolumens auszumachen. Die Darmstädter Bürgerinnen und Bürger und erst recht die Vereinsmitglieder halten sich hingegen vornehm zurück. Bleibt die Frage offen, worin die Gegenleistung für die Materialspende besteht. Nur in der Spenden­bescheinigung? Nun, Aurel Jahn nutzt auch diese Gelegenheit für einen Seitenhieb auf die ungenannten Verfemten, die ja beim Studioaufbau am Steubenplatz alles falsch gemacht haben. Er fährt, seine Ideen skizzierend, fort.

„Wir haben jetzt hier in dem neuen Studio auch bewegliche Mikrofonarme, die mit Federn hochgehalten werden und nicht mehr, wie in dem alten Studio oder in dem Vorderhausstudio, wo wir dann halt Mikrofonarme hatten, die man halt fixieren mußte. Die Mikrofone sind einfach zu schwer für so einen Mikrofonarm, die wir da drüben hatten. Die sind eigentlich für Gesangsmikros geeignet, die leicht sind. Wir nehmen hier Broadcast-Mikrofone, die doch ein gewisses Gewicht haben.“

Das mag für Uninformierte eine verständliche Aussage sein, vielleicht auch nicht. Das Problem waren jedoch nicht die schweren Mikrofone, die in Studio 1 zum Einsatz kamen. Das Problem bestand darin, daß nicht wenige der bei Radio Darmstadt Sendenden Grobmotoriker sind, denen nicht nahezubringen ist, an der richtigen Stelle mit der richtigen Schraube das Mikrofon passend zur Körpergröße zu justieren. Im anderen Sendestudio kamen sogar ganz leichte Mikrofone zum Einsatz, und zwar keine Musikmikros, sondern hochwertige Sprechmikrofone, für die Aurel Jahns Lamento ohnehin nicht gilt. Um dem abzuhelfen, wurden 2008 bei der Demontage dieses Sendestudios (nichts darf an die Verfemten erinnern!) auch die dort vorhandenen ziemlich guten Mikrofone durch schwere Standardware ersetzt. Nicht auszuschließen ist, daß hiermit dem Näselformanten Vorschub geleistet werden sollte, der von nicht wenigen Sendenden geliebt wird, weil er in Stimme und Affektiertheit die kommerziellen Vorbildern nachäfft. Insofern kritisiert Aurel Zustände, die der jetzige Vorstand mit herbeige­führt hat, nicht jedoch diejenigen, die er in seinem kritischen Überschwang als Urheberin und Urheber auszumachen scheint.

Der Spendencounter.
Der Spendencounter am 9. August 2010 (Bildzitat).

Nachtrag, Ende Juli 2010 : Am 29. Juli schnellt der seit einigen Tagen auf 2.914 € daherdümpelnde Spendencounter auf 3.414 € herauf. Irgendwer scheint mal kurz 500 Euro locker gemacht zu haben, um dem Verein aus seiner selbstver­strickten Not herauszuhelfen. Wie es der Zufall will, werden am selben Tag (auch wenn im Bautagebuch dafür der 73. Bautag herhalten muß, also der 30. Juli) die großen, von Aurel Jahn heftigst kritisierten Studioscheiben, auf einen Anhänger verladen, um nach Bayern abtransportiert zu werden. Am 17. Juni 2010 wurde als „Nennwert“ dieser Scheiben noch ein Betrag von 620 € angegeben. Ich sehe hier einen Zusammen­hang, was mich zu der naheliegenden Frage führt, ob hier der Verkaufspreis als „Spende“ deklariert wird. Ob das nicht nur auf der Webseite so dahingestellt, sondern auch in der Buchhaltung so verrechnet wird?

Weiterer Nachtrag, Mitte August 2010 : Nachdem der Verein durch mannigfaltiges Sachspenden oder andere seltsame Einnahmen (siehe Nachtrag) sein Spendenziel von 3.000 Euro übererfüllt hatte, wurden wohl einige Damen und Herren übermütig und erhöhten den Einsatz auf 5.000 Euro. Ob sie wirklich geglaubt haben, daß durch ihre marktschreierische Normerfüllung die Mitglieder vielleicht doch einmal die Brieftasche zücken? Jedenfalls tat sich am Spendencounter bis zum 15. August 2010 rein gar nichts mehr, was durch vernachlässigte Pflege oder fehlenden Spendeneingang erklärt werden kann. Festzuhalten ist: das Planziel wurde um rund 32 Prozent verfehlt. Das war dann wohl doch etwas peinlich, weshalb das Bautagebuch auf einen neuen Platz auf der Webseite umgezogen ist und der Spendencounter nicht mehr gesehen ward.

Fünfhundert Kabel ergeben nicht unbedingt ein brauchbares Stereosignal

Zum Schluß der Sendung darf einer der beiden bezahlten Techniker zu Wort kommen. Seine Aufgabe bestand darin, rund fünfhundert Kabel auf ihre Funktion zu überprüfen. Um den Vorgang zu beschleunigen und zu vereinfachen, hatte Thomas M. ein spezielles Mikrocontroller-gesteuertes Prüfgerät eigens entwickelt. Worauf die Techniker des Vereins besonders stolz sind, ist, daß sie die vorhandenen Audiokabel (abgeschirmtes Telefonkabel) seit 2007 durch sogenanntes Multicore-Kabel ersetzt haben. Böse Zungen behaupten, daß sie sich in den vorhandenen Signalwegen nicht zurecht gefunden haben und, um ihr Unvermögen nicht eingestehen zu müssen, schlicht die alten Kabel als angeblich unbrauchbar rausgerupft haben, um sich mit ihren neuen Kabeln zurechtzufinden. Wenn die Jungs nun wüßten, womit ihr Sendesignal vom Steubenplatz zum Sendemast geschickt wird, dann würden sie aber ganz große Augen machen. Multicore-Kabel ist es jedenfalls nicht. [4]

Aber es kommt ja noch besser. Während die 2000 eingebauten abgeschirmten Telefonkabel einen einwandfreien Klang nach außen trugen, entwickelten die ihr Multicore-Kabel liebenden Techniker seit November 2006 vollkommen neue Konzepte, wie man ein sauberes Signal möglichst sinnlos destruieren kann. Sie führten beispielsweise eine Brummschleife, ja mitunter sogar mehrere gleichzeitig, ein, behaupteten jedoch fälschlich, selbige schon vorgefunden zu haben. Eine der innovativsten Lösungen wurde von der Rundfunktechnik und der mit ihr verbundenen Industrie zum Leidwesen der Finanzabtei­lung des Senders leider nicht aufgegriffen. Das Problem ist Folgendes: es gibt zu wenige analoge Rundfunk­frequenzen für zu viele (meist kommerzielle) Begehrlich­keiten. Dabei haben die Techniker von Radio Darmstadt die ultimative Lösung gefunden: sie senden ihr Streoesignal nur noch auf einem Kanal, meist dem linken, aus. Manchmal vertauschen sie auch den rechten mit dem linken Kanal, weil sie bei Grobi und Kermit in der Sesamstraße nicht richtig aufgepaßt haben. Die hierdurch gewonnene Frequenzband­breite könnte nutzbringend versteigert werden. Allein, vermutlich wissen sie nicht einmal, wie sie dieses Phänomen konstruiert haben, denn in unregelmäßigen Abständen erfinden sie dieses vollkommen nutzlose Rad immer wieder neu. Ich nenne so etwas Basteltechnik und habe für diese Inkompetenz nur Spott übrig.

Eingeführt wurde dieser Quark beim Basteln an den Studio- und Sendeleitungen im Mai 2008. Vermutlich war es den Herren Bastlern nicht einmal aufgefallen, denn ernsthaft geprüft hatte vermutlich keiner diese Bastelei. Wochenlang murkste das halbierte Sendesignal vor sich herum, bis das maßgeblich, aber nicht nur, von Norbert Büchner und Katharina Mann entworfene und gebaute Studio 2 zerlegt und durch etwas Schlechteres ersetzt wurde. Alsdann ging die Combo daran, Studio 1 technisch zu renovieren. Und schwupps, bauten sie ihre Vorstellung eines Stereosignals gleich in die Signalwege auch dieses Sendestudios ein. Diesmal benötigten sie nur wenige Tage, um diesen Pfusch zu bemerken. So richtig behoben haben sie ihn jedenfalls nicht. Denn er tauchte auch nach dem Sommer 2008 immer wieder auf und erfreute meine Dokumentation über die Brillianz des vom Steubenplatz ausgehenden Sendesignals.

Einkanalton-Stereo.
Einkanalton-Stereo. Das schwache Signal im rechten (unteren) Kanal ensteht vermutlich durch Übersprechen.

Nachdem wir nun am frühen Nachmittag des 12. Juli 2010 von einem dieser Techniker vernommen hatten, die Kabel für die neuen Sendestudios würden besonders gründlich überprüft, wurde diese sorgfältige Vorgehensweise gleich durch das am späteren Nachmittag bis weit nach Mitternacht zu vernehmende ausgestrahlte Sendesignal widerlegt. Vielleicht ist es auch nur so, daß der Auszug mehrerer Geräte und Kabel aus dem Vorderhaus, um sie sorgfältigst geprüft im Hinterhaus wiederzuver­wenden, die Schwachstellen ihrer innovativen Verkabelung zwischen 2007 und 2010 schonungslos offengelegt hat. Und immerhin dauerte es diesmal auch bloß sechseinhalb Stunden, bis (vermutlich) einem dieser Techniker das Malheur aufging. Vielleicht hatten sich die Jungs zwei Stunden nach der von den Hörerinnen und Hörern ohnehin nicht überprüfbaren Behauptung, zukünftig werde alles besser, dazu verleiten lassen, sich zur Vorführung ihrer technischen Spezial­kompetenz ausgerechnet meine Sendung vorzuknöpfen. Etwa nach dem Motto: zu einer linken Sendung gehört kein rechter Stereokanal. Allein, die nachfolgenden Sendungen waren der reinste Mainstream, und hier hätten die Herren Bastler doch bittesehr den rechten Kanal wieder zuschalten können.

Am 12. Juli 2010 wollten die Herren Ingenieure und Techniker von ihrem neuen, dem „Gläsernen Studio“ aus auf Sendung gehen. Am Sonntag darauf senden sie noch immer in den alten Räumlich­keiten mit all den Baufehlern und dem schlechtem Karma. Als hätten sie aus ihrer Montagssession etwas gelernt, gehen sie am Sonntagnach­mittag um ziemlich genau 17.49 Uhr daran, eine Variante ihres Einkanalstereo­tons auszuprobieren. Heute ist es der rechte Kanal, der uns in aller Schönheit entgegentönt, nur der linke, der macht diesmal schlapp. Fünf Stunden lang (bis gegen 22.42 Uhr) empfangen Darmstadts Hörerinnen und Hörer, so sie das Gekrächze der vergangenen Woche überstanden haben, ihre 103,4 nur zur Hälfte. Das muß genügen. Mal Hand aufs Herz – benötigt irgendwer ein linkes Stereosignal, um glücklich wegzudämmern?

Einkanalton-Stereo.
Einkanalton-Stereo, 18. Juli 2010: Zur Abwechslung mal stark rechtslastig – das Signal natürlich, nicht der Sender.

Dennoch erlaube ich mir die Frage, was das für Bastler sind, die wieder und immer wieder denselben Fehler implementieren und dann auch noch von einer besonderen Brillianz des Sendesignals faseln. Also, zu meiner Zeit als Vorstand für Studio und Technik hätte ich diese Jungs aufgrund erwiesener Inkompetenz in die Wüste geschickt. Und vielleicht ist es ja nicht nur so, daß das Multicore-Kabel das fehlende Verständnis vorhandener und deutlich beschrifteter Signalwege verhüllen soll, vielleicht bedarf es auch des Umzugs, um die selbst­fabrizierten Murksinnova­tionen im Vorderhaus durch etwas völlig Neues und hoffentlich auch Fehlerfreies ersetzen zu können. Und so wird das Radio nicht weiterentwickelt, sondern schleifenhaft immer wieder von vorne begonnen – vielleicht aus Sehnsucht nach einem Schnuckelfaktor.

Und in der Woche vom 12. bis zum 16. Juli 2010, also in der heißen Umzugsphase, klingt das gesendete Programm extrem verzerrt. Diesen „Baufehler“ haben die Geigenbau­meisterin, der Sozialpädagoge und der Kraftfahrer sowohl 2000 als auch 2003 sorgfältigst vermieden. Da braucht es schon den Ingenieur, die Bastler und ihre Adepten, um solch einen Murks auf den Sender zu bringen.

By the way: während die Umschaltung, das gesendete Programm, ja sogar die Wiederholung des gesendeten Programms sowohl beim Umzug 1999/2000 als auch beim Umbau 2003 absolut fehlerfrei funktionierten, würde ich ja schon gerne wissen, weshalb die Jungs ihre Computer so sinnvoll abmontieren, neumontieren oder gar nicht montieren, daß die reguläre Wiederholung des gesendeten Programms in der jetzigen heißen Phase des Umzugs nicht funktioniert, wobei nicht einmal die Sendenden so genau zu wissen scheinen, wie sie mit dieser unvorherge­sehenen technischen Innovation klarkommen sollen. Mal wird die eine, mal eine andere Wiederholungs­schiene zugeschaltet. Ganz nach dem Motto: ist doch einerlei. Wer bemerkt denn schon, ob das Programm vom Dienstag dieser oder der vergangenen Woche wiederholt wird oder gar das des Mittwochs oder sonst irgendeins? Es soll ja Hörerinnen und Hörer geben, die auf das im Programmflyer abgedruckte Programm vertrauen, weil sie bestimmte Sendungen nicht abends hören können, sondern auf die Wiederholung dieser Abendsendungen angewiesen sind. Man wollte doch aus den Fehlern der Vergangen­heit lernen. Hier, wo keine Fehler der Vergangenheit auszumachen sind, scheint der Lernerfolg reziprok zu sein. Selbstverständ­lich findet sich hierzu auch keine Lobeshymne im Bautagebuch.

Das Patriarchat

Nach Mitternacht dann die Erfolgsmeldung:

„Damit am Abend [des 18. Juli 2010] die Umschaltung der Sendestudios von unseren alten in die neuen Räumlich­keiten vonstatten gehen kann, muss nochmal überall richtig sauberge­macht werden. Am Sonntag um 23 Uhr erfolgte dann der historische Moment, seitdem wird nur noch aus unserem neuen Domizil aus dem Hinterhaus Steubenplatz 12 gesendet.“

„Der historische Moment“ – geht's vielleicht auch ein wenig realistischer? Obwohl, es ist ein historischer Moment. Denn der Umzug vom Vorderhaus in den Hinterhof ist ein geradezu klassisches Beispiel für eine geschlechts­spezifische Arbeitsteilung. Als wären die vergangenen Jahrzehnte nach dem Aufbruch der 68er spurlos an den Herren der Schöpfung vorbeigegangen, sind bei Radio Darmstadt richtig gestandene Männer für die handwerklichen und technischen Arbeiten zuständig, Frauen werden als Putze [5] geduldet. Man und frau schaue sich nur einmal das Foto zum 58. Bautag an! Das Bautagebuch zeigt uns nun am 61. Bautag unter der Titelzeile „Putzen, putzen, putzen“ eine ihr Schicksal ergeben mit einem Lächeln akzeptierende Frau.

Schon in der Testsendung am 12. Juli 2010 konnte Aurel Jahn seine Überraschung darüber, daß eine junge Frau eine Bohrmaschine nicht nur anlächeln, sondern auch kompetent bedienen kann, nur schwer verhehlen. Ja, Aurel, es soll Frauen geben, die in handwerk­licher Hinsicht den technikver­liebten Männern haushoch überlegen sind. Die vorletzte Frau, die es bei Radio Darmstadt gewagt hatte, mit derlei technischer Kompetenz die Männer zu beschämen, war Katharina Mann gewesen. Die wurde dann ja auch in dem hier schon angesprochenen, mehr als dubiosen Geheimverfahren am 13. September 2006 zielsicher aus dem Verein herausgeworfen, damit die Jungs unbeleckt von fachlicher Kritik mal zeigen konnten, was sie so alles nicht können – zum Beispiel ein sauberes Sendesignal beibehalten. Es gibt Männer, die ertragen die Kompetenz einer Frau nicht, und es gibt Frauen, die aus diversen Gründen bei der Entsorgung derlei gefährlicher Kompetenz mithelfen.

Die letzte Frau mit erwiesener Kompetenz war Sonya R., und auch ihr wurde ihr Platz in der Geschlechter­hierarchie deutlich aufgezeigt. Als sie es wagte, die unter der Ägide des neuen Vorstandes immer weiter zerfallende Studiotechnik zu kritisieren, weil ihre Vorproduktionen hierdurch regelmäß destruiert wurden, wurde sie vom Vorstandsmit­glied Markus Lang für blöd verkauft. Das war 2008; seither gibt es keine tunesische Sendung mehr bei Radio Darmstadt. Markus Lang erklärte ihr von oben herab, daß ihre Minidiscs fehlerhaft seien, nicht die tollen (nicht gewarteten) Geräte im Sendehaus. Ist halt ein Dummchen, die Sonya, die blickt das nicht. Zum Beweis legte er eine eigene frische Minidisc in das Gerät, und – oh Wunder! – auch diese Minidisc wurde vom angeblich tadellos in Schuß seienden Gerät nicht sauber bespielt. Aber versuchen kann mann es ja mal.

Zurück zum Putzen. Auch beim Umzug von der Hindenburg- und Bismarckstraße zum Steubenplatz mußte natürlich immer wieder geputzt werden. Seltsam nur, daß a) Frauen auch bei den handwerk­lichen Tätigkeiten gerne gesehen wurden (gleichbe­rechtigt beim Studioaufbau: zwei Technikerinnen, zwei Techniker! – heute vollkommen undenkbar) und b) es Fotos von damals gibt, die zeigen, daß die Männer überhaupt kein Problem damit hatten, den Schmutz, den sie erzeugt hattem, auch selbst wegzuwischen. Die brauchten dafür keine Putzen, erst recht keine ergebenst lächelnden Frauen. Insofern ist Benjamin Gürkan Recht zu geben. Mit dem Auszug aus dem Vorderhaus endet die Ära, die 2000 begonnen hatte; ab jetzt regieren Männer das Land.

Und eine neue Ära beginnt. Die Aufgabe der wenigen, noch im Sender verbliebenen Frauen besteht darin, freundlichst in die Kamera zu lächeln und damit ihre Rolle festzuschreiben. Das Verbrechen der Katharina Mann hatte letztlich darin bestanden, diese Dienstleistung nicht freudig erbracht zu haben. Insofern: herzlichen Glückwunsch, Hacer! Ein Foto sagt mehr als tausend Worte.

Der Hype und die Wirklichkeit

Seit Sommer 2006 beschäftigtt der Verein für sein Lokalradio Marketing­profis. Genauer: seither ist im Vorstand eine Person für das Marketing zuständig, einer formalen Qualifikation bedarf es nicht. Jede und jeder kann etwas verkaufen. Marketing ist ein Derivat der Werbung. Werbung verkauft etwas, es muß nicht die Wahrheit sein. Die Wahrheit ist beim Verkaufen eher schädlich. Nun war Radio Darmstadt 1996 einmal angetreten, als Medium der Gegenöffent­lichkeit besonderen Ansprüchen an Glaubwürdigkeit in der journalistischen Tätigkeit genügen zu wollen. Vermutlich war auch dies eine Bausünde. Jedenfalls verkündet das Bautagebuch des Senders auf dessen Webseite die frohe Kunde:

„Unsere Sendenden haben die neuen Studios auch gleich in Besitz genommen und freuen sich über die tollen Möglichkeiten.“

Dieser Satz erschien auf der Webseite, bevor mehr als 10% aller Sendenden überhaupt einen Blick ins Studio geworfen haben. Es handelt sich also um eine Marketingbot­schaft, die einen Schein nach außen herstellen soll. Wie es in der Wirklichkeit um die tollen neuen Möglich­keiten bestellt ist, durfte am 64. Bautag ein Redakteur erfahren, der seine Sendung erstmals aus dem Hinterhof­studio fahren wollte. Seine Erfahrung war eine andere. Im Glauben, die Computerfritzen des Vereins hätten inzwischen eine saubere Anbindung des Studiorechners an das Mischpult hergestellt, brachte er seine Sendung auf einem USB-Stick mit. Das ist nichts Ungewöhnliches und hatte in den „alten“ Studios auch funktioniert. Und weil jetzt alles sogar noch besser wird, stellte es sich heraus, daß der USB-Eingang des mit dem Studio verbundenen Rechners gar nicht erst funktionierte. Vielleicht hat der Rechner diese Macke schon länger. Vielleicht hätten die Herren Techniker besser einmal diesen Rechner ausrangiert und für ihre neue „Ära“ ein funktionierendes Gerät angeschlossen. Statt dessen wurde der Redakteur ins „alte“ Sendehaus geschickt, um dort den Inhalt seines Sticks auf den Server zu laden, um im „neuen“Studio den Inhalt seines USB-Sticks wieder vom Server auf den Rechner zu laden. Wenn diese Umständlich­keit das neue Markenzeichen des Hinterhof­studios wird, sollte sich die Marketingabte­lung schon einmal überlegen, wie sie diesen Unfug als Feature umdeutet.

Überhaupt hinterließ das so hochgelobte „Gläserne Studio“ bei diesem Redakteur keinen guten Eindruck. Es ist wesentlich kleiner und enger als das geräumige frühere Studio, und die totalschall­isolierte Enge, bei der die abgehängten Decken zum Charakter eines Kabuffs wesentlich beitragen, befördert bei sommerlichen Temperaturen eine Bullenhitze, die weit über das hinausgeht, was die Sendenden im „alten“ Sendehaus gewohnt waren. Ist ja auch logisch. Im Hinterhof­studio knallt die Sonne voll auf das Flachdach über den Senderäumen, während im alten Sendehaus mehrere Stockwerke dazwischen lagen. Hier rächt sich die Billiglösung, eine unattraktive Fläche zum Sparbrötchen­preis angemietet zu haben.

Also bleibt nichts anderes übrig, als die Fenster aufzureißen, womit die Schallisolierung ihren Sinn weitestgehend verliert. Ohnehin muß sich Aurel Jahn fragen lassen, weshalb er lange und breit über die richtige Ausrichtung geschrägter Fensterscheiben palavert, wenn das „Gläserne Studio“ aus einer großen Fensterfläche ohne jede Schrägung besteht. Das reflektiert den Schall auf jeden Fall auf das Mikrofon zurück. Vom eingefangenen Straßenlärm einmal ganz zu schweigen. Apropos Schallisolierung. Bei geschlossener Studiotüre können die Flurgespräche bestens verfolgt werden. Dies ist insofern bemerkenswert, weil die Marketingabtei­lung auf ihrer Webseite zum 38. Bautag am 25. Juni 2010 nach Einbau der Studioscheiben verkündet hatte:

„Nachdem die Scheiben erst mal eingepasst waren, ging eigentlich alles ganz schnell. Ruckzuck war es ruhig in unseren Studios, Gespräche oder Geräusche aus den anderen Studios waren plötzlich nicht mehr zu hören. Schön, dass alles so glatt lief.“

Das hatte mich schon damals verwundert, denn es waren noch keine Türen eingebaut, so daß selbstverständ­lich ein mit normaler Lautstärke geführtes Gespräch im Nachbarstudio zu hören gewesen sein müßte. Es hätte zum ultimativen Test vollkommen ausgereicht, wenn Benjamin Gürkan „leicht cholerisch“ herumgepoltert hätte, und schon hätten die Jungs bemerkt, daß ein Test auf Schalldicht­heit auch vorhandene, ja sogar geschlossene Studiotüren voraussetzt. Mir scheint, wir werden im Bautagebuch ziemlich verkohlt (also: die Marketingab­teilung bindet uns einen Radar-Bären auf).

Interessant sind auch Effekte wie die Selbstbepiege­lung in den Scheiben zwischen den Studios; ein Durchschauen scheint nur unter wohldefinierten Bedingungen möglich. Der Clou ist es dann, wenn am späten Nachmittag und frühen Abend die Sonne von hinten ins Studio scheint und die Anzeigen der Displays durch ihre Helligkeit unleserlich werden. Vielleicht steht ja im Winter die Sonne nicht so hoch und abends ist es ja dann auch dunkel, aber in der anderen Hälfte des Jahres avanciert diese undurchdachte Anordnung des Mischpultmöbels zum Hit auf der nach oben hin offenen Baufehlerskala.

Daß die Innenarbeiten noch lange nicht abgeschlossen sind, verraten offen Stellen in der Isolierung, herabhängende Kabel und fehlende Verkleidungen. Vielleicht freuen sich, um auf den Marketinggag des Bautagebuchs zurückzukommen, die Sendenden ja auf den Tag, an dem alles fertig ist und funktioniert. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Screenshot (Bildzitat).
55. Bautag: Die Tür steht allen offen. Screenshot des Bautagebuchs (Bildzitat).

Die Tür steht allen offen …

Zur Vereinsphilosophie gehört es, mantraartig darauf hinzuweisen, man sei ein Bürgerradio und alle, die ein Interesse daran hätten, sich ans Mikrofon zu setzen, um ihr Anliegen vorzutragen, seien herzlich willkommen. Selbstredend gilt dies nicht für diejenigen, den im September 2006 bzw. Oktober 2007 ein Hausverbot ausgesprochen wurde. Um diese drei Personen aus dem Sender herauszudrängen, hatte der Programmrat im Januar 2007 mit abenteuerlicher Begründung sogar ein vollumfäng­liches Sendeverbot ausgesprochen. Der damalige Programmrats­sprecher Christian K. attestierte zweien der Drei sogar ausdrücklich, ihre Sendungen seien absolut einwandfrei gewesen. Das Sendeverbot ging sogar so weit, daß frühere Sendungen von Katharina Mann, Norbert Büchner und mir nicht noch einmal eingelegt werden durften. Unsere Stimmen waren ein absolutes no go auf dem Sender.

Dem damaligen Vorstandsmit­glied Niko Martin, der politische Sendungen in der Redaktion Alltag und Geschichte zusammenstellt und moderiert, wurde ein sofortiger Eingriff von anwesenden Vereinsmit­gliedern androht, sollte er es wagen, auch nur ein falsches Wort zu diesen Sendeverboten zu äußern. Am 12. Februar 2007 wurde er folglich vom Programmrat abgemahnt, da er diese Bedrohung öffentlich über den Sender kommunizierte. Am 22. Januar 2007 hatte Niko Martin in einer Sendung die Situation geschildert, von vier Vorstandsmit­gliedern unter Beobachtung zu stehen, nämlich Benjamin Gürkan, Stefan Egerlandt, Markus Lang und Susanne Schuckmann. Diese Vier hatten sich im Sendehaus versammelt, um notfalls durch ihre Anwesenheit das vom Programmrat verordnete Sendeverbot durchzu­setzen. Der Programmrat bestritt den Wahrheits­gehalt dieser über den Sender verbreiteten Äußerungen nicht, er hielt sie jedoch für imageschädigend. Was sie ja auch waren, denn:

Eine Zensur ist eben nur dann wirkungsvoll, wenn keine Person mehr da ist, diese Zensur auch so zu benennen. Erst ein harsches Vorsprechen der zuständigen Landesmedien­anstalt mit der Androhung, die Sendelizenz nicht zu verlängern, führte nach neun Monaten zum Einlenken. Ab Oktober 2007 durfte dann gnädigerweise eine vorproduzierte Sendung auf CD eingereicht werden.

Derlei kommunizieren der Verein und sein Lokalradio natürlich nicht öffentlich. Im Bautagebuch, das im Juni und Juli 2010 auf der Startseite des Internetauftritts von Radio Darmstadt geführt wurde (und später umgezogen ist), wird ein gänzlich anderer Eindruck vermittelt. Zum 55. Bautag, das ist ausgerechnet der Tag, an dem Aurel Jahn sein Sommermärchen moderiert, können wir lesen: „Die Tür steht allen offen“. Damit das keine und niemand mißversteht und tatsächlich hineinspaziert, wird nur drei Tage später diese allgemeine Offenheit dementiert. So lesen wir am 58. Bautag, daß diese Offenheit den freien Zutritt nur für Mitglieder bedeutet, „für alle anderen ist dieser Zugang während der Bürozeiten oder über die Betreuung durch ihre Redaktionen möglich.“ Möglich vielleicht, aber auch meine Redaktion kann mir keinen Zugang gewähren.

… aber böse Kinder bekommen ein Hausverbot

Zum Schluß noch die ultimative Begründung des gegen mich verhängten Hausverbots, ausgesprochen von Aurel Jahn am 14. Juli 2010, also zwei Tage nach seiner Testsendung, gegenüber einem ehemaligen Vorstandsmit­glied im Sendehaus (dem vorderen). Grund für das Hausverbot sei „mein Benehmen“. Nachdem ganz offensichtlich die Wahrnehmung von Artikel 5 des Grundgesetzes mittels dieser Dokumentation eine ziemlich peinliche Begründung darstellt und das Amtsgericht Darmstadt in seinem erstinstanzlichen Urteil ein leichtes Stirnrunzeln über die angeblich von mir ausgehenden Bedrohungen nicht vermeiden konnte, bleibt „faktenorientiert“ nur noch übrig, daß ich … mich schlecht benehme. Nun rülpse ich nicht in Programmrats­sitzungen. Ich schreie auch nicht Vereinsmit­glieder zusammen, die nicht nach dem Taktstock des großen Vorsitzenden (der er nicht ist, den aber auch Markus Lang so oder ähnlich nennt) tanzen mögen. Und ich gröle auch nicht im Sendehaus herum, daß ich jetzt mal ficken wolle und die jungen, zufällig im Nachbarraum redaktionell tätigen Frauen mich jetzt verdient hätten. Mein Verbrechen ist, daß ich mich dem Mainstream im Sendehaus verweigere, nicht mitheule im Konzert der technischen „Innovationen“, und vor allem, daß ich Kritik übe, die  – was in dieser Dokumentation ja einer öffentlichen Nachprüfung zugänglich ist – wohl doch ihre Berechtigung hat. Im Grunde genommen ist diese Formulierung das Eingeständnis, daß Radio Darmstadt ein Kindergarten ist.

Es mag Zeiten gegeben haben (und vielleicht kommen sie auch wieder), in denen unartige Kinder im Kindergarten oder auch in der Grundschule aufgrund ihres schlechten Benehmens in die Ecke gestellt, ins Bett geschickt, nachsitzen mußten oder zu Stubenarrest verurteilt wurden. Vielleicht meint Aurel Jahn, der ja kein Sozialpädagoge, sondern Ingenieur und DJ ist, aber mit einer Lehrerin liiert war, er habe die Kompetenz, schlechtes Benehmen mit einem Hausverbot zu ahnden. Das wäre dann die Erziehungs­diktatur eines Vereinsfunks. Wie erbärmlich.

Diese Vorstellung einer Erziehungsdiktatur fand ihren Höhepunkt in einem Schreiben des schon häufiger genannten Benjamin Gürkan im Namen und Auftrag des Vorstandes an die Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt, den er Monate später im Mai 2008 einer Mitgliederver­sammlung zum Besten gab. Sogar die voll auf Kurs liegenden Mitglieder des Vereins waren mehrheitlich empört. In diesem unverschämten Schreiben forderte er die absolute Unterwerfung der drei Verfemten (mehr noch als katholische Priester bei ihrer Weihe) und eine Entschuldigung für alle Verbrechen dieser Welt, die sie den armen Seelchen im Sendehaus angetan haben (oder die selbige sich auch nur eingebildet haben). Dieser Brief sagt alles darüber aus, was Radio Darmstadt ist – und was nicht. Und es wird Zeit, daß ich ihn öffentlich mache.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

Alle Auszüge aus der Testsendung am 12. Juli 2010 wurden nach dem Höreindruck transkribiert und Verschleifungen ganz leicht sprachlich angepaßt.

»» [1]   Die Sendezulassung von 1996 wurde 2007 und 2008 mit ergänzenden Maßgaben verlängert, ist faktisch jedoch in vollem Umfang in seiner ursprünglichen Fassung weiterhin gültig. Der derzeitige Vorstand behauptet, die Zulassungs­behörde habe einen neuen Lizenzantrag (2007 oder 2008?) „genehmigt“. Interessant ist, daß außer dem Vorstand keine und niemand davon etwas weiß, schon gar nicht die LPR Hessen.

»» [2]   Auch dreieinhalb Jahre nach einem der beiden Vergleiche ist der Verein seiner hierbei eingegangenen Verpflichtung nicht nachgekommen. So etwas könnte ich „Nachkarten“ nennen.

»» [3]   Daß die Vereinsmit­glieder reihenweise begonnen hätten, ihre Zahlungen einzustellen, ohne daß das vereinsinterne Mahnwesen eingegriffen hätte, kann wohl ausgeschlossen werden. Zumindest 2006, bevor ich gefeuert wurde, funktionierte es noch ausgezeichnet. Dennoch: was ergibt 14.000 Euro dividiert durch 550 angebliche Mitglieder? 25 Euro Jahresbeitrag pro Mitglied. Oder, noch anders betrachtet: wieviele Mitglieder, die den vollen Beitrag zahlen, und wieviele Mitglieder, die den Kinderbeitrag zahlen, benötigen wir, um 14.000 Euro zu erhalten? Ein einfacher Zweisatz hilft uns da weiter: a) 36x + 12y = 14.000 und b) x + y = 550. Demnach würden 242 Mitglieder, also 44%, vom Rest des Vereins subventioniert. Ist das realistisch? Da könnten sich die Mitglieder, die dies hier lesen und die selbstverständ­lich ihren vollen Beitrag gezahlt haben, einmal fragen, wer sich hier auf Kosten des Vereins durchmogelt. Ich denke jedoch, daß hier einfach rund achtzig „Karteileichen“ mitgeschleppt werden.

»» [4]   Ursprünglich handelt es sich um Kabel aus der professionellen Bühnentechnik. Aus Rationalisierungs­gründen freundeten sich auch öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten mit diesen Kabeln an und erfanden hierzu eine an die Bedürfnisse selbiger Anstalten angepaßte DIN-Norm. Die im Sendehaus verbreitete Behauptung, die bisherigen Kabel seien ungeeignet, ist demnach falsch. Sie ist allenfalls in der Hinsicht zutreffend, daß die vorgefundenen bestens funktionalen Kabel den Spielkindern wie höhere Magie erschienen sind. Symmetrische Verkabelung ist jedoch keine Glückssache, sondern setzt ein gewisses Verständnis der Materie voraus. Dieses Verständnis läßt sich mit vorkonfek­tionierten Kabeln, bei denen man nichts mehr denken muß, natürlich umgehen.

»» [5]   Daß Reiningungskräfte in der Regel Frauen sind, liegt daran, daß Frauenarbeit billiger entlohnt werden kann. Das ist eine gesellschaftliche Konvention, die im Kapitalismus profitabel ausgebeutet wird. Daß Putzen durchaus auf die Knochen geht, wird leicht übersehen.

 


 

Sinn und Zweck dieser Dokumentation

Radio Darmstadt ist ein nichtkommerzielles Lokalradio. Sein Trägerverein wurde 1994 gegründet, um eine Alternative und Ergänzung zu den bestehenden öffentlich-rechtlichen und privaten kommerziellen Hörfunksendern aufzubauen. Menschen und Nachrichten, die im ansonsten durchformatierten Sendebetrieb keine Chance auf Öffentlichkeit besaßen, sollten hier ihren Platz finden. Dies galt für politische Fragen, lokale Themen und musikalische Nischen. Ende 1996 erhielt der Verein für ein derartiges Programm die Sendelizenz. Zehn Jahre später läßt sich die Tendenz beschreiben, daß (lokal)politische Themen immer weniger Platz im Darmstädter Lokalradio finden, während die Musikberieselung zunimmt. Zu diesem Wandel gehört, daß Fragen der Außendarstellung („das Image“) ein wesentlich größeres Gewicht erhalten als das Verbreiten journalistisch abgesicherter Tatsachen. Wer diese neue journalistische Ethik nicht mitträgt, wird aus dem Verein und dem Radio hinausgedrängt. [mehr]

Diese Dokumentation geht auf die Vorgänge seit April 2006 ein. Hierbei werden nicht nur die Qualität des Programms thematisiert, sondern auch die Hintergründe und Abläufe des Wandels vom alternativen Massenmedium zum imageorientierten Berieselungsprogramm dargestellt. Der Autor dieser Dokumentation hat von Juni 1997 bis Januar 2007 bei Radio Darmstadt gesendet, bis ihn ein aus dieser Umbruchssituation zu verstehendes binnenpolitisch motiviertes Sendeverbot ereilte. Als Schatzmeister [1999 bis 2001], Vorstand für Studio und Technik [2002 bis 2004] und Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit [2004 bis 2006] kennt er die Interna wie kaum ein anderer. [mehr]

In der Dokumentation werden die Namen handelnder Personen aufgeführt. Damit werden Argumentationsstränge leichter nachvollziehbarer gemacht und Verantwortliche benannt. Zur Klarstellung: Eine Schmähung einzelner Personen oder gar des gesamten Radiosenders ist hiermit nicht beabsichtigt. [mehr]

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Diese Seite wurde zuletzt am 5. November 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010.

Für die Bilder des Radar-Studios im Werkhof und der Studioscheibe beim Umzug 2000 liegt das Urheberrecht bei Norbert Büchner. Der Bildrechte­inhaber zum Fritz-Artikel ist mir nicht bekannt. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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