RadaR Stand
Radio Darmstadt beim „Tag der Vereine“ 2011

Radio Darmstadt

Von Schulldörfern (sic!) und Aussetzern

Dokumentation

Radio Darmstadt ist ein nichtkommerzielles Lokalradio. Sein Trägerverein wurde 1994 gegründet, um eine Alternative und Ergänzung zu den bestehenden öffentlich-rechtlichen und privaten kommerziellen Hörfunksendern aufzubauen. Menschen und Nachrichten, die im ansonsten durchformatierten Sendebetrieb keine Chance auf Öffentlichkeit besaßen, sollten hier ihren Platz finden. Dies galt für politische Fragen, lokale Themen und musikalische Nischen. Ende 1996 erhielt der Verein für ein derartiges Programm die Sendelizenz. Zehn Jahre später läßt sich die Tendenz beschreiben, daß (lokal)politische Themen immer weniger Platz im Darmstädter Lokalradio finden, während die Musikberieselung zunimmt. Zu diesem Wandel gehört, daß Fragen der Außendarstellung ein wesentlich größeres Gewicht erhalten als das Verbreiten journalistisch abgesicherter Tatsachen. Wer diese neue journalistische Ethik nicht mitträgt, wird aus dem Verein und dem Radio hinausgedrängt. [mehr]

Diese Dokumentation geht auf die Vorgänge seit April 2006 ein. Hierbei werden nicht nur die Qualität des Programms thematisiert, sondern auch die Hintergründe und Abläufe des Wandels vom alternativen Massenmedium zum imageorientierten Berieselungsprogramm dargestellt.

Der Autor dieser Dokumentation ist seit Juni 1997 Redakteur bei Radio Darmstadt und erfreute sich von Januar bis Oktober 2007 eines nur aus dieser Umbruchssituation zu verstehenden, binnenpolitisch motivierten Sendeverbots. Nachdem das Sendeverbot nicht länger aufrecht erhalten werden konnte, wurde es flugs in ein Hausverbot umgewandelt. Als Schatzmeister [1999 bis 2001], Vorstand für Studio und Technik [2002 bis 2004] und Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit [2004 bis 2006] kennt der Verfasser die Interna wie kaum ein anderer. [mehr]

Zwangsläufig erscheinen in dieser Dokumentation auch einzelne handelnde Personen mit Klarnamen. Damit sollen einzelne Argumentationsstränge leichter nachvollziehbarer gemacht und Verantwortliche benannt werden. Zur Klarstellung: Eine Diffamierung einzelner Personen oder gar des gesamten Radioprojekts ist hiermit nicht beabsichtigt [mehr]. Das Wesen einer Dokumentation besteht darin, daß sie etwas dokumentiert, nämlich das, was tatsächlich vorgefallen ist.


Zusammenfassung

Bei zwei Außenübertragungen am 30. September und am 2. Oktober 2011 bewies Darmstadts Vereinsfunk sein besonderes Talent. Man oder frau mag geneigt sein, derartige Patzer für normal für ein nicht­kommerzielles und ehrenamtlich geführtes Lokalradio zu halten. Dem widerspreche ich entschieden. Es geht anders. Dies belegt die Erfahrung aus der ersten Hälfte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends. Doch seit Herbst 2006 ist das alles ganz anders, weil eine junge, neue Combo zu beweisen versucht, daß sie alles besser kann. Und wer denkt, dies seien vernach­lässigbare Kleinigkeiten, der oder dem sei gesagt, daß sich in solchen Kleinigkeiten die Größe dieses Vereinsfunks zeigt. Nur wer hinschauen will, kann entdecken, mit welch heißer Nadel hier so manches (überflüssige) Feature gestrickt wird.


Die AÜ aus dem Schuldorf Bergstraße

Für den 30. September 2011 war eine Außenüber­tragung aus dem Schuldorf Bergstraße geplant. Anlaß war der Jahrestag des 15-jährigen Bestehens des dortigen Schulradios. Hierzu, so stand es im Programmflyer für September 2011 zu lesen, stellte „Radio Darmstadt seine Frequenz für eine interessante ‚Radio-Show‘ aus dem Schuldorf zur Verfügung“. Der HR-Moderator und Entertainer Rob Green sollte hierbei eine eigene Sendestunde gestalten. Doch was machen die medien­kompetenten Schlauberger aus Darmstadts Vereinsfunk daraus?

Ausschnitt Programmflyer
Ausschnitt aus dem gedruckten Programmflyer von „Radio Darmstadt“ für den September 2011.

Nun, sie beweisen, daß dieser Programmflyer hastig zusammen­geschustert und nicht korrektur­gelesen wurde, so daß wir mit der Frage allein gelassen werden, was denn am Montag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag zwischen 19.00 und 21.00 Uhr zu hören sein wird. Auch der „Hörtipp“ enthält ein leeres Feld, was vielleicht angemessen sein mag. Denn wenn nichts gesendet werden soll, kann auch nichts heraus­gestellt werden. Den Vogel haben unsere genialen Flyer­produzentinnen und -gestalter aber hinsichtlich der Außenüber­tragung aus Seeheim abgeschossen. Nicht nur, daß sie ein „Schulldorf“ erfinden, was vermutlich nicht einmal Erst­klässlerinnen auf die Reihe bekommen, sondern sie drücken ihr Unbehagen mit dieser Veranstaltung in der Folgezeile dadurch aus, daß selbiges Schulldorf an der „Begrgstraße“ liegt. So viel Schlamperei in nur einem Textfeld ist nicht einfach nur haar­sträubend, sie ist bezeichnend.

Immerhin haben es diese Analphabeten (und -innen?) geschafft, die leeren Felder für die nachgeschobene Internetfassung dieses Programmflyers auszufüllen. Es handelte sich nämlich um Sendungen, sie bei Erstellung des Flyers allesamt bekannt waren und hätten eingetragen werden können. Weshalb dann nicht auch das rot prangende und besonders auffällige Feld für die Schuldorf-Veranstaltung nachgebessert wurde, ist nicht zu verstehen. Oder vielleicht doch. Aber dann müßten wir Psycho­dynamiken annehmen, die am besten mit Sigmund Freud zu erklären sind. Erstaunlicher­weise enthält der Programmflyer für Oktober 2011 noch den 30. September, diesmal richtig mit der Liveüber­tragung aus einem „Schuldorf“ an der „Bergstraße“. Aber bis dahin dürfte sich die Lachnummer schon verbreitet haben.

Die Außenübertragung selbst enthielt ein veritables 13-minütiges Sendeloch, das durch die zum Überdruß bekannte Sendeloch-Überbrückungs­musik aus dem Vereinsfunk­computer am Steubenplatz übertüncht wurde. Die Moderatorin aus dem Schuldorf, die ihre Sache im übrigen recht gut gemacht hat, erklärte uns ein Mantra selbigen Vereinsfunks: „Wir hatten leider ein paar technische Schwierigkeiten.“ Hat irgendwer am falschen Kabel gezupft oder brach die Leitung von Seeheim nach Darmstadt zusammen? Oder wie habt ihr das diesmal wieder hinbekommen?

Die wirklich wichtigen Dinge wurden alsbald offen kommuniziert: Man und frau könne einen „coolen Schlüsselbund“ oder ein „cooles Radio“ gewinnen. Während die Hörerinnen und Hörer an ihren Radiogeräten rätseln durften, weshalb eine geschlossene Veranstaltung mit Giveaways für Kids über den Sender von Darmstadts Vereinsfunk angepriesen wurde, haben selbige Kids im „Schulldorf“ sehen können, daß es sich nicht um die wie sauer Bier angepriesenen Werbe­geschenke von „Radio Darmstadt“ gehandelt hat, sondern um die von You FM. Und natürlich ging es dann „weiter mit Musik“. Wow! Das mußte einmal gesagt werden. Aber schon interessant – Darmstadts Vereinsfunk überträgt eine Werbe­maßnahme der wesentlich größeren Frankfurter Konkurrenz. Ohnehin war der Vereinsfunk für die feiernden Kids nicht sichtbar; er stellte nur das Equipment dafür zu Verfügung, damit sich Rob Green selbst promoten konnte. Genial, dieses Marketing. Vermutlich besitzt der Trägerverein dieses Vereinsfunks aus diesem Grund auch zwei Marketingvorstände.

Die AÜ vom „Tag der Vereine“

Tag der Vereine
Stand der Dissent – Medienwerk­statt Darmstadt beim „Tag der Vereine“ 2011, im Hintergrund der Vereinsfunk.

Zwei Tage später präsentierte sich Darmstadts Vereinsfunk in den weiten Hallen des Darmstadtiums. Sieben Stunden lang wurden Vertreterinnen und Vertreter diverser Darmstädter Vereine vors Mikrofon gelockt, um sie nacheinander durchhecheln zu können. Nettes Geplauder, unterstützt durch viel seichte Musik und – natürlich – durch vermeidbare Pannen. Zu Beginn der Liveüber­tragung hörten wir die Eröffnungs­ansprache von Darmstadts neuem Ober­bürgermeister Jochen Partsch in einem derart leisen Ton, daß unbeteiligte Zuhörerinnen und Zuhörer den Eindruck gewinnen mußten, sie lauschtem einem Sendeloch. Erst nach 18 Minuten scheint dies den technsch versierten Spielkindern aufgefallen zu sein. Weshalb wir dann im Verlauf dieser Übertragung zweimal ein Musikstück präsentiert bekommen haben, dessen linker Stereokanal nicht vorhanden war, verstehen wohl nur diejenigen, die wissen, zu welchen technischen Kunststücken Darmstadts bastelnde Techniksfreaks in der Lage sind.

Ein kleiner Nachschlag: Auch der Vereinsfunkflyer für das Oktoberprogramm leidet unter Ausfällen. So findet offensichtlich am Montag, 10. Oktober, und am Donnerstag, 13. Oktober, zwischen 18.00 und 19.00 Uhr keine Sendung statt. Vermutlich handelt es sich hierbei um Sendeplätze, die der Vereinsfunk wieder einmal notdürftig durch Wiederholungen oder beliebige Fremdkonserven (also unkommentierte Einspielungen von Beiträgen aus freien Radios) zu füllen gedenkt. Denn seit längerem ist der Sender nicht mehr in der Lage, seine Kernzeit zwischen 17.00 und 23.00 Uhr vollständig mit Frischware zu beliefern. Dafür sind ihm nämlich zu viele Sendende in den vergangenen Jahren davongelaufen (rund 25%). Jedenfalls – zur Montagsendung um 18.00 Uhr erschien dann auch keine und niemand, weshalb die beiden Unterhaltungs­redakteure, die um 16.00 Uhr eine Stunde und um 19.00 Uhr nochmals zwei Stunden bestreiten wollten, auf die Idee kamen, einfach einmal in den Eingeweiden des Sende­computers nachzuschauen. Dabei fanden sie die Kopie einer dort abgespeicherten zweistündigen Sendung aus dem Vorjahr, die ich aufgrund des gegen mich verhängten Hausverbots nur auf CD einreichen konnte, und spielten sie ohne meine Genehmigung ein. Natürlich unterbrachen sie den Redefluß mittendrin nach einer Stunde. Auf den Inhalt kommt es bei Darmstadts Vereinsfunk ja auch nicht an. Hauptsache, wir spielen anschließend das, was wir am besten können: beliebige, langweilige Mainstream­musik. In diesem Fall wurden die Hitparaden rauf und runter gelobt.


Diese Seite wurde zuletzt am 11. Oktober 2011 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/radiodar/radar109.htm

 
 
 
Valid HTML 4.01 Transitional  Valid CSS!