Pappschild
Halima aus Kenia.

Radio Darmstadt

Mark Twain und Frau Franke

Dokumentation

Radio Darmstadt ist ein nichtkommerzielles Lokalradio. Sein Trägerverein wurde 1994 gegründet, um eine Alternative und Ergänzung zu den bestehenden öffentlich-rechtlichen und privaten kommerziellen Hörfunksendern aufzubauen. Menschen und Nachrichten, die im ansonsten durchformatierten Sendebetrieb keine Chance auf Öffentlichkeit besaßen, sollten hier ihren Platz finden. Dies galt für politische Fragen, lokale Themen und musikalische Nischen. Ende 1996 erhielt der Verein für ein derartiges Programm die Sendelizenz. Zehn Jahre später läßt sich die Tendenz beschreiben, daß (lokal)politische Themen immer weniger Platz im Darmstädter Lokalradio finden, während die Musikberieselung zunimmt. Zu diesem Wandel gehört, daß Fragen der Außendarstellung (das „Image“) ein wesentlich größeres Gewicht erhalten als das Verbreiten journalistisch abgesicherter Tatsachen. Wer diese neue journalistische Ethik nicht mitträgt, wird aus dem Verein und dem Radio hinausgedrängt. [mehr]

Diese Dokumentation geht auf die Vorgänge seit April 2006 ein. Hierbei werden nicht nur die Qualität des Programms thematisiert, sondern auch die Hintergründe und Abläufe des Wandels vom alternativen Massenmedium zum imageorientierten Berieselungs­programm dargestellt.

Der Autor dieser Dokumentation war von Juni 1997 bis Dezember 2012 Redakteur bei Radio Darmstadt. Er erhielt von Januar bis Oktober 2007 ein Sendeverbot, das nur aus dieser Umbruchssituation zu verstehen ist und binnenpolitisch motiviert war. Nachdem das Sendeverbot nicht länger aufrecht erhalten werden konnte, wurde es flugs in ein Hausverbot umgewandelt. Sowohl das Sendeverbot wie das Hausverbot wurden erst auf massiven Druck der zuständigen Landes­medienanstalt zurückgenommen.

Als ehemaliger Schatzmeister [1999 bis 2001], Vorstand für Studio und Technik [2002 bis 2004] und Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit [2004 bis 2006] kennt der Verfasser die Interna wie kaum ein anderer. [mehr]

Zwangsläufig erscheinen in dieser Dokumentation auch einzelne handelnde Personen mit Klarnamen. Damit sollen einzelne Argumentationsstränge leichter nachvollziehbarer gemacht und Verantwortliche benannt werden. Zur Klarstellung: Eine Schmähung einzelner Personen oder gar des gesamten Radioprojekts ist hiermit nicht beabsichtigt [mehr]. Das Wesen einer Dokumentation besteht darin, daß sie etwas dokumentiert, nämlich das, was tatsächlich vorgefallen ist.

Diese Seite ist Auftakt einer neuen zwanglosen Folge von Neuigkeiten aus der heilen Welt des Darmstädter Lokalradios.


Inhaltsangabe dieser Seite

Nach erfolgreicher Neulizenzierung beharrt Darmstadts Lokalradio auf seinem Trott. Mitunter grassiert die blanke Ahnungslosigkeit on air, mitunter auch einfach nur die belanglose Beliebigkeit.

Daß Ahnungslosigkeit durchaus das Salz in der Suppe des hier ausgestrahlten Programms bildet, hat unlängst Musik- und Unterhaltungs­redakteur Björn Böhmelmann treffend dadurch zum Ausdruck gebracht, daß er Busse mit Straßenbahnen verwechselte und die Schalterhallen einer ehemaligen Bank zum Bahnhofs­gebäude umwidmete [nachzulesen hier]. An derlei Blödsinn stört sich in Darmstadt keine und niemand, weil von diesem Lokalradio ohnehin keine ernsthafte und wahrheitsgemäße Auseinander­setzung mit der Realität erwartet, schon gar nicht eingefordert wird. Statt dessen finden wir Imageproduktion und das Bauchpinseln lokaler Künstlerinnen und Politiker handlungsleitend vor.


Onkel Toms Hütte

Am 15. Januar 2013 hat Redakteur Aurel Jahn Mitglieder der Evangelischen Allianz Darmstadt zu Gast im Studio. Die Deutsche Evangelische Allianz vereint eher konservativ eingestellte evangelische Christinnen und Christen. In der Sendung nun werben Vertreter der Darmstädter Allianz für ihre vier Tage später stattfindende Aktion gegen Sklaverei und Menschenhandel auf dem Luisenplatz. Was als ernstzunehmendes Anliegen daherkommt, dient natürlich den politischen Zielen dieser Gruppierung; ausgesucht angeprangertes Unrecht ist das Vehikel zur Verbreitung und zur Vertiefung der eigenen Glaubenswelt.

Radar e.V. hat seine erneute Sendezulassung unter anderem dem Umstand zu verdanken, dass die lizenzierende Behörde, die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien, der Meinung war, daß die Sendungen bei Radio Darmstadt „einen hohen Anteil an Informationen beinhalten, eine bildende Funktion implizieren und eine lokale Ausrichtung haben.“

Während die „lokale Ausrichtung“ bei einer Mahnwache mit nachfolgender Erweckungs­predigt auf dem Luisenplatz gewiß gegeben ist, fällt es schwer, einen bildenden Aspekt zu erhaschen, wenn in der Sendung behauptet wird, Afrika und Asien seien „Länder“ oder der bekannte Roman „Onkel Toms Hütte“ stamme von Mark Twain – und nicht etwa, korrekt, von Harriet Beecher Stowe. Problematischer ist jedoch die politische Ausrichtung der Veranstaltung. Zwar sieht die Meinungs­freiheit hierzulande auch das Recht vor, Dinge zu äußern, die schwerlich zutreffen, und derlei darf auch nach Maßgabe des Presserechts bei Radio Darmstadt geschehen. Doch würde es dem informierenden und bildenden Charakter der Sendungen gewiß gut tun, wenn die Fakten auch zutreffend wären. Daß es Sklaverei und Menschenhandel auf dieser Welt gibt, ist unbestritten. Allerdings hindert man und frau die Halunken des kapitalistischen Patriarchats nicht durch Gebete an ihrem Tun.

Von Afrika und Asien als „Ländern“ zu reden ist mehr als ein sprachlicher Lapsus. Gerade in nicht zu kontrollierenden Situationen schafft sich das Unbewußte ein Ventil. Ein Studiogespräch, das seitens der Studiogäste womöglich von Lampenfieber und Aufgeregthaut gekennzeichnet ist, schafft den Raum für ungewollte Einblicke. Emily Ngubia Kuria benennt den eurozentristischen Blick auf solch ein „Afrika“, verstanden als ein monolithisches Gebilde, zurecht als rassistisch:

Die Vorstellung von ‚Afrika‘ wird im deutschen Kontext als ein Kontinent und eine Person konstruiert. Im europäischen Kontext rekonstruiert die Vorstellung ‚Afrika‘ nicht nur physische, geografische Entferntheit, sondern auch Nicht­zugehörigkeit, vollständige Entfremdung – unterschieden von, anders als, weit weg und nicht zugehörig zu Europa. ‚Afrika‘ ist in der Vorstellung der weißen deutschen Mehrheit eine PERSON. Dieser dunkelhäutige Mensch wird (fast immer) automatisch als Muster für einen ganzen Kontinent gesehen: Er ist der beispielhafte Repräsentant von zwei Milliarden Einwohner_innen, 53 Nationalitäten und mehr als 2.000 Sprachen und Völkern / Gesellschaften / Nationen. […] Die Schwarze Hautfarbe wird zur physischen Grenze der hegemonialen weißen Gesellschaft, der Ort, an dem diese rassistischen Fantasien physisch verkörpert / verortet werden. [1]

Eine unterstrichene Intervention

Uli Franke, Mitbetreiber des Darmstädter Politnetzes, leitete am Tag vor der für den 19. Januar 2013 geplanten Kundgebung auf dem Luisenplatz eine eMail weiter, die kritisch auf die Veranstaltung und vor allem ihre Veranstalter Bezug nahm. Diese eMail erreichte die Redaktion „Alltag und Geschichte“ und vermutlich auch andere Redaktionen von Radio Darmstadt:

Guten Tag,

morgen findet eine Demonstration gegen Menschenhandel von der ‚Evangelischen Allianz Darmstadt‘ statt. Vermutlich sind die Medien zur Berichterstattung eingeladen.

Im politischen Veranstaltungs­kalender Politnetz Darmstadt wurde diese Veranstaltung vorübergehend beworben, bis uns eine Leserzuschrift erreichte, die wir Ihnen zur Kenntnis und ggf. als Material zur Bericht­erstattung zukommen lassen. Kontakt zur Autorin des Hinweises können wir herstellen.

„Die Evangelische Allianz Darmstadt gehört zur Evangelischen Allianz Deutschland. Das ist ein Netzwerk aus dem evangelikalen Spektrum, d. h. eine christlich-konservative Strömung, die durchaus offen ins rechtskonservative Spektrum ist. Der Evangelischen Allianz stehen diverse Missionswerke (Indianer-Mission, Zeltmission) und konservative Jugend­organisationen (‚Wahre Liebe wartet‘) nahe, die missionieren bewusst bei Migrant_innen und Muslim_innen, mit Kreationismus haben sie auch kein Problem, halten Homosexualität für abnormal usw.

Natürlich möchte ich auch keine Kindersoldaten im Kongo. Aber auch dann stellt sich sofort die Frage, mit welchen politischen Mitteln man arbeitet, wie wichtig man z. B. die Frage der Selbstermächtigung, des Für-sich-selbst-sprechen nimmt, ob man soziale Bewegungen unterstützt und ihnen Artikulationsmög­lichkeiten gibt. An dieser Stelle ist der Demoaufruf sehr fragwürdig: Der Sklaverei-Begriff ist sicherlich plakativ und mag Öffent­lichkeit garantieren, gleichzeitig ist er aber irreführend, sowohl was die beschriebenen Situationen angeht, als auch was die Frage der politischen Widerstands­möglichkeiten anbetrifft. Sich mittels Kabelbinder, Klebeband usw. in die Position hineinzu­versetzen, bedeutet, erneut die Opferrolle einzunehmen, so zu tun, als könne die Person sich nicht wehren, wäre eine Nicht-Person und bereit tot (Grablicht?)

Deutlich wird das insbesondere, wenn wie im Demoaufruf zu lesen eine Prostituierte zur Sklavin erklärt wird. Das ist mit feministischen Grundsätzen nicht vereinbar. Prostitution ist Sexarbeit, Prostituierte sind keine Opfer, die es ‚zu retten‘ gilt, sie verdienen Respekt und solidarische Unterstützung, um selbst für ihre Sache einzutreten und um selbst zu entscheiden, ob und wie sie Sexarbeit betreiben. So wie das z. B. die Frauen von Hydra tun.

Das sind Aktionsformen, gegen die sich gerade postkoloniale und feministische Aktivist_innen zu Recht und seit langem wehren. Wenn z. B. Gayatri Spivak, indische Feministin und postkoloniale Theoretikerin sagt ‚The subaltern cannot speak‘, dann meint sie damit auch, dass durch derlei gutgemeinte Fürsprecher-Politik die Betroffenen erneut entmündigt werden. Von denen, die ansonsten oft genug – Stichwort Erntearbeiter, Minenarbeiter, Näherin – von ihren Leistungen profitieren, von denen, die ihre ganz eigenen ideologischen Ziele verfolgen, und die im Falle der Evangelischen Allianz nichts mit Emanzipation zu tun haben.“

Mit freundlichen Grüßen
Uli Franke
Politnetz Darmstadt

Uli Franke kandidierte 2008 für ein Abgeordneten­mandat im Hessischen Landtag. Aurel Jahn, der nach dem Tod von Christian Knölker bei Radio Darmstadt das kümmerliche Pflänzchen Lokalpolitik beackert, sollte also wissen, was das Politnetz und wer dieser Uli Franke ist. Doch wo die Ahnungs­losigkeit endemisch ist, dürfen wir uns dann auch nicht wundern, wenn Aurel Jahn den Vornamen Uli treffsicher einer Frau zuweist. Vielleicht hat den Redakteur auch nur der in postkolonialer Transgendersprache verfaßte Text verwirrt.

Ich frage mich, was sich Uli Franke dabei gedacht hat, einen Text weiterzuleiten, der eine Szenesprache mit entsprechender Interpunktion benutzt, die nur wenigen Eingeweihten zugänglich ist. Ich bin mir sicher, daß außer einigen Aktivisten oder Studentinnen der Gender Studies in diesem Land kaum eine oder jemand von dieser sprachlichen Innovation Kenntnis genommen hat. Das spricht nicht gegen die Intention, die mit dieser Innovation verbunden ist, aber gegen die Beliebigkeit, mit der sie hemmungslos unters Volk gebracht wird.

Daniela P., die am Freitag­nachmittag des 18. Januar diesen Text in der lokal­politischen Sendung von Aurel Jahn vortragen durfte, mag vielleicht Ahnung von den hier beschriebenen Inhalten, weniger vom verwendeten Jargon, und erst recht nicht von der merkwürdigen Interpunktion mit dem unterstrichenen Leerzeichen vor den weiblichen Endungen gehabt zu haben; und so hörte sich ihr Vortrag dann auch an. Das ist jedoch nicht ihr vorzuwerfen. Wenn schon Uli Franke keinen Text weiterleiten konnte, der es auch den Normalos von Radio Darmstadt ermöglicht, diesen Text zu verstehen, dann wäre es auf jeden Fall vom Redakteur der Sendung zu verlangen gewesen, den Text so aufzudröseln, daß er nicht nur lesbar, sondern auch hörbar ist.

Worin könnte beispielsweise die radiophone Umsetzung eines unterstrichenen Leerzeichens bestehen, um den Transgender­aspekt zum Vorschein kommen zu lassen? Eine der wichtigsten Regeln für einen Redakteur im Hörfunk besagt nämlich, daß – insbesondere fremde – Texte so zu bearbeiten sind, daß sie hörbar werden. Im Gegensatz zum gelesenen Text nämlich erfordert ein gesprochener Text ein besonderes Augenmerk auf Verständlichkeit. Ich fürchte jedoch, daß Aurel Jahn mit derlei basics überfordert ist (beispielsweise hier). Weshalb Daniela P. dann auch noch den einleitenden Text, inklusive der Bemerkung, Uli Franke könne den Kontakt zur Autorin vermitteln, vorträgt, obwohl er für die Zuhörerinnen und Zuhörer keine Relevanz besitzt, wohl jedoch – und ausschließlich ! – für den Redakteur, erschließt sich nur denjenigen, ohnehin wenigen, Stammhörerinnen und Stammhörern, die wissen, daß es Redakteure und Moderatorinnen in Darmstadts einfältigstem Ablesesender gibt, die alles vorlesen, inklusive dreimal wiederholter Überschriften und orthografischer Fehler.

Deshalb darf sich Uli Franke nicht wundern, wenn ein transgender geschriebener Text dazu führt, daß auch bei ihm das Geschlecht in Frage gestellt wird. Was ja nicht notwendig ein Schaden wäre. Aber so Gender dekonstruierend hatte Aurel Jahn das nun auch wieder nicht gemeint.

Das „Darmstädter Echo“ machte es da durchaus besser. Für mich eher überraschend nahm es die kritische Zuschrift auf und nannte sogar die Autorin. Zugegeben, es hatte etwas mehr Zeit als Aurel Jahn, sowohl Frau Franke als auch die Autorin der Kritik ausfindig zu machen. Und die Redakteurinnen und Redakteure der lokalen Zeitung werden im Gegensatz zu Aurel Jahn und Daniela P. für ihre Arbeit bezahlt, auch wenn ver.di die Bezahlung gerade jüngerer Redakteure und Redakteurinnen zurecht als unangemessen geißelt. Das ändert nichts daran, daß es keinen Grund für eine fehlende redaktionelle Bearbeitung gegeben hat.

Erweckung auf dem Luisenplatz

Am Samstagnachmittag nun trafen sich die Mitglieder der Evangelischen Allianz Darmstadt mitsamt ihrer Sympathisantinnen, um mit handgeschriebenen Plakaten und Gebetsformeln gegen Menschenhandel und Sklaverei aufzutreten. Widersprüche im Denken und Glauben werden hier bewußt ignoriert; gesellschaftliche Zusammenhänge bleiben ausgeklammert. Wenn ein Redner mehrmals lautstark verkündet, Gott hasse Sklaverei, so stellt sich mir sofort die Frage, weshalb dieser Gott dann so zynisch ist, seit Jahrtausenden Millionen Männer und Frauen das Martyrium der Sklaverei erdulden und erleiden zu lassen.

Andacht mit Pappschildern
Andacht mit Pappschildern, Mundpflastern und Kabelbindern auf dem Darmstädter Luisenplatz am 19. Januar 2013.

Andere Religionen bemühen sich wenigstens um ein bißchen Kongruenz, indem sie das Martyrium des jetzigen Lebens mit den schlechten Taten im vorherigen Leben begründen. Das ist zwar auch zynisch, besitzt aber immerhin noch eine gewisse innere Logik. Nun ist das Rätsel einfach zu lösen. Da Götter eine Erfindung des menschlichen Geistes sind, sind sie genau so menschlich wie die Sklaverei.

Ausgeblendet bleiben das Interesse von Konzernen an billigst möglicher Arbeitskraft, die patriarchalen Interessen an der ganz speziellen Verfügbarkeit von Frauen; und schon gar nicht wird die glorreiche Rolle der Bundeswehr bei der Etablierung und Aufrecht­erhaltung des Frauenhandels insbesondere im Kosovo und in Mazedonien (Der Bundespuff) erwähnt. Dann wären nicht anonyme Zuhälter, sondern konkret faßbare Organisationen und Strukturen benannt; und nicht Gebete, sondern politisches Handeln erforderlich.

Derlei Zusammenhänge wurden im Studiogespräch von Radio Darmstadt folgerichtig ausgeklammert.

Auch in dieser Hinsicht hat demnach Radio Darmstadt mit seiner unreflektierten Beliebigkeit für ein Bildungserlebnis gesorgt, das gewiß den Beifall der hessischen Landes­medienanstalt finden wird. Selbige lizenziert ja nicht nur nicht­kommerzielle Lokalradios, sondern auch kommerzielle Rundfunk­anbieter, deren Kommerzangebot von der gezielten, medienwissen­schaftlich fundierten Verarsche von Millionen Menschen bestimmt ist. Die besten Hits der blabla Jahre dröhnen nicht nur das Gehirn mit systemkonformer Musikbespaßung zu, sondern behindern eigenständiges und konsumkritisches Denken und Handeln. Und darauf, auf diese Blockade, kommt es schließlich an.

Eine Antwort an Uli Franke

Die oben wiedergegebene eMail landete auch im virtuellen Briefkasten der Redaktion „Alltag und Geschichte“. Ihm wurde zur Antwort mitgeteilt, daß die Redakteurin und die Redakteure dieser Redaktion, die bei Radio Darmstadt die wenigen gesellschafts­kritischen Sendungen untergebracht haben, ihre Sendetätigkeit eingestellt haben. Ohnehin habe Uli Frankes Partei ja eher Radar e.V. unterstützt.

Vermutlich wird Uli Franke jetzt herumrätseln, wie denn Die Linke Darmstadts neoliberalsten Sender unterstützt hat. Ich weiß nicht, ob seine Organisation zu den angeblich einhundert Unterstützenden des Lizenzantrages von Radar e.V. gehört hat, als dieser im Herbst 2012 seinen Antrag bei der LPR Hessen eingereicht hat. Doch zuvor, genau genommen am 25. Juni 2011, weihte Radio Darmstadt sein drittes Sendestudio mit dem eigens herbeigereisten Direktor der hessischen Landes­medienanstalt, Professor Wolfgang Thaenert, und handverlesen eingeladenen Vertreterinnen und Vertretern lokaler Medien und lokaler Politik ein. Der sogenannte „Tag der offenen Tür“ bei Radio Darmstadt war aufgrund mangelnden Interesses der Darmstädter Bürgerinnen und Bürger zwar vom Zuspruch her personell ein Flop, aber das macht ja nichts, wenn es eigentlich ohnehin nur um Imageproduktion geht.

Winfried Wolf mit Uli Franke
Von mir aufgezeichnete und zur Sendung gebrachte Veranstaltung gegen die Börsenbahn am 10. Januar 2008 mit Winfried Wolf und – als Hinweis für Aurel Jahn – Uli Franke (rechts).

So wurde das schon genannte dritte Sendestudio offiziell an diesem Tag eingeweiht, obwohl es auch ein Jahr später immer noch nicht sendefähig war. Doch wenn Honoratiorinnen und Honoratioren gebauchpinselt werden, kommen sie gerne aus Kassel und Darmstadt; und sie erzählen dann am Mikrofon, wie unendlich toll Radio Darmstadt ist, weil sie gar nicht so genau wissen wollen, was hinter den Kulissen geschieht. Daß sie dabei für eine Inszenierung verarscht werden, kümmert sie folglich nicht. Und das gilt auch für die Stadt­verordnete der Fraktion Die Linke, Martina Hübscher-Paul, die die Enge der neuen Studioräume ausdrücklich lobte. Selbiger Stadt­verordneten war bekannt, daß die wenigen noch politisch linken Männer und Frauen bei Radio Darmstadt einem Wechselbad von Sende- und Hausverboten, also Zensur und Exklusion, ausgesetzt waren. Auch dies störte die vom heimeligen Studiogedöns benebelte Stadt­verordnete nicht die Bohne. Wie unpolitisch darf eigentlich frau sein?

Nebenbei: die platte Ignoranz, auf die ich im Laufe der Jahre immer wieder stieß, wenn ich Veranstaltungen der Linken aufzeichnete, weil man und frau partout nicht wahrnehmen wollte, daß ich nicht für Radar, sondern, wenn überhaupt, für Dissent unterwegs war, ist bezeichnend. Es muß schwer sein zu begreifen, daß es Menschen in Darmstadt gibt, die mit einem Mikrofon herumlaufen und die nicht zum Klüngel des Trägervereins von Radio Darmstadt gehören.

Und dann kommt Uli Franke allen Ernstes auf diejenigen zu, denen eine Vertreterin seiner Partei unsolidarisch in den Rücken gefallen war, und erwartet die Verbreitung einer Erklärung zu evangelikalem Unfug?

Bleibt aber auch dies anzumerken: die Darmstädter Linke zeichnet sich seit anderthalb Jahrzehnten durch die bemerkenswerte Fähigkeit aus, ein lokales Medium, das im Prinzip auch für die Verbreitung linker, emanzipatorischer Inhalte offen steht, fast vollständig zu ignorieren. Anstatt sich selbst vor das Mikrofon zu stellen und die lokale wie die Weltpolitik zu analysieren und zu kommentieren, gar dazu aufzurufen, gemeinsam eine andere, bessere Welt zu schaffen, besinnt sie sich darauf, die althergebrachten Flugblätter zu texten und die neumodischen Internetseiten zu füllen. Dort jedoch, wo der direkte Kontakt noch einmal ganz eigen hergestellt werden könnte, glänzt sie durch Abwesenheit. Man oder frau stelle sich einmal vor, die rebellischen Jugendlichen der 60er und die sozialen Bewegungen der 70er Jahre hätten ein derartiges Medium der Gegen­öffentlichkeit vorgefunden und für die eigenen Ziele nutzen können! Außer einigen Piratensendern und natürlich Radio Dreyeckland gab es da nämlich nichts; und nun, wo solche Lokalradios vorhanden sind, werden sie ignoriert. Kein Wunder, daß im hiesigen Radio der 1996 vorgebrachte Anspruch alternativer Öffent­lichkeit längst der banalen Wiedergabe mainstreamiger Musik und selbiger Inhalte gewichen ist. (Greenpeace ist nicht links.)

Dazu paßt, daß es in diesen anderthalb Jahrzehnten vorwiegend Norbert Büchner, Katharina Mann, Niko Martin oder ich gewesen sind, die interessante Veranstaltungen aus dem linken Spektrum aufgezeichnet und gesendet haben. Die Lorbeeren dafür durfte Radar einheimsen. Wer sich natürlich nicht die Mühe macht, diese Lokalradio einmal medien- und ideologiekritisch zu betrachten, hängt auch weiterhin der Illusion nach, es sei ein alternatives Medium. Wollen wir mal sehen, wie viel Interesse eure Veranstaltungen in Darmstadts Lokalradio in Zukunft finden werden. Falls keines, und das ist zu erwarten, dann habt ihr euch das selbst zuzuschreiben; und ich gönne euch derlei Ignoranz.

Nachschlag mit Schlagsahne

Am 29. Januar 2013 strahlte Aurel Jahn ein in der Woche zuvor aufgezeichnetes Studiogespräch mit Uli Franke und Franziska Müller aus. Halten wir ihm sein ehrliches Interesse an kritischen Positionen zur Evangelischen Allianz zugute. Seine Studiogästin benannte explizit feministische Positionen, ohne zu ahnen, daß Aurel Jahn nicht gerade als Vorkämpfer für Frauen­emanzipation bekannt ist. Doch dies mag hier unerheblich sein, weil eingefahrene Weltbilder ohnehin nicht (oder nur in ganz seltenen Ausnahmefällen) im Gespräch zu verändern sind. Erheiternd waren die fehlerhaften Datumsangaben, die aus dem vor einer Woche aufgezeichneten Gespräch herrührten. Was damals richtig war, ist eine Woche später unzutreffend. In der Sache mag auch dies unerheblich sein, belegt jedoch die Ungenauigkeit, die bei Radio Darmstadt ein- und ausgeht. So sprach Aurel Jahn „letzte Woche Dienstag“ mit den Evangelikalen vor Ort und ließ die evangelikale Show auf dem Luisenplatz „letzten Samstag“ stattfinden. Ein cleverer Redakteur weiß, wie er solch gefährliche, weil zum Zeitpunkt der Ausstrahlung vollkommen sinnfreie Termin­einblendungen verhindern kann, aber – geschenkt. Manche lernen es eben auch nach sechzehn Jahren Dauersende­betrieb nicht. Durcheinander geriet dieser Terminunfug dann endgültig bei der Abmoderation, bei der als Thema die Demonstration „am letzten Dienstag“ benannt wurde. Bleibt die Hoffnung, daß ein wenig von den Inhalten, die Uli Franke und Franziska Müller ausgebreitet haben, bei den Hörerinnen und Hörern des Senders, die sich an unpräzise Auskünfte in Darmstadts Lokalradio gewöhnt haben, hängen geblieben ist. Nicht, daß es jetzt übermäßig spannend gewesen wäre. Aber als Einstieg in eine Diskussion über Menschenhandel, Seelenfischen und Emanzipation vielleicht anregend.

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Emily Ngubia Kuria : »AFRIKA!« – seine Verkörperung in einem deutschen Kontext, in: Adibeli Nduka-Agwu / Antje Lann Hornscheidt (Hg.) : Rassismus auf gut Deutsch. Ein kritisches Nachschlage­werk zu rassistischen Sprachhandlungen [2010], Seite 223–237, Zitat auf Seite 232–233. Von mir besprochen in meinem Podcast Die Architektur der Utopie im Wahnsinn jetzt, gesendet am 13. Dezember 2010 bei Radio Darmstadt.


Diese Seite wurde zuletzt am 29. Januar 2013 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2013. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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