Blick durch die Studioscheiben
Studioscheiben

Radio Darmstadt

Air Check, Juni 2007

Dokumentation

 

Radio Darmstadt ist ein nichtkommerzielles Lokalradio. Sein Trägerverein wurde 1994 gegründet, um eine Alternative und Ergänzung zu den bestehenden öffentlich-rechtlichen und privaten kommerziellen Hörfunksendern aufzubauen. Menschen und Nachrichten, die im ansonsten durchformatierten Sendebetrieb keine Chance auf Öffentlichkeit besaßen, sollten hier ihren Platz finden. Dies galt für politische Fragen, lokale Themen und musikalische Nischen. Ende 1996 erhielt der Verein für ein derartiges Programm die Sendelizenz. Zehn Jahre später läßt sich die Tendenz beschreiben, daß (lokal)politische Themen immer weniger Platz im Darmstädter Lokalradio finden, während die Musikberieselung zunimmt. Zu diesem Wandel gehört, daß Fragen der Außendarstellung ein wesentlich größeres Gewicht erhalten als das Verbreiten journalistisch abgesicherter Tatsachen. Wer diese neue journalistische Ethik nicht mitträgt, wird aus dem Verein und dem Radio hinausgedrängt. [mehr]

Diese Dokumentation geht auf die Vorgänge seit April 2006 ein. Hierbei werden nicht nur die Qualität des Programms thematisiert, sondern auch die Hintergründe und Abläufe des Wandels vom alternativen Massenmedium zum imageorientierten Berieselungsprogramm dargestellt. Der Autor dieser Dokumentation hat von Juni 1997 bis Januar 2007 bei Radio Darmstadt gesendet, bis ihn ein aus dieser Umbruchssituation zu verstehendes binnenpolitisch motiviertes Sendeverbot ereilte. Als Schatzmeister [1999 bis 2001], Vorstand für Studio und Technik [2002 bis 2004] und Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit [2004 bis 2006] kennt er die Interna wie kaum ein anderer. [mehr]

In der Dokumentation werden die Namen handelnder Personen aufgeführt. Damit werden Argumentationsstränge leichter nachvollziehbarer gemacht und Verantwortliche benannt. Zur Klarstellung: Eine Diffamierung einzelner Personen ist hiermit nicht beabsichtigt. [mehr]

 


 

Zusammenfassung

Auf dieser Seite wird eine Livesendung analysiert, die als Abschluß eines Basic-Seminars am Sonntagnachmittag des 17. Juni 2007 ausgestrahlt wurde. Anhand dieser Sendung lassen sich Kriterien für eine angemessene Ausbildung in einem nichtkommerziellen Lokalradio gewinnen. Die Sendung selbst läßt die Vermutung zu, daß das Ausbildungsteam noch eine Menge über das eigene Medium lernen muß, bevor es anderen neu zum Radio Hinzugekommenen die basics lehren kann

 


 

Air Check

Aus– und Weiterbildungs-Sendung am 17. Juni 2007

 

Voraussetzungen

Von Freitag, den 15. Juni 2007, bis Sonntag, den 17. Juni 2007, fand bei Radio Darmstadt ein sogenanntes "Basic-Seminar" statt. Dieses dreitägige Grundlagenseminar wurde geteamt von den Vorstandsmitgliedern Susanne Schuckmann und Peter Fritscher. Beide waren zuvor zur Multiplikatorin und zum Multiplikator durch ihren Vorstandskollegen Benjamin Gürkan ausgebildet worden. Es war ihr erstes eigenständig geteamtes Seminar; zumindest am Freitagnachmittag war Benjamin Gürkan auch selbst anwesend.

Seminaraushang in Redaktionsraum 2
Seminaraushang im Sender

Dieses Ausbildungsseminar ist Voraussetzung zum Erwerb der radiointernen "Sendelizenz". Es umfaßt inhaltlich laut Ausbildungsplan die Module Rechtliche Grundlagen, Grundlagen zu Radio Darmstadt, Journalistische Arbeit / Richtlinien etc., sowie Sende– und Studiotechnik. Zur Qualitätskontrolle werden eine Trockensendung am Samstag und eine Livesendung am Sonntag durchgeführt. Die Livesendung fand am Sonntagnachmittag von 15.00 bis 16.00 Uhr statt. [pdf]

Zu den Zeiten, als Walter Kuhl unbestritten Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit war, wurden die geplanten Ausbildungsseminare nicht nur mit fliegenden Zetteln im Sendehaus angepinnt, wo es Sendende, die vielleicht nur einmal im Monat zu ihrer Sendung kommen, nicht wahrnehmen können, sondern zusätzlich auf der sendereigenen Webseite angekündigt. Die Zahl von nur fünf Teilnehmenden ist deshalb nicht erstaunlich. Erstaunlich hingegen ist, daß der Große Kommunikator des Vorstandes, nämlich Benjamin Gürkan, so wenig Wert auf das ihm eigentlich liegende Medium Internet legt.

 

Fahrplan der Sendung

Die Auswertung der aufgezeichneten Sendung ergab folgenden Sendefahrplan:

UhrzeitDauer (Minuten:Sekunden)Inhalt
15.000:08Jingle "Tokyo FM"
15.000:31Anmoderation, Themenübersicht
15.003:54Musiktitel
15.042:11Moderation: Stadtlauf am 20. Juni
15.063:07Musiktitel
15.090:04Jingle "Radadadadar"
15.093:43Musiktitel
15.131:43Moderation: Stadtlauf am 20. Juni
15.150:13Trailer zum Stadtlauf
15.154:02Musiktitel
15.190:06kleines Sendeloch
15.191:46Trailer "Das ist die Vielfalt von Radio Darmstadt"
15.213:55Musiktitel
15.250:19Zwischenmoderation
15.254:29Musiktitel
15.303:36Musiktitel
15.332:10Moderation: Bauarbeiten auf der A5
15.351:52Musiktitel
15.370:26Zwischenmoderation
15.383:29Musiktitel
15.412:10Moderation – Lilien in der Oberliga
15.433:18Musiktitel
15.471:38Gespräch über die Lilien
15.483:20Musiktitel
15.522:14Moderation: Hochschulwahlen TU Darmstadt
15.542:09Musiktitel
15.560:17Abmoderation
15.560:08Jingle "Tokyo FM"
15.564:08Musiktitel
Stundenuhr an der Tafel
Stundenuhr zur Sendungsplanung

Die Gesamtlänge der Sendung bis zum Beginn der nachfolgenden Sendung beträgt 61:06 Minuten. Der Musikanteil beträgt 45:12 Minuten, das entspricht etwa 74% des Sendevolumens. Der Moderationsanteil beträgt 13:39 Minuten, das sind etwa 22% des Sendevolumens. Die restlichen vier Prozent, also 2:15 Minuten, verteilen sich auf Jingles, Trailer und ein hörbares kleines Sendeloch, das vermutlich einem nicht ausreichend gewarteten Abspielgerät geschuldet war. Die Moderationsanteile verteilen sich ungleichmäßig auf die vier Viertelstunden: 4:25 Minuten, 19 Sekunden, 4:46 Minuten, sowie 4:09 Minuten.

Diese Livesendung steht am Ende des dreitägigen Ausbildungsseminars und reflektiert möglicherweise gewisse Ermüdungserscheinungen. Die ungleiche Verteilung der Moderationszeit auf die einzelnen Sendeviertel läßt die Vermutung zu, daß die einzelnen Beiträge am Ende des Seminars noch schnell zusammengestellt wurden. Dies würde einer realen Sendesituation entsprechen, bei der die Moderatorin oder der Moderator recht kurz vor Beginn der Sendung noch einzelne Beiträge vorbereitet haben. Offensichtlich war zu Beginn der Sendung nur ein Beitrag fertig, der durch ein kurzes nachfolgendes Gespräch gestreckt wurde. Im zweiten Sendeviertel dominierte die Musik eindeutig, wohingegen die zwischengeschalteten 19 Sekunden Moderation inhaltlich vollkommen belanglos und daher überflüssig waren. Dramaturgisch waren sie jedoch notwendig, um die entstandene Leere zu überbrücken, bis die noch nicht fertig gestellten Beiträge sendefähig waren. Folgerichtig wurde die zweite Sendehälfte inhaltlich durch drei Beiträge (vergleichsweise) vollgepackt, was sich auch daran bemerkbar machte, daß einzelne eingespielte Musiktitel nicht vollständig ausgespielt wurden. Daß die Musik heruntergefahren wurde, ist nicht zu beanstanden, weil Musik in Magazin– und Themensendungen (fast) immer nur Beiwerk ist. Zu beanstanden ist die Dramaturgie, die den Eindruck hinterlassen hat, daß die Sendenden zunächst (fast) gar nichts auf der Pfanne und daher die Hörerinnen und Hörer bis zum Schluß auf den Rest der Beiträge zu warten hatten. Anzumerken ist, daß keiner der fünf Beiträge länger als 2 Minuten und 15 Sekunden war und damit das dem kommerziell-professionellen Radio entlehnte Format "1:30" nur knapp überschritten wurde. Dabei besitzt gerade das nichtkommerzielle Loaklradio die Chance, längere inhaltliche Beiträge zu plazieren – sofern man und frau etwas zu sagen hat!

Die abfotografierte Stundenuhr im Seminarraum belegt, wie sehr die Livesendung von den noch nicht einmal fertig gestellten Minibeiträgen abhängig war. Vielleicht kann mir das Ausbildungsteam erklären, welch tieferen Sinn diese Ausbildungseinheit hat, wenn drei Viertel der damit verbrachten Zeit mit überflüssigem Beiwerk vertändelt werden. Mag ja sein, daß auch diese Lerneinheit eine reale Sendesituation wiedergibt, nämlich mangelnden Inhalt durch beliebige Füllsel zu ergänzen. Doch welches Ausbildungskonzept steckt dahinter? Denn Tatsache ist, daß Sinn und Zweck dieser Stundenuhr vollkommen verfehlt wurde. Diese Uhr soll eine Sendestunde so einteilen, daß hieraus eine im voraus geplante Dramaturgie erscheint. Eine Sendeuhr hingegen, die das Elend nicht vorhandener Beiträge reproduziert, ohne diesem Unfug Struktur zu geben, ist bloß eine Form ohne Inhalt. Was soll das? Ob hierüber in einer Feedbackrunde im Anschluß an die Sendung gesprochen wurde?

 

Dramatis Personae

Für die inhaltliche Analyse ist zu berücksichtigen, daß hier die abschließende Livesendung eines Basisseminars vorliegt. Zwei der Moderatorinnen und Moderatoren sind (fast) ohne jede Radioerfahrung ins Seminar gekommen, nämlich C. und K. *. Die Moderatorin S. * hat zumindest eine kurze Zeit bei einem Berliner Kommerzsender hineingeschnuppert. Zwei Moderatorinnen, die Studentinnen J. und N. *, sind seit einiger Zeit in der Studierendenredaktion Audiomax tätig. Es ist daher unrealistisch, nach einer dreitägigen Ausbildungseinheit eine "runde", geschweige perfekte Sendung erwarten zu wollen. Kleinere Fehler sind unvermeidlich und für diesen air check auch irrelevant.

Die Teamerin Susanne Schuckmann ist seit den Anfängen der Darmstädter Radioinitiative 1994 dabei und hat zumindest in den Anfangszeiten die radiointerne Ausbildung mitgestaltet. Der Teamer Peter Fritscher hingegen betritt hier Neuland; seine Ausbildung zum Multiplikator erfährt hier ihren ersten Belastungstest. Dennoch vermittelt die Sendung ein Bild davon, wie sich das durch Benjamin Gürkan erarbeitete Ausbildungskonzept inhaltlich positioniert und was infolge dessen an die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren und vermittelt über diese an die neuen Sendenden herangetragen wird. Inhaltliche Unstimmigkeiten sind daher eher Anlaß, das Ausbildungskonzept und die Kompetenz der Teamer und Teamerinnen kritisch zu hinterfragen, und weniger Grund, die fünf Sendenden zu kritisieren.

 

Mehrwert aufplustern

Zwei Funkuhren in Studio 1
Funkuhren helfen

Der Einstieg in die Sendung erfolgte mit 16–sekündiger Verspätung. Schon hier zeigt sich ein Charakteristikum des Senders, nämlich die Beliebigkeit. Nun ist Pünktlichkeit für einen Sendungsbeginn nicht zwingend erforderlich. Doch wenn man und frau eine Funkuhr vor der Nase haben, wäre es angebracht, auch darauf zu achten, zumal es keine äußerern Gründe gegeben hat, weshalb die Ausbildungssendung nicht pünktlich zur Sekunde Null hätte starten können. So beginnt die Sendung mit einem Jingle, soweit ok. Dann folgt eine kurze Anmoderation, bei der von fünf Moderatoren die Rede ist (von denen drei Moderatorinnen sind), ohne daß der Moderator sich wenigstens einmal selbst kurz namentlich vorstellt. Es werden vier inhaltliche Themen versprochen – "das und viel mehr gibt's in dieser Stunde hier bei uns auf Radio Darmstadt" –, wobei bis zum Schluß der Sendung offen bleibt, worin dieses "Mehr" besteht. Offensichtlich handelt es sich um eine sinnlose, aus dem kommerziellen Radioformat abgehörte Floskel. Nicht gesagt wird, aus welcher Motivation heraus diese Sendung gestaltet wurde, auch fehlt ein Sendungstitel oder ein Hinweis auf die verantwortliche Redaktion.

Es läßt sich trefflich darüber streiten, ob die neuen Moderatorinnen und Moderatoren nach drei Tagen Ausbildung den Unterschied zwischen Formatradio und nichtkommerzieller Freiheit verstanden haben können. Das Bewußtsein darüber, sich eben nicht in einem kommerziell orientierten Format zu befinden, verlangt wohl nicht nur einen Bewußtseinswandel, sondern auch eine Veränderung in den eigenen Hörgewohnheiten. Ob Benjamin Gürkan, Susanne Schuckmann und Peter Fritscher ein Gefühl für dieses Problem haben, muß offen bleiben. Aber diese hype-mäßige Aufplustern von Sendeinhalten gehört von Anfang an nicht zur Anmutung eines nichtkommerziellen Lokalradios – und das kann sehr wohl schon am ersten Ausbildungstag vermittelt werden.

Dieses "viel mehr" spiegelt im kommerziellen Formatradio eine Orientierung auf Musiktitel wider, welche die Hörenden dazu verleiten sollen, bis zur nächsten Werbung nicht wegzuschalten, also auf gut Deutsch: "dranzubleiben". Da ein nichtkommerzielles Lokalradio definitionsgemäß keine Werbung sendet, ist nicht nachzuvollziehen, warum ein solches Format zumindest in Ansätzen kopiert wird, welches zudem im realen Sendeablauf vollkommen sinnlos ist. Wenn jedoch der Schein das nicht vorhandene Sein verdecken soll, dann ist es folgerichtig, aufgeplusterten Mehrwert zu versprechen, der dann nicht kommt. Die Hörerinnen und Hörer müssen dann eben selbst entscheiden, ob dieses "viel mehr" sich auf zusätzliche Jingles, Werbetrailer, Sendelöcher oder Musiktitel bezieht. Offensichtlich scheint in der Konzeption der Livesendung deren Charakter nicht genügend reflektiert worden zu sein. Zwar handelt es sich hörbar um eine Magazinsendung, aber eine Magazinsendung im nichtkommerziellen Raum lebt von ihren Inhalten, nicht vom Hype um einen kommerziell hergeleiteten Mehrwert.

Keinesfalls verwunderlich ist es also, wenn nach einer kurzen Anmoderation die Hörerinnen und Hörer auf die Warteschleife gesetzt werden. Unabhängig von der realen Gegebenheit, daß die Beiträge wohl noch nicht fertig waren, ist es ohnehin eine bei Radio Darmstadt weit verbreitete Unsitte, die Sendungen mit mindestens einem Musiktitel zu beginnen. Erstens zeigt sich damit, daß die Sendung noch nicht ausreichend vorbereitet wurde und dies während des ersten Musiktitels nachgeholt werden muß, und zweitens wird hiermit der Musik ein eigenständiger Zweck zugewiesen, den sich im nichtkommerziellen Raum nicht besitzt. Nichtkommerzielle Radiosendungen sind in Themen– und Magazinsendungen inhaltlich orientiert; die Musik ist Beiwerk (im Grunde genommen ein etwas längerer Trenner) und darf daher bei passender Gelegenheit auch abgebrochen werden. Wer seine Sendung mit einem (oder gar mehreren!) ausgespielten Musiktitel beginnt, hat das Format eines nicht-formatierten Senders nicht verstanden. Dies muß daher eigentlich auch solch ein Basisseminar vermitteln!

Überquellende Pressefaxe
Überquellende Pressefaxe

Der Moderator, der sich nicht vorgestellt hat, leitet zu seiner Kollegin S. über. S. ist eine neue Minijob-Beschäftigte des Vereins. Zu ihrem Job wird gehören, die Defizite der redaktionellen Arbeit von Radio Darmstadt aufzufangen. Nachweislich werden eingehende Pressefaxe und redaktionelle E–Mails nicht oder bestenfalls äußerst rudimentär bearbeitet. Die Aufgabe von S. wird zukünftig darin bestehen, die Pressefaxe an zuständige Redaktionen weiterzuleiten. Zudem soll sie bei Sendeausfällen oder beim Nichterscheinen des Vorstandsmitglieds Markus Lang zu dessen Sendung auch studiotechnisch in der Lage sein, den Sendebetrieb aufrecht zu erhalten oder aus der passenden Ablage die vom Medienforum Münster (Westfalen) übernommene und auf CD gebrannte Sendung einzuspielen. Aufgrund der chronischen redaktionellen Defizite des Senders wird damit die redaktionelle Tätigkeit outgesourct und neuerdings auch bezahlt. Dazu benötigt S. einen Einblick in das Sendegeschehen, weshalb sie an diesem Seminar teilnehmen mußte. Allerdings scheint sie über Radioerfahrung aus einem Berliner Kommerzsender zu verfügen. Ob und inwieweit dies dazu befähigt, sich in einem nichtkommerziellen Lokalradio zurecht zu finden, muß sich zeigen.

Beim nicht genannten Moderator und bei S. fällt der häufige Gebrauch des Füllwortes "Ja" auf. Eine flüssige Moderation zeichnet sich dadurch aus, daß a) nach einem Musiktitel dieses Füllwort nicht erscheint und b) während der Moderation nicht händeringend Füllwörter die Suche nach einer Fortsetzung des Satzes kaschieren müssen. Diese grundsätzlichen Fragen können zumindest im Basisseminar angesprochen werden. Auf der Anfang November 2006 abgeschalteten alten, dafür aber informativen Webseite des Senders befand sich ein hierzu passender Basistext des Sportredakteurs Bernd Schmiedeke, der unserer Ausbildungscrew einmal wärmstens ans Herz zu legen ist, wenn sie schon nicht aus den Goldenen Regeln im nichtkommerziellen Lokalradio etwas lernen möchte. Da es laut Seminarplan am Tag zuvor eine Trockensendung gegeben haben soll, hätten die Füllsel bemerkt werden können, um sie für die Livesendung abzustellen. Entweder fand die Trockensendung nicht statt oder dem Teamer und der Teamerin fehlen das Bewußtsein für eine inhaltlich sinnvolle Moderation. Blubbern kann jede und jeder …

 

Es folgt Musik

Moderationen, die auf einen nachfolgenden Musiktitel hinweisen, sind auf ihre Sinnhaftigkeit abzuklopfen. Wenn eine Sendung grundsätzlich Musiktitel benennt, damit sich Hörerinnen und Hörer orientieren können, dann ist dieses Muster in der gesamten Sendung beizubehalten. Ansonsten entsteht der wahrscheinlich auch zutreffende Eindruck, der Moderator oder die Moderatorin sei nicht in der Lage, eine Moderation sinnvoll abzuschließen. Extrem wird es, wenn es heißt, wie spielen jetzt Musik. Dann wird dem Publikum vermittelt, es sei nicht in der Lage, zwischen Wort und Musik zu unterscheiden. Zudem wird dann dem Musiktitel eine Wertigkeit zugewiesen, die er nicht hat, denn Musik in Themen– und Magazinsendungen ist nun einmal meist nichts als Beiwerk. Ausnahmen bestehen, wenn bestimmte Musiktitel aus dramaturgischen Gründen Teil des Sendekonzepts sind und deshalb einer näheren inhaltlichen Vorstellung bedürfen. Derartige Fragestellungen gehören vielleicht nicht in ein Basic-Seminar, sondern in ein eigenes Moderationsseminar; ein solches, in dem diese Fragen auch ernsthaft erörtert werden, wird jedoch nicht angeboten.

CD-Stapel in Studio 1
CD–Stapel in Studio 1

S.s Performance während der Sendung war lebendig, lebendiger als manche der nachfolgend abgelesenen eigenen Beiträge. Ihrem Beitrag über den Darmstädter Stadtlauf folgten ein neu erstellter Werbetrailer zur Übertragung dieses Stadtlaufs am Mittwoch darauf, dann ein Musiktitel und schließlich ein Ärgernis. Denn seit Monaten wird auf dem Sender ein Trailer [mp3] rauf– und runtergespielt, der eine bekanntermaßen falsche Frequenz ankündigt und deshalb aus dem Verkehr gezogen gehört. Der Verfasser dieses Textes hat auf diesen Umstand sogar auf der Programmratssitzung am 16. April 2007 ausdrücklich hingewiesen. Weshalb ist unser Ausbildungsteam nicht in der Lage, diesen Unsinn zu unterbinden? N. *, einer der drei Sprecher der Unterhaltungsredaktion, spielt den Trailer, weil er seiner eigenen Angabe nach so schön klingt, fügt dann beim Senden wenigstens hinzu, daß die Kabelfrequenz für Groß-Gerau und Weiterstadt nicht stimmt. Das ist zwar der pure Quatsch, aber irgendwie ist die Ansage der Kabelfrequenz dann nicht ganz verkehrt. Warum aber greift hier das Kompetenzteam nicht ein und korrigiert die falsche Angabe? Ist es Frau Schuckmann und Herrn Fritscher völlig egal, wie bescheuert sich der Sender öffentlich präsentiert, wenn er monatelang eine nicht mehr existierende Kabelfrequenz vermeldet?

Vielleicht liegt es aber nur daran, daß auch unser Ausbildungsteam den Werbetrailer so schön findet. Die Schönheit liegt wohl in seiner Anmutung, die durch und durch kommerziell ist. Es wird neben einer nicht vorhandenen Senderfrequenz zudem noch das Blaue vom Himmel versprochen, welches in der Realität nur bedingt eingehalten werden kann. Bemerkenswert die Aussage, was und wie der Sender gehört werden kann: "von ganz leise bis furchtbar laut und von gemütlich bis furchtbar schnell". Zweimal furchtbar, das läßt tief blicken. Ist dies der Grund, warum der Trailer so furchtbar oft gespielt wird?

Der Trailer wurde mit einem hörbaren kleinen Sendeloch eingeleitet. Wahrscheinlich hat hier die seit Ewigkeiten nicht gewartete Technik dem Techniker oder der Technikerin einen Streich gespielt.

Nach diesem Trailer, dem zur Überbrückung der Zeit bis hin zum noch nicht fertig gestellten zweiten Beitrag ein weiterer Musiktitel folgt, beginnt der unbekannte Moderator seinen Redeschwall mit: "Das war [Titel XY]." Hier wirkt sich der nicht vorhandene Inhalt in der Wortwahl aus. Wenn man nichts zu sagen hat, werden Musiktitel benannt, Tracknummern durchgegeben, hereinflatternde Faxe vorgestellt oder irgendwelche Jingles gespielt. Das sind reine Übersprungshandlungen, die abzustellen Aufgabe einer guten Aus– und Weiterbildung bei Radio Darmstadt wäre. Daß die Vermutung tatsächlich zutrifft, nämlich daß der Beitrag noch fehlt, zeigt die Fortsetzung dieser insgesamt neunzehnsekündigen Moderation: "Und bei uns wird es jetzt in den folgenden Minuten thematisch um die ewige Baustelle A5 gehen." Als Moderatorin des Beitrags wird N. angekündigt.

Lassen wir beiseite, daß die Nennung A5 sicherlich nur eine Art Cliffhanger sein soll, um die Neugier des Publikums zu wecken. Es soll allerdings Menschen geben, die mit kryptischen Abkürzungen nicht so vertraut sind. Das Radio ist jedoch keine Rätselveranstaltung nach dem Motto "Informierte informieren Informierte", in diesem Fall: Autofahrerin lamentiert über behinderte Fahrt für freie Bürgerinnen, ohne der restlichen Welt zu verdeutlichen, was denn so schlimm an einer "ewigen Baustelle", genannt "A5", ist. Eine Moderation soll daher aufklärerisch wirken und nicht weitere Rätsel aufgeben. Doch lassen wir das hier. Denn das Entscheidende sind die folgenden Minuten; und in diesen ertönt … Musik! Und zwar gleich zwei Titel hintereinander. Das bedeutet: das Versprechen wird nicht eingelöst.

 

Übergaben üben

Die Audiomax-Redakteurin N. gibt das Wort gleich weiter an ihre Redaktionskollegin J., und diese spult anschließend ihren zweiminütigen Aufsatz über die Baustellen auf der Autobahn A5 (Darmstadt-Heidelberg) ab. Ein ähnlich seltsames Übergabeschema erwartet uns im folgenden Beitrag über die Darmstädter Fußball-Lilien, die in die Oberliga abgestiegen sind. N. kündigt J. an, die jedoch gleich an K. weitergibt. Welchen moderativen Zweck diese Übung erfüllt, weiß wohl nur das Ausbildungsteam. Dazu gleich mehr.

Screenshot der Webseite weltfussball.de
Oberligatabelle 2003/2004

Unser Lilien-Spezialist erzählt uns nun, daß Darmstadts Stolz in seiner letzten Oberliga-Saison 2003/2004 "souverän" Meister geworden war, wohl aufgrund der einzigen beiden von ihm auch angeführten Niederlagen. Tatsächlich hingegen werden sich die Lilienfans daran erinnern, daß diese Meisterschaft alles andere als souverän eingefahren wurde und es bis zum Schluß ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Hessen Kassel gegeben hat (SV 98 88 Punkte, Kassel 84 Punkte), nachdem Borussia Fulda am Ende die Puste ausgegangen war. Derart aufgebauschte Archivmeldungen werden zwar im öffentlich-rechtlichen und erst recht im privat-kommerziellen Hörfunk verkündet, weshalb jedoch ein nichtkommerzielles Lokalradio ähnlich klingen muß, wurde hoffentlich im nachfolgenden Air Check diskutiert. Die im Verlauf seines Studiogesprächs mit J. geäußerte Bemerkung "RadaR steht voll hinter den Lilien" kopiert ähnlich banale Aussagen anderer Hörfunksender. Dort handelt es sich um eine imagefördernde Floskel, um die Hörerinnen und Hörer an den Sender zu binden. Welche Funktion hat diese Aussage jedoch in einem nichtkommerziellen Lokalradio wie Radio Darmstadt? Gibt es hierzu einen offiziellen Vorstandsbeschluß? Ist der SV Darmstadt 98 Werbepartner des Senders? Hat es eine Urabstimmung unter den Sendenden gegeben? Nichts von allem. Der Moderator spricht also zunächst einmal für sich selbst und suggeriert eine Haltung, die durch nichts unterfüttert ist. Er kann nicht für den Sender in dieser Angelegenheit sprechen, zumal einem Großteil der Sendenden Darmstadts Oberligamannschaft herzlich egal ist. Auch hier können wir aufgebauschtes Entertainment ohne Realitätsbezug hören. Halten wir dem Moderator zugute, daß er neu bei Radio Darmstadt ist und sich erst noch einfinden muß. Dennoch ist kaum anzunehmen, daß das Ausbildungsteam hier etwas bemerkt hat, denn solch unreflektierten Sprachbausteine sind auf dem Sender auch von jahrelang Sendenden immer wieder zu hören. So gesehen wäre es gut, wenn ein erfahrener Sportredakteur, vielleicht am besten gleich Bernd Schmiedeke, die notwendigen einfühlsamen moderativen Hinweise gibt.

Zurück zur Sendung: Nachdem K. den Lilien ausgiebig Glück gewünscht hat, fragt ihn J.: "Du machst jetzt auch gleich hier weiter, nämlich die letzten zwölf Minuten unserer Sendung in dieser Stunde. Was erwartet denn unsere Hörer?" Darauf antwortet K.: "Ja, unser Thema nach dem nächsten Song wird sein Hochschulwahlen an der TU Darmstadt. Ich begrüße dafür dann N."

Dann folgt die überflüssigerweise angekündigte Musik, bevor nicht etwa N. zu hören ist, sondern K., was ja auch logisch ist, weil sie ja noch nicht "begrüßt" worden ist. Warum N. noch einmal "begrüßt" werden muß, wo sie doch die ganze Zeit anwesend war und schon ins Sendegeschehen eingegriffen hat, weiß wahrscheinlich nicht einmal K. Offensichtlich wurde hier mühselig konstruiert die Übergabe des Mikrofons innerhalb eines Sendeteams geübt, ohne daß die zugehörigen moderativen Sprachbausteine durch das Ausbildungsteam vermittelt wurden. Das Auditorium außerhalb des Senders fragt sich hingegen möglicherweise, ob der Sender noch alle Tassen im Schrank hat. Hier rächt es sich, daß zu keiner Zeit der Ausbildungs– und Übungscharakter dieser Sendung thematisiert wird. Anzumerken ist, daß vollkommen unklar bleibt, was es damit auf sich haben könnte, daß K. die letzten zwölf Minuten unserer Sendung "in dieser Stunde" und nicht etwa in einer anderen macht.

Denn im letzten Beitrag erzählt uns N. und nicht etwa K. etwas über die Hochschulwahlen an der TU Darmstadt in den vergangenen Tagen in einer Weise, die hart an einen Besinnungsaufsatz über die Wahl und ihre (angeblich) partizipative Bedeutung vorbeischrammt. Nach einem weiteren Musiktitel bedankt sich ein wieder einmal unbenannter Moderator bei seinen Kolleginnen und seinem Kollegen und weist auf die nachfolgende Sendung mit Christian Knölker hin. Dann gibt's zur Abwechslung mal wieder einen Jingle – und zwar denselben wie zu Anfang der Sendung, was für die nachlassende Konzentration der Technikerin oder des Technikers spricht – und zum Abschluß einen Musiktitel. Wer für diese seltsame Sendung verantwortlich bleibt, wird den Hörerinnen und Hörern taktvoll vorenthalten. Und das Geheimnis möchte ich hier dann auch nicht lüften. Denn, wie anfangs ausgeführt, die Namen der handelnden Personen sind für die Analyse dieser Ausbildungssendung unerheblich.

Hoffen wir, daß unser namenloser Moderator im nachfolgenden Air Check durch Susanne Schuckmann und Peter Fritscher erfahren hat, daß es auch im Radio zum Gebot der Höflichkeit gehört, sich vorzustellen und zu verabschieden. Warum jedoch die einen aus dem Moderationsteam mit Vor– und Nachnamen genannt werden und die anderen nicht, wird als Geheimnis mit aus der Sendung genommen.

 

Schlußbetrachtung

Nach dem Vereinsausschluß von Norbert Büchner und Katharina Mann definiert Benjamin Gürkan allein die Richtlinien der radiointernen Aus– und Weiterbildung. Die damit verbundene Neuerfindung des Rades [Anspielung] ist unverkennbar. Obwohl sich dieses Vorstandsmitglied in viele Aspekte einer soliden Radioausbildung eingearbeitet hat, fehlen ihm der Praxisbezug außerhalb seiner (ehemaligen) Musiksendung und ein fundamentales Verständnis sinnhafter Moderation. Allerdings gibt es hierzu nur wenige Basistexte, aus denen Kriterien für den Aufbau von nicht kommerziell klingenden Sendungen herausgezogen werden können. Das im Laufe der Jahre empirisch herausgearbeitete Wissen ist mit dem von Gürkan mit organisierten Vereinsausschluß der beiden Vereinsmitglieder verloren gegangen, die sich wie kaum andere in zumindest diesem Sender Gedanken über das Radiodesign nichtkommerzieller Medien gemacht haben.

Deshalb reproduziert die neue Ausbildungscrew Handlungsanleitungen, die nicht zum Medium passen, und ignoriert Gedankengänge, die darüber hinaus weisen. Das Ergebnis dieser mangelnden Reflexion und der damit verbundenen Ignoranz ist zwar generell auf dem Sender zu hören, aber eben auch in einer Sendung, welche aus der Neuerfindung des Ausbildungsrades resultiert. Es sind daher weniger die drei Moderatorinnen und zwei Moderatoren zu kritisieren, sondern diejenigen, die mit diesem Basic-Seminar ein wenig durchdachtes Konzept auf den Sender gebracht haben.

Wenn wir dann noch berücksichtigen, daß das hier teamende Vorstandsmitglied Susanne Schuckmann bei der Verabschiedung der lächerlichen Sendekriterien durch den Programmrat am 11. September 2006 persönlich anwesend war, ohne den Programmrat von seinem peinlichen Tun abzuhalten, dann ist von der durch sie mitgestalteten Aus– und Weiterbildung nicht unbedingt viel zu erwarten. Ihr Kollege Peter Fritscher hingegen ist viel zu neu im Geschehen, um aufgrund genügend reflektierter Erfahrung eigene und vielleicht sogar durchdachte Wege zu gehen.

Wir werden daher die Auswirkungen dieser Ausbildungstätigkeit in den kommenden Jahren ertragen müssen, aber wir können souverän ein Einschaltradio wie Radio Darmstadt auch ausschalten, wenn die Ausbildungsstandards wieder einmal zu furchtbar klingen.

 

ANMERKUNGEN

 

[*]   Der Name tut nichts zur Sache und wird daher anonymisiert.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 28. März 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2007, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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