Das in dieser Dokumentation besprochene Datband
Das verwendete Datband

Radio Darmstadt

Wenn der Sendecomputer ausfällt

Sendechaos am 17. Juli 2007

Dokumentation

 

Radio Darmstadt ist ein nichtkommerzielles Lokalradio. Sein Trägerverein wurde 1994 gegründet, um eine Alternative und Ergänzung zu den bestehenden öffentlich-rechtlichen und privaten kommerziellen Hörfunksendern aufzubauen. Menschen und Nachrichten, die im ansonsten durchformatierten Sendebetrieb keine Chance auf Öffentlichkeit besaßen, sollten hier ihren Platz finden. Dies galt für politische Fragen, lokale Themen und musikalische Nischen. Ende 1996 erhielt der Verein für ein derartiges Programm die Sendelizenz. Zehn Jahre später läßt sich die Tendenz beschreiben, daß (lokal)politische Themen immer weniger Platz im Darmstädter Lokalradio finden, während die Musikberieselung zunimmt. Zu diesem Wandel gehört, daß Fragen der Außendarstellung ein wesentlich größeres Gewicht erhalten als das Verbreiten journalistisch abgesicherter Tatsachen. Wer diese neue journalistische Ethik nicht mitträgt, wird aus dem Verein und dem Radio hinausgedrängt. [mehr]

Diese Dokumentation geht auf die Vorgänge seit April 2006 ein. Hierbei werden nicht nur die Qualität des Programms thematisiert, sondern auch die Hintergründe und Abläufe des Wandels vom alternativen Massenmedium zum imageorientierten Berieselungsprogramm dargestellt. Der Autor dieser Dokumentation hat von Juni 1997 bis Januar 2007 bei Radio Darmstadt gesendet, bis ihn ein aus dieser Umbruchssituation zu verstehendes binnenpolitisch motiviertes Sendeverbot ereilte. Als Schatzmeister [1999 bis 2001], Vorstand für Studio und Technik [2002 bis 2004] und Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit [2004 bis 2006] kennt er die Interna wie kaum ein anderer. [mehr]

In der Dokumentation werden die Namen handelnder Personen aufgeführt. Damit werden Argumentationsstränge leichter nachvollziehbarer gemacht und Verantwortliche benannt. Zur Klarstellung: Eine Diffamierung einzelner Personen ist hiermit nicht beabsichtigt. [mehr]

 


 

Zusammenfassung

Ende Februar 2007 wurde die Einspeisung des zu wiederholenden Programms von DAT–Band auf eine digitale Computeraufzeichung umgestellt. Das Programm von 17.00 bis 23.00 Uhr wird in einem Sechsstundenblock aufgezeichnet und nach Abschluß des Liveprogramms nachts bzw. morgens abgespielt. Diese Lösung funktioniert im Prinzip, allerdings ist sie in einzelnen Punkten schlecht implementiert. Aus Gründen, die dem Verfasser dieser Dokumentation nicht bekannt sind, verweigerte der Sendecomputer in der Nacht zum 17. Juli 2007 seinen Dienst. Da kein Notfallplan existiert, wurde improvisiert. Hierbei traten einige der schlecht implementierten Details des Sendecomputers offen zutage. Das am 17. Juli gesendete Programm entsprach weitgehend nicht den Vorgaben und war teilweise grob imageschädigend.

 


 

Das Programm, wie es hätte sein sollen

Nach Maßgabe des Programmflyers von Radio Darmstadt hätte beginnend von den Nachrichten am 16. Juli um 23.00 Uhr hinein in den 17. Juli bis zum Beginn der Livesendungen ab 17.00 Uhr folgendes Programm gesendet werden sollen:
23.00 Uhr   Deutschlandfunk-Nachrichten
23.10 Uhr   Wiederholung Hinter den Spiegeln (17–18 Uhr)
00.10 Uhr   Wiederholung von Heinerkult (18–19 Uhr)
01.10 Uhr   Wiederholung der Sendung U–Red Spezial (19–21 Uhr)
03.10 Uhr   Wiederholung von Combat Radio (21–23 Uhr)
05.10 Uhr   Wiederholung Hinter den Spiegeln (17–18 Uhr)
06.00 Uhr   Radiowecker
08.00 Uhr   Wiederholung Hinter den Spiegeln (17–18 Uhr)
09.00 Uhr   Wiederholung von Heinerkult (18–19 Uhr)
10.00 Uhr   Wiederholung der Sendung U–Red Spezial (19–21 Uhr)
12.00 Uhr   Wiederholung von Combat Radio (21–23 Uhr)
14.00 Uhr   Wiederholung Hinter den Spiegeln (17–18 Uhr)
15.00 Uhr   Wiederholung von Heinerkult (18–19 Uhr)
16.00 Uhr   Wiederholung der Sendung U–Red Spezial (19–21 Uhr) [1]

Der geordnete Sendeablauf sieht also die blockweise Wiederholung zwischen Deutschlandfunk-Nachrichten und morgendlichem Radiowecker vor, sowie zwischen dem Radiowecker und dem Beginn des Liveprogramms um 17.00 Uhr. Die Realität war jedoch eine vollkommen andere. Würde es sich um einen Einzelfall im Sendeablauf handeln, wie er im Rahmen eines ehrenamtlich betriebenen nichtkommerziellen Lokalradios eher vorkommt als in einem professionell organisierten kommerziellen Sender, dann wäre es nicht erforderlich, diese Episode ausführlich darzustellen. Hier liegt der Fall jedoch anders. Bei diesem Ausfall des Sendecomputers läßt sich symptomatisch die generelle Unzulänglichkeit des Sendebetriebs zeigen, wie sie nach etwa einem Jahr nach dem Ausschluß von Katharina Mann und Norbert Büchner zutage tritt. Es gibt weder eine ordnende Hand im technischen Bereich, so daß Wildwuchs in Kombination mit konzeptloser Bastelei zu zum Teil grotesken Artefakten führt, noch gibt es diese ordnende Hand in der Überwachung des gesendeten Programms, so daß mancher Unsinn, der tagtäglich zu hören ist, kaum die Verantwortlichen in Vorstand und Programmrat erreicht. Es interessiert sie aber auch nicht, sich dort hineinzuarbeiten. Deshalb verstehen sie weder das Programm noch dessen Mutationen.

 

Das Drama beginnt

Einer der beiden Moderatoren von Combat Radio versucht, nach Ablauf der eingespielten Nachrichten des Deutschlandfunks, die Wiederholung per Computer zu starten. Da er dies in den vergangenen Monaten schon mehrfach getan hat, können wir davon ausgehen, daß die nachfolgenden Geschehnisse nicht durch ihn verursacht wurden. Er schaltet den Rechner ein, zieht schon einmal vorsorglich den zum Sendecomputer zugehörigen Regler am Mischpult hoch, klickt mit der Maus auf den Startbutton – und erhält als Antwort ein … lautes Rauschen [mp3]. Er beschreibt die Situation mit folgenden Worten:

Nach den Nachrichten und dem Nachrichten-End-Jingle habe ich ganz normal den Regler für die Wiederholung hochgezogen, ihn auf Line 2 für Wdh. gestellt und die Wiederholung über den Rechner gestartet. Daraufhin war ein ohrenbeteubendes elektronisches Störgeräusch zu hören, so dass ich zunächst den Regler runter zog und dann auf Line 1 wechselte, weil ich dachte vielleicht hätte ich die falsche gewählt. Das Resultat dürfte ein Sendeloch gewesen sein. Ich habe dann noch ein oder zwei mal einen neuen Status auf dem Rechner geholt, die Wdh. beendet und wieder gestartet, aber das alles hat nichts geholfen. Dann fiel mir auf, dass trotz der zeitweisen Stille im Studio im Radio wohl noch weiterhin etwas gesendet wurde, zunächst dachte ich, die Wdh. würde nun doch laufen, doch dann setzte die Übertragung auch im Radio aus. Daraufhin habe ich ein Dat-Band aus dem Flur geholt und eingelegt, das lief dann erstmal (das dürfte dann wohl die Wdh. vom 19. März sein). Ich dachte, das sein immerhin besser, als gar nichts, da ich auch nicht wusste woran das Problem mit der Wdh. liegen könnte.

Wir haben hier den bei Radio Darmstadt nicht untypischien Fall vorliegen, daß ein Sendender mit technischen Problemen, die nicht er zu verantworten hat, allein gelassen wird. Für den Ausfall des Sendecomputers gibt es schlicht keine Handlungsanweisung. Was der Moderator von Combat Radio gemacht hat, war durchaus vernünftig. Welche Wahl hatte er denn, wenn er ein siebenstündiges Sendeloch vermeiden wollte? Gut, wenn ihn mal eine oder jemand aus seiner Redaktion darüber informiert hätte, daß es die Sendeloch-Erkennungssoftware gibt, die nach einer Minute Stille auf dem Sender Musik einspielt, dann hätte er auch einfach die eine Minute bis zum Anspringen dieser Automation abwarten und dann nach Hause gehen können. Wir werden jedoch noch sehen, daß diese Musikeinspeisung nicht fehlerfrei ist. Jedenfalls haben wir mit dieser Aussage einen Anhaltspunkt dafür, aus welcher Quelle in der Nacht und am folgenden Vormittag das seltsame Programm gespeist wurde, das dann zu hören war.

Die spannende Frage ist jedoch: warum hat der Sendecomputer versagt? Die Antwort sollte die Bastelcombo des Senders am besten schnell herausfinden.

 

Rauschen und Brummen

Die erste Sendestunde des Wiederholungsprogramms sieht einschließlich der Deutschlandfunk-Nachrichten so aus:

Die Sendestunde in einem Audioschnittprogramm

Wir können hier sehr schön zunächst die Nachrichten sehen (links im Bild), die nach dem Jingle (das ist der rechte Rand des linken Blocks mit dem etwas verstärkten Ausschlag) in ein Sendeloch mit einzelnen Strichen übergehen. Diese Striche bezeichnen das Rauschen des Sendecomputers. Vergrößert sieht der Übergang vom Nachrichtenjingle zur vom Computer eingespielten Musik (rechts) so aus:

Die Rauschpassage in einem Audioschnittprogramm

Interessant ist nun, was wir entdecken, wenn wir das Rauschen und die dazwischen liegenden Sendelöcher genauer betrachten. Wir erkennen dann, daß die längere Rauschpassage aus drei Elementen besteht. Das mittlere Element sagt uns etwas zum Zustand der sendereigenen Studiotechnik. Deshalb wird es hier stark vergrößert dargestellt:

Die Rauschpassage stark vergrößert in einem Audioschnittprogramm

Während links und rechts ein eher ungeregeltes Rauschen vorzuherrschen scheint, läßt die mittlere Passage einen unangenehmen Verdacht aufkommen. Wir werden diese Passage deshalb noch einmal vergrößern und gleichzeitig den Pegel anheben:

Visualisiertes Brummen

Wir erkennen eine etwas unsaubere, aber eindeutig vorhandene Sinuskurve mit der Frequenz 50 Hertz. Das heißt: hier liegt eine Brummschleife vor, wahrscheinlich in der Leitung vom Sendecomputer zum Mischpult. Haben wir erst einmal dieses Artefakt identifiziert, werfen wir aus purer Neugier doch auch einmal einen Blick auf das Sendeloch. Wird hier wirklich nichts übertragen? Der Moderator von Combat Radio hatte geschrieben, er habe zwischen den Mischpulteinstellungen für Line 1 und Line 2 umgeschaltet, was nichts anderes bedeutet, als daß er beide Signaleingänge für den konkreten Mischpultzug ausprobiert hat. Bei der Stellung, die nicht den Sendecomputer betrifft, enstand das Sendeloch. Schauen wir uns das Sendeloch daher genauer an:

Visualisiertes Brummen eines Sendelochs

Bei rund achthundertfacher Verstärkung wird auch im Sendeloch nach dem ersten (größeren) Rauschartefakt eine Brummschleife sichtbar. Auch hier erhalten wir eine leicht unsaubere Sinuskurve mit einer Frequenz von 50 Hertz. Die spannende Frage ist: wo kommt das Brummen her? Ist das Sendestudio 1 unsauber verkabelt? Oder wird das Brummen dem Signal auf dem Weg vom Mischpult zur Übergabestation der Telekom eingespeist?

Technik zur Sendelocherkennung

Der Verdacht liegt insofern nahe, weil Mitte März 2007 unsere Bastelcrew bei der Einbindung der Sendeloch-Erkennung ein derartiges Chaos auf dem Sender angerichtet hat, daß mit einer unsauberen Verkabelung durchaus gerechnet werden muß. Hier wird nur eine genaue Überprüfung der gesamten Verkabelung Gewißheit verschaffen. Wer jedoch zuhause über gute Boxen verfügt, sollte einfach einmal ein Ohr an den Baßlautsprecher legen. Bei leisen Passagen oder Stille beim Atemholen ist das Brummen deutlich zu vernehmen. Dieses Brummen existierte vor einem Jahr zumindest in dem von Katharina Mann und Norbert Büchner betreuten Sendestudio 2 noch nicht.

Unterhalb der frei zugänglichen und Besucherinnen und Besuchern auch gern gezeigten Gerätschaften hat unsere Technikcrew einen Zettel angebracht, der einen Hinweis auf die Seriosität der ganzen Brummschleifenautomation gibt:

Hier bitte nichts verändern!

Auch, wenn der Pegel scheinbar zu hoch ist, das hat so seine Richtigkeit.

Hier bitte nichts verändern, ansonsten kann es vorkommen dass das System diese Veränderung für ein Sendeloch hält und Musik einspielt.

Auch können durch Veränderungen an diesen Geräten Fehler in der Pegelung unseres Signals entstehen.

Vorsicht: Das ganze hier ist etwas locker; also am Besten gar nicht erst anfassen ;)

Danke!

 

Das DAT–Band

Aufzeichung per DAT-Recorder
DAT–Recorder (unten), Bänder (oben)

Seit Beginn des regulären Dauersendebetriebs am 1. Februar 1997 wurden bei Radio Darmstadt die zu wiederholenden Sendungen auf dem Medium DAT aufgezeichnet. Hierzu stand ein DAT–Recorder, später waren es mehrere, zur Verfügung, der zunächst vier, später sechs Stunden Nachmittags– und Abendprogramm aufzeichnete, die dann in der Nacht und am folgenden Tag wiederholt werden sollten. Aufgezeichnet wird das Programm von 17.00 bis 23.00 Uhr. Seit Ende Februar / Anfang März 2007 wird diese Aufzeichung nicht mehr von einem DAT–Recorder vorgenommen, sondern durch Computeraufzeichung gewährleistet. Die Aufzeichung scheint auch problemlos zu funktionieren; dies gilt jedoch nicht für das Abspielen des Wiederholungsprogramms am Tag darauf. Eines der großen Ärgernisse des Senders, der Hänger, der pünktlich nach 12 Stunden und 25 Minuten abgespielten Programms auftritt, ist seit dem 26. Februar 2007 bekannt und wurde bis Mitte Juli nicht beseitigt.

Der Ausfall des Sendecomputers in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 2007 zeigt, was passiert, wenn man und frau auf einem Netz ohne jeden Boden arbeitet. Denn eine Notfallschaltung oder eine Anweisung für die Sendenden, das Problem zu umgehen, existiert nicht. Hier sind individuelle Zufallslösungen angesagt, die dann auch so klingen. Der Moderator von Combat Radio hat sich auf die alte Technologie besonnen und sie zur Überbrückung bis zum morgendlichen Radiowecker auch eingesetzt.

Das verwendete DAT-Band im Recorder
DAT–Band für die Montagssendungen

Das verwendete DAT–Band sollte in der Theorie seit Anfang März nicht mehr verwendet worden sein. Eigentlich hätte demnach auf dem Band die letzte per DAT aufgezeichnete Montags-Session vorhanden sein müssen. Offensichtlich ist es Anfang März mehrfach vorgekommen, daß Sendende aus alter Gewohnheit heraus ein DAT–Band in den Recorder gelegt haben, das dann auch mit einer späteren Sendung bespielt wurde. Allerdings war auch zu beobachten, daß ein solches Band unbeachtet im Recorder liegen gelassen wurde, mit der Folge, daß es zuweilen neu beschrieben wurde. Der abgebildete DAT–Recorder selbst wurde seit März 2007 nicht mehr abgeschaltet. Ob dies einen tieferen Sinn besitzt, ist unklar, denkbar wäre, daß er zum Durchschleifen eines Signals dient. Ein entsprechender Warnhinweis ist jedoch nicht zu finden. So kann fast davon ausgegangen werden, daß dieser Recorder einem Betriebsbereitschafts-Langzeittest unterworfen wird.

Ohne auf die sekundengenauen Details des Versuchs, dem Sendecomputer mehr als ein Rauschen abzuringen, näher einzugehen, kann festgehalten werden, daß ab 23.18 Uhr (mit technischen Interferenzen) bzw. ab 23.24 Uhr das Wiederholungsprogramm sauber ablief. Es handelte sich um die Aufzeichungen von Montag, dem 19. März. So wurde nicht die aktuelle Folge der Sendung Hinter den Spiegeln vom Nachmittag gesendet, sondern (zufälligerweise) das Pendant vom März, das sich ausführlich mit dem Phänomen des Lichts beschäftigt. In den folgenden Stunden gibt es einen Heinerkult und eine Fußpilzshow, bevor die Märzausgabe von Combat Radio zu hören ist. Morgens um 4.25 Uhr wird diese Musiksendung jäh unterbrochen durch eine Dienstagssendung, nämlich Baj Ganju.

Es scheint demnach, daß dieses Band nach dem 19. März noch einmal am Tag darauf überspielt wurde. Tatsächlich folgt auf die Austauschsendung vom Freien Radio Querfunk aus Karlsruhe die Ausgabe von Audiomax vom 20. März 2007. Nun mag es sein, daß es nachts keiner und niemandem auffällt, wenn das Programm unverhofft wechselt und dann auch wieder zurückspringt, denn das tut es nun. Um 5.27 Uhr ist das Band am Ende angelangt und spult sich nun automatisch zurück. Dies ergibt ein fast einminütiges Sendeloch, weil das Spulen nicht übertragen wird. Die aufgezeichnete erste Sendung des Nachmittagsprogramms befindet sich nicht direkt am Bandanfang; wir haben eine Toleranzvon einigen Minuten eingebaut, in der die Zeitschaltuhr die Aufnahme starten kann. Deshalb beginnt die Wiedergabe der Sendung Hinter den Spiegeln erst um 5.32 Uhr. Um 6.00 Uhr wird die Wiederholung gestoppt und Christian K. begrüßt das morgendliche Darmstadt mit seiner Version des Radioweckers.

 

Egoismus

Screenshot der Kalenderblatt-Webseite
Angela Merkel wird 13 Jahre alt

Der morgendliche Radiowecker lief, wie er lief, auch wenn Christian K. wie bei seinen Radioweckern üblich, seine redaktionellen Inhalte auf der Kalenderblatt-Webseite der Deutschen Welle klaut. Heute sind es der Eintrag zur Eröffnung von Disneyland im Jahre 1955, der 53. Geburtstag von Angela Merkel, sowie der 90. Geburtstag von Margarete Mitscherlich.

Christian K. war offensichtlich nicht ganz bei der Sache, sonst hätte er die Bundeskanzlerin nicht um 40 Jahre jünger gemacht. Selbstverständlich nennt er die Quelle seiner abgelesenen Weisheiten nicht. So plätschert dieser Radiowecker seinenm Ende entgegen; und es gäbe nichts Aufregendes zu berichten, wenn er nicht am Ende seiner Sendung mit dem Problem der Wiederholung konfrontiert gewesen wäre. Sein Problem ist: welches Tagesprogramm sage ich an? Wobei zu vermuten ist, daß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht begriffen hat, daß der Sendecomputer streikt. Insofern ist seine Ansage bemerkenswert

Er kündigt zunächst die Sendung Hinter den Spiegeln zu Licht und Farbe an, es folge die Wiederholung der Heinerkult-Sendung vom Abend zuvor, danach gehe es mit der Fußpilzshow weiter, bevor die Musikredaktion den zu wiederholenden Block beschließe. Danach ab 14.00 Uhr wieder neu: Hinter den Spiegeln und Heinerkult. Um 16.00 Uhr, so sagt der Radiowecker-Redakteur, beginne das Liveprogramm mit dem Bunten Dienstags Mix, und so weiter. An dieser Liste ist einiges interessant. Erstens: er hat den Inhalt der Spiegel-Sendung zur Kenntnis genommen. Dabei hätte er wissen müssen, daß es die falsche Wiederholung ist, denn er selbst hat ja am gestrigen Abend direkt nach der Spiegel-Originalsendung durch Unachtsamkeit bei der Umschaltung ein Sendeloch verursacht. Zweitens: er wußte, daß seine gestrige Heinerkult-Sendung laufen solle. Die war jedoch nicht auf dem Band zu finden. Drittens: er wußte, daß eine Fußpilzshow aufgezeichnet worden ist, obwohl am Abend zuvor statt dessen ein U–Red Spezial gesendet wurde, das auch im Programmflyer zu finden ist. Da der Inhalt des Programmflyers für Christian K. fast schon heilig ist und er garantiert zur Orientierung für das zu verkündende Tagesprogramm dort hineingeschaut haben wird, gibt es nur einen Schluß. Er hat ins das DAT–Band hineingehört und wußte daher von den Problemen mit dem Sendecomputer. Viertens: als Redaktionssprecher der Unterhaltungsredaktion ist er bemerkenswert schlecht informiert. Sein Kollege Jürgen M. hatte schon im Juni verkündet, daß er im Juli und August mit seinem Feierabendmagazin Bunter Dienstags Mix erst wieder im September zu hören sein werde.

Screenshot der Heinerfest-Webseite
Das Heinerfest berauscht

Christian K. versucht um 8.00 Uhr, den Sendecomputer zu starten. Er erhält dasselbe Rauschen. So verkündet er "technische Probleme" und macht sich auf die Suche nach dem Programm, das er in der Nacht gehört hat. Im Sendestudio 1 wird er fündig. Er entdeckt das DAT–Band im Abspielgerät und nimmt es mit in das andere Sendestudio, aus dem er zuvor gesendet hat. Dort legt er das Band ein und startet es, so daß um 8.12 Uhr die Wiederholung des Vorabendprogramms beginnen kann.

Nun hat er ein besonderes Interesse daran, daß seine gestrige Sendung mit den (schlecht eingespielten und erst gar nicht aufbereiteten) Originaltönen vom Heinerfest zu hören ist. Zudem sieht der Programmflyer als Sendebeginn 9.00 Uhr vor. Deshalb würgt K. die Spiegel-Sendung einfach ab, stoppt das DAT–Band und spielt seine eigene Aufzeichung vom Vorabend. Dies ist umso bemerkenswerter, weil er am Abend zuvor sieben Minuten lang in Sendestudio 2 saß und überhaupt nicht bemerkt hat, daß er gar nicht on air war. Deshalb fügte er um 18.11 Uhr eine entschuldigende Zwischenmoderation ein: "es hat eine technische Panne gegeben". Das ist richtig, auch wenn er der Vollständigkeit halber hätte dazu sagen können, daß er der Verantwortliche für diese Panne war. Es ist sehr bequem, das eigene Unvermögen (oder auch nur die eigene Trantütigkeit) auf eine Technik zu schieben, die sich nicht gegen diese Instrumentalisierung zur Wehr setzen kann. Ein Radio, das sich ehemals einmal als alternativ verstanden hatte, sollte durchaus in der Lage sein, offen und ehrlich mit dem eigenen Ungeschick umzugehen. Wie auch immer – um neun Uhr startet Christian K. seine Sendung auf Kosten einer anderen, wobei er seine Moderation von 18.11 Uhr herausgeschnitten hat.

 

Das Unheil nimmt seinen Lauf

DAT-Recorder in Sendestudio 2
DAT-Recorder ohne Repeat

Nachdem Christian K. seinen gestrigen Heinerkult durchgewunken hat, startet er das DAT–Band an der passenden Stelle mit der Fußpilzshow vom 19. März 2007. Es folgt das Combat Radio der Musikredaktion, danach noch ein bißchen Baj Ganju und Audiomax, bevor sich ein neues Problem einstellt. Der DAT–Recorder in Sendestudio 2 ist nicht genauso eingestellt wie der Recorder in Studio 1, aus dem die Wiederholung in der Nacht lief. Der einzige Unterschied ist gewaltig. Während in Studio 1 das automatische Rückspulen des DAT–Bandes aktiviert war, wurde dies beim Recorder in Studio 2 vergessen. Die Folge: ein Sendeloch. Dieses trat um 14.08 Uhr auf und wurde eine Minute später durch die Sendeloch-Erkennung mit dem Einspielen von Musik beendet.

So plätscherte das Programm seicht musikalisch dahin, bis offenbar wurde, daß unsere Studiotechniker bei der Einspeisung ihres Notfallprogramms nicht genügend nachgedacht hatten. Es scheint, als hätten sie dem Sendecomputer eine feste Playlist einprogrammiert, die irgendwann einmal abgespult ist. Manche zu überbrückende Passagen dauern jedoch etwas länger. Wird nicht genügend Musik nachgelegt, erhalten wir … ein Sendeloch! Nun kann man und frau dies als eine geniale Variante begreifen, einen nie nabreißenden Strom von Musik zu erzeugen, weil jedes von der Sendeloch-Einspeisung automatisch generierte Sendeloch ja nun auch wieder selbst erkannt und anschließend behoben wird. Ich hingegen stehe auf dem Standpunkt, daß diese Einspeisung schlampig programmiert wurde. Der Verdacht erhärtet sich, wenn auch bei anderen Sendeloch–Überbrückungen ein neues Sendeloch entsteht.

Redaktionsraum 2
Computer links, Radio rechts

Kurz vor 15.00 Uhr betritt Vorstandsfrau Susanne Schuckmann den Sender und marschiert zu einem der drei Rechner in Redaktionsraum 2. Während sie den Raum betritt, ist das gerade laufende Programm mittels eines im Raum stehenden Radiogeräts klar und deutlich zu hören. Um 15.01 Uhr tritt das schon angedeutete Sendeloch ein. Nun könnte man und frau erwarten, daß eine Vorstandsfrau, die zudem noch ausgebildete Teamerin im Bereich Studio und Technik ist, sofort nach dem Rechten schauen würde, um dieses imageschädigende Sendeloch schleunigst zu beenden. Falsch gedacht – Frau Schuckmann bleibt auf ihrem Stuhl sitzen und straft das Sendeloch mit Mißachtung. Was interessiert es sie, was auf diesem Sender geschieht? Dies ist auch nur konsequent. Denn im Herbst und Winter 2006/2007 hatte sie für den Programmflyer das Programm zusammengestellt; eine hanebüchene Ansammlung vermeidbarer Fehler – sofern frau ein Interesse zeigt, das eigene Programm verstehen zu wollen.

So startet der Sendecomputer eine erneute Runde belangloser musikalischer Berieselung anstatt durchaus vorhandenes qualifiziertes Programm zu senden. Um 15.11 Uhr erhalten wir ein erneutes Sendeloch; es scheint so, als habe jemand (oder gar Frau Schuckmann?) versucht, den Sendecomputer neu zu starten – mit dem schon bekannten Rauschen. Irgendwann gibt's dann wieder Musik und noch ein Sendeloch, gefolgt von einem etwas längeren Musikteppich, bis um 15.43 Uhr das DAT–Band gefunden und neu gestartet wird. Wir hören noch einmal die Licht-Sendung von Katharina Mann aus ihrer Sendereihe Hinter den Spiegeln. Das ist umso bemerkenswerter, als diese im Januar 2007 vom Programmrat ein Sendeverbot erhalten hat. Solange nur ja ihre Stimme nicht zu hören ist, scheint es den Verantwortlichen egal zu sein, ob die Sendung von ihr konzipiert worden ist. Schauen wir noch einmal kurz auf das Chaos der Sendestunde ab 15.00 Uhr. Wir erkennen das Sendeloch, das Susanne Schuckmann ignoriert hat, und auch den nachträglichen Versuch, die Wiederholung des Programms neu zu starten anhand der uns von der Sendestunde um 23.00 Uhr bekannten charakteristischen Lücken und Spitzen.

Die Sendestunde ab 15.00 Uhr im Audioschnittprogramm

Den Abschluß des außerplanmäßigen Chaosprogramms bildete die Heinerkult-Sendung vom März, bis sie nach etwa einer Viertelstunde von einer weiteren Konserve abgelöst wurde. Denn Aurel Jahns Sendung 291111 – radiodarmstadt.de/in-sendeplatz behandelte das Ende 2004 eingestellte Freiwillige Soziale Trainingsjahr beim IB [2]. Die in dieser Sendung verkündete Kabelfrequenz 102,75 MHz wurde jedoch vor zweieinhalb Jahren geändert. Aber das Verkünden falscher Kabelfrequenzen gehört bei Radio Darmstadt ohnehin zum guten Ton bei einem imaginären Programm.

 

Kurzes Fazit

1. Der Sendecomputer produziert nicht nur Hänger, sondern auch komplette Aussetzer. Für diesen Fall existiert kein Notfallplan. Die Sendenden sind auf sich allein gestellt.

2. Die Musikeinspeisung der Sendeloch-Erkennung ist schlampig programmiert. Anstatt aus einem Pool von Musikdateien im Shuffle-Modus immer wieder neue Stücke auszuwählen und dies zur Not mit einer Endlosschleife zu versehen, die nur dann unterbrochen wird, wenn wieder ein Signal vom Mischpult kommt, wurde offensichtlich eine endliche Liste von Musiktracks programmiert. Die Folge: ein erneutes Sendeloch.

3. Die Verkabelung der Sendetechnik enthält mindestens eine, wahrscheinlich jedoch mehrere Brummschleifen. Das Brummen ist insbesondere in stillen Passagen oder bei Sendelöchern zu hören. Für dieses Phänomen scheint der Bastelcrew der drei Technikvorstände jegliches Verständnis abzugehen.

4. Von den von den Mitgliedern des Trägervereins gewählten Verantwortlichen kann erwartet werden, daß sie anstehende Probleme nicht ignorieren und im wahrsten Sinne des Wortes aussitzen, sondern daß sie handeln. Von Redaktionssprechern kann erwartet werden, daß sie über die aktuellen Sendungen ihrer Redaktion informiert sind. Es scheint sich jedoch als ein Grundproblem des Senders herauszustellen, daß mit dem Vereinsausschluß von Katharina Mann und Norbert Büchner und dem Ausgrenzungskurs gegen Walter Kuhl sowohl das Wissen als auch die Kompetenz verloren gegangen ist, ordnend und strukturiert das Geschehen im Blick zu haben, um zu wissen, wann wo wie einzugreifen ist.

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Der Programmflyer ist an dieser Stelle ungenau. Er geht davon aus, daß es einen Bunten Dienstags Mix gibt. Vermutlich hat die Unterhaltungsredaktion dem Flyerteam unvollständige Daten abgeliefert.

[2]   Hierzu gibt es einen Abschlußbericht der Darmstädter Maßnahme.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 28. März 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2007, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet. Die Screenshots der Audiodateien zeigen die freie Open Source-Software Audacity.

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