Der Sender wirbt für Pfungstädter
Bierwerbung, Februar 2007

Radio Darmstadt

Alkoholfragen bei Radio Darmstadt

Dokumentation

 

Radio Darmstadt ist ein nichtkommerzielles Lokalradio. Sein Trägerverein wurde 1994 gegründet, um eine Alternative und Ergänzung zu den bestehenden öffentlich-rechtlichen und privaten kommerziellen Hörfunksendern aufzubauen. Menschen und Nachrichten, die im ansonsten durchformatierten Sendebetrieb keine Chance auf Öffentlichkeit besaßen, sollten hier ihren Platz finden. Dies galt für politische Fragen, lokale Themen und musikalische Nischen. Ende 1996 erhielt der Verein für ein derartiges Programm die Sendelizenz. Zehn Jahre später läßt sich die Tendenz beschreiben, daß (lokal)politische Themen immer weniger Platz im Darmstädter Lokalradio finden, während die Musikberieselung zunimmt. Zu diesem Wandel gehört, daß Fragen der Außendarstellung ein wesentlich größeres Gewicht erhalten als das Verbreiten journalistisch abgesicherter Tatsachen. Wer diese neue journalistische Ethik nicht mitträgt, wird aus dem Verein und dem Radio hinausgedrängt. [mehr]

Diese Dokumentation geht auf die Vorgänge seit April 2006 ein. Hierbei werden nicht nur die Qualität des Programms thematisiert, sondern auch die Hintergründe und Abläufe des Wandels vom alternativen Massenmedium zum imageorientierten Berieselungsprogramm dargestellt. Der Autor dieser Dokumentation hat von Juni 1997 bis Januar 2007 bei Radio Darmstadt gesendet, bis ihn ein aus dieser Umbruchssituation zu verstehendes binnenpolitisch motiviertes Sendeverbot ereilte. Als Schatzmeister [1999 bis 2001], Vorstand für Studio und Technik [2002 bis 2004] und Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit [2004 bis 2006] kennt er die Interna wie kaum ein anderer. [mehr]

In der Dokumentation werden die Namen handelnder Personen aufgeführt. Damit werden Argumentationsstränge leichter nachvollziehbarer gemacht und Verantwortliche benannt. Zur Klarstellung: Eine Diffamierung einzelner Personen ist hiermit nicht beabsichtigt. [mehr]

 


 

Zusammenfassung

Um es vorwegzunehmen: Bei Radio Darmstadt gibt es mehr oder weniger denselben, zum Teil verlogenen Umgang mit der Droge Alkohol wie beim Rest der Gesellschaft. Bierflaschen und Bierdosen sind jedoch seit etwa zwei Jahren nicht mehr so häufig anzutreffen wie noch zuvor. Hier hat eine klare Vorstandspolitik in den Jahren 2004 bis 2006 den Wildwuchs eingedämmt. Insofern wäre eher zu fragen: weshalb eine solche Seite? Die Antwort lautet: Alkohol ist durchaus ein Thema, wenn auch auf eine seltsame, zuweilen bigotte Art und Weise. Walter Kuhl hatte in seiner Sendung Weihnachten zwischen Besinnung und Besinnungslosigkeit einen gesellschaftlichen Zusammenhang zwischen Partykultur und Neuorientierung des Senders herzustellen versucht. Deswegen erhielt er ein Sendeverbot. Die Unterhaltungsredaktion forderte sogar, auf dem Sender zu verkünden, daß Alkohol vor oder während der Sendungen bei Radio Darmstadt kein Thema sei. Und das ist so verlogen, daß man und frau sich fragen muß weshalb ausgerechnet die Unterhaltungsredaktion …

Ich persönlich gehöre zu den Menschen, die wenig bis gar keinen Alkohol konsumieren. Dasselbe Verhalten fordere ich jedoch nicht von Anderen ein. Überhaupt bin ich kein Verfechter repressiver Erziehungsmaßnahmen, um Menschen von ihrem legalen oder illegalen Alkoholtrip herunterzubekommen. Allerdings ist es richtig, daß nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, sondern weltweit ein ungezügelter und sicherlich nicht gesundheitsfördernder Umgang mit Drogen aller Art gepflegt wird. Der Drogen– und Suchtbericht der Bundesregierung von Anfang Mai 2007 spricht Bände. Worauf es mir auf dieser Seite ankommt, ist ein gänzlich anderer Aspekt der Diskussion, nämlich das Totschweigen, Verleugnen oder Verniedlichen eines gesellschaftlich relevanten Themas, das auch bei Radio Darmstadt seinen Niederschlag findet. Wer leugnet, daß Drogen im Sender eine Rolle spielen könnten, handelt verantwortungslos und täuscht sich und Andere. Wer wegen einer solchen Aussage ein Sendeverbot verhängt, handelt bigott und zeigt damit das wahre Image des Senders und seiner Mitwirkenden.

 


 

Das Paralleluniversum der Unterhaltungsredaktion

Die Unterhaltungsredaktion regte sich auf ihrer Sitzung am 6. Januar 2007 so sehr über Walter Kuhls Weihnachtssendung vom 25. Dezember 2006 auf, daß sie vollständig die Contenance verlor und folgende Falschaussage zu Protokoll nehmen ließ

Nicht zuletzt wünscht die U–Redaktion eine Gegendarstellung, denn die U–Redaktion legt Wert auf die Feststellung, daß die Sendenden bei Radio Darmstadt vor und während der Ausstrahlung ihrer Sendungen keinerlei Drogen oder Alkohol zu sich nehmen.

Bemerkenswert an diesem Beschluß ist, daß die meisten Anwesenden es nun wirklich besser wissen. So gibt es ein Redaktionsmitglied, das während seiner Tätigkeit in der Radiowecker-Redaktion mehrfach dadurch aufgefallen war, nicht nüchtern zum Morgenmagazin erschienen zu sein. Wir wollen die Angelegenheit hier aus Gründen des zu respektierenden Persönlichkeitsrechts nicht weiter vertiefen; es reicht aus zu wissen, daß die Radiowecker-Redaktion das Suchtverhalten ihres Redaktionsmitglieds offen thematisiert und diesem dringend angeraten hat, eine Suchtberatung aufzusuchen. Anstatt sich der Problematik zu stellen, ist dieses Redaktionsmitglied mit seiner Sendung zu einer Redaktion übergewechselt, die keinerlei Interesse gezeigt hat, hier unterstützend tätig zu werden. Dieser Redakteur und Moderator hat seither ein sehr feindseliges Verhalten gegenüber seiner ehemaligen Redaktion an den Tag gelegt.

Bierdose der DJ-Zone
Bierdose, DJ–Zone am 3./4. Juni 2006

Das nebenstehende Foto wurde im Anschluß an eine nächtliche DJ–Zone der Unterhaltungsredaktion aufgenommen. Es zeigt eine Bierdose auf dem Tisch in der Vorhalle zu den Sendestudios. Damit soll nicht gesagt werden, daß sich diese DJ–Sendung durch Alkoholexzesse auszeichnet; ganz im Gegenteil. Hier hat nur einer der Mitwirkenden ausnahmsweise einmal ein alkoholisches Getränk zu sich genommen. Allerdings wird hierdurch die zitierte protokollierte Aussage falsifiziert. Wäre eine derartige Gegendarstellung über den Sender gegangen, dann hätte es sich nachweislich um eine unwahre Tatsachenbehauptung gehandelt.

Am 20. November 2003 wurde die Brandmeldezentrale des Senders in Betrieb genommen. Prompt löste sie Alarm aus. Ein Redakteur der Musikredaktion hatte im Sendestudio 1 das Fenster geöffnet, um über der Fensterbrüstung gebeugt eine zu rauchen. Dummerweise für ihn entstand ein Luftzug, der ins Studio zurückführte und hiermit den Rauchmelder auslöste. Darauf später angesprochen, behauptete selbiger Redakteur, er habe doch gar nicht im Studio geraucht, was – wie er weiß – laut Studioordnung auch verboten ist. Artikel 1 dieser Ordnung hält nun genau den Fall fest, den wir hier vorliegen haben:

In allen Räumen herrscht absolutes Rauchverbot; dies gilt auch für so konventionelle Ideen, dieses Verbot zu umgehen, wie das Rauchen über dem Fensterbrett. Gelegenheit zum Rauchen besteht an dem im Hof aufgestellten Aschenbecher.

Aber hat er wirklich geraucht? Ist Rauchen in diesem Sinne, wenn eine Kippe nur Tabak enthält? Gab es so betrachtet womöglich eine zusätzliche Substanz? Zumindest roch es danach.

Wenn wir schon beim Thema Haschisch sind: Erstens halte ich die Kampagne gegen diese Droge für vollkommen überzogen; sie ist weit ungefährlicher als zu rauchen und zu saufen. Sie ist allerdings aufgrund ihrer leistungsverhindernden Nebenwirkungen verpönt und deshalb auch in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft verboten. Zweitens gibt es ein Vorstandsmitglied, das in den Jahren 2005 und 2006 die Beschäftigten des Vereins dazu aufrief, mehr zu kiffen, obwohl diese nicht nur (zu) wenig, sondern gar nicht gekifft hatten. Ob er selbst dieser Leidenschaft frönt, muß uns hier nicht interessieren; es würde dieses Vorstandsmitglied jedoch sicherlich erträglicher werden lassen. Aber schon ein tolles Stück, die Angestellten zum Konsum einer illegalisierten Droge aufzufordern. Nun gut, die senden dann wenigstens nicht; und insofern fallen sie nicht unter die im Protokoll der Unterhaltungsredaktion verkündete unwahre Tatsachenbehauptung. Was hier eher interessiert, ist der doch eher lockere Umgang mit dem Thema Drogengenuß.

 

Was der Programmrat hierzu weiß

Eines schönen Tages, wahrscheinlich am 13. Februar 2006, stellte der Vorstand dem Programmrat mitten während seiner monatlichen Sitzung einen riesigen Karton mit Flaschen auf den Tisch. Diese Handlung wurde mit der Bitte verknüpft, die versammlten Redaktionssprecherinnen und –sprecher mögen doch bitte die Hinterlassenschaften ihrer Redaktionen entsorgen. Hierfür wären die vom Verein bezahlten Putzkräfte nicht zuständig. Es handelte sich neben einigen Wasserflaschen um eine aus dem Kühlschrank entwendete, ausgetrunkene und hierbei zerbrochene Sektflasche und um eine größere Batterie an Bierflaschen. Das Protokoll der Programmratssitzung vom 13. Februar 2006 hält unter dem Tagesordnungspunkt 8 (Nicht nur) Alkohol fest:

Es gab Beschwerden zu Vorfällen an Wochenend-Sendungen.In den Redaktionen soll diskutiert werden, ob ein generelles Alkoholverbot im Sender verhängt werden soll.

Offensichtlich gab es damals wohl doch ein kleineres Alkoholproblem, oder, liebe Unterhaltungsredaktion?

 

Die Redaktion "Partyservice"

Screenshot der Partyradio-Webseite
www.party-radio.de.tl

Im November 2006 gründete sich bei Radio Darmstadt eine eigene Party-Redaktion, offiziell die Redaktion Partyservice. Auf der Webseite zur Redaktion wird ausführlich auf die Vorlieben der Redaktionsmitglieder eingegangen. Für unseren Zusammenhang relevant ist die Frage, welches Lieblingsgetränk die jeweiligen Personen angegeben haben. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf den Stand dieser Webseite vom 6. Februar 2007. Die Redaktion sollte das Frühjahr nicht überleben.

About Deejay M.
[…]
Getränke:Spezi, Wasser, Pina Colada
[…]

About D.
[…]
Getränke:hauptsache Alkohol ;-)
[…]

About T.
[…]
Getränke:Pina Colada
[…]

About DJ W.
[…]
Getränke:vieles
[…]

About DJ S.
[…]
Getränke:Jacki Cola
[…]

Diese Webseite gibt sicherlich nur eine Tendenz wieder. Im Sendehaus sind die obigen Personen weder in alkoholisiertem Zustand noch in Begleitung entsprechender Utensilien angetroffen worden.

Das soll jedoch nicht heißen, daß der Alkoholkonsum auf dem Sender keine Rolle gespielt hätte. Das damalige Redaktionsmitglied Thilo M. gestaltete am 18. Dezember 2006 eine Sendung namens Party Monday zusammen mit seinem Kumpel DJ Whippet. Zu Gast hatten sie einen anderen Kumpel, nämlich den Geschäftsführer des Perfect Sunday Daniel Mikuschek. Sie plauderten – natürlich ganz ohne werbende Absicht … – über die diversen Bustouren in die Alpen, bei denen die Party so richtig abgeht. Thema war hierbei durchaus der reichlich fließende Alkohol [transkript]. Nur ein Schelm denkt etwas Böses dabei, wenn uns auf der Webseite des Perfect Sunday die auf dieser Dokumentationsseite noch öfter auftauchende Pfungstädter Brauerei begegnet.

 

Entsorgungsfragen

Bierflasche, gefunden von der Putzkraft
Fundstück, 26. Januar 2007

Im Jahr 2005 wurden die alkoholischen Fundstücke im Sendehaus mehrfach zusammengetragen und das bei einer nahe gelegenen Tankstelle daraus gewonnene Flaschenpfand der Vereinskasse zugeführt. Es sind zwar sicherlich keine gewaltigen Mengen, aber der wiederholte Vorgang zeigt, daß die Behauptung des Paralleluniversums, bei Radio Darmstadt gebe es keinen flüssigen Drogenkonsum, schlicht falsch ist. Am 7. März 2005 wurden € 4,32 einkassiert, am 14. Juni € 1,05, am 5. Juli 2005 € 6,00 und am 15. November 2005 € 5,10. Bei einem Flaschenpfand von 8 Cent pro Bierflasche kämen wir insgesamt umgerechnet auf 205 Flaschen. Kein Alkohol vor und während der Sendung? Wirklich? Vielleicht sei mir der Hinweis erlaubt, daß ich am 26. Januar 2007 zwei Redakteure der Unterhaltungsredaktion im Sendehaus mit einer Bierflasche in der Hand angetroffen habe, kurz bevor sie auf Sendung gingen.

Hierbei ist hinzuzufügen, daß unsere freundlichen Sendenden und ihre noch freundlicheren Studiogäste ihre Flüssigdroge zwar gerne mit in den Sender gebracht, sie aber dann kunstvoll in die Flaschenkisten eingesteckt haben, die für die Flaschen unseres Getränkeautomaten vorgesehen waren. So nach dem Motto: bitte räumt meinen Müll weg!

In der Nacht vom 5. auf den 6. März 2005 gab es eine Lange Nacht der Auslandsredaktion. Am Montag darauf schrieben die beiden damaligen Vorstandsmitglieder Daniel Roß und Walter Kuhl dem Sprecherteam der Redaktion folgende E–Mail:

Hallo Elik und Hacer,

wir haben in der Küche einen Haufen Bierflaschen (etwa 54) vorgefunden und vermuten, daß diese Bierflaschen die Hinterlassenschaft der Langen Nacht der Auslandsredaktion sind.

Sollte dies so sein, dann:

Finden wir es erstaunlich, daß diese Bierflaschen in die Cola-Kästen gesteckt worden sind, wo sie garantiert nichts zu suchen haben. Marcus B. alias TFM hätte euch dann den Kopf abgerissen. So war Katharina freundlich genug, diesen Unsinn wieder rückgängig zu machen.

Finden wir es noch erstaunlicher, daß die Verursacher/innen der Bierflaschen selbige nicht selbst beseitigt haben.

Haben Thomas S. und Daniel Roß diese Flaschen für euch entsorgt. Hierfür stellen wir euch eine Bearbeitungsgebühr von zehn Euro in Rechnung.

Müssen wir uns fragen, in welchem nicht nüchternen Zustand diese lange Nacht durchgeführt worden ist. Es gilt für alle Sendenden und auch für deren Gäste die BenutzerInnen-Ordnung, wonach für das Senden sozusagen der Nüchternheitszustand der Straßenverkehrsordnung gilt. Eigentlich heißt das: unter solchen Umständen dürfte es keine Sendung mehr geben.

Mit der Bitte um eine Stellungnahme.

 

Einige Kästen Bier

Zur Langen Nacht der Musen am Freitagabend des 22. September 2006 organisierte Vorstandsfrau Susanne Schuckmann zwei Kästen Bier. Dies ist eigentlich nicht erwähnenswert. Und doch stellt dieser Bierausschank am Musenabend ein Novum bei Radio Darmstadt dar. In den vergangenen Jahren hat der Sender grundsätzlich keine alkoholischen Getränke ausgeschenkt. Mit dem neuen Vorstand weht hier eine neue Fahne …

 

Sponsoring à la RadaR

Üblicherweise findet Sponsoring so statt, daß der Sponsorpartner dem gesponserten Event oder der unterstützten Organisation finanziell oder zumindest immateriell unter die Arme greift. Bei Radio Darmstadt verläuft das genau andersherum. Wir drucken Flyer mit dem Emblem einer lokalen Brauerei und bezahlen diesen Flyer selbstverständlich selbst. So sieht die konkrete Unterstützung der notleidenden lokalen Geschäftswelt aus!

Flyer Vorderseite Flyer Rückseite

Dieser Flyer zugunsten der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 10–jährigen Dauersendebetrieb am 3. Februar 2007 wurde von einem ehemaligen Vorstandsmitglied gestaltet und in Druck gegeben. Hierbei benutzte er für die Rückseite des Flyers eine Vorlage seiner eigenen (halb)kommerziellen Veranstaltungen. Sein dortiger Sponsor ist eine Pfungstädter Brauerei. Er hätte demnach das Logo dieses Sponsors aus einem Flyer für Radio Darmstadt entfernen müssen. Dies thematisierte ich auch auf einer Vorstandssitzung im Februar oder März 2007. – Anmerkung am Rande: an der auf der Rückseite dieses Flyers angekündigten Wahl zum Hit des Jahrzehnts beteiligten sich maximal neun Personen. So zumindest teilte Michael S. es der Frankfurter Rundschau mit. Es gibt Peinlichkeiten, die man besser verschweigt …

 

Werben für ein als Sport getarntes Saufevent

Foto von der Flunkyball-Webseite
Flunkyball WM 2005

In der Audiomax-Sendung am 10. April 2007 sprechen die beiden Moderatoren Peter Fritscher und Stefan M. mit ihren Gästen über die im August in Darmstadt stattfindende Flunkyball-Weltmeisterschaft. Hierbei werden auch die Spielregeln erklärt. Das Spiel besteht, vereinfacht gesagt, darin, daß ein Team aus vier Personen drei leere Bierdosen treffen muß. Während die gegnerische Mannschaft diese Dosen wieder aufstellt, gilt es nun, einen halben Liter Bier schnellstmöglich zu inhalieren. Die Mannschaft, die am schnellsten gesoffen hat, hat gewonnen. Das zum Spiel gehörende Strafgesetzbuch erfindet weitere Möglichkeiten zum erhöhten Biergenuß. Die Mannschaften, die das Finale erreichen, werden jeweils sieben Spiele absolvieren und sich hierbei mit mindestens dreieinhalb Liter Bier an einem knallheißen Tag zugedröhnt haben. Diese Werbeveranstaltung mit Hilfe einer lokalen Brauerei – es handelt sich um dieselbe Brauerei, die von Radio Darmstadt gesponsert wird – wird ohne eine einzige kritische Anmerkung zum verbreiteten Alkoholismus vorgestellt. Das Mindestalter für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist 16 Jahre. Jugendliche benötigen zur Teilnahme die Einwilligung der Eltern.

Nun ist es eine Sache, wenn Jugendliche meinen, sich die Kanne geben zu müssen. Eine ganz andere Sache ist es, wenn Radio Darmstadt hierfür auch noch eine Plattform bietet. Pikant wird die Angelegenheit, wenn wir uns erinnern, daß eines der im Januar ausgesprochenen Sendeverbote sich daran entzündete, daß auf dem Sender von einer "alkoholfreudig drogenkonsumierenden Partyfraktion" die Rede war. Diese Bemerkung, die angeblich negativ auf den Sender zurückfalle, sei nämlich imageschädigend. Daraus ist der Schluß zu ziehen, daß es zum Image des Darmstädter Lokalsenders gehört, das Saufen als ganz normale gesellschaftliche Aktivität anzupreisen.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, hat am 3. Mai 2007 ihren Jahresbericht vorgestellt. Zur Droge Alkohol heißt es auf der Webseite der Bundesregierung:

1,6 Mio. Menschen gelten als alkoholabhängig (wovon sich nur etwa 10 Prozent einer Therapie unterziehen). Weitere 1,7 Millionen praktizieren einen gesundheitsschädigenden, missbräuchlichen Konsum von Alkohol. Es wird von über 40.000 alkoholbedingten Todesfällen pro Jahr in Deutschland ausgegangen.
Screenshot von der "Impuls für X"-Webseite
Impuls für X, April 2007

Radio Darmstadt trägt mit seiner unkritischen Werbung für ein sportives Trinkevent mit zu diesen Zuständen bei und konterkariert damit seinen Anspruch als Medium der Gegenöffentlichkeit, wie er im Lizenzantrag vom September 1996 formuliert worden war. – Eine weitere Vorstellung dieses Events durch die Veranstalter war am 19. April in der Sendung Impuls für X und am 23. April als Ersatz für die Sendung Crazy Monday zu hören. Auf der Webseite www.flunkyball.de wird Radio Darmstadt als Sponsor genannt. Der Vorstand des Trägervereins war im April 2007 hierüber nicht informiert.

Podcast der Sendung vom 19. April 2007. Das Interview ist zwischen den Minuten 19 und 24 zu finden.

Für alle, die authentisch erfahren wollen, was Flunkyball wirklich ist: Zur Flunkyball-Weltmeisterschaft Anfang August 2007 in Darmstadt gibt es auch ein Video, das bei YouTube zu sehen ist.

Ende Juli ist die Flunkyball-Webseite abgeschaltet worden. Die Organisatoren schreiben hierzu:

Zur Zeit sind wir leider gezwungen, diese Webseite aus dem Verkehr zu ziehen. Die Stadt Darmstadt hat uns eine Durchführung der Flunkyball WM 2007 untersagt. Deshalb greifen wir erst einmal zu solch einer drastischen Massnahme, um weitere Unannehmlichkeiten zu verhindern.
Also: Die Flunkyball WM 2007 findet nicht statt!
Programmflyer August 2007
Flunkyball auf Radio Darmstadt

Das scheinen die Verantwortlichen unseres Programmflyers noch nicht so ganz mitbekommen zu haben. Für Samstag, den 4. August 2007, ist für 11.00 bis 17.00 Uhr eine sechsstündige Liveübertragung dieses Sportsaufens vorgesehen. Hierauf wird bei den "ausgewählten Sendungen" noch einmal ganz besonders hingewiesen.

Am 30. Juli, also am Montag vor der geplanten Weltmeisterschaft, gab ich per E–Mail gegenüber Programmrat und Vorstand meiner Verwunderung über die Unterstützung einer alkoholfreudigen Veranstaltung Ausdruck:

Hallo Programmrat,
cc: Vorstand

ich sehe gerade auf dem neuen Programmflyer, daß es am 4.8. (Samstag) eine Liveübertragung von der Flunkyball–WM geben soll. Kann mich eine oder jemand aufklären, wann das beschlossen wurde. [1]

Weiterhin frage ich mich, weshalb Radio Darmstadt ein derartiges als Freizeitsport verkleidetes Saufevent unterstützt. Auf der Flunkyball-Webseite war RadaR sogar als Sponsor angegeben. An mindestens drei Nachmittagen und Abenden wurde schon im April hierfür ausgiebig auf dem Sender Werbung gemacht.

Die Flunkyball-Webseite ist jetzt erst einmal offline. Grund – laut Webseite www.flunkyball.de:

"Zur Zeit sind wir leider gezwungen, diese Webseite aus dem Verkehr zu ziehen. Die Stadt Darmstadt hat uns eine Durchführung der Flunkyball WM 2007 untersagt. Deshalb greifen wir erst einmal zu solch einer drastischen Massnahme, um weitere Unannehmlichkeiten zu verhindern.
Also: Die Flunkyball WM 2007 findet nicht statt!"

Weiß hier etwa der Vorstand mehr?
Auf der letzte Vorstandssitzung wurde das Thema ja behandelt.
Würde mich schon interessieren, wie der Vorstand zum organisierten Saufen steht.

Ich für meinen Teil sage hierzu nur das, was in meiner Weihnachtssendung zu hören war [2]:
"alholfreudig drogenkonsumierende Partyfraktion"

Offensichtlich habe ich doch nicht so falsch gelegen. Kann das sein? Und handelt es sich bei dem Flunkyball-Event um eine imagefördernde Maßnahme nach Maßgabe der Sendekriterien? Für diejenigen, die schon immer wissen wollten, was Radio Darmstadt ist und unterstützt, hier eine Imagestudie als angehängtes JPG [3]. Dieses Foto fand sich auf der nun abgeschalteten Webseite.

Mit süffigen Grüßen
Walter Kuhl

 

Der Flunkyball-Diskurs auf dem Sender

Teil 1: 31. Juli – Christian Knölker

Der erste, der meine interne Mitteilung nutzt, ist Radiowecker-Redakteur Christian Knölker. Da ihm weitere Informationen nicht zugänglich sind, gibt er sein Halbwissen ungefiltert weiter, anstatt zunächst zu recherchieren und vielleicht erst am Donnerstag gesicherte Informationen zu vermelden:

Sechs Uhr sechsundzwanzig. Für den kommenden Samstag, den 4. August, war eigentlich die Flunkyball–WM 20 07 geplant, die in diesem Jahr zum dritten Mal stattfinden sollte. Die Stadt Darmstadt hat allerdings aus nicht bekannten Gründen die Durchführung untersagt. Diese Veranstaltung wird also nicht stattfinden. Die Teams, die sich bereits angemeldet haben, werden auch davon verständigt. Und es war ja vorgesehen, daß diese Veranstaltung am Samstag live in Radio Darmstadt übertragen wird. Das sollte ja ab elf Uhr geschehen. Auch diese Liveübertragung findet natürlich nicht statt, statt dessen läuft dann die Wiederholung des Programmes vom Freitagabend.

Wir erfahren hier nicht, was Flunkyball ist. Knölker kennt nur meine Mitteilung an den Programmrat und hat die zugehörige Webseite aufgerufen, um auch nicht mehr darüber zu erfahren. Dieses Nichtwissen wird kundgetan, was seinem Auditorium einen klaren Erkenntnisgewinn verschafft. Morgens erreicht er das städtische Presseamt nicht, obwohl er es sogar versucht hat. Herr Knölker besitzt die unnachahmliche Fähigkeit, Menschen zu allen Tages– und Nachtzeiten per Telefon oder Handy zu kontaktieren. Er hätte sich eigentlich denken können, daß die städtischen Bediensteten des Presseamtes gewiß noch nicht arbeiten, wenn ihre Informationsquellen noch nicht ihren Dienst aufgenommen haben. Daß vorgesehen war, diese Veranstaltung live zu übertragen, ist eine Behauptung des Programmflyers. Der Programmrat, dem die Sendehoheit eigentlich obliegt, weiß davon nichts. Eigentlich hätte Herr Knölker als Mitglied dieses Gremiums hier laut aufschreien müssen. Was erdreistet sich ein Vorstandsmitglied, einfach ein eigens Programm in den Flyer zu setzen? Daß nun doch die Wiederholung des Vorabendprogramms laufen wird, ist konsequent. Die Hörerinnen und Hörer sind jedoch mit dem Programmschema vielleicht nicht so vertraut, so daß es sich hier um eine eher kryptische Andeutung handelt. Informierte informieren eben Informierte.

Meinem Anrufbeantworter vertraut er an, daß das mit dem Saufen doch nicht so schlimm sein könne:

Und außerdem scheint mir der Alkoholkonsum ja in dieser Sache nicht übermäßig, denn von den Internetseiten hab ich auch die Spielregeln lesen können. Wobei ein Teilnehmer während eines Spiels ja nur eine Flasche Bier trinkt. Das halte ich [hier endet die Ansage].

Wer die Spielregeln genau liest, erfährt jedoch, daß es ausgefeilte Sanktionsmaßnahmen gibt, die dafür sorgen können, daß es nicht bei der einen Flasche pro Spiel bleibt. Wenn der Weg ins Finale jedoch (mindestens) sechs Spiele erfordert, bedeutet dies … nur …? Das kommentiere ich lieber nicht weiter, weil ich mich sonst der Verletzung des Persönlichkeitsrechts schuldig machen würde.

 

Teil 2: 1. August – Das Dream Team

Am 1. August begrüßt uns am frühen Morgen das neue Radiowecker-Team mit Vorstandsfrau Susanne Schuckmann, ihrem Vorstandskollegen Peter Fritscher und der Minijob-Bürokraft Silke W. Nach etwa zwanzig Minuten beginnen die drei, sich über den Ausfall der Flunkyball-Weltmeisterschaft zu unterhalten. Genauer: Schuckmann (im Folgenden: Su) und Fritscher (im Folgenden: Pe) talken und Silke darf zum Schluß ihren bemerkenswerten Senf dazu abgeben.

Su.: Ja, wir hatten ja auch ein kurzes Thema mal gehabt. Christian Knölker hat es wohl gestern auch mal im Radiowecker angesprochen. Und zwar sollte am Samstag die komische ominöse Flunkyball–WM stattfinden. Vielleicht klärt uns Peter, jetzt hier anwesend, mal darüber auf.

Schon der Einstieg verrät: jetzt informieren Informierte Informierte. Etwas ist komisch, gar ominös. Und Christian Knölker hat es auch schon angesprochen. Schuckmann geht selbstverständlich davon aus, daß ihr Auditorium jetzt weiß, wovon sie redet.

Pe.: Eh,über was die Flunkyball ist oder warum das nicht stattfindet?
Su.: Ja, erstmal was es ist natürlich, und dann wissen wir auch gleich, warum sie nicht stattfindet. Nehme ich doch mal an.
Pe.: Also, Flunkyball gibt's eigentlich schon seit 2000. In dieser Tradition immer veranstaltet von verschiedenen Studenten. Wo andere Studenten aus ganz Deutschland eingeladen werden. Also, von Berlin kommen viele, von München, Hannover und so weiter. Und dieses Spiel, Flunkyball heißt es, also die Spielregeln sind so: Man trinkt ein Bier und muß dann gewisse Aufgaben erfüllen. Und man ist aber zu viert in einem Team, also man wechselt sich ab, also man besäuft sich dann nicht gnadenlos, sondern …
Su.: Man(n), man(n) …
Pe.: Es sind sehr viele Frauen auch dabei.
Su.: Ah ja, das wollte ich nur wissen.
Pe.: Ja. Also es ist so'n gemischtes just for fun–Spiel, wo aber nicht übertrieben wird mit dem Alkohol [4]. Das ist natürlich klar. Aber um halt die Geschicklichkeit oder bzw. die Konzentration herauszukriegen, und halt mit dem Alkohol ein bißchen zu beeinflussen.
Su.: Und das gefällt dir?
Pe.: Ehm, mir gefällt's nicht unbedingt. Also, ich hab's mir, ehrlich gesagt, noch nie angeguckt [5]. Ich hab's dieses Jahr auch erst selber erfahren. Und meine Idee war halt dahinter, das eigentlich zu übertragen am Samstag.
Su.: Und in welcher Form? Also was weiß ich? Roberta B. liegt vorn und Dieter D. reicht ihr das Bier? Oder?
Pe.: Nee, wir wollten schon 'ne kritische Berichterstattung machen, wir wollten einmal am Anfang ganz locker mit jedem Veranstalter halt auch ein Interview machen, was die Spielregeln sind allgemein, und dann halt auch kritisch zu hinterfragen, ob das hier überhaupt Sinn macht.

Peter Fritscher ist hier eindeutig in der Defensive und muß seiner Mentorin gegenüber legitimieren, warum er – am Programmrat vorbei – eine Liveübertragung eines Saufevents im Programmflyer untergebracht hat. Das geht nur über den Begriff kritisch. Seine Interviews mit den Veranstaltern am 10. und am 19. April ließen jedoch eine kritische Betrachtung, die den Begriff kritisch auch verdient, vermissen. Deshalb benutzt er im folgenden Satz einen Sprachbaustein, den er womöglich bei Frau Schuckmann im Ausbildungsseminar aufgeschnappt hat.

Pe.: Das ist natürlich klar, wir sind ein Gegenöffentlichkeitsradio.
Su.: Gegen die Öffentlichkeit?
Pe.: Gegen die Öffentlichkeit.

Susanne Schuckmann hat seinen Bluff bemerkt und ihm eine Falle gestellt, in die er gleich hineingetappt ist. Köstlich!

Pe.: Und, nee, wir wollten halt … natürlich soll auch der Spaß natürlich nicht zu kurz kommen. Und wollten das halt so ein bißchen übertragen. Vor Ort wäre auch ein DJ gewesen, der hätte dann die Musik gleich hier live im Radio gemacht. Wär auch noch 'ne schöne Sache. Natürlich werden wir die Spiele auch ein bißchen teilweise oder wollten wir ein bißchen kommentieren, aber leider ist es ja nicht zustande gekommen.
Su.: Ja, und warum?
Pe.: Weil die Stadt Darmstadt nach sieben Jahre plötzlich eingesehen hat, daß es nicht ehm oder jugendgefährdet [sic!] ist und daß es halt nicht ok ist.
Su.: Aber es ist es doch auch, jugendgefährdend. Schließlich muß ich da erst mal was trinken, bevor ich überhaupt mich bewegen darf.
Pe.: Ehm, ja, aber …
Su.: Das erinnert mich so ein bißchen an so andere studentische Zirkel, wo überwiegend Männer sich treffen, um dann saufenderweise den Abend zu verbringen. Das haben wir auch hier des öfteren in Darmstadt. Ich möchte jetzt hier nicht grad' darauf eingehen.
Pe.: Also, es ist erstmal …
Su.: Die schlagen sich dann auch.
Pe.: Nein, man muß erst mal achtzehn sein. Also unter achtzehn Jahren darf man [unverständlich, weil Susanne reinplappert:]
Su.: Studierende gibt's, glaube ich, auch nicht unter achtzehn.
Pe.: Ja, aber es machen auch ein paar Schüler mit. Also, so ist es ja nicht. Und wie gesagt, die kommen auch aus ganz Deutschland, also. Und jetzt ist halt, die Stadt Darmstadt meinte, daß es halt nicht mehr so ok ist, obwohl sieben Jahre gelaufen ist. Man muß sich das halt mal vorstellen. Das ist nicht von heute auf morgen, das ist nicht Veranstaltung vom ersten Mal. Sondern die läuft schon zum fünften Mal, glaube ich, jetzt mittlerweile. Und jetzt fällt denen auf einmal aus heiterem Himmel eine Woche davor ein, das ist nicht ok.
Su.: Mhm.
Pe.: Und jetzt findet am Samstag nicht die Flunkyball–WM hier in Deutschland, eh hier in Darmstadt statt. Ja, und wir werden das auch nicht übertragen. Allo, es läuft auf Radio Darmstadt die normale Wiederholung, als Information. Wer das sich jetzt anhören wollte, muß ich euch leider enttäuschen.
Su.: Kann sich das nicht anhören, da sie ja auch gar nicht stattfindet.
Pe.: Genau.
Su.: Wie stehen wir denn dazu? Silke, wie stehst du denn dazu?
Silke: Finde ich sehr schade, wenn ihr mich fragt.
Su.: Wieso?
Silke: Na, weil da mal wieder richtig so was los wär.
Su.: Flunkyball? [Gelächter] Silke?! Wie ist denn dein Alkoholpegel heute morgen?
Silke: Ziemlich hoch noch. Ich war gestern noch feiern.
Su.: Ach so, das sagt alles. [Lachen Peter] Und dich lassen wir hinter das Mikrofon.
Silke: Tja, ich würde sagen, Radiowecker, Morgenwecker und Chaosradio. [6]

Silke W. verrät hier eindeutig, daß sie gegen die Studioordnung des Senders verstoßen hat, wonach nur diejenige ans Mischpult und ans Mikrofon darf, welche auch nach den Regeln der Straßenverkehrsordnung fahrtüchtig wäre. Dies ist sie nach eigenem Bekunden offensichtlich nicht. Anstatt daß nun die beiden Vorstandsmitglieder die Studioordnung durchsetzen, lachen sie nur über ihre Entdeckung herum. Sehr verantwortungsvoll!

Dies ist eine Sendung der Unterhaltungsredaktion. Die Unterhaltungsredaktion hat auf ihrer Paralleluniversumssitzung am 6. Januar 2007 beschlossen,

daß die Sendenden bei Radio Darmstadt vor und während der Ausstrahlung ihrer Sendungen keinerlei Drogen oder Alkohol zu sich nehmen.

Q.e.d.

 

Teil 3: 2. August – Noch einmal Christian Knölker

Im heutigen Radiowecker trägt Unterhaltungsredakteur Knölker mehr oder weniger unverändert den Text der Pressemitteilung von Jochen Partsch vor. Irgendeine Form distanzierten Herantretens an den Text, beispielsweise durch Paraphrase des Textes, fehlt. Ist das jetzt Verlautbarungsjournalismus?

 

Teil 4: 3. August – Michael, genannt "Chappi", Schardt

Flyer: da-bands mit Pfungstädter
Darmstädter Bands treffen auf Pfungstädter Bier (Flyer)

Michael S. vertritt im KultTourKalender am 3. August 2007 seine im Urlaub weilende Kollegin Petra S. Als Organisator diverser Bluesevents ist er mit einer Pfungstädter Brauerei verbandelt. Hierbei handelt es sich ganz und gar nicht zufälligerweise genau um diejenige, welche der Flunkyball–WM das Bier spendieren wollte. Somit befindet sich Kulturredakteur S. in einem Loyalitätskonflikt. Einerseits muß er den guten Ruf von Radio Darmstadt schützen. Denn der Sender wollte von einem Event live übertragen, das vom Ordnungsamt der Stadt Darmstadt untersagt wurde. Andererseits darf er nicht allzusehr über den organisierten Alkoholismus herziehen. Denn seine Events finden vorzugsweise in Kneipen oder bei Festivitäten statt, auf denen das Bier seines Sponsors sprudelt. Schauen wir uns also an, wie er sich am Freitagabend vor der ausgefallenen Weltmeisterschaft mehr schlecht als recht aus der Affäre zieht:

Für den morgigen Samstag war die Flunkyball–WM angekündigt in Darmstadt. Radio Darmstadt hat's auch im Programm ausgedruckt. Wir wollten darüber kritisch berichten, aber dazu kommt es nicht, denn das nach Veranstalterangabe lustige Trinkspiel wird's in Darmstadt nicht geben. Stadtrat Jochen Partsch, der Darmstädter Jugenddezernent, ist dagegen interveniert und hat die Ausrichter aufgefordert, der Aufforderung des Darmstädter Bürger– [und] Ordnungsamtes Folge zu leisten, und den zweifelhaften Wettbewerb abgesagt.

Wenn man schon ungeniert aus der Pressemitteilung der Stadt abliest, dann sollte man nicht auch noch den Sinn verfälschen. Denn im Original lautet der letzte Satz:

Nach Intervention von Darmstadts Jugenddezernent, Stadtrat Jochen Partsch, haben die Ausrichter der "Flunkyball-WM 2007" einer Forderung des Darmstädter Bürger– und Ordnungsamtes Folge geleistet, und diesen zweifelhaften Wettbewerb abgesagt.

Dann referiert der Kulturredakteur munter weiter das städtische Statement, ohne seinen Hörerinnen und Hörern zu erklären, was Flunkyball ist und was dort wirklich geschieht. So bleibt die Maßnahme des Ordnungsamtes unverständlich. Die Pressemitteilung von Jochen Partsch ist aber auch nicht viel besser. So heißt es dort:

"Insbesondere die Möglichkeit für Minderjährige im Rahmen dieser Veranstaltung mittels einer Einverständniserklärung teilnehmen zu können und exzessiv Alkohol zu konsumieren, ist nicht hinnehmbar", so der Jugenddezernent weiter.

Wessen Einverständniserklärung? Nur, wer das Regelwerk zur Flunkyball–WM kennt, weiß, daß es sich um die Einverständniserklärung der Eltern handelt, daß ihre Sprößlinge mitsaufen dürfen. Da Michael S. einfach abliest, bemerkt er nicht, daß hier eine relevante Information fehlt; er plappert den Text der Pressemitteilung einfach nach. Allerdings bemüht er sich, sein Referat nicht so offensichtlich als fremden Text vorzutragen, was aber prompt schiefgeht, weil er nicht begreift, daß man wörtliche Zitate nicht einfach ändern kann, nur weil sie dann besser nachzuerzählen sind. Das gilt auch dann, wenn die Pressestelle ein Zitat erfunden und dem städtischen Dezernenten untergeschoben hat. Im Original heißt es im Folgesatz:

Dass dieser Wettbewerb schon in den vergangenen zwei Jahren in Darmstadt ausgetragen worden sein soll, sei der Stadt nicht bekannt gewesen. "Sonst wären wir schon damals dagegen vorgegangen", versicherte der Stadtrat.

Und hier die im KultTourKalender vorgetragene Verfälschung:

Daß dieser Wettbewerb, die Flunkyball–WM, nun schon in den vergangenen zwei Jahren in Darmstadt ausgetrugen … tragen worden sein soll, sei der Stadt nicht bekannt gewesen. "Sonst hätten wir damals schon etwas dagegen unternommen."

Daß hier ein Zitat vorliegt, wird einfach verschwiegen. Ist ja auch nicht so wichtig. Hauptsache, man bastelt sich den Text on the fly während des Vorlesens schnell zurecht.

 

Teil 5: Einige offene Fragen

Screenshot vom Bimbel-Forum
Eintrag vom 4. April 2007

1.  Wer hat in den Programmflyer die Ankündigung einer Liveübertragung hineingeschrieben, die vom Programmrat (noch) nicht genehmigt worden war?

2.  Wie kam der Sponsorenlink von Radio Darmstadt auf die Flunkyball-Webseite?

3.  Weshalb wußte einer der Veranstalter schon am 4. April in einem Internetforum zu berichten, daß die Weltmeisterschaft bei Radio Darmstadt live übertragen werden würde? [dokument]

4.  Was bedeutet für Peter Fritscher und Michael S. der Begriff kritische Berichterstattung?

 

Teil 6: Nachtrag, 6. August 2007

Die unkritische Vorstellung der Flunkyball-Weltmeisterschaft, die am 19. April 2007 in der Sendung Impuls für X zu hören war, wird anstelle des Party Monday am 6. August im Abendprogramm wiederholt. Wahrscheinlich hat sich derjenige, der die Aufzeichung eingelegt hat, nichts dabei gedacht.

 

Partystimmung

Geburtstagsvorbereitung
Geburtstagsvorbereitung

Anfang Juli 2007 feierte der Sprecher der Kulturredaktion im Sendehaus seinen 70. Geburtstag. Seine zum Teil aus Italien angereiste Verwandtschaft wurde hierzu auch ans Mikrofon gelockt. Ich halte es für eine gute Idee, die Räumlichkeiten des Senders auch für private Feiern zu nutzen; und deshalb wünsche ich Rüdiger alle Gute auch für die nächsten siebzig Jahre.

Bedenklicher stimmt mich der eher unreflektierte Umgang mit der Verköstigung. Mag sein, daß es angesichts unseres reichhaltig gefüllten Getränkeautomaten keinerlei größerer Mengen alkoholfreier Getränke mehr bedurft hat. Dennoch sehe ich in der im Kühlschrank gestapelten Batterie der aus den abgebildeten Kästen entnommenen Bierflaschen schon ein Problem. Denn wenn die Unterhaltungsredaktion Recht behalten soll, daß "die Sendenden bei Radio Darmstadt vor und während der Ausstrahlung ihrer Sendungen keinerlei Drogen oder Alkohol zu sich nehmen", dann scheint es mir sinnvoll zu sein, die Versuchung, vielleicht doch nicht ganz so nüchtern zu senden, erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Daß wir hier die Bierkästen der uns nun hinlänglich bekannten Pfungstädter Brauerei vorfinden, ist gewiß nur ein Zufall.

 

Wird bei Bedarf fortgesetzt …

 

Noch einmal zurück zum Paralleluniversum

Sendehaus, Wihnachten 2006
Das Sendehaus Weihnachten 2006

Was mag also die Unterhaltungsredaktion dazu veranlaßt haben, eine offensichtliche Falschmeldung lancieren zu wollen? Vielleicht ist es hier sinnvoll, die eingeforderte Gegendarstellung im Zusammenhang zu betrachten. Walter Kuhl als Spielverderber der ohnehin auf dem Sender nicht vorhandenen Weihnachtsstimmung hat ein Thema angeschnitten, auf das im Sender offensichtlich einzelne Personen und Redaktionen allergisch reagieren. Nicht etwa, weil der Sender clean, sondern gerade deshalb, weil er es nicht ist. Die Abwehr vorhandener Schuldgefühle in Verbindung mit dem Auffliegen einer unter den Teppich gekehrten Wahrheit erforderte es geradezu, den Störenfried abzustrafen. Der innere Konsens, über Drogenfragen nicht offen zu reden und die vor allem flüssigen Drogen auf kleiner Sparflamme zu dulden, wird in Frage gestellt. Dabei wird nicht nur die Intention der Sendung vollkommen verkannt, sondern auch das Credo ihres Autors.

Offensichtlich begreifen es die aus der Partygeneration stammenden jüngeren und älteren Vereinsmitglieder, die erst relativ kurz dabei sind, nicht, daß man und frau gleichzeitig kritisch und vor allem gesellschaftskritisch zu Drogen aller Art Position beziehen und gleichzeitig deren vollständige Legalisierung fordern kann. Eingebunden in einen beschränkten Horizont kennen sie nur den medial inszenierten derzeitigen Drogendiskurs (der Alkohol und Zigaretten mit einschließt), der vorwiegend auf repressive Maßnahmen setzt. Anstatt dazu zu stehen, zu rauchen, zu trinken und meinetwegen auch zu kiffen, anstatt dazu aber auch ein reflektiertes Verhältnis zu entwickeln, wird eine Verteidigungshaltung entwickelt, die vor allem den Schein, also das Image der Sendekriterien nach außen tragen soll: wir haben dieses Problem nicht. Wenn ihr dieses Problem wirklich nicht haben solltet, dann sorgt endlich dafür, daß der auch euch bekannte Redaktionskollege endlich seine Sucht erkennt, sie als Teil seines Selbst akzeptiert und entsprechende Selbsthilfeangebote offensiv nutzt! Oder wollt ihr weiter zusehen, wie er sich mit Flüssigkraftstoff zudröhnt? Daß sein mikrofones Auftreten innerhalb und manchmal auch außerhalb des Senders dem Image des Senders entsprechen könnte, ist hingegen eher sekundär.

Meine Güte, seid ihr bigott.

 

ANMERKUNGEN

 

[1]   Sendezeiten sind durch den oder Redaktionssprecher/in beim Programmrat anzumelden und von diesem zu genehmigen. Dies kann kurzfristig auch über den internen E–Mailverteiler geschehen.

[2]   Unter anderem diese Bemerkung brachte mir ein Sendeverbot durch den Programmrat ein.

[3]   Siehe das abgebildete Foto von der Flunkyball–WM 2005.

[4]   Auch hier wird das Event verharmlost. Ab wann ist der Alkoholkonsum übertrieben? Aber vier Flaschen, ab acht oder gar zwölf? Wer die Spielregeln richtig liest, kommt zu dem Ergebnis, daß eine Finalteilnahme nicht unter drei Litern ex–getrunkenem Bier zu haben ist. Ist das für Fritscher normal? Oder plappert er einfach nur dummes Zeug?

[5]   Hier wäre eine Internetrecherche sicherlich nützlich gewesen.

[6]   Nicht autorisiertes Transkript nach dem Höreindruck. Sprachverschleifungen wurden entweder gekennzeichnet oder in Schriftdeutsch umgewandelt. Eine Sinnverschiebung findet hierbei nicht statt.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 27. Oktober 2007 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2007. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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