Playlist ohne Eintrag
Die Playlist: 29 Tage ohne Eintrag

Radio Darmstadt

Kündigung der Mitgliedschaft bei RadaR e.V.

Dokumentation des Austrittsschreibens von Walter Kuhl

 

Radio Darmstadt ist ein nichtkommerzielles Lokalradio. Sein Trägerverein wurde 1994 gegründet, um eine Alternative und Ergänzung zu den bestehenden öffentlich-rechtlichen und privaten kommerziellen Hörfunksendern aufzubauen. Menschen und Nachrichten, die im ansonsten durchformatierten Sendebetrieb keine Chance auf Öffentlichkeit besaßen, sollten hier ihren Platz finden. Dies galt für politische Fragen, lokale Themen und musikalische Nischen. Ende 1996 erhielt der Verein für ein derartiges Programm die Sendelizenz. Zehn Jahre später läßt sich die Tendenz beschreiben, daß (lokal)politische Themen immer weniger Platz im Darmstädter Lokalradio finden, während die Musikberieselung zunimmt. Zu diesem Wandel gehört, daß Fragen der Außendarstellung ein wesentlich größeres Gewicht erhalten als das Verbreiten journalistisch abgesicherter Tatsachen. Wer diese neue journalistische Ethik nicht mitträgt, wird aus dem Verein und dem Radio hinausgedrängt. [mehr]

Diese Dokumentation geht auf die Vorgänge seit April 2006 ein. Hierbei werden nicht nur die Qualität des Programms thematisiert, sondern auch die Hintergründe und Abläufe des Wandels vom alternativen Massenmedium zum imageorientierten Berieselungsprogramm dargestellt. Der Autor dieser Dokumentation hat von Juni 1997 bis Januar 2007 bei Radio Darmstadt gesendet, bis ihn ein aus dieser Umbruchssituation zu verstehendes binnenpolitisch motiviertes Sendeverbot ereilte. Als Schatzmeister [1999 bis 2001], Vorstand für Studio und Technik [2002 bis 2004] und Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit [2004 bis 2006] kennt er die Interna wie kaum ein anderer. [mehr]

In der Dokumentation werden die Namen handelnder Personen aufgeführt. Damit werden Argumentationsstränge leichter nachvollziehbarer gemacht und Verantwortliche benannt. Zur Klarstellung: Eine Diffamierung einzelner Personen ist hiermit nicht beabsichtigt. [mehr]

 


 

Zusammenfassung

Nach zehn Jahren Vereinsmitgliedschaft und siebenjähriger Vorstandstätigkeit veranlaßt die derzeitige Entwicklung des Trägervereins von Radio Darmstadt den Verfasser dieser Dokumentation, die Mitgliedschaft zu kündigen. Die im Austrittsschreiben vom 27. September 2007 angeführten Gründe werden durch die vorliegende Dokumentation verifiziert.

 


 

Kündigung der Mitgliedschaft

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit kündige ich die Mitgliedschaft bei RadaR e.V. nach zehnjähriger Vereinsmitgliedschaft mit sofortiger Wirkung.

Gründe:

1. Im Verein existiert seit einem Jahr ein Demokratiedefizit. Vereinsinterne Unstimmigkeiten werden über an den Haaren herbeigezogene, zudem satzungs- und rechtswidrige Ausschlußverfahren, Haus– und Sendeverbote ausgetragen. Hierfür tragen die derzeitigen Vorstandsmitglieder die Hauptverantwortung.

2. Hierbei wird das Vereinsvermögen in sinnlosen und verlustreichen Rechtsstreitigkeiten verschleudert. Keiner und keine der derzeitigen Vorstandsmitglieder würde sich auf einen derartigen Rechtsstreit einlassen, wenn diese dafür selbst finanziell gerade stehen müßten. Bei RadaR hingegen können persönliche Befindlichkeiten mit der Vereinskasse beglichen werden. Zudem zeigt der Bericht der letzten Kassenprüfung, daß der Vorstand nicht zu einer ordnungsgemäßen Kassenführung in der Lage ist.

3. In diesem vom Vorstand und seinem Freundeskreis bewußt geschürten Konflikt werden die vorhandenen Strukturen mutwillig aufs Spiel gesetzt. Innerhalb eines Jahres sind vier Redaktionen aus dem Sendealltag verschwunden. Die Radiowecker-Redaktion, die jahrelang als einzige Redaktion qualifizierte Praktika für Schülerinnen und Schüler angeboten hatte, wurde im Herbst 2006 bewußt zerschlagen. Die Frauenredaktion "FriDa" hielt dem Druck dieser Auseinandersetzung nicht länger stand und löste sich im April auf. In diesem Monat mußte sich auch das medienpädagogisch wichtige Projekt "Kinderredaktion" auflösen, weil der Vorstand ein unbegründetes Hausverbot gegen einen sozialpädagogischen Betreuer und unsinnige Anforderungen an von Dritten geförderte Medienkompetenz-Projekte gestellt hat. Die Arbeit der Kinderredaktion wurde hierdurch hintertrieben. Das Verschwinden dieser vier Redaktionen ist hauptsächlich der Arbeit des derzeitigen Vorstands anzulasten. [1]

4. Der Vorstand fördert durch seine Tätigkeit die Verschiebung der Programmgewichtung von einem lokal orientierten und inhaltlich arbeitenden Lokalradio hin zu einem Musiksender, bei dem Mainstream-Musik und Techno das Schwergewicht bilden. Inhaltliche Ansprüche an das Programm werden drastisch reduziert. Themen– und Magazinsendungen verlieren dramatisch an Sendeanteilen gegenüber neuen Musiksendungen. [beleg]

5. Damit einhergehend werden immer mehr Sendestrecken durch das Verlesen beliebiger Internet-Meldungen gefüllt. Bei einzelnen Sendungen ist es geradezu möglich, durch Eingabe einiger Begriffe in eine Suchmaschine den Text der soeben verlesenen Meldung mitzulesen, zum Beispiel aus der Online-Ausgabe der Bild-Zeitung. Dieser Plagiarismus wird von Vorstand und Programmrat nicht etwa bekämpft, sondern geradezu gefördert. Beispielsweise wird selbst in der internen Grundlagenausbildung unter Aufsicht eines Vorstandsmitglieds das Plagiieren durch das Ausstrahlen eines derart zusammengeklauten Beitrags geradezu mit höheren Weihen versehen. Fremdbeiträge werden systematisch als eigene ausgegeben, so auch von einem weiteren Vorstandsmitglied in seiner Ökotopia-Sendung am 3. Juli.

6. Neue Jingles und Trailer orientieren sich immer mehr an kommerziellen Vorbildern. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem werbeorientierten Formatradio findet nicht statt, es wird einfach kopiert. Konsequent finden in einzelnen Sendungen Verstöße gegen das Verbot von Werbung und Sponsoring im Programm statt. Am Tag des zehnjährigen Sendejubiläums, am 3. Februar, wurden mit Wissen und Billigung, ja sogar mit Teilnahme eines Vorstandsmitglieds, acht Mal die Sponsoren für das Geburtstagsbüffet benannt. Diese Qualität ist neu: der Vorstand macht sich zum Vorreiter der Kommerzialisierung des Senders.

7. Seit sieben Monaten "brummt" der Sender. Eine Bastelgruppe unter Anleitung der drei Technikvorstände hat beim Einbau einer Sendeloch-Erkennung eine Brummschleife mit 50 Hertz integriert. Die Sendeloch-Erkennung arbeitet zudem fehlerhaft. In der Nacht vom 25. zum 26. September gab es deshalb ein dreistündiges Sendeloch. Die Digitalisierung der Sendetechnik wird mit einem nervtötenden Hänger des Sendecomputers erkauft, der seit Februar in inzwischen 42 Fällen insgesamt 33 Stunden lang ein technoartiges Stottern in das Tagesprogramm eingespielt hat, zuletzt am 10. September dreieinhalb Stunden lang. Ein Sendestudio ist aufgrund mangelnder Wartung derzeit nicht benutzbar, aus dem anderen Sendestudio werden immer häufiger Defekte und Störungen gemeldet, die vom Vorstand nicht behoben werden. Einzelne Sendungen sind nur noch mit der Gefahr von Sendelöchern zu fahren, da die schlecht gewarteten Geräte nicht anspringen.

8. Radio Darmstadt entwickelt sich trotz, vielleicht auch aufgrund des Plagiarismus immer mehr zum Desinformationsradio. Seit einem Jahr wird beispielsweise eine nicht mehr vorhandene sendereigene Kabelfrequenz für Groß-Gerau und Weiterstadt als Senderkennung verkündet, zuletzt am 19. September; zuweilen auch durch mehrere Vorstandsmitglieder. In zusammengestoppelten Radiowecker-Beiträgen werden sinnlose und geradezu falsche Informationen verbreitet, etwa daß Franz Beckenbauer 67 Jahre alt geworden ist, Franz Josef Strauß 1968 starb oder Erich Honecker noch 1993 ins ZK der SED gewählt wurde. Auch hier desinformiert der Vorstand mit. Für die Lange Nacht der Musen wurden im Radiowecker von einem Vorstandsmitglied eine Ausstellung zur Rundfunkgeschichte und eine Fotokunst-Ausstellung angekündigt, die für letztes Jahr geplant waren. Der Vorstand weiß offensichtlich nicht mehr, was im Sendehaus geschieht. Unzählige weitere derartige Falschmeldungen ließen sich anführen. Das Zuhören, insbesondere des Radioweckers, führt somit zu ungeahnten Bildungserlebnissen.

9. Zwischen dem morgendlichen Radiowecker, wenn denn einer stattfindet, und dem Liveprogramm, das am Nachmittag beginnt, wird das im Sendeschema und Programmflyer angekündigte Programm in rund 1/3 aller Fälle nicht ausgestrahlt. Entweder finden durch den Ausfall des Radioweckers Verschiebungen um mehrere Stunden statt, stören die schon genannten Hänger des Sendecomputers den Programmablauf oder es erlauben sich einzelne hofierte DJs, das Programm willkürlich zu ändern, so zuletzt geschehen am 17. September. Der Programmrat hat seine Kontrolle über das gesendete Programm ohnehin verantwortungslos an das allgemeine Chaos abgegeben und weiß daher nicht, was tatsächlich gesendet wird.

10. Die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins ist zu einem Witz mutiert. Die sendereigene Webseite besteht aus lieblos zusammengestückelten Bruchstücken der bis November 2006 vorhandenen informativen Webseite und Gimmicks, die nicht gepflegt werden (siehe beispielsweise die "Playlist"). Der Programmflyer enthält nicht nur eine Vielzahl sachlicher Fehler, die Lieblosigkeit im Design und Detail verrät auch eine Menge über den Zustand des Vereins und des Darmstädter Lokalradios. Ohnehin wurde er im Verlauf des letzten Jahres durch vorstandsinterne Desorganisation fast schon regelmäßig entweder viel zu spät ausgeliefert (als Höhepunkt beispielsweise der Dezemberflyer nach dem 18. Dezember 2006) oder auf der Webseite verfügbar gemacht. Daß der eine Vorstand eine nicht vorhandene Ausstellung im laufenden Programm ankündigen kann, liegt daran, daß der andere Vorstand keinen Inhalt für die Neuausgabe des Programmhefts zur Musennacht beigesteuert hat.

 

Nach zehn Jahren Vereinsmitgliedschaft und sieben Jahren Vorstandstätigkeit muß ich erkennen, daß die seit Herbst 2006 zunehmenden Mißstände in Verein und Radio nicht mehr reformierbar sind. Weder ist ein Wille hierzu erkennbar noch eine Gruppe im Verein, die es sich zur Aufgabe machen würde, die derzeitige Inkompetenz der Vereinsführung durch verantwortungsbewußtes und sinnvolles Handeln abzulösen. Einst war der Anspruch, ein Medium der Gegenöffentlichkeit zu sein und den lokalen Raum mit anspruchsvollen Inhalten zu füllen. Derzeit stellt sich das Radio als ein Torso dar. Und es wird auch immer weniger gehört. Das war alles schon einmal wesentlich besser, weil diejenigen, die hinausgedrängt werden, diesen Sender mit Leben, mit Inhalten und mit qualitativen Beiträgen gefüllt hatten. Das hierbei erarbeitet Image wird seit einem Jahr systematisch ramponiert.

Somit stellt sich nicht zuletzt die Frage der Lizenzfähigkeit, da die bisherige Sendelizenz zum 31.12.2006 ausgelaufen ist. Vielleicht sollte sich der Vorstand auf dem Strategieseminar am 6. Oktober ein Herz fassen und den Vorschlag des ehemaligen Schatzmeisters Maximilian Kerk beherzigen. Dieser hatte auf der Mitgliederversammlung am 3. November 2006 vorgeschlagen, den Verein aufgrund der vorhandenen desolaten Situation aufzulösen und das Vereinsvermögen einem sinnvolleren Zweck zuzuführen, nämlich der Tätigkeit von amnesty international. Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Sobald die Landesmedienanstalt (LPR Hessen) das unbegründete Sendeverbot gegen mich aufgehoben haben wird, werde ich auf der Grundlage des Zulassungsbescheids vom 3.12.1996, hier Seite 7, und des § 2 Abs. 4 des Redaktionsstatuts des Vereins mein Recht wahrnehmen, auch als Nichtmitglied Sendungen zu gestalten.

Mit freundlichen Grüßen

 

ANMERKUNGEN

 

»» [1]   Die vierte Redaktion ist die Partyservice-Redaktion

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 25. Oktober 2007 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2007. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

URL dieser Seite : http://waltpolitik.powerbone.de/radiodar/radar772.htm

 
 
 
Valid HTML 4.01 Transitional  Valid CSS!