Briefumschlag.
Der Briefumschlag.

Radio Darmstadt

Fehlermeldungen on air und ein Affront

Juni 2008
Dokumentation

Radio Darmstadt ist ein nichtkommerzielles Lokalradio. Sein Trägerverein wurde 1994 gegründet, um eine Alternative und Ergänzung zu den bestehenden öffentlich-rechtlichen und privaten kommerziellen Hörfunksendern aufzubauen. Menschen und Nachrichten, die im ansonsten durchformatierten Sendebetrieb keine Chance auf Öffentlichkeit besaßen, sollten hier ihren Platz finden. Dies galt für politische Fragen, lokale Themen und musikalische Nischen. Ende 1996 erhielt der Verein für ein derartiges Programm die Sendelizenz. Zehn Jahre später läßt sich die Tendenz beschreiben, daß (lokal)politische Themen immer weniger Platz im Darmstädter Lokalradio finden, während die Musikberieselung zunimmt. Zu diesem Wandel gehört, daß Fragen der Außendarstellung ein wesentlich größeres Gewicht erhalten als das Verbreiten journalistisch abgesicherter Tatsachen. Wer diese neue journalistische Ethik nicht mitträgt, wird aus dem Verein und dem Radio hinausgedrängt. [mehr]

Diese Dokumentation geht auf die Vorgänge seit April 2006 ein. Hierbei werden nicht nur die Qualität des Programms thematisiert, sondern auch die Hintergründe und Abläufe des Wandels vom alternativen Massenmedium zum imageorientierten Berieselungsprogramm dargestellt. Der Autor dieser Dokumentation hat von Juni 1997 bis Januar 2007 bei Radio Darmstadt gesendet, bis ihn ein aus dieser Umbruchssituation zu verstehendes binnenpolitisch motiviertes Sendeverbot ereilte. Als Schatzmeister [1999 bis 2001], Vorstand für Studio und Technik [2002 bis 2004] und Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit [2004 bis 2006] kennt er die Interna wie kaum ein anderer. [mehr]

In der Dokumentation werden die Namen handelnder Personen aufgeführt. Damit werden Argumentationsstränge leichter nachvollziehbarer gemacht und Verantwortliche benannt. Zur Klarstellung: Eine Schmähung einzelner Personen oder gar des gesamten Radiosenders ist hiermit nicht beabsichtigt. [mehr]


Zusammenfassung

Dieser Monat bringt uns hübsche Fehlermeldungen, die in aller Offenheit ausgeplaudert werden, und einen bösen Brief vom Programmrat. Hingewiesen werden soll an dieser Stelle auf das Marketing-Event „Darmstadt unter Strom“, das am 6. Juni 2008 von Darmstadts Lokalradio mit esoterischer Musik untermalt und live ausgestrahlt wurde. Werbung und Sponsoring gab es auch. Mehr hierzu auf einer eigenen Seite: Stromlinienförmiges Eventradio.


Teil 1: Error not found

Neben der verkorksten Außenübertragung der Werbeveranstaltung Darmstadt unter Strom und dem im Mai dokumentierten und auch im Juni anzutreffenden einkanaligen Stereosound sind es vor allem die Sendenden selbst, die vor von ihnen nicht zu verantwortende technische Probleme gestellt werden. Freundlicherweise teilen sie den Hörerinnen und Hörern mit, was so alles nicht funktioniert. Auch wenn ich nicht das gesamte Programm abhören konnte, so mögen die hier angeführten Wortbeiträge aus dem Programm von Radio Darmstadt für sich selbst sprechen. Was wir hier hören können, kann gewiß als repräsentativ für den Zustand des Senders gewertet werden.

Samstag, 7. Juni 2008

„Jetzt kommt [Titel] hier auf Young Power, sobald das hier funktioniert. Aber das haben wir hier. Wir sind doch eine [sic!] professionelles Radio.“

Sonntag, 8. Juni 2008

„Und an dieser Stelle sollte eigentlich die Wiederholung starten.“

Montag, 16. Juni 2008

„Wir haben allerdings leider einige technische Probleme.“

„Wir hatten eben ein paar kleine Probleme.“

Freitag, 20. Juni 2008

„Da wir grad ein paar technische Probleme haben, erstmal ein bißchen Musik.“

Und weil es gerade so schön ist, der Spaß mit der exzellent gewarteten Technik ging auch in den Folgemonaten weiter …

Donnerstag, 3. Juli 2008

„Wir haben leider einige technische Probleme. Deshalb funktioniert heute leider nicht alles so wie gewohnt.“

„In den letzten Tagen ist es bei unserem Programm einige Male zu Störungen gekommen. Mal ist nur der rechte, mal ist nur der linke Kanal zu hören. Das liegt an den derzeitigen Umbauarbeiten. Dieses Problem wird sich in einigen Tagen gegeben haben und dann wird Radio Darmstadt wieder in voller Qualität auf beiden Kanälen senden.“

Freitag, 4. Juli 2008

„Wir bauen hier die Technik um. Es gibt ein paar Turbulenzen. […] Ich weiß auch nicht, ob wir on air sind, ob ihr uns hört.“

Samstag, 5. Juli 2008

„Das rote Mikrofon leuchtet zwar, aber ich hör dich nicht.“

„Und nun kommt … sollte eigentlich auf dem Sender sein … diese Melodie hier … aber ist keine Melodie. Das heißt, jetzt müssen wir wieder mal sehen, was hier so im argen ist … ehm – Christian K. kommt schon um 7 Uhr 38 und 5 Sekunden ins Studio gestürzt und guckt aktuell nach dem CD-Player, warum der so nicht läuft, wie er laufen soll.“

Montag, 21. Juli 2008

„Tja, also hier läuft momentan die CD nicht.“

Sonntag, 27. Juli 2008

„Wir haben leider eine kleine technische Panne und bitten Sie noch um ein klein wenig Geduld.“

„Ein Gerät ist total ausgefallen.“

Bei diesem ausgefallenen Gerät handelt es sich um einen DAT-Recorder, mit dem eine vorproduzierte zweistündige Sendung in Stereo abgespielt werden sollte. Einer der Techniker des Senders hatte jedoch das Verbindungskabel zum Mischpult absichtlich durchgeschnitten, damit dieses durchaus benötigte Gerät nicht mehr benutzt wird.

Dienstag, 29. Juli 2008

„Emm, da war jetzt irgendwie jetzt kein Signal drauf. Werden wir gleich prüfen, woran's lag.“

Donnerstag, 31. Juli 2008

Die Moderatorin vermeldet Schwierigkeiten mit der Technik im neuen Studio.

Freitag, 8. August 2008

„Irgendwie funktioniert hier die Technik momentan nicht.“

„Es ist blöd, wenn alles über PC läuft, und der nicht richtig funktioniert.“

Einer der beiden Moderatoren konnte den Zustand des von ihm vorgefundenen Studios nur als „Realsatire“ bezeichnen. Tatsächlich war der Studiorechner derart überlastet, daß er das Eröffnungsjingle zur Sendung anspielte, abbrach und sich in einer Feedback-Schleife verfing. Vorstandsmitglied Markus Lang ermahnte die beiden Moderatoren: „So, wie das hier rüberkommt im Radio, [daß man] denkt, was für Deppen sind denn hier …“

Montag, 11. August 2008

„… aber die Technik …“

„Die Wiederholung klappt irgendwie nicht.“

Samstag, 16. August 2008

„Es klappt nicht so schön wie sonst.“

Dienstag, 19. August 2008

„Die Wiederholung funktioniert anscheinend nicht.“

„… geht gar nichts …“

„Ja, jetzt haben wir mal schnell das Studio gewechselt, damit alles ein klein bißchen besser funktioniert – und schon klappt das hier auch auf Anhieb.“

Dienstag, 26. August 2008

Der Techniker der Sendung hat nicht nur massive Einstartprobleme, aus welchen mehrere Sendelöcher resultieren, sondern muß seinen kompletten Sendeplan fallen lassen, „da die CD sich einfach nicht abspielen läßt“.

Sonntag, 31. August 2008

„Wir hatten gerade ein kleines technisches Problem gehabt, das haben wir jetzt behoben. Jetzt geht's richtig los.“

Mittwoch, 3. September 2008

„Liebe Hörer, es tut uns leid, aber wir hatten gerade eine kleine technische Panne. Die haben wir jetzt behoben. Jetzt bekommen Sie die Wiederholung des Tagesprogrammes zu hören. Und wir hoffen, daß sie damit schön in den Abend kommen.“

So sprach der Techniker um Mitternacht. Die „Panne“ wurde jedoch nicht behoben, sondern statt dessen das Problem umgangen. Das Problem bestand im Totalausfall des Sendecomputers, über den die Wiederholungsschiene läuft. Die Abhilfe besteht in der Verwendung von mit einem einfachen Transistorradio mono aufgezeichneten Datenfiles, die durchaus auch einmal verrauscht sein können.

Donnerstag, 4. September 2008

„Durch einen Fehler hatten wir heute Nacht kein Programm gesendet.“

Richtig. Das Sendeloch war 3 Stunden und 52 Minuten zu hören.

Samstag, 6. September 2008

„Das Internet funktioniert hier momentan nicht. Und manche Player auch nicht.“

Sonntag, 7. September 2008

„Wegen ein paar technischen Problemen kommt es zu einer leichten Verschiebung der Wiederholung des Tagesprogramms. Ich bitte um Entschuldigung.“

Auf diese Wiederholung warteten wir dann vergebens. Sie ließ sich wohl nicht einspielen. Schon zwei Stunden zuvor mußte derselbe Moderator aufgrund technischer Mängel, verbunden mit kleineren Sendelöchern, das Sendestudio wechseln.

Die für diese technischen Zustände Verantwortlichen spielen diese Vorfälle gerne als Einzelfälle herunter. Dabei wird im Verlauf der Wochen und Monate eine Systematik sichtbar. Es rächt sich, wenn Studiogeräte nicht oder nicht ausreichend gewartet werden, und vor allem rächt es sich, wenn die Sendenden mit den dadurch auftauchenden Problemen alleine gelassen werden. Notfallpläne existieren nicht. Man oder frau kann durchaus den Eindruck gewinnen, daß die Probleme sogar totgeschwiegen und erst dann intern zugegeben und kommuniziert werden, wenn es nicht mehr anders geht. Das Verhalten und die Aussagen einzelner Sendender on air zeigen, daß einer Mehrzahl von ihnen tatsächlich nicht gesagt wird, was gerade funktioniert und was nicht und wie man oder frau sich behelfen kann.

Die oben angeführten Äußerungen on air müssen im Zusammenhang mit den vorangegangenen Minuten gesehen bzw. gehört werden. Die benannten technischen Ausfälle waren in der Regel (unangenehm) hörbar. Geräte, die nicht anlaufen, produzieren Stille, Geräte, die nicht sauber laufen, liefern Artefakte, die nur bei hartgesottenen Soundenthusiasten Beifallsstürme auslösen. Hinzu kommt all das, was in den Moderationen nicht benannt wird: weitere, zum Teil stundenlange Sendeausfälle, ein vor allem bei leisen Passagen vernehmbares unangenehmes Hintergrundrauschen, Mikrofone, die blechern klingen, und ein Sounddesign, das für gut justierte Ohren nervige Verzerrungen bereithält.

Diese Zustände können auch nicht damit entschuldigt werden, daß bei Radio Darmstadt als nichtkommerziellem Lokalradio auch die Studio- und Sendetechnik ehrenamtlich betreut wird. Denn erstens gibt es einen bezahlten Techniker, der jedoch hauptsächlich zur Installation neuer technischer Spielereien eingesetzt wird. Zweitens schneidet Radio Darmstadt im Vergleich zu anderen nichtkommerziellen Lokalradios in technischer Hinsicht nicht gerade gut ab. Drittens war alles schon einmal wesentlich besser. Es gab Zeiten, in denen die Studio- und Sendetechnik regelmäßig gewartet und auftretende Probleme umgehend behoben wurden – und das Ergebnis war anhörbar! Die Anhäufung von Mißmutsäußerungen on air, so wie sie seit Monaten zu vernehmen ist, ist ein Zustand, der mit der internen Umstrukturierung des Senders und seines Vereins zusammenhängt. Und viertens: Wir schreiben nicht das Jahr Eins dieses Lokalradios, in dem technische Probleme und Fehler zu den Anlaufschwierigkeiten gehören und bis zu einer gewissen Grenze auch toleriert werden können. Im zwölften Sendejahr sollten die Verantwortlichen eigentlich kapiert haben, wie ein Radiosender auch technisch in Schuß gehalten werden kann. Genau an dieser Kompetenz scheint es jedoch zu mangeln.

Nicht einmal der Umbau bzw. die Renovierung der beiden Sendestudios kann als Grund für die immer wieder auftretenden technischen Pannen herangezogen werden. Bei sorgfältiger Planung und kompetenter Durchführung würden die Hörerinnen und Hörer allenfalls kurzzeitig und gewiß nicht wochenlang mit derlei Problemen behelligt werden.

Wer diese Dokumentation seit ihren Anfängen im Sommer 2006 aufmerksam gelesen hat, wird in der obigen Auflistung im Grunde wohl nur die Fortschreibung eines schwer erträglichen Zustandes sehen können.

Teil 2: Ein böser Brief aus dem Programmrat

Nachdem der Trägerverein dieses Lokalradios mit aktiver Zustimmung des Programmrats dem Redaktionssprecher von Alltag und Geschichte ein Hausverbot erteilt hat, ist die Redaktion nicht im Programmrat vertreten. Sie würde ja gerne, darf aber nicht. Der Programmrat sieht das anders. Er möchte darüber bestimmen können, wen die Redaktion in den Programmrat entsendet: „Ihr könnt doch jemand anderen wählen“, lautet dann die Litanei. Und weil die Redaktion darauf besteht, ihren Vertreter selbst zu bestimmen, zeigt der Programmrat seine Muckis. Die folgenden Jahre wird er immer wieder einmal seine Drohgebärden [etwa hier] loslassen, aber die Redaktion läßt sich von derlei Hochmut nicht beeindrucken.

Mit unbekanntem Datum landet das nachfolgend wiedergegebene Schreiben in der Ablage der Redaktion, an die deren Sprecher logischerweise aufgrund des gegen ihn reichlich willkürlich ausgesprochenen Hausverbots nicht drankommt. Dieser Irrsinn hat Methode, und sie ist in dieser Dokumentation über Radio Darmstadt allenthalben anzutreffen.

Das Schreiben als Grafik.

Diese Seite wurde zuletzt am 27. August 2012 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008, 2012.
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