Entega-gesponserter Marktplatz in Darmstadt
Marktplatz in Darmstadt

Radio Darmstadt

Stromlinienförmiges Eventradio

Dokumentation

Radio Darmstadt ist ein nichtkommerzielles Lokalradio. Sein Trägerverein wurde 1994 gegründet, um eine Alternative und Ergänzung zu den bestehenden öffentlich-rechtlichen und privaten kommerziellen Hörfunksendern aufzubauen. Menschen und Nachrichten, die im ansonsten durchformatierten Sendebetrieb keine Chance auf Öffentlichkeit besaßen, sollten hier ihren Platz finden. Dies galt für politische Fragen, lokale Themen und musikalische Nischen. Ende 1996 erhielt der Verein für ein derartiges Programm die Sendelizenz. Zehn Jahre später läßt sich die Tendenz beschreiben, daß (lokal)politische Themen immer weniger Platz im Darmstädter Lokalradio finden, während die Musikberieselung zunimmt. Zu diesem Wandel gehört, daß Fragen der Außendarstellung ein wesentlich größeres Gewicht erhalten als das Verbreiten journalistisch abgesicherter Tatsachen. Wer diese neue journalistische Ethik nicht mitträgt, wird aus dem Verein und dem Radio hinausgedrängt. [mehr]

Diese Dokumentation geht auf die Vorgänge seit April 2006 ein. Hierbei werden nicht nur die Qualität des Programms thematisiert, sondern auch die Hintergründe und Abläufe des Wandels vom alternativen Massenmedium zum imageorientierten Berieselungsprogramm dargestellt. Der Autor dieser Dokumentation hat von Juni 1997 bis Januar 2007 bei Radio Darmstadt gesendet, bis ihn ein aus dieser Umbruchssituation zu verstehendes binnenpolitisch motiviertes Sendeverbot ereilte. Als Schatzmeister [1999 bis 2001], Vorstand für Studio und Technik [2002 bis 2004] und Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit [2004 bis 2006] kennt er die Interna wie kaum ein anderer. [mehr]

In der Dokumentation werden die Namen handelnder Personen aufgeführt. Damit werden Argumentationsstränge leichter nachvollziehbarer gemacht und Verantwortliche benannt. Zur Klarstellung: Eine Diffamierung einzelner Personen ist hiermit nicht beabsichtigt. [mehr]


Zusammenfassung

Am 6. Juni 2008 führt die Darmstädter Citymarketing ein Late Night Shopping in der Innenstadt durch. Unübersehbar tritt der Sponsor dieser Veranstaltung, das nur noch teilweise in städtischem Eigentum befindliche Energieunternehmen Entega, auf. Das Motto dieser energiegeladenen und lichtbefluteten Veranstaltung lautet Darmstadt unter Strom. Organisatorisch durchgeführt wird diese Veranstaltung von der Darmstädter Agentur Mission Events.

Radio Darmstadt wurde im Vorfeld angefragt, ob es die einschmeichelnden Klangcollagen übertragen könne, die in der Fußgängerzone und in den Geschäften zu hören sein sollten. Sicherlich wird im Zuge der Verhandlungen auch über finanzielle Aspekte eines Sponsorings zugunsten des Trägervereins von Radio Darmstadt gesprochen worden sein. Am 6. Juni 2008 würde sich also Darmstadts nichtkommerzielles Lokalradio zum Dienstleister einer kommerziellen, verkaufsfördernden Veranstaltung hergeben. Das hiermit verbundene und die Außendarstellung dominierende Sponsoring wirft einige rechtliche Probleme auf (§ 40 Absatz 3 HPRG). Dies gilt auch für die Überlassung des gesendeten Programms an Dritte (§ 7 Absatz 3 HPRG[1]. Auch unabhängig von derart medien- und lizenzrechtlichen Fragen stellt sich die Frage, ob Darmstadts nichtkommerzielles Lokalradio sich auch zukünftig für beschäftigtenfeindliche und unökologische kommerzfördernde Events hergeben will. [2]

Auf dieser Seite werden zusätzliche gravierende Performance-Probleme eines Senders thematisiert, der mitunter nicht einmal weiß, auf welcher Hochzeit er gerade tanzt. Innovativ muß hierbei genannt werden, daß der Sender nur einen der beiden Stereokanäle einer sinnvollen Nutzung zugeführt hat, der andere krächzte statt dessen vor sich hin.

Dem Trägerverein von Radio Darmstadt wurde vorab die zur Veröffentlichung vorbereitete Fassung dieser Dokumentationsseite zur Stellungnahme vorgelegt. Weder seitens des Vorstandes des Trägervereins noch seitens des Programmrats von Radio Darmstadt wurden inhaltliche Korrekturen angeregt. Es kann also davon ausgegangen werden, daß der hier geschilderte Sachverhalt die Tatsachen ziemlich genau trifft.


Vorbereitung

Vermutlich Anfang Mai 2008 wendet sich das Vorstandsmitglied Susanne Schuckmann an den damals amtierenden Programmratssprecher Oliver Jenke. Zwecks Vorbereitung des Programmflyers für Juni benötige sie die Zustimmung des Programmrats für eine Sondersendung „Darmstadt unter Strom“ am 6. Juni 2008. Ihr Problem sei, daß der Programmrat aufgrund des Pfingstmontags erst eine Woche später als turnusmäßig tagen werde und dies für die Aufnahme des Events im Programmflyer zu spät sei. Der Strom-Veranstalter wolle Radio Darmstadt im „Center“ ausstrahlen, was immer das bedeuten mag, und er wolle Radio Darmstadt einen ziemlich großen Raum lassen, was für die Außenwirkung super sei. Wir werden noch sehen, was Größe in diesem Fall tatsächlich bedeutet. Einen entsprechenden Antrag auf Genehmigung der zugehörigen Sondersendung formuliert der Vorstand zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht. Diese Mitteilung erreicht wenige Tage später die Redaktionen des Senders.

Der Redaktionssprecher der Redaktion Alltag und Geschichte teilt dem Vorstand und dem Programmrat umgehend die Bedenken seiner Redaktion mit und kündigt an, daß seine Redaktion dieser Sondersendung nicht zustimmen könne. Er begründet diese Bedenken ausführlich:

  1. Zunächst einmal ist nicht klar, ob es sich um eine materiell oder immateriell gesponserte Sondersendung handelt. Konkret: welche materiellen oder immateriellen Vorteile gewährt die Entega bei Durchführung dieser Sondersendung? Hiermit einhergehend: inwieweit wird dafür Sorge getragen, daß nicht ein Stromanbieter – also Entega – unzulässig bevorzugt und beworben wird?
  2. Auch wenn Radio Darmstadt sich zum neoliberal orientierten Spaßsender hin entwickelt, ist nicht einzusehen, weshalb der Sender eine Kommerzveranstaltung unterstützt, die eindeutig darauf ausgerichtet ist, einem zahlungskräftigen, sprich: betuchten, Publikum das Shoppen bis Mitternacht zu ermöglichen. Die Beschäftigten im Einzelhandel finden diese schleichende Aufweichung von Arbeitszeits-Standards überhaupt nicht witzig. Als sozial und emanzipatorisch verfaßte Redaktion können wir hier grundsätzlich nicht zustimmen.
  3. Die Beschäftigten im Einzelhandel streiken derzeit um ihre Löhne und Gehälter und sozialverträgliche Arbeitszeiten. Zitat von der ver.di-Homepage:

    „Beschäftigte des Einzelhandels streiken für bessere Tarifverträge

    Fast überall in Deutschlands finden derzeit Arbeitskämpfe und Tarifverhandlungen im Einzelhandel statt […]. In allen Regionen hatten die Arbeitgeber die Manteltarifverträge zum Jahresende gekündigt. Die Einkommens-Tarifverträge waren nach und nach in der ersten Jahreshälfte ausgelaufen. Die Arbeitgeber fordern den Verzicht auf Zuschläge und wollen die Arbeitszeiten noch stärker flexibilisieren, um längere Ladenöffnungszeiten leichter finanzieren zu können.“

    Radio Darmstadt würde hier Hunderttausenden Menschen in den Rücken fallen. Solidarität sieht anders aus.
  4. Nichts gegen öffentlichkeitswirksame Außenübertragungen. Aber sie sollten das Nichtkommerzielle des Senders herausstellen und nicht durch ihre Mitwirkung den Kommerz fördern.

Wie nicht anders zu erwarten, wird im Sendehaus über diesen berechtigten Einwand nicht diskutiert. Ein gute Gelegenheit für eine positive Außendarstellung bieten beispielsweise die von der Jugendredaktion YoungPOWER regelmäßig durchgeführten Außenübertragungen vom Darmstädter Stadtlauf, so auch geplant für den 24. Juni 2008. Hier steht im Gegensatz zu der Veranstaltung am 6. Juni 2008 das nichtkommerzielle Ambiente im Vordergrund.

Sendehaus in der unteren Etage.
Sendehaus in der unteren Etage.

Statt dessen stellt am 15. Mai 2008 das Vorstandsmitglied Markus Lang auch formal den Antrag für die geplante Sondersendung und bittet angesichts der knappen Zeit um eine Abstimmung per E-Mail. Außer der Wissenschaftsredaktion nimmt jedoch keine und niemand an der Abstimmung teil, die damit als gescheitert anzusehen ist. Die um eine Woche auf den 19. Mai 2008 verlegte Programmratssitzung ist nicht beschlußfähig. Bemerkenswert ist der Abschnitt des Protokolls dieser Sitzung, in dem zugegeben wird, daß die von der Außenübertragung betroffenen Redaktionen, die hierfür Sendeplatz abgeben müßten, nicht einmal befragt worden sind. Die Abstimmung wird auf die nächste Programmratssitzung am 26. Mai 2008 vertagt. Zeit genug also, die beiden betroffenen Redaktionen wenigstens nachträglich zu kontaktieren.

Hier werden Demokratiedefizite im Verein und im Radio offenbar, die diesmal vom Vorstand des Trägervereins ausgehen. Der Programmrat stand in den vergangenen Jahren bei der Vergabe von Sendezeiten grundsätzlich auf dem Standpunkt, daß Redaktionen (oder in diesem Fall: der Vorstand), die Sendezeit beantragen, die mit Livesendungen einer anderen Redaktion belegt sind, diesen Antrag zuvor mit der betroffenen Redaktion abgestimmt haben müssen. Ein sogenanntes unfriendly take-over findet in der Regel eine scharfe Mißbilligung der Programmratsmitglieder. Die Tatsache, daß Markus Lang weder vor seinem Antrag noch in der Woche bis zur nachfolgenden Programmratssitzung den Kontakt zu den beiden betroffenen Redaktionen gesucht hat, läßt es plausibel erscheinen, daß die Zusage zu dieser Sondersendung gegenüber der veranstaltenden Darmstadt Citymarketing schon gegeben worden ist. Folglich bleibt dem Programmrat auf seiner Sitzung am 26. Mai 2008 nichts anderes übrig, als die vollendeten Tatsachen zu akzeptieren. Er mault zwar ein wenig herum, weil die beiden betroffenen Redaktionen immer noch nicht angefragt worden sind, stimmt dann aber mehrheitlich zu. Offensichtlich hat der Programmrat seine Rolle als Schoßhündchen des Vorstands akzeptiert.

 

Desinformation

Markus Lang hatte als Zeitraum der Sondersendung am 6. Juni 2008 die Zeit zwischen 20.00 und 25.00 Uhr beantragt. Der Programmflyer von Radio Darmstadt sieht daher konsequent eine Sendezeit von 21.00 Uhr bis 2.00 Uhr vor. Auf der Titelseite heißt es: „Wir sehen uns / Am 6.6. auf dem Marktplatz ab 21:00 Uhr“. Wenn schon die senderinterne Öffentlichkeitsarbeit nicht weiß, wann das Event übertragen werden soll, kann man und frau dies erst recht nicht von einem Vorstandsmitglied erwarten (siehe weiter unten). Letztlich ist es ohnehin egal, wann und wo das Event stattfindet, denn Radio Darmstadt ist nicht als Veranstalter anwesend, sondern als Subunternehmer, der alleine für einen ganz bestimmten Teil zuständig ist. Halten wir einfach fest: das Titelblatt des Programmflyers enthält eine unsinnige Angabe.

Das Partyzelt ist gut versteckt.
Das Partyzelt (blau) ist gut versteckt.

Am frühen Abend des 6. Juni 2008 wird auf dem Darmstädter Marktplatz ein Partyzelt aufgebaut und unter der Zeltplane die für die Außenübertragung benötigte Sendetechnik installiert. Die Beteiligung der Redaktionen und Sendenden an diesem Event ist riesig. Eine Liveschaltung gegen viertel vor sieben benennt vier Personen. Die von Susanne Schuckmann als „super“ angekündigte Außenwirkung ist den meisten bei Radio Darmstadt Sendenden offensichtlich herzlich egal. Ohnehin ist bei dieser Veranstaltung wenig aktive Mitwirkung, statt dessen passive Dienstleistung gefragt. Aber das stellt sich erst im Verlauf des Abends heraus. Vorerst noch kann der Sender so tun, als würde er eine maßgebliche Rolle an diesem Abend einnehmen.

Im KultTourKalender von Radio Darmstadt weist die Moderatorin Petra Schlesinger bei ihren Veranstaltungshinweisen auf das etwa eine Stunde später beginnende Event hin. Sie wurde am 9. Mai 2008 von der Mitgliederversammlung in den Vorstand des Trägervereins von Darmstadts Lokalradio gewählt und sollte von daher als Vorstandsfrau darüber im Bilde sein, was ihre Kollegin und ihre Kollegen so treiben. Umso erstaunter sind wir über folgende Moderation [3]:

„Ihr Lieben da draußen, ihr seid immer noch im KultTourKalender bei RadaR – Radio Darmstadt. Und in eigener Sache möchte ich jetzt mal erwähnen, daß Radio Darmstadt heute live auf dem Luisenplatz zu erleben ist. Es sind Leute von uns vor Ort und es sind viele Musikgruppen, die spielen, die live übertragen werden in alle Geschäfte in Darmstadt. Und, wie gesagt, kommt vorbei. Ihr könnt mit uns ins Gespräch treten. Wer immer noch nicht weiß, was, wer RadaR ist, Radio Darmstadt, ein gemeinnütziger Verein, der ehrenamtlich arbeitet und immer offen ist für neue Ideen und Gestaltungen. Und jeder kann hier mitmachen. Wir freuen uns auf Leute, die mitmachen möchten. Und, wie gesagt, wir stehen heute live für euch zur Verfügung und zur Ansprache auf dem Luisenplatz. Da sind Boxen aufgebaut und das Programm ist live zu hören.“
Boxen auf dem Luisenplatz.
Boxen auf dem Luisenplatz.

Ohne in die Tiefen der Moderation eindringen zu wollen – wann wurde beispielsweise das gesagt, was sinnlos floskelhaft „wie gesagt“ wurde? – ist festzuhalten, daß diese Moderation eine richtige Aussage enthält: auf dem Luisenplatz wurden tatsächlich Boxen aufgebaut, über die das Programm von Radio Darmstadt zu hören sein wird. Allerdings stehen diese Musikboxen auf dem „Langen Lui“ und langweilen sich, denn auf dem Luisenplatz wird von Radio Darmstadt weit und breit nichts zu sehen sein. Ich frage mich allen Ernstes, wer diesem moderierenden Vorstandsmitglied eine derart falsche Information zugesteckt hat. Sieht so die interne Informationspolitik, sehen so die internen Kommunikationskanäle aus?

Die weitere Moderation ist von einer bemerkenswerten Naivität, denn es scheint so, als wisse das moderierende Vorstandsmitglied tatsächlich nicht über die von eigenen Lokalradio mitgetragene Veranstaltung Bescheid. Sie läßt sich von ihrem Studiotechniker Björn Böhmelmann mit dem Außenteam auf dem Luisenplatz verbinden, das sich jedoch auf dem Marktplatz aufhält. Dieser Irrtum wird nicht aufgeklärt, weder von der Moderatorin noch von ihrem Gesprächspartner Stefan Egerlandt. Das in einer miserablen Tonqualität geführte Interview ist von einer erschreckenden Aussagekraft:

Petra : „Stefan Egerlandt von RadaR – Radio Darmstadt jetzt live auf dem Luisenplatz. Was passiert denn bei euch?“

Stefan : „Ja, wir sind hier noch kräftig am Aufbauen. […] Die Leitung auch sogar ins Studio steht soweit. [Was ?] ihr noch nicht hören könnt als Zuhörer. Aber nachher werden wir natürlich live rüberkommen ab 20 Uhr. Und wir werden an sich hier so Klangcollagen usw. spielen. Hier ist kräftig aufgeräumt worden bereits. Hier werden dann später auch die Gebäude angeleuchtet, es wird ein Feuerwerk noch geben. Ja, soll ich am besten mal unser Team euch rübergeben?“

Petra : „Jaja, mach mal.“

Stefan : „Ja, wart' mal ganz kurz.“

Petra : „Wer ist denn …?“ [stoppt]

Stefan : „An sich, Christian Franke und Nils Paeschke sind hier vor Ort, werden hier moderieren ab 20 Uhr. Und jetzt gleich hoffentlich, wenn Björn uns mal in Studio 2 hochregelt, werden wir uns auch direkt hören von hier vor Ort.“ [Pause]

Petra : „Also das mit der Vor Ort-Regelung, das klappt wohl nicht. Aber, Stefan, vielleicht kannst du uns aufklären, was das ist mit den Klangcollagen.“

Stefan : „Mit den Klangcollagen, das ist so gedacht, daß: Hier sind lauter Boxen in der ganzen Region – also Region ist ein bißchen übertrieben – in der Innenstadtregion sag ich mal, aufgebaut, die auf Radiofrequenz arbeiten. Die werden nachher das Programm von Radio Darmstadt übertragen. Und wir haben es so besprochen, daß wir Klangcollagen an sich übertragen werden. Das ist das Ganze so gesehen unser Beitrag zu der Veranstaltung, daß sie sich so begleiten können.“

Petra : „Und diese Klangcollagen. Wie entstehen diese Klangcollagen?“

Stefan : [Klingt etwas kleinlaut:] „Die sind bereits vorproduziert.“

Petra : „Und die werden wir übertragen und das ist dann das Programm von RadaR – Radio Darmstadt?“

Stefan : „Ja, richtig.“

Petra : „Ok, Stefan, wer ist alles vor Ort?“

Stefan : „An sich Christian Franke, Nils Paeschke, Markus Lang und meine Wenigkeit momentan.“

Petra : „Ok, dann wünschen wir gutes Gelingen. Ich komme dann auch noch mal vorbei, und wir werden uns sehen, und ich wünsche gutes Gelingen für die Übertragung der Klangcollagen.“

Stefan : „Danke danke.“

Petra : „Bitte bitte. Also, RadaR – Radio Darmstadt live vor Ort auf dem Luisenplatz. Wir sind Ansprechpartner für euch. Es ist euer Radio. Ihr gestaltet dieses Radio, ihr gestaltet das Programm, und ihr entscheidet, was auf den Äther kommt. Kommt vorbei, informiert euch über RadaR – Radio Darmstadt.“ [4]

Was können wir diesem seltsamen Telefoninterview entnehmen? Sollte es dazu geführt worden sein, den Hörerinnen und Hörern den Abend auf dem Marktplatz schmackhaft zu machen, ist der Beitrag hierzu total mißlungen. Nicht nur, daß uns permanent ein falscher Ort genannt wird. Wir erfahren zudem so gut wie nichts über das Event und seinen Ablauf. Es ist eher so, wie Klein Fritzchen in der Grundschule eine Geschichte als eine zusammenhanglose Aufzählung erzählen würde. Dennoch können wir eine wesentliche Information herausdestillieren. Radio Darmstadt wird vorproduzierte Klangcollagen übertragen, die den Beitrag des Senders zum Event „Darmstadt unter Strom“ bilden. Die etwas kleinlaut gehaltene Aussage, die Klangcollagen seien vorproduziert, ohne daß der Produzent (oder die Produzentin) genannt wird, läßt darauf schließen, daß Radio Darmstadt von dritter Seite aufgetragen wurde, diese Klangcollagen abzuspielen. Das heißt: das, was hier als Programm von Radio Darmstadt ausgegeben wird, ist das Programm, das ein nicht genannter Dritter zum Abspielen auf der Sendefrequenz von Radio Darmstadt vorlegt.

Modenschau auf dem "Boulevard".
Modenschau auf dem „Boulevard“.

Das erklärt vielleicht den Verlauf des Gesprächs. Vielleicht ist die Vorstandsfrau Petra Schlesinger tatsächlich nicht in die Geheimnisse dieses Abends eingeweiht worden und fragt daher ganz naiv nach. Die Auskünfte, die sie erhält, sind nebulös. Das Problem, das Stefan Egerlandt hat, der als inzwischen ehemaliges Vorstandsmitglied vermutlich an der Anbahnung dieser Übertragung mit beteiligt gewesen ist, ist, daß er die Details dieses Deals nicht öffentlich benennen kann, weil sie möglicherweise haarscharf an den Grundlagen der Sendelizenz vorbeischrammen (oder sie übertreten). Ich denke, ich liege nicht falsch mit der Annahme, daß dieses Telefoninterview nicht vorab abgesprochen und Stefan Egerlandt daher auf dem Matktplatz ziemlich eiskalt erwischt wurde. Sonst wäre der Ablauf des sich daraus entwickelnden Gesprächs nicht derart konfus gewesen, genauer: die eine weiß nicht, worum es geht, und der andere kann es nicht sagen. Aus all dem reime ich mir die Beteiligung von Radio Darmstadt am Event „Darmstadt unter Strom“ so zusammen:

Radio Darmstadt hat mit der Citymarketing (und/oder Dritten) einen Deal geschlossen, wonach Radio Darmstadt eigens für das Late Night Shopping produzierte Klangcollagen ausstrahlen soll, damit der Sound in ausgewählten Passagen der Fußgängerzone und in einzelnen Ladengeschäften mittels Radiogeräten empfangen und synchron über bereit gestellte Boxen verbreitet werden kann. Im Gegenzug erhält der Trägerverein von Radio Darmstadt einen als Spende, Sponsoring, Produktionskostenzuschuß oder anderweitig deklarierten Geldbetrag oder einen entsprechenden materiellen oder immateriellen Gegenwert, bei dem es anzunehmen ist, daß er möglichst nicht als Gegenleistung für die Überlassung der Senderfrequenz schriftlich fixiert ist. So kann Stefan Egerlandt das natürlich nicht ausdrücken. Dann müßte er nämlich den Hörerinnen und Hören von Radio Darmstadt wahrheitsgemäß mitteilen, daß sie in den vier Stunden ab 20.00 Uhr esoterische Klanggebilde vernehmen werden, die nur ab und zu kurz von die Werbetrommel rührenden Wortbeiträgen unterbrochen werden dürfen. Ein derartiges Programm ist natürlich keine Außenübertragung. Im Grunde handelt es sich um eine Innenstadtbeschallung, wofür der Vereinsvorstand passenderweise die Trägerfrequenz von Darmstadts Lokalradio hergegeben hat.

Stand der Darmstadt Citymarketing auf dem Marktplatz.
Stand der Darmstadt Citymarketing auf dem Marktplatz.

Insofern sind die letzten Sätze der Moderatorin ausgemachter Quark. Denn nicht die Hörerinnen und Hörer von Radio Darmstadt gestalten das Programm, wie sie behauptet, ja nicht einmal die Sendenden von Radio Darmstadt bestimmen über den hierfür vorgesehenen Programmrat das Programm, sondern es ist eine Eventagentur, die in Zusammenarbeit mit der Citymarketing (oder einem anderen Dritten) und dem Vorstand des Trägervereins von Radio Darmstadt die Entscheidung über das zu sendende Programm trifft. Im Grunde genommen ist es ärgerlich, wofür sich dieses womöglich auch noch ahnungslos moderierende Vorstandsmitglied an diesem Abend hergibt. Vielleicht ärgert sie sich nachträglich auch selbst darüber. [5]

Kurz nach Mitternacht, also nach Ende der auftragsgemäß zu übertragenden Klangcollagen spielen die Moderatoren vom Marktplatz aus Musik ein und erklären hierzu: „Jetzt können wir auch mal ein bißchen unsere Musik spielen, jetzt können wir auch bißchen länger reden, und jetzt haben wir mal ein bißchen fetzigere Musik.“ Das soll ja wohl heißen: Wir haben vier Stunden lang als Dienstleister entfremdet fremd produzierte Musik eingespielt und durften vier Stunden lang vertragsgemäß nicht das sagen, was wir wollten. Oder anders ausgedrückt: die Kontrolle des Programms wurde als Gegenleistung für eine vermutlich finanzielle Zuwendung an Dritte übergeben, die nicht namentlich benannt werden (dürfen).

 

Ein Soundcheck on air und vier Stunden Sendeloch

In der Sendestunde zwischen dem KultTourKalender mit Petra Schlesinger und der Außenübertragung vom Marktplatz läuft regulär im Programm die politische türkisch-deutsche Sendung Evrenselin Sesi (die Internationale Stimme) der Redaktion Alltag und Geschichte. Rund 20 Minuten vor acht hören wir auf einmal einige deutsche Stimmen, die sich in ein auf Türkisch geführtes Telefoninterview einmischen.

Mischpult in Studio 2.
So sollte es sein: Die Regler unten und den quadratischen Knopf (Vorhöre, grün) gedrückt.

Schnell stellt sich heraus, daß die Außenübertragungscrew mit den Technikern im anderen Sendestudio lautstark über den Sender kommuniziert. Drei Minuten lang dürfen wir die Kompetenz des Technikteams beim Aufbau der Sendeleitung begutachten, bis die Herren Techniker bemerken, daß es nicht sonderlich sinnvoll ist, die Hörerinnen und Hörer am Soundcheck teilhaben zu lassen. Ob sie sich dabei auch ernsthafte Gedanken um die Störung des laufenden Programms gemacht haben, bezweifle ich. Oder hat sich jemand aus der Technikcrew beim Moderator der im anderen Sendestudio laufenden Sendung für diese vermeidbare Panne entschuldigt?

Wie konnte es dazu kommen? Nun – der KultTourKalender wurde aus dem Sendestudio 2 übertragen, während die gerade laufende deutsch-türkische Sendung aus dem Sendestudio 1 erfolgt. Zum Holen des Sendesignals ist zum einen der Regler für das andere Studio hochzuziehen, damit es keine harte Blende gibt, zum anderen ein Knopf zu drücken. Sinnvoll wäre es, nach Beginn der eigenen Sendung den Regler für das andere Studio wieder herunterzuziehen, weil das Signal aus dem anderen Studio ja nicht mehr benötigt wird. Dies wurde jedoch offensichtlich unterlassen. Doch erklärt dies das Malheur nur zur Hälfte. Entscheidender ist, daß die Herren Studiotechniker sich bei geöffnetem Regler unterhalten haben, anstatt die Vorhöre zu benutzen. Dazu ist sie nämlich da, nämlich zum Vorhören!

Dies ist jedoch nicht alles. Die Herren Studiotechniker haben bei der Vorbereitung der Außenübertragung in ihrer bekannt kompetenten Art vermutlich eine Kabelverbindung herausgerupft. Anders ist es nicht zu erklären, daß nach der Außenübertragung, also nach Mitternacht, ausgerechnet die Sendestunden nicht wiederholt wurden, die am Abend aus Studio 2 übertragen wurden. Anders ausgedrückt: während der nächtlichen Wiederholung der abendlichen Sendungen zwischen 17.00 und 23.00 Uhr entstanden zwei hübsche Sendelöcher von insgesamt vier Stunden Dauer. Und zwar, um es genau zu sagen, zwischen 1.30 und 2.27 Uhr (Wiederholung KultTourKalender) sowie zwischen 3.32 und 6.30 Uhr (Wiederholung Darmstadt unter Strom). Manchmal frage ich mich, was für inkompetente Laien den Sender derzeit in der Hand haben. Die kennen sich nicht einmal in ihrem eigenen Kabelwirrwarr aus. (Eine mögliche Erklärung dieser Sendelöcher gebe ich hier.)

 

Das Abendprogramm

Darmstadts Einkaufsmeile soll attraktiver werden. Die Konkurrenz schläft nicht und erbaut auf der grünen Wiese in Weiterstadts direkt an der Autobahn A5 gelegenen Gewerbegebieten einen Publikumsmagneten nach dem anderen. Das neueste Großprojekt heißt LOOP5. Der Darmstädter Einzelhandel muß wahrscheinlich zurecht angesichts der wachsenden Konkurrenz mit Umsatzeinbußen rechnen [5a]. Die Gegenstrategie lautet also: verleihen wir Darmstadt ein Flair, welches die Betonklötze auf der grünen Wiese nicht bieten können.

Baustelle Loop 5 in Weiterstadt.
Baustelle LOOP5 in Weiterstadt.

Hierfür zuständig ist die nach einem Fall möglicher Untreue des Geschäftsführers [6] umstrukturierte Darmstadt Citymarketing (ehemals: ProRegio) mit ihrem 1. Vorsitzenden Karl-Heinz Göttert (Karstadt-Manager) und dem 2. Vorsitzenden Walter Hoffmann (Oberbürgermeister). Zu den das Einkaufen fördernden Marketing-Aktivitäten zählt das Late Night Shopping am 6. Juni 2008, verbunden mit dem Lichtspektakel „Darmstadt unter Strom“ des lokalen Energieversorgers Entega. Durchgeführt wird der Abend von der lokalen Agentur Mission Events.

In den frühen Abendstunden ziehen allerhand Gaukler und Schauspielerinnen durch die Innenstadt, es gibt Musikdarbietungen und eine Modenschau. Begleitet wird die Veranstaltung durch eine aus mehreren Lautsprecherboxen verbreitete Klangcollage im New Age-Gewand. Um sich ein riesiges Kabelgewirr bei der Zuleitung des esoterischen Klangegebildes in der Fußgängerzone zu ersparen, kam man oder frau auf die kluge Idee, Darmstadts nichtkommerzielles Lokalradio einzubinden. Der Gedanke liegt auch deswegen nahe, weil die seit Mitte 2006 regierende neue Führungsriege des Vereins und vor allem ihr Umfeld kommerziellen Versuchungen nicht abgeneigt ist. Manche Programmstrecken des Senders klingen eher wie eine schlechte Kopie kommerzieller Radioformate, als daß sie die Vorzüge eines nichtkommerziellen Ansatzes zum Ausdruck bringen. Das neoliberale Ambiente des Senders bringt der Trägerverein des Lokalradios trefflich dadurch zum Ausdruck, daß er kräftig an den Lohnkosten spart und die Pflege des in jahrelanger Arbeit aufgebauten Erscheinungsbildes vernachlässigt. Die hieraus entstehenden technischen Eskapaden dürfen die Hörerinnen und Hörer ausbaden, die mit Brummschleifen, Hängern des Sendecomputers, verzerrten Sendesignalen und (indirekt) mit einer teilweise nicht nutzbaren Studiotechnik konfrontiert werden.

Auf dem Marktplatz werden Biertischgarnituren aufgestellt. Damit die Eltern beschwingt in ihr Einkaufsvergnügen entschwinden können, wird auch ein kleiner Kinderspielplatz errichtet. Unübersehbar in der gesamten Innenstadt und vor allem auf dem Marktplatz ist der Sponsor dieser Veranstaltung, nämlich die Entega mit ihrem Infomobil, vertreten. Je dunkler es wird, desto lichtverspielter präsentieren sich die Häuserwände sowie das Darmstädter Schloß. Für halb zwölf ist eine Abschlußshow mit Lichtspielereien und einem abschließenden Feuerwerk angesagt.

Auf dem Marktplatz.
Trinken, Senden und Spielen auf dem Marktplatz.

Diese Hintergründe sowie eine ausgiebige Berichterstattung von diesem Abend sind auf Darmstadts Lokalradio nicht zu hören. Der Verlauf des Abends läßt die begründete Vermutung zu, daß dem übertragenden Sender, also Radio Darmstadt, nur kurze und nicht allzu häufige Einblendungen zum Anlocken des Publikums und zur Eigenwerbung gestattet waren. Zwar ist der Sender mit zwei sogenannten Reportern vor Ort, doch deren Reportagen bewegen sich eher am Rande der in direkter Nähe aufgebauten Kinderspielplätze. Es wird mit großem funkmikrofonischen Aufwand suggeriert, daß die beiden Reporter mitten aus dem Geschehen berichten. Doch der kleine RadaR-Stand steht direkt neben der Hüpfburg und dem Rotzfrechen Spielmobil, so daß die beiden Herren Reporter sich auch direkt ans Mischpult hätten setzen können. Der Unterschied wäre nicht hörbar gewesen.

Zu den kommunikativen Eigenheiten dieser abendlichen Außenübertragung gehört, daß die Musikredaktion nicht nur nicht angefragt wurde, ob sie ihren Sendeplatz zur Verfügung stellen würde. Hinzu kommt, daß der Redakteur der 21.00 Uhr-Sendung gänzlich uninformiert pünktlich zu seiner regulären Sendung erscheint und unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt wird. So geht der Vorstand mit seinen Mitgliedern um!

Vier Stunden lang spielt der Sender die fremd produzierten Klangcollagen ein, nur gelegentlich unterbrochen von etwa anderthalbminütigen Wortbeiträgen und gegen halb zwölf von einigen Liveeindrücken des Abschlußevents. Bemerkenswert sind die mehrfach vorgetragenen und dem Sender offensichtlich vorgegebenen werbenden Textbausteine. Einige davon können als Information des lustwandelnden Publikums verstanden werden, wann das große nächtliche Ereignis beginnen wird. Andere sind eindeutig als Werbemaßnahme zu verstehen.

„Wir begrüßen Sie herzlich an diesem Tag zu ‚Darmstadt unter Strom‘ und dem Midnight-Shopping.“

Diese Begrüßung wurde im Verlauf des Abends mindestens sechsmal eingespielt; die Art der Einspielung läßt die begründete Vermutung zu, daß sie vom RadaR-Techniker eingeblendet wurde. Dies gilt auch für folgende mindestens dreimal zu hörende Aufforderung:

„Wir würden uns freuen, Sie am Entega-Infomobil auf dem Veranstaltungsbereich Marktplatz begrüßen zu dürfen.“

Entega, Entega und das Infomobil (hinten).
Entega, Entega und ganz hinten das Infomobil.

Hier wirbt der Sender eindeutig für den lokalen Stromanbieter und überschreitet den redaktionell begründeten Rahmen einer Verbraucherinnen-Information. Zu keiner Zeit wird erklärt, weshalb dieser Aufruf erfolgt, was damit verbunden ist und weshalb andere Stromanbieter nicht erwähnt werden.

Die mehrfach bewußt eingestreute Erwähnung des Namens des Sponsors dieser Veranstaltung, verbunden mit der Aufforderung, dessen Infomobil aufzusuchen, könnte durchaus als Schleichwerbung aufgefaßt werden. Möglicherweise hat eine Person bei Radio Darmstadt irgendwo vernommen, es sei erlaubt, bis zu dreimal den Namen eines Sponsors zu nennen. Dies mag im Falle einer Gewinnbeschreibung oder eines redaktionellen Beitrags durchaus stimmen. Nur: hier ist keinerlei redaktionelle Bearbeitung zu erkennen und Gewinne werden auch nicht ausgelobt. Es handelt sich meines Erachtens schlicht um eine unterschwellig eingeschobene Werbebotschaft, und solcherlei ist den nichtkommerziellen Lokalradios in Hessen per Gesetz untersagt. Mag hierüber die zuständige Landesmedienanstalt befinden!

 

Lechts und rinks und ein halbes Stereo

Zwischen dem 23. Mai und dem 15. Juni 2008 strahlt Radio Darmstadt sein Programm zeitweise nur mit einem der beiden Stereokanäle aus. Der andere ist nur dann als Krächzen zu vernehmen, wenn der Laustärkeregler voll aufgedreht wird. Offensichtlich haben die Heimwerker des Senders ein Kabel herausgerupft und es nicht einmal bemerkt. Dieses Phänomen tritt immer dann auf, wenn das Sendesignal aus Studio 2 on air geht. Sowohl der KultTourKalender mit Petra Schlesinger als auch die Außenübertragung von „Darmstadt unter Strom“ werden aus Studio 2 gefahren. Somit kommt die Fußgängerzone in Darmstadt in den Genuß eines halben Signals. Als ich gegen 20.15 Uhr die Ludwigstraße entlang schlendere, höre ich zunächst eine Moderation, dann ein Krächzen und anschließend gar nichts mehr. Nicht auszuschließen, daß der Ladenbetreiber sich keinen Reim auf das von ihm empfangene und auf die Verstärkerbox geleitete Rundfunksignal machen konnte. Wer kommt auch auf die Idee, daß die Profis vom Steubenplatz ihre Kabel nicht im Griff haben?

Daß die nächtliche Wiederholung dieser Außenübertragung als Totalausfall gesendet wurde, habe ich schon erwähnt. Bemerkenswert ist, daß in der Wiederholung am Samstagmittag das Sendesignal wieder verfügbar war. Ein Blick auf die Audiodateien verrät uns jedoch, daß unsere Technikbastler womöglich ein Problem damit haben, rechts von links zu unterscheiden. Wie sonst ist es möglich, daß der nicht hörbare Stereokanal am Abend der rechte ist, in der Wiederholung am Mittag jedoch der linke? Wie dichtete Ernst Jandl so richtig?:

„manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein illtum“

Genau. Es folgen zum Beweis die Screenshots der Audiodateien zwischen 18.00 Uhr (6. Juni) und 15.00 Uhr (7. Juni). Hierzu eine kurze Erklärung: Um 18.00 Uhr startet der KultTourKalender, gegen 19.00 Uhr holt sich der Techniker von Evrenselin Sesi das Sendesignal in Studio 1. Ab 20.00 Uhr werden die Soundcollagen über Studio 2 abgestrahlt, ehe um 0.30 Uhr die Wiederholung des Abendprogramms aus Studio 2 abgestartet wird. Daher geht auch in der Nacht der rechte Kanal im Kabelnirwana verloren. Um 6.45 Uhr holt sich Christian K. zum Radiowecker das Sendesignal ins Studio 1 – und siehe da, wir haben wieder beide Kanäle! Nach Ende des Liveprogramms um 11.00 Uhr wird die Wiederholungsschiene des Vorabends gestartet. Wir sehen, daß der ursprünglich rechts fehlende Kanal nun der linke ist (KultTourKalender ab 12.00 Uhr und Außenübertragung ab 14.00 Uhr), bis um 14.45 Uhr nach der Umschaltung ins Sendestudio 1 wieder der volle Sound zu hören ist.

Die vier Stunden Sendeloch in der Nacht könnten dann so zu erklären sein: Da einerseits aus Studio 2 nur auf dem linken Kanal gesendet wird und andererseits der Wiederholungscomputer rechts nicht von links unterscheiden kann, wird auf beiden Kanälen das Nichts übertragen. Saubere Arbeit, Jungs! Es spricht nichts dafür, daß es ihnen aufgefallen sein könnte. Denn das Phänomen des fehlenden rechten Kanals begleitet uns bis zum 15. Juni, dem Tag, an dem Sendestudio 2 offiziell abgebaut und durch eine billige Preßspankopie ersetzt wird. Damit wir über diesen Verlust nicht allzu traurig sind, wird am 30. Juni 2008 Studio 1 mit diesem sich offenkundig bewährt habenden innovativen Feature versehen. Das versteht die Technikgruppe unter „Sanierung“ der Studiotechnik!

Screenshot der Audiofiles von 18 bis 23 Uhr
Screenshot der Audiofiles von 23 bis 4 Uhr
Screenshot der Audiofiles von 4 bis 9 Uhr
Screenshot der Audiofiles von 10 bis 15 Uhr

 

Beispielhafte Moderationen

 

Beispiel 1: Erste Moderation um 20.00 Uhr

Pünktlich um 20.00 Uhr beginnt Radio Darmstadt seine Außenübertragung. Am Mischpult auf dem Marktplatz eröffnet YoungPOWER-Redakteur Christian Franke seine Moderation mit folgenden Worten:

Christian : „Einen wunderschönen guten Tag. Auf dem Marktplatz stehen wir mit unserem Stand von Radio Darmstadt. Wir, das sind im Moment noch Markus Lang und Christian Franke Hallo Markus.“

Markus : „Hallo Christian.“

Christian : „Was passiert hier heute, Markus?“

Ich weiß nicht, bei welchem Sender diese Moderations-Unart gepflegt wird; aber weshalb der eine Moderator den anderen fragt, was Sache ist, anstatt es selbst zu erzählen, würde mich ja schon einmal interessieren. Ebenso sinnlos ist die gegenseitige Begrüßung. Das können die beiden Starmoderatoren privat so oft machen, wie sie lustig sind, am Mikrofon ist das einfach nur Quark. Die gesteigerte Fassung dieses Moderations-Gruß-Unsinns können wir zuweilen im Radiowecker hören, wenn sich Christian K. und Thomas T. ein halbes Dutzend mal begrüßen, bevor sie ihre Inhalte loswerden. Nun gut – erfahren wir nun endlich, was heute passiert?

Markus : „Ja, das ist das Event ‚Darmstadt unter Strom‘. Es war ja auch schon in den Zeitungen zu lesen.“

Wozu benötigen wir dann eigentlich ein Radio, wenn bei dem, was uns interessiert, auf Zeitungen verwiesen wird, die wir vielleicht gar nicht gelesen haben? Manche Starmoderatoren bei Radio Darmstadt haben auch nach elf Jahren Praxis wenig gelernt. Aber vielleicht ist es ihnen bei ihrer Vereinbarung mit der Citymarketing, der Event-Agentur oder dem Sponsor Entega nicht gestattet worden, mehr als banalen Blabla von sich zu geben, wer weiß?

Markus : „Also, da wird einiges stattfinden hier. Wir haben hier einiges zu erwarten. Sehr viel, ja, wir haben hier das Spielmobil, wir haben hier das Entega-Mobil, wir haben hier auch sehr viele Künstler und Musikanten in der ganzen Innenstadt verteilt. Es ist ja ein Event zum Thema 24-… also … offene Geschäfte bis 24 Uhr. Also dementsprechend kann man hier auch noch in den Geschäften rumschnuppern. Das Ganze und, wie gesagt, …“

Wann? Wo? Eine typische Markus Lang-Verlegenheitsfloskel: „Wie gesagt.“ Vor allem dann, wenn er das „wie gesagte“ noch gar nicht gesagt hat!

Markus : „… zum Schluß, ab 23 Uhr 30, gibt's hier noch mal 'ne Mords-Show mit Lichteffekten, mit Ton, mit Feuerwerk zum Schluß. Also, hier wird schon ganz schön was geboten.“

Hintergrundinformationen: Mangelware. Dafür umso mehr unkritische Wiedergabe von verkaufsfördernden Inhalten.

Christian : „'Ne Menge ist los in der ganzen Darmstädter Innenstadt. Wenn Sie uns besuchen wollen, wir stehen auf dem Marktplatz, und kommen Sie einfach mal vorbei. Das Wetter ist noch schön. Ich glaub … sehen wir Gewitterwolken, Markus? Ich glaube, es ist eigentlich gut.“

Markus : „Nö, alles ok.“

Christian : „Gut, dann stelle ich Ihnen gleich unsere beiden Reporter vor, Lukas Saengger und Nils Paeschke Das hören wir uns gleich an. Also, bis dann.“ [7]

Fremde Stimme : „Wir begrüßen Sie herzlich an diesem Tag zu „Darmstadt unter Strom“ und dem Midnight-Shopping.“

Begrüßt uns hier Radio Darmstadt zum Shoppen oder der Veranstalter? Wie dem auch sei, nun beginnt der fremd bestimmte Teil des Abendprogramms von Radio Darmstadt. Wir hören den Beginn brummend-wabernder esoterischer Klangstrukturen. Dieser Sound begleitet die abendlichen Bummlerinnen und Bummler auch in Darmstadts Innenstadt.

Lautsprecherbox in der Ludwigstraße.
Lautsprecherbox (roter Pfeil) in der Ludwigstraße.

Günter Mergel, seit Mai 2008 erneut Vorstandsmitglied, hatte zusammen mit seiner heutigen Vorstandskollegin Susanne Schuckmann in den Anfängen von Radio Darmstadt eine Sendereihe namens Esoterik zwischen Magie und Aberglaube redaktionell gestaltet und moderiert. In dieser Sendereihe wurde den Heilsversprechen der Esoterik-Szene auf den Zahn gefühlt und der gewerbliche Charakter dieses Milieus bloßgestellt. Zehn Jahre später scheinen beide ihre Einsichten von damals vergessen zu haben. Die eine hat als amtierende Vorstandsfrau der Liveübertragung von verkaufsfördernder New Age-Musik [8] zugestimmt, der andere sitzt nun im Sendehaus und überwacht dort die Sendetechnik während dieser Außenübertragung. So wird die ganzheitliche Gedankenwelt des, wie er noch vor Jahren über den Äther brachte, transzendentalen Gewerbes mit seiner Mithilfe unters Volk gebracht. Ob es ihn dabei wenigstens ein wenig geschüttelt hat? Ich weiß es nicht.

Während die Musik vor sich hin vibriert, besuche ich den Stand von Radio Darmstadt auf dem Marktplatz. Das von Susanne Schuckmann in ihrer Ankündigung von Anfang Mai vorgebrachte Argument, Radio Darmstadt werde bei der Veranstaltung ein großer Raum zugestanden, erscheint nun in einem gänzlich neuen Klang. Der große Raum ist rein materiell auf die Grundfläche eines an den Seitenrand gedrängten Partyzelts beschränkt und rein ätherisch zu mindestens 95% fremdbestimmt. Die Moderatoren haben nichts zu tun und stehen bzw. sitzen recht gelangweilt herum. Bis zur nächsten Liveeinblendung eines kurz gehaltenen Wortbeitrags müssen noch einige Minuten vergehen. Ich zähle immerhin neun Personen am Stand, von denen jedoch nur vier an diesem Abend moderativ in Erscheinung treten werden. Diese Art des Sendens werden uns die Moderatoren nach Mitternacht als „großen Spaß“ verkaufen. Bemerkenswert, wie billig Spaß heutzutage zu erhalten ist.

 

Beispiel 2: Moderation um 20.22 Uhr

Christian : „Mit der Live-Übertragung zum Event ‚Darmstadt unter Strom‘. Wir sind dabei. Und Sie können auch noch vorbeikommen, hier in der kompletten Darmstädter Innenstadt. Und unsere beiden Reporter, Lukas Saengger und Nils Paeschke, haben sich aufgemacht und haben sich mal einen Stand genau angeschaut. Lukas, was ist denn da, wo bist du denn da?“

Hüpfburg auf dem Marktplatz.
Hüpfburg; der Stand von Radio Darmstadt ist neben dem Bildrand links zu denken.

So kann man das natürlich auch nennen: sie haben sich aufgemacht und haben sich fünf Meter weit Richtung Kinderspielplatz bewegt.

Lukas : „Ja, ich bin gerade selber ein bißchen platt. Ich stehe auf dem Marktplatz und hier ist eine wunderbare Hüpfburg aufgebaut und auch das rote rotzfreche Spielmobil kann hier besucht werden. Das ist wirklich der absolute Wahnsinn. Ich wollte mich auch mal reinsetzen, durfte leider nicht. Aber ich kann's wirklich nur allen empfehlen.“

Nils : „Mir ging's ja so, Johannes (!!), bei der Hüpfburg. Ich wollte auf die Hüpfburg drauf, und da sagt der zu mir: Erstens, du bist zu alt, aber das viel größere Problem ist, du bist zu schwer. Ich finde, das ist nicht gerecht.“

Wenn wir die Moderationen des gesamten Abends verfolgen, dann werden wir feststellen, daß sich unsere beiden Reporter (mit vielleicht einer Ausnahme) nicht vom Marktplatz entfernt haben. Dabei hätte es sich durchaus angeboten, von den anderen Locations zu berichten, zum Beispiel vom Luisenplatz, auf dem die Anwesenheit der Redakteure von Radio Darmstadt ja im KultTourKalender verkündet wurde, oder aus dem Boulevard mit seiner von knalliger Musik (nicht das Programm von Radio Darmstadt!) untermalten Modenschau. Aber Fehlanzeige! Totaler Bewegungsmangel. Hier stellt sich die Frage, ob dies zum Kalkül der Übertragung gehört. Schließlich sollen zunächst die Einkaufswütigen ihre Kids auf dem Marktplatz abladen und später alle wieder hier erscheinen, um dem Lichtspektakel beizuwohnen. Die ablenkende Orientierung auf andere Orte wäre dabei sicherlich hinderlich.

Auffällig ist, daß unsere doch etwas erwachseneren Kinder sich von den kindgerechten Einrichtungen bezaubern lassen. Ohnehin ist in ihren Moderationen alles wahnsinnig, wunderbar, großartig, der Hammer, absolut klasse und toll. So als ob sie ein laues Event wie sauer Bier anpreisen müssen. Andererseits: wie wir nach Mitternacht erfahren dürfen, durften sie nicht sagen, was sie wollten. Das mag die Einfallslosigkeit der Wortbeiträge erklären. Es eben eine Welt voller Hypes.

Nils : „An dieser Stelle mal 'nen lieben Gruß in die Fußgängerzonen und in zig Geschäfte in Darmstadt. Denn da laufen wir heute auch überall. Also, wenn ihr uns hören wollt und noch mal einkaufen gehen wollt, dann einfach in die Darmstädter Innenstadt gehen. Da laufen wir eigentlich mittlerweile in fast jedem Geschäft und in den ganzen Fußgängerzonen.“

Lukas : „Und wenn die kleinen Kinder mal 'ne Verschnaufpause brauchen, hier ist nämlich die Ruheoase gegeben auf dem Marktplatz, direkt vorm RadaR-Stand.“

Nils : „Ja, wir gehen erst mal gucken, wo wir was zum Essen bekommen, und melden uns dann einfach mal wieder, ne, wenn wir was gefunden haben, ne?“ [9]

Die vorgeplante Redepause zur störungsfreien Ausstrahlung esoterischer Klagcollagen wird uns hier verkauft als Essenspause. Der redaktionelle Mehrwert dieser Mitteilung ist marginal, und ob die beiden dann wirklich losgezogen sind, um sich zu verköstigen, ist fraglich. Denn nur wenige Minuten nach dieser Moderation begegnete ich den beiden Reportern unter ihrem Partyzelt und da wurde nichts geknabbert. Direkt nach der dann wohl imaginierten Ankündigung, etwas futtern zu wollen, wird vom Mischpult der Werbeblock geschaltet:

„Wir würden uns freuen, Sie am Entega-Infomobil auf dem Veranstaltungsbereich Marktplatz begrüßen zu dürfen.“

Ein redaktioneller Zusammenhang ist hier nun wirklich nicht zu erkennen. Aber das ist hier offensichtlich auch nicht zu erwarten, denn es handelt sich hier um das aufgetragene Abspielen eines Klangelements, das mit ziemlicher Sicherheit nicht im Hause RadaR produziert wurde.

Holländische Klangwelten auf dem Luisenplatz.
Holländische Klangwelten auf dem Luisenplatz übertönen den New Age-Sound.

Nebenbei: als ich kurz nach der Ankündigung, die Klangcollage sei „in fast jedem Geschäft“ zu hören, die Häuser Karstadt und Kaufhof betrat, habe zumindest ich nichts davon gehört. Kann mir das eine oder jemand einmal erklären? Aber auch anderswo gibt es Probleme mit dem Sound.

Die vier nett auf dem Langen Lui drapierten Soundboxen sind durchaus in der Lage, den Luisenplatz zu beschallen. Vorausgesetzt, es gibt keine anderen Lärmquellen. Manchmal quietschen einige Straßenbahnen vorbei, zuweilen lassen auch Busse und Taxen ihre Motoren aufheulen. Und außerdem gibt es noch etwas zu feiern. Darmstadt begeht den 50. Jahrestag seiner ersten Städtepartnerschaft und hat hierzu auf dem Luisenplatz ein sogenanntes Europadorf errichtet. Auf einer eigenen kleinen Bühne findet am Abend des 6. Juni 2008 ein kleines Festprogramm statt. Ab 22.00 Uhr soll ein Shanty-Chor aus Alkmaar singen. Doch auch vorher schon ist die Bühne besetzt. Eine holländische Big Band übertönt lautstark die Klänge, welche von Darmstadts zentralem Phallussymbol daherschweben. Irgendwie scheinen da zwei Marketing-Fraktionen aneinander vorbei geplant zu haben. Andererseits bietet das Europadorf ein zusätzliches Highlight, das zum Shoppen motiviert.

 

Beispiel 3: Umgang mit einer unzufriedenen Besucherin

Um 23.09 Uhr sind die Lautsprecherboxen auch auf dem Marktplatz installiert, so daß wir das nun folgende Gespräch nicht nur direkt, sondern auch im Widerhall der Boxen vernehmen können. Diejenigen, die sich inzwischen auf dem Marktplatz versammelt haben, werden nun zu dessen Zeuginnen und Zeugen. Nils Paeschke und Lukas Saengger haben ein offensichtlich älteres Paar angesprochen und nehmen sie live on air. Das ist nicht ungefährlich, weil man ja nie weiß, was gesagt wird. In diesem Fall müssen unsere Reporter versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Während ER noch recht diplomatisch seinen Eindruck vom abendliche Event beschreibt, platzt IHR bei so viel Diplomatie der Kragen.

SIE : „Ich war heut' abend hier. Ich hab' gedacht, hier geht was los, da ist Musik, da ist Licht …“

Nils : „Ahja, hier ist doch auch Licht. Um halb 12 ist es soweit.“

SIE : „Ja, ja, jetzt ist es mitten in der Nacht. Seit 10 Uhr 30 ist es dunkel genug, da hätt' hier was passieren können …“

Nils : „Ahja, da geb ich 'nen Tip, warten Sie bis halb 12.“

SIE : „Mein nächster Bus geht in 10 Minuten.“

Nils : „Ja, da warten Sie bis halb 12, da gibt's das Abschlußevent.“

Lukas : „Wir freuen uns drauf, in 20 Minuten ist es soweit, bei ‚Darmstadt unter Strom‘, die große Abschlußshow. Bleiben Sie unbedingt hier oder kommen Sie her schnell noch in die Stadt, wenn Sie die Zeit dazu haben. Schauen Sie vorbei. Hier ist 103,4 Megahertz, hier ist Radio Darmstadt.“ [10]

Befangen in der Verteidigung des – wenn auch quasi als Subunternehmer – eigens vereinnahmten Events gelingt es unseren beiden Reportern nicht, das Anliegen der älteren Frau ernst zu nehmen. Sie fahren ihr über den Mund, bequatschen sie, länger zu bleiben, und würgen sie schließlich ab. Dieses kurze Interview läßt jegliche redaktionelle Distanz zum übertragenen Event vermissen. Kein Wunder – die Moderatoren von Radio Darmstadt sind nicht Herr im Haus, sondern sind verpflichtet, zum Gelingen des Midnight Shopping beizutragen. Das Schlußspektakel mit Feuerwerk kann nicht mit Einbruch der Dunkelheit beginnen, weil ja noch bis Mitternacht geshoppt werden soll. Aber das dürfen Nils und Lukas natürlich nicht verraten. Kritik wäre hier schädlich.

 

Beispiel 4: Promotion

Gegen Viertel nach neun spricht Markus Lang mit Demir Türsan, dessen Agentur Mission Events die Lightshow auf dem Marktplatz vorbereitet hat. Gut vorbereitet, wie das Vorstandsmitglied des Trägervereins von Radio Darmstadt wieder einmal ist, spricht er seinen Interviewgast zunächst mit „Dürsan“ an. Zu einer wirklich guten Vorbereitung gehört, den Namen des Gesprächspartners vorher abzuklären, denn der Eigenname ist der schlimmste Feind jedes Moderators.

Stand von Mission Events auf dem Marktplatz.
Stand von Mission Events auf dem Marktplatz.

Markus : „Sie sind jetzt verantwortlich für diesen ganzen … für dieses ganze Spektakel, das hier so langsam auch stimmungsmäßig ziemlich gut wird, weil: Die Illumination kommt jetzt richtig zur Wirkung und die Musik, die paßt ja auch ganz toll dazu. Aber das ist ja noch nicht alles. Es wird ja noch viel, viel besser.“

Spätestens an dieser Stelle hat Markus Lang für sich entschieden, ideeller Veranstaltungspromoter zu sein und nicht Journalist. Es ist das Problem von Radio Darmstadt: einerseits Dienstleister einer Innenstadtbeschallung zu sein und damit das Event grundsätzlich positiv zu verkaufen; andererseits als nichtkommerzielles Lokalradio eine kritische Distanz zu dem zu bewahren, was man überträgt. Dieser Spagat mißlingt, weil das kommerzielle Element stärker ist. Daher „weiß“ Markus Lang, daß dieses Event noch viel besser wird, anstatt den Eventmanager einfach zu fragen, was noch geplant sei. Der läßt sich die Gelegenheit natürlich nicht entgehen.

Demir Türsan : „Ja, genau.“

Und dann fängt er an zu erzählen. Wir erfahren sogar tatsächlich etwas darüber, was gegen halb zwölf stattfinden soll, wenn auch dies mit einem gewissen Eigenlob verbunden wird. Der Interviewgast sozusagen als redaktioneller Mitarbeiter, denn die bisherige redaktionelle Leistung war – gelinde gesagt – von zweifelhaftem Wert. Alsdann übernimmt Markus Lang, als sei er vom Dienstleister zum Mitveranstalter aufgestiegen, wieder das Wort:

Markus : „Ansonsten, kommen Sie hier vorbei. In der Innenstadt ist überall was los, kulturell, musikalisch. Und, hier tobt das Leben. Also, ein Blick über den Marktplatz, unbeschreiblich. Also, so voll um die Uhrzeit, so ein Trubel, noch nicht dagewesen. Ja, dann gebe ich zurück zu Christian Franke an unserer Technik.“ [11]

Es folgt ohne redaktionellen Übergang der Werbeblock. Selbstredend wird der Unterschied zwischen redaktionellem Inhalt und Werbehinweis nirgends kenntlich gemacht.

„Wir würden uns freuen, Sie am Entega-Infomobil auf dem Veranstaltungsbereich Marktplatz begrüßen zu dürfen.“

Ich würde mich freuen, wenn der Programmrat von Radio Darmstadt den Vorstand seines Trägervereins einmal fragen würde, was er sich dabei gedacht hat. Doch da kann ich sicherlich lange warten. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Gewiß war der Trägerverein von Radio Darmstadt klug genug, die Teilnahmebedingungen für die Übertragung des Nachtspektakels „Darmstadt unter Strom“ mit der hessischen Landesmedienanstalt vorher abzusprechen. Eine Frage zum Schluß: fehlt es Markus Lang an der redaktionellen Fantasie, das Unbeschreibliche des Trubels in eigene Worte zu fassen, oder handelt es sich hierbei um reines (hier tatsächlich auch vor Ort erzeugtes) marktschreierisches Blabla?

 

Fundstellen :

Der Artikel des städtischen Pressedienstes zu „Darmstadt unter Strom“ gibt am 27. Mai 2008 einen Vorgeschmack auf das zu erwartende Event.

Eine Redakteurin oder ein Redakteur mit dem Kürzel uss schreibt am 9. Juni 2008 im Darmstädter Echo ausführlich über den Einkauf bis Mitternacht: „Das ist wie Urlaub“. Radio Darmstadt als Verbreiter der Klangcollagen wird nicht benannt.

Für die Frankfurter Rundschau war Claudia Horkheimer am Ort des Geschehens. Sie schrieb am 8. Juni 2008 (Printausgabe einen Tag später) zum einkaufsfördernden Gedröhn: „Geschäfte bis zum Schluss voll“. Auch sie hat Darmstadts Lokalsender nicht wahrgenommen.

RadaR-Mitglied Roger M. hat auf den Online-Seiten des Darmstädter Echo eine Bildergalerie zusammengestellt. Leider ist hierauf nicht zu erkennen, wie zahlreich das Publikum zwischen elf und zwölf Uhr auf dem Marktplatz versammelt war.

Die Citymarketing Darmstadt gab einen kurzen Rückblick auf ihre Veranstaltung.

Stand: 15. Juni 2008

 

ANMERKUNGEN

 

»» [1]   In den genannten Passagen des Gesetzestextes heißt es: „Die Zulassung ist nicht übertragbar.“ und „Werbung und Sponsoring sind unzulässig.“ Der Rundfunkstaatsvertrag sieht zusätzlich vor, daß Werbung als solche klar erkennbar sein muß. Schleichwerbung ist verboten. Nach § 2 Absatz 2 Nummer 7 des Rundfunkstaatsvertrages „ist Sponsoring jeder Beitrag einer natürlichen oder juristischen Person oder einer Personenvereinigung, die an Rundfunktätigkeiten oder an der Produktion audiovisueller Werke nicht beteiligt ist, zur direkten oder indirekten Finanzierung einer Sendung, um den Namen, die Marke, das Erscheinungsbild der Person oder Personenvereinigung, ihre Tätigkeit oder ihre Leistungen zu fördern.“ Ob am Abend des 6. Juni 2008 hiergegen verstoßen wurde, mag die zuständige Landesmedienanstalt entscheiden.

»» [2]   Das Midnight Shopping ist Teil einer Strategie zur völligen Deregulierung der Ladenschlußzeiten. Die im Einzelhandel Beschäftigten sind hierbei rund um die Uhr verfügbar. Auch wenn Darmstadts Stromanbieter ein besonders ökostromiges Image pflegt, wird für die Nachtbeflutung von Darmstadts Innenstadt und der am Event beteiligten Geschäfte zusätzliche Energie und zusätzlicher Strom verbraucht. Anstatt Energie zu sparen wird mittels des Öko-Labels mehr Energie verschwendet. Am Rande sei angemerkt, daß das Vorstandsmitglied des Trägervereins von Radio Darmstadt Markus Lang sich in der Vergangenheit für energiesparende Maßnahmen im Sender stark gemacht hat. Er ist zudem Pressesprecher der lokalen Greenpeace-Gruppe. Irgendwie paßt das eine nicht mit dem anderen zusammen.

»» [3]   Wiedergabe nach dem Höreindruck. Verschliffene Silben wurden zum Teil leicht modifiziert ins Hochdeutsche übertragen.

»» [4]   Siehe Anmerkung 3. Manche Passagen waren extrem schlecht verstehbar.

»» [5]   Ich habe eigentlich keine Veranlassung, Petra Schlesinger in irgendeiner Weise zu kritisieren oder gar im Rahmen dieser Dokumentation aufzuführen. Nun hat sie sich dazu entschlossen, sich in den Vorstand des Trägervereins von Radio Darmstadt wählen zu lassen. Sie wird, ob sie das will oder nicht, zukünftig mit allen Handlungen und Äußerungen ihrer Vorstandskollegin und ihrer Vorstandskollegen identifiziert werden. Deren „Leistungen“ sind allenthalben in dieser Dokumentation aufgeführt. Mir ist schleierhaft, wie ich sie da heraushalten soll, wenn sie, wie am Abend des 6. Juni 2008, wahrscheinlich naiv und ahnungslos an der hier dokumentierten Außenübertragung mitwirkt.

»» [5a]   In der Online-Ausgabe des Darmstädter Echo werden am 18. Juni 2008 diese Befürchtungen durch den Karstadt-Geschäftsführer Karl-Heinz Göttert bestätigt: Karstadt baut für 3,5 Millionen Euro um.

»» [6]   Der damalige ProRegio-Geschäftsführer Michael Blechschmitt wurde am 19. Januar 2006 mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Im Dezember 2007 verurteilte ihn das Schöffengericht Darmstadt wegen Untreue in 21 Fällen zu 14 Monaten Haft auf Bewährung. Seit Anfang Juni 2008 wird vor dem Landgericht Darmstadt die Berufung verhandelt.

»» [7]   Siehe Anmerkung 3. Der Name „Lukas Saengger“ ist verfremdet.

»» [8]   Diese New Age-Musik benennt auch der/die Redakteur/in des Darmstädter Echo am 9. Juni 2008 im Artikel Einkauf bis Mitternacht: „Das ist wie Urlaub“.

»» [9]   Siehe Anmerkung 3.

»» [10]   Siehe Anmerkung 3.

»» [11]   Siehe Anmerkung 3. Im übrigen ist die Aussage nachweislich falsch: auf jedem Heinerfest ist der Marktplatz um diese Uhrzeit besser gefüllt als am Abend des 6. Juni 2008. Hier soll dem Publikum der Mund wäßrig gemacht werden und das kann nun wirklich nicht die Aufgabe eines Moderators sein, der als Journalist von einer Außenübertragung berichtet.


Diese Seite wurde zuletzt am 5. Juni 2012 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008, 2012. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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