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Titelfoto Dezember 2009
Wo viel Licht ist, gibt es auch Schatten.

Radio Darmstadt

Stille Nacht, ganz stille Nacht

Dezember 2009
Dokumentation

 

Zum Sinn und Zweck dieser Dokumentation.

Zusammenfassung

Besinnlich begeht Darmstadts Lokalradio den letzten Monat des Jahres 2009. Gerade erst mußte sein Trägerverein Ende November eine Schlappe hinnehmen, da stürzt erst die Webseite und dann das ganze Netzwerk ab. Mit den Wiederholungen gibt es altbekannte und auch neue Probleme. Besinnung und Stille gehören zum Weihnachtsfest zusammen. Daher stellte der Sender an Heiligabend sein Programm einfach ein. Zum Jahresausklang gab es mit dem „Power Day“ einen Schub für das neue Jahr, der sogar über YouTube zu bewundern war. Zitieren wir einfach einen Musikredakteur: „Niemals den Kopf verlieren.“ Sprach's und verabschiedete sich ins Sendeloch.

Die Anspielungen dieser Zusammen­fassung werden im Text erklärt. – Der zuweilen etwas sarkastische Unterton richtet sich nicht gegen bestimmte Personen, sondern Zustände. Für diese Zustände sind zwar bestimmte Personen verantwortlich zu machen, aber im Grunde genommen handelt es sich um ein strukturelles Problem, bei dem die konkreten Personen keine entscheidende Rolle spielen.

 


 

Seltsames Nebengeräusch

Schon seit Wochen ist es zu hören – ein seltsames Nebengeräusch, das Livesendungen und Wiederholungen begleitet. Es brummt nicht, sondern hat mehr etwas von einem Summen. Besonders aufdringlich ist es dort, wo einzelne Sendestrecken durch den Klang­verbesserungs­apparat in ihrer Lautstärke angehoben werden. Ich frage lieber nicht danach, wie die Herren Techniker dies schon wieder hinbekommen haben.

Am 2. Dezember ist die Webseite des Senders für einen Tag offline. Vermutlich gab ein Problem beim Aufspielen des zwei Tage zuvor veröffentlichten Typo3-Updates (Version 4.3). Vor dem Abschalten der Webseite wurden wir mit erhellenden Fehler­meldungen wie

„Parse error: syntax error, unexpected ',' in /www/htdocs/w008737c/typo3conf/temp_CACHED_psea73_ext_localconf.php on line 74“

erfreut; oder aber die Startseite wurde gleich gar nicht erst gefunden:

„The requested URL /index.php was not found on this server.“

Künstlerpech! Verwunderlicher ist hingegen die Schlichtheit der Selbst­darstellung, die anschließend auf der Startseite einzog. Da werden nicht mehr uralte Kamellen als brandneu angeboten oder banale Unterhaltung gehypt. Statt dessen erwartet uns nun ein nüchterner Textblock, garniert mit einigen Links. Wenn wir dann so dreist sind, die der Barriere­freiheit dienende Schaltfläche „A+“ anzuklicken, um diesen nichts­sagenden Text vergrößert dargestellt zu erhalten, dann erkennen wir, daß es im Sendehaus noch ganz andere Probleme im Umgang mit dem Content Management System Typo3 gibt. Die Überschrift wird größer und größer, nur am Text, da ändert sich nichts. Ich gebe zu, das ist nicht wirklich wichtig. Aber wenn man solch ein Feature großkotzig feilbietet, dann sollte man es auch prüfen, so daß es funktioniert.

Die Chaoten von C-Radar haben es auch diesen Monat verpeilt. Nach Ablauf ihrer November-Sendung hatten sie vorsorglich gar kein Programm gestartet, wozu denn auch? Stille tut's ja auch. Diesmal spielen sie als Wiederholung nicht die Abendsendungen vom Donnerstag, sondern die vom Mittwoch ein. Fällt ja sowieso keiner und niemandem auf. Das Blöde dabei: bis zum Beginn des Liveprogramms am Donnerstag­nachmittag vergehen dreizehn Stunden, und da reicht ein Programm­vorrat von sechs Stunden nun einmal nicht aus. Die Folge: kurz vor acht Uhr am frühen Morgen nichtet ein wenig das Nichts, bevor wir zwei Stunden lang erstklassigen Dudelpop um die Ohren gehauen bekamen.

Ein Brief an den Programmrat

Nachdem ich mir das einige Wochen angehört habe und ganz offensichtlich im Sender keine und niemand verantwortlich handelt, frage ich den Programmrat, was es mit der innovativen 57 Minuten-Stunde auf sich hat:

„Hallo Programmrat,

seit einiger Zeit beobachte ich eine Tendenz in der Nacht- und auch der Tageswieder­holung, daß der 6-Stunden-Zyklus um 3 bis 10 Minuten verkürzt abgespielt wird. Das bedeutet, daß einzelne oder gar alle Sendungen dieses Zyklus um mehrere Minuten beschnitten werden.

Fragen:
1. Ist dieser Sachverhalt im Programmrat bekannt, wurde er angesprochen?
2. Wurde diese Verkürzung auf einer Programmrats-Sitzung beschlossen?
3. Welch tieferer Sinn verbirgt sich hinter dieser Maßnahme?

Ich schlage vor, diesen Punkt auf der nächsten Programmrats­sitzung am 14.12.2009 zu besprechen. Es kann doch nicht sein, daß die Wiederholung der Sendungen einzelner Redakteurinnen und Moderatoren willkürlich abgeschnitten werden und sie hierüber nicht einmal in Kenntnis gesetzt werden. Gerade bei Wortsendungen ist dieses ‚Feature‘ fatal.

Mit freundlichen Grüßen
Walter Kuhl
Redaktionssprecher ‚Alltag und Geschichte‘“

Die (erwartete) Antwort: Schweigen. Selbstverständlich wurde der Punkt auf der Sitzung am 14. Dezember nicht behandelt. Das eigene Programm ist dem Gremium wohl doch nicht so wichtig. Statt dessen wurden Albernheiten beschlossen wie die, daß die Redaktion Alltag und Geschichte verbindlich zur nächsten Programmrats­sitzung im Januar vorzuladen sei. Albern deswegen, weil mit dem Segen desselben Programmrats dem Sprecher der Redaktion, also mir, der Zugang zur Sitzung verweigert wird. Aber, so fanden die klugen Köpfe heraus, nach ihrem Kenntnisstand gebe es eine stell­vertretende Sprecherin oder einen stell­vertretenden Sprecher, so genau weiß der kluge Kopf das dann doch wieder nicht, die oder der „jederzeit“ zur Sitzung kommen könne. Irgendwie hat das etwas von Parapsychologie, denn rational ist dieser Unfug nicht zu erklären. Wie kann es sein, daß die klugen Köpfe des Programmrats mehr über die Lebens­umstände meiner Stell­vertreterin wissen als sie selbst?

Das vom Programmrat beschlossene Schreiben ging jedoch nicht der Redaktion zu, sondern per Briefpost allen denjenigen, die der Programmrats­sprecher für Mitglieder der Redaktion hält. Das wunderliche Schreiben kann hier nachgelesen werden. Es fordert implizit nichts anderes ein, als daß der Souverän (die Redaktion) sich gefälligst einen Sprecher wählen soll, der das Vertrauen des Programmrats genießt, und vor allem einen, der nicht – Walter Kuhl heißt.

Und weil dem Programmrat – seinem eigenen Selbst­verständnis nach – so viel an der Programm­qualität liegt (Vorsicht, Ironie!), ist auch im Januar 2010 das Phänomen zu beobachten, daß einzelne Sendestunden im wiederholten Programm nicht 60, sondern nur 57 Minuten andauern. Dies bestärkt mich in meiner Ansicht, daß der Programmrat das nutzloseste Gremium des Senders ist.

Ein bißchen Liveprogramm zwischen Konserven

Am Freitagnachmittag des 4. Dezember beginnt um 15.00 Uhr das sogenannte Liveprogramm, das diesmal im wesentlichen aus der Konserven­abteilung stammt. Ob die griechische Sendung Radio Akroama live eingespielt wurde, darf bezweifelt werden, denn es handelt sich um eine Aneinander­reihung griechischer Musiktitel. Für 17.00 Uhr vermeldet der Programmflyer eine Sendung der Lokalredaktion. Diese nennt sich auch „VorOrt“, aber dort war sie just an diesem Nachmittag nicht. Statt dessen wird eine Konserve hervorgekramt; diesmal handelt es sich um die im Dezember 2004 produzierte Ausgabe der Sendereihe „Ich such' die DDR“. Der lokale Bezug ist irgendwie nicht ersichtlich, zumal diese Sendereihe vom bermuda.funk aus Mannheim bzw. Heidelberg stammt. Der nachfolgende KultTourKalender entfällt. Da gerade kein Hundemagazin vorlag, wird die schon am vergangenen Sonntag ausgestrahlte und mehrfach wiederholte Ausgabe des Theaterklatsches einfach noch einmal zum Besten gegeben. So verkommt der einstmals geschätzte Sendeplatz der Kulturredakteurin Petra S. zur Abdudelnummer.

Der KultTourKalender war einmal Kult. In den Anfangszeiten von Radio Darmstadt hatten die Ausgehtips von Petra S. einen besonders markanten Stellenwert. Allerdings muß ein solcher Sendeplatz auch gepflegt werden. Hierzu gehört eine gewisse personelle Kontinuität, denn die Sendung lebt von der Ausstrahlung der Moderatorin. Ab dem Moment, in dem sie aus welchen Gründen auch immer von ihren Radiokollegen vertreten wird, verliert die Sendung an Charme. Es ist nicht dasselbe, ob Petra S. plaudert oder Ralf D., es ist nicht dasselbe, ob Petra S. improvisiert oder eine Konserve eingelegt wird. Nimmt die Vertretung auf diesem Sendeplatz überhand, fehlt das gewisse Etwas – und dann kann man und frau auch jede beliebige Programm­zeitung entweder in Papierform oder im Internet befragen. Die nachfolgende Übersicht zeigt die Problematik. Grün unterlegt sind die regulären Ausgaben mit Petra S. (oder hellgrün dort, wo meine Aufzeichnungen nichts aussagen [1]), rot die Vertretungen. Je nachdem, wer gerade Zeit oder Lust hat, treten hier Rüdiger G., Björn B., Ralf D., Christian K., Michael S., sogar einmal Aurel J. in Erscheinung; oder es wird – schwarz gekenn­zeichnet – eine x-beliebige Konserve eingelegt.

QuartalKultTourKalender
1/2008RGPSMZPSPSPSPSPSPSPSPSPSPS
2/2008PSCHESPSESPSPSCHPSPSPSTKHK
3/2008PSCHCHPSPSBBPSPSPSRDPSPSBB
4/2008PSRGPSRGPSPSPSCHRGRGPSPSBB
1/2009CHPSCHRGRGCHCHRGKSPSPSRGPS
2/2009CHCHPSPSNIRGPSRGPSCHCHCHCH
3/2009BBCHPSPSCKPSPSCHCKCKPSPSPS
4/2009CHCHPSPSPSPSCHPSRGTKPSHKAJ

Doch zurück zum Freitag­abend­programm. Nachdem im Anschluß an die anstelle des KultTourKalenders eingespielte Konserve auch noch der Sportplatz-Jingle vom vergangenen Sonntag zu vernehmen war, verdünnisierte sich der Sender. Es scheint, als habe die Person, die mit der Übernahme des Sendesignals aus dem Heimstudio von Norbert Büchner beauftragt war, gepennt und den pünktlichen Einstart verpaßt. Denn erst nach anderthalb Minuten andächtiger Stille nach Ablauf der Konserve wird das „Radio Theater“ von Norbert Büchner zugeschaltet. Da auch die nachfolgende sogenannte „Sondersendung“ von BOROs RockShow eine anderthalb Jahre alte Konserve ist, ist festzuhalten: Die einzige wirkliche Livesendung dieses Tages stammt somit von einem Nichtmitglied des Trägervereins, der zudem aufgrund eines Hausverbots seine Sendungen von außerhalb einspielen muß. Das ist doch ein Trauerspiel. Mehr noch: seine Sendung ist in der Nachtschiene die einzige, die nicht wiederholt wird. Zu dieser Sendestrecke fällt mir nur noch der Begriff „Konservenfunk“ ein.

Nebenbei bemerkt: Bei Radio Darmstadt werden besonders gerne „Sondersendungen“ vermeldet. In der großen weiten Welt außerhalb der dreieinhalb Sendestudios am Steubenplatz wird unter einer Sondersendung etwas verstanden, was aus einem besonderen Anlaß just an diesem Tag neu eingespielt und übertragen wird. Diese besonderen Anlässe mögen banal wie der x-te Todestag von wem auch immer sein oder die Eröffnung eines neuen Konsumrausch­ereignisses in der Innenstadt. Keinesfalls versteht der Rest der Welt hierunter das, was das „sonderige“ bei Radio Darmstadt ausmacht. Nämlich: der Sendeplatz ist nicht belegt, und deshalb muß ein Notprogramm aus der Konserven­abteilung des Senders gefahren werden. [2]

Deine Wiederholung – ein Flop

Im August 2009 hatte Aurel J. begonnen, ausgewählte Sendungen der Vorwoche am Mittwoch­morgen erneut zu Gehör zu bringen. Der Mittwoch war, zumindest an dem Tag, als er im Programmrat den Sendeplatz für seine Sonder­wiederholung beantragt hatte, neben dem Sonntag der einzige Tag, an dem es keinen morgendlichen Radiowecker zu hören gab. Um nun ab 8.00 Uhr morgens eine synchron verlaufende Wiederholung des Vorabend­programms zu ermöglichen, dachte sich Aurel J., es sei doch geschickt, anstelle des fehlenden Radioweckers eine ähnlich qualifizierte Sendeschiene anzubieten. Die Hörerinnen und Hörer von Radio Darmstadt waren aufgefordert, Vorschläge für Sendungen einzureichen, die sie beim Duschen oder Kaffeetrinken en pasaant noch einmal mithören können. Doch schon die Premiere am 5. August ging schief: es wurde nichts eingereicht; Deine Wiederholung entfiel.

Ich will es einmal dahingestellt sein lassen, ob diese Welt eine weitere Ausgabe der pseudo-bidirektionalen Sendeformate wie „nur Deine Musik“ oder „Deine Show“ oder „Dein Radio“ oder eben „Deine Wiederholung“ benötigt. Jedenfalls – die Realität holte den Sendeformat­begradiger Aurel J. schneller ein, als ihm lieb sein konnte. Vorschläge gab es wohl kaum welche, und so plätscherte die Spezial­wiederholung lustlos vor sich hin. Nun dürfen wir kaum erwarten, daß Aurel J. extra zum Anwerfen der aus der Konserve stammenden Sendungen frühmorgens aus dem Bett gehüpft ist. Statt dessen wurde eine technische Lösung gewählt, die – wie das bei Radio Darmstadt seit drei Jahren üblich geworden ist – neue Seiteneffekte hervorbrachte, zum Beispiel die „innovative“ Verkürzung der Sendestunde auf 57 Minuten. Sehr hübsch auch die Variante, die am 16. September zu vernehmen war: Durch die Tücke der 57-minütigen Sendestunde startete „Deine Wiederholung“ 17 Minuten zu früh, so daß die gute Absicht, eine Wiederholungs­schiene anbieten zu können, die pünktlich um 8.00 Uhr morgens beginnt, vollkommen konterkariert wurde.

Als neues „Feature“ ist nun zu beobachten, daß um 5.00 Uhr die soeben laufende Wiederholungs­sendung brutal abgewürgt wird, damit Aurel J.s eigene Dienstag­sendung in voller Länge gehört werden kann. Die beiden Sendestunden, die eigentlich als „Deine Wiederholung“ vorgesehen waren, werden einfach durch das Fortsetzen der Wiederholung gefüllt, ehe um 8.00 Uhr erneut Aurel J.s Dienstag­sendung gestartet wird. Das ursprüngliche Konzept hat sich offensicht­lich nicht als tragfähig erwiesen und – so möchte ich hinzufügen – zu mehr Chaos als zu einer sinnvollen Programm­ergänzung beigetragen. Auch wenn ich kein Freund der evangelikalen Missions­sendung Gospelrock bin: Wer gibt Aurel J. eigentlich das Recht, willkürlich darüber zu entscheiden, welche Wiederholung um 5.00 Uhr morgens „wertvoller“ ist?

So geschehen am 2. Dezember, am 9. Dezember, am 16. Dezember und auch am 23. Dezember.

Auch hier ist eine grafische Darstellung erhellend. Grün sind hier die Sendetage gekenn­zeichnet, in denen eine echte „Deine Wiederholung“ zu hören war. Rote Flächen bezeichnen Ausfälle, lachsfarbene Kästchen zeigen die Tage an, in denen das Programm zwar morgens gegen 5.00 Uhr neu gestartet wurde, aber von da an die reguläre Wiederholung lief. An Tagen mit weißen Flächen war keine Spezial­wiederholung vorgesehen; dies gilt auch für den 30. Dezember, den „Power Day“.

QuartalDeine Wiederholung
3/20098.7.15.7.22.7.29.7.5.8.12.8.19.8.26.8.2.9.9.9.16.9.23.9.30.9.
4/20097.10.14.10.21.10.28.10.4.11.11.11.18.11.25.11.2.12.9.12.16.12.23.12.30.12.

Einundzwanzig Versuche, elf Treffer. Doch wen kümmert das alles? Den Programmrat, angeblich Herr über das Programm, jedenfalls nicht die Bohne. Der hat nämlich mehr damit zu tun, die Nicht­vereins­mitglieder aus der Redaktion „Alltag und Geschichte“ zu ärgern.

Totalausfall

Bildzitat: Screenshot der WebseiteAm Sonntagvormittag des 13. Dezember wird der Sender noch vor Eintreffen von „Daisy“ eiskalt erwischt, denn es verabschiedet sich das Sendesignal von seinen Hörerinnen und Hörern. Nach Auskunft eines Vorstands­mitglieds des Trägervereins war ein Übertragungs­gerät am Standort der Sendeantenne defekt. Nach zehn Stunden war der Schaden gegen 21.04 Uhr behoben. Dafür kann Radio Darmstadt nichts. Interessant ist hingegen, daß auf der sendereigenen Webseite als Alternative das eigene Webradio angepriesen wurde, das jedoch just am Sonntag­nachmittag und am frühen Abend sieben Stunden lang außer ein paar Mucksern ebenfalls kein Signal von sich gab. Überhaupt: wie habe ich das „wie gewohnt“ zu verstehen, wenn der Livestream schweigt?

„Niemals den Kopf verlieren …“

… das rät uns Musikredakteur Clemens B. – Und das kam so:

Am späten Sonntagabend des 20. Dezember, nach Einspielen der Deutschlandfunk-Nachrichten um 23.00 Uhr, wollte Musikredakteur Tobi M. nur noch die Wiederholung des Abendprogramms starten und dann nach Hause gehen. Doch die Technik, ja ja die Technik von Radio Darmstadt, spielte ihm einen Streich. Ich finde es ja gut, wenn möglichst viele Vereins­mitglieder hautnah und am eigenen Leib verspüren, was es bedeutet, die Kompetenz aus den Sendestudios ausgeschlossen zu haben, um sich viel Inkompetenz einzuwerben. Allein – die sendenden Vereins­mitglieder scheinen entweder nicht lernfähig oder besonders leidensfähig zu sein, denn sie schicken ihre Basteltechniker nicht zum Teufel und den für die Basteltechnik verantwortlichen Vorstand gleich hinterher. Und so kommt es, wie es zwangsläufig kommen muß. Tobi M. erzählt uns:

„Eigentlich sollten jetzt die Wiederholungen von 17 Uhr gesendet werden. Das klappt aufgrund technischer Server­probleme derzeit nicht.“

Das ist ja mal ganz was Neues! Oder anders gesagt: wie oft willst du uns eigentlich dieses Sprüchlein auftischen? Seitdem die den Verein beherrschende Combo im Herbst 2006 die vormals für die Technik Verantwortlichen rausgeschmissen hat, und das nicht, weil die Technik nicht funktioniert hatte, basteln einige mehr oder weniger begabte Handwerker an den Studio- und Sendeleitungen herum und produzieren ein Chaos nach dem anderen. Ich erinnere nur an die wunderlichen Hänger des Sendecomputers, an die Brummschleife, an das einkanalige Stereosignal, an eine Sendeloch-Erkennung, die klassische Musik für ein Sendeloch hält, oder an das abgeschossene Mischpult in Sendestudio 2. Wer diese Dokumentation aufmerksam verfolgt, wird nicht umhin können, Monat für Monat neue innovative Features zu entdecken, die zwar sinnlos sind, dafür jedoch die Redakteure und Hörerinnen in ihrer eleganten Absurdität nerven, ich meine: beglücken.

Heute scheint das Computer-Netzwerk nicht zu funktionieren, denn Tobi M. vermeldet uns nach einer halben Stunde „kleinere technische Probleme“, genauer gesagt: einen Netzwerk-Zusammenbruch. Ich habe ja nun wirklich keine Ahnung von Netzwerken. Komisch ist jedoch, daß zu der Zeit, als ich von 2002 bis 2004 Technikvorstand des Vereins war, derlei Netzwerk­probleme nicht anzutreffen waren. Seitdem jedoch Aufzeichnungs­computer, Sendeloch­computer und noch ein paar andere Rechner mit den Sendeleitungen verkoppelt wurden, bricht ein ums andere Mal das System zusammen und wir hören kurz vor Mitternacht die Sendenden stöhnen.

Da offensichtlich weder die aufgezeichnete sechsstündige Sendeschiene noch die einzelnen Audiodateien des Dokumentations­computers greifbar und vor allem abspielbar sind, greift Tobi M. zur Nothilfe. Er spielt uns eine Konserve der Sendung Kopfhörer, genauer gesagt: die 4. Ausgabe vom Mai 1997, ein. Verantwortliche Redakteure waren damals Clemens B. und Philipp S., dessen Stimme ich schon lange nicht mehr vernommen habe. Wie es der Zufall will, gibt uns Clemens B. zum Schluß der Sendung noch einen Tip mit in die kalte Nacht:

„Und nicht vergessen: Niemals den Kopf verlieren.“

Sprach's, und kurz darauf – es ist jetzt 1.34 Uhr – verabschiedet sich der Sender kurz von all seinen treuen Hörerinnen und Hörern, um alsbald die allseits beliebten 500 Dudelhits am Stück zu verbreiten. Das scheint keine und niemanden zu stören, man und frau scheint sich an dieses einfältige Programm gewöhnt zu haben. Wo sind die 400 oder noch mehr Mitglieder des Vereins eigentlich geblieben? Hört von euch keine und niemand das eigene Programm ab? Ist es euch schnuppe, was euer Sender so verbreitet? Es scheint so. Denn erst nach etwa vierzehn Stunden hören wir am frühen Nachmittag, genauer: um 15.17 Uhr, wieder so etwas wie ein qualifiziertes Programm.

Stille Nacht, ganz stille Nacht

Noch weniger bis gar keine Vereins­mitglieder scheinen ein Problem damit zu haben, daß der Sender in der Nacht von Heiligabend auf den 1. Weihnachtstag absolute Stille verbreitet. So viel besinnliche Musik, so viel besinnlich vorgetragenen Ablesestoff hätte ich den Redakteuren und Moderatorinnen von Radio Darmstadt ja gar nicht zugetraut. Offensicht­lich wurde der Sendeloch-Erkennungs­computer abgeschaltet, der noch am frühen Montagmorgen ein vierzehn­stündiges Sendeloch verhindert hatte. Diesmal nicht das Nichts und es nichtet und es nichtet, bis aus irgendeinem Zufall am Freitagmittag gegen halb 2 eine Person das Sendehaus betritt und vermutlich von der ganzen Stille ganz betroffen war.

Es scheint sich auch gegen Ende des dreizehnten Sendejahres noch nicht bei den Verantwortlichen in Vorstand und Programmrat herumgesprochen zu haben, daß die Tage „zwischen den Jahren“ besonders anfällig für Sendeausfälle und Pannen sind und deshalb der besonderen Aufmerksam­keit bedürfen. Um es einmal ganz kraß auszudrücken: wenn man und frau sich in den Vorstand von RadaR e.V. wählen läßt, dann bedeutet das Arbeit, auch unangenehme Arbeit. Dann gehört dazu, das eigene Programm abzuhören, um bald­möglichst eingreifen zu können.

Immerhin voraus­schauend hat die Redaktion treffpunkt eine welt ein Feature über das Radio als Medium zum Aufbau von Zivil­gesell­schaften am Beispiel Afrikas (dabei wäre Darmstadt viel nahe­liegender!) vorproduziert. Es handelt sich um Ausschnitte eines Vortrags des Journalisten Martin Zint auf einer Veranstaltung der Projektgruppe Zivile Konfliktbearbeitung Rhein-Main am 20. November 2009. Woher ich das weiß, obwohl diese Sendung am 24. Dezember gar nicht ausgestrahlt wurde? Nun – nach Ende des soeben angesprochenen sechzehn­einhalb­stündigen Sendelochs war plötzlich ausgerechnet diese Produktion zu hören. Damit wir möglichst nicht begreifen, was uns da begegnet, wurde mitten in die Sendung hineingeblendet.

Warum jedoch war die Sendung am Donnerstag­abend nicht zu hören? Nun, die Redaktion ging offensicht­lich davon aus, daß es schon irgendeine Person geben möge, die ihr die Last des Sendungs­einlegens abnimmt. Dummerweise war die vorangehende Sendung ebenfalls vorproduziert, und das war der Redaktion selbst­verständlich bekannt. Im Sendehaus war auch keine und niemand, und die abhängig Beschäftigten hatten nun wirklich Besseres zu tun als am Heiligabend Sklavinarbeit für die Redaktion zu leisten. Ich sage das ausdrücklich in dieser Schärfe, weil mit unschöner Regelmäßig­keit diese Redaktion an Feiertagen ihre redaktionelle Arbeit Andere machen läßt.

Die Power für Dein Radio

Angesichts derartiger Vorfälle scheint es ein wenig absurd zu sein, die Power herbeizureden. Tatsächlich jedoch begeht die Jugendredaktion Young Power traditions­gemäß das Jahresende am 30. Dezember mit ihrem „Power Day“. Diesmal lautete das Motto „In 24 Stunden um die Welt“. Da es in dieser Redaktion eine große Star-und-Sternchen-Anhimmel-Fraktion gibt, durfte der x-millionste Rückblick auf den Eurovision Song Contest natürlich nicht fehlen. Leider hat die Redaktion einen Rückblick auf ihr Power-Programm auf der eigenen Webseite verborgen. Aber dafür gibt es ja YouTube. Damit ihr auch etwas von der Selbst­darstellung dieser jugendlichen Selbst­darsteller habt. Irgendwie auch ein Hinweis darauf, was uns das neue Jahr so bringen mag.

Hier endet die monatliche Dokumentation der Ereignisse bei Radio Darmstadt und seinem Trägerverein.

Nachzutragen ist, daß der Trägerverein von Radio Darmstadt am Monatsende fristgerecht Berufung gegen das Urteil des Amtsgerichts Darmstadt vom 26. November eingelegt hat. Damit geht meine (erstinstanz­lich gewonnene) Klage gegen das Hausverbot in die nächste Runde [3]. Auf ein gutes neues Jahr also!

Ausgefallene Sendungen

WochentagDatumZeitAusgefallene SendungRedaktionUrsacheErsatz
Montag auf Dienstag30. November / 1. Dezember23–05.22Wiederholung fehlerhaft gestartetTommys Rockkiste (Sendung von 21–23) in Dauer­schleife
Mittwoch2. Dezember06–08Deine WiederholungOffenes HausunbekanntWieder­holung läuft weiter
Mittwoch auf Donnerstag2./3. Dezember03.17–04.23Wiederholung falsch programmiertSendeloch-Dudelmusik
Donnerstag auf Freitag3./4. Dezember02–08Wiederholung falscher TagWieder­holung vom Mittwoch
Freitag4. Dezember08–10Wiederholung falsch programmiertSendeloch-Dudelmusik
Freitag4. Dezember17–18unbekanntLokalunbekanntIch such' die DDR, Ausgabe Dezember 2004
Freitag4. Dezember18–19KultTourKalenderKulturunbekanntWieder­holung von Theaterklatsch vom 29. November
Freitag4. Dezember21–23Open HouseMusikunbekannt„Sondersendung“ zu den Ärzten, Konserve von 2008
Sonntag6. Dezember11–13Una Domenica ItalianaAuslandeingestellt?Misch-Masch
Mittwoch9. Dezember06–08Deine WiederholungOffenes HausunbekanntWieder­holung läuft weiter
Mittwoch9. Dezember20–21Misch-MaschAuslandSendeplatz verlegt, aber noch nicht neu besetztTempo 70 (Musik­konserve)
Donnerstag10. Dezember21–23skip-rewindMusikunbekanntSendeloch-Dudelmusik
Donnerstag auf Freitag10./11. Dezember23–09Wiederholung Wiederholung nicht gestartetSendeloch-Dudelmusik
Freitag11. Dezember14–15skip-rewind (Wiederholung)MusikWiederholung des Sendelochs vom VorabendSendeloch-Dudelmusik
Freitag auf Samstag11./12. Dezember03–07Clubbers Paradise SpecialUnter­haltungSendung vorzeitig beendetWieder­holung
Sonntag13. Dezemberca. 11–ca. 21diverse Sendungen technischer Defekt außerhalb des Sendersaußer Rauschen nichts zu hören
Sonntag auf Montag13./14. Dezember01–03Bülent Spezial (Wiederholung)Unter­haltungunbekanntMusik­berieselung
Montag14. Dezember07–09Bülent Spezial (Wiederholung)Unter­haltungunbekanntdieselbe Musik­berieselung
Montag14. Dezember13–15Bülent Spezial (Wiederholung)Unter­haltungunbekanntdieselbe Musik­berieselung
Montag14. Dezember18–19Politische KulturKulturoffener Sendeplatz der RedaktionWieder­holung der am 2.12. aufgezeichneten Sendung vom 11.12.
Mittwoch16. Dezember06–08Deine WiederholungOffenes HausunbekanntWieder­holung läuft weiter
Mittwoch16. Dezember18–19TheaterklatschKulturunbekanntMovietime
Donnerstag17. Dezember06–08RadioweckerUnter­haltungunbekanntSendeloch-Dudelmusik
Donnerstag17. Dezember08–09.47Wiederholung kein Neustart um 8.00 UhrSendeloch-Dudelmusik
Freitag18. Dezember18–19KultTourKalenderKulturunbekanntHeinerkult
Sonntag auf Montag20./21. Dezember23–01.34Wiederholung nicht einspielbarKopfhörer, Ausgabe Mai 1997
Montag21. Dezember01.34–15.17Wiederholung Sendeloch nach abgespielter KonserveSendeloch-Dudelmusik
Montag21. Dezember18–19HeinerkultKulturunbekanntWieder­holung der Notsendung vom 18. Dezember
Dienstag22. Dezember06–08RadioweckerUnter­haltungunbekanntWieder­holung frührerer Dezember­sendungen
Mittwoch23. Dezember06–08Deine WiederholungOffenes HausunbekanntWieder­holung läuft weiter
Mittwoch23. Dezember20–21Misch-MaschAuslandSendeplatz verlegt, aber noch nicht neu besetztMusik
Donnerstag24. Dezember18–19treffpunkt eine weltt1wEine Konserve kann keine Konserve einlegen.mehr­minütiges Sendeloch, später Einblenden von wieder­holten Sendungen des Vortages
Donnerstag24. Dezember21–23skip-rewindMusikEnde der eingelegten vorherigen SendungSendeloch, Stille
Donnerstag auf Freitag24./25. Dezember23–13.37Wiederholung  weiterhin Stille
Freitag25. Dezember15–17Radio AkroamaAuslandunbekanntMischung aus Sendeloch und Wiederholung
Samstag26. Dezember21–23HörsturzMusikabgesprochene ÜbernahmeCS-Mag
Sonntag27. Dezember19–21TiBu TalkUnter­haltungunbekanntHorse Radio, Ausgabe März 2009
Montag28. Dezember18–19Äktschen!KulturWeihnachts­ferienAugenweide
Montag28. Dezember22–23GedanklichesKulturFüll­sendung für unbesetzten Sende­platzGedankliches
Dienstag29. Dezember18–19Alltag und Geschichte MagazinAlltag und GeschichteWeihnachtsferienHörzeitung vom 21. Dezember
Dienstag29. Dezember19–20AudiomaxAudiomax„fast alle ausgeflogen“Musik (Audiomax)
Donnerstag31. Dezember21–23Alan Parsons ProjectBlickpunkt Gesell­schaftSendeplatz regulär nicht belegtKonserve zum Über­brücken des Programms

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Sollte es aus irgendeinem Grund wichtig sein, ob Petra S. an den Tagen, an denen ich mir nichts notiert habe, auch wirklich anwesend war, dann kann ich ja mein Audioarchiv befragen.

»» [2]   Genau genommen wurde die „Sondersendung“ ja schon zur Erst­ausstrahlung vermeldet. Auch hier, irgendwann im Sommer 2008, lag kein Anlaß für etwas „Sonderes“ vor. Vielleicht meinte Musikredakteur Björn R. auch nur: sonderbar, oder Sonstiges.

»» [3]   Mit Urteil vom 24. März 2010 bestätigte das Landgericht Darmstadt das Hausverbot.

 


 

Sinn und Zweck dieser Dokumentation

Radio Darmstadt ist ein nichtkommerzielles Lokalradio. Sein Trägerverein wurde 1994 gegründet, um eine Alternative und Ergänzung zu den bestehenden öffentlich-rechtlichen und privaten kommerziellen Hörfunksendern aufzubauen. Menschen und Nachrichten, die im ansonsten durchformatierten Sendebetrieb keine Chance auf Öffentlichkeit besaßen, sollten hier ihren Platz finden. Dies galt für politische Fragen, lokale Themen und musikalische Nischen. Ende 1996 erhielt der Verein für ein derartiges Programm die Sendelizenz. Zehn Jahre später läßt sich die Tendenz beschreiben, daß (lokal)politische Themen immer weniger Platz im Darmstädter Lokalradio finden, während die Musikberieselung zunimmt. Zu diesem Wandel gehört, daß Fragen der Außendarstellung („das Image“) ein wesentlich größeres Gewicht erhalten als das Verbreiten journalistisch abgesicherter Tatsachen. Wer diese neue journalistische Ethik nicht mitträgt, wird aus dem Verein und dem Radio hinausgedrängt. [mehr]

Diese Dokumentation geht auf die Vorgänge seit April 2006 ein. Hierbei werden nicht nur die Qualität des Programms thematisiert, sondern auch die Hintergründe und Abläufe des Wandels vom alternativen Massenmedium zum imageorientierten Berieselungsprogramm dargestellt. Der Autor dieser Dokumentation hat von Juni 1997 bis Januar 2007 bei Radio Darmstadt gesendet, bis ihn ein aus dieser Umbruchssituation zu verstehendes binnenpolitisch motiviertes Sendeverbot ereilte. Als Schatzmeister [1999 bis 2001], Vorstand für Studio und Technik [2002 bis 2004] und Vorstand für Öffentlichkeitsarbeit [2004 bis 2006] kennt er die Interna wie kaum ein anderer. [mehr]

In der Dokumentation werden die Namen handelnder Personen aufgeführt. Damit werden Argumentationsstränge leichter nachvollziehbarer gemacht und Verantwortliche benannt. Zur Klarstellung: Eine Schmähung einzelner Personen oder gar des gesamten Radiosenders ist hiermit nicht beabsichtigt. [mehr]

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Diese Seite wurde zuletzt am 7. Mai 2010 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010.
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