Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– April 2002 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
07.04.2002Assyrer
08.04.2002Das Erbe
14.04.2002Gericht
21.04.2002Urlaub
22.04.2002Schumi
28.04.2002Zahir Schah
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2002.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/rawe/rw_apr02.htm
 
NAVIGATION
 Startseite Waltpolitik 
 Neues auf meiner Homepage 
 Stichwortsuche 
 Orientierung verloren? 
 Abstract in English 
 
RADIOWECKER
 Startseite  
 Beiträge 2002 
 
SENDUNGEN
 Geschichte 
 Kapital – Verbrechen 
 Specials 
 Tinderbox 
 Nächste Sendung 
 
SERVICE
 Besprochene Bücher 
 Sendemanuskripte 
 Veröffentlichungen 
 Bisheriges Feedback 
 Email an Walter Kuhl 
 Rechtlicher Hinweis 
 
LINKS
 Radio Darmstadt (RadaR) 
 Alltag und Geschichte 
 Radiowecker – Redaktion 
 

 


Assyrer
07.04.2002 *** Wdh. 09.04.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Die Wiege unserer westlichen Zivilisation liegt im Vorderen Orient. Zivilisation ist aber mehr als zivilisiertes Verhalten. Was Zivilisation und Macht seit alters her miteinander zu tun haben, erfahren wir nun von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Neben dem Ägypten der Pharaonen sind es vor allem Sumerer, Assyrer und Babylonier gewesen, deren Großreiche den Weg für eine Entwicklungsgeschichte ebneten, die letztlich im Zeitalter der globalen kapitalistischen Macht und Herrschaft endete.

Paolo Matthiae führt uns in seinem im Konrad Theiss Verlag herausgebrachten Buch über die Geschichte der Kunst im Alten Orient deutlich vor Augen, daß die außergewöhnliche Architektur der Hauptstädte und Residenzen längst vergangener Königreiche dieselbe Arroganz der Macht versprühten wie heutige Glaspaläste und Wolkenkratzer. Die Erforschung der Kunst und Architektur dieser frühen Großreiche bringt manches Interessante an Parallelen der in Stein gegossenen Macht zutage.

Der Schwerpunkt des Bandes liegt im 1. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung bis zum Sieg Alexanders über das Perserreich im 4. Jahrhundert. Er umfaßt die Reiche der Assyrer, der neubabylonischen Chaldäer und des Perserreichs genauso wie die Randgebiete Urartu am Südrand des Kaukasus und Elam im Süden des heutigen Iran an der Grenze zum Zweistromland.

Ausführlich werden Bauwerke und Schmuckstücke der gesamten Epoche dargestellt; erläutert wird jedoch auch die Malerei, soweit sie rekonstruierbar ist. Viele der gezeigten Illustrationen machen deutlich, daß die Wiege unserer Zivilisation nicht nur politisch, militärisch und kulturell dem Alten Orient verbunden ist, sondern auch in ihrem Machtanspruch und ihrer Monumentalität. Die Rekonstruktion der Prozessionsstraße Babylons, von Saddam Hussein auch zur Unterfütterung seines Machtanspruchs gefördert, ist eines der in diesem Buch gezeigten Beispiele, die dies verdeutlichen.

Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wird im Vorderen Orient wieder verstärkt gegraben. Manches wurde im Licht jüngster Entdeckungen und der damit verbundenen wissenschaftlichen Forschung neu eingeordnet. Hierüber zu berichten, ist ein weiterer Schwerpunkt des Bildbandes, der nicht versucht, Wahrheiten hypothetisch zu suggerieren, sondern den fragmentarischen Charakter unseres Wissens bestmöglich und anschaulich darzustellen trachtet.

Viele Fundstücke der letzten Jahrzehnte fanden nicht mehr selbstverständlich den Weg in die Museen Europas oder Nordamerikas, sondern verblieben an den Fundorten oder den Ländern, die das historische Erbe auch für sich beanspruchen. Entsprechend wurden in diesem Band viele Illustrationen erstmals veröffentlicht und somit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.

Die Geschichte der Kunst im Alten Orient von Paolo Matthiae ist daher vor allem eine Geschichte der Macht über die nicht oder nur wenig überlieferte Kultur der Unterworfenen und Unterdrückten. Auf 284 Seiten wird diese Geschichte auf über 400 Abbildungen und Plänen den an Geschichte, Kultur und Architektur Interessierten näher gebracht. Das Buch ist im Konrad Theiss Verlag für 39 Euro 90 erhältlich.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
Zum Seitenanfang Vorheriger Beitrag

 


Das Erbe
08.04.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Mitte der 90er Jahre hatten Palästinenserinnen und Palästinenser noch Hoffnung. Israel gestand ihnen Autonomie und Selbstverwaltung zu. Viel ist davon nicht geblieben. Daß daran nicht nur israelische Panzer beteiligt waren, erfahren wir nun in einer Buchbesprechung von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Vor Jahren fiel mir ein genialer Roman in die Hand: Die Sonnenblume der palästinensischen Autorin Sahar Khalifa. Sie schreibt darin von den Lebensbedingungen in Palästina und vom Kampf gegen die israelische Besatzung. Sie schreibt aber auch von revolutionären Maulhelden (also Männern) und davon, was die Befreiung Palästinas an Befreiung für die Frauen Palästinas bringen mag (wenig).

Sahar Khalifa macht sich wenig Illusionen über das, was Männer für Befreiung halten. Dieses Grundthema durchzieht ihre Romane – angefangen mit Der Feigenkaktus, fortgesetzt mit Die Sonnenblume, vertieft in Das Tor und völlig desillusioniert in ihrem neuesten auf Deutsch erschienen Roman Das Erbe.

Die weibliche Hauptfigur des Romans, die die meiste Zeit völlig im Hintergrund bleibt, lebt in den USA und wird durch die Nachricht des Todes ihres Vaters nach Palästina gerufen. Es gebe ein Erbe, heißt es. Und so reist sie nicht nur zurück in ihre Heimat, in der sie nicht einmal geboren wurde, sondern auch in eine andere Welt. Sie spricht nicht einmal richtig Arabisch, und die Sitten und Gebräuche ihrer palästinensischen Verwandtschaft sind ihr nicht nur fremd, sondern befremden sie auch.

Der Roman spielt zur Zeit des Friedensprozesses von Oslo, also etwa 1993. Ein wenig Euphorie macht sich in Palästina breit. Es kann ja nur besser werden. Und wer ein bißchen Geld hat, überlegt, wo er es am besten investieren kann. Aberwitzige Pläne reifen; und die Familie der Hauptfigur beteiligt sich an einem Projekt zum Recycling der Abwässer in der Gegend von Nablus. Doch bis es soweit kommt, bringen Familienfehden und unvorhergesehene Erben die ganzen schönen Pläne mehrfach durcheinander.

Den Höhepunkt des Romans hätte Dario Fo nicht besser ersinnen können. Völlig durchgeknallt geraten die Pläne eines palästinensischen Kulturzentrums mit der wenig durchdachten Kläranlage durcheinander. Ein Riesenchaos entsteht; und es wäre zum Lachen, vielleicht ein befreiendes Lachen in all der Dumpfheit, wenn uns nicht die israelische Armee auf den Boden der Tatsachen zurückholen würde. Die Mutter des Erben …, ja, aber das solltet ihr selbst lesen.

Was den Roman Das Erbe jedoch auch ausmacht, ist die fast schon verzweifelte Suche nach Identität. Wer ist die Hauptfigur – Amerikanerin oder Palästinenserin? Wohin gehört sie und wohin driftet die palästinensische Gesellschaft? Gibt es noch Hoffnung auf ein besseres Leben? Worin liegt die Perspektive des Kampfes? Geht es letzten Endes darum, ein Stück vom Kuchen abzubekommen? Was macht Palästina aus?

Als die Revolution ausbrach, schlossen sich die Massen an. Intellektuelle und Tagediebe reihten sich ein, Erfolgreiche und Gescheiterte stießen dazu. Nun kamen die ersten Resultate. Doch die Revolution hat sie ausgesaugt. Sie gebar eine Generation, die sich weder qualifiziert noch arbeitet. Die bis mittags schläft und bis in den Morgen durchfeiert. Die debattiert und kommuniziert und auf einem Traum beharrt, der seinen Glanz verloren und seine Visionen eingebüßt hat. Die restauriert, wogegen sie einst aufbegehrte. Diese Generation hat zum Stamm, ja zum Stammesdenken zurückgefunden. Der Scheich ist wieder zur Autorität geworden. [Seite 305]

Sahar Khalifa läßt uns mit diesen Fragen allein. Nicht aus Ignoranz oder um uns vor den Kopf zu stoßen. Vielleicht bedarf es einer neuen Generation von Männern und Frauen in Palästina, um die Zeit nach Arafat und Scharon gestalten. Sahar Khalifa leitet heute ein palästinensisches Frauenzentrum in Nablus und Amman.

Ihr Roman Das Erbe ist im Schweizer Unionsverlag erschienen und kostet 19 Euro 80.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Dirk Beutel (Montag)
Zum Seitenanfang Vorheriger Beitrag

 


Gericht
14.04.2002 *** Wdh. 16.04.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Am Donnerstag vermeldeten die Nachrichtenagenturen, daß der Internationale Strafgerichtshof zur Verfolgung von Kriegsverbrechen und Völkermord am 1. Juli seine Arbeit aufnehmen könne. Doch dieses Recht gilt nicht für alle gleichermaßen. Ein Kommentar von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Bundeskanzler Gerhard Schröder war erfreut. Jetzt gebe es endlich die Hoffnung, daß in Zukunft schwerste Völkerrechtsstraftaten nicht ungesühnt bleiben. Doch worum geht es? Seit Jahren werden fleißig Unterschriften gesammelt. Diesmal nicht auf der Straße, sondern in den Parlamenten der Staaten dieser Erde. Nach langen Verhandlungen wurde Ende der 90er Jahre ein Vertragsdokument entworfen, das einen Internationalen Strafgerichtshof ermöglicht, der Kriegsverbrechen und Völkermord zur Anklage bringen darf.

Dieser Vertrag jedoch sollte nur dann Rechtskraft erlangen, wenn er von 60 Staaten ratifiziert werde. Letzte Woche war es so weit. Gleich zehn Länder gaben ihre Ratifizierungsurkunden bei der UNO ab. Nur die USA weigern sich. Befürchten sie doch, selbst vor Gericht zitiert zu werden. Selbstverständlich drücken es die Repräsentanten der einzigen Weltmacht etwas vornehmer aus: man befürchte Anklagen gegen US–Bürger und deren politisch motivierte Verfolgung. Daher sollten US–Soldaten und Regierungsmitglieder generell nicht verfolgbar sein.

Es wäre ja auch ein starkes Stück. Man und frau stelle sich vor, daß Richard Nixon wegen des Krieges in Vietnam noch nachträglich vor Gericht gestellt würde. Was kann er denn für die drei Millionen toter Vietnamesinnen und Vietnamesen? An den Folgen des Krieges mitsamt erlaubter und verbotener chemischer und biologischer Kriegsführung sterben noch heute Menschen in Vietnam und werden mißgebildete Kinder geboren.

Man und frau stelle sich vor, George W. Bush würde vor Gericht gestellt, weil er erst Afghanistan überfallen hat und dann noch den Irak zu demolieren beabsichtigt. Und stellen wir uns vor, die Schuldigen des NATO-Krieges gegen Jugoslawien würden vor Gericht zitiert. Doch schon Carla del Ponte, die Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals, hat signalisiert, daß selbstververständlich nur die jugoslawischen Kriegsverbrecher abgeurteilt würden. Daß dieser Krieg völkerrechtswidrig war, stört die Repräsentantin der NATO–Verbündeten nicht.

Die USA wissen, warum sie diesen Vertrag nicht ratifizieren. Sie wissen, wie sie mit anderen Regierungen umspringen, und wollen nicht in dieselbe Lage versetzt werden. Gleiches Recht für alle; aber George Orwell hat uns ja schon den Unterschied zwischen den Gleichen gelehrt. Die Guten dürfen dasselbe tun, wofür die Bösen verfolgt werden. Und angesichts dessen, daß George W. Bush ja schon angekündigt hat, die neue Weltordnung mit den humanitären Mitteln der Gewalt durchzusetzen, wäre es allerdings eine politische Verfolgung, ihn anschließend auf die Strafbank zu setzen. Keine politische Verfolgung hingegen ist es, wenn Slobodan Milošević vor Gericht sitzt und Joschka Fischer weiterhin in Freiheit die Menschenrechte mit Bundeswehr und NATO durchsetzen darf.

Und das allererste Menschenrecht ist bekanntlich die Freiheit des Kapitals. Wer dieser Freiheit im Wege steht, hat in Zukunft gute Chancen, sein Land nicht nur nach allen Regeln der kollateralschädigenden sauberen Kriegsführung demolieren zu lassen, sondern obendrein den Tätern auch noch juristisch ausgeliefert zu sein. Denn das Völkerrecht existiert nicht im herrschaftsfreien Raum. Solange neokoloniale Ausbeutungsstrukturen das Maß aller Dinge sind, und der Internationale Währungsfonds das Sagen hat, wie diese Strukturen im konkreten Fall umzusetzen sind, ist das Völkerrecht immer auf Seiten der Stärkeren. Wovor hat die USA dann eigentlich Angst? Vor den Deutschen, die immer stärker und mächtiger werden? Kann schon sein. Und wir wissen ja aus früheren Zeiten, wie gnadenlos Deutsche sein können.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
Zum Seitenanfang Vorheriger Beitrag

 


Urlaub
21.04.2002 *** Wdh. 23.04.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Wer jetzt den Sommerurlaub plant, sollte sich durch betriebliche Belange nicht irre machen lassen. Ein Beitrag von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Nicht nur, daß wir für unsere Arbeitgeber möglichst 25 Stunden am Tag 9 Tage die Woche auf der Matte stehen sollen, nein, selbst beim Urlaub sollen wir selbstverständlich nicht so anspruchsvoll sein. Zum Glück jedoch gibt es gesetzliche Regelungen, die allzu großen Wildwuchs verhindern.

Die von uns geforderte Selbstaufopferung für die Arbeit hat zumindest gesetzlich vorgeschriebene Grenzen. Zum Beispiel beim Urlaub. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern steht durch das Bundesurlaubsgesetz nicht nur das verbriefte Recht auf Erholungsurlaub zu, sondern auch das Recht, die arbeitsfreie Urlaubszeit von Anfang bis Ende uneingeschränkt und selbstbestimmt zu nutzen. (Und nicht vergessen: wer im Urlaub krank wird, sollte das Recht der Krankmeldung beherzigen.)

Ein Arbeitgeber muß sich also vorher überlegen, ob er den Urlaub seiner Arbeitnehmerin oder seines Arbeitnehmers gewährt. Noch kann er diesen Wunsch aufgrund dringlicher betrieblicher Belange ablehnen. Er kann aber bei Bedarf keine und niemanden zum Abbruch eines genehmigten Urlaubes zwingen. Eine entsprechende Vereinbarung ist rechtlich sogar dann unwirksam, wenn eine Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer dieser Vereinbarung freiwillig zugestimmt haben. Überhaupt: Was ist bei sieben Millionen Arbeitslosen, mit denen uns gedroht wird, schon freiwillig? Denn laut Bundesurlaubsgesetz darf sie oder er vom Urlaubsrecht nicht zu ihren oder seinen Ungunsten zurücktreten. Auf das entsprechende Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom 20. Juni 2000 sei hier ausdrücklich hingewiesen.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Carmen Goebel (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
Zum Seitenanfang Vorheriger Beitrag

 


Schumi
22.04.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Dieses Wochenende ist Rennpause in der Formel Eins. Zeit also für einige besinnliche Gedanken von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Der Automobilsport ist eine der unökologischsten Sportarten überhaupt. Während die einen sich um eine nachhaltige Entwicklung im Sinne der Agenda 21 so ihre Gedanken machen, fördern die anderen im Rahmen der Formel Eins sehr nachhaltig den Absatz von Öl und Blech und zeigen, was wirklich nachhaltig ist. Die Formel Eins ist hier das Markenzeichen schlechthin; wer hier zum Star gemacht wird, hat ausgesorgt. Und Michael ist der Megastar schlechthin. Doch was tut er dafür? Doch immer wieder dieselben Runden drehen, immer dieselben Kreise ziehen, immer dieselben Strecken abfahren. Eigentlich ziemlich langweilig. Was macht dann die Faszination eines solch stupiden Sports aus? Brüllende Motoren, sterbende Helden? Oder einfach nur der Beweis der Überlegenheit der einen über die andere Nation? Ist Schumacher Deutschland, und wenn ja, welcher von beiden? Oder gar beide? Der coole und der liebe? Für jede und jeden einer?

Das erinnert dann doch sehr an die Seifenopern, deren Darstellerinnen und Darsteller sorgfältig danach ausgesucht werden, für welche Werbezielgruppe sie attraktiv sind. Jedenfalls schreit der deutsche Markt geradezu nach den neuen Helden der Formel Eins. Michael Schumacher symbolisiert geradezu den Aufstieg Deutschlands nach dem Fall der Mauer zu einer Interventionsmacht in allen Teilen der Erde. Er siegt schon heute dort, wo die Bundeswehr erst morgen auftauchen könnte.

Die Formel Eins spricht daher – auch – deutsch. Rainer Schlegelmilch und Ralf Bach haben die Gelegenheit des neuesten hype – zwei deutsche Brüder im Kampf um die Krone, der eine gar mit halbdeutschem Auto – genutzt, um in rund 700 Abbildungen und ergänzendem Text die 50–jährige Geschichte der Formel Eins aus deutscher Sicht zu beleuchten: Deutsche Fahrer, deutsche Autos, deutsche Rennstrecken. Naja, ein paar Österreicher und Schweizer sind auch dabei … – als Alibi? Die Formel Eins spricht deutsch – ein kommentierter Bildband von Rainer Schlegelmilch und Ralf Bach – ist im Sportverlag Berlin erschienen und kostet 20 Euro.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Dirk Beutel (Montag)
Zum Seitenanfang Vorheriger Beitrag

 


Zahir Schah
28.04.2002 *** Wdh. 29.04.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Während George W. Bush sich auf seinen Feldzug gegen den Irak vorbereitet und seinem Freund Ariel Scharon freie Hand in Palästina läßt, betreibt die Menschenrechtsregierung in Berlin ihre Afghanistan–Politik still, heimlich und effektiv. Ein Beitrag von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Der PDS–Bundestagsabgeordnete Winfried Wolf aus Baden–Württemberg ist ein langjähriger Kritiker der deutschen Außenpolitik und befaßt sich mit deren Feinheiten. Wo andere die Förderung der Menschenrechte und die Etablierung einer Zivilgesellschaft herbeireden, sieht er die nackten Tatsachen. In seinem jüngsten Beitrag befaßt er sich mit den Kontinuitäten dieser Politik, die nur allzu gerne durch die blaßrosarot–olivgrüne Vernebelungsbrille verdeckt werden. Er schreibt:

Mit dem Wegfall der Systemkonkurrenz wird die kapitalistische Entwicklung wieder weit unvermittelter von ihren naturwüchsigen Triebkräften – Profitmaximierung, Konkurrenz, Expansion und Krieg – bestimmt. Gleichzeitig greift die bürgerliche Politik auf Projekte zurück, die der Vergangenheit anzugehören schienen. Teilweise wiederholt sich Geschichte – in der berüchtigten Form der Karikatur. Kaum hatte sich eine Berliner Republik etabliert, übt sie sich in Weltpolitik.
Ende 2001 hatte das deutsche Außenministerium in einer Blitz–Diplomatie eine Petersberger Konferenz ins Leben gerufen, dort die Vertreter des greisen afghanischen Königs Zahir Schah als Schlüsselfiguren und zur Stärkung der neuen Regierung unter Karsai und sich selbst als ehrlichen Makler präsentiert. Die historische Parallele [hierzu] bildete die Balkankonferenz von 1878.
Damals war das erst sieben Jahre zuvor gegründete Deutsche Reich imperialistischer Absichten noch wenig verdächtig. Nach einer Reihe von Kriegen auf dem Balkan, an denen das Deutsche Reich nicht beteiligt war, begann am 13. Juni 1878 in Berlin die Balkan–Konferenz, auf der sich Reichskanzler Bismarck [und daher kommt der Begriff] als ehrlichen Makler präsentierte.
Die Bilanz, die vor dem Hintergrund der neuen Balkankriege Leo Trotzki 25 Jahr später, im Jahr 1912, von dieser Konferenz zog, könnte sinngemäß auf die Petersberger Konferenz von 2001 zutreffen: "Auf der Berliner Konferenz wurden alle Maßnahmen ergriffen, um die nationale Vielfalt des Balkans in einen ständigen Kampf zwischen den Kleinstaaten übergehen zu lassen." Wobei das Wort Kleinstaaten im Fall Afghanistans in ethnische Gruppierungen und Stämme zu übersetzen wäre.
Am 17. April 2002 startete eine Boeing 707 vom italienischen Luftwaffenstützpunkt Pratica di Mare, um den 87 Jahre alten afghanischen König nach Kabul zu bringen. Zahir Schah soll in Afghanistan die Stammeskonferenz Loya Jirga eröffnen, die eine Machtbalance zwischen den unterschiedlichen Kräften aushandeln soll. Für die Sicherheit des Königs ist gesorgt; 50 Carabinieri flogen mit ihm als neue Leibwache; darüber hinaus werden 400 neu ausgebildete afghanische Polizisten als sein Schutz bereit gestellt. Die Loya Jirga und die Ausbildungshilfe für die Polizei werden von Berlin finanziert. […]
König Zahir Schah wird der westlichen Öffentlichkeit als Vertreter der Zivilisation vorgestellt. Der Mann fungierte zwischen 1933 und 1973 bereits als König in Kabul […]

… und ließ der NS–Regierung seine besten Wünsche zukommen. Sein Gesandter in Berlin erkundigte sich im Oktober 1940 nach den deutschen Kriegszielen und wies auf die 15 Millionen Afghanen hin, die auf indischem Boden zu leiden hätten.

Er erklärte, Gerechtigkeit für Afghanistan sei erst geschaffen, wenn Grenze (des) Landes bis zum Indus reiche, was auch dann gelte, wenn Indien sich vom Britischen Imperium löse.

Die Achse Berlin–Kabul konnte sich damals jedoch nicht so recht entwickeln,

weil die Kräfte der NS–Armee nicht ausreichten, um die britische Kolonialmacht in Indien zu bedrohen. Die Kräfte der Bundesregierung werden auch heute nicht ausreichen, um in Kabul in relevantem Umfang eine eigene Politik zu betreiben. Dort geben weiterhin die US–amerikanischen und die britischen Militärs den Ton an. Bemerkenswert ist jedoch die Kontinuität der Politik, in der sich das Auswärtige Amt unter Joseph Fischer bewegt. Nachdem zu den von SPD und Grünen gesponsterten Werten der Zivilisation auch Stammesversammlungen und monarchische Schirmherrschaft zählen, fehlt nur noch das Plädoyer für die Wiedereinführung des Absolutismus in der Bundesrepublik Deutschland selbst. […]

Worauf Winfried Wolf uns also aufmerksam macht, ist, daß die deutschen zivilisatorischen Werte sich nur unwesentlich von denen der US–amerikanischen Verbündeten unterscheiden. Anzumerken wäre noch, daß der jetzt ins Land geflogene Zahir Schah Anfang der 70er Jahre sich an Hilfsgütern bereicherte, während die Bevölkerung seines Landes verhungerte. Schröder und Fischer wissen natürlich genau, mit wem sie paktieren.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Dirk Beutel (Dienstag)
Zum Seitenanfang Vorheriger Beitrag

 

Diese Seite wurde zuletzt am 6. Juli 2005 aktualisiert.
Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur.
©  Walter Kuhl 2002, 2005
Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.
 Startseite Waltpolitik 
 Zum Seitenanfang 
 Radiowecker Startseite  
 Email an Walter Kuhl