Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– April 2003 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
06.04.2003Das Jahr 536
07.04.2003Leere Kassen
13.04.2003Zoulikha – Frau ohne Begräbnis
20.04.2003Partnerschaft
27.04.2003Biblis A wie Atommafia
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2003.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
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Das Jahr 536
06.04.2003 *** Wdh. 08.04.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Wenn man und frau bestimmten Richtungen der esoterischen Spinnerei Glauben schenken mag, dann steht im Jahr 2011 der Weltuntergang bevor. Doch auch im 6. Jahrhundert gab es ein Phänomen, das die Menschen zutiefst erschreckte. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte weiß mehr hierüber zu berichten.

Beitrag Walter Kuhl

Die Sonne, ohne Strahlkraft, leuchtet das ganze Jahr hindurch nur wie der Mond. Dies schrieb im Jahr 536 der oströmische Historiker Prokop. Was die Menschen in ganz Europa damals erschreckte, können wir heute wissenschaftlich nachweisen. Skandinavien erlebte einen der kältesten Sommer der letzten 1500 Jahre, wie wir durch die Auswertung der Jahresringe von Bäumen wissen. Die Kälte führte zu Mißernten, die Sonne warf selbst mittags keinen Schatten – kurz: das Ende schien nahe. Dabei ahnten die Menschen nicht, daß es 539 und 540 noch viel schlimmer kommen würde.

Über die Ursachen können wir derzeit nur Vermutungen anstellen. Es könnte ein Vulkanausbruch oder ein Meteoriteneinschlag gewesen sein, welcher die Atmosphäre mit Asche, Staub und Wasserdampf getrübt hat. Jedenfalls gab es mehrere Jahre mit verringertem Sonnenlicht. Das 6. Jahrhundert war jedoch eine Zeit, in der die Religion die gesamte Gesellschaft prägte – und das galt für das christliche wie für das heidnische Europa. Die verheerenden Mißernten wurden als Zeichen des Zorns höherer Mächte gedeutet, der Weltuntergang schien nahe.

Während in den vom Christentum beherrschten Gegenden Bittprozessionen oder Geißelungen angesagt gewesen sein mögen, versuchten die Menschen im Norden Europas, den Kontakt zu ihren Göttern aufzunehmen. So wurden etwa in den Mooren die Waffen besiegter Feinde dargebracht oder auf größeren Opferfesten Menschen und Tiere an Bäumen erhängt. In der Völkerwanderungszeit kamen Goldopfer hinzu. Es mag spekulativ sein, aber möglich, daß manche Goldfunde derartigen Opfern im Jahr 536 oder in den Jahren darauf entstammen.

Mehr darüber ist in Heft 2 der Zeitschrift Archäologie in Deutschland nachzulesen. Der Schwerpunkt des Heftes gilt der Erforschung mittelalterlicher Klöster und nährt den Verdacht, daß diese Klöster nicht einfach zur geistigen Erbauung in der Einöde errichtet worden sind, sondern daß die Burganlage eines Adligen zur Gründungsausstattung eines Klosters gehörte. Die Architektur mittelalterlicher Klöster, wie wir sie heute kennen, ist erst im Verlauf mehrerer Jahrhunderte stetiger Bautätigkeit entstanden.

Ergänzt wird das aktuelle Heft von Archäologie in Deutschland durch die Erforschung spätrömischer Glasherstellung im Rheinland westlich von Köln. Der dortige Braunkohletagebau wird begleitet von archäologischen Notgrabungen; und auch hierbei kommt so einiges zu Tage. Aufgrund der Funde im Rheinland läßt sich der Prozeß antiker Glasherstellung sehr gut nachvollziehen. Es läßt sich durchaus von Serienproduktion auch anspruchsvollerer Glasgefäße sprechen. Das Glas wurde geblasen, mit einer Zange geformt und in einer speziellen Mulde gerundet. Typisch ist eine grünliche Farbe der Gefäße, Schalen und sogar von Krügen zum Transport von Wein oder Bier - in gewisser Weise die Vorläufer unserer Flaschen.

Mehr dazu in Heft 2 der Zeitschrift Archäologie in Deutschland aus dem Theiss Verlag. Das Heft im im gutsortierten Zeitschriftenhandel zum Preis von 9 Euro 95 oder im Abonnement direkt über den Verlag erhältlich.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Leere Kassen
07.04.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Die Kassen sind leer. Überall muß angeblich gespart werden. Doch in Darmstadt ist alles anders. Keine neoliberale Sparideologie trübt den Sinn für die Finanzierung wichtiger Projekte. Gut so, meint Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte. Oder doch nicht?

Beitrag Walter Kuhl

Es ist schon komisch. Allenthalben wird über leere Kassen gejammert. Kein Geld sei da für soziale Einrichtungen, Vereine oder für Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst. Doch dann erstaunen uns immer wieder Meldungen, die das totale Gegenteil nahelegen. Offensichtlich ist Geld da, zumindest für Prestigeobjekte oder spekulative Investitionsruinen wie das zweihundertste Kongreßzentrum in der Region oder ein Hotel mit Zentralbadanschluß. Das Darmstädter Echo hat am vergangenen Freitag gleich zwei dieser innovativen Geldvernichtungsprojekte vorgestellt – ohne nach dem Sinn zu fragen.

Mag sein, daß es als Aprilscherz gemeint war. Doch Oberbürgermeister Peter Benz scheint es ernst zu meinen. Er möchte ein neues Stadion am Böllenfalltor errichtet sehen. Hunderttausend Euro werden in ein Gutachten gesteckt, um herauszufinden, ob man das Stadion gleich ganz abreißt und neubaut – oder ob es reicht, es zu sanieren. Man hat's ja. Vor allem dann, wenn man und frau bedenkt, daß die Lilien demnächst viertklassig im schmucken neuen Stadion spielen werden, dessen vorauszusehende Kosten Peter Benz lieber nicht öffentlich ausplauderte.

Man und frau lese nur die Argumentation im Echo. Da lachen doch die Hühner. Es heißt dort nämlich:

Benz denkt an 17.000 Sitzplätze, womit die Anlage bundesligatauglich und geeignet für gelegentliche Spitzenbegegnungen wäre. [...] 2006 ist in Deutschland Fußball-Weltmeisterschaft. Da sei [...] durchaus mit Vorbereitungsspielen auch am Böllenfalltor zu rechnen.

Da werden Millionen ausgegeben für gelegentliche oder mögliche, vor allem aber spekulative Ereignisse. Lilien und Bundesliga? Kuwait gegen den SV Erzhausen? SPD-Altherrenmannschaft gegen Grüne Kriegstreiber? Also ehrlich! Da war die Vision einer Weststadt ja geradezu noch bodenständig und realistisch.

Investitionsruine? Wahrscheinlich. Doch man spekuliert. Mit Geldern, die man anderweitig nicht locker machen will. Man spekuliert auf Olympia. Nun kann mir ohnehin keine und niemand erklären, wozu wir in der Rhein-Main-Region einen Medienhype brauchen, der die gute alte These vom Sport ist Mord mit Staatsmillionen subventioniert. Von neuen Arbeitsplätzen ist die Rede, einer These, die keiner ernsthaften Analyse standhält. Aber Olympia ist ein prima Objekt, um Subventionsmillionen für Infrastrukturprojekte auszugeben, die keine und niemand braucht. Außer die ohnehin jammernde mittelständische Industrie. Aber die jammert ja immer.

Angesichts dessen, daß Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst nicht wieder besetzt und damit der Arbeitsdruck auf andere Beschäftigte weiter gegeben wird, angesichts dessen, daß die Kommunen sich immer mehr vor Pflichtaufgaben drücken, sind solche Luxusschmankerl natürlich ein starkes Stück – und dringend notwendig. Und wo kommt das Geld her? Richtig – in Zukunft sollen derartige Pflichtaufgaben ohnehin von den Personal-Service-Agenturen mit Dumpinglöhnen ausgeführt werden. Hartz sei Dank!

Und wo man und frau angeblich kein Geld hat, gibt man und frau es erst recht mit vollen Händen aus. So zum Beispiel bei der Sanierung des Nordtores der Orangerie. 240.000 Euro soll das kosten. Wogegen ja gar nichts zu sagen wäre, wenn es nicht zu Lasten und auf Kosten Anderer gehen würde. Und genau dies ist der springende Punkt. Bei jeder Lohnerhöhung, bei jeder zusätzlichen Stelle wird gejammert und gezetert – aber das eingesparte Geld dann für sinnlose Prestigeobjekte ausgegeben.

Also – bei der nächsten Tarifrunde wird nicht gejammert, sondern der Gehaltsforderung der Gewerkschaften freudig zugestimmt. Und am besten noch ein Bonus ausgezahlt. Damit dann alle die Kohle haben, auch die teuren Events im schmucken neuen Böllenfalltorstadion überhaupt bezahlen zu können.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Dirk Beutel (Montag)
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Zoulikha – Frau ohne Begräbnis
13.04.2003 *** Wdh. 14.04.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Das blutige Gesicht der neoliberalen Konterrevolution ist nirgends so kraß zu betrachten wie in den Ländern des Südens. Verelendung und Perspektivlosigkeit fördern Haß und Gewalt – nützliche Gewalt für die herrschende Klasse und das internationale Bankensystem. In ihrem neuen Roman Frau ohne Begräbnis begibt sich die algerische Autorin Assia Djebar auf die Suche nach den Wurzeln dieser Gewalt. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat es begeistert gelesen.

Beitrag Walter Kuhl

Assia Djebars letztes Jahr auf Französisch herausgebrachtes Buch Frau ohne Begräbnis knüpft an die vielfältige Spurensuche der Autorin an, die Ursachen der Gewalt, der Frauenunterdrückung und des Mangels an Demokratie in Algerien herauszufinden. Assia Djebar schreibt nicht einfach nur einen Roman, obwohl Frau ohne Begräbnis allein schon vom literarischen Standpunkt aus betrachtet einzigartig dasteht. Die Dichtheit ihrer Sprache, ihre Monologe und Ausdruckskraft machen neugierig, wecken Sympathie und führen die Leserin und den Leser in Gefilde, welche ihnen zunächst fremd sein mögen.

Assia Djebar begibt sich auf die Spurensuche nach Zoulikha, einer Frau aus ihrer Kindheit, aus der unmittelbaren Nachbarschaft in ihrer Heimatstadt Cherchell. Eines Tages während des algerischen Unabhängigkeitskrieges ging Zoulikha in die Berge, um nicht abseits zu stehen, als es darum ging, die französischen Kolonisatoren zu vertreiben. Verläßliche Zahlen über die Opfer dieses Befreiungskrieges gibt es nicht; Schätzungen bewegen sich zwischen 140.000 und 1,5 Millionen toten Algerierinnen und Algeriern bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1962. Eine davon – Zoulikha.

Es war 1976, als Assia Djebar nicht schrieb, sondern filmte, um die Frauen hinter dem Schleier der algerischen Wirklichkeit wieder zum Vorschein kommen zu lassen. In Cherchell, dem römischen Caesarea, traf sie die Töchter von Zoulikha, von der nur bekannt war, daß sie 1957 in die Berge ging und später von französischen Truppen gefangen genommen wurde. Was aus ihr geworden war, konnte nur vermutet werden. Die Kolonialarmee war nicht zimperlich.

Das Spannende an Frau ohne Begräbnis ist, wie Assia Djebar sich Zoulikha und ihrem Verbleib nähert. Sie läßt ihre Leserinnen und Leser teilhaben an jeder Facette ihrer Spurensuche, und auch daran, wie sich Zoulikhas Geschichte rekonstruieren läßt. Es ist jedoch mehr als nur die Geschichte einer Frau – in gewisser Weise ist es die Geschichte Algeriens. Die Frauen sind die Geschichte Algeriens, und die Männer stehen dieser Geschichte im Weg. Etwa hier:

Die Menge in Algier und fast ebenso in Caesarea treibt im grauen Fluss der Zeit. [...] Wir tragen nun einmal, wie so viele andere Völker, unsere Schande, unsere Brandmale auf der Stirn, Schmutz auf dem Gesicht! Na und, wir sind ganz gewöhnlich, wie viele andere Nationen, die Wirren und Bürgerkriege nicht vermeiden konnten [...]. Wir haben jetzt selbst auch, und zwar hausgemachte, Folterer, Sklaventreiber, bewaffnete Gesellen, die mit echten Kugeln auf protestierende Jugendliche schießen, heute, in unserem Bagno von Algier, das wir früher, das weißt du doch, vor vier oder fünf Jahrhunderten, unsere »Bäder von Algier« nannten! Jetzt sind sie wieder da, blutiger, modern eben. [Seite 217]

Assia Djebars Suche nach Zoulikha ist eng verbunden mit der Suche nach Freiheit. Die 1916 geborene Zoulikha war ungewöhnlich. Sie war das erste muslimische Mädchen ihrer Gegend mit einem Schulabschluß und sie sagte, was sie dachte. Als sie ihren dritten Ehemann in Cherchell kennenlernte, zog sie zwar den Schleier über, aber verschleierte nicht ihre Gesinnung. Ihr Freiheitsdrang blieb ungebändigt. Und es sind Frauen wie Zoulikha, die für Assia Djebar die Zukunft Algeriens ausmachen. Ein Grund mehr, nach ihnen zu suchen.

Frau ohne Begräbnis von Assia Djebar ist im Unionsverlag erschienen; dieser wirklich ausßergewöhnliche und fesselnde Roman kostet 17 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

  Eine anders gewichtete Besprechung von Markus Kilp wurde auf Radio Palmares (Paderborn) gesendet. Sie ist auf der Seite des Bundesverbandes Freier Radios als Audiofile herunterzuladen. Dazu der Text der Besprechung:  

Schreiben ist für Assia Djebar Erinnerungsarbeit. Mit ihrer literarisch-historischen Perspektive greift Sie dabei immer wieder die Geschichten von widerständigen Frauen in Ihrer algerischen Heimat auf. So gibt sie den, in einer patriarchal geprägten Gesellschaft, Marginalisierten eine Stimme und arbeitet erzählend gegen das Vergessen.

In Frau ohne Begraebnis, ihrem neusten Roman, geht sie dabei zurück auf eine Geschichte, die sich während des Unabhängigkeitskampfes in den 50er Jahren ereignet hat. Erzählt wird aus dem Leben der Zoulikha Oudai, die einst Wand an Wand mit Djebars Familie in Cherchell, dem antiken Ceasarea, wohnte. Zoulikha ist eine der ersten Mädchen die einen französischen Schulabschluss machen darf, sie bewegt sich unverschleiert auf der Strasse und hat zwei Töchter aus drei Ehen. Eine freimütige und lebenslustige Person also, die in Ihrer Umgebung viele Spuren und Spekulationen hinterließ.

1957 schließt sie sich dem Befreiungskampf gegen die französische Kolonialherrschaft an, bildet ein Netzwerk von Frauen und organisiert so den Widerstand. Als die Besatzungsmacht ihr auf die Spur kommt, lässt Sie ihre Töchter zurück und flieht in die Berge zu den Partisanen. Allerdings wird sie von der französischen Armee gefasst, gefoltert und ermordet. Ihre Töchter sehen sie nie mehr wieder.

Die Erinnerung an Zoulikha ist aber auch Jahrzehnte nach ihrem Verschwinden nicht gestorben. Die unterschiedlichsten weiblichen Stimmen lassen ihre Taten und ihre Person wieder aufleben. Da spricht die alte Wahrsagerin Madame Lion, ihre Töchter kommen zu Wort und alte Weggefährtinnen treten aus dem Schatten ans Licht dieser Erzählung – und da ist natürlich die Erzählerin selbst, die versucht diese Stimmen zu ordnen. Das alles ergibt eine aufregende Mischung aus Fiktion und Fakten, subjektiver Sicht und historischen Gegebenheiten.

Es entsteht wie in einem Mosaik das Bild der Zoulikha, als Freundin, Kämpferin. Liebende, und Mutter. Eine ungeheuer intensive Erinnerungsarbeit wird da in Gang gesetzt, mit einer einzigartigen Sprachvielfalt – zwischen analysierende Hochsprache und mündlicher Erzähltradition. Kunstvoll und poetisch auch dann, wenn sich Zoulikha selbst in mehreren Monologen an ihre Hinterbliebenen wendet und die Umstände ihres Verschwindens erläutert.

Die Phantasie, die Sprache und die Erinnerung hilft den Frauen im Roman auch für Ihr eigenes Leben. So verstehen Zoulikhas Töchter, dass ihre Mutter gleich gegen zwei Unterdrücker zu kämpfen hatte: gegen die Unterdrückung durch die Franzosen und gegen die Unterdrückung als Frau. Gleichzeitig werden die Erzählenden hier vom Objekt der Geschichte zum Subjekt – zu selbstbewusst Handelnden: So zeigt Assia Djebar in der tragischen Geschichte der Zoulikha doch auch eine Perspektive für die Zukunft. Ein beeindruckender Roman von außergewöhnlicher Sprachlust und Wortgewandtheit.

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Dirk Beutel (Montag)
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Partnerschaft
20.04.2003 *** Wdh. 23.04.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Eine der vielen darmstädter Schwesterstädte ist Freiberg im beschaulichen Sachsen. Doch weniger beschaulich ist, was von dort zu berichten ist. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat hierzu Freibergs alternative Zeitung – den FreibÄrger – gelesen.

Beitrag Walter Kuhl

Darmstadt und Freiberg – zwei ungleiche Schwestern haben so ihre Probleme miteinander. Wie dem Darmstädter Echo im März zu entnehmen war, gibt es Probleme mit dem Plattenbau-Pakt. Dabei war alles so schön gedacht: der darmstädter Bauverein kaufte 1996 von der Städtischen Wohnungsgesellschaft Freiberg rund 1000 Plattenbauwohnungen, um sie zu sanieren. Der Bauverein, demnächst unter grüner Führung, kassierte dafür Subventionen. Der Vertrag zwischen Darmstadt und Freiberg hat jedoch einen Haken.

Freiberg soll die Wohnungen demnächst zurückkaufen, für etwa das Vierfache des Kaufpreises. Nur – weder die Wohnungsgesellschaft noch die Stadt haben das Geld. Subventionsruine? Nein, einfach nur Aufbauhilfe Ost. Freiberg hat Wohnungen, die sich womöglich nicht vermieten lassen, und Darmstadt hat abkassiert. Dies zumindest läßt sich aus dem Artikel im Darmstädter Echo herauslesen.

Nun ist Freiberg nicht gerade ein armes Opfer, denn auch Freiberg tut sich mit Partnerschaft schwer. Freiberg gibt sich weltoffen, doch so manche Gäste sehen das anders. Auf einer Veranstaltung Anfang März berichtete eine Muslimin über ihre Erfahrungen mit der Freiberger Gastfreundschaft: Sie könne beispielsweise nicht in einen Supermarkt gehen, ohne angespuckt, beschimpft oder sogar durchsucht zu werden. "Das gehört zu meinem Alltag", erzählte sie. Eines Tages nahm sie den Bus von Freiberg nach Dresden. Eine Gruppe von etwa 70 rechtsradikalen Hooligans stieg zu. Keine Minute dauerte es, bis an ihrem Kopftuch gezogen wurde, beschimpft und bedroht wurde sie ganz gastlich auch. Weder der Busfahrer noch der Betreuer dieser Hool-Gruppe griffen ein. Eine Anzeige bei der Polizei verlief fast schon erwartungsgemäß erfolglos.

Nun sind nicht alle Freiberger so, gewiß nicht. Aber ein gewisser Rassismus ist offensichtlich auch bei offiziellen Veranstaltungen latent vorhanden, denn sonst wäre eine Veranstaltung wie das Forum für Ausländer am 18. März wohl anders verlaufen. Was immer sich die Organisatoren unter einem Forum vorgestellt haben mögen – es scheint eine Selbstbeweihräucherung gewesen zu sein. Ein Vortrag folgte dem anderen, verbunden mit dem Appell an die nichtdeutschen Diskussionswilligen, doch auf dem Podium keine Einzelfälle zu diskutieren. Natürlich waren die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer nicht bei ihren wichtigen Statements ungeduldig, sondern erst dann, als die Betroffenen selbst das Wort ergriffen. Wollte man und frau ihnen gar nicht zuhören? So mancher Betroffene hatte diesen Eindruck. Doch warum dann ein Forum einberufen? Um den Eindruck zu erwecken, Freiberg sei so richtig weltoffen (so wie Darmstadt vielleicht?), sogar für seine ausländischen Studierenden? Und die Weltoffenheit endet dann – leider – am nächsten Supermarkt?

Probleme, die wir in Darmstadt so nicht kennen. Und deshalb berichtet das Echo auch über Probleme, die wir aus unserer Lebensrealität einordnen können. Geldprobleme zum Beispiel. Da sanieren wir den Ossis ihre Wohnungen – und was ist der Dank? Keiner. Sie zahlen einfach nicht.

Apropos Zahlen. Freibergs alternative Zeitung, der FreibÄrger, ist über die Redaktion im Haus der Demokratie zu beziehen oder per Email über freibaerger@gmx.net. Übrigens: der FreibÄrger ist jetzt fünf Jahre alt geworden – herzlichen Glückwunsch auch aus Darmstadt!

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Mittwoch)
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Biblis A wie Atommafia
27.04.2003 *** Wdh. 28.04.2003 Nächster Beitrag
 
Anmoderation

Die Anti-AKW-Bewegung spricht schon lange von einem "Schrottreaktor". Sie wußte wohl gar nicht, wie recht sie hat. Das Atomkraftwerk A in Biblis war offensichtlich von Anfang an – Schrott. Ein Kommentar von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Niemand will es bemerkt haben: seit 28 Jahren betreibt der Stromkonzern RWE ein Atomkraftwerk unter Umgehung der Auflagen der Betriebsgenehmigung. Biblis A, direkt am Rhein gelegen, besitzt von Anfang an ein Notkühlsystem, das viel zu klein dimensioniert worden ist. Ob die Planer und Erbauer die Betriebsgenehmigung nicht richtig gelesen haben? Ist es also nur der übliche Pfusch am Bau? Oder nahm man die Warnungen vor möglichen Gefahren der Atomtechnologie einfach nicht ernst und sparte an dem, was man für überflüssig hielt, nämlich an der Sicherheit?

Wahrscheinlich werden wir die Wahrheit nie erfahren. Denn uns werden selbst Schrottreaktoren als sicher verkauft. Gelogen wurde jedoch schon immer. Als in den 90er Jahren Atommülltransporte die Republik durchquerten, hieß es auch, alles sei sicher, bis den Betreibern nachgewiesen wurde, daß sie seit Jahren auch hier herumgepfuscht (und es natürlich gewußt) hatten. Strahlende Atomtransporter standen selbst in Darmstadt mitten in einem Wohngebiet. Aber wen kümmert's? Hauptsache, das Geschäft brummt.

1998 kritisierte die hessische CDU Pläne, den Atomreaktor stillzulegen, und führt eintausend Arbeitsplätze ins Feld, die vernichtet werden würden. Einmal ganz abgesehen davon, daß auch die christdemokratische Wirtschaftspolitik Arbeitslosigkeit massiv fördert, zeigt sich, daß die damalige grüne Umweltministerin Priska Hinz auf dem richtigen Weg war. Der CDU-Landtagsabgeordnete Stefan Grüttner wußte es jedoch besser. Er sprach von "angeblichen Mängeln", die sich bei näherer Betrachtung als eine Mischung aus "ministerieller Wortklauberei und eigenem Nichtstun" erweisen würde. [Darmstädter Echo vom 21.4.1998]

Nun, offensichtlich war es doch keine Wortklauberei, und die angeblichen Mängel hatten genau genommen System. Doch Gerhard Schröder hat mit der Atomindustrie einen Deal geschlossen, so daß uns auch Biblis A noch Jahre erhalten bleiben wird, und die Grünen, die noch vor der Bundestagswahl 1998 von Organisierter Kriminalität sprachen, kuschen. Wo Priska Hinz noch hatte stillegen wollen, läßt Jürgen Trittin weiterstrahlen.

Im Jubiläumsband zum 100-jährigen Bestehen des Stromgiganten RWE mit dem schönen und verniedlichenden Titel Der gläserne Riese hieß es 1998 zu einem der vielen angeblichen Mängel:

Im Dezember 1988 wurde bekannt, daß sich am 17. Dezember 1987 im Kernkraftwerk Biblis A eine Betriebsstörung ereignet hatte, die der Öffentlichkeit ein Jahr lang verborgen geblieben war. Als Folge eines Bedienungsfehlers waren sieben Sekunden lang 150 Liter radioaktiver, heißer Dampf aus einem geöffneten Ventil nach außen geströmt. Ärgernis erregte vor allem die Geheimhaltung, und beunruhigend wirkte der Umstand, daß es sich um einen Störfalltypus handelte, den man vorher nicht bedacht hatte. [Der gläserne Riese, Seite 234]

Sieben Sekunden und 150 Liter – das klingt nach einer Bagatelle. Aber so war es eben nicht. Es war der bis dahin (und soweit bekannt auch bis heute) schwerste von weit über 500 Störfällen der Atomreaktoren A und B in Biblis. Beim Anfahren von Block A schloß ein Ventil nicht. Die leuchtende Warnlampe wurde der Einfachheit halber schlicht übersehen. Als dann – immerhin – die dritte Schicht den Fehler bemerkte, handelte sie gegen jede Vorschrift. Wahrscheinlich ging sie davon aus, daß der Fehler nicht durch das Ventil, sondern durch eine defekte Überwachungselektrik verursacht wurde. Sie versuchte daher, das Ventil durch das unzulässige Öffnen eines zweiten Ventils zu schließen. Dabei wurde eine Verbindung zu Rohren hergestellt, die für den hohen Druck nicht ausgelegt waren. Hätte das zweite Ventil versagt, wären die Rohre geplatzt. Ob es sich dann um einen GAU – also einen Größten Anzunehmenden Unfall – oder gar um einen sogenannten Super-GAU gehandelt hätte, ist eine akademische Frage.

Das ärgerliche an der Geheimhaltung, von der im Jubiläumsband geschrieben wird, war jedoch, daß dieser Störfall in einer US-amerikanischen Zeitschrift beschrieben wurde. Sonst wüßten wir es wahrscheinlich bis heute nicht.

Doch wir können ahnen, daß das viel zu klein dimensionierte Notkühlsystem ganz sicher nicht geholfen hätte. Wäre es zum GAU gekommen, dann müßten wir heute nicht über eine fehlende Betriebsgenehmigung reden. Den Reaktor gäbe es dann tatsächlich nur noch als Schrott und Darmstadt wäre für Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrtausende vollkommen unbewohnbar. Doch darüber redet heute keine und niemand. Statt dessen wird am Schrottreaktor weitergepfuscht.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

  RWE Power, Kraftwerk Biblis, meldete sich am 29. April 2003 mit folgender Pressemitteilung:  
RWE Power hat heute der hessischen Aufsichtsbehörde auf Grund detaillierter Berechnungen den Nachweis vorgelegt, dass die Notkühlung des Blocks A des Kernkraftwerks Biblis selbst bei einem unterstellten sehr unwahrscheinlichen Kühlmittelverluststörfall nie gefährdet war. [...] Der Nachweis belegt, auch unter Berücksichtigung neuester Erkenntnisse aus dem "Bärsebäck-Fall", dass die vorhandene Ansaugfläche der Notkühlpumpen die Beherrschung eines derartigen, hypothetischen Störfalls sicherstellt. [...] Da zu diesem Sachverhalt vor dem planmäßen Wiederanfahren [...] offene Fragen auftraten, hat RWE Power der Sicherheit oberste Priorität gegeben und auf ein Anfahren des Blocks verzichtet. [...] RWE prüft gegenwärtig die Aktenlage um zu klären, wie es zu dieser sicherheitstechnisch nicht relevanten Abweichung kommen konnte.
  Da frage ich mich doch tatsächlich, wie eine 28-jährige sicherheitstechnisch nicht relevante Abweichung dazu führen kann, der Sicherheit oberste Priorität einzuräumen und den Block A lieber nicht anzufahren. Mehr noch: Sehr unwahrscheinlich und hypothetisch war auch der Beinahe-Super-GAU 1987.  
Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Dirk Beutel oder Beatrice Kadel (Montag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 10. Februar 2005 aktualisiert.
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