Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– April 2004 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
04.04.2004Bewerbung
11.04.2004Bonesmen
18.04.2004Götter im alten Ägypten
25.04.2004Frühe Völker Europas
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2004.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
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Bewerbung
04.04.2004 *** Wdh. 05.04.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Am Samstag gingen Hunderttausende auf die Straße aus Protest gegen die Zumutung einer rot–grünen Bundesregierung. Doch am Montag stehen wir denselben Problemen wieder individuell und alleine gegenüber. Kein Job, was tun? Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte stellt im folgenden Beitrag einen Ratgeber zur erfolgreichen Bewerbung vor.

Beitrag Walter Kuhl

Freie Stellen sind rar; entlassen wird weiter. Was tun, fragt sich der– oder diejenige, die auf der Suche nach einem neuen Job sind. Bewerbungstrainings des Arbeitsamts sind meist ebenso wenig effektiv wie Coachings oder Weiterbildungsmaßnahmen. Das Problem ist meist nicht die Qualifikation der Arbeitslosen, sondern die Konkurrenz um die wenigen Arbeitsplätze. Diese Konkurrenz ist groß. Nun könnte man und frau auf die ungeheuerliche Idee kommen, gemeinsam mit Anderen die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen und die Profitgeier rauszuschmeißen. Doch in der Realität stehen wir der Arbeitslosigkeit individuell und vereinzelt gegenüber.

Viele Ratgeber zum Thema richtige Bewerbung bemühen sich, uns Banalitäten als Weisheiten zu verkaufen. Natürlich ist es immer eine Frage, wie ein Bewerbungsschreiben abgefaßt ist, wie man und frau auftreten kann und welche Selbstsicherheit hierbei mitschwingt. Kleidungsfragen mögen eine Rolle spielen, ebenso Testergebnisse oder Berufserfahrung. Doch in den meisten Fällen sind die Kriterien für eine Einstellung völlig undurchschaubar. Wer genommen wird, hängt eher vom leistungsfördernden Vitamin B oder dem Zufallsprinzip ab. Und hier stellt sich die Frage: läßt sich der Zufall beeinflussen?

Rolf Neubarth geht daher in seinem Ratgeber Erfolgreiche Jobsuche andere Wege. Wo andere Ratgeber ihre Checklisten durchgehen, analysiert er typische Fehler anhand von Fallbeispielen und geht sie mit Experten durch. So hat er typische Lebensläufe zwei Personalbeauftragten vorgelegt, die mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen die Stärken und Schwächen des Bewerbungsschreibens bewerten. Wäre ich Personalchef, würde ich garantiert noch einmal andere Kriterien aufstellen. Entscheidend jedoch ist, wie das, was geschrieben steht, auf den Empfänger oder die Adressatin wirkt. Rechtschreibfehler, Stilblüten und Eselsohren landen gleich in Ablage P. Und – es macht wenig Sinn, ganze Bewerbungsmappen mit ausführlichsten Details zu versenden, wenn sich auf eine Stellenanzeige einhundert oder gar zweihundert Männer und Frauen bewerben. Dann liegt in der Kürze die Würze und vor allem im aussagekräftigen Stil. Es soll sogar Arbeitgeber geben, die am Bewerbungsschreiben schnuppern, um die Raucherinnen und Raucher auszusieben.

Rolf Neubarth beschreibt zunächst einmal die sinnvollen Informationsquellen. Lohnt sich überhaupt eine eigene Stellenanzeige? Wie erkennt man und frau dubiose Anzeigen? Und vor allem – was ist bei der Bewerbung zu beachten? Hier kommt es durchaus auf die innere Logik des Schreibens an wie auf Aussagefähigkeit und die richtige Ansprache. In der Theorie. In der Praxis entscheidet letzten Endes die soziale Kompetenz des– oder derjenigen, welche die Stellenanzeigen bearbeiten und bewerten.

Vieles von dem, was Rolf Neubarth ausführt, erscheint banal. Natürlich ist darauf zu achten, daß der Tintenstrahldrucker ein sauberes Schriftbild ausgibt. Aber wie oft passiert es dennoch, daß in der Eile das eine oder andere möglicherweise entscheidende Detail übersehen wird? Dann ist ein Ratgeber wie der von Rolf Neubarth Gold wert. Positiv hervorzuheben ist hier ein spezieller Teil für Frauen in der Bewerbungssituation. Denn die meisten Ratgeber gehen von typisch männlichen Berufskarrieren aus und bedenken nicht, daß Männer und Frauen in dieser Gesellschaft ungleich gesehen, ungleich behandelt und ungleich bewertet werden. Dabei gibt es

zwei Arten von äußeren Barrieren: einmal die Hindernisse, die Frauen von Männern in den Weg gelegt werden, zum anderen die Hindernisse, die sie durch Frauen erfahren. [Seite 139]

Wenn Frauen in einer solchen Situation jedoch an Frauensolidarität glauben, werden sie nur allzuoft enttäuscht. – Der Ratgeber von Rolf Neubarth heißt Erfolgreiche Bewerbung; er ist in sechster Auflage im gewerkschaftlichen Bund–Verlag erschienen, hat 150 Seiten und ist zum Preis von 9 Euro 90 erhältlich.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Martin Keindl (Montag)
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Bonesmen
11.04.2004 *** Wdh. 12.04.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Wußtet ihr, daß George Dubya Bush ein Gruftie ist? Ja, das war mir auch neu. Doch Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat ein Buch über einen gruftigen Geheimorden gelesen, das er euch nun vorstellt.

Beitrag Walter Kuhl

Was haben George Dubya Bush, noch Präsident der Vereinigten Staaten, und John Kerry, der Populist aus der Demokratischen Partei, gemeinsam, einmal abgesehen davon, daß sie zum politischen Establishment der USA gehören? Nun, beide haben in Yale studiert und gehören seither dem Geheimorden Skull & Bones an.

Alexandra Robbins hat mit ihrem bei Diederichs erschienenen Buch Bruderschaft des Todes einen Blick hinter die Kulissen dieses Geheimordens geworfen. Hierbei zeigt sie, wie das US–amerikanische Establishment seinen Nachwuchs rekrutiert und dabei politisch und finanziell sehr nützliche Netzwerke aufbaut. Sicher ist es zuviel gesagt, daß derartige Geheimorden wie Skull & Bones die Richtlinien der US–amerikanischen Politik bestimmen. Das wäre dann doch arg zu verschwörungstheoretisch gedacht. Dennoch gibt es diese Seilschaften, die das Funktionieren des US–amerikanischen Kapitalismus absichern. Princeton, Harvard und Yale – dies sind die Kaderschmieden für den Nachwuchs in Wirtschaft und Politik in den USA. Die Elite dieser Elite wird von diversen Geheimorden rekrutiert, von denen Skull & Bones in Yale einer der vielleicht wichtigsten ist. Jedes Jahr werden 15 Männer und seit 1991 auch Frauen des dritten Studienjahres ausgewählt, welche in den Geheimorden aufgenommen werden sollen. Skull & Bones existiert seit 1832, seine Insignien sind ein Totenschädel und zwei Knochen (daher der Name), und das Heim dieses Ordens ist eine geheimnisvolle Gruft. Also ist das Mitglied George Dubya Bush so gesehen ein Gruftie.

Alexandra Robbins erzählt – meist anekdotisch verpackt – die Entstehungsgeschichte der Elite–Universität Yale und seiner Bruderschaften. Was in Deutschland elitäre und meist reaktionäre Verbindungen sind, das sind in den USA die Bruderschaften und Geheimorden. Ihre Funktionsweise mag in beiden Ländern unterschiedlich sein, der Sinn ist jedoch derselbe. Deshalb gehen Mitglieder dieser Orden davon aus, daß, wer Mitglied ist, auch tüchtig sein muß. Weitere Qualifikationen werden nicht verlangt.

Zum Teil skurril sind die Auswahlprozeduren, die Initiationsriten und die Regeln des Ordenslebens. Alexandra Robbins zeigt, daß zwischen Studentenulk und ritualisierter Ausgelassenheit ein jahrhundertelang erprobter Zusammenhang besteht. Es sind die vielen kleinen Rituale und Ausschweifungen, welche die Männerbünde zusammenhalten; und so ist es auch kein Wunder, daß ausgerechnet der sich am geheimnisvollsten gebende Orden Skull & Bones bis in die 90er Jahre Widerstand gegen die Aufnahme von Frauen geleistet hat. Die Geheimnistuerei um den Orden schweißt zudem zusammen:

Es paßt gut, daß das Gebäude von Skull and Bones nicht gekennzeichnet und fast fensterlos ist. Die finstere Fassade verhindert eine klare Trennung zwischen der Welt innerhalb und der Welt außerhalb des Geheimbundes. Die Mitglieder können die Außenwelt nicht sehen, ohne zuerst durch das von Skull and Bones geschaffene Prisma zu blicken. Gleichzeitig kann die Außenwelt nicht in das Hauptquartier des Geheimbundes hineinsehen – stattdessen bleibt den [von den Bonesmen so genannten] Barbaren nur, die eigenen Vorstellungen auf die ausdruckslosen, braunen Mauern der Gruft zu projizieren. [Seite 256]

Man sucht und findet sich. Wer von Skull & Bones aufgenommen wird, paßt in diesen elitären Rahmen. Gehirnwäschemethoden sind daher nur begrenzt vonnöten. Die Auserwählten stellen den Sinn einer solchen Organisation erst gar nicht in Frage. Das bedeutet jedoch nicht, daß diese verschworene Gemeinschaft die Macht hinter den Kulissen bildet. Im Gegenteil – die Bonesmen können wie Bush und Kerry zwei verschiedenen politischen Lagern angehören. Wesentlich ist, daß sich die Mitglieder von Skull & Bones jederzeit aufeinander beziehen und somit neue Verbindungen aufbauen können. Es ist ein Netzwerk der Macht – eines von vielen; und eines, das die Familie Bush für sich zu nutzen weiß.

Alexandra Robbins, die selbst in Yale studiert hat und Mitglied eines Geheimordens war, fängt dieses Netzwerk der Macht atmosphärisch ein. Ihr Buch Bruderschaft des Todes ist keine Gesellschaftsanalyse, aber eine Möglichkeit, Zusammenhänge zu begreifen und die mitunter ins Skurrile abgleitenden Zeremonien als sinnvoll und rational zu verstehen. Ihr Buch ist bei Diederichs erschienen und kostet 22 Euro.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Niko Martin (Sonntag), Martin Keindl (Montag)
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Götter im alten Ägypten
18.04.2004 *** Wdh. 19.04.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Kaum eine Gesellschaft war derart von religiösen Vorstellungen durchdrungen wie jene des alten Ägypten. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte stellt uns im folgenden Beitrag einen reich bebilderten Band über die altägyptische Religion vor.

Beitrag Walter Kuhl

Den um eine rationale Erklärung der Welt bemühten alten Griechen erschienen die Ägypter besonders gottesfürchtig zu sein. Der Weltenbummler Herodot beispielsweise beschrieb eine Gesellschaft, die von religiösen Vorstellungen mehr durchdrungen war als andere der antiken Welt. Wie die Angehörigen anderer Kulturen wollten auch die Ägypterinnen und Ägypter einen Sinn in ihrem Dasein finden. Die heute bekannte Zahl von nahezu 1500 Göttinnen und Göttern spricht dafür, daß sie ihre Welt als eine ausdifferenzierte göttliche Ordnung begriffen haben. Dies stellt sogar die Hethiter in den Schatten, die als Volk der 1000 Götter gelten.

Der Ägyptologe Richard H. Wilkinson gilt weltweit als einer der besten Kenner der Mythologie und Religion des alten Ägypten. In seinem bei Theiss erschienen Band über Die Welt der Götter im alten Ägypten liefert er eine ausführliche und detaillierte Darstellung der ägyptischen Götterwelt, ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer Kulte. Natürlich waren nicht alle Götter gleich wichtig. Im Laufe der historischen und politischen Entwicklung wurden einige wenige Götter zu Staatsgöttern erklärt, während andere eher als Dämonen oder eine Art Dschinns begriffen worden sind. Daß sogar die Götter sterben können, war der ägyptischen Vorstellung nicht fremd. Dabei bedeutete deren Tod nicht unbedingt das Ende der göttlichen Existenz. Denn aus ägyptischer Perspektive ging das Leben aus dem Tod hervor, und der Tod folgte dem Leben. Es gab offensichtlich keinen Grund, die Götter von diesem Zyklus auszunehmen. Neben dieser göttlichen Ordnung gab es jedoch eine zweite Vorstellung, wonach daß nur die Elemente, aus denen die Urwelt hervorgegangen war, schließlich auch übrig bleiben würden. So würden nach Millionen von Jahren nur der Schöpfergott Atum und der Unterweltgott Osiris übrig bleiben.

Zur göttlichen Ordnung gehörten auch die irdischen Könige. Diese wurden sowohl als göttlich wie als menschlich begriffen worden sind. Allerdings mußten sich die Könige ihre Unsterblichkeit normalerweise durch eine lange und erfolgreiche Herrschaft verdienen. In ihrer Gottform waren sie jedoch den wichtigsten Göttern des ägyptischen Pantheons gleichgestellt.

Richard H. Wilkinson macht jedoch darauf aufmerksam, daß die ägyptische Götterwelt keineswegs systematisiert und für alle Zeiten festgeschrieben war. Einzelne Götter veränderten sogar ihren Charakter oder verschmolzen mit anderen. Außerdem ist nicht klar, inwieweit die uns überlieferten ägyptischen Gottesvorstellungen auch für das einfache Volk gegolten haben. Denn wir kennen nur die Monumente der Macht und somit das, wie die herrschende Klasse über sich und ihre eigene göttliche Welt gedacht hat. Neben einer Einführung in die ägyptische Religion stellt Richard H. Wilkinson uns einen Katalog der Gottheiten zur Verfügung. Hierbei legt er Wert auf damit verbundene mythologische Vorstellungen, die bildliche Darstellung der jeweiligen Gottheit und den damit verbundenen Kult. Somit steht uns eine Art Handbuch zur Verfügung, mit dem wir die bildlichen Darstellungen und die damit verbundenen Vorstellungen der alten Ägypterinnen und Ägypter besser einordnen können. Dieser Katalog der Gottheiten macht etwa die Hälfte des profunden Bandes über Die Welt der Götter im alten Ägypten aus. Doch diese Welt hatte ein ganz profanes Ende.

Mit dem Aufkommen des Christentums verfielen die ägyptischen Kulte. Dennoch bedurfte es mehrerer kaiserlicher Erlasse, um die dann als heidnisch bezeichnete Religion zu unterdrücken. Doch selbst heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, existieren manche der religiösen Symbole des alten Ägypten weiter, meist ohne Wissen derer, die sie bewahren. Im gesamten Mittelmeer etwas malen Matrosen nach wie vor ein Auge auf den Bug ihrer Boote, um sich zu schützen und den vor ihnen liegenden Weg zu sehen. Sie führen hiermit einen Brauch fort, in dem der Falkengott Horus den Weg wies, sein rechtes Auge war die Sonne, sein linkes der Mond.

Das Buch Die Welt der Götter im alten Ägypten von Richard H. Wilkinson ist im Theiss Verlag erschienen und kostet 39 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Martin Keindl (Montag)
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Frühe Völker Europas
25.04.2004 *** Wdh. 27.04.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Von Völkern zu reden ist out, statt dessen ist der Begriff der Ethnie in. Gilt das auch für die Klassische Antike? Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat hierzu ein Buch mit dem Titel Frühe Völker Europas gelesen. Sein folgender Beitrag zeigt, daß das Konzept der frühen Völker durchaus kritisch hinterfragt wird.

Beitrag Walter Kuhl

Über Völker zu reden, heißt über ein metaphysisches Konstrukt zu sprechen. Wir haben vielleicht im Schulunterricht neben den Griechen und Römern auch von den benachbarten Völkern gehört, ohne uns zu fragen, ob ein solches Konzept historisch überhaupt trägt. Der im Theiss Verlag erschienene Band Frühe Völker Europas geht auf eine ganze Ansammlung von derartigen ... ja wie sagt man jetzt? ... ethnischen Konstrukten ein, die auf die eine oder andere Weise Geschichte geschrieben haben: Thraker und Illyrer in Südosteuropa, Kelten und Germanen in Mitteleuropa, Etrusker und Italiker im heutigen Italien, und zum Schluß die Griechen.

Und auch wenn der Titel des Bandes von Völkern spricht, so zeigen die Autorinnen und Autoren dieses Bandes, daß wir uns davor hüten sollten, Konstrukte der nationalistischen Moderne auf das Klassische Altertum zu übertragen. Hermann Ament schreibt hierzu in seinem Aufsatz über die Germanen:

Dass die Germanen von alters her eine gemeinsame Sprache besessen hätten und dass diese womöglich sogar ihre ethnische Identität begründet hätte, ist nicht zu erkennen. [Seite 46]

Wenn Gallier und Römer von Germanen sprachen, dann meinten sie zunächst alle mittel– oder osteuropäischen Barbaren, die keine Kelten waren. Ein kleiner Teilstamm am rechtsrheinischen Ufer hat den Namen für eine größere Ansammlung von Stämmen östlich des Rheins und nördlich der Donau gegeben. Deren Sprache nennen wir zwar germanisch, das bedeutet jedoch nicht, daß sie alle von einer ursprünglichen Gruppe abstammten. Hier ist eher an Assimilation fremder Gruppen zu denken oder an eine Überlagerung vorher dort ansässiger Bevölkerungsgruppen. Erst eine bestimmte historische Konstellation führte dazu, daß sie sich selbst als Germanen begriffen haben. Es war der Untergang des mitteleuropäischen Keltentums und die Expansion des römischen Reiches im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, welche die Stämme östlich des Rheins zusammenführte – und die Bezeichnung kam von außen.

Dabei ist zu berücksichtigen, daß die zugrunde liegenden Einheiten, die Stämme, alles andere als stabile Gebilde waren. Sie gingen unter, bildeten sich neu, verschmolzen oder sie spalteten sich aus größeren Einheiten ab. Außerdem integrierten sie völlig fremde oder eroberte Gruppen. All dies belegt, daß es – nicht nur im Falle der Germanen – vollkommen sinnlos ist, von einem Volk zu sprechen. Zumal, wenn dieser Begriff in der Antike benutzt wurde, er eine gänzlich andere Bedeutung besaß als unsere heutige völkische Definition.

Der Band Frühe Völker Europas besteht aus zwei Teilen. Zum einen werden die Stämme oder sich herausbildenden Nationen betrachtet, die oftmals in der zeitgenössischen Betrachtung als Barbaren oder als vernachlässigenswert beschrieben werden. Dabei hatten sowohl die Thraker im Dreieck Bulgarien, Ostgriechenland und Bosporus wie auch die Illyrer an der adriatischen Küste eine eigenständige, zum Teil auch höher entwickelte Kultur. Für die Kelten und Etrusker muß das heute nicht mehr betont werden; die germanischen Stämme hingegen sind weitestgehend ohne Schrift und Städte ausgekommen.

Den zweiten Teil bildet eine kompakte Darstellung der griechischen Geschichte von den Mykenern bis zur römischen Eroberung im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Die athenische Demokratie wird auf eine interessante Weise nahegebracht und man und frau erfährt hierbei, wie es die Athener auf effiziente Art und Weise fertig gebracht haben, möglichst viele freie athenische Bürger in Legislative, Judikative und Exekutive zu integrieren. Daß hierbei Sklaven und Frauen ausgeschlossen waren, soll nicht verschwiegen werden, aber dies war ohnehin ein normaler Zustand in der klassischen Zeit. Frauen Wahlrecht und juristische Selbständigkeit zuzugestehen, ist ja ohnehin erst ein Phänomen der letzten einhundert Jahre.

Die rund 300 Seiten des Buches sind anschaulich illustriert. Zum Nachschlagen oder Vertiefen einzelner Aspekte klassischer antiker Geschichte ist dieser Band sinnvoll, nur der Preis ist zu bemängeln. Frühe Völker Europas ist in der Reihe Theiss Illustrierte Weltgeschichte im Theiss Verlag zum Preis von 36 Euro erhältlich.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Thomas Ziaja (Dienstag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 24. Dezember 2005 aktualisiert.
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