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Radiowecker

Redaktionelle Beiträge April 1999

Sendemanuskripte

 

Mit Beginn des Dauersendebetriebs am 1. Februar 1997 nahm auch der morgendliche Radiowecker seine redaktionelle Arbeit auf. Mit wechselnden Teams wurde in der Regel täglich von 6.00 bis 8.00 Uhr und an Wochenden und Feiertagen von 7.00 bis 9.00 Uhr Darmstadt und die nähere Umgebung geweckt. Ursprünglich war der Radiowecker in der Unterhaltungsredaktion angesiedelt. Im Herbst 2001 lösten sich die meisten Teams aus dieser Redaktion, weil sie ihre Belange dort nicht vertreten sahen, und gründeten eine eigene Redaktion. Von Ende 2001 bis Sommer 2006 gab es daher das Kuriosum, daß (zuletzt) an sechs Tagen die Redaktion Radiowecker das Programm gestaltete, nur am Donnerstag ein einsamer Kämpfer für die Unterhaltungsredaktion zu hören war. Im Herbst 2006 wurde die Redaktion Radiowecker aufgrund vereinspolitisch motivierter Anfeindungen zerschlagen und aufgelöst. Bis in den Sommer 2007 torkelte eine Art Not-Radiowecker durch den Äther, bevor nach und nach weitere feste Sendeplätze gefüllt werden konnten. Im ersten Halbjahr 2008 war der Radiowecker montags, dienstags, manchmal mittwochs, donnerstags, freitags und samstags on air. Das zweite Halbjahr zeigte zunächst eine nachlassende Sendefrequenz. [1]

Diese Seite enthält die Sendemanuskripte meiner Beiträge für den Radiowecker im April 1999.

 


 

Freitag, 16. April 1999

     Weiterhin: NATO-Krieg gegen Jugoslawien

Freitag, 23. April 1999

     Standortsicherung und Sonntagsarbeit

Freitag, 30. April 1999

     Schatzmeister

 


 

Weiterhin: NATO-Krieg gegen Jugoslawien

Freitag, 16. April 1999
 

Die NATO bedauerte gestern ausdrücklich den Angriff auf den Flüchtlings­konvoi nahe der albanischen Grenze, aber erklärte gleichzeitig, sie werde genauso ausdrücklich ihre militärischen Angriffe verstärken. Kriegsminister Scharping behauptete gestern abend im ARD-Brennpunkt, man würde nur militärische Ziele angreifen, und überhaupt: es gebe Schrecklicheres im Kosovo. [2]

Das angeblich Schrecklichere ist dann die Legitimation, mit dem versehentlichen Morden weiter zu machen. Im Krieg gibt es jedoch keinen Unterschied zwischen zivilen und militärischen Zielen. Krieg ist Krieg. Das einzige, was dabei in der internationalen Medien­öffentlichkeit zählt, ist die Frage, wieviele unschuldige Opfer man sich leisten darf, ohne die Zustimmung der Medien und der betroffen gemachten Menschen der kriegs­führenden Nationen zu verlieren.

NATO-Bomber greifen einen Zug an und NATO-Sprecher behaupten anschließend, man habe eine Brücke treffen wollen [3]. Dann leugnet man tagelang, die Innenstadt von Pristina verwüstet zu haben. Dies seien die Serben gewesen, um die NATO der Unmenschlichkeit beschuldigen zu können [4]. Und auch beim jüngsten Angriff auf die Flüchtlinge im Kosovo sollten es zunächst serbische Kampfjets gewesen sein.

Festzuhalten ist also: die NATO führt Krieg gegen die Zivil­bevölkerung. Das, was sie Milošević vorwirft, tut sie selbst. Sie zerstört Brücken ohne erkennbaren militärischen Wert, Industrieanlagen, Schulen und Krankenhäuser.

Angeblich soll damit Milošević an den Verhandlungs­tisch zurück­gebombt werden. Aber wer den Text des Vertragsentwurfs von Rambouillet kennt, weiß, daß keine Regierung der Welt einen solchen Vertrag hätte unterzeichnen können. Wer wird schon seinem Kriegsgegner erlauben, sich mit Soldaten und Waffen frei im Land bewegen und jede Straftat ungestraft begehen zu dürfen?

Nein – es geht nicht um Milošević. Es geht auch nicht um die Flüchtlinge im Kosovo. Es geht nur um eins: Jugoslawien weiter zu zerschlagen. Mit der einseitigen Anerkennung Sloweniens und Kroatiens durch die Regierung Kohl/Genscher wurden die Grundlagen für den anschließenden Bürger­krieg gelegt.

Der Krieg um Bosnien-Herzegowina, das ursprünglich Serbien und das von der BRD hofierte Kroatien unter sich aufteilen wollten, war der zweite Akt. Keine NATO-Jets hinderten Kroatien an seiner ethnischen Säuberung in der Krajina. Statt dessen wurde Kroatien vom Westen militärisch aufgerüstet und finanziell aufgepäppelt.

Der nächste Schritt, als humanitärer Einsatz deklariert, ist, den Kosovo als Rohstoff­basis und die Vojwodina als Korn­kammer vom serbischen Staatsgebiet abzutrennen. Die Menschen, die davon betroffen sind, sind allenfalls als Manövriermasse, als Medien­spektakel gut.

Aber Asyl erhalten sie hier nicht, nur eine Duldung. Sie werden unter großer Anteilnahme der Medien hergekarrt und – wenn sie nicht mehr gebraucht werden – wieder abgeschoben, wie das auch mit den Flüchtlingen aus Bosnien-Herzegowina geschehen sollte. Auch das ist Teil der psychologischen Kriegs­führung.

Ich bleibe dabei: Dieser Krieg gegen Jugoslawien ist ein Verbrechen. Und die Kriegsgewinnler stehen ohnehin fest: Waffen­lieferanten, Rüstungs­konzerne, Banken und all die Betroffenheits­apostel, die dann mehr denn je den Einsatz deutscher Truppen auf der ganzen Welt fordern dürfen. Das Ganze wird – wie immer – rein humanitär sein.

Und es wird weiter gelogen werden. Was denn auch sonst?

 


 

Standortsicherung und Sonntagsarbeit

Freitag, 23. April 1999
 

Deutsche Kapitaleigner, auch Arbeitgeber genannt, sind mitunter sehr einfallsreich, wenn es darum geht, den eigenen Gewinn zu mehren. Sie schieben dann die Sicherung des Standorts vor, um von den Beschäftigten Zusatzleistungen abzupressen.

Ein Ludwigsburger Metallbetrieb versuchte beispielsweise, in einer Betriebsvereinbarung zwischen Firma und Betriebsrat, eine regelmäßige übertarifliche Arbeitszeit und die Kürzung einer tariflichen Sonderzahlung zu erreichen. Auf Antrag der IG Metall untersagte das Landes­arbeits­gericht Baden-Württemberg diesem Betrieb jedoch die Anwendung der entsprechenden Betriebs­vereinbarung und erklärte sie für unwirksam.

Wie die in der gewerkschaftlichen Bund-Verlag Gruppe erscheinende juristische Fachzeitschrift Arbeit und Recht in ihrer neuesten Ausgabe mitteilt, hatte die Firma verlangt: Als Gegen­leistung für die Standort­sicherung solle der Betriebsrat zwei unbezahlten Überstunden pro Woche zustimmen und die tarifliche Sonderzahlung solle um 10% gekürzt werden. Der Betriebsrat stimmte dem zu.

Das Landesarbeits­gericht sah in der tarifwidrigen Betriebs­vereinbarung jedoch einen „objektiv erheblichen und offensichtlich schwerwiegenden Verstoß gegen die [im] Betriebs­verfassungs­gesetz geschützte betriebs­verfassungs­rechtliche Ordnung“. Die Richter stellten weiterhin klar, daß eine derartige Absprache auch nicht als Vereinbarung von Überstunden gerechtfertigt werden kann.

Unbezahlte Mehrarbeit sehe der Tarif nicht vor. Außerdem sei Mehrarbeit nur vorübergehend, nicht aber regelmäßig zulässig. „Vorübergehend“ beinhalte, daß es sich um einen Ausnahme­tatbestand handelt und daß in absehbarer Zeit zur Normal­arbeitszeit zurück­gekehrt wird.

Zur normalen Arbeitszeit wird auch immer mehr der Sonntag. Das neue Arbeitszeit­gesetz billigt den Arbeitgebern erheblich mehr Freiheiten in der Verteilung von Sonn- und Feiertags­arbeit zu. Doch muß dann ein Ausgleich in Form eines Ersatz­ruhetages geschaffen werden.

Besonders findige Brötchen­geber bieten den Samstag als Ruhetag an. Das Problem ist nur: Der Tag ist in der Regel ohnehin arbeitsfrei. Mit der rechtlichen Problematik beschäftigt sich die Zeitung Arbeitsrecht im Betrieb, ebenfalls aus der Bund-Verlag Gruppe.

Sie weist in ihrer aktuellen Ausgabe darauf hin, daß sich Arbeitnehmer dies nicht gefallen lassen müssen. Der Arbeitgeber sei verpflichtet, „Ausgleich“ im Sinne von „Ersatz“ zu schaffen.

Das bedeute konkret, daß der Ruhetag auf einen Werktag gelegt werden muß, an dem gearbeitet wird. Sollte sich der Arbeitgeber weigern, einen angemessenen Zeit­ausgleich zu schaffen, können die Mitarbeiter ihr Recht auf Freizeit auch mit Hilfe einer einstweiligen Verfügung durchsetzen.

Verjähren kann der Ersatz­ruhetag übrigens nicht. Grund­sätzlich gilt, daß der freie Tag Sonntags­arbeiterinnen innerhalb von zwei Wochen und Feiertags­arbeitern innerhalb von acht Wochen gewährt werden muß.

 


 

Schatzmeister

Freitag, 30. April 1999
 

Was unterscheidet eigentlich ein nicht­kommerzielles Lokalradio wie Radio Darmstadt von öffentlichen-rechtlichen Anstalten wie privaten Anbietern? Im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk und privaten Radio­stationen beschäftigen wir keine bezahlten Redakteurinnen und Redakteure.

Wo andere 24 Stunden am Tag ihre Teams zur Recherche und zur Aufnahme von Original­tönen losschicken können, sind wir darauf angewiesen, was unsere ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihrer Freizeit auf die Beine stellen können.

Wir sind also nicht immer da, wo etwas geschieht. Wir wären es gerne, aber gerade tagsüber sind die meisten von uns auf Arbeit oder studieren. Es macht einen Unterschied, ob eine Lokal­zeitung ihre immer verfügbaren freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat, die sie zu jeder Tages- und Nachtzeit losschicken kann; denn die „Freien“ sind auf jeden Job angewiesen.

Bei uns hingegen gibt es keinen Chef­redakteur, der seine Untergebenen irgendwo hinschicken kann, wo etwas passiert. Das wäre ja auch unsinnig. Unsere Radiomacherinnen und -macher machen das, was ihnen wichtig erscheint und was sie mit ihrer Freizeit vereinbaren können. Darum fallen auch manchmal die Lokal­nachrichten nachmittags um fünf vor sechs aus. Studium oder Arbeit gehen eben vor.

Wir wollen aber auch nicht das haben, wovon andere Medien leben: bei uns gibt es garantiert keine Werbung zu hören. Ohne Werbung zu senden, heißt aber auch, mit bescheidenen finanziellen Mitteln das Best­mögliche herauszuholen. Hier liegt aber auch unsere Chance und die wollen wir nutzen.

Wir machen uns nicht abhängig von den Wünschen unserer nicht vorhandenen Werbepartner. Bei uns müssen die Meldungen nicht im abgehackten anderthalb-Minuten-Stil durchgehechelt werden, worauf dann wieder ein seichtes Musikstück folgt. Bei uns können Nachrichten, Berichte und Informationen ruhig etwas länger sein. Das mag ungewohnt zu hören sein. So, wie jeder Radiowecker jeden Morgen anders ist.

Aber vielleicht ist ein nicht­kommerzielles Lokalradio auch das Medium, das gewohnte Hör­gewohnheiten wieder in Frage stellt. Wollen wir ein Medium, das Nachrichten inszeniert, wollen wir uns berieseln lassen oder wollen wir ein Radio, das vom Engagement seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lebt? Und für Engagement sind wir offen. Zu uns muß keine und niemand mit einer fertigen journalistischen Ausbildung kommen. Was nutzt die beste Ausbildung, wenn die Meldung nicht zum Nachdenken anregt, weil sie auf Konsum­gewohnheiten ausgerichtet ist?

Das, was wir noch nicht können, bringen wir uns selbst bei. Und gerade unsere Redaktionen Lokalpolitik und Lokal­nachrichten warten auf engagierte und fundierte Informationen aus dem Herzen dieser Stadt.

Werden Sie oder werde du Mitglied bei RadaR. Ich wäre ja nicht der Schatzmeister des Träger­vereins von Radio Darmstadt, wenn ich dies nicht euch als unseren Hörerinnen und Hörern nahelegen würde. Je mehr Mitglieder wir sind, desto eher können wir auf eigene Kräfte bauen. Und wir haben noch viel vor.

Übrigens: am kommenden Mittwoch findet unsere nächste Mitglieder­versammlung statt – eine Möglichkeit, die Menschen, die frau und man sonst nur als Stimme im Radio hören kann, einmal live zu erleben. Diese Mitglieder­versammlung ist öffentlich und sie beginnt um 19.00 Uhr in der Bessunger Knabenschule.

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Siehe hierzu auch die Dokumentation des Radioweckers im Jahr 2007.

»» [2]   Am 14. April 1999 beschossen NATO-Kampfjets einen Flüchtlingstreck im südlichen Kosovo und hinterlassen rund 75 Tote.

»» [3]   Am 12. April 1999 bombardierten NATO-Kampfjets einen Zug auf einer Brücke, hierbei sterben etwa 50 Menschen.

»» [4]   Am 8. April 1999 verwüstete eine NATO-Bombe ein Wohngebiet in Priština. Bei diesen drei Vorfällen handelt es sich nicht etwa um Kriegsverbrechen, sondern um „humanitäre Hilfe“.

 


 

Diese Seite wurde zuletzt am 8. Dezember 2008 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 1999, 2001, 2008. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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