Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– August 2004 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
01.08.2004Griechenland
08.08.2004Glas
15.08.2004Wiege der Zivilisation
22.08.2004Montagsdemonstration in Darmstadt
29.08.2004Franken
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2004.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
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Griechenland
01.08.2004 *** Wdh. 04.08.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

August 2004 – die Welt schaut auf Griechenland. In wenigen Tagen beginnen die Olmypischen Spiele. Bei soviel Brot und vor allem Spielen fragt keine und niemand mehr nach den fragwürdigen Hintergründen kapitalistischen Leistungssports. Doch Griechenland ist mehr als Athen. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte lenkt den Blick auf einige eher vernachlässigte Regionen des südosteuropäischen Urlaubslandes.

Beitrag Walter Kuhl

Man und frau sollte es sich gut überlegen. Mit dem Reiseführer Nord– und Mittel–Griechenland aus dem Michael Müller Verlag wird das Reisegepäck gleich ein ganzes Kilo schwerer. 640 Seiten geballte Informationen haben ihr Gewicht, sowohl in physikalischer als auch – was wohl wichtiger ist – in informativer Hinsicht. Denn wer mit Griechenland vor allem Athen, Kreta oder historischen Stätten auf der Peloponnes verbindet, wird hier auf die eher vernachlässigten Regionen stoßen. Denn von den zehneinhalb Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern des Landes lebt allein die Hälfte in Athen und Umgebung.

Viele Regionen sind natürlich längst auf den Tourismus ausgerichtet. Mehr als zwölf Millionen Menschen reisten 2002 nach Griechenland, mehr als die dort Menschen leben. Entsprechend ausgebaut ist die Infrastruktur, mit allen Schattenseiten kapitalistischer Marktwirtschaft. Dennoch soll es noch unberührte Buchten geben, vor allem in den Gegenden, die vom motorisierten Verkehr nur schwer erreichbar sind. Aber bis auch hier die ersten Hotels stehen, ist es nur eine Frage der Zeit. Nun bietet Griechenland neben den Badestränden und seinen mannigfaltigen Antiken auch Lokalkolorit und so manches Naturschutzgebiet.

Doch so richtig ruhig ist fast nirgendwo mehr. Peter Kanzler und Andreas Neumeier geben uns jedoch auf den 640 Seiten ihres Reiseführers zu Nord– und Mittel–Griechenland einen weitreichenden Überblick über all das, was sich anzuschauen lohnt. Daß wir hierzu die maßlosen Ausbaupläne der Flughafenbauer mit unterstützen müssen, sollten wir zumindest mit berücksichtigen.

Nord– und Mittelgriechenland – das sind

  • die Ionischen Inseln Korfu, Lefkás, Kefaloniá, Íthaka und Zákinthos am Ausläufer der Adria mit ihren Badestränden
  • das an Albanien angrenzende Festland Épirus mit seinen zerlüfteten Bergen und abenteuerlichen Wanderwegen
  • am entgegengesetzten Ende Thrakien mit seiner auch im Alltag sichtbaren türkischen Minderheit
  • daran angrenzend mit Makedonien die Heimat Alexanders des Großen und seiner heutigen Hauptstadt Thessaloniki, wo ja auch die Moderatorin unserer griechischsprachigen Sendungen bei Radio Darmstadt – Froutosalata und Parathiro me thäa – herstammt
  • weiter im Süden das Bergland Thessaliens mit den Metéora–Klöstern und dem Götterberg Olymp
  • daran anschließend das mittlere Griechenland zwischen Ionischem und Ägäischem Meer.

Ein kleiner Abstecher auf die Nördlichen Sporaden bringt dicht bewaldete und überaus grüne Inseln und – so heißt es – fantastische Strände zusammen. Da wohl auch in diesem Sommer kaum ein Weg an Athen und seinen Sehenswürdigkeiten vorbeigehen wird, haben die beiden Autoren noch eine Besichtigung Attikas eingeplant. Doch auch wer dieses Jahr weder Zeit noch Geld oder gar Lust hat, nach Griechenland zu reisen, findet auf den 640 Seiten des Reiseführers genügend Inspirationen. Der Reiseführer Nord– und Mittel–Griechenland von Peter Kanzler und Andreas Neumeier ist in der achten komplett überarbeiteten Auflage im Michael Müller Verlag erschienen und kostet 22 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), N.N. (Mittwoch)
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Glas
08.08.2004 *** Wdh. 10.08.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Glas ist nicht gleich Glas. Nur weil es sich um ein auf Sand beruhendes Produkt handelt, enthält es doch verschiedene Mischungskomponenten. Und dies hat Folgen, wie uns Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte anhand archäologischer Funde im folgenden Beitrag erläutern wird.

Beitrag Walter Kuhl

Wenn in Museumsvitrinen Glasgegenstände ausgestellt werden, so ist den einzelnen Stücken nicht unbedingt anzusehen, ob sie die Jahrhunderte oder gar Jahrtausende unbeschadet überstanden haben. Schätzungen haben jedoch ergeben, daß rund ein Fünftel der Ausstellungstücke deutliche Schäden aufweisen. Andere, noch empfindlichere Gläser sind womöglich nie gefunden worden, weil sie sich schon im Boden vollständig zersetzt haben. Denn die Beständigkeit des Glases hängt von seiner chemischen Zusammensetzung ab. Hierbei spielen die bei der Glasherstellung verwendeten Rohstoffe eine wichtige Rolle. So gesehen ist Glas nicht gleich Glas.

Glas wird stabiler, wenn es mehr Natriumoxid enthält, wie etwa spätrömische Gläser aus dem Rheinland. Dagegen wurde im Mittelalter eine kaliumreichere Mischung verwendet, wie etwa in Köln; und diese Gläser sind stärker gefährdet. Doch ganz so einfach ist es auch wieder nicht, denn historisches Glas kann aus bis zu 40 Komponenten bestehen, die sich gegenseitig beeinflussen können. Hinzu kommt die Bodenbeschaffenheit der Fundstelle. Hierbei spielt Feuchtigkeit eine wesentliche Rolle. Ägyptisches Glas überstand die Jahrtausende im Wüstensand fast unbeschadet, während Funde aus Stadtgräben oder Latrinen derart stark zersetzt sein können, daß darin kein intakter Glaskern mehr gefunden wird. Neben dem Wassergehalt kommt es jedoch auch auf den pH–Wert des Bodens an. Wie immer die Umgebung eines Glases aussieht – sie kann nicht nur Glas zersetzen, sondern auch die Oberfläche chemisch verändern. All dies macht den heutigen Restaurateurinnen und Restauratoren die Arbeit nicht unbedingt leichter.

Am Fraunhofer–Institut für Silicatforschung in Wertheim wurden daher systematische Untersuchungen durchgeführt, um die Reaktion antiken oder mittelalterlichen Glases zu simulieren und daraus wichtige Schlüsse für die archäologische Forschung zu gewinnen. Dabei zeigte sich, daß manche Gläser deutliche Verwitterungsschichten entwickelten, die im Boden relativ stabil sind, während andere Gläser nach und nach abplatzen. Daraus läßt sich folgern, daß manche ausgegrabenen Gläser besser in eine sichere Museumsumgebung gebracht werden sollten, während andere Gläser auch weiterhin im Boden verbleiben können. Eine weitere Erkenntnis war, daß sich Gläser aus einem feuchten Boden auf neue Umgebungsbedingungen einstellen. Diese Anpassung in den ersten Stunden nach der Bergung stellt bei stark verwitterten Gläsern die größte Gefahr dar, da sie beim Austrocknen bis zu einem Zehntel ihres Gewichts verlieren können. Woraus folgt: wenn die Bergung den Gläsern angepaßt wird, könnte so manche nachträgliche aufwendige Restaurierung überflüssig werden. Doch auch bei der Restaurierung werden neue Wege beschritten. Die Computertomografie eröffnet der Archäologie Möglichkeiten für die zerstörungsfreie Betrachtung der Funde.

So können durch diese relativ neue Technologie nicht nur Gläser schichtweise betrachtet werden, sondern auch alte Holzgegenstände genauer untersucht werden, ohne Schichten abzutragen oder Proben zu entnehmen. Beispielsweise konnten kürzlich Holzkunstwerke aus einer keltischen Viereckschanze ziemlich genau datiert werden, da die Jahresringe bei der Computertomografie deutlich sichtbar waren.

Diese neuen Erkenntnisse sind nachzulesen in Heft 4 der Zeitschrift Archäologie in Deutschland, die im Theiss Verlag erscheint. Weitere Themen des Heftes sind ein moabitisches Kultzentrum in der jordanischen Wüste, die Welt von Byzanz, sowie bronzezeitliche Felsbilder aus Schweden. Auch wenn der Schwerpunkt der Zeitschrift in der Landesarchäologie liegt, so wird immer wieder aufs Neue der Blick nach Außen geweitet. Das Heft 4 für Juli und August 2004 der Zeitschrift Archäologie in Deutschland ist im gut sortierten Buch– und Zeitschriftenhandel oder direkt beim Theiss Verlag in Stuttgart erhältlich. Es kostet 9 Euro 95.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Thomas Ziaja (Dienstag)
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Wiege der Zivilisation
15.08.2004 *** Wdh. 17.08.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Ein Land zu erobern, ist eine Sache, es auch zu beherrschen, eine andere. Diese Erfahrung macht gerade die US Army im Irak. Krieg und Terror durchzieht jedoch die jahrtausendealte Geschichte des Zweistromlandes an Euphrat und Tigris. Der Wissenschaftsjournalist Wolfgang Korn hat ein Buch über diese Wiege der Zivilisation geschrieben; Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat es gelesen.

Beitrag Walter Kuhl

Wenn die Eroberer nicht mehr weiter wissen, dann fordern sie die Bevölkerung zum Verlassen der Städte auf, um unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu morden und zu plündern. Auch wenn die Verteidiger der Stadt Nadschaf sicher nicht zu den emanzipatorischen Kräften auf dieser Erde gehören, so legitimiert dies nicht eine Politik der verbrannten Erde. Doch Krieg und Zerstörung sind eine Konstante in der Geschichte Mesopotamiens. Womöglich zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit siedelten hier vor etwa 10.000 Jahren Menschen in Städten und etablierten hierbei eine patriarchale Klassengesellschaft.

Die rund 6.000 Jahre Geschichte – [und] rechnen wir die [...] Phase des Sesshaftwerdens hinzu, sind es sogar rund 11.000 Jahre – erweisen sich als Kampf um das ständig bedrohte Gleichgewicht zwischen Schöpfung und Zerstörung, Fruchtbarkeit und Ödnis, Kultur und Krieg, Erinnern und Vergessen, [Seite 10]

schreibt der Wissenschaftsjournalist Wolfgang Korn in seinem Mesopotamien–Buch aus dem Theiss Verlag. Jahrhundertelang waren die alten Kulturen der Sumerer, Assyrer und Babylonier unter Wüstensand und Lehmhügeln verborgen und dem Vergessen anheimgegeben, bis im 19. Jahrhundert einige kunstsammelnde Abenteurer anfingen zu graben, um die Schätze der Vergangenheit außer Landes zu bringen. Der Archäologie ging der Kunstraub voran und Raub gehört bis heute zum Geschäft.

Vor etwa elftausend Jahren begann das, was wir vielleicht etwas voreilig als Neolithische Revolution bezeichnen. Die nomadisierenden Menschen wurden langsam seßhaft und begannen, unterstützt durch den Klimawandel nach der letzten Eiszeit, Gras in Getreide zu verwandeln, Gemüse anzupflanzen und Wildtiere zu domestizieren. Doch wenn die archäologischen Befunde stimmen, dann waren die Bäuerinnen und Bauern schlechter ernährt und kleinwüchsiger als die Sammlerinnen und Jäger ihrer Umgebung. Was hat sie daher dazu veranlaßt, diesen beschwerlichen Weg der Seßhaftwerdung weiterzugehen? Wahrscheinlich war es eine schnell wachsende Bevölkerung, die den damals im Norden Mesopotamiens siedelnden Menschen gar nichts anderes übrig ließ, als sich eine gesicherte Nahrungsversorgung zuzulegen. Doch mit zunehmender Bevölkerung ging die Aufteilung von Besitz einher, Dörfer gerieten aneinander, Wasserrechte wurden zu einem wichtigen Konfliktpunkt. Dennoch dauerte es mehrere Jahrtausende, bis dieser Prozeß soweit fortgeschritten war, daß sich erste Stadtstaaten etablierten und Eigentum und Reichtum in schriftlicher Form dokumentiert werden mußten. Die Keilschrift entstand als Folge der Klassenbildung.

Wolfgang Korn beschreibt die wechselvolle Geschichte des Zweistromlandes, mit ihren Konflikten und kulturellen Fortschritten. Während sich Ende des 3. Jahrtausends die Könige von Akkad großspurig als Könige der Vier Weltgegenden bezeichneten, geriet das Zweistromland im 6. Jahrhundert erstmals unter Fremdherrschaft und wurde Teil eines größeren, des Perserreiches. Doch die Eroberer kamen und gingen, und selbst heute sind die Menschen des Zweistromlandes weder frei noch bestimmen sie selbst über die Ressourcen ihres Landes. Wolfgang Korn gelingt es hierbei, die Geschichte der Jahrtausende anschaulich nachzuvollziehen. Ein informatives, die Jahrtausende überspannendes Buch also, das durchaus zu empfehlen wäre, wenn nicht zwei Ärgernisse das Lesevergnügen und das Verständnis trüben würden.

Zum einen teile ich die Weltsicht des Autors nicht, der im Prozeß der Zivilisierung des Menschen gleichzeitig die Grundlagen für sein konfliktorientiertes und aggressives Handeln sieht. Die mesopotamischen Jenseitsvorstellungen seien nihilistisch gewesen; Fatalismus und Angst habe Diesseits- wie Jenseitsvorstellungen geprägt. Der Mensch wurde als Spielball göttlicher Launen begriffen. Als tragisches Grundmotiv sei dieses Weltbild durch die griechische, römische und islamische Zeit weitergewandert und äußere sich heute in der westeuropäischen Kultur als Risikomentalität. Wir ignorieren demnach die bedrohliche Welt in der Hoffnung, sie treffe uns nicht. Und handeln deswegen umso verantwortungsloser. Doch dieser Kulturpessimismus scheint mir weder für die altorientalischen Gesellschaften zuzutreffen, noch für unsere heutige kapitalistische Leistungsgesellschaft. Es ist einfach ein Fehlschluß, mit der organisierten Verantwortungslosigkeit neoliberaler Ausbeutung unsere Vorgeschichte begreifen zu wollen. Nein – die einzige Gemeinsamkeit zwischen Damals und Heute besteht darin, daß es sich um patriarchale Klassengesellschaften handelt. Davon handelt das Buch jedoch bestenfalls ganz am Rande. Dafür transportiert Wolfgang Korn in seinem Buch mehr Ideologie, als ihm bewußt sein dürfte.

Das zweite Ärgernis läßt sich am besten mit dem Spruch Namen sind Schall und Rauch beschreiben. Es kann kein Zufall sein, wenn ausgerechnet bei Eigennamen und wissenschaftlichen Fachbegriffen der Wissenschaftsjournalist Wolfgang Korn so manchen Bock schießt. Nun mag es nicht weiter tragisch sein, wenn derselbe Königsname einmal (richtig) Murschili [Seite 102] und zweimal (falsch) Marschili [Seite 94 und 98] heißt, so als käme es darauf gar nicht an. Oder eine nordmesopotamische Stadt einmal Urkisch [Seite 100] und direkt daneben auch Urkesch [Seite 101]. Auch ist mir keine römische Provinz Daria [Seite 133, sie heißt Dacia] bekannt und ein Kaiser, der zum Sklaven geworden ist, schon gar nicht. Bei Wolfgang Korn heißt der wohlbekannte Kaiser Septimius Severus, der zu Beginn des 3. Jahrhunderts regiert hat, einfach Servus [Seite 137, also Sklave]. Wenn der Autor dann auch noch in gutgemeinter Absicht, aber diesmal tatsächlich fälschlich erklärt, die Staatsgrenzen im Nahen Osten seien unter Mißachtung ethnischer Belange anfangs des 20. Jahrhunderts mit dem Lineal entlang der Längen– und Breitengrade gezogen worden [Seite 13], dann hat er einfach Unrecht. Die einzige so gezogene Grenze ist einige wenige Kilometer lang und trennt Kuwait von Saudi–Arabien, wie ein Blick in den Atlas zeigt.

Auf Seite 12 schreibt der Autor, die Perser hätten Mesopotamien im Jahr 609 eingenommen. Dabei waren es die Meder und Babylonier, die gemeinsam zwischen 614 und 605 das Assyrerreich zerstörten. Die Perser zogen erst 539 in Babylon ein, was der Autor auf Seite 125 auch richtig schreibt. Meder, Perser, Schall und Rauch ...

Der Rundbau heißt der Tholos und nicht der Tholoi, was die griechische Pluralform ist [Seite 49]. Stratigrafie kommt von stratum [Singular], nicht von der Pluralform strata [Seite 64]. Auf der Übersichtskarte auf Seite 92 ist die am Euphrat gelegene Stadt Mari an den Tigris, Assur gegenüber, verdoppelt worden [anstelle von Kar Tikulti Ninurta].

Über die weit verbreitete Unsitte, Namen aus anderen Kulturkreisen beliebig und gleichzeitig in einer deutschen und englischen Transkription wiederzugeben, kann ich nur den Kopf schütteln. Aber offensichtlich wird bei den Leserinnen und Lesern das Wissen um die richtige Aussprache vorausgesetzt. Wenn sich die jeweiligen Autorinnen und Autoren wenigstens mit sich selbst auf eine Art der Wiedergabe einigen würden ... [Murschili, Shulgi, Karaindash, Scharrukin; Chulagu Chan, Khorsabad; aber auch: Hattuschili direkt neben Hattusa].

Der Hethiterkönig Muwattalli hat die Hauptstadt nach Tarchuntassa, nicht nach Tarduntscha verlegt [Seite 106]. Spätestens hier habe ich mich gefragt, ob der Autor so manchen Text eingescannt hat und die OCR–Software an der Verhunzung der Namen maßgeblich beteiligt war.

Fazit: ein Wissenschaftsjournalist sollte auch wissenschaftlich arbeiten und sich seiner Quellen vergewissern, ehe er aus dem Kopf heraus Dinge in die Welt setzt, die einfach nachprüfbar ... falsch sind. Doch abgesehen davon: Das mit seinen 120 Bildern auch optisch ansprechende Buch von Wolfgang Korn heißt Mesopotamien – Wiege der Zivilisation. Es ist im Theiss Verlag erschienen und kostet 29 Euro 90 [ab 2005 € 36,00].

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Thomas Ziaja (Dienstag)
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Montagsdemonstration in Darmstadt
22.08.2004 *** Wdh. 23.08.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Haben Sie Montagabend (heute abend) schon etwas vor? Nein? Das ist gut. Oder doch? Aber da läßt sich vielleicht doch noch etwas einrichten? Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat nämlich einen politisch aktuellen Veranstaltungshinweis.

Beitrag Walter Kuhl

Die Montagsdemonstrationen im Osten Deutschlands sind einigen Damen und Herren in Berlin auf den Magen geschlagen. Hatten sie sich doch gedacht, es sei ganz einfach, einem politisch immer abstinenter werdenden Wahlvolk eine reichtumsmehrende Reformagenda unterzujubeln. Mit Peter Hartz und Bert Rürup, Angela Merkel und Gerhard Schröder, und ihren grünen und gelben Anhängseln, steht eine ganze Combo bereit, arbeitsteilig, aber unbeirrt, den gesellschaftlichen Reichtum in die richtige Richtung zu lenken.

So wie alle Macht vom Volke ausgeht und auf Nimmerwiedersehen verschwindet, wird uns das Geld aus der Tasche gezogen, um es denen zu geben, die noch nie genug davon haben konnten.

  • Die Studentinnen und Studenten dürfen sich mit Studiengebühren herumplagen.
  • Die Renten werden besteuert. Unsere Minister und Aufsichtsräte kriegen fette Pensionen.
  • Die Krankenversicherungen werden zu Lasten und auf Kosten derer saniert, welche ein effizientes und kostengünstiges Gesundheitswesen am allerdringendsten benötigen würden.
  • Walter Hoffmann zahlt die Praxisgebühr aus seiner Portokasse, du auch?
  • Massenentlassungen bereiten die darauf folgenden Billiglohnjobs vor. Wir alle arbeiten doch gerne wie Wolfgang Clement für den einen oder zweiten Euro die Stunde, oder?
  • Acht Millionen Minijobs in diesem Land sprechen eine deutliche Sprache. Gleichzeitig werden die Arbeitszeiten verlängert und Löhne und Urlaub gekürzt.
  • Armut ist und bleibt weiblich; das schöne Gerede vom Gender Mainstreaming erweist sich als scheinheiliger Schein. Logisch, daß dann auch die Frauenhäuser dichtmachen werden. Silke Lautenschläger und erst recht Roland Koch benötigt ja auch keines für sich selbst.

Bislang wurde immer ein Teil der Bevölkerung gegen einen anderen ausgespielt, Neid und Ressentiments wurden gezielt genutzt und geschürt. Damit diejenigen, die von all diesen Maßnahmen profitieren, ungeschoren davonkommen. Entsolidarisierung ist angesagt. Immer schön auf Kosten Anderer sich durchs Leben schlagen. Das lernen wir ja schon in der Schule und vor allen Dingen im richtigen Leben – also im Kino.

Und jetzt kommt mit Hartz IV der vorläufig, nur vorläufig!, letzte Angriff aus den Chefetagen der Banken, Konzerne und Ministerien. Arbeitslose zu schikanieren scheint in einer Gesellschaft, die sich durch Arbeit definiert, auch leicht durchzusetzen. Die Montagsdemonstrationen, die im Osten Deutschlands begonnen haben, könnten jedoch einen anderen Weg weisen. Zumutungen werden nicht mehr hingenommen. Aus Protest kann und sollte Widerstand erwachsen.

In Darmstadt gibt es seit Mitte der vergangenen Woche ein sogenanntes Bündnis gegen Hartz IV und Agenda 2010. Dieses Bündnis ruft nicht nur Arbeitslose und Sozialhilfeempfängerinnen, sondern alle Menschen, welche die Zumutungen aus Berlin, Wiesbaden und München ablehnen, dazu auf, sich ab sofort montags um 18 Uhr auf dem Luisenplatz zu treffen und gemeinsam gegen Hartz IV, Agenda 2010 und natürlich auch die Operation Sichere Zukunft zu demonstrieren. Der DGB–Stadtverband wirkt im Bündnis mit und ruft daher alle Gewerkschaftsmitglieder ausdrücklich dazu auf, sich an den Protesten und an den Montagsdemonstrationen zu beteiligen.

Klar – Demonstrationen allein werden nicht ausreichen. Es ist an der Zeit, durch vielfältige, kreative, überraschende und wirksame Aktionen Sand zu streuen, aufzuklären, Bewußtsein zu vermitteln und erfolgreich Gegenwehr zu praktizieren. Fangen wir an: jeden Montag, 18 Uhr, Luisenplatz. Etwas besseres als Hartz IV finden wir allemal.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu. Mehr hierzu in den Kapital – Verbrechen am Montagnachmittag um 17 Uhr.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Sascha Simon (Montag)
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Franken
29.08.2004 *** Wdh. 31.08.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Edel und Frei – so lautet der Titel einer Ausstellung über das mittelalterliche Franken im Pfalzmuseum in Forchheim. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte hat den Begleitband zur Ausstellung gelesen und kann uns daher mehr zu dieser Ausstellung sagen.

Beitrag Walter Kuhl

Wer an Franken denkt, meint den nördlichen Teil des Freistaates Bayern. Dabei ist diese geografische und politische Eingrenzung auf drei Regierungsbezirke historisch gesehen alles andere als selbstverständlich. Im Mittelalter verstand man und frau unter dem Begriff "Franken" sowohl den Stamm der Franken als auch eine Region, aber durchaus auch das Frankenreich selbst oder zumindest dessen östlichen Teil nach den Reichsteilungen im 9. Jahrhundert.

Die deutschen Kaiser und Könige des 10. bis 13. Jahrhunderts bauten das zunächst am Rande des Ostreiches befindliche Franken zu einer Kernlandschaft des Reiches aus. Schon zuvor war Würzburg das Zentrum christlicher Missionarstätigkeit, wenn es auch so scheint, als wäre es hierbei vorrangig um das Seelenheil der Adligen gegangen. Neben Würzburg wurde 1007 Bamberg gegründet und seit dem 13. Jahrhundert expandierte die im Spätmittelalter wichtigste fränkische Stadt Nürnberg. Zu diesem Zeitpunkt begann sich Franken in verschiedene Herrschaften mit allen zugehörigen Kriegsgreueln zu zersplittern.

Edel und Frei – Franken im Mittelalter verweist nicht nur auf die noch bis zum 24. Oktober in Forchheim zu besichtigende Ausstellung über rund 1000 Jahre fränkischer Geschichte, sondern auch darauf, wessen Geschichte hier vor allem präsentiert wird. Denn die Edlen und die Freien sind die herrschende, die besitzende Klasse. Nun mag es sicher auch an der schriftlichen Überlieferung und am Fundmaterial liegen, daß vor allem diese Geschichte präsentiert wird, aber bei der Betrachtung der Ausstellung oder des bei Theiss erschienenen Begleitbandes sollten wir uns dieser Einseitigkeit bewußt sein.

Dennoch finden sich hier spannende, aber auch erschreckende Erkenntnisse. Fast schon amüsant sind die Intrigen der Reichen und Mächtigen zu nennen. So, wenn beispielsweise die reichsunmittelbaren Städte vom Kaiser öfter mal verpfändet wurden und sich selbst aus der Verschuldung ihres Oberhauptes herauskaufen mußten, wollten sie nicht Untertanen benachbarter Grafen oder Herzöge werden.

Aber wer hätte schon gedacht, daß um 1200 schon mit Schnellkochtöpfen gekocht wurde? Allerdings gab es hierbei keine Gummiringe zur Abdichtung, statt dessen wurde durch einen schweren aufliegenden Deckel das Entweichen des Wasserdampfs verhindert. In Forchheim wird ein solches Exemplar aus einem jüdischen Haushalt gezeigt.

Das Verhältnis der fränkischen Städte zu ihren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ist von einer besonderen Hinterhältigkeit gekennzeichnet. Aber wahrscheinlich waren die Fränkinnen und Franken des Mittelalters nicht wesentlich grausamer als in anderen Gegenden des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Auch nach dem Ende der Kreuzzugsbewegung fand die Christenheit genügend Vorwände, um unliebsame Konkurrenten umzubringen, deren Besitz einzukassieren oder die Opfer ihres Handels auszuplündern. Ende des 13. Jahrhunderts wurden allein in Rothenburg, Würzburg und Nürnberg rund 2000 Jüdinnen und Juden ermordet. Der eigentliche Schutzherr der jüdischen Gemeinden, Mitte des 14. Jahrhunderts war dies Karl IV., hatte keine Bedenken, seine jüdischen Untertanen der Habgier ihrer christlichen Konkurrenten auszuliefern. Mit verschiedenen Städten schloß er sogar Verträge ab, die den Mördern im voraus Straffreiheit gewährte – gegen ein saftiges Handgeld natürlich. Nach erfolgter Tat wurden die jüdischen Viertel eingeebnet und der Weg für ein lukratives Städtebauprogramm freigemacht. An der Stelle von Synagogen entstanden Marien– und Frauenkirchen. Doch auch später waren Enteignungen und Erpressungsversuche normales Geschäftsgebaren.

Wie Karl Marx richtig gesagt hat: der Kapitalismus entstand aus Mord und Betrug. Diese Lebensader zieht sich bis heute durch.

Die Landesausstellung Edel und Frei – Franken im Mittelalter hat noch bis zum 24. Oktober im Pfalzmuseum in Forchheim geöffnet. Das informative und trotz der Begrenzung auf die herrschende Klasse erhellende Begleitbuch zur Ausstellung ist bei Theiss erschienen und kostet 24 Euro 90 [ab 2005: € 29,90].

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann oder Teodora Katzenmayer (Sonntag) oder Anne–Katrin Berg oder Sandra Storch (Dienstag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 21. Februar 2005 aktualisiert.
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