Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– Dezember 2004 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
05.12.2004Pfeil und Bogen
12.12.2004Frohes Fest
19.12.2004Sprudelnde Geschäfte
19.12.2004Eine Rolltreppe als Ärgernis
26.12.2004Weihnachtsansprache
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2004.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
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Pfeil und Bogen
05.12.2004 *** Wdh. 07.12.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Einen wichtigen Beitrag zur Zivilisationsgeschichte leistete der Pfeil, der vom Bogen abgeschossen sich als vorzügliches Mordwerkzeug herausstellte. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte über den zivilisatorischen Fortschritt, der schon am Ende der Steinzeit begann.

Beitrag Walter Kuhl

Wahrscheinlich mit dem Ende der Steinzeit entwickelten die damaligen Menschen eine Waffe, welche sowohl die Nahrungsmittelbeschaffung erleichterte als auch der Regulierung von Nachbarschaftskonflikten diente. Die ältesten Bogenfunde aus dem 8. und 7. Jahrtausend, sowie die mit 12.000 Jahren noch älteren Pfeilfunde lassen darauf schließen, daß die Waffe schon länger im Gebrauch war. Die Waffe erscheint schon derart perfekt und ausgereift, daß dies kaum als Ausgangspunkt einer waffentechnologischen Entwicklung angesehen werden kann. Einzelne zierliche Pfeilspitzfunde gehen sogar weitere 4–8.000 Jahre zurück.

In Europa waren von der späten Altsteinzeit bis ins Mittelalter mannslange, meist 140 bis 190 Zentimeter große, einteilige Holzbögen im Gebrauch. Schon die frühesten Bögen zeigten technische Details, die einen präzisen und weiten Flug der verwendeten Pfeile ermöglichten. Die Bögen wurden so gebaut, daß sie stabil und bruchsicher verwendet werden konnten. Im Nachbau wurden Abschußgeschwindigkeiten von 170 Kilometern pro Stunde und eine Reichweite von bis zu 160 Metern gemessen. Dabei dürfte die reale Schußweite bei 25 Metern gelegen haben; aber auch weitere Schüsse konnten tödlich enden. Es wurden auch früh spezielle Pfeile mit Widerhakendornen oder stumpfe Pfeile verwendet. Letztere töteten kleinere Tiere durch ihre Schockwirkung, verletzten jedoch nicht die Haut und ermöglichten so die optimale Nutzung von Pelzen und Federn. Die Tatsache, daß auch in Ötzis linker Schulter eine tief eingedrungene Pfeilspitze entdeckt wurde, zeigt, daß schon vor fünfeinhalbtausend Jahren soziale Probleme mit männlicher Logik ausgetragen worden sind. Allerdings wäre es falsch anzunehmen, daß dieses zivilisatorische Erbe aus irgendwelchen aggressiven Genen herzuleiten sei.

Die Verwendung von Pfeil und Bogen ist eine Kulturtechnik; und das Ausdemwegräumen des Gegners stellt einen wichtigen zivilisatorischen Fortschritt auf dem Weg von der Savanne in die Betonstädte dar. Funde aus dem Ende der Eiszeit zeigen zudem, daß die mit dem Bogen verbundene Kulturtechnik des Menschenjagens sich schon früh auch gegen Frauen und Kleinkinder richtete. Es sind einzelne Fälle spätaltsteinzeitlicher Grabstätten bekannt, die ziemlich sicher als in die Knochen geschossene Pfeilspitzen interpretiert werden können.

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Archäologie in Deutschland faßt den diesbezüglichen Forschungsstand zusammen und gibt Hinweise darauf, wie diese Waffen mit den damaligen Mitteln recht einfach gebaut werden konnten. Daß das Bogenschießen heute ein beliebter Sport ist, bei dem auch Nachbauten alter Waffen zum Einsatz kommen, zeigt nur, daß die Gedankenlosigkeit gesellschaftlicher Normalzustand ist. Zwar werden echte Tiere durch lebensechte Attrappen ersetzt und das Töten von nachgebildeten Menschen wird unterlassen, aber der Grundgedanke der freien Schußbahn wird ungehemmt ausgelebt. Etwas hilflos erscheint hier die Bemerkung des Autors Christian Schürmann, wenn er fragt, ob die Verwendung dreidimensionaler, bis ins Detail originalgetreu gestalteter Tierkörper als Zielobjekte nicht zwangsläufig eine geistige Verrohung mit sich bringe. Doch er geht über die wohl nur der Beruhigung des Gewissens geschuldete Frage hinweg, ohne sie zu beantworten. Sie ist jedoch falsch gestellt. Es ist die schon vorhandene Verrohung, die sich hierbei austobt. Sieht man und frau von dieser doch unbefriedigenden Einlassung des Autors ab, so erhalten wir einen ersten brauchbaren Einblick in die frühe Welt der Pfeil– und Bogenschützen.

Weitere Beiträge in der Novemberausgabe der alle zwei Monate erscheinenden Zeitschrift Archäologie in Deutschland befassen sich mit steinzeitlichem Schamanismus, archäologischen Rettungsmaßnahmen im Sudan, der Himmelsscheibe von Nebra, sowie einer Flötenausstellung im Stuttgarter Württembergischen Landesmuseum. Die Zeitschrift Archäologie in Deutschland ist im gutsortierten Buch– und Zeitschriftenhandel oder direkt beim Theiss Verlag in Stuttgart zu beziehen. Das Einzelheft kostet 9 Euro 95; das Abo mit einem jährlichen archäologischen Sonderheft kostet 59 Euro 85.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Thomas Ziaja (Dienstag)
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Frohes Fest
12.12.2004 *** Wdh. 14.12.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Bald ist es wieder vorbei – das Fest der Liebe. Gekaufter Liebe. Schnell noch müssen die wichtigsten Geschäfte des Jahres gemacht werden. Doch es will keine rechte Freude aufkommen. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte erklärt uns, warum.

Beitrag Walter Kuhl

Es weihnachtet sehr. Doch es ist nicht der verloren gegangene Glaube an den Weihnachtsmann, der dazu führt, dass die Deutschen ihrer staatsbürgerlichen Pflicht, das Weihnachtsgeschäft anzukurbeln, nicht mehr so recht nachkommen wollen. Sofort eilen die willfährigen Wirtschaftspropheten und Sozialwissenschaftlerinnen herbei, um dieses konjunkturabträgliche Phänomen zu erklären. Die Zukunftsängste seien Schuld. Dabei belege doch das Statistische Bundesamt jeden Monat aufs Neue, dass die deutsche Wirtschaft absolut konkurrenzfähig sei. Kein Grund also zur Zurückhaltung? Unsere Wirtschaftsweisen würden dies gerne so sehen, denn ihr Job ist es, den Deutschen ihre Ängste auszureden.

Dabei ist es wahrlich absurd. Auf Seite 3 des Darmstädter Echo vom Samstag [11.12.2004] verkündet der gut dotierte Wirtschaftsprofessor Bert Rürup, dass die Globalisierung Arbeitsplätze in diesem Land schaffe. Zugleich lesen wir auf der Titelseite derselben Ausgabe, dass bei Opel die Lichter so langsam ausgehen. Ist dies Ausdruck einer ganz anderen Globalisierung oder leidet Rürup unter Halluzinationen? Nun – der Herr Professor hat schon recht. Es entstehen immer wieder neue Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich und vor allem im Dumpinglohnsektor. Diese neuen Jobs sind in der Tat Resultat dieser weltweiten Globalisierungspolitik. Daß dieselbe Globalisierung Arbeitslosigkeit, Armut und Pessimismus hervorbringt, das kümmert den Herrn Professor nicht. Das muß so sein; und sein Problem ist es ja wahrlich nicht. Außerdem ist es ja auch genauso gewollt.

Bei den Abfindungen, die bei Opel vereinbart worden sind, werden Zahlen von bis zu 200.000 Euro genannt. Nicht schlecht, denkt man und frau sich. Nur – es werden die wenigsten sein, welche derart hohe Abfindungen erhalten; die meisten werden einmal ein bisschen geschmiert, um anschließend angeschmiert zu sein. Während der Herr Professor Rürup auch in Zukunft ganz gewiß jedes Jahr eine solch fette Abfindung mit nach Hause bringen darf, können die Opelaner im Anschluß an ihren finanziell leidlich gepolsterten Rausschmiß froh sein, wenn sie noch Arbeitslosengeld II oder gar den einen Euro für ihren neuen Job erhalten. Abfindungen werden ja angerechnet. Rürup hat also leicht reden.

So richtig absurd wird es, wenn er den zu erwartenden Anstieg der Arbeitslosenzahlen als statistisches Problem begreift. Sagt er doch dreist, dass die Umstellung der Sozialhilfe auf das neue Arbeitslosengeld II eine bislang versteckte Arbeitslosigkeit offen zutage treten lasse. Ist das dann wirklich ein statistisches Problem? Oder ist es nicht so, dass mit der bislang versteckten Arbeitslosigkeit die Statistiken geschönt worden sind? Und noch toller wird es, wenn wir immer noch in derselben Ausgabe des Darmstädter Echo vom Samstag erfahren, dass viel mehr Menschen als erwartet mit den segensreich sprudelnden Quellen von Hartz IV versorgt werden. Anders gesagt: die mit diesem Namen verbundene Arbeitsmarktreform wirkt nicht so richtig, weil viel weniger Menschen als geplant ins finanzielle Nichts abgeschoben werden konnten. Mit 17% der Arbeitslosen im Westen und einem Drittel im Osten hatte man und frau gerechnet. Das bringt ja die schönsten Kalkulationen durcheinander! Wir ahnen es schon: die nächste Arbeitsmarktreform wird nicht lange auf sich warten lassen. Außerdem geben die ausgefüllten Fragebögen genügend Stoff für weitere Plündertouren her.

Jetzt frage ich mich nur: warum hat unser hoffnungsvoller Oberbürgermeisterkandidat, der all diese Segnungen in Berlin offensiv mitgetragen hat, den Darmstädterinnen und Darmstädtern nicht empfohlen, noch einmal so richtig die Sau rauszulassen? Denn es ist doch so: im Jahr 2005 wird Hartz IV – das Wort des Jahres – zur bitteren Wirklichkeit. Wer noch ein bisschen Vermögen mit sich herumträgt, wird gnadenlos zur Ader gelassen, während Walter Hoffmann und Bert Rürup in ihren warmen Sesseln sitzen ... und frohlocken.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Beatrice Kadel (Dienstag)
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Sprudelnde Geschäfte
19.12.2004 *** Wdh. 21.12.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Ist jeder Gang zur Apotheke ein Politikum? Die Pharma–Kampagne der Bundeskoordination Internationalismus stellt hiermit eine Frage, welche uns über den Zusammenhang zwischen Gesundheitsversorgung und der Pharmaindustrie nachdenken läßt. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte stellt uns hierzu die Broschüre Sprudelnde Geschäfte über deutsche Medikamente in der 3. Welt vor.

Beitrag Walter Kuhl

Der Gang zur Apotheke sollte ein Politikum sein. Denn nicht alles, wo "gesund" draufsteht, ist auch gesund. Wenn wir uns kurz klarmachen, daß das Geschäft der Pharmaindustrie nicht etwa die Herstellung von Gesundheit, sondern der Verkauf von Produkten ist, dann sollte uns auch bewußt sein, daß es hier um Geld und nicht um Wirkung geht. Eine soeben erschienene Broschüre der BUKO Pharma–Kampagne mit dem Titel Sprudelnde Geschäfte belegt, daß Gesundheit und Geschäft sich nicht unbedingt vereinbaren lassen.

Eine Untersuchung in 46 Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas zeigt, daß 39 Prozent der dort angebotenen deutschen Präparate schlichtweg unsinnig, überflüssig oder gar gefährlich sind. Ihre Anbieter heißen Bayer, Boehringer Ingelheim, Merck, undsoweiter. Unsinnige Mixturen werden als Stärkungssäfte und Appetitanreger angepriesen und kosten entsprechend. Es werden weiterhin Arzneimittel angeboten, die hierzulande wegen ihrer Risiken längst vom Markt verschwunden sind.

Zudem besteht ein Zusammenhang zwischen Mangel und Reichtum: Während die Pharmaindustrie mit überflüssigen und gefährlichen Präparaten gut verdient, fehlt es an lebenswichtigen und kostengünstigen Medikamenten gegen Tuberkolose, Malaria oder die Schlafkrankheit. In den Ländern des Nordens werden Forschungsgelder in immer neue Produkte gesteckt, die uns schöner, fitter oder schlanker machen sollen, während die Hungerleider der 3. Welt kein Geld bringen – also wird in deren Gesundheit auch nicht investiert.

Die Firma Merck aus Darmstadt wirbt damit, daß ihr die soziale Verantwortung und das gesellschaftliche Engagement wichtig sind. So kann es also geschehen, daß Merck gerade hier in der Region im kulturellen Bereich fördernd tätig ist, während beispielsweise in Pakistan das gefährliche Schmerzmittel Dolo–neurobion 1.000 vertrieben wird:

Das Medikament enthält eine Kombination aus dem Wirkstoff Metamizol, B–Vitaminen und Procain. Der Beitrag der Vitamine zur Schmerztherapie ist dabei rätselhaft. Der Wirkstoff Metamizol kann lebensgefährliche Blutbildveränderungen und Schocks hervorrufen. Metamizol–Kombinationspräparate sind in Deutschland seit 1987 wegen schwerwiegender Nebenwirkungen verboten. Monopräparate unterliegen strengen Beschränkungen. Metamizol ist in vielen Ländern ganz verboten. [Seite 6]

Statt Merck könnte ich auch Aventis, Bayer, Degussa, Boehringer Ingelheim oder Schering nennen – die Liste ist unvollständig. Die Möglichkeiten, sinnlose Medikamente auf den Markt zu bringen, scheinen unerschöpflich zu sein. Besonders viele irrationale Kombinationen finden sich bei Vitamin– und Aufbaupräparaten. In Deutschland werden seit 1991 Kombinationen von mehr als drei Wirkstoffen in einem Medikament als unsinnig angesehen und entsprechend von den Krankenkassen nicht mehr bezahlt. Die Wechselwirkungen eines solchen Medi–Cocktails sind einfach nicht vorauszusehen. Das hindert die Firma Degussa/Asta Medica in Pakistan nicht, einen solchen Cocktail mit sage und schreibe 30 verschiedenen Wirkstoffen anzubieten.

Beliebt sind auch Phantasieindikationen. Ein Mittel gegen Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Streß, Konzentrationsschwäche oder Vergeßlichkeit bietet beispielsweise Boehringer Ingelheim an. Pharmaton biete Lebensenergie an, so heißt es auf der zugehörigen Website. Laut Weltgesundheitsorganisation gibt es jedoch keinen sinnvollen Anwendungsbereich für derartige Präparate. Die genannten Symptome entstammen gerade in Ländern der 3. Welt den dortigen Lebensbedingungen. Mangelernährung läßt sich aber nicht mit Vitamin– und Mineralmischungen ausgleichen. Doch ahnungslosen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen, ist immer ein guter Grund zur Produktion und Vermarktung derart fragwürdiger Produkte.

So darf es uns nicht wundern, wenn Malariamittel gegen Grippe angeboten werden oder getrocknete Hoden für den modernen Mann. Auch an Kinder wird gedacht: Halluzinationen, Verhaltensstörungen oder Krampfanfälle werden billigend in Kauf genommen. Dabei gibt es zu jedem dieser angebotenen Präparate unbedenkliche Alternativen, falls sie überhaupt notwendig sind. Aber auf die Gesundheit kommt es eben nicht an. Ist das nur ein Problem der 3. Welt? Sicher nicht, wenn die Produzenten aus Deutschland kommen. Hinzu kommt, daß jedes vierte fragwürdige Mittel vom selben Hersteller auch hierzulande angeboten wird. Gerade deshalb ist der Gang zur Apotheke immer auch ein Politikum.

Die Pharma–Kampagne der Bundeskoordination Internationalismus hat hierzu die Broschüre Sprudelnde Geschäfte: Deutsche Medikamente in der 3. Welt herausgebracht. Auf zwanzig gut verständlichen und mit aussagekräftigen Beispielen versehenen Seiten wird gezeigt, daß das Geschäft mit der Gesundheit alles andere als gesund ist. Die fünf Euro kostende Broschüre ist im Buchhandel erhältlich oder direkt bei der BUKO Pharma–Kampagne in Bielefeld.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Beatrice Kadel (Dienstag)
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Eine Rolltreppe als Ärgernis
19.12.2004 *** Wdh. 22.12.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Eine Rolltreppe, die nicht rollt, stellte uns Alexandra Welsch am vergangenen Donnerstag im Darmstädter Echo vor. Dieser Artikel inspirierte Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte zu folgendem Beitrag:

Beitrag Walter Kuhl

Eine Rolltreppe am Kleinschmidtsteg führt zum Übergang über die vielbefahrene Holzstraße. Das Ärgernis, das auch der Stadt bekannt ist, besteht darin, daß diese Rolltreppe immer wieder über den Notschalter abgeschaltet wird. Deshalb schauen Angestellte des EAD, des Straßenverkehrsamts und der Polizei mehrmals täglich vorbei und schalten bei Bedarf die Rolltreppe wieder an. Ist es dann nicht gleich besser, die Rolltreppe abzureißen, wenn sie ohnehin sinnlos ist?

Nun – vielleicht liegt das erste Ärgernis darin, daß Darmstadt im Bemühen, eine autogerechte Stadt zu bauen, einst beschlossen hatte, den Fußgängerinnen und Fußgängern den Übergang über die Holzstraße zu verleiden. Eine Rolltreppe ist sicher besser als eine Wendeltreppe, auch wenn ein Metallungetüm im Freien nicht gerade ein Muster an Unfallfreiheit ist. Doch zeigt sich hier, daß an die Autos gedacht wird, während die zu Fuß Gehenden im Zweifelsfall vor einem Wunderwerk der Technik stehen, das nicht funktioniert.

Und warum funktioniert es nicht? Nun, so wird uns versichert, an der Technik liegt es nicht. Es seien in der Regel Jugendliche, die immer wieder den Notausschalter betätigen würden und sich einen Spaß auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger machten. Ist dem so? Gibt es hierzu ernstzunehmende Beweise? Ja, mehr noch – haben wir nicht ausgerechnet am Kleinschmidtsteg Videokameras stehen, um die Junkies davon abzuhalten, sich zuzudröhnen, womit zwar nicht das Drogenproblem gelöst, aber immerhin verdrängt werden kann? Und was zeigen die Videoaufnahmen? Zeigen sie etwa ... nichts, weil im Bemühen, das Gesindel aus der Stadt fernzuhalten, mal wieder nicht richtig zu Ende gedacht worden ist?

Nehmen wir ohne jede Grundlage einmal an, es sei tatsächlich so, daß Jugendliche mit sich und ihrer Energie nichts Besseres anzufangen wissen, als auf ein Knöpfchen zu drücken und die tolle Technik abzuschalten. Was sagt uns das? Also, mir sagt das, daß sich die Jugend dieser Stadt um kein Deut besser verhält als der Rest der Gesellschaft auch.

Lernen die Kinder dieser Stadt etwa nicht, daß es zur Wahrung der eigenen Chancen besser ist, zu belügen und zu betrügen? Denen zu nehmen, die eh nichts haben, um denen zu geben, die noch immer nicht genug haben? Rücksichtslos und ignorant zu sein, um ans Ziel zu kommen? Gedankenlos mit der Gesundheit anderer Menschen umzuspringen oder die natürlichen und gesellschaftlichen Ressourcen zum eigenen Vorteil auszubeuten?

All dies lernen wir von Kindesbeinen an. Entsolidarisierung auf allen Ebenen. Was kümmern uns also Menschen, die auf eine Rolltreppe angewiesen sind? Wer zu Hartz IV schweigt, sollte auch hier die Klappe halten. Eine Gesellschaft bekommt die Jugend, die sie verdient und die sie sich herangezüchtet hat.

Was also tun? Die Rolltreppe abreißen und statt dessen einen High–Tech–Aufzug einbauen? Das mag sicher eine konjunkturfördernde Baumaßnahme sein. Oder stellt die Stadt ab Januar für einen Euro die Stunde einen Arbeitslosen ab, der nichts anderes zu tun hat, als eine Rolltreppe zu bewachen? All dies löst sicherlich das Problem nicht. Das Problem sind ja auch nicht die Rolltreppe oder die angeblichen marodierenden Jugendlichen. Das Problem ist eine Gesellschaft, deren Werte nur monetär meßbar sind. Aber wir werfen ja gerne den ersten Stein und ereifern uns über die bösen Anderen. Und wir? Wo verhalten wir uns denn anders?

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt. Demnächst nachzulesen im Internet unter www.wkradiowecker.de.vu.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Joachim Ates (Mittwoch)
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Weihnachtsansprache
26.12.2004 *** Wdh. 28.12.2004 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Zur Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten am Samstagabend gibt es bei Radio Darmstadt die Weihnachtsansprache von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte:

Beitrag Walter Kuhl

Zu einem richtigen deutschen Weihnachtsfest gehört die Ansprache des Bundespräsidenten. Warme Worte findet er in kalten Zeiten – und dies ist durchaus metaphorisch gemeint. Denn so ein Bundespräsident ist ein ernsthafter Job. Zwar verfügt er über keinerlei reale politische Macht, aber er springt dann ein, wenn die Politik der jeweiligen Regierung ein Legitimationsproblem hat.

Horst Köhler, so heißt ja der Nachfolger des Predigers Johannes Rau, ist ein Geschäftsmann. Seine Karriere führte ihn zum Olymp neoliberalen Handelns – nämlich in den Chefsessel des Internationalen Währungsfonds. Selbiger ist seit Jahrzehnten maßgeblich daran beteiligt, das Elend dieser Welt mit den obskuren Wunderkuren der freien Marktwirtschaft zu verewigen. Die Wahl der CDU auf Köhler als ihren Mann ist damit verbunden, daß Köhler selbst ein begeisterter Anhänger der Agenda 2010 wäre, würde sie in ihrer knallharten Konsequenz auch wirklich durchgeführt. Die Eiseskälte zieht also auch ins Schloß Bellevue ein; und wie sich das in einem kapitalistischen Märchen gehört, wird aus Kälte Wärme und aus einem knallharten Manager ein wachsweicher Weihnachtsprinz.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
meine Frau und ich wünschen Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Wir haben uns sehr auf Weihnachten gefreut. Die Familie kommt zusammen, wir gehen in die Kirche, dann singen und essen wir gemeinsam, und die Kinder, längst erwachsen, sind immer noch gespannt auf die Bescherung. Zu bereden gibt es genug nach allem, was dieses Jahr gebracht hat.
Hoffentlich können auch Sie ein paar Tage der Ruhe und Besinnung erleben!

Nun ja – nachdem wir bis zur Besinnungslosigkeit die Konjunktur mit sinnvollen und sinnlosen Weihnachtsgeschenken angekurbelt haben, in der Hoffnung, daß die erkaufte Wärme uns guttun möge, da scheint es schon angebracht zu sein, zur Besinnung zu kommen. Allerdings fragt es sich, ob uns die Neoliberalen von Köhler bis Schröder, von Koch bis Hoffmann die nötigen Atempausen lassen.

Horst Köhler ist vielgereister Mann. Er besucht die Manager der globalen Abzocke genauso wie deren Opfer im fernen Äthiopien. Und so kommt es zum besinnungslosen Aneinanderreihen seltsam weihnachtlicher Phrasen.

Ich habe Firmenchefs getroffen, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sie Arbeitsplätze in Deutschland erhalten können. – Vor einigen Tagen bin ich aus Afrika zurückgekehrt. Den meisten Menschen dort geht es wirklich schlecht. Viele hungern Tag für Tag. Besonders die Not der Kinder ist groß. Doch wissen Sie was? Mitten im Elend habe ich auch viel Kraft, Mut und Lebensfreude gespürt.
Ich soll sie übrigens von Fatuma grüßen, einer Frau aus dem äthiopischen Hochland. Sie hat mich gebeten: "Sagen Sie den Deutschen, wie dankbar wir sind!"

Zynismus zu Weihnachten, na – paßt ja. Besonders pikant wird es, wenn wir erfahren, daß ein Land, das Jahre des Bürgerkriegs, des Hungers und der Dürre erlebt hat, vom Internationalen Währungsfonds im Stich gelassen worden ist. Die Logik war folgende: Ein Land, das auf internationale Hilfslieferungen angewiesen ist, muß eine falsche Wirtschaftspolitik betreiben. Warum das so ist, kümmert die Banker in New York und Washington nicht die Bohne. Müssen wir da nicht glücklich sein, daß unsere tolle Bundesregierung Äthiopien seine Schulden erlassen hat? Oder ist es eher so, daß Horst Köhler propagandistisch ausnutzen durfte, daß Äthiopien sowieso nie zahlungsfähig gewesen wäre? Was für ein Almosen! Schulden zu erlassen, die ohnehin wertlos sind. Aber das bringt ein gutes Gewissen und ein frohes Fest.

Die von Horst Köhler geforderte und geförderte Konsequenz in der Durchsetzung neoliberaler Wertkriterien macht natürlich auch bei uns nicht Halt. Ein–Euro–Jobs werden das nächste Jahr wie Pilze aus der Erde sprießen und ehrenamtliche Tätigkeiten kaschieren oftmals ohnehin nur notdürftig die Warenlogik des Kapitals. Gesellschaftlich notwendige Arbeit, die keinen Profit bringt, soll von denen erbracht werden, die zuvor auf die Straße geworfen wurden. Horst Köhler formuliert das natürlich ein bißchen weihnachtlicher:

Dank schulden wir auch denen, die hier zu Hause an den Feiertagen arbeiten. Die einen kümmern sich um die Kranken oder retten Unfallopfer. Andere sorgen dafür, dass auch über Weihnachten der Alltag klappt. Für uns ist das alles oft selbstverständlich. Der Polizist, die Krankenschwester, der Busfahrer – gerade heute sollten wir an die denken, die für uns Dienst tun. Dankbarkeit haben auch alle verdient, die sich freiwillig und ehrenamtlich, zu Hause und in aller Welt für ihre Mitmenschen einsetzen.

Ja – das soll es geben: Menschen, die sich dafür aufopfern, denen beizustehen, denen die Gesinnungsgenossinnen und Mitstreiter unseres Präsidenten tief in die Tasche gegriffen haben. Die einen schaffen soziales Elend, die anderen lindern, so gut sie können. Was für eine brutale, furchtbare Logik! Von den Grünen haben wir ja gelernt, nicht so sehr auf materielle Dinge zu schauen. Unser Bundespräsident geht hier mit gutem Beispiel voran. Er spendet Trost, der ihn nichts kostet:

Meine Frau und ich wünschen Ihnen frohe Festtage, und alles Gute und Gottes Segen für das kommende Jahr!

Fromme Wünsche machen nicht satt, schon gar nicht in Äthiopien. Aber wer in einem Schloß residiert, sieht die Welt ganz sicher mit ganz anderen leuchtenden Augen. Und freut sich auf die Bescherung der Manager, die sich immer noch fragen, was sie uns noch so alles zumuten können, um dadurch ihre Profite und die Arbeitsplätze derjenigen retten zu können, die dann auf der weihnachtlich gewärmten Straße sitzen – und frieren.

Abmoderation

Eine Weihnachtsansprache von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte. Die schauerlichen Originaltöne entnahmen wir der Videofassung der Ansprache des Bundespräsidenten. Dieser Beitrag wird in den nächsten Tagen auf der Homepage www.wkradiowecker.de.vu nachzulesen sein.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Sonya Raissi (Dienstag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 21. Februar 2005 aktualisiert.
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