Beiträge für den Radiowecker

von Radio Darmstadt

– Februar 2002 –

 

Radiowecker–Redaktion von Radio Darmstadt
 
04.02.2002Theiss Archäologie–Preis
10.02.2002Statistiken
11.02.2002Stimmlos in Call Centern
18.02.2002Neues aus Freiberg
24.02.2002Irrtümer
25.02.2002Geschichte Portugals
 
 
Seit November 1998 liefere ich auch kleinere redaktionelle Beiträge für den Radiowecker von Radio Darmstadt. Diese Beiträge fasse ich monatsweise zusammen und stelle sie dann auf einer eigenen Seite ins Internet. Eine komplette Übersicht auf alle Beiträge seit 1998 gibt es auf meiner Radiowecker–Startseite. Zudem gibt es eine inhaltliche Übersicht auf alle Beiträge des Jahres 2002.
Meine Radiowecker–Startseite kann auch mit http://www.wkradiowecker.de.vu aufgerufen werden.
 
 
URL dieser Seite : http://www.waltpolitik.powerbone.de/rawe/rw_feb02.htm
 
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Theiss Archäologie–Preis
04.02.2002 *** Wdh. 17.02.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Radio Darmstadt stellt regelmäßig Bücher und Zeitschriften aus dem Konrad Theiss Verlag zu Geschichte und Archäologie vor. Doch heute ist es umgekehrt: die Hörerinnen und Hörer von Radio Darmstadt sind aufgerufen, selbst einen Beitrag zu verfassen, der vom Konrad Theiss Verlag prämiert wird. Ein Beitrag von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Der in Stuttgart ansässige Konrad Theiss Verlag schreibt dieses Jahr erstmals einen eigenen Archäologiepreis aus. Nach Ansicht des Verlages gibt es zwar eine Menge verschiedenartigster Kulturpreise, aber gerade die Archäologie ist hierbei eindeutig zu kurz gekommen. Mit dem neugeschaffenen Theiss Archäologie–Preis sollen hervorragende journalistische Beiträge auf dem Gebiet der Archäologie ausgezeichnet werden.

Der Preis richtet sich an deutsche und ausländische Autorinnen und Autoren, besonders an Journalistinnen, Archäologen oder Studierende der Archäologie. Es können sowohl Einzelpersonen als auch Personengruppen an dem hiermit verbundenen Wettbewerb teilnehmen.

Bis zum 30. Juni [2002] können Texte in deutscher Sprache eingereicht werden, deren Länge etwa 10 Schreibmaschinenseiten nicht überschreitet. Das Thema ist frei wählbar, allerdings dürfen die Texte nicht fiktiv sein; das gewählte Thema sollte den Charakter einer Neuigkeit haben.

Wenn wir berücksichtigen, daß Archäologie zeitlich betrachtet nicht auf prähistorische oder frühgeschichtliche Funde beschränkt ist, sondern als Montan– oder Industriearchäologie durchaus auch bis ins 19. Jahrhundert reichen kann, steht den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein weites Themenfeld zur Verfügung.

Die neue Auszeichnung ist mit insgesamt 4000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre in drei Kategorien an deutsche und internationale Autorinnen und Autoren verliehen. Der Hauptpreis in Höhe von 2000 Euro kann auch für bereits publizierte Arbeiten verliehen werden, die Förderpreise sind für noch nicht veröffentlichte Beiträge vorgesehen. Ein Sonderpreis wird für einzelne Bilder oder Bildserien zu einem archäologischen Thema verliehen.

Über die Vergabe des Preises entscheidet mehrheitlich eine Jury aus sieben Personen: je ein Vertreter des Konrad Theiss Verlages, der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt, der Redaktion der Zeitschrift Archäologie in Deutschland, des Verbandes der Landesarchäologen, sowie des Deutschen Archäologischen Instituts. Dazu kommen zwei Journalistinnen bzw. Journalisten.

Bewertet werden die eingereichten Beiträge anhand der Aktualität des Themas, der fundierten Recherche und der wissenschaftlichen Zuverlässigkeit der darin getroffenen Aussagen. Bewertet wird jedoch auch, wie verständlich und anschaulich die Beiträge abgefaßt sind, sowie deren Sprache und Stil. Das Auswahlverfahren findet im Herbst dieses Jahres statt.

Die genauen Teilnahmebedingungen sind im Internet unter www.theiss.de abrufbar oder direkt beim Konrad Theiss Verlag in Stuttgart. Sie sind auch in der aktuellen Ausgabe von Archäologie in Deutschland nachzulesen.

An Geschichte und Archäologie interessierte Hörerinnen und Hörer von Radio Darmstadt können an diesem Wettbewerb also genauso teilnehmen wie Studierende der TU Darmstadt. In Darmstadt und Umgebung gibt es sicher so einiges zu entdecken und davon auch zu berichten.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Dirk Beutel (Montag), Katharina Mann (Sonntag)
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Statistiken
10.02.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Doch den Statistiken ist erst recht nicht zu trauen, die extra gemacht werden, um Stimmung zu machen gegen Arbeitslose – aber auch gegen die, die noch Arbeit haben. Ein Beitrag von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Bernhard Jagoda, der Präsident der nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, soll schon seit 1998 von statistischen Manipulationen der Arbeitslosenzahlen gewußt haben. Doch für Eingeweihte ist das alles ohnehin nichts Neues. Denn was macht ein Arbeitsloser, der Wochenendseminare für Bildungsträger anbieten kann? Er meldet sich am Freitag ab, kassiert seine Tantiemen für die Referententätigkeit und meldet sich am Montag wieder an, völlig legal und völlig korrekt. Für seinen Arbeitsamtsvermittler ist die Sachlage dann auch klar. Für jedes dieser Wochenenden wird eine Vermittlungstätigkeit in die Statistik eingetragen. Ein solcher Fall – und es ist kein Einzelfall – ist mir schon aus den 80er Jahren bekannt.

Doch worüber reden wir eigentlich? Die offizielle Arbeitslosenstatistik vermeldet rund 4,3 Millionen arbeitslose Männer und Frauen. Doch die tatsächliche Zahl liegt weitaus höher. Denn in der Statistik tauchen nur die Arbeitssuchenden auf. Hausfrauen etwa, die auf 630–Mark–Basis arbeiten müssen, obwohl sie gerne auch teilzeit arbeiten würden, bekämen sie denn eine Stelle, haben es längst aufgegeben, sich arbeitslos zu melden. Als arbeitssuchend gelten auch nicht Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Weiterbildungsmaßnahmen oder dem allseits beliebten, weil sinnlosen, aber dafür nervtötenden Bewerbungstraining, und auch nicht Beschäftigte in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Die geschätzte Zahl der tatsächlich Arbeitslosen liegt nicht bei 4,3 Millionen, sondern bei etwa sechs bis sieben Millionen.

Wer als arbeitslos gezählt wird, ist also willkürlich; und folgerichtig gelten in jedem EU–Land andere Kriterien. Arbeitsminister Walter Riester wollte deshalb vor einiger Zeit konsequenterweise die Zahl der ausgewiesenen Arbeitslosen um diejenigen vermindern, die ohnehin keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Also – jede dieser Statistiken ist gefälscht, ohne daß dies einen kollektiven Aufschrei erzeugt hätte.

Also, worum geht es dann tatsächlich? Der Bundesrechnungshof hat nun für interessierte Stellen die Begründung geliefert, althergebrachte Strukturen zu zerschlagen, um das Arbeitsamt darauf auszurichten, das Lohndumping und den Billiglohnsektor zu fördern. Freie Stellen gibt es ja kaum; und auch Edmund Stoiber wird mit seinem Lohndumping–Programm keine neuen aus dem Hut zaubern. Wo es keine Stellen gibt, gibt es eben keine.

Nein – die vorhandenen Stellen sollen von relativ gut bezahlten und tarifgebundenen Jobs in den Niedriglohnbereich überführt werden. Und hier kann das Arbeitsamt helfen, indem die schon vorhandenen Arbeitslosen als Druckmittel genommen werden. Vorhandene Stellen werden abgebaut, die alsbald durch Zeitarbeitsfirmen oder Outsourcing mit zum Teil denselben, aber dafür schlechter bezahlten und nicht tariflich abgesicherten Arbeitskräften gefüllt werden. Das ist letztlich auch der Sinn des Job AqtivGesetzes, mit dem Arbeitslose ganz freiwillig (bei Strafe einer Sperrzeit, falls sie nicht freiwillig mitziehen) einen Vertrag abschließen, mit dem sie sich verpflichten, das Lohndumping durch ihren ganz persönlichen Einsatz mitzutragen.

Was lernen wir daraus? Es gibt keine Statistik an sich, sondern nur Statistiken mit politischer Zielsetzung. So gesehen auch am Freitag im ZDF–Politbarometer. Die Forschungsgruppe Wahlen stellte die Frage, wie die Forderung der IG Metall nach 6,5% Lohnerhöhung gesehen wird. 55% aller Befragten fanden dies zu hoch, 37% hielten die Forderung für angemessen. Bei Gewerkschaftsmitgliedern waren 48% dagegen und 49% dafür. Kommentar der Forschungsgruppe Wahlen:

Die Mehrheit der Befragten hält die Forderung der IG Metall für zu hoch. Selbst bei den Gewerkschaftsmitgliedern ein begrenzter Rückhalt.

Also, wenn knapp die Hälfte der Gewerkschaftsmitglieder die Forderung unterstützt, dann finde ich das eine gewagte These. Interessanter wäre allerdings zu erfahren, wie die Frage tatsächlich lautete. Ganz neutral – etwa: Finden Sie 6,5% zu hoch? Oder vielleicht als Suggestivfrage:

Angesichts von über 4 Millionen Arbeitslosen und einer drohenden Wirtschaftskrise: wie finden Sie die Forderung nach 6,5% mehr Lohn?

Doch ganz bestimmt lautete die Frage nicht so, wie sie lauten müßte:

In den letzten zehn Jahren ist ein deutlicher Reallohnverlust zu verzeichnen gewesen. Immer mehr Menschen leben in Armut und müssen trotz Beschäftigung Sozialhilfe beziehen. Während und aufgrund dessen explodierten die Gewinne vieler Unternehmen. Finden Sie angesichts dessen die Forderung nach 6,5% mehr Lohn legitim?

Ich wette, daß bei einer solchen Fragestellung weit mehr als die Hälfte der Befragten noch wesentlich mehr Kohle gefordert hätten.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag)
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Stimmlos in Call Centern
11.02.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Call Center boomen, aber die Arbeitsbelastung ist extrem. Ökonomisches Sprechen soll den mit der Arbeit verbundenen Erkrankungen vorbeugen. Ein Beitrag von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Call Center erleben seit den neunziger Jahren einen Boom. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden zum Teil händeringend und mitunter auch mit Flugblättern in Fußballstadien gesucht. Doch die so genannten Call–Center–Agents leiden nicht selten schon nach kurzer Zeit unter Stimmerkrankungen und werden manchmal gar zu Dauergästen bei Stimmtherapeutinnen und in logopädischen Praxen.

Das Forschungsprojekt Pasecco hat sich nun den Stimmstörungen bei Sprechberuflern gewidmet. Darüber berichtet die Zeitschrift Computer–Fachwissen aus dem gewerkschaftlichen Bund–Verlag in ihrer Januar–Ausgabe. Bis zu 250 Gespräche führen Call–Center–Agents pro Schicht. Dabei sollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stets freundlich oder seriös klingen, was dazu verführt, unnatürlich hoch oder tief zu sprechen. Beides belastet die Stimme unnötig. Dieses seltsame Phänomen ist übrigens auch, aber nicht nur, auf diesem Sender zu hören.

Auch Stress beispielsweise durch das Mitschneiden der Telefonate fördert Erkrankungen. Basierend auf den Forschungsergebnissen wurden jetzt Seminare entwickelt, die den Call–Center–Agents die Stimme erhalten sollen. Zwei Tage lang trainieren die Telefonistinnen und Telefonisten das ökonomische Sprechen. Neben Atemübungen lernen sie ihre natürliche Stimme kennen und bekommen das dialogische Prinzip erklärt, das Stress in der Kommunikation abbaut. Zudem lernen sie Krankheits–Symptome und Vorbeugungsmaßnahmen kennen.

Nach dem Seminar werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vier Wochen lang beim Anwenden der Übungen in der Arbeitspraxis betreut – per Computer oder am Telefon. Ziel ist es, den Sprechberuflern die Zusammenhänge von Stimm– und Atemgebung, Körperhaltung und Gesprächszuwendung auf Dauer bewusst zu machen. Die Schulungen sollten jedoch von der Lockerung des Arbeitsablaufs begleitet sein. Den Agents sollte zum Beispiel ein selbstbestimmtes Atemholen nach anstrengenden Gesprächen erlaubt sein.

Auch äußere Faktoren haben Einfluss auf die Stimme. So können schon die Erhöhung der Luftfeuchtigkeit, die Senkung des Geräuschpegels und eine richtige Abstimmung von Tisch, Sitzhöhe und Monitor Stimmerkrankungen verhindern helfen.

Nachzulesen in der Januarausgabe der Fachzeitschrift Computer–Fachwissen für Betriebs– und Personalräte und im Internet unter www.pasecco.de.

Das alles ist richtig und sinnvoll. Es sollte jedoch grundsätzlich davon begleitet werden, daß die in Call Center Beschäftigten sich einen Betriebsrat wählen, der zusammen mit der zuständigen Gewerkschaft diese Mindeststandards auch durchsetzt. Manche Call Center lassen ihren Beschäftigten Luft zum Leben; für die meisten gilt dies leider nicht. Hier hilft nur Organisierung, um die eigenen Rechte auch durchzusetzen.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Dirk Beutel (Montag)
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Neues aus Freiberg
18.02.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Wenn wir dem Darmstädter Echo Glauben schenken dürfen, dann entwickelt sich Darmstadts Schwesterstadt Freiberg in Sachsen prächtig in Richtung mitteleuropäischer Konsummetropole. Doch alternative Quellen trüben dieses Jubelbild. Ein Beitrag von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Vor kurzem berichtete das Echo über eine Freiberger Familie, die im Oktober Drillinge in die Welt gesetzt hatte. So etwas hat natürlich finanzielle Folgen und so kündigte Freibergs Oberbürgermeisterin Uta Rensch an, daß die Stadt diese kinderreiche Familie unterstützen werde, sowohl finanziell als auch beispielsweise bei der Suche nach einer ausreichend großen und dennoch preisgünstigen Wohnung.

Der Familie sei's gegönnt – doch fällt auf diese so wunderschöne Neujahrsgeschichte des Echos ein Schatten des Schweigens. Zumindest schweigt das Echo. Eine der Schattenseiten Freibergs ist nämlich in der Chemnitzer Straße zu finden – im Asylbewerberheim.

Im Juli 2001 besuchten mehrere PDS–Landtagsabgeordnete sächsische Asylbewerberheime und waren schockiert. Dabei haben sie doch nur das vorgefunden, was einst unser Ordnungsbürgermeister Horst Knechtel als deutsches Gastrecht bezeichnet hat. Freibergs alternative Zeitung – der FreibÄrger – berichtete in seiner Februarausgabe folgendes:

Man glaubt, es bei der sozialen Gruppe Asylbewerber mit Menschen von besonders hartem Holz zu tun zu haben. Menschen, die auf gesetzlich vorgeschriebenen ganzen vier Quadratmetern leben können. Menschen, die es ertragen können, keine Privatsphäre zu besitzen. Menschen, die es nicht stört, mit 160 anderen tagtäglich auf engstem Raum auf die Nacht zu warten, weil ihnen eine andere Freizeitmöglichkeit fast nicht möglich ist. Glücklich besonders jene, die Kinder haben und sie nicht in den Kindergarten schicken können, meint die Untere Eingliederungsbehörde, die alle im Landkreis Freiberg verteilten Asylbewerber verwaltet.

Nun ja, das kennen wir auch aus dem Westen. Auch die zynischen Begründungen, mit denen deutsche Behörden ihr Gastrecht definieren:

Uns ist es lieber, wenn diese Kinder bei ihren Eltern bleiben, denn mit der Betreuung ihrer Kinder haben sie eine Beschäftigung.

Ob es den Kindern gut tut, wenn sie unter zusammengepferchten Menschen leben und sich entwickeln müssen – Menschen, denen als Beschäftigungstherapie nur das Drangsalieren ihrer Kleinen bleibt? Aber es paßt natürlich zu einem gastfreundlichen Land, das anerkanntermaßen kinderfeindlich ist, außer vielleicht, wenn es um deutsche Drillinge geht.

Schülerinnen und Schüler des Freiberger Bernhard–Cotta–Gymnasiums wollten sich selbst überzeugen und zur Dokumentation eine Kamera mitnehmen. Doch Landrat Uhlig verweigerte den Jugendlichen den Zugang mit der Begründung, eine objektive Bewertung sei diesen Schülerinnen und Schülern nicht möglich und es bestehe ein erhöhtes Risiko einer Fehlinterpretation.

Wie wahr! Eine objektive Bewertung deutschen Gastrechts ist nur einem sächsischem Landrat möglich, denn er ist ja mitverantwortlich für die Zustände in einem Heim, in dem sich Duschen in einem Keller befinden, der auch im Winter nur über einen Hof zu erreichen ist. Kochmöglichkeiten und sanitäre Anlagen sind völlig unzulänglich und die Betreuung der so gastlich Aufgenommenen faktisch nicht vorhanden. Und so fragt der FreibÄrger, aber nicht das Darmstädter Echo:

Ist es verwunderlich, wenn diese Tristesse des Alltags und die miserablen Zustände im Heim zu psychischen Zusammenbrüchen führen? Ist das vielleicht Sinn und Zweck dieser Asylpolitik?

Meine Antwort lautet: Ja! Und das ist ganz gewiß keine Fehlinterpretation.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Dirk Beutel (Montag)
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Irrtümer
24.02.2002 *** Wdh. 26.02.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Smalltalk ist ein beliebtes Gesellschaftsspiel. Darin blühen Vorurteile und Halbwahrheiten richtig auf. Damit aufzuräumen, haben sich Karin Hertzer und Christine Wolfrum zur Aufgabe gemacht. Ein Beitrag von Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte.

Beitrag Walter Kuhl

Was denken Männer über Frauen, was Frauen über Männer? Karin Hertzer und Christine Wolfrum sind diesen und anderen Fragen in ihrem Lexikon der Irrtümer über Männer und Frauen nachgegangen. Manches mag überraschen, etwa daß Frauen ähnlich aggressiv Auto fahren wie Männer, nur fahren sie meist langsamer und damit in den Folgen ungefährlicher.

Obwohl – wenn ich an meine halsstarrige ehemalige Vermieterin denke, die meinte, beim Rechtsabbiegen im Recht zu sein, und deshalb gnadenlos einen ihr entgegenkommenden Radfahrer umnietete – dann können auch Frauen mitunter ganz schön gefährlich sein. Aber das sind Ausnahmen. Gewalttäter sind eben doch zu über 90% Männer.

Wer also über das Verhältnis der Geschlechter redet, sollte nicht die Ausnahmen, sondern die Regel betrachten. Statistisches Material, das – wie bei jeder Statistik – mit Vorsicht zu genießen ist, bietet das Lexikon zuhauf. Zum Beispiel:

Was haben Männer im Kopf, wenn sie an ihre Traumfrau denken? Nicht viel. 85% stehen auf Sinnlichkeit Marke Schmollmund und vertrauen ansonsten ihrem sexistischen Blick. Treue finden 90% am wichtigsten – bei Frauen natürlich, denn wie in allen patriarchalen Gesellschaften nehmen sich Männer das Recht, über möglichst viele Frauen zu verfügen.

Zuverlässigkeit und Zärtlichkeit für die gebeutelte männliche Seele sind auch noch wichtige Kriterien. Intelligenz und Willensstärke hingegen gelten als überflüssige weibliche Attribute. 77% der befragten Männer einer wissenschaftlichen Untersuchung suchen ganz offensichtlich gezielt nach dummen Tussies [Seite 398]; und noch dümmer ist es, wenn Frauen sich diesem Trend anpassen, obwohl sie durchschnittlich gesehen klüger sind als die meisten Männer ihrer Umgebung.

Doch wenn Karin Hertzer und Christine Wolfrum auch noch den postmodernen evolutionsbiologistischen Schwachsinn verbreiten, daß Männer sich die Frauen mit den besten Genen aussuchen, wird das Ganze peinlich. Diese Sorte Ausrede für tief sitzende patriarchale Macht– und Gewaltphantasien sollte in einem Lexikon der Irrtümer über Männer und Frauen keinen Platz finden. Dies zeigt jedoch, daß die beiden Autorinnen das Geschlechterverhältnis nicht so klar begriffen haben, wie sie es durchaus aufklärerisch zu verbreiten suchen.

Vielleicht ist eines der ohrmuschelfälligsten Indizien der männliche Humor. Sicher, viele unserer modernen jungen und angeblich selbstbewußten Frauen tun so, als mache ihnen der Sexismus unserer Gesellschaft mitsamt dessen, was Männer für witzig halten, nichts aus.

Doch wie Männer wirklich über Frauen denken, zeigen uns – nicht nur – ihre dümmlichen Blondinenwitze. Warum mindestens 3/4 von ihnen keine klugen Frauen schätzen, zeigt sich an folgendem Blondinenwitz: Warum sind Blondinenwitze eigentlich so schlicht? Die Antwort: Damit auch Männer sie verstehen. [Seite 434]

Insofern stellt sich dann doch die Frage, für wen das Lexikon der Irrtümer über Männer und Frauen zusammengestellt wurde. Männer sind ja meist nur an ihrer eigenen Profilneurose und an der Selbstdarstellung ihrer Macht und Herrlichkeit interessiert. Und das ist gewiß kein Irrtum, wie die beiden Autorinnen Karin Hertzer und Christine Wolfrum immer wieder aufzeigen können.

Vielleicht werden die 440 Seiten auch deshalb mit vielen Intimitäten über Sexualverhalten, Paarungsrituale, Liebe und Leidenschaft gefüllt, damit sich doch noch ein paar Männer angesprochen fühlen – ob's sie's denn bringen. Vielleicht hilft es ja, mehr über Vorurteile, Mißverständnisse und Halbwahrheiten zu wissen. Das Lexikon der Irrtümer über Männer und Frauen ist im Eichborn Verlag erschienen und kostet 22 Euro 90.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Katharina Mann (Sonntag), Holger Coutandin (Dienstag)
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Geschichte Portugals
25.02.2002 Nächster Beitrag

 
Anmoderation

Portugal ist ein geachtetes Mitglied der zivilisierten Welt. Wenig jedoch wissen wir über die Ursprünge des Landes und die Methoden der Eroberung und Verwaltung eines ehemaligen Weltreichs. Walter Kuhl aus der Redaktion Alltag und Geschichte gibt uns im folgenden Beitrag Einblicke in die Geschichte des Landes.

Beitrag Walter Kuhl

Mit der deutschen Ausgabe des Klassikers von Antonio Henrique de Oliveira Marques, des wohl bedeutendsten portugiesischen Historikers unserer Tage, liegt die erste zuverlässige Gesamtdarstellung der Geschichte Portugals vor.

Oliveira Marques zeichnet in der eigens für die deutsche Ausgabe aktualisierten Fassung seines Werkes die Geschichte des Landes von den Anfängen einer Grafschaft im Norden des heutigen Portugal bis in die heutige Zeit nach. Darin enthalten sind auch die Kriege gegen die moslemischen Königreiche auf der iberischen Halbinsel und die Geschichte der portugiesischen Entdeckungsfahrten, sowie der Zerfall des einstigen Weltreichs.

Oliveira Marques nimmt es mit den Fakten genau. So räumt er gründlich mit Mythen und ideologischen Verklärungen auf. Er zeigt beispielsweise, daß das Zeitalter der Entdeckungen des 15. und 16. Jahrhunderts weniger dem Wissensdrang entsprang als vielmehr der Gier nach Gold und Reichtum. Daß auch die portugiesischen Conquistadoren über Leichen gingen, wird daher nicht verschwiegen. Insbesondere die mythenhaft besetzte Figur von Heinrich dem Seefahrer wird gründlich demontiert.

Die Entdeckungsreisen an der afrikanischen Atlantikküste, die Heinrich – auf portugiesisch: Henrique – anregte und unterstützte, dienten vor allem dem Ziel, ihm den nötigen Reichtum für seine Eroberungsfeldzüge im heutigen Marokko zu verschaffen. Es gab dafür nur ein Mittel und daher auch nur ein Ziel: die Suche nach Gold. Und es gab einen klar definierten Preis: das Leben all derer, die ihm dabei im Weg standen.

Insofern wurden hier dieselben Grundlagen europäischen Expansionsdrangs und des damit verbundenen Kolonialismus gelegt wie in Spanien, Frankreich oder England. Sklavenfang und Sklavenhandel gehören daher selbstverständlich zu den Grundlagen auch der portugiesischen Zivilisation.

Doch auch das 20. Jahrhundert wird angemessen dargestellt. Oliveira Marques erklärt das Wesen des portugiesischen Faschismus, des Estado Novo. Er verschweigt dabei nicht, daß Portugals Faschismus von allen westlichen Demokratien unterstützt und gefördert wurde.

Oliveira Marques scheut sich zudem nicht, darauf hinzuweisen, daß – wo immer soziale Bewegungen an die Macht kommen könnten – sich dort das wahre Wesen des demokratischen Kapitalismus zeigt. Mit dem Estado Novo wurden, wie seit über zwei Jahrzehnten in Afghanistan, die reaktionärsten Kräfte des Landes unterstützt.

Und es erstaunt dann auch nicht, daß am Sturz des portugiesischen Faschismus im Jahr 1974 die Militärs maßgeblich beteiligt waren, obwohl dieselben Militärs über vier Jahrzehnte lang den Estado Novo getragen hatten. Doch dieser war, in seiner Erstarrtheit, einfach nicht mehr zeitgemäß. Genausowenig überraschend ist dann aber auch, daß selbst in den 90er Jahren Elemente des Estado Novo selbstverständlicher Teil der portugiesischen Demokratie sind.

Wer mehr darüber wissen will, der oder dem ist das Buch Geschichte Portugals und des portugiesischen Weltreichs von Antonio Henrique de Oliveira Marques zu empfehlen. Der Autor hat mit rund 700 Seiten ein kompaktes Werk verfaßt, das alle wesentlichen Grundlagen der knapp 900–jährigen Geschichte Portugals enthält. Die deutsche Übersetzung ist im Alfred Kröner Verlag erschienen und kostet 24 Euro 60.

Abmoderation

Ein Beitrag von Walter Kuhl für Radio Darmstadt.
 

Moderation : Dirk Beutel (Montag)
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Diese Seite wurde zuletzt am 22. Mai 2005 aktualisiert.
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